Ich bin ein Radfahrer auf der Suche nach Antworten, nach denen niemand gefragt hat: Welcher Radweg hat die süßesten Gänse? Wo gibt es die lobbyistischsten Achterbahnen und die salzigsten Berge? Warum verläuft die Grenze ausgerechnet auf diesem Fluss - und wieso sollte ich sie auf keinen Fall in Jogginghose überqueren? Finden Sie es jetzt heraus! (Oder auch später, mein Geschreibsel läuft Ihnen ja nicht weg.)
09 April 2026
08 April 2026
Flöha: Von Hetzdorf nach Flöha
Warum also wurde so eine wichtige Bahnstrecke überhaupt stillgelegt? Die Antwort hierauf ist in der Ferne zu erkennen, und sie lautet: Wurde sie nicht. Also nicht richtig. 1992 war das Viadukt schon sehr marode, und so wurde die Strecke komplett neu geplant. Aus einer alten Brücke wurden zwei neue aus Stahlbeton, die über das Nebental und das Flöhatal führen und die Strecke so um einen Kilometer verkürzen.
Auf die sogenannte Hetzdorfer Bastei führen auch mehrere Wanderwege drauf, vom Viadukt aus war es nur ein kurzer Spaziergang nach oben. Die Aussichtsplattform zeigt das Bauwerk noch mal aus einem ganz andere Brückwinkel. Die chaotischen grauen Scharten des Felsens gucken aus dem Boden und versuchen halbherzig, den geneigten Wanderer ins Stolpern zu bringen. Optisch erinnert mich dieser Fels weniger an die Bastei an der Elbe, eher an die Loreley.
Der dazugehörige Bahnradweg ist nicht asphaltiert und eigentlich auch eher als Wanderweg gedacht, aber online als Radweg verzeichnet, denn der Platz auf dem breiten Weg reicht locker für sie. Blumentöpfe markieren die Eingänge, dazu ein Insektenhotel in Phallusform.
Dahinter verbergen sich schöne kleine Hohlwege mit zugewachsenen Steinwänden und einem weiteren kleinen Viadukt obendrüber. Die Strecke ist offiziell zwar nicht Teil des Flöha-Radwegs, aber definitiv zu empfehlen. Sie ist aber nicht besonders lang, denn irgendwann vereint sich die alte Bahntrasse wieder mit der neuen, die von den Betonbrücken kommt. Das dürfte auch der Grund sein, warum die Trasse und Viadukt noch immer relativ unbekannt sind.
Nach diesem kleinen Bahnbogen war ich auch schon wieder am Ufer der Flöha. Dort erklärt Falkenau den Radlern dann noch, was es außer Brückenbauen noch alles kann, und zwar anhand eines Bergbau-Memorys.
Danach konnte ich den stillen Fluss noch besser erkennen, obwohl ich über die Gleise hinwegsehen musste. Und gelegentlich über die Köpfe und Leinen von Hunden, die zu frühen Spaziergängern gehörten. Irgendwo an der Bahnlinie stand ein windschiefes, vergessenes Dixiklo, das prinzipiell noch durchaus benutzbar war, sofern man die Angst ablegt, in dem Teil auf die Gleise zu kippen.
Der Asphalt kehrte erst zurück, als ich die Wohnblocks, Parks und Parkplätze von Flöha umrundet habe.
Das ging sehr schnell, und so stand ich kurz darauf vor der Mündung und... durfte nicht weiter. Die komplette Hochwasserschutzanlage ist verboten. Und ich hielt mich sogar dran, weil ich ja auch von hier aus erkennen konnte, wie sich Flöha und Zschopau hinter einer grünen Grasspitze mit vier Bäumen ganz ohne großes Drama vermischen.
Für Geographen ist die Flöha nur ein Nebenfluss eines Nebenflusses eines Quellflusses eines Nebenflusses. Dabei ist sie ein bisschen größer als die Zschopau, und damit hydrologisch eigentlich der Hauptfluss - nicht nur der Zschopau, sondern von der kompletten Mulde. Und so ergibt auch das Wappen von Flöha viel mehr Sinn. Das zeigt nämlich die beiden Flüsse der Stadt, also quasi: Zwei Frauen mit silbernen Klamotten und goldenen Haaren, die gleich groß und Hand in Hand überquellende Wassereimer tragen.
07 April 2026
Flöha: Von Nové Město nach Hetzdorf
Wegbeschaffenheit: meist ruhige Nebenstraßen
- Online fand ich die Funktion zum Fahrradkartenkauf nicht. Der Schalter öffnete fünf Minuten vor Abfahrt des Zuges. Als ich den Bahnhofsnamen Mikulov-Nové Město nannte, fragte die Dame entgeistert: "Wo?"
- Der erste Zug hatte keine Fahrradabteile, das Rad stand im Vorraum vor den Türen möglichst so schräg, dass es niemanden störte.
- Beim Umsteigen in Ústí nad Labem galt es drei hohe Stufen und dann noch einen halben Meter Abgrund zu überwinden, bis irgendwo da unten irgendwann mal der Bahnsteig kam. Mit den schweren Packtaschen packte ich das nicht, verlor das Gleichgewicht und stürzte, landete aber immerhin weich auf besagten Packtaschen. Mein neues Rad landete weniger weich und verlor eine Speiche.
- Im zweiten Zug (Fahrtziel Moldava) kannte man den Bahnhofsnamen immerhin. "Ach da, ja, dann sag ich dem Lokführer Bescheid, dass er da kurz hinterm Tunnel anhält. Das ist ein Bedarfshalt, aber wir haben leider keine Knöpfe für so was." Die Tür zum Führerstand war stets offen, und der Lokführer plauderte angeregt mit der Schaffnerin und seinem per Telefon zugeschalteten Kumpel.
- Nach dem vertrauten Panorama des Elbtals tuckerten wir durch unscheinbare Ebenen voller Dörfer und Industriestädte, bis sich der Zug in die Wipfel des Erzgebirges hochschraubte. Urplötzlich öffnete sich auf einer Brücke ein unglaublicher Blick durch ein verwunschenes Tal bis hin zum fernen verwaschenen böhmischen Mittelgebirge, für eine Sekunde wähnte ich mich in einem südostasiatischen Regenwald. Nach jeder dieser Brücken folgte ein Tunnel, der eher an eine Mine erinnerte, anscheinend mit bogenförmigen Stützen aus Holz.
- Der Zug wurde langsamer und langsamer. Plötzlich stürzte die Schaffnerin den Gang runter und verscheuchte die Kinder einer Fahrradfamilie. "Tschuldigung, ich muss mal kurz an den Schrank hier. Nein, ich hab Quatsch erzählt, an den anderen Schrank!" Sie riss ihn auf, drehte irgendeinen Knopf und schaltete so offenbar irgendwie zusätzliche Energie für den Anstieg frei, gerade noch rechtzeitig, bevor die Bahn zum Stehen kam.
Ookay, aber kommen wir nun zum heutigen Fluss. Die Flöha entsteht nicht weit vom Bahnhof entfernt aus einem obskuren Torfmoor (auf Tschechisch rašelniště) mit dem internationalen Namen PR Grünwaldské vřesoviště. Es besteht aus Birken, Tannenbäumchen, grünem Gras und gelben Gras. An der ersten Stelle, die man betreten darf, ist die Flöha bereits zu einem stattlichen Bach angeschwollen. Der sumpfige Bereich ganz hinten, aus dem er kommt, heißt Tetřeví tokaniště. Auf einer felsigen Grundlage, die nirgendwo zu sehen ist, ist am Ende der letzten Eiszeit ein ebenso nasser wie lebendiger Lebensraum entstanden. 1989 (also quasi auch am Ende der letzten Eiszeit) wurde der geschützt, 2016 nochmal deutlich erweitert.
Der althoschdeutsche Name Flöha bedeutet fließen (wie bei jedem zweiten Fluss), waschen oder spülen (oh, das ist neu). Auf tschechisch heißt sie Fláje, am Anfang aber noch Flájský potok (Flöhabach). Den bekam ich erst mal nicht zu sehen, also kehrte ich von den Betonplatten zurück auf die Straße.
Und dort bot sich ein komplett anderes Bild, nämlich: Nichts.
Leere.
Na schön, manchmal waren auch die fernen Täler zu sehen, und einmal die Ruine eines Gutshauses. Aber es gab auf jeden Fall Zeiten, da sah ich nichts außer einer Kette absolut grüner, absolut leerer Hügel mit absolut nichts drauf außer Grashalmen und einer Linie Asphalt. So habe ich das tschechische Grenzgebirge noch nie erlebt. Nur ein Tal weiter entspringt die Freiberger Mulde, und da sieht die Landschaft ganz normal aus. Wie schnell sich so was ändern kann!
Mit einem Mal blitzt hinter den Nadeln eine große graue Fläche durch - nein, nicht der Himmel, sondern sein Spiegelbild in der vodní nádrž Fláje (vielleicht nach dem Fluss benannt, vielleicht aber auch nach dem gleichnamigen versunkenen Dorf).
Am Ende bekam ich den See auch noch in voller Breite zu sehen, als ich über die Staumauer geradelt bin. Bis 1966 litt die Region unter einer schlechten Organisationsstruktur der Wasserwirtschaft, in der jede politische Bezirk sein eigenes Ding drehte, Wassermangel und katastrophalen Hochwassern (auch wenn die an der Flöha ja eigentlich hauptsächlich auf die deutsche Seite gelaufen sein müssten). Die Lösung: Ab jetzt kümmerte sich der Staatsbetrieb Povodí Ohře um 23 Staudämme auf verschiedenen Nebenflüssen der Elbe.
Weil es an Beton mangelte, wurde die Mauer als Pfeilermauer gebaut. So spart man sich 30 Prozent des Betons, und zwischen den Pfeilern im Innern der Mauer stecken noch heute unsichtbare Hohlräume, geformt wie Kirchenschiffe, und ähnlich groß. Das klingt zwar erst mal nach sozialistischem Pfusch, aber das Vorbild war hier die Schweizer Staumauer Lucendro (Typ Noetzli), die schon 1947 so gebaut wurde und noch immer hält.
Heute ist der See hauptsächlich dafür zuständig, eine große Region bis hin zu Ústí an der Elbe mit Trinkwasser zu versorgen. Das erklärt dann wohl, warum ich bisher nicht ans Ufer randurfte. Das Wasser hat eine besonders gute Qualität und wird ständig geprüft, versichert ein Schild, gefolgt von dem eigenartigen Hinweis: Sollten Sie also an das öffentliche Trinkwassernetz angeschlossen sein, müssen Sie sich sinngemäß keine Sorgen machen.
Die Grenzbrücke über die Flöha (hinten) ist eher unscheinbar, aber kurz davor macht die Grenze doch noch mal auf sich aufmerksam.
KAUFHAU GEMISCHTE WARE - SCHUHE - RUCKSACK - KLEIDUNG - ZIGARETTEN - ALKOHOL - GETRÄNKE - SÜß WAREN alles zu einem super guten Preis
Bisher kannte ich solche Texte eher von der polnischen Grenze, die
tschechische war da an den Stellen, die ich befahren habe, immer
deutlich zurückhaltender. Für meinen Bedarf bot dieser absolut seriöse Laden nur die letzte Kofola und ungesunde Snacks wie Erdnüsse in Teigmänteln mit Käse- und Bacongeschmack.
Auf deutscher Seite folgt gleich der nächste Stausee - eine sehr ausladende Brücke mit roten Geländern schlängelt sich über der Talsperre Rauschenbach dahin. Leere Landschaften, die eigentlich nicht viel enthalten und trotzdem den Blick fangen - das kann die Flöha.
Die Staumauer ist dann eher unauffällig und darf nicht betreten werden.
Danach ist das Flöhatal noch immer eine sehr breite und eher unscheinbare Angelegenheit. Jemand hat die immergleichen Wiesen von der Hochebene am Anfang genommen und zwischen den immergleichen Wäldern ausgerollt.
Die Dörfer und Vorgärten sehen aber oft richtig schön aus, und es macht alles einen idyllischen Eindruck - nur eben nicht den Eindruck einer Landschaft, die man zwingend gesehen haben muss.
In den örtlichen Weihnachtspyramiden sind alle Verkehrsteilnehmer vertreten, auch die Radfahrer,
Ab Hirschberg gibt es Bahngleise, und ab Olbernhau-Grünthal sogar Bahngleise, auf denen Bahnen fahren. Auf den Bergen und in den Innenstädten verstecken sich weiße Türme von Kirchen oder Schlössern, manche sogar noch in einer annähernd böhmischen Zwiebelform.
Dann beging ich einen Fehler. Auf einem kurzen Abschnitt gab es im Tal weder Straße noch Radweg. Der Flöhatalradweg leitete mich aus dem Tal raus, hinauf zur dritten Talsperre Saidenbach, an der ein Nebenfluss gestaut wird. Ich hatte aber langsam genug von Stauseen und Steigungen, darum kam ich auf die grandiose Idee, ob ich mich nicht auf dem Wanderweg trotzdem irgendwie durch das Tal mogeln könnte, der läuft auf der Karte ja schließlich mehr oder weniger parallel zu den Höhenlinien, also meistens.
Großer Blödsinn. Ich fluchte und hievte mich die Camelbacks dieses schmierigen grauen Pfades rauf und runter, und sparte dabei im Vergleich zur offiziellen Route eindeutig weder Zeit noch Kraft ein.
Der Rest der Route gab sich dann aber alle Mühe, um das auszugleichen. Endlich erkannte ich doch noch ein paar Parallelen zur parallelen Freiberger Mulde, denn jetzt durfte ich häufig zwischen Felswand und Fluss radeln, oft auf Nebenstraßen, manchmal auch auf eigenen Radwegen. Auf einer Insel im Fluss stand eine Reparaturstation mit Werkzeug an Drahtseilen, die ganz unkompliziert von einer Infotafel baumelten. Ich kam vorbei an alten Industriegebäuden und einer perfekten Schutzhütte und bedauerte fast, dass es noch nicht Abend war.
Verweile doch... mit diesen Worten lud mich ein internationales Kunstprojekt auf eine Reihe deutsch-tschechischer Bänke ein. Die Künstler haben die Bänke mit einem Schachbrett in der Mitte oder auch mit irgendeinem undefinierbaren Korallen-Dingsbums ausgestattet, aber alle hatten anscheinend die Vorgabe bekommen: Bitte in möglichst hässlichem Beton. Nur eine Holzbank ein paar Kilometer weiter widersetzt sich dieser Regel, und passenderweise sind in das Holz die Worte Ich mach mein Ding eingraviert.
Tierisches Fatshaming betreibt dieser Bauernhof: Den Esel Carlos und das Zwergzebu Inora soll man bitte nicht füttern, denn wir sind schon ziemlich dick!
Die Strecke wurde immer flacher und angenehmer, aber auch die Felswände zogen allmählich wieder zurück. Nur noch ein einzelner Stein hielt im Fluss wacker die Stellung. Und ließ damit völlig offen, was für ein Anblick mich wohl hinter der nächsten Biegung erwartete.
06 April 2026
Zschopau: Von Flöha nach Limmritz
So, heute beende ich endlich die Zschopau. Die Berge sind doch schon niedriger geworden, also wird es wieder etwas leichter, oder?
Nope, es bleibt steil. An dieser Stelle sogar so steil bergab, dass ich befürchtete, mein Hinterrad würde gleich von der Fahrbahn abheben und mein Vorderrad über meinen Kopf hinweg überholen. Mit anderen Worten: Ich war kurz davor, tatsächlich auf das Radfahrer-absteigen-Schild zu hören.
Die sehr steilen Kleingärten haben eigene Standseilbahnen, um Dinge in ihre Lauben zu transportieren.
Der Purple Path ist eine Freiluftgalerie, für die sogar großflächig auf der Erzgebirgsbahn geworben wird und die ganz stark an den Vechtetalradweg erinnert. Nicht nur wegen des Kunstwerks, sondern vor allem wegen der riesigen lila Säulen, welche lang und breit die Bedeutung des Werks erklären.
Das Floating Home von Karolin Schwab ist eine Immobilie, die im Dach, den Wänden und besonders im Boden einige undichte Stellen aufweist, und so ist es kein Wunder, dass sich im Keller ein massiver Wasserschaden gebildet hat. Aber dafür sollen sich zwischen den roten Vierkantrohren im Laufe der Jahreszeiten immer neue Aussichten bilden. Andere Kunstwerke habe ich nicht gesehen, wahrscheinlich verläuft der Purple Path größtenteils doch woanders.
Auch ein kleiner Fluss wie die Zschopau wird manchmal mit Fischtreppen ausgestattet, die sogar hübscher aussehen als bei so manchem großen Fluss.
Dieser Garten verfügt über einen besonders kuriosen Schilderwald. Als einfaches Mittel der Distanzierung wurde das DDR-Schild kopfüber angenagelt. Nebenan hatte jemand mit Edding hinten auf ein stark zerbeultes Auto die Worte AMG Stauanfang - Unfall? gekritzelt.
...ein ungewöhnlich schönes Stauwehr...
...und schließlich die Burg Kriebstein, die sicherlich beeindruckendste Burg an der Zschopau.
Ganz zum Schluss kam dann unerwartet doch noch etwas, das mehr oder weniger nach einer richtigen Stadt aussah, und zwar sogar nach einer schönen. In der Altstadt von Waldheim gab es zwar keine Supermärkte, die standen beide weit außerhalb, aber zumindest einen Rossmann, der 1-Liter-Getränkeflaschen verkaufte.
Noch ein letzter Anstieg, und dann kam auch schon das Tal der Freiberger Mulde bei Döbeln in Sicht. Der nächste Bahnhof liegt in Limmritz. Bleibt nur noch die Frage, ob von der Mündung da unten mehr zu sehen ist als zwei Täler, die aufeinander stoßen. Und ob ich, falls ich da ganz nach unten fahre, noch rechtzeitig wieder hoch zum Bahnhof komme für den nächsten Zug.
Die Antwort auf beide Fragen lautete: Ja. Ich musste mich nicht mal auf den wilden Pfad am Ufer bemühen, schon von der Bundesstraßen-Brücke aus war der Zusammenfluss zu erkennen. Oder? Jup, die beiden fließen laut Karte schon vor der Eisenbahnbrücke zusammen, also muss es die Stelle da auf dem Bild sein.
















































