10 Mai 2026

Moldau: Von Radíč nach Prag

VI. Die Städtetrip-Moldau

Der nächste Tag begann mit einer ernüchternden Nachricht: Am

Stausee Nr. 6: vodní nádrž Slapy

ist die Staumauer wegen Bauarbeiten gesperrt. Eigentlich sollte ich dort über die Mauer fahren und so die Abfahrt von der Moldau-Kaskade und dem Südböhmischen Hügelland triumphal zum Abschluss bringen. Verflixt, aber immerhin habe ich es rechtzeitig online gesehen. Hier muss es doch noch irgendwo eine andere Brücke geben. Gab es auch, und so bekam ich den letzten großen Stausee zumindest zu Gesicht. Von der hohen Betonbrücke sah ich jede Menge Wald, Felswände setzt dieser See etwas dezenter ein. Der Blick hat mich an den Rappbode-Stausee im Harz erinnert. In dem Wasser da unten stecken zehn Dörfer drin.
Obwohl die Brücke so hoch über dem See verläuft, ist sie immer noch ziemlich tief. Und das heißt: Ich musste jetzt wieder ziemlich hoch - all die Höhenmeter, die ich gerade runtergerast war.

Dort stieß ich überraschenderweise wieder auf Wegweiser. Die haben sich ja lange nicht blicken lassen! Die Beschilderung als Nr. 7 lief anscheinend schon eine ganze Weile am linken Ufer, nun hatte ich sie wiedergefunden. Und missachtete sie direkt, denn auf der ausgeschilderten Straße war auch irgendwas gesperrt, zudem sah sie auch viel länger und zickzackiger aus. Ich folgte der größeren Straße noch ein Stückchen weiter und hangelte mich schwitzend von Dorf zu Dorf.

Achtung, niedriger Füllstand, Kofola ist fast leer!
Zum Glück ist die Versorgung mit Lebensmitteln im Mittelböhmischen Hügelland gar nicht so schlecht, anders als in der Šumava konnte ich immer problemlos was nachkaufen. Gestern hatten mich zwei sächsische Radreisende verwirrt, indem sie sich über die schlechte Versorgungslage beschwerten. (Aus irgendeinem Grund sind alle Fernradler auf dieser Strecke ausschließlich bikepackende Sachsen auf dem Weg nach Italien.) Erst ein paar Kilometer später wurde meinem überhitzten Schädel klar: Die konnten die Supermärkte gar nicht erkennen. Die Dorfläden hatten keine sichtbaren Logos irgendwelcher Ketten, und ein unscheinbarer blassgelber Quader mit der Aufschrift Potraviny a rybařské potřeby ("Lebensmittel und Fischereibedarf") oder Potraviny a zahrada ("Lebensmittel und Garten") sagt dem durchschnittlichen Deutschen vermutlich nichts. Es tat mir leid, dass ich zu langsam geschaltet hatte und das den Sachsenradlern nicht persönlich sagen konnte, aber zumindest an alle Leser ergeht der Hinweis, sich für eine Radreise durch Tschechien das lebensmittelwichtige Wort Potraviny gut einzuprägen.
Gegenüber von den Topfpflanzen des Gärtnerei-Supermarkts befand sich ein Arrangement aus Maibaum, Hexe auf dem Besen und Plastikstorch, dahinter das Ballon- und Moldaumuseum. Diese kuriose Themenkombination hat mich gleich angezogen, leider war es auch geschlossen.

Die Strecke wurde flacher, es tauchten begleitende Radwege auf, und ich umrundete ich die Ortschaft Slapy, die der Talsperre ihren Namen geliehen hatte. Von der Moldau war hier oben null zu sehen.

Und endlich kam ich erleichtert oben am Waldrand von Slapy an und kaufte mir an einer halb baustelligen, halb abgeranzten Tankstelle einen Tee.
Geschafft. Jetzt liegt das Steilste hinter mir.
Und vor mir die Belohnung: Eine vergnügliche Sause auf dem Waldweg, immer runter durch das grüne Tal der Královka,...

...die dann in die Kocába mündet. In ihrem abgeschiedenen Tal leben wieder Menschen, auch wenn die Kocába es ihnen nicht leicht macht. Wer mit seinem PKW zu Hause einparken möchte, muss das Auto zuerst durch die Kocába furten, was bestimmt schon zu interessanten Gesprächen mit der Versicherung geführt hat. ("Sie wollten also nur auf Ihrem Privatgrundstück einparken, und dabei ist was passiert?" - "Sagte ich doch schon, ich wurde den Wasserfall runtergeschwemmt.")
Wie ich erst später gesehen habe, gibt es in diesem Tal sogar noch eine weitere Methode des Wildcampings im weiteren Sinne: Ein Grundstück ist auf der Website 1NiteTent eingetragen.

Sodann bin ich in Štěchovice rausgekommen. Die Moldau wird vor dem Ort noch ein letztes Mal gestaut, der

Stausee Nr. 7: vodní nádrž Štěchovice

puffert den großen Slapy-Stausee ab, ist aber auf dem Moldau-Radweg (egal, auf welcher Route) gar nicht zu sehen. In diesem Stausee versanken die gefürchteten St.-Johann-Stromschnellen, die im chaotischsten und dramatischsten Teil von Smetanas Moldau zu hören sind. Einige beklagen sich ja, durch die Stauseen sei die sinfonische Dichtung gar nicht mehr aktuell, weil die Moldau nun völlig anders aussehe. Aber ich finde, die Weite, die darin anklingt, passt auch erstaunlich gut zu den fjordartigen Seen, die zwar anders sind als ein enges Flusstal, aber deswegen nicht automatisch weniger schön. Und bei der St.-Johann-Passage muss ich sowieso unweigerlich ans Paddeln durch die Floßgassen denken.
Schade ist nur, dass ich die Nymphen aus dem Musikstück nicht gesehen habe. In welcher Talsperre die wohl versunken sind?

Statt Stausee oder Stromschnellen habe ich jedenfalls nur die Dr.-Edvard-Beneš-Brücke gesehen, benannt nach dem umstrittenen sozialistischen Politiker in der kurzen Phase zwischen Zweitem Weltkrieg und endgültiger sowjetischer Kontrolle. Sie war die erste große Stahlbetonbrücke der Tschechoslowakei.
So. Jetzt bin ich raus aus dem stillen Mittelböhmischen Hügelland und mittendrin im Prager Einzugsgebiet. Das bedeutet, an dieser Straße gibt's fast alles, auch Medizin in zwei Formen: Köstliches Gulasch aus der Gaststätte und Halsschmerztabletten aus der Apotheke.

Das bedeutet aber nicht, dass die Berge vorbei sind. Im Gegenteil, die legen sich vor der Hauptstadt nochmal richtig ins Zeug und präsentieren felsige Zacken, die sogar die am Orlík-Stausee übertreffen. Und eigentlich müsste ich da rüber.
Ich wollte aber nicht und vollführte meinen üblichen Schachzug, Steigungen auf der Straße unten im Tal zu umgehen. Diesmal war der Schachzug aber ein gutes Stück gefährlicher. Denn Prager Einzugsgebiet bedeutet eben auch: Die Straße wurde stärker und schneller benutzt. Und wie sie benutzt wurde! Der Seitenstreifen war leider auch gerade so zu schmal für mein Rad mit Taschen. Aber für ein paar Kilometer war auch das zu verschmerzen.

 

Auf diesen paar Kilometern kommen noch zwei wichtige Nebenflüsse dazu: Aus dem Osten die Sazava (Sasau), deren Einzugsgebiet in der Gamingszene unerwartete Bekanntheit erlangte, und aus dem Westen die Berounka, deren größte Stadt in der Bierszene bekanntlich schon lange bekannt ist: Beroun. Nein, Spaß, gemeint ist natürlich Plzeň (Pilsen). Unser Paddelpastor hat auch einmal eine Paddelreise auf der Sazava organisiert. Da war ich nicht dabei, aber den Berichten zufolge war dieses Flusstal eher grün, ruhig und langweilig, gar kein Vergleich zur Moldau. Auf der Berounka war auch einmal eine Reise geplant, musste aber wegen Niedrigwasser auf die Moldau verlegt werden.

So, inzwischen soll das andere Ufer einen Radweg haben, wie komme ich da rüber? Hier sollte eine Fähre sein... aber wo denn, hier ist doch gar kein Platz hinter der Leitplanke? Ich fand sie nicht und musste noch weiter bis zur Brücke in Zbraslav. (So hieß der Sohn vom heiligen König Václav mit einer Nebenfrau - ich wusste gar nicht, dass Heilige mehrere Frauen haben dürfen.)


Erst dann wurde die Stadteinfahrt richtig angenehm. Kaum beginnt das Stadtgebiet, hat Prag auch schon einen breiten Radweg mit Parkbänken, Spielplätzen und Sportanlagen angelegt. Einmal musste ich einem Hafenbecken ausweichen, sonst brachte der mir sehr zielstrebig in die Hauptstadt.

Unter dieser Felslandschaft bot sich ein absolut seltener Anblick: Eine evangelische Kirche in Tschechien.

Straße und Straßenbahn rückten heran, aus dem Park wurde ein zerrupfter Grünstreifen, und die Berge zogen sich auch ein wenig zurück. Auf dem letzten Felsen steht aber noch ein Stück Geschichte und der letzte Teil  der Moldau-Sinfonie, zu dem Smetana auch gleich noch ein eigenes Musikstück komponiert hat und nach dem ein ganzes Stadtviertel benannt wurde: Vyšehrad ("Höherburg").

Prag heißt ja eigentlich Praha, und das übersetzt der Atlas der Wahren Namen mit Schwellen. Um das zu verstehen, müssen wir den Bereich der gesicherten Geschichtsschreibung verlassen und ins Reich der Sagen vordringen, in eine Zeit, als die heidnischen Tschechen ohne Städte und Gesetz wie unverständige Tiere in Stämmen herumliefen und sogar die Frauen die Dreistigkeit besaßen, sich eigene Anführerinnen zu wählen. Erst eine Seuche brachte sie zum Umdenken. (Eigentlich beschleunigt gerade der sesshafte Lebensstil Infektionskrankheiten, aber das verschweigt die Přemyslíden-Propaganda.)
In dieser Zeit lebte Libuše, Wahrsagerin, Tochter eines Richters, selber Richterin (wie auch immer das gehen soll ohne Gesetz) und Nachfahrin von Urvater Čech, der die Menschen überhaupt erst in dieses Land geführt hatte. Eines Tages war ein Mann mit einem Urteil nicht einverstanden und weigerte sich, einer Frau zu gehorchen. Libuše warnte die Menschen, sie würden ihre Freiheit einbüßen und es bereuen, wenn sie einen Mann als Herrscher hätten. Weil die Leute aber auf einem Herrscher bestanden, konzentrierte sie ihre wahrsagerischen Kräfte und hatte eine Vision - angeblich genau auf dem dunkelgrauen Felsen, der jetzt über mir aufragte. Und sie ignorierte Helmut Schmidts Ratschlag "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen", ihr Motto war eher "Wer Visionen hat, sollte allen anderen präzise Anweisungen zu deren Umsetzung geben".
Darum verriet sie den Zuschauern, dass sie auf einem bestimmten Feld einen Mann namens Přemysl finden, der die ganze Zeit nur pflügt. Der würde ihr Ehemann und künftiger Herrscher werden und ihr außerdem eine Türschwelle (prah) zimmern für eine Stadt, deren Ruhm bis zu den Sternen reicht. Přemysl der Pflüger wurde erfolgreich gefunden und der erste böhmische König. Er gründete, ausgehend von der Türschwelle, die Stadt Praha und machte brav alles wie prophezeit.
Zumindest bis seine Frau starb - danach unterwarf er im Mägdekrieg alle Frauen und das Patriarchat ging los. Kriegsauslöser war offenbar, dass die Frauen unverschämterweise eine eigene "Mädchenburg" gebaut hatten. Die Männer bauten daraufhin ihre eigene Gegenburg namens Chrasten.
Und hier kommen wir wieder in den historisch belegten Bereich, denn genau das war ursprünglich der Name der Festung Vyšehrad, die jetzt auf dem visionären Felsen steht. Vyšehrad war tatsächlich die zweite Burg der Přemyslíden-Könige und stammt aus dem 10. Jahrhundert - nicht so alt wie eine durchschnittliche italienische Stadt, aber immer noch älter als alle deutschen Städte, in denen ich je gewohnt habe. Natürlich kann man sich ausrechnen, wie viel da vom Original noch übrig ist, zumal das Ding mehrmals geschleift wurde. Der Vyšehrad ist heute im Prinzip ein Park und eine Kirche, umgeben von breiten Festungsmauern, die eher nachmittelalterlich aussehen und nach einem Angriff durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg hochgezogen wurden.

Trotzdem verströmt die Anlage noch immer ein gewisses Alter, was auch an der Lage auf den zerklüfteten Felsen liegen mag. Dass sie trotzdem jünger ist als die Prager Burg/Hradčany im Stadtzentrum, mag man jedenfalls kaum glauben, wenn man die beiden vergleicht.
1904 bekam die Burg einen neuen Bestandteil, also quasi: Der Vyšehrad-Tunnel wurde in den Fels gebohrt und mit einem schicken Burgtor versehen. Statt eines Umwegs aus Respekt vor der Geschichte können sich nun alle Verkehrsteilnehmer inklusive Straßenbahnen durch dieses malerische Nadelöhr zwängen.

Ja, in Prag rücken die Berge dem Stadtzentrum viel näher auf die Pelle als in Wien oder Budapest. Wenn so eine Stadt wächst, ist es bestimmt nicht leicht, Wohnraum zu schaffen und anzubinden. Aber am anderen Ufer ist zu sehen, wie das im neuen Prag gehandhabt wird - mit teils begrünten Wohnblockvierteln, U-Bahnen, Straßen und Straßenbahnen, die auf verschnörkelten Brücken selbst die stärksten Anstiege meistern. Die Stadt zeigt hier eine saubere und moderne Seite.

Am Fluss bin ich nun eine Etage tiefer gewechselt, wo eine Art Hafenpromenade beginnt. Auch hier darf Rad gefahren werden, es ist aber etwas tricky: Im Kopfsteinpflaster verliefen zwei Bänder aus glattem Stein, und natürlich wollten die Fußgänger, denen das doch eigentlich egal sein konnte, am liebsten auf denen laufen. Am Ufer sind stählerne Lastschiffe angekettet, ob die noch fahren oder nur dekorieren, ist unklar. Über der braunen Sandsteinmauer verläuft die Straße, und in der Mauer klaffen große kreisrunde Löcher. Irgendwelche Startup-Hipster haben dort Geschäfte und Bars reingebaut, und zwar indem sie einfach die komplette Öffnung mit einer runden Glasscheibe verschlossen haben, die sich aufdrehen lässt. Okay, das ist auf jeden Fall ein Blickfang, aber wie zur Hölle machen die das bei Sturm und in der kalten Jahreszeit mit dem Heizen?

Inzwischen war ich im Nové Město (Neustadt) angekommen. Wie in alten Städten üblich, ist die Neustadt jetzt nicht im engeren Sinne neu - mit anderen Worten: von 1348. Die hat der deutsch-tschechisch-römische Kaiser Karl IV. gegründet, ursprünglich als eine von vier unabhängigen Städten, die sich später zu Prag zusammenschlossen. Karl IV. war ein Luxemburger, denn die hatten die Přemyslíden durch Einheiraten abgelöst. Seine wichtigste Leistung für der Stadt war aber wohl nicht die Neustadt, sondern die Gründung der ersten Uni nördlich der Alpen.
So wie 1348 sieht die Neustadt längst nicht mehr aus. Die ganzen Barockbauten in Tschechien sind alle das Ergebnis der österreichisch-ungarischen Besatzung und waren anfangs eigentlich Fremdkörper in der Stadt - heute dagegen denkt bei dem Namen Prag jeder an diesen Stil. Das vielleicht bekannteste Gebäude der Neustadt ist aber noch neuer. Mit dem Tančicí dům (Tanzenden Haus) soll ein gemischtgeschlechtliches Tanzpaar dargestellt werden (links). Die Frau im Glaskleid schmiegt sich an den Mann, überragt ihn aber auch um einen Kopf bzw. eine Stahlkugel. So ganz scheint die Frage, wer die Hosen anhat, auch nach dem Mägdekrieg noch nicht ausgefochten zu sein.

Auch in Tschechien ist die Frage, wie man den knappen Raum in der Großstadt auf alle Verkehrsteilnehmer verteilt, ein zunehmend polarisierendes Thema. Und enger als in dieser beklemmenden Straßenschlucht mit Tunnel wird es heute nicht mehr. Da braucht es kreative Kompromisse, mit denen alle Verkehrsteilnehmer unglücklich sind, zum Beispiele diese halbverblassten, auf die Straße gepinselten Fahrradsymbole.

Diese Straßenschlucht umkurvt nämlich das touristische Herz der Altstadt an der Karlsbrücke und die bekannteste Stelle der Moldau, die sich kurz vor ihrer bekanntesten Stelle noch breiter auffächert. Damit es vor diesem Panorama auch ein bisschen nasse Geräuschkulisse gibt, rauscht ein Teil von ihr durch die Gitter eines Stauwehres (absolut unnötig, in den Selfies hört man das eh nicht und in den Reels übertönt es bloß die Stimmen der Sprecher).
Denn der wichtigste Verkehrsteilnehmer ist natürlich der touristische Fußgänger, der aus der Altstadt kommend in Horden auf die Brücke zudrängelt.
Damit wäre ich dann endgültig in der Hauptstadt angekommen.

Die letzten Male in einer Hauptstadt habe ich mir ja günstige Massenhostels gebucht, aber in Prag habe ich davon lieber Abstand genommen. Erstens ist Prag gerade bei der Zielgruppe dieser Unterkünfte als Party- und Destillationsdestination bekannt und zweitens brauchte ich einen Raum zum Ausschlafen und -kurieren, was sich mit der Geräuschkulisse der gerade erwähnten Form des Tourismus nicht wirklich verträgt. Kein Problem, im Mai waren auch noch spontan günstige Einzelzimmer mit Frühstück verfügbar, und auf eins davon verzog ich mich. Ende.

 


 

Moment. Was ist denn jetzt mit Karlsbrücke & Co.? Soll das etwa alles zu Prag gewesen sein?
Ehrlich gesagt geht mir der Hype um diese Stadt ein wenig auf den Keks. Oft genug habe ich im Gespräch mit Deutschen schon anhören müssen:
"Ah ja, Tschechien, ich war ja letztes Jahr auch wieder in Prag."
"Und warst du auch mal woanders als in Prag?"
"Wie woanders? Gibt es etwa noch andere Orte in Tschechien?!"
Ich habe ohne Witz mindestens zwei Bücher gesehen, die sich laut dem Titel mit Tschechien befassten, aber innendrin nie über die Prager Stadtgrenzen hinauskamen. Und das ärgert mich irgendwie, denn das hat kaum etwas mit dem Tschechien zu tun, das ich kenne. Tschechien ist deutlich weniger urbanisiert als Deutschland, ein Land der Kleinstädte und Großdörfer mit aktivem Gemeindeleben, in dem eine Metropole wie Prag die Ausnahme ist. Außerdem waren die Prager lange für ihre Unfreundlichkeit bekannt, nicht ganz zu Unrecht. Das hat sich mit dem Generationswechsel und den politischen Umbrüchen aber verschoben. Wie auch anderswo in Europa wurde die Hauptstadt jünger und zu einer Bastion gegen die Neurechten.
Wie auch immer, der Vollständigkeit halber also hier meine alte Anleitung

Wie man Prag an einem halben Tag anschaut

Sie möchten die Sehenswürdigkeiten der Weltstadt Prag, die eigentlich Praha heißt, sehen, haben aber nur einen halben Tag Zeit? Kein Problem. Folgen Sie einfach dieser absolut todsicheren Anleitung. Es wird garantiert gar nichts schiefgehen. Sie sehen das Wichtigste und können allen sagen, dass Sie in Prag gewesen sind.

Abschnitt 1:
Steigen Sie aus dem Zug. Wenden Sie sich in der Bahnhofshalle nach rechts und probieren Sie in dem Restaurant rechts des Haupteingangs (falls es das noch gibt) Knödel in allen Varianten, die sind super. Sie haben keinen Hunger? Egal, trotzdem. Verlassen Sie dann den Hauptbahnhof gehen Sie nach links in Richtung Václavské Náměstí (Wenzelsplatz). Falls Sie merken sollten, dass Sie ihre Verpflegung vergessen haben, ist es sinnvoll, sich jetzt schon in dem kleinen Laden mit der netten asiatischen Verkäuferin einzudecken, denn später wird es sehr, sehr teuer.

Falls Sie sich mit jemandem verabredet haben, warten Sie unter dem Schwanz vom Pferd der Statue des Heiligen Václav (Wenzel), dem frommen König, der von seinem Bruder ermordet wurde. Prager treffen sich immer "unterm Schwanz". Das ist quasi deren Weltzeituhr.


Gehen Sie ins riesige Nationalmuseum an der Stirnseite des Platzes und bewundern Sie das ausgestopfte Mammut in der Eingangshalle. Aber nicht zu lange bitte! Um alle Präparate in den endlosen Vitrinen anzugucken und die Mutter des Mammuts zu finden, bräuchten Sie einen halben bis ganzen Tag.


Wenden Sie sich nach rechts und folgen Sie dem Wenzelsplatz auf dem breiten Fußgängerstreifen zwischen den Fahrbahnen. Stellen Sie fest: Dieser Platz ist wirklich sehr, sehr lang. Gehen Sie vorbei an Grünanlagen mit eckigen Hecken und am Tram-Cafe in einer historischen Straßenbahn und wenden Sie sich am Ende des Platzes nach schräg rechts.


Abschnitt 2:
Beeilung jetzt! Sie müssen zur vollen Stunde auf dem Staroměstské Náměstí (Altstädter Markt) sein, wo die Aposteluhr am Rathaus schlägt. Verrenken sie sich in einer riesigen Menschenmenge den Hals, um auch die kleinen drehenden Figürchen zu erkennen. Ignorieren sie nach Möglichkeit das Baugerüst. Passen Sie auf Taschendiebe auf!

Bei der Gelegenheit können Sie auch noch einen Blick auf das exorbitant große Denkmal werfen. Ist das für die Befreiung von den Sowjets? Nein, für den Reformator Jan Hus, also auch etwas mit Widerstand.

Abschnitt 3:
Gehen Sie als nächstes zur Karlsbrücke. Laufen Sie dabei in die komplett falsche Richtung bis zum Pulverturm, kehren Sie dort um und irren Sie noch eine Weile durch die Straßen.


Finden Sie irgendwann zurück zum Rathaus und schlagen Sie diesmal die richtige, genau entgegengesetzte Richtung ein. Streifen Sie durch einige Gassen und Durchgänge, immer geradeaus. Ignorieren Sie die über und über mit Schlüsselanhängern und Magneten behängten Souvenirläden, die aus irgendeinem Grund alle gleich aussehen.
Kurze Zeit später stehen Sie auch schon auf dem Karlův most (Karlsbrücke).

Wie, Sie wollen nicht nur die Standard-Sehenswürdigkeiten sehen, sondern auch was anderes? Oho, der feine Herr will es wohl intellektueller. Gut, dann schauen Sie eben im Smetana-Museum. Das ist versteckt in der hintersten Ecke der Halbinsel, auf der die Karlsbrücke beginnt, hinter den ganzen Restaurants, und das heißt, Sie sind der einzige, der sich dahin verirrt. Der Standort ist perfekt für den Mann, denn hinter den offenen Fenstern rauscht sein bekanntestes Werk vorbei. Als er das geschrieben hat, war er schon zu taub, um die Moldau (weder den Fluss noch seine Musik) zu hören. Er auch die Libuše-Sage veropert und insgesamt seinen Ton dazu beigetragen, dass die Idee einer tschechischen Nation die dreihundertjährige österreichische Besatzung überlebte.
Falls Sie aber hoffen, hier einen Überblick über das Leben und Werk des Mannes zu bekommen,  muss ich Sie enttäuschen. Das ist kein Anfängermuseum - erst mal zeigen Sie gefälligst, was Sie schon über den Komponisten wissen! Erraten Sie bei dem Spiel auf dem Display, welche Oper Smetanas abgespielt wird. Lernen Sie dann anhand zahlreicher Originaldokumente Nischenwissen über die Bühnenbilder seiner Opern oder zusammenhanglos platzierte Orte seines Lebens. Aha, er war also in Göteborg, aber wieso? (Als politischer Flüchling vor dem österreichischen Absolutismus.)

Überqueren Sie nun die Karlsbrücke. Gucken Sie sich die Moldau an. Kaufen Sie die Bilder und der Straßenkünstler, oder auch nicht. Halten Sie Ihre Kinder vergeblich davon ab, ihr Taschengeld für bemalte Glassteine auszugeben.


Ganz wichtig: Begrapschen Sie den heiligen Nepomuk!
Und dann weiter, Sie müssen ja noch hinauf zur Burg (im Hintergrund).


Abschnitt 4:
Überqueren Sie am anderen Ufer den Marktplatz das Malostranské Náměstí (Kleinseiten-Marktplatz). Die sogenannte kleine Seite war in erster Linie die feine Seite, bewundern Sie die vornehmen Bürgerhäuser der einstigen Elite.

 

Steigen Sie dann eine sehr lange Treppe hoch. Stellen Sie fest: Die Kleine Seite ist nicht nur klein, sondern auch hoch. Machen Sie Fotos und genießen Sie den Blick auf das Häusermeer, nicht zu lange natürlich.



Passieren Sie eine Flughafenkontrolle. Sollten Sie zufällig einen terroristischen Anschlag auf den tschechischen Präsidenten planen, ist es ratsam, hier umzukehren, wenn Sie nicht gefasst werden wollen. Betreten Sie die Prager Burg Hradčany, die gleichzeitig auch ihrem Stadtteil den Namen gegeben hat. Sie besteht aus riesigen, gelbweißen und rechteckigen Innenhöfen und hat so gar nichts mit den klassischen Burgen an der Moldau gemein.


In einem der Höfe steht die Katedrála svatého Víta (Veitsdom). Versuchen Sie vergeblich, sie ganz auf ein Foto zu bekommen. Dieser gotische Dom ist absurd riesig und wirkt wie ein Fremdkörper. Was sie ursprünglich auch war. Es war der Heilige Václav vom Wenzelsplatz am Anfang, der hier als erster eine Kirche anstelle eines heidnischen Heiligtums platziert hat, als das tschechische Christentum noch am Anfang stand und nur beim Adel verbreitet war.


Posieren Sie mit einem Wachsoldaten. Machen Sie sich je nach Belieben lustig über ihn oder haben Sie ein wenig Angst. Diesen starren Wächtern fehlt die Bärenfellmütze, dies kompensieren sie teilweise mit Schnauzbärten.


Durchstreifen Sie die Burg. Benutzen Sie eine Navigationsapp, wenn Sie den versteckten Zugang zur Zlatá Ulička (Goldenes Gässchen) finden möchten. Gehen Sie da am besten zwischen 17 und 18 Uhr rein. Dann muss man keinen Eintritt mehr bezahlen, es haben aber trotzdem vielleicht noch manche der Shops und Minimuseen offen. Es ist noch vor 17 Uhr? Dann überlegen Sie halt, ob ihnen die Fachwerk- und Alchemistengasse den frechen Preis wert ist. Falls Sie ein armer Zeitreisender aus dem 19. Jahrhundert sein sollten, schütteln Sie den Kopf, dass man an der heruntergekommenen Absteige, in der sie damals hausen mussten, jetzt nur für das Betreten und Anschauen der Straße Geld bezahlen muss.


Gucken Sie sich die Stadt dann zusammenfassend noch einmal schön von oben an - falls Sie es schaffen, ein paar andere Touristen von dieser Mauer wegzudrängen. So sehen Sie dann auch gleich alle anderen Sehenswürdigkeiten, die Sie nicht geschafft haben.


Steigen Sie anschließend wieder so eine ewig lange Treppe hinab, danach eine ewig lange Rolltreppe, dann in die U-Bahn, die Sie wieder zurück zum Hauptbahnhof bringt. Oder woandershin, falls Sie merken, dass Sie nach diesem schnellen Ritt sogar noch Zeit übrig haben.
Achten Sie darauf, dass Sie wirklich das richtige Ticket kaufen, denn die vergilbten Schilder neben den Knöpfen zeigen nicht zwingend das richtige an, sondern werden im Zweifelsfall durch einen Aufkleber an der Seite des Automaten ersetzt. Falls die eigenwilligen Automaten gar nicht wollen, hilft im Zweifelsfall ein beherzter Tritt. Zumindest war das früher so, bei der Ticketapp funktioniert diese Strategie vermutlich eher nicht.

Moldau: Von Purkarec nach Radíč

V. Die Roadtrip-Moldau

Jetzt kommt der Teil der Moldau, den keiner wirklich kennt, wo Otto Normaltourist mit dem Auto durchfährt und höchstens mal an einer Burg eine Pause einlegt. Das Mittelböhmische Hügelland besteht aus offenen Wellen voller Pusteblumen, Felder, Pusteblumen, Raps, Strommasten und Pusteblumen. Ich war zu sehr aus der Puste, um sie alle wegzupusten.
120 Kilometer sind es bis zur nächsten Übernachtungshütte - bei diesem Gelände schaffe ich das aber nicht an einem Tag, also muss ich mir dazwischen noch eine andere Bleibe suchen.

Schon gestern Abend war die Moldau ein kleines bisschen breiter, aber noch kaum merklich. Heute früh bin ich dann über die kleinere Mauer am

Stausee Nr. 3: vodní nádrž Hněvkovice

gefahren. Zählt das schon als Stausee? Joa, direkt hinter der Mauer ist die Moldau ja schon deutlich breiter, kommt dann aber immer noch recht breit raus. Die Talsperre wurde extra gebaut, um Kühlwasser zu liefern.

Kurz konnte ich nochmal auf der Straße am Flussufer fahren. Die Felswände waren meist in Netze gefesselt, damit sie sich von den Verkehrsteilnehmern fernhalten.

In Týn war dann aber endgültig Schluss mit Uferwegen. Die Stadt ist eine der ältesten in Böhmen. Kein Wunder, das einiges neu gemacht werden muss, und so war die komplette Altstadt eine einzige Baustelle. Noch baggerte niemand, was es etwas leichter machte, durch die Wüste zwischen den rosaroten Fassaden zu navigieren.

Hinter Týn mündet in einer versteckten Waldecke die Lužnice (hinten rechts) in die Moldau. Die kommt aus Österreich und ist dementsprechend gar nicht mal so kurz... und hat auch einen Radweg?! In diesem Moment habe ich es aufgegeben, in nächster Zeit alle Nebenflüsse der Elbe zu schaffen. Die wichtigen habe ich ja jetzt, und von den anderen füge ich vielleicht ab und zu noch einen hinzu.

Der Moldauradweg will mich nun auf einen weiten Umweg schicken, jede Menge Waldberge mit Rasthütten rauf und runter, weitab von der Moldau. Da habe ich dann doch lieber die Straße gewählt, die zwar auch hoch und runter geht, aber etwas geradliniger.

Hinter den endlosen Pusteblumenhügeln spucken neben einer unauffälligen Kuppel vier weiße Türme das Moldauwasser aus der Talsperre Hněvkovice in den Himmel. Ah, das kenne ich doch schon aus Lego! (Die Lego-Version sah durch die vier Türme von oben ein bisschen wie eine Ohrenqualle aus). Das ist Temelín, das einzige Atomkraftwerk Tschechiens.
Obwohl das Land der Atomenergie gegenüber eher positiv eingestellt ist, ist kein zweites geplant, nur neue Blöcke in Temelín, und es wird an Energiegewinnung durch die Abwärme von Atommüll geforscht. Wahrscheinlich arbeiten viele Menschen in den Dörfern ringsrum im Kraftwerk, auch die Buslinien weisen in seine Richtung.

Dann bin doch mal der Radroute gefolgt und ein Stück bergab gefahren, etwas näher an die Moldau. Für die paar Kilometer durch den unscheinbaren Wald hat es sich aber nicht wirklich gelohnt.

Viele Dörfer haben eigene Fischteiche, die in der Regel alle einfach [HierDorfnameeinfügen]cký rybník heißen. Das hier ist schon einer der mit Abstand größten.

Auch die Eisenbahn hat sich nun verabschiedet und wird erst kurz vor Prag wieder auftauchen.

Plötzlich war ich schon in Zvíkovské Podhradí, überquerte eine Hauptstraße und verließ die Route, stattdessen steuerte ich auf eine Landspitze zu. Hinter dem Dorf wurde die Spitze schmaler und schmaler, Wasser und Felsen drängten sich heran. Eine Ringelnatter sonnte sich im Weg. Sie war deutlich aktiver als die Blindschleichen - nach dem dritten Foto verzog sie sich in eine Mauerspalte.
"Was ist da?", fragte eine Familie mit Kind, die mich beobachtet hatten.
"Eine Schlange."
"Wo?"
Es brauchte einiges Fingerzeigen und Überzeugungsarbeit, bis sie mir glaubten.

Warum überhaupt Landspitze? Weil links die Otava fließt und rechts (hinter den Bäumen) die Moldau. Beide Flüsse sind nicht im Normalzustand, sondern schon ordentlich angeschwollen zum

Stausee Nr. 4: vodní nádrž Orlík

Aber schon lange vor dem Stausee, als der Wasserspiegel 40 Meter tiefer lag und die untere Burg noch nicht darin versunken war, war die Lage etwas ganz Besonderes. Und aus diesem Grund baute König Přemysl Ottokar I. in die Spitze zwischen den Flüssen seine Burg rein. Die ist aber auch wie gemacht dafür, denn ungefähr eine Burglänge vor dem Zusammenfluss hat die Landspitze schon eine schmale Stelle, an der die Felsen eine Art Schlucht bilden. Der einzig mögliche Zugang in die Burg Zvíkov (Klingenberg) ist die Steinbrücke.
Hinter dem Tor wartet dann erst einmal ein Turm namens Kreisrund.
Hm.
Wer sich die Form des Turmes genauer anschaut, möchte dem einstigen Baumeister wahrscheinlich zurufen: You had one job. Die einzige Ecke in Richtung der Brücke sieht zwar komisch aus, hat aber einen total sinnvollen Sinn: Kugeln prallen so nie frontal gegen den Turm, sondern gleiten immer seitlich ab. In den Turm rein kam man damals nur im 1. Obergeschoss per Leiter oder Treppe, heute dementsprechend gar nicht mehr.

Ich schob das Rad in den Innenhof, wo sogar Fahrradboxen bereitstehen. Dort müsste ich das Rad allerdings senkrecht reinstellen.

 
Ich erreichte die Kasse rechtzeitig eine Stunde vor der Mittagspause. Burg Zvíkov hat zwar auch ausgedehnte Außenanlagen, wo man sich den ganzen Tag kostenlos herumtreiben darf. Aber diese Burg wollte ich mir von vorn bis hinten anschauen, das hatte ich von vorneherein so geplant. Der Grund dafür ist, nun ja, Instagram. Als ich diese App noch installiert hatte, bin ich auf ein Bild dieser Moldauburg gestoßen und wusste direkt, da wollte ich hin.
Der kostenpflichtige Innenbereich liegt nur teilweise innen. Mittendrin liegt ein rechteckiger Innenhof mit spitzen Arkaden, wo auf zwei Etagen Räume in alle Richtungen abgehen. Die Instagramisierung der Burg folgt immerhin einer langen Tradition, denn Zvíkov wurde oft gemalt und bedichtet. Und so zeigt der Raum Nummer 1 erst mal Bilder von Zvíkov in allen denkbaren Stilrichtungen, sogar Kinderzeichnungen. Da hätte das Instragram-Foto der Vollständigkeit halber auch gut reingepasst.

Das Erdgeschoss gehört zu den ersten Räumen in Böhmen, in denen Terrakotta benutzt wurde. Eine Etage darunter liegt der kühle Keller, in noch Tageslicht fällt, zum Beispiel auf die aufgestellten Säulen der Burg. Und noch eine Etage tiefer ist das zweite Kellergeschoss, das direkt in den Fels gemeißelt wurde. In den Räumen mussten schließlich Diener arbeiten, Köche kochen, Vorräte lagern und sich im Notfall der Burgherr vor Feind und Feuer verstecken. Oder sogar fliehen? Der Sage nach gibt es einen Gang zur Wallfahrtskirche St. Anna, aber der einzige Fluchtweg, den man fand, wurde nie zu Ende gemeißelt.

In der ersten Etage lagen rundherum die Räume der Könige. Karl IV. bewahrte sogar seine Reichskleinodien, also die Kronjuwelen, in Zvíkov auf. Der Königssaal war besonders mutig konstruiert, nur zwei Pfeiler und sechs Kreuzgewölbejoche hielten ihn zusammen. Ein bisschen zu mutig konstruiert, denn als eines Tages ein Teil der Außenmauern einstürzte, stürzte der ganze Saal mit.
Was war da los? Hussiten belagerten die Burg, und König Sigismund entschloss sich zu einem militärstrategisch interessanten Schachzug: Einfach die Burg an jemand anders verpfänden, dann ist das sein Problem. Er befürchtete nämlich, sein eigener Burggraf Kunatá Kapléř würde ihn bald an die Rebellen verraten. Ab da wechselte die Burg von Adelshaus zu Adelshaus. Die Schwanberger füllten die Lücke in der Außenmauer wieder auf, aber ihr Architekt überzeugte sie mit den Worten "Joa, das ist so ne Art offenes Konzept", den Rest einfach so zu lassen. Eine gute Entscheidung. Dank ihm hat die Burg bis heute eine lange Reihe einzigartiger Ruinenterassen mit traumhaftem Moldaublick zwischen verfallenen Gewölberesten.

Und keine Sorge, auf der anderen Hälfte gibt es noch immer Räume mit Dach. Die Schwarzenberger (Die waren auch hier, muss ich nicht extra erwähnen, oder?) haben die Burgkapelle restauriert, und auch die restlichen Räume sind mit malerischen Malereien und zeitgenössischen schwarzen Möbeln dekoriert.
Die Fresken aus dem 15. Jahrhundert wurde im vier Jahrhunderte später "nicht sonderlich feinfühlig" restauriert. Und dann dachten die Banausen auch noch, da sei eine Hochzeit gemalt, dabei ist das eindeutig ein Tanzfest! Was darüber zu sehen ist, sollte bei den Wappen ja klar sein: Die vier Kurfürsten wählen den Kaiser des Heiligen Römischen Reichs. Der König von Böhmen steht ganz links, darf als einziger eine Krone tragen und seine Stimme als erster abgeben.


Ich spazierte durch die restlichen Wiesen und Wehrgänge, vorbei an weiteren verschlossenen Gebäuden, die nach Restaurants oder Übernachtungszimmern aussahen. Irgendwann war ich dann doch raus aus den Mauern und kam am Bootssteg heraus und konnte voller Pracht das sehen, was mir die Burgmauern nach und nach enthüllt hatten. Nämlich die Tatsache, dass der Orlík-Stausee der schönste der Moldau-Stauseen ist und die schönsten Felslandschaften am ganzen Fluss hat. Ach Mensch, wenn ich doch nur hier direkt am Ufer radeln könnte anstatt am Lipno-Stausee, aber nein, die Felsen berühren direkt ihr Spiegelbild im See, dazwischen ist kein Platz. Und irgendwie ist es ja auch fair, wenn der versteckte Stausee die schönere Landschaft kriegt und nicht der See, zu dem ohnehin schon alle fahren.
Der verwinkelte Pfad endet schließlich an einem Bootssteg. Ab und zu legen hier Ausflugsschiffe an, und auch Kanufahrer dürfen an dem kleinen Strand eine Burgpause einlegen. Der Mülleimer bittet sie allerdings höflich darum, ihn nicht gleich mit allem Abfall zu überfüllen, der sich im Boot angesammelt hat. Der Paddeltourismus ist offensichtlich immer noch ein Ding, und das, obwohl an den großen Staumauern vermutlich keine Floßgassen mehr runterführen. Ein paar Meter neben dem Steg mündet die Otava (links), die ich ja schon am ersten Tag der Moldaureise im wilden Zustand gesehen habe, in die Moldau (rechts). Es ist die großartigste Flussmündung in Tschechien, da kann (Spoiler) nicht mal das Ende der Moldau mithalten.


Das Dorf Zvíkovské Padhradí ("Klingenberger Unterburg", früher Karlsdorf) enthält zwei teure Pensionen und einen Schickimicki-Familiencampingplatz im skandinavischen Stil, mit allen möglichen Arten von Holzbungalows mit nordischen Namen. Das weiß ich, weil ich ursprünglich tatsächlich erwogen hatte, da zu übernachten. Damals, am Anfang dieses Beitrags, als mir 120 Kilometer in diesem bergig-pusteblumigen Gelände noch unrealistisch erschien.
Als ich aber Burg Zvíkov angeschaut, die halbe Strecke hinter mir und einen ordentlichen Langoš am Imbiss verspeist hatte und es trotzdem erst 13 Uhr war, da sah die Sache ganz anders aus. Der Ehrgeiz packte mich und zog mich zurück zur Straße und runter von der Landspitze. Die Hauptstraße überquert die angestaute Moldau an einer hohen Betonbrücke, die auch zum Bungeejumping genutzt wird. Die Felsen sind hier noch kleine Steinränder am Fluss, die tolle Stelle an der Burg kommt aus Sicht der Moldau ja erst noch.


Die nächsten Kilometer waren ein Zizack durch Dörfer, von denen Zahrádka ("Gärtchen") das schönste war. Die Mauern vor den barocken Bauerngehöften bröckeln zwar vor sich hin, aber eben auf malerische Weise, und deshalb ist das Dorf denkmalgeschützt.

Der Orlík-Stausee ist nur noch als bewaldeter, langer Einschnitt in der endlosen grünen Hügelei zu erkennen, die Staumauer blieb mir verborgen. Der Radführer empfiehlt einen Abstecher zur nächsten berühmten Schwarzenberger-Burg, der Burg Orlík. Die steht auch am Stausee, aber nicht an einem Zusammenfluss, sondern an einer Stelle, wo der See noch viel breiter ist. Anders als Burg Zvíkov wurde Burg Orlík nach der Wende an die Schwarzenberger zurückgegeben. Das war möglich, weil das (wir erinnern uns, ganz ursprünglich deutsche) Adelshaus während der deutschen Besatzung für den tschechoslowakischen Staat einstand und die deutsche Staatsangehörigkeit ablehnte. Ex-Außenminister Karel Schwarzenberg wurde 2023 in der dortigen Gruft beigesetzt.
Ich hatte meine Burg aber schon ausgesucht, und es erschließt sich mir auch nicht, warum die Karte von den zwei ähnlich interessanten Burgen nur den längeren Abstecher einzeichnet und empfiehlt.

Dann durfte ich die Moldau endlich nochmal besuchen. In einem hochgradig idyllischen Tälchen absolvierte ich eine verschnörkelte Schussfahrt und bekam den kleineren

Stausee Nr. 5: vodní nádrž Kamýk

gerade noch rechtzeitig zu sehen, bevor er durch eine Staumauer abgeschlossen wurde. Er produziert etwas Strom und Trinkwasser, vor allem aber puffert der den Abfluss vom größeren Orlík-Stausee ab.

Ich folgte einer netten Uferstraße bis zu den Wohnblocks nach Kamýk. Schiefe Steinpfosten mit Stahlseilen schützten mich vor einem Absturz in den Fluss.

Danach hieß es aber wieder hinauf, hinauf und noch weiter hinauf. Auf den Hügelrücken weideten Schafe, und mitten durch eine der Schafherden sollte ein Weg führen, den es dann in der Realität nicht gab. Gezwungenermaßen machte ich den Umweg auf der großen Straße.
Die meiste Zeit aber gurkte ich von Dorf zu Dorf, bis mir auffiel: Der Himmel war zum ersten Mal seit langem nicht mehr blau. Grau und grollend braute sich ein Gewitter zusammen, in der Ferne fiel deutlich sichtbar Regen. Hmm, und wann ist das bei mir? Schwer zu sagen, die Wolken schienen jedes Mal in einer anderen Richtung zu liegen.
Alle paar Kilometer stand eine potthässliche Bushaltestelle aus Wellblech, die im Ernstfall guten Schutz geboten hätte. Dadurch war ich etwas flexibler und dachte mir bei jeder einzelnen Haltestelle: Naa, ich schaffe es noch bis zur nächsten, bis es losregnet.
Was sich immer wieder als wahr erwies.
Weil es nie losregnete. Mit mehr Glück als Verstand habe ich mit meinem Zickzackkurs das Gewitter komplett ausmanövriert und umfahren. Großartig!
Leider habe ich dabei einen anderen verhängnisvollen Fehler begangen. 

Nach mehr Links und Rechts und Auf und Ab, als ich je zählen oder erzählen könnte, kam ich endlich nach Radíč. Dieses Dörfchen fällt durch zwei gegensätzliche Anblicke auf: Ein weißgelbes Barockschloss, das sich im Privatbesitz befindet. Und ein altes rostiges Schild, laut dem man keine Sender und Radaranlagen benutzen darf, die explodieren könnten. Schade aber auch, wozu habe ich die ganze Zeit mein dynamitbetriebenes Radar auf dem Sattel mitgeschleppt?

120 geschafft, ich bin am Ziel! Fast.
Radíč liegt am Ufer des Mastník ("Fetter"), der sich hinter der Steinbrücke und den letzten Einfamilienhäusern in eine versteckte Schlucht verzieht. Da will ich auch rein. Auf die lange Straße über noch mehr Hügel hatte ich keine Lust. Ein Wanderweg führt auf direktem Weg am Bach zur Hütte, da lässt sich das Rad hoffentlich irgendwie durchschieben. Auf der Wiese war das auch zunächst kein Problem.

Dann aber schon. Der Pfad ging direkt am Ufer des Flüsschens entlang, das trotz seines Namens dünn, klar und steinig daherkam. Ein schöner Weg, keine Frage, nur leider zerrten zeckige Schlingpflanzen an meinen Beinen, der Boden wurde immer schlammiger, und schließlich ging der Pfad dann senkrecht (also quasi) nach oben. Hm, ich hätte mir die Höhenmeter auf diesem Wanderweg doch nochmal genauer anschauen sollen. Morgen früh nehme ich definitiv die Straße.

Der Mastník hat es nicht eilig, in die Moldau zu münden. Er dreht vorher ein paar ganz enge 180-Grad-Schleifen, und in einer davon wollte ich pennen. Aber nicht in diesem Hochsitz, da kann ich nicht mal die Beine ausstrecken! (Ja, das ist ein Hochsitz. Er braucht keine Leiter, durch seine Lage ist er schon hoch genug). Am Ende der Schleife beginnt der Mastník bereits anzuschwellen. (Kommt daher sein Name?) Die Moldau ist zwar noch ein gutes Stück entfernt, aber ihr nächster Stausee macht sich schon bemerkbar.

Der heutige Übernachtungsplatz ist benannt nach der Burgruine mit dem sehr tschechischen Namen Kozí hřbět ("Ziegenrücken"). Die soll gleich dahinter sein, also ging ich trotz aller Erschöpfung noch die paar Schritte über den Bergkamm in der Flussschleife.
Es war eine sehr merkwürdige Ruine. Von den einstigen Burgtoren und Gräben konnte ich nichts sehen. Der Pfad brauchte mich in eigenwilligen Windungen an den moosigen Felsen hoch und runter. Der Nebel und die einbrechende Dämmerung verschleierten, wie nach und nach vergessene Mauerstücke aus dem Boden ragten wie steinerne Klauen, die sich langsam um den ahnungslosen Touristen schließen, sodass er gar nicht merkt, dass er schon drin ist. Die Czech Repubrick hatte Unrecht: Isengard steht nicht in Tschechien, Dol Guldur hingegen schon.
Zwei Bewohner der Burg waren die Brüder Petr und Hašek Břekovcov. In den Hussitenkriegen schlossen sie sich der radikal-militanten Bewegung der Taboriten an, die möglichst einfach leben wollten und so ziemlich alles ablehnten außer Taufe, Abendmahl und Kontakten zur katholischen Kirche. Inwiefern dieser Lebensstil zum Eigentum an einer Burg passt, selbst wenn sie Ziegenrücken heißt und auch dementsprechend aussieht, bleibt unklar. Als es mit den Taboriten abwärts ging, schlossen die Brüder einen Friedensvertrag und liefen zur gemäßigten Mehrheit über - prompt wurde ihre Burg von ihren ehemaligen Glaubensgenossen belagert, wenn auch ohne Erfolg.
Als offenbar einzige Burg an der Moldau ist diese hier nie in die Hände der Schwarzen- oder Rosenberger gefallen.

Am Rande dieser Flussschleife steht eine Übernachtungshütte, diesmal einen Tacken älter - und deutlich mehr auf dem Präsentierteller. Aus meinem "Esszimmer" konnte ich die Fenster der langweiligen weißen Fassaden eines entlegenen Teils von Radíč sehen. Trotzdem war ich auch heute Nacht allein.
Und leider nicht ganz fit.
Die Temperaturschwankungen waren die letzten Tage ohnehin schwierig. Morgens war es noch kalt, und nicht immer konnte ich vormittags den idealen Moment abpassen, um Kleidungsschichten abzulegen und schließlich ganz auf Kurzärmlig umzusteigen - zumal es auch nicht überall eine zum Umziehen geeignete Stelle gab.
Heute Nachmittag hatte ich zudem noch den Moment verpasst, um wieder auf Langärmlig zurückzuschalten. Das umherziehende Gewitter hatte rauschenden Wind mitgebracht, und im Rausch der Geschwindigkeit hatte ich zu spät mitbekommen, wie sehr sich die Luft abgekühlt hatte. So musste ich abends feststellen: Ich brütete eine Erkältung aus, oder vielleicht sogar mehr.
Dass mir die Holzluke auf den Zeigefinger fiel, war dann auch nicht gerade hilfreich.

 
Aber aus irgendeinem Grund war das trotzdem die Nacht auf dieser Reise, in der ich am besten geschlafen habe.