Nachdem
ich einen wohlig-warmen intensiven Frühlingseinbruch von Ende Februar
bis März verpasst hatte, war es Ende März Zeit für die erste Radtour des
Jahres.
Und die begann so:
Selbst dieser Außenbezirk von Hamm sieht übrigens lebendiger und abwechslungsreicher aus als die Innenstadt. Wer eine Brücke zum Radweg finden will, muss entweder ein Stück zurückfahren oder ein Stück durch besagten Außenbezirk.
Warum? Weil der Radweg vom Wasser umgeben ist, rechts die Lippe, links der Datteln-Hamm-Kanal, an dem nach wie vor keine Datteln wachsen, dafür aber immer mehr Kräne, Kabel und Kohlekraftwerke. Und der schnellste Weg, um Dinge zwischen diesen Industriegebieten zu transportieren, war früher nun einmal der Kanal. Wir haben endgültig den Nordrand vom Ruhrgebiet erreicht. Doch keine Sorge, der sieht nicht überall so aus!
Die Lippe gibt sich leidlich Mühe, dem Kanal ein bisschen Natur in Form von kahlen Bäumen und diagonalen Steilufern aus Sand entgegenzusetzen. Sobald sie das Stadtgebiet hinter sich gelassen hat, hört sie auf, sich wie ein zweiter, schmaler Kanal zu benehmen, und fängt mäandriert stattdessen durch die Gegend. In diesem Wasser leben seltene Fische namens Nasen (ja, die heißen so). Das genügt, damit die Lippe mehrere Naturschutzgebiete mit so klangvollen Namen wie Lippeaue von Werne bis Schleuse Horst bekommt.
Unser Weg bestand aus Kies und Erde. Ich sag mal so: Es hätte schlimmer kommen können. Der Kies war leidlich wetterfest, sodass wir auch bei Dauerregen darauf fahren konnten. Trotzdem spürten wir, wie sich uns der nasse Steinpampe entgegendrückte und uns deutlich ausbremste. Und von der gelblichen Erde blieb genug an der Hose kleben, dass sich mein Begleiter fragte, ob er sich so überhaupt in ein Restaurant setzen könne. (Ich muss ihm noch die Scham abtrainieren, die ist bei Radreisen eh nur hinderlich.)
An
der Marina Rünthe schaukelten circa 30 Sportboote auf ausgesprochen
unsportliche Weise tatenlos herum, das Strandrestaurant war geschlossen,
der Strand nicht zu sehen (wahrscheinlich klebte er inzwischen
größtenteils an unseren Hosen).
Nicht gerechnet hatte ich in diesem Ambiente mit einem Fahrradzähler.
Der
Zähler hingegen hat mit uns gerechnet, und addierte mich prompt zur
Gesamtsumme der heutigen Fahrradfahrer in Höhe von insgesamt: 1. Ha, ich
war noch nie der erste bei so einem Ding!
Hinter
der nächsten Ecke stellte sich heraus, dass nicht das Wetter der Grund
für die Nummer 1 war, sondern die Baustelle. Uns war entgangen, dass
große Teile des Hamm-Datteln-Kanal-Uferwegs gerade umgebaut werden,
vielleicht
So, wenn die Absperrung hier ihre Vorderseite in unsere Fahrtrichtung zeigt, heißt das doch, ab hier ist es wieder frei, oder?
"Hey!" Ein Bauarbeiter stolperte aus seinem Container. "Hier ist gesperrt!"
Wir nahmen einen anderen Weg mit einer improvisierten Furt aus drei Holzstücken.
"Werden eigentlich immer noch immer solche Kanäle gebaut?", fragte mein Begleiter.
Die
Kanäle hatten seine Frage gehört und waren sehr auskunftsfreudig, denn
gleich darauf tauchte etwas auf, das nach einem brandneuen Kanal aussah,
oder zumindest mit frischen Rändern.
An einer anderen Stelle befand sich der Kanal deutlich über den Häusern.
Jedes Stück Asphalt verschaffte uns einen Geschwindigkeitsboost, der aber nur 100 Meter bis zum nächsten Kies andauerte.
Die Einfahrt in die nächste Stadt gestaltet sich schön, aber etwas umständlich. Vor allem, wenn man zu spät vom Kanal abbiegt. Auf breiten Fahrradstraßen durchquerten wir einen Schlosspark mit einer gelben Burg,...
...danach konnten wir mal wieder ein Stück der Lippe folgen, die tief in die Stadt einschneidet und sich in Hecken hüllt,...
...ach nö, schon wieder Baustelle, dann eben noch etwas an der Hauptstraße, und endlich konnten wir in die Innenstadt abbiegen.
Lünen ist nicht als Sehenswertes Ortsbild
markiert, und auch sonst hatte ich keine bestimmten Erwartungen an
diese Stadt. Der Europaplatz ist jedenfalls im Vergleich zum Europaplatz
von Komárno eine glatte Enttäuschung.
Dabei verrät der Name Lünen doch
im Prinzip schon alles, zusammen mit dem Sand an unseren Reifen und
Hosenbeinen. Alles hier erinnerte mich an die Städte der Lüneburger
Heide: Die quirlige, eher schlichte Innenstadt und vor allem der
allgegenwärtige Ziegelsteinboden in der Fußgängerzone.
Und
sogar der (wirklich gute) Dönerladen hat Lammsuppe im Angebot! (Auch
wenn die längst nicht an die Heidschnucken der Lüneburger Heide
herankommt.)
Wobei, ein paar der Häuser sehen dann doch etwas
barocker aus als in Gifhorn & Co. Das Hotel zur Persiluhr wurde nach
einer grünen Metalluhr benannt, die auf dem Platz anscheinend schon
länger Werbung für Waschmittel macht, als das Hotel existiert.
Da stellt sich die Frage: Könnte die Landschaft hier auch lüneburgisch werden?
Um
diese Frage zu beantworten, sucht die Lippe Abstand zur Industrie und
macht einen Bogen nach Norden. In zwei stahlblauen Trogbrücken fließt
der Dortmund-Ems-Kanal über sie drüber und trifft dann auf den Datteln-Hamm-Kanal an einer zentralen Kanalkreuzung des Ruhrgebiets.
Dahinter folgt ein sehr viel schmalerer Kanal namens Alte Fahrt,
unter dem die Lippe unter den Bögen einer historischen Steinbrücke
hindurchfließen darf. Eigentlich sollten wir kurz an der Alten Fahrt zur
nächsten Straßenbrücke fahren, aber überraschenderweise stand da schon
eine neue Brücke an genau der richtigen Stelle. Mist, der Wegweiser ist
verdreht, hoffentlich ist mein voreiliger Begleiter auf die richtige
Nebenstraße gefahren (ist er).
Rechts erstreckt sich ein
Buchenwaldhügel, an dessen Rand sich das olle Römerlager Olfen befand.
In die eine Richtung schützte der Steilhang, in die andere konnten sie
das Flusstal gut überblicken. Wahrscheinlich versorgte es Tiberius von
hinten mit Nachschub, nachdem er die Germanen scheinbar unterworfen hatte, wurde es
aufgegeben. Zu sehen ist davon nichts, und auch das Innere ist noch
nicht erforscht. Allein, um die Außenmauer zu erkennen, war ein
Riesenaufwand nötig: Luftbilder, Magnetabtastung, vorsichtige
Baggerschnitte, Bohren und Begehen.
Wir befinden uns im sogenannten 2Stromland. Behaupten zumindest diese eigenartigen gelben Texttunnel. Was der zweite Strom ist, verraten sie nicht, nur, dass hier Kormorane wohnen und an dieser matschigen Waldspitze 1826 mal eine massive Schleuse stand. Das aufgestaute Wasser sollte eine Felsspitze überspülen und so die Schifffahrt sicher machen. Aber schon bald war die Anlage unnötig und wurde wieder gesprengt. 1870 verdrängte die Eisenbahn die Lippeschifffahrt, und 1900 hatten die Schiffe zwar nochmal ein Comeback, aber nur auf dem neuen Kanal.
Und an ebendiesem Wesel-Datteln-Kanal, dem letzten Kanal des Tages, durften wir noch die schönste Kanalstrecke des Tages genießen. Die Sonne kam heraus, die Hecken blühten, die Industrie hatte sich zurückgezogen, und der Weg trocknete vor sich hin, ein Traum.
"Werden die Kanäle eigentlich immer noch genutzt?", fragte mein Begleiter.
Die
Kanäle hatten seine Frage gehört und waren sehr auskunftsfreudig, denn
gleich darauf tauchte eine große Schleusenanlage auf, aus der ein
Lastschiff tuckerte. Die Schleusentore klappen nicht zur Seite auf,
sondern werden wie das Fallgitter einer Burg hinaufgezogen.
Hat die Lippe eigentlich auch Fähren? Ja, gleich mehrere Selbstbedienungsfähren mit Namen wie Quertreiber, wo man sich selbst über den Fluss kurbelt. Anders als die ähnliche Anlage an der Fulda hängt das Boot nicht am Seil, sondern schwimmt auf dem Fluss - und kann deshalb nicht das ganze Jahr betrieben werden. Denn noch immer hat Wasser im Winter ab und zu die seltsame Angewohnheit, zu gefrieren. Auch wenn eine der Fähren Maifisch heißt, öffnen sie schon im April. Also erst in wenigen Tagen, schade.
Darum bogen wir erst etwas später nach Norden ab - und sahen dann am Straßenrand die Antwort auf eine weitere Frage. Ja, es gibt hier wirklich eine Heidefläche wie aus dem Bilderbuch, groß und sanft gehügelt, mit Moosen und nur vereinzelten Bäumchen. Die Westruper Heide entstand im Mittelalter durch Vieh- und Plaggenwirtschaft, die den Boden frei von Bäumen hielten. 1978 schlug der Heidekäfer brutal zu und brachte die Heide an den Rand der Vernichtung. Die Menschen diskutierten, ob es wirklich von Sinn ergab, die Heide zu erhalten, oder man man nicht eher die natürliche Änderung in einen Wald zulassen sollte. Aber es fanden sich jede Menge Sponsoren, Schulklassen und politische Gruppen, die den Birken und Kiefern zu Leibe rückten und die Heide heidig bleiben ließen. Offenbar mit großem Erfolg, denn sogar im März schimmerte das Land leicht violett.
Nach Lünen, Burg und Heide folgten wir dem Radweg an der Bundesstraße einmal durch einen großen See. Der Halterner Stausee spiegelte das Blau des Himmels. Hierhin fahren also die Ruhrpöttler übers Wochenende, wenn sie eine kleine Seenplatte oder Lüneburger Heide brauchen. Sie haben tatsächlich ein schönes Potpourri an netten Landschaften rund um ihren Ballungsraum - von allem ein bisschen, außer vom Meer.
Sie übernachten dann in Haltern am See. In dieser heimeligen Stadt konzentrieren sich die Ziegel fast komplett auf den Boden und die Kirche, die weißen Barockhäuser gruppieren sich zu heimeligen Plätzen, schmalen Straßen und Hinterhöfen. Ich kenne sogar Bremer, die jedes Jahr Urlaub in Haltern am See machen. Warum das denn, ihr habt doch die echte Lüneburger Heide viel näher dran?
Allmählich
nähern wir uns dem Ende des Römer-Lippe-Radwegs, und noch immer haben
wir kein richtiges Römerlager gesehen, so, wie es damals aussah.
Zumindest die Außenmauer wird doch wohl irgendwo nachgebaut sein! Ist
sie auch, und zwar an zwei Orten: In Oberaden (da sind wir schon vorbei)
und in Haltern. Beide gehören zu einem Museum. Das Halterner Museum ist
eine große Glasvitrine voller Glasvitrinen, in der Glasspitzen aus dem
Dach ragen.
"Ah, das soll bestimmt die Zelte aus dem Feldlager darstellen."
Da
wäre ich nicht drauf gekommen, aber es klingt nach genau der Art, wie
Architekten denken. Zumindest die zwei Spitzgräben vor dem Museum habe
ich erkannt, die gibt es so auch in Anreppen.
Und vor der Holz-Erde-Mauer. Endlich konnten wir sehen, was sich hinter diesem Begriff verbarg. Holz-Erde klingt nach primitiven Palisaden, die im Boden stecken. Aber tatsächlich handelte es sich um eine sehr effiziente Methode, etwas ziemlich Stabiles ziemlich schnell hochzuziehen: Einfach einen Kasten aus Holz zusammenzimmern und komplett mit Erde füllen. Mit Zinnen und Wachtürmen macht es durchaus Eindruck. Und zwar den Eindruck einer Burg aus dem Holzbaukasten.
Nur: Sowohl in Oberaden als auch in Haltern war dieser Freilicht-Museumsteil noch nicht geöffnet. Wenn wir die Mauer im März also nicht nur mit großem Abstand durch einen Zaun sehen wollen, dann gibt es nur eine einzige Möglichkeit. Und die war für uns ohnehin sehr reizvoll. Nur halt leider teuer.
Kurz nach 19 Uhr standen wir wie gebucht am Zaun und hatten vergessen, welchen geheimen Knopf wir laut E-Mail zum Betreten drücken müssen. Da kam uns auch schon eine gutgelaunte Frau entgegen. Wir spazierten auf das Haupteingangstor zu. Dahinter wurde die alte Wachstube nachgebaut, und in ihr befindet sich Escape Aliso a.k.a. Carpe Noctem, der einzige Römer-Escape-Room am Originalstandort.
Nach der Varusschlacht hielt ein Lager namens Aliso, bei dem es sich vermutlich um das in Haltern ausgegrabene Lager handelt, als eins der letzten Römerlager gegen Überzahl der Germanen stand. Allerdings war es schon umzingelt. Schlau, wie sie waren, hatten die Germanen eine Schwachstelle des Holz-Erde-Baustils entdeckt: Man kann es anzünden. Dazu muss man nur jede Menge Holz vor dem Lager aufstapeln. Aber Zenturio Lucius Caedicius war schlauer: Er schickte seine Männer heimlich raus, um Holzscheite zu klauen. Die Germanen glaubten, den Römern ginge das Feuerholz aus, und schafften alle Bäume weg, wodurch sie Aliso auch nicht mehr anzünden konnten. Außerdem ließ er ein paar Kriegsgefangene "zufällig" die vollsten Getreidespeicher sehen und dann entkommen, damit sie verbreiteten, Aushungern könne man die Römer auch nicht. Trotzdem war Caedicius klar, dass er die Niederlage so nur verzögern konnte. Also verlas uns die Frau vom Escape Room einen Brief des Zenturio: Wir sollten lieber entkommen und Rom anderswo dienen anstatt ehrenhaft, aber sinnlos zu sterben. Grundsätzlich eine gute Einstellung.












































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