VI. Die Städtetrip-Moldau
Der nächste Tag begann mit einer ernüchternden Nachricht: Am
Stausee Nr. 6: vodní nádrž Slapy
ist die Staumauer wegen Bauarbeiten gesperrt. Eigentlich sollte ich dort über die Mauer fahren und so die Abfahrt von der Moldau-Kaskade und dem Südböhmischen Hügelland triumphal zum Abschluss bringen. Verflixt, aber immerhin habe ich es rechtzeitig online gesehen. Hier muss es doch noch irgendwo eine andere Brücke geben. Gab es auch, und so bekam ich den letzten großen Stausee zumindest zu Gesicht. Von der hohen Betonbrücke sah ich jede Menge Wald, Felswände setzt dieser See etwas dezenter ein. Der Blick hat mich an den Rappbode-Stausee im Harz erinnert. In dem Wasser da unten stecken zehn Dörfer drin.
Obwohl die Brücke so hoch über dem See verläuft, ist sie immer noch ziemlich tief. Und das heißt: Ich musste jetzt wieder ziemlich hoch - all die Höhenmeter, die ich gerade runtergerast war.
Dort stieß ich überraschenderweise wieder auf Wegweiser. Die haben sich ja lange nicht blicken lassen! Die Beschilderung als Nr. 7 lief anscheinend schon eine ganze Weile am linken Ufer, nun hatte ich sie wiedergefunden. Und missachtete sie direkt, denn auf der ausgeschilderten Straße war auch irgendwas gesperrt, zudem sah sie auch viel länger und zickzackiger aus. Ich folgte der größeren Straße noch ein Stückchen weiter und hangelte mich schwitzend von Dorf zu Dorf.
Achtung, niedriger Füllstand, Kofola ist fast leer!
Zum Glück ist die Versorgung mit Lebensmitteln im Mittelböhmischen Hügelland gar nicht so schlecht, anders als in der Šumava konnte ich immer problemlos was nachkaufen. Gestern hatten mich zwei sächsische Radreisende verwirrt, indem sie sich über die schlechte Versorgungslage beschwerten. (Aus irgendeinem Grund sind alle Fernradler auf dieser Strecke ausschließlich bikepackende Sachsen auf dem Weg nach Italien.) Erst ein paar Kilometer später wurde meinem überhitzten Schädel klar: Die konnten die Supermärkte gar nicht erkennen. Die Dorfläden hatten keine sichtbaren Logos irgendwelcher Ketten, und ein unscheinbarer blassgelber Quader mit der Aufschrift Potraviny a rybařské potřeby ("Lebensmittel und Fischereibedarf") oder Potraviny a zahrada ("Lebensmittel und Garten") sagt dem durchschnittlichen Deutschen vermutlich nichts. Es tat mir leid, dass ich zu langsam geschaltet hatte und das den Sachsenradlern nicht persönlich sagen konnte, aber zumindest an alle Leser ergeht der Hinweis, sich für eine Radreise durch Tschechien das lebensmittelwichtige Wort Potraviny gut einzuprägen.
Gegenüber von den Topfpflanzen des Gärtnerei-Supermarkts befand sich ein Arrangement aus Maibaum, Hexe auf dem Besen und Plastikstorch, dahinter das Ballon- und Moldaumuseum. Diese kuriose Themenkombination hat mich gleich angezogen, leider war es auch geschlossen.
Die Strecke wurde flacher, es tauchten begleitende Radwege auf, und ich umrundete ich die Ortschaft Slapy, die der Talsperre ihren Namen geliehen hatte. Von der Moldau war hier oben null zu sehen.
Und endlich kam ich erleichtert oben am Waldrand von Slapy an und kaufte mir an einer halb baustelligen, halb abgeranzten Tankstelle einen Tee.
Geschafft. Jetzt liegt das Steilste hinter mir.
Und vor mir die Belohnung: Eine vergnügliche Sause auf dem Waldweg, immer runter durch das grüne Tal der Královka,...
...die dann in die Kocába mündet. In ihrem abgeschiedenen Tal leben wieder Menschen, auch wenn die Kocába es ihnen nicht leicht macht. Wer mit seinem PKW zu Hause einparken möchte, muss das Auto zuerst durch die Kocába furten, was bestimmt schon zu interessanten Gesprächen mit der Versicherung geführt hat. ("Sie wollten also nur auf Ihrem Privatgrundstück einparken, und dabei ist was passiert?" - "Sagte ich doch schon, ich wurde den Wasserfall runtergeschwemmt.")
Wie ich erst später gesehen habe, gibt es in diesem Tal sogar noch eine weitere Methode des Wildcampings im weiteren Sinne: Ein Grundstück ist auf der Website 1NiteTent eingetragen.
Sodann bin ich in Štěchovice rausgekommen. Die Moldau wird vor dem Ort noch ein letztes Mal gestaut, der
Stausee Nr. 7: vodní nádrž Štěchovice
puffert den großen Slapy-Stausee ab, ist aber auf dem Moldau-Radweg (egal, auf welcher Route) gar nicht zu sehen. In diesem Stausee versanken die gefürchteten St.-Johann-Stromschnellen, die im chaotischsten und dramatischsten Teil von Smetanas Moldau zu hören sind. Einige beklagen sich ja, durch die Stauseen sei die sinfonische Dichtung gar nicht mehr aktuell, weil die Moldau nun völlig anders aussehe. Aber ich finde, die Weite, die darin anklingt, passt auch erstaunlich gut zu den fjordartigen Seen, die zwar anders sind als ein enges Flusstal, aber deswegen nicht automatisch weniger schön. Und bei der St.-Johann-Passage muss ich sowieso unweigerlich ans Paddeln durch die Floßgassen denken.
Schade ist nur, dass ich die Nymphen aus dem Musikstück nicht gesehen habe. In welcher Talsperre die wohl versunken sind?
Statt Stausee oder Stromschnellen habe ich jedenfalls nur die Dr.-Edvard-Beneš-Brücke gesehen, benannt nach dem umstrittenen sozialistischen Politiker in der kurzen Phase zwischen Zweitem Weltkrieg und endgültiger sowjetischer Kontrolle. Sie war die erste große Stahlbetonbrücke der Tschechoslowakei.
So. Jetzt bin ich raus aus dem stillen Mittelböhmischen Hügelland und mittendrin im Prager Einzugsgebiet. Das bedeutet, an dieser Straße gibt's fast alles, auch Medizin in zwei Formen: Köstliches Gulasch aus der Gaststätte und Halsschmerztabletten aus der Apotheke.
Das bedeutet aber nicht, dass die Berge vorbei sind. Im Gegenteil, die legen sich vor der Hauptstadt nochmal richtig ins Zeug und präsentieren felsige Zacken, die sogar die am Orlík-Stausee übertreffen. Und eigentlich müsste ich da rüber.
Ich wollte aber nicht und vollführte meinen üblichen Schachzug, Steigungen auf der Straße unten im Tal zu umgehen. Diesmal war der Schachzug aber ein gutes Stück gefährlicher. Denn Prager Einzugsgebiet bedeutet eben auch: Die Straße wurde stärker und schneller benutzt. Und wie sie benutzt wurde! Der Seitenstreifen war leider auch gerade so zu schmal für mein Rad mit Taschen. Aber für ein paar Kilometer war auch das zu verschmerzen.
Auf diesen paar Kilometern kommen noch zwei wichtige Nebenflüsse dazu: Aus dem Osten die Sazava (Sasau), deren Einzugsgebiet in der Gamingszene unerwartete Bekanntheit erlangte, und aus dem Westen die Berounka, deren größte Stadt in der Bierszene bekanntlich schon lange bekannt ist: Beroun. Nein, Spaß, gemeint ist natürlich Plzeň (Pilsen). Unser Paddelpastor hat auch einmal eine Paddelreise auf der Sazava organisiert. Da war ich nicht dabei, aber den Berichten zufolge war dieses Flusstal eher grün, ruhig und langweilig, gar kein Vergleich zur Moldau. Auf der Berounka war auch einmal eine Reise geplant, musste aber wegen Niedrigwasser auf die Moldau verlegt werden.
So, inzwischen soll das andere Ufer einen Radweg haben, wie komme ich da rüber? Hier sollte eine Fähre sein... aber wo denn, hier ist doch gar kein Platz hinter der Leitplanke? Ich fand sie nicht und musste noch weiter bis zur Brücke in Zbraslav. (So hieß der Sohn vom heiligen König Václav mit einer Nebenfrau - ich wusste gar nicht, dass Heilige mehrere Frauen haben dürfen.)
Unter dieser Felslandschaft bot sich ein absolut seltener Anblick: Eine evangelische Kirche in Tschechien.
Straße und Straßenbahn rückten heran, aus dem Park wurde ein zerrupfter Grünstreifen, und die Berge zogen sich auch ein wenig zurück. Auf dem letzten Felsen steht aber noch ein Stück Geschichte und der letzte Teil der Moldau-Sinfonie, zu dem Smetana auch gleich noch ein eigenes Musikstück komponiert hat und nach dem ein ganzes Stadtviertel benannt wurde: Vyšehrad ("Höherburg").
Prag heißt ja eigentlich Praha, und das übersetzt der Atlas der Wahren Namen mit Schwellen. Um das zu verstehen, müssen wir den Bereich der gesicherten Geschichtsschreibung verlassen und ins Reich der Sagen vordringen, in eine Zeit, als die heidnischen Tschechen ohne Städte und Gesetz wie unverständige Tiere in Stämmen herumliefen und sogar die Frauen die Dreistigkeit besaßen, sich eigene Anführerinnen zu wählen. Erst eine Seuche brachte sie zum Umdenken. (Eigentlich beschleunigt gerade der sesshafte Lebensstil Infektionskrankheiten, aber das verschweigt die Přemyslíden-Propaganda.)
In dieser Zeit lebte Libuše, Wahrsagerin, Tochter eines Richters, selber Richterin (wie auch immer das gehen soll ohne Gesetz) und Nachfahrin von Urvater Čech, der die Menschen überhaupt erst in dieses Land geführt hatte. Eines Tages war ein Mann mit einem Urteil nicht einverstanden und weigerte sich, einer Frau zu gehorchen. Libuše warnte die Menschen, sie würden ihre Freiheit einbüßen und es bereuen, wenn sie einen Mann als Herrscher hätten. Weil die Leute aber auf einem Herrscher bestanden, konzentrierte sie ihre wahrsagerischen Kräfte und hatte eine Vision - angeblich genau auf dem dunkelgrauen Felsen, der jetzt über mir aufragte. Und sie ignorierte Helmut Schmidts Ratschlag "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen", ihr Motto war eher "Wer Visionen hat, sollte allen anderen präzise Anweisungen zu deren Umsetzung geben".
Darum verriet sie den Zuschauern, dass sie auf einem bestimmten Feld einen Mann namens Přemysl finden, der die ganze Zeit nur pflügt. Der würde ihr Ehemann und künftiger Herrscher werden und ihr außerdem eine Türschwelle (prah) zimmern für eine Stadt, deren Ruhm bis zu den Sternen reicht. Přemysl der Pflüger wurde erfolgreich gefunden und der erste böhmische König. Er gründete, ausgehend von der Türschwelle, die Stadt Praha und machte brav alles wie prophezeit.
Zumindest bis seine Frau starb - danach unterwarf er im Mägdekrieg alle Frauen und das Patriarchat ging los. Kriegsauslöser war offenbar, dass die Frauen unverschämterweise eine eigene "Mädchenburg" gebaut hatten. Die Männer bauten daraufhin ihre eigene Gegenburg namens Chrasten.
Und hier kommen wir wieder in den historisch belegten Bereich, denn genau das war ursprünglich der Name der Festung Vyšehrad, die jetzt auf dem visionären Felsen steht. Vyšehrad war tatsächlich die zweite Burg der Přemyslíden-Könige und stammt aus dem 10. Jahrhundert - nicht so alt wie eine durchschnittliche italienische Stadt, aber immer noch älter als alle deutschen Städte, in denen ich je gewohnt habe. Natürlich kann man sich ausrechnen, wie viel da vom Original noch übrig ist, zumal das Ding mehrmals geschleift wurde. Der Vyšehrad ist heute im Prinzip ein Park und eine Kirche, umgeben von breiten Festungsmauern, die eher nachmittelalterlich aussehen und nach einem Angriff durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg hochgezogen wurden.
Trotzdem verströmt die Anlage noch immer ein gewisses Alter, was auch an der Lage auf den zerklüfteten Felsen liegen mag. Dass sie trotzdem jünger ist als die Prager Burg/Hradčany im Stadtzentrum, mag man jedenfalls kaum glauben, wenn man die beiden vergleicht.
1904 bekam die Burg einen neuen Bestandteil, also quasi: Der Vyšehrad-Tunnel wurde in den Fels gebohrt und mit einem schicken Burgtor versehen. Statt eines Umwegs aus Respekt vor der Geschichte können sich nun alle Verkehrsteilnehmer inklusive Straßenbahnen durch dieses malerische Nadelöhr zwängen.
Ja, in Prag rücken die Berge dem Stadtzentrum viel näher auf die Pelle als in Wien oder Budapest. Wenn so eine Stadt wächst, ist es bestimmt nicht leicht, Wohnraum zu schaffen und anzubinden. Aber am anderen Ufer ist zu sehen, wie das im neuen Prag gehandhabt wird - mit teils begrünten Wohnblockvierteln, U-Bahnen, Straßen und Straßenbahnen, die auf verschnörkelten Brücken selbst die stärksten Anstiege meistern. Die Stadt zeigt hier eine saubere und moderne Seite.

Am Fluss bin ich nun eine Etage tiefer gewechselt, wo eine Art Hafenpromenade beginnt. Auch hier darf Rad gefahren werden, es ist aber etwas tricky: Im Kopfsteinpflaster verliefen zwei Bänder aus glattem Stein, und natürlich wollten die Fußgänger, denen das doch eigentlich egal sein konnte, am liebsten auf denen laufen. Am Ufer sind stählerne Lastschiffe angekettet, ob die noch fahren oder nur dekorieren, ist unklar. Über der braunen Sandsteinmauer verläuft die Straße, und in der Mauer klaffen große kreisrunde Löcher. Irgendwelche Startup-Hipster haben dort Geschäfte und Bars reingebaut, und zwar indem sie einfach die komplette Öffnung mit einer runden Glasscheibe verschlossen haben, die sich aufdrehen lässt. Okay, das ist auf jeden Fall ein Blickfang, aber wie zur Hölle machen die das bei Sturm und in der kalten Jahreszeit mit dem Heizen?
Inzwischen war ich im Nové Město (Neustadt) angekommen. Wie in alten Städten üblich, ist die Neustadt jetzt nicht im engeren Sinne neu - mit anderen Worten: von 1348. Die hat der deutsch-tschechisch-römische Kaiser Karl IV. gegründet, ursprünglich als eine von vier unabhängigen Städten, die sich später zu Prag zusammenschlossen. Karl IV. war ein Luxemburger, denn die hatten die Přemyslíden durch Einheiraten abgelöst. Seine wichtigste Leistung für der Stadt war aber wohl nicht die Neustadt, sondern die Gründung der ersten Uni nördlich der Alpen.
So wie 1348 sieht die Neustadt längst nicht mehr aus. Die ganzen Barockbauten in Tschechien sind alle das Ergebnis der österreichisch-ungarischen Besatzung und waren anfangs eigentlich Fremdkörper in der Stadt - heute dagegen denkt bei dem Namen Prag jeder an diesen Stil. Das vielleicht bekannteste Gebäude der Neustadt ist aber noch neuer. Mit dem Tančicí dům (Tanzenden Haus) soll ein gemischtgeschlechtliches Tanzpaar dargestellt werden (links). Die Frau im Glaskleid schmiegt sich an den Mann, überragt ihn aber auch um einen Kopf bzw. eine Stahlkugel. So ganz scheint die Frage, wer die Hosen anhat, auch nach dem Mägdekrieg noch nicht ausgefochten zu sein.
Auch in Tschechien ist die Frage, wie man den knappen Raum in der Großstadt auf alle Verkehrsteilnehmer verteilt, ein zunehmend polarisierendes Thema. Und enger als in dieser beklemmenden Straßenschlucht mit Tunnel wird es heute nicht mehr. Da braucht es kreative Kompromisse, mit denen alle Verkehrsteilnehmer unglücklich sind, zum Beispiele diese halbverblassten, auf die Straße gepinselten Fahrradsymbole.
Diese Straßenschlucht umkurvt nämlich das touristische Herz der Altstadt an der Karlsbrücke und die bekannteste Stelle der Moldau, die sich kurz vor ihrer bekanntesten Stelle noch breiter auffächert. Damit es vor diesem Panorama auch ein bisschen nasse Geräuschkulisse gibt, rauscht ein Teil von ihr durch die Gitter eines Stauwehres (absolut unnötig, in den Selfies hört man das eh nicht und in den Reels übertönt es bloß die Stimmen der Sprecher).
Denn der wichtigste Verkehrsteilnehmer ist natürlich der touristische Fußgänger, der aus der Altstadt kommend in Horden auf die Brücke zudrängelt.
Damit wäre ich dann endgültig in der Hauptstadt angekommen.
Die letzten Male in einer Hauptstadt habe ich mir ja günstige Massenhostels gebucht, aber in Prag habe ich davon lieber Abstand genommen. Erstens ist Prag gerade bei der Zielgruppe dieser Unterkünfte als Party- und Destillationsdestination bekannt und zweitens brauchte ich einen Raum zum Ausschlafen und -kurieren, was sich mit der Geräuschkulisse der gerade erwähnten Form des Tourismus nicht wirklich verträgt. Kein Problem, im Mai waren auch noch spontan günstige Einzelzimmer mit Frühstück verfügbar, und auf eins davon verzog ich mich. Ende.
Moment. Was ist denn jetzt mit Karlsbrücke & Co.? Soll das etwa alles zu Prag gewesen sein?
Ehrlich gesagt geht mir der Hype um diese Stadt ein wenig auf den Keks. Oft genug habe ich im Gespräch mit Deutschen schon anhören müssen:
"Ah ja, Tschechien, ich war ja letztes Jahr auch wieder in Prag."
"Und warst du auch mal woanders als in Prag?"
"Wie woanders? Gibt es etwa noch andere Orte in Tschechien?!"
Ich habe ohne Witz mindestens zwei Bücher gesehen, die sich laut dem Titel mit Tschechien befassten, aber innendrin nie über die Prager Stadtgrenzen hinauskamen. Und das ärgert mich irgendwie, denn das hat kaum etwas mit dem Tschechien zu tun, das ich kenne. Tschechien ist deutlich weniger urbanisiert als Deutschland, ein Land der Kleinstädte und Großdörfer mit aktivem Gemeindeleben, in dem eine Metropole wie Prag die Ausnahme ist. Außerdem waren die Prager lange für ihre Unfreundlichkeit bekannt, nicht ganz zu Unrecht. Das hat sich mit dem Generationswechsel und den politischen Umbrüchen aber verschoben. Wie auch anderswo in Europa wurde die Hauptstadt jünger und zu einer Bastion gegen die Neurechten.
Wie auch immer, der Vollständigkeit halber also hier meine alte Anleitung
Wie man Prag an einem halben Tag anschaut
Sie möchten die Sehenswürdigkeiten der Weltstadt Prag, die eigentlich Praha heißt, sehen, haben aber nur einen halben Tag Zeit? Kein Problem. Folgen Sie einfach dieser
absolut todsicheren Anleitung. Es wird
garantiert gar nichts schiefgehen. Sie sehen das Wichtigste und können
allen sagen, dass Sie in Prag gewesen sind.
Abschnitt 1:
Steigen Sie aus dem Zug. Wenden Sie sich in der Bahnhofshalle nach rechts und probieren Sie in dem Restaurant rechts des Haupteingangs (falls es das noch gibt) Knödel in allen Varianten, die sind super. Sie haben keinen Hunger? Egal, trotzdem. Verlassen Sie dann den Hauptbahnhof gehen Sie nach links in Richtung Václavské Náměstí (Wenzelsplatz). Falls Sie merken sollten, dass Sie ihre Verpflegung
vergessen haben, ist es sinnvoll, sich jetzt schon in dem kleinen Laden
mit der netten asiatischen Verkäuferin einzudecken, denn später wird es
sehr, sehr teuer.
Falls Sie sich mit jemandem verabredet haben, warten Sie unter dem
Schwanz vom Pferd der Statue des Heiligen Václav (Wenzel), dem frommen König, der von seinem Bruder ermordet wurde. Prager
treffen sich immer "unterm Schwanz". Das ist quasi deren Weltzeituhr.
Gehen Sie ins riesige Nationalmuseum an der Stirnseite des Platzes und bewundern Sie das ausgestopfte Mammut in der Eingangshalle. Aber nicht zu lange bitte! Um alle Präparate in den endlosen Vitrinen anzugucken und die Mutter des Mammuts zu finden, bräuchten Sie einen halben bis ganzen Tag.
Abschnitt 2:
Beeilung jetzt! Sie müssen zur vollen Stunde auf dem Staroměstské Náměstí (Altstädter Markt) sein, wo die Aposteluhr am Rathaus schlägt. Verrenken sie sich in einer riesigen Menschenmenge den Hals, um auch die kleinen drehenden Figürchen zu erkennen. Ignorieren sie nach Möglichkeit das Baugerüst. Passen Sie auf Taschendiebe auf!
Bei der Gelegenheit können Sie auch noch einen Blick auf das exorbitant große Denkmal werfen. Ist das für die Befreiung von den Sowjets? Nein, für den Reformator Jan Hus, also auch etwas mit Widerstand.
Abschnitt 3:
Gehen Sie als nächstes zur Karlsbrücke. Laufen Sie dabei in die komplett
falsche Richtung bis zum Pulverturm, kehren Sie dort um und irren Sie
noch eine Weile durch die Straßen.
Finden Sie irgendwann zurück zum Rathaus und schlagen Sie diesmal die
richtige, genau entgegengesetzte Richtung ein. Streifen Sie durch einige
Gassen und Durchgänge, immer geradeaus. Ignorieren Sie die über und
über mit Schlüsselanhängern und Magneten behängten Souvenirläden, die
aus irgendeinem Grund alle gleich aussehen.
Kurze Zeit später stehen Sie auch schon auf dem Karlův most (Karlsbrücke).
Wie, Sie wollen nicht nur die Standard-Sehenswürdigkeiten sehen, sondern auch was anderes? Oho, der feine Herr will es wohl intellektueller. Gut, dann schauen Sie eben im Smetana-Museum. Das ist versteckt in der hintersten Ecke der Halbinsel, auf der die Karlsbrücke beginnt, hinter den ganzen Restaurants, und das heißt, Sie sind der einzige, der sich dahin verirrt. Der Standort ist perfekt für den Mann, denn hinter den offenen Fenstern rauscht sein bekanntestes Werk vorbei. Als er das geschrieben hat, war er schon zu taub, um die Moldau (weder den Fluss noch seine Musik) zu hören. Er auch die Libuše-Sage veropert und insgesamt seinen Ton dazu beigetragen, dass die Idee einer tschechischen Nation die dreihundertjährige österreichische Besatzung überlebte.
Falls Sie aber hoffen, hier einen Überblick über das Leben und Werk des Mannes zu bekommen, muss ich Sie enttäuschen. Das ist kein Anfängermuseum - erst mal zeigen Sie gefälligst, was Sie schon über den Komponisten wissen! Erraten Sie bei dem Spiel auf dem Display, welche Oper Smetanas abgespielt wird. Lernen Sie dann anhand zahlreicher Originaldokumente Nischenwissen über die Bühnenbilder seiner Opern oder zusammenhanglos platzierte Orte seines Lebens. Aha, er war also in Göteborg, aber wieso? (Als politischer Flüchling vor dem österreichischen Absolutismus.)

Ganz wichtig: Begrapschen Sie den heiligen Nepomuk!
Und dann weiter, Sie müssen ja noch hinauf zur Burg (im Hintergrund).
Abschnitt 4:
Überqueren Sie am anderen Ufer den Marktplatz das Malostranské Náměstí (Kleinseiten-Marktplatz). Die sogenannte kleine Seite war in erster Linie die feine Seite, bewundern Sie die vornehmen Bürgerhäuser der einstigen Elite.
Steigen Sie dann eine sehr lange Treppe hoch. Stellen Sie fest: Die Kleine Seite ist nicht nur klein, sondern auch hoch. Machen Sie Fotos und genießen Sie den Blick auf das Häusermeer, nicht zu lange natürlich.
Passieren Sie eine Flughafenkontrolle. Sollten Sie zufällig einen terroristischen Anschlag auf den tschechischen Präsidenten planen, ist es ratsam, hier umzukehren, wenn Sie nicht gefasst werden wollen. Betreten Sie die Prager Burg Hradčany, die gleichzeitig auch ihrem Stadtteil den Namen gegeben hat. Sie besteht aus riesigen, gelbweißen und rechteckigen Innenhöfen und hat so gar nichts mit den klassischen Burgen an der Moldau gemein.
In einem der Höfe steht die Katedrála svatého Víta (Veitsdom). Versuchen Sie vergeblich, sie ganz auf ein Foto zu bekommen. Dieser gotische Dom ist absurd riesig und wirkt wie ein Fremdkörper. Was sie ursprünglich auch war. Es war der Heilige Václav vom Wenzelsplatz am Anfang, der hier als erster eine Kirche anstelle eines heidnischen Heiligtums platziert hat, als das tschechische Christentum noch am Anfang stand und nur beim Adel verbreitet war.
Durchstreifen Sie die Burg. Benutzen Sie eine Navigationsapp, wenn Sie den versteckten Zugang zur Zlatá Ulička (Goldenes
Gässchen) finden möchten. Gehen Sie da am besten zwischen 17 und 18 Uhr rein. Dann muss man keinen Eintritt mehr bezahlen, es haben aber trotzdem vielleicht noch manche der Shops und Minimuseen offen. Es ist noch vor 17 Uhr? Dann überlegen Sie halt, ob ihnen die Fachwerk- und Alchemistengasse den frechen Preis wert ist. Falls Sie ein armer Zeitreisender aus dem 19. Jahrhundert sein sollten, schütteln Sie den Kopf, dass man an der heruntergekommenen Absteige, in der sie damals hausen mussten, jetzt nur für das Betreten und Anschauen der Straße Geld bezahlen muss.
Gucken Sie sich die Stadt dann zusammenfassend noch einmal schön von
oben an - falls Sie es schaffen, ein paar andere Touristen von dieser
Mauer wegzudrängen. So sehen Sie dann auch gleich alle anderen Sehenswürdigkeiten, die Sie nicht geschafft haben.
Steigen Sie anschließend wieder so eine ewig lange Treppe hinab, danach eine ewig lange Rolltreppe, dann in die U-Bahn, die Sie wieder zurück zum Hauptbahnhof bringt. Oder woandershin, falls Sie merken, dass Sie nach diesem schnellen Ritt sogar noch Zeit übrig haben.
Achten Sie darauf, dass Sie wirklich das richtige Ticket kaufen, denn die vergilbten Schilder neben den Knöpfen zeigen nicht zwingend das richtige an, sondern werden im Zweifelsfall durch einen Aufkleber an der Seite des Automaten ersetzt. Falls die eigenwilligen Automaten gar nicht wollen, hilft im Zweifelsfall ein beherzter Tritt. Zumindest war das früher so, bei der Ticketapp funktioniert diese Strategie vermutlich eher nicht.













































