07 April 2026

Flöha: Von Nové Město nach Hetzdorf

Mein erstes Mal mit dem Fahrrad in einer tschechischen Regionalbahn war abenteuerlicher als alles, was die darauffolgende Radtour zu bieten hatte. Ich war gerade mit dem Moldau-Radweg fertig und wollte nun hinauf auf die tschechische Seite des Erzgebirges (Krušné hory), um von dort aus bequem nach Deutschland reinzurollen. So konnte ich die verbleibenden Puffer-Urlaubstage nutzen, noch einen weiteren Nebenfluss mitnehmen und mir Grenzkontrollen mit skeptischer Begutachtung wegen Wildcamping-typischen Auftretens ersparen.
Was war nun abenteuerlich an der Zugfahrt?
  • Online fand ich die Funktion zum Fahrradkartenkauf nicht. Der Schalter öffnete fünf Minuten vor Abfahrt des Zuges. Als ich den Bahnhofsnamen Mikulov-Nové Město nannte, fragte die Dame entgeistert: "Wo?"
  • Der erste Zug hatte keine Fahrradabteile, das Rad stand im Vorraum vor den Türen möglichst so schräg, dass es niemanden störte.
  • Beim Umsteigen in Ústí nad Labem galt es drei hohe Stufen und dann noch einen halben Meter Abgrund zu überwinden, bis irgendwo da unten irgendwann mal der Bahnsteig kam. Mit den schweren Packtaschen packte ich das nicht, verlor das Gleichgewicht und stürzte, landete aber immerhin weich auf besagten Packtaschen. Mein neues Rad landete weniger weich und verlor eine Speiche.
  • Im zweiten Zug (Fahrtziel Moldava) kannte man den Bahnhofsnamen immerhin. "Ach da, ja, dann sag ich dem Lokführer Bescheid, dass er da kurz hinterm Tunnel anhält. Das ist ein Bedarfshalt, aber wir haben leider keine Knöpfe für so was." Die Tür zum Führerstand war stets offen, und der Lokführer plauderte angeregt mit der Schaffnerin und seinem per Telefon zugeschalteten Kumpel.
  • Nach dem vertrauten Panorama des Elbtals tuckerten wir durch unscheinbare Ebenen voller Dörfer und Industriestädte, bis sich der Zug in die Wipfel des Erzgebirges hochschraubte. Urplötzlich öffnete sich auf einer Brücke ein unglaublicher Blick durch ein verwunschenes Tal bis hin zum fernen verwaschenen böhmischen Mittelgebirge, für eine Sekunde wähnte ich mich in einem südostasiatischen Regenwald. Nach jeder dieser Brücken folgte ein Tunnel, der eher an eine Mine erinnerte, anscheinend mit bogenförmigen Stützen aus Holz.
  • Der Zug wurde langsamer und langsamer. Plötzlich stürzte die Schaffnerin den Gang runter und verscheuchte die Kinder einer Fahrradfamilie. "Tschuldigung, ich muss mal kurz an den Schrank hier. Nein, ich hab Quatsch erzählt, an den anderen Schrank!" Sie riss ihn auf, drehte irgendeinen Knopf und schaltete so offenbar irgendwie zusätzliche Energie für den Anstieg frei, gerade noch rechtzeitig, bevor die Bahn zum Stehen kam. 


Ookay, aber kommen wir nun zum heutigen Fluss. Die Flöha entsteht nicht weit vom Bahnhof entfernt aus einem obskuren Torfmoor (auf Tschechisch rašelniště) mit dem internationalen Namen PR Grünwaldské vřesoviště. Es besteht aus Birken, Tannenbäumchen, grünem Gras und gelben Gras. An der ersten Stelle, die man betreten darf, ist die Flöha bereits zu einem stattlichen Bach angeschwollen. Der sumpfige Bereich ganz hinten, aus dem er kommt, heißt Tetřeví tokaniště. Auf einer felsigen Grundlage, die nirgendwo zu sehen ist, ist am Ende der letzten Eiszeit ein ebenso nasser wie lebendiger Lebensraum entstanden. 1989 (also quasi auch am Ende der letzten Eiszeit) wurde der geschützt, 2016 nochmal deutlich erweitert.

Der althoschdeutsche Name Flöha bedeutet fließen (wie bei jedem zweiten Fluss), waschen oder spülen (oh, das ist neu). Auf tschechisch heißt sie Fláje, am Anfang aber noch Flájský potok (Flöhabach). Den bekam ich erst mal nicht zu sehen, also kehrte ich von den Betonplatten zurück auf die Straße.

Und dort bot sich ein komplett anderes Bild, nämlich: Nichts.
Leere.
Na schön, manchmal waren auch die fernen Täler zu sehen, und einmal die Ruine eines Gutshauses. Aber es gab auf jeden Fall Zeiten, da sah ich nichts außer einer Kette absolut grüner, absolut leerer Hügel mit absolut nichts drauf außer Grashalmen und einer Linie Asphalt. So habe ich das tschechische Grenzgebirge noch nie erlebt. Nur ein Tal weiter entspringt die Freiberger Mulde, und da sieht die Landschaft ganz normal aus. Wie schnell sich so was ändern kann!


Es änderte sich dann auch schnell, als ich in die Tannenbäume eintauchte. Denn ab da herrschte nämlich Leere mit Tannenbäumen (einmal sogar mit Felswänden). 
Übrigens war diese Strecke trotzdem alles andere als ausgestorben. Minutenlang war ich allein, dann marschierte auf einmal eine riesige Wandergruppe in Warnwesten vorbei, oder eine Damen- und Herrengruppe aus Rennradlern, oder ein tschechisches Ehepaar, das sich an einer Wendeschleife anschrie. ("Wo fährst du hin?!") Ich blieb kurz stehen, hörte zu und richtete dabei mein Schutzblech, welches vom Sturz aus der Regionalbahn noch immer hörbar irritiert war. Fahrradwegweiser weisen zur Chata Barbora, inklusive einer kleinen Zeichnung der Berghütte.

Mit einem Mal blitzt hinter den Nadeln eine große graue Fläche durch - nein, nicht der Himmel, sondern sein Spiegelbild in der vodní nádrž Fláje (vielleicht nach dem Fluss benannt, vielleicht aber auch nach dem gleichnamigen versunkenen Dorf).

Am Ende bekam ich den See auch noch in voller Breite zu sehen, als ich über die Staumauer geradelt bin. Bis 1966 litt die Region unter einer schlechten Organisationsstruktur der Wasserwirtschaft, in der jede politische Bezirk sein eigenes Ding drehte, Wassermangel und katastrophalen Hochwassern (auch wenn die an der Flöha ja eigentlich hauptsächlich auf die deutsche Seite gelaufen sein müssten). Die Lösung: Ab jetzt kümmerte sich der Staatsbetrieb Povodí Ohře um 23 Staudämme auf verschiedenen Nebenflüssen der Elbe.

Weil es an Beton mangelte, wurde die Mauer als Pfeilermauer gebaut. So spart man sich 30 Prozent des Betons, und zwischen den Pfeilern im Innern der Mauer stecken noch heute unsichtbare Hohlräume, geformt wie Kirchenschiffe, und ähnlich groß. Das klingt zwar erst mal nach sozialistischem Pfusch, aber das Vorbild war hier die Schweizer Staumauer Lucendro (Typ Noetzli), die schon 1947 so gebaut wurde und noch immer hält.

Heute ist der See hauptsächlich dafür zuständig, eine große Region bis hin zu Ústí an der Elbe mit Trinkwasser zu versorgen. Das erklärt dann wohl, warum ich bisher nicht ans Ufer randurfte. Das Wasser hat eine besonders gute Qualität und wird ständig geprüft, versichert ein Schild, gefolgt von dem eigenartigen Hinweis: Sollten Sie also an das öffentliche Trinkwassernetz angeschlossen sein, müssen Sie sich sinngemäß keine Sorgen machen.

 
An der verschmälerten Flöha dürften zunächst nur die Wanderer wandern, die Radler müssen erst einmal den großen Höhenunterschied der Staumauer abbauen (nicht, dass ich mich beschweren möchte, huii). Nach einer Weile durfte dann auch ich dem sprudelnden Steinflüsschen unter den Nadeln und Knospen Gesellschaft leisten.


Jetzt fehlen eigentlich nur noch ein paar Ortschaften, die am Fluss liegen. Und da kommt auch ein Doppeldorf, nämlich Český Jiřetín/Deutschgeorgenthal. Wer genau hinsieht, erkennt auch schon, dass in diesem Namen eine Grenze verläuft.
Grenzkontrollen gab es nicht, für die Einhaltung der Verkehrsregeln sorgt dieser flache Polizist, dessen Klone in regelmäßigen Abständen auf der tschechischen Seite stehen.

Die Grenzbrücke über die Flöha (hinten) ist eher unscheinbar, aber kurz davor macht die Grenze doch noch mal auf sich aufmerksam.
KAUFHAU GEMISCHTE WARE - SCHUHE - RUCKSACK - KLEIDUNG - ZIGARETTEN - ALKOHOL - GETRÄNKE - SÜß WAREN alles zu einem super guten Preis
Bisher kannte ich solche Texte eher von der polnischen Grenze, die tschechische war da an den Stellen, die ich befahren habe, immer deutlich zurückhaltender. Für meinen Bedarf bot dieser absolut seriöse Laden nur die letzte Kofola und ungesunde Snacks wie Erdnüsse in Teigmänteln mit Käse- und Bacongeschmack. 

Auf deutscher Seite folgt gleich der nächste Stausee - eine sehr ausladende Brücke mit roten Geländern schlängelt sich über der Talsperre Rauschenbach dahin. Leere Landschaften, die eigentlich nicht viel enthalten und trotzdem den Blick fangen - das kann die Flöha.

Die Staumauer ist dann eher unauffällig und darf nicht betreten werden.

Danach ist das Flöhatal noch immer eine sehr breite und eher unscheinbare Angelegenheit. Jemand hat die immergleichen Wiesen von der Hochebene am Anfang genommen und zwischen den immergleichen Wäldern ausgerollt. 

 

Die Dörfer und Vorgärten sehen aber oft richtig schön aus, und es macht alles einen idyllischen Eindruck - nur eben nicht den Eindruck einer Landschaft, die man zwingend gesehen haben muss.

In den örtlichen Weihnachtspyramiden sind alle Verkehrsteilnehmer vertreten, auch die Radfahrer,

Ab Hirschberg gibt es Bahngleise, und ab Olbernhau-Grünthal sogar Bahngleise, auf denen Bahnen fahren. Auf den Bergen und in den Innenstädten verstecken sich weiße Türme von Kirchen oder Schlössern, manche sogar noch in einer annähernd böhmischen Zwiebelform.

Immer wieder zweigen Mühlengräben oder Floßkanäle von der Flöha ab, die noch mit den alten Steinmauern und Holzbarrieren durch die Dörfer plätschern.
Die Flöha war mal einer der fischreichsten Flüsse Sachsens, sogar die Lachse aus dem Atlantik stiegen bis ins Erzgebirge hoch. Das änderte sich durch... den Menschen klar, Fischerei, Industrie, Wehre, blabla, aber auch... Kormoraneinfall? Wie nett, endlich ist der Mensch mal nicht allein schuld.

Dann beging ich einen Fehler. Auf einem kurzen Abschnitt gab es im Tal weder Straße noch Radweg. Der Flöhatalradweg leitete mich aus dem Tal raus, hinauf zur dritten Talsperre Saidenbach, an der ein Nebenfluss gestaut wird. Ich hatte aber langsam genug von Stauseen und Steigungen, darum kam ich auf die grandiose Idee, ob ich mich nicht auf dem Wanderweg trotzdem irgendwie durch das Tal mogeln könnte, der läuft auf der Karte ja schließlich mehr oder weniger parallel zu den Höhenlinien, also meistens.
Großer Blödsinn. Ich fluchte und hievte mich die Camelbacks dieses schmierigen grauen Pfades rauf und runter, und sparte dabei im Vergleich zur offiziellen Route eindeutig weder Zeit noch Kraft ein.

Der Rest der Route gab sich dann aber alle Mühe, um das auszugleichen. Endlich erkannte ich doch noch ein paar Parallelen zur parallelen Freiberger Mulde, denn jetzt durfte ich häufig zwischen Felswand und Fluss radeln, oft auf Nebenstraßen, manchmal auch auf eigenen Radwegen. Auf einer Insel im Fluss stand eine Reparaturstation mit Werkzeug an Drahtseilen, die ganz unkompliziert von einer Infotafel baumelten. Ich kam vorbei an alten Industriegebäuden und einer perfekten Schutzhütte und bedauerte fast, dass es noch nicht Abend war. 

Verweile doch... mit diesen Worten lud mich ein internationales Kunstprojekt auf eine Reihe deutsch-tschechischer Bänke ein. Die Künstler haben die Bänke mit einem Schachbrett in der Mitte oder auch mit irgendeinem undefinierbaren Korallen-Dingsbums ausgestattet, aber alle hatten anscheinend die Vorgabe bekommen: Bitte in möglichst hässlichem Beton. Nur eine Holzbank ein paar Kilometer weiter widersetzt sich dieser Regel, und passenderweise sind in das Holz die Worte Ich mach mein Ding eingraviert.

Tierisches Fatshaming betreibt dieser Bauernhof: Den Esel Carlos und das Zwergzebu Inora soll man bitte nicht füttern, denn wir sind schon ziemlich dick!


Die Strecke wurde immer flacher und angenehmer, aber auch die Felswände zogen allmählich wieder zurück. Nur noch ein einzelner Stein hielt im Fluss wacker die Stellung. Und ließ damit völlig offen, was für ein Anblick mich wohl hinter der nächsten Biegung erwartete.

06 April 2026

Zschopau: Von Flöha nach Limmritz

So, heute beende ich endlich die Zschopau. Die Berge sind doch schon niedriger geworden, also wird es wieder etwas leichter, oder?
Nope, es bleibt steil. An dieser Stelle sogar so steil bergab, dass ich befürchtete, mein Hinterrad würde gleich von der Fahrbahn abheben und mein Vorderrad über meinen Kopf hinweg überholen. Mit anderen Worten: Ich war kurz davor, tatsächlich auf das Radfahrer-absteigen-Schild zu hören.

Die sehr steilen Kleingärten haben eigene Standseilbahnen, um Dinge in ihre Lauben zu transportieren.

 
Aber der Weg wird jetzt auch dreifach kreativ. Es handelt sich nicht einfach nur um den Zschopautalradweg und Zschopauwanderweg, sondern auch noch um den Industrie- und Geschichtslehrpfad, den Purple Path und den Trink- und Scherzliederweg.
An ausgewählten Felsbrocken hängen Platten mit Liedtexten. Manche wie das im Bild sind bundesweit bekannt, andere sind in erzgebirgischem Dialekt verschlüsselt oder handeln davon, wie der Brautpaar während seiner Hochzeitsfeier immer wieder ungeduldig auf die Uhr guckt, wann es denn nun angemessen ist, sich zurückzuziehen.

Der Purple Path ist eine Freiluftgalerie, für die sogar großflächig auf der Erzgebirgsbahn geworben wird und die ganz stark an den Vechtetalradweg erinnert. Nicht nur wegen des Kunstwerks, sondern vor allem wegen der riesigen lila Säulen, welche lang und breit die Bedeutung des Werks erklären.

Das Floating Home von Karolin Schwab ist eine Immobilie, die im Dach, den Wänden und besonders im Boden einige undichte Stellen aufweist, und so ist es kein Wunder, dass sich im Keller ein massiver Wasserschaden gebildet hat. Aber dafür sollen sich zwischen den roten Vierkantrohren im Laufe der Jahreszeiten immer neue Aussichten bilden. Andere Kunstwerke habe ich nicht gesehen, wahrscheinlich verläuft der Purple Path größtenteils doch woanders.

 
Nicht so schlimm, dafür läuft der Industrielehrpfad lange an der Zschopau entlang. Kleine Kameras zeigen Fotos der längst abgerissenen oder stark umgebauten Gebäude. Hier stand zum Beispiel eine Pickerfabrik von 1874, die sich auf Spezial-Chromleder für mechanische Webstühle spezialisiert hatte. Die waren so wichtig, dass die DDR sie unbedingt verstaatlichen wollte, aber auch so einflussreich, dass der Staat bis 1961 brauchte, um eine staatliche Beteiligung zu erzwingen, und nochmal bis 1972, um die Eigentümer komplett zu verdrängen. Mit der Einführung der D-Mark 1990 war es mit der Firma vorbei, heute steht nichts mehr davon.

Auch ein kleiner Fluss wie die Zschopau wird manchmal mit Fischtreppen ausgestattet, die sogar hübscher aussehen als bei so manchem großen Fluss.

Dieser Garten verfügt über einen besonders kuriosen Schilderwald. Als einfaches Mittel der Distanzierung wurde das DDR-Schild kopfüber angenagelt. Nebenan hatte jemand mit Edding hinten auf ein stark zerbeultes Auto die Worte AMG Stauanfang - Unfall? gekritzelt.


Aus dem Tal raus, den Berg rauf, und wieder runter... nein, der Zschopau-Radweg bleibt anstrengend, und so ganz überzeugt hat er mich diese zusammengestückelte, lückenhafte Route dann doch nicht.

Auf einem der letzten Berg-Ausflüge ist zu sehen, wie... nein, jetzt noch nicht, erst wieder ein bisschen runter, und in diesem engen Tal erst recht nicht, also wieder hoch, ah, jetzt... wie die Zschopau zur Talsperre Kriebstein angestaut wird. Dieser waldreiche, unauffällige Stausee hält sich bedeckt.
 
Auch Burgen und besonderen Bauwerken gibt es noch ein bisschen was zu sehen: Da ist dieser verfallene Burgturm am Wegesrand,...

 

 ...ein ungewöhnlich schönes Stauwehr...

 

...und schließlich die Burg Kriebstein, die sicherlich beeindruckendste Burg an der Zschopau.

Ganz zum Schluss kam dann unerwartet doch noch etwas, das mehr oder weniger nach einer richtigen Stadt aussah, und zwar sogar nach einer schönen. In der Altstadt von Waldheim gab es zwar keine Supermärkte, die standen beide weit außerhalb, aber zumindest einen Rossmann, der 1-Liter-Getränkeflaschen verkaufte.

Noch ein letzter Anstieg, und dann kam auch schon das Tal der Freiberger Mulde bei Döbeln in Sicht. Der nächste Bahnhof liegt in Limmritz. Bleibt nur noch die Frage, ob von der Mündung da unten mehr zu sehen ist als zwei Täler, die aufeinander stoßen. Und ob ich, falls ich da ganz nach unten fahre, noch rechtzeitig wieder hoch zum Bahnhof komme für den nächsten Zug.

Die Antwort auf beide Fragen lautete: Ja. Ich musste mich nicht mal auf den wilden Pfad am Ufer bemühen, schon von der Bundesstraßen-Brücke aus war der Zusammenfluss zu erkennen. Oder? Jup, die beiden fließen laut Karte schon vor der Eisenbahnbrücke zusammen, also muss es die Stelle da auf dem Bild sein.


05 April 2026

Zschopau: Von Crottendorf nach Flöha

Die erste Stadt, die wirklich an der Zschopau liegt, heißt Schlettau und sieht nett aus.

Besonders das Schloss Schlettau, ein altehrwürdiger weiß-gelber Kasten in einem kleinen Park, wo sogar der ehemalige Graben grün ist. Von den verschiedenen Ausstellungen habe ich mir eine angeschaut, die sich in einem Nebengebäude (im Hintergrund mittig) versteckt.

 
Hier geht es um eine Kernkompetenz des Erzgebirges: Das Schnitzen. Gegen eine kleine Spende darf sich jeder ansehen, was unter einem Erzgebirgsmesser so alles entsteht.
Ich fragte im Gastraum im Erdgeschoss nach der Ausstellung, und sofort lief eine Dame nach oben und knipste nacheinander alles an. Und wieder aus, sobald ich den Blick von dem entsprechenden Teil der Ausstellung abgewandt hatte. Zum Glück kamen bald noch andere Besucher, damit das nicht alles ausschließlich für mich lief.
Die berühmten Weihnachtspyramiden (im Hintergrund mittig) drehten sich nicht, und auch die sogenannten Zahnwehmänner standen starr in der Vitrine und hielten sich mit leidendem Gesichtsausdruck ihre Backen. Aber in den Weihnachtsdörfern blinkte, leuchtete und rauschte es, Loren, Figuren und Kutschen drehten sich durch die Gegend.
Für alle, die das nicht kennen: Ein Weihnachtsdorf ist im Prinzip eine Weihnachtskrippe, aber in der Ultra Extented Edition. Also ein Tisch voll riesiger Figuren, die so gut wie alles darstellen, was irgendwie in der jeweiligen Region oder Folklore vorkommt, und wer alles ganz genau absucht, der findet, auch wenn das historisch null Sinn ergibt, mittendrin einen Stall mit Maria, Josef & Co. Man spielt also im Prinzip Wo ist Waldo? mit dem Jesuskind in 3D.
So ein Weihnachtsdorf klingt nach ner ganzen Menge Arbeit. Ich hatte aber keine Gelegenheit, den Schöpfer zu fragen, wie lange er denn für so ein Weihnachtsdorf (klein, mittel, groß, ganz groß) braucht.

Ganz besonders zieht sich das Thema Bergbau durch die Ausstellung. In einem aufgeschnittenen Modell eines Buckelbergwerks buckelten die Bergleute auf der Suche nach Silber, Eisen und Erz mechanisch durch die Gänge. Auch in den Weihnachtsdörfern ist der Bergbau präsent, dort aber eher folkloristisch verklärt durch zwergenähnliche Gestalten.



Sogar eine der Rasthütten ist mit Schnitzereien gestaltet.

Jetzt kommt der Teil des Zschopautals, der Teil, bei dem ich verstanden habe, warum der Radweg als schön gilt. Diese enge Schlucht zwischen zwei senkrechten Fels- und Waldwändern macht wirklich was her. Dabei war es bei dem geringen Verkehr auch gar nicht so wichtig, ob ich auf einer erhöhten Straße...

...oder einem erhöhten Waldweg fuhr. Der Fluss rauschte sowieso tief unter mir dahin, alle paar Biegungen mit einer alten Getreidemühle, die laut Schild auch mal als Frauengefängnis, Baumwollspinnerei und Schokoladenfabrik (daher also vorhin der Schokoladenweg) gedient hat. Sehr schön, dann müsste ich doch jetzt bald... was, das waren erst 6 Kilometer?! Wieso komme ich trotzdem nicht voran.
Weil mein Knie, auch wenn ich es zu ignorieren versuchte, sich inzwischen sogar bei fast optimal flachen Wegstrecken zu beschweren begann. Und wieso ist mein Handy schon leer?

Das Panorama von Wolkenstein ist ein Blickfang, denn unter dem Schloss steht ein historischer D-Zug herum. Darin befindet sich jetzt das Wolkensteiner Zughotel, ein Wagen dient als Restaurant, einer auch als Imbiss mit Außenanlagen. Der sieht am wenigsten so aus, als könnte er jemals wieder losfahren.

Frustriert über mein Tempo verzog ich mich in die Bäckerei direkt gegenüber, um mein Handy und mich etwas zu laden. Die Bäckereifachverkäuferin war wirklich vom Fach, denn sie deutete meinen enttäuschten Blick auf den Süßkram in der Auslage sofort richtig: "Sie wollen etwas Herzhaftes? Ich kann Ihnen eine Bockwurst machen." 

Wenn dir der Wegweiser die Wahl lässt zwischen über S228 und über "Schiebestrecke", dann weißt du, dass die nächsten Kilometer nicht leicht werden. Vor allem dann, wenn die Schiebestrecke über eine Alte Poststraße geht, die schon 1850 ersetzt wurde durch eine "bezüglich der Steigungsverhältnisse" günstigere Route.
Ich wählte das geringere Übel und fuhr auf Straßen rauf und runter, aus dem Tal raus und wieder rein, immer wieder mit jeder Menge Kuren, welche die Strecke verlängern.

Inzwischen ragte alle paar Kilometer ein Schloss über einer Flussbiegung auf, aber ich war nicht mehr in der Lage, mich daran groß zu erfreuen. Außer am Schloss Wildeck, denn erstens ist das ragt das besonders breit und eindrucksvoll über der Stadt Zschopau auf und zweitens sollte der Weg hier bald flacher werden. Ein bisschen zumindest.

Bald darauf war mir tatsächlich ein direkter Flussuferweg in einer Parklandschaft vergönnt. Aber ewig hielt das nicht an, bald folgte die nächste Steilstraße.

So hatte das keinen Sinn mehr! Das Ende der Zschopau war heute nicht mehr zu erreichen, schon gar nicht in diesem kniebedingten Tempo. Was ist denn nur los?
In der Stadt Flöha, wo die Flöha mündet, habe ich den Tag also abgebrochen. Die längliche Stadt zieht sich komplett an den Flüssen und Hauptstraßen entlang. Auf der einen Seite sehen die Häuser hinter der Straße ja noch ganz normal aus. Auf der anderen liegen weitere Burgen, diesmal aber ebenerdig, im modernisierten Zigel-Industrie-Look und mit ganz neuen Adelshäusern namens POKKO PENNY REWE.