13 September 2026

Kinzig: Von Sterbfritz nach Hanau

Es war einmal ein Reitersmann, der kehrte nach langem Kriege zurück mit seinem Gaule, der ihm treu gedient hatte. Das Pferd war alt und schwach, darum führte er es am Zügel. Als er im Kinzigtal über den Distelrasen steigen wollte, da sträubte sich das matte Rößlein und ging nicht mehr vom Fleck. Da nahm ihm der brave Soldat auch noch den Mantelsack vom Rücken und rief ihm zu: "Komm Fritz! Komm Fritz!"

Mit letzter Kraft gelangten sie an die Quelle, wo das Wasser der Kinzig eifrig aus einem Rohr in der Mauer sprudelte in ein Bachbett, in dem bis dahin nur ein träger Wasserfilm lag. Aber dort gingen dem Tier die Kräfte dann vollends aus. Es stürzte nieder und kam nicht mehr auf die Beine. Da streichelte ihm sein Herr den Hals, schaute ihm in die Augen und sagte "Sterb Fritz! Kannst doch nicht mehr weiter, armer Kerl." Und das treue Rößlein streckte sich und starb. Vom Zuruf des Reiters haben zwei Dörfer ihre Namen bekommen: Gomfritz und Sterbfritz (ganz in der Nähe von Vollmerz).

Nur wenige Meter das Tal hinunter enden die Felder, und die Häuser von Sterbfritz beginnen. Es war Jahrhunderte später im Jahr 1992, als die Menschen beschlossen, in diesem Tale Hessens längstes Straßenfest zu veranstalten, das da hieß Kinzigtal total. Und es war 34 Jahre später, als der Tag des Festes erneut anbrach. Die Besucherzahl war auf die Hälfte gesunken, die Sonderzüge der Bahn fuhren nicht mehr und wurden auch nicht benötigt, das Wetter war schlecht, im letzten Jahr war das Fest wegen der Terroranschläge gar ganz ausgefallen. Und die Veranstalter plagte noch eine andere Sorge: Wenn wir Sterbfritz in die Broschüre schreiben, riskieren wir dann eine Strafanzeige des Bundeskanzlers? So benutzten sie zur Sicherheit immer nur den Namen der übergeordneten Gemeinde Sinntal, auch wenn das Fest nun gerade nicht im Sinntal stattfand.

Es war einmal ein Mannheimer Erfinder namens Karl Drais, der erfand eine Laufmaschine, die sich nicht durchsetzte (vorne rechts). 50 Jahre später tauchte die Idee in England und Frankreich wieder auf, gefördert durch den Gedankenaustausch in Fachzeitschriften. Leonardo da Vinci und Karl Drais hatten die richtige Idee zur falschen Zeit gehabt. Aber diesmal kam sie genau zur richtigen Zeit: Das gehobene Bürgertum war sportaffin, durch das Rollschuhlaufen geübt im Balancieren und durch die Industrialisierung ein Fan von allem, was irgendwie neu und technisch war.
Wahrscheinlich war es der Wagenschmied Pierre Michaux, der in den 1860ern in Paris zum ersten Mal ein Tretkurbelvelociped auf den Markt brachte (vorne links). Es hatte Pedale, die aber direkt am Vorderrad steckten: Einmal treten entspricht genau einer Radumdrehung. Ketten gab es noch nicht, Gummireifen dagegen schon (aber ohne Luft drin).

Wenn einmal treten eine Umdrehung ist, wie macht man die Dinger dann schneller? Logisch: Die Räder größer machen! Englische Männer übernahmen die Führung in der Fahrradentwicklung und rasten mit Hochrädern um die Wette. Und das extreme Verletzungsrisiko? Ach was, no risk, no fun!
Eigentlich waren auch schon sichere Niederräder erfunden, die statt größerer Räder eine Kette benutzten. Aber die Hochrad-Machos verachteten sie als unmännliche "Kriecher". Zum Umdenken brachte sie nicht die höhere Sicherheit, sondern erst ein Niederrad-Rennen, bei dem alle 14 Teilnehmer die Bestzeit vom letzten Hochradrennen überboten.

Auch dann war noch ein weiter Weg, bis für die Nachfahren des Tretkurbelvelocipeds ein eigenes 60 Kilometer langes Volksfest veranstaltet werden sollte, auf dem dann die Urahnen der Fahrräder in einer mobilen Ausstellung des Deutschen Fahrradmuseums in Sterbfritz präsentiert werden. Dazwischen entstanden noch allerhand haarsträubende Konstruktionen, die zunächst auf der Suche nach der Gangschaltung waren. Zum Beispiel dieses Ding mit vier Gängen, bei dem man die Pedale nicht dreht, sondern in einer verwirrenden Pumpbewegung ständig rauf- und runterdrückt, wobei sich auch der Sattel eifrig mitbewegt (links). Dieses Rad konnte auf einem Parcours ausprobiert werden, zusammen mit einem "Nebeneinandem" (rechts) und einem etwa knöchelhohen Minifahrrad. Das Hochrad war noch abgeschlossen und wurde wohl nur auf besonderen Wunsch freigegeben, vermutlich zu recht. Das Mini-Hochrad daneben ließ sich gut fahren, aber dort konnte man sich ja auch jederzeit mit den Beinen am Boden abstützen. Eine besonderer Meilenstein der Fahrradgeschichte ist schließlich das "Malfahrrad", in dem die Pedale eine Farb-Zentrifuge vor dem Lenker bewegen und so auf einem Papier ein rundes, buntes Gespritze erzeugen. Leider war es um diese Uhrzeit noch nicht mit Farben bestückt.

Aber nun, liebe Gemeinde, lasst uns innehalten. Ich begrüße Sie ganz herzlich zum Gottesdienst am Fahrradsonntag in der Tankstelle. Es ist das erste Mal, dass in Sterbfritz zwischen Zapfsäule und Luftdruckmessgerät gepredigt wird, herzlichen Dank an die Betreiberfamilie, die das so spontan ermöglicht hat, auch wenn ich gleich Witze darüber machen werde, wie teuer dort alles ist. Mit ein paar Bierbänken und einem improvisierten Altar mit Kreuz haben wir das passende Ambiente geschaffen, nur auf Kerzen haben wir lieber verzichtet.

Wir haben heute ein gemischtes Publikum aus den Gottesdienstbesuchern der Kirchgemeinde und spontan angehaltenen Radfahrern, von denen nicht alle einen engen Bezug zur Kirche haben. Daher sind wir bei der Gestaltung des Gottesdienstes einen Kompromiss eingegangen. Die Band spielt rein weltliche Lieder wie Country Roads (weil Sie ja heute über Landstraßen fahren, verstehen Sie) und Freiheit von Marius Müller-Westernhagen. Dazwischen hingegen gibt es dramatische Bibeltexte darüber, wie Gott seine Feinde zu Staub vernichtet, damit Sie nicht denken, wir Protestanten seien völlig weichgespült.

Liebe Gemeinde, normalerweise ist eine Tankstelle ein Ort der Hektik, aber heute wird sie wirklich einmal ein Ort zum Auftanken. Bei vielen von uns blinkt zur Zeit die gelbe Reservelampe. Mit dem E-Bike erkennt man leicht auf dem Display, wann die Batterie leer ist, mit dem Fahrrad muss man selbst darauf achten. Aber welchen Kraftstoff sollen wir tanken?
Der ursprüngliche Kraftstoff war die Quelle im Garten Eden. Diese haben die Menschen jedoch verlassen, so wie Sie heute unsere Kinzigquelle verlassen haben. Seitdem versuchen die Menschen, ihre Tanks selbst zu füllen. Positives Denken reicht dafür aber nicht, der einzige erlaubte Kraftstoff ist die Gnade Christi.

Und nun zum Abendmahl, das ebenfalls an unsere Radfahrer angepasst ist. Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten war, nahm er die Dextro Energys, dankte und brach sie und sprach: Nehmet hin und esst, denn dieser Traubenzucker ist mein Leib, der für euch gegeben wird.

Desgleichen nahm er einige Kilometer weiter auch die Trinkflasche, dankte und füllte sie und sprach: Nehmet hin und trinkt aus dieser seltsamen Schnabelflasche für Erwachsene, denn dieses Mineralwasser ist mein Blut, das für euch vergossen wird. Möchtet ihr still, medium oder mit Sprudel?

Und die Radfahrer fuhren dankbar hinaus auf die leere Landstraße und das hügelige Kinzigtal hinunter, lobten Gott und sprachen:

"Hm, eigentlich habe ich schon wieder Hunger."

Und sie waren nun in Schlüchtern angekommen, wo die Kinzig bereits flach durch ein geradliniges, breites Tal floss. Und es standen alte Sandsteinmauern am Flussufer, die waren beinahe so braun wie der Fluss.

Dankbar sahen sie einen ganzen Platz voller Buden, denn von denen hatte es bislang wenig gegeben als bei den Fahrradfesten im Siegtal und Ahrtal. Und es gab dort Dinge wie südamerikanische Fleischspieße namens Brochetas mit Maismehlfladen oder Apfelpommes. Da sie die Apfelpommes sahen, dachten sie "Was zur Hölle" und wählten die Brochetas.

Es war einmal ein alter Pfarrer, der hatte elf Kinder. Sieben davon waren jung verstorben. Sein Name war Friedrich, und er nannte seinen jüngsten überlebenden Sohn Philipp. Dieser Philipp nun wurde Jurist in Hanau und hatte selbst neun Kinder, von denen drei jung starben. Diese Kinder hielten sich häufig oft im Hause des Großvaters auf, in Steinau an der Straße. Das war auch kein Wunder, denn dort sah es einfach viel märchenhafter aus als in Hanau. Nur die schmalen Lücken zwischen den Häusern waren weniger märchenhaft, dorthin wurde stets der Nachttopf ausgegossen.

Die wichtigsten Verwaltungsgebäude in Steinau bestanden aus Stein. Die anderen wurden aus Balken gebaut. Manchmal befanden sich Ziegelsteine dazwischen, meistens aber nur senkrechte Stöcke, um die Zweige gewunden wurden - daher kommt das Wort Wand. Sodann schmierten sie noch etwas Lehm darüber. Doch mancherorts bröckelte dieser bereits wieder ab und enthüllte so den Menschen den Aufbau einer Fachwerkwand.

Als Vater Philipp in Steinau eine Stelle als Amtmann erhielt, zog er zurück an den Stammsitz der Familie. Als ihn jedoch die Krankheit dahinraffte, fehlte der Familie das Geld für teure Privatlehrer. Stattdessen mussten die Kinder nun eine öffentliche Schule besuchen, wo sie dem schlagfreudigen Lehrer mit immer neuen Streichen zur Wut trieben. Ob der sich vorstellen konnte, was aus zwei der Lausbuben einmal werden sollte?

Es war einmal ein Bauer, der versprach dem Teufel seine Seele bei einem klassischen Teufelspakt. Doch als der Teufel seine Schuld eintreiben wollte, sprang er einfach mit einem Satz in die Kirche. Wütend kratzte der Teufel mit seinen Klauen gegen den Sandstein. Die Risse sind noch heute zu sehen, doch kommen sie in Wahrheit von Kirchgängern, die ihre Säbel dort symbolisch stumpf geschliffen haben, weil scharfe Waffen im Gotteshaus verboten waren.

Es traf sich, dass Steinau zwei Kirchen hatte, eine evangelisch-lutherische und eine evangelisch-reformierte. Die Familie von Großvater Friedrich und Vater Philipp war Mitglied der Reformierten. Die Gottesdienste dauerten dort stets zwei Stunden, und so konnte es leicht passieren, dass die Gläubigen nach sechs Tagen harter Arbeit im Gottesdienst einnickten. Deshalb war es die Aufgabe eines Gläubigen, mit einem Stock umherzugehen und diesen vor den Schläfern laut auf den Boden zu rammen, bis sie erwachten. Das unterbrach zwar die Predigt von Großvater Friedrich Grimm, doch für die Schläfer war es noch peinlicher.

 

Was aber wurde aus den Geschwistern Grimm, als sie Steinau verließen? Emil wurde Maler, Lotte führte nach dem Tod der Mutter den Haushalt, bis sie selbst heiratete und Wilhelm Carl Grimm ersatzweise eine Frau namens Dorothea heiratete, damit er auch weiter ohne lästige Haushaltsaufgaben seiner Berufung nachgehen konnte. Die teilte er mit seinem Bruder Jacob Ludwig Carl Grimm, der mit im Hause wohnte. Sie sollten eine eigene Wissenschaft begründen, die auf den Namen Germanistik hörte. Beide schrieben eine Menge Bücher, von denen zwei besonders bekannt wurden: Ein Wörterbuch und ein Märchenbuch.
Das Wörterbuch war das vollständigste der deutschen Sprache. Es war so dick, dass die Brüder vor ihrem Tod nur bis zum Wort Frucht kamen, erst 1961 wurde es fertiggestellt.
Das Märchenbuch enthielt kurze Geschichten, die überall in Steinau dargestellt wurden, auf Hausfassaden, Reliefs, Statuen, den Kostümen der Stadtführer und vor allem auf dem Brunnen, welcher über und über mit Märchen bedeckt war. Dieser steht auf dem Marktplatz Kumpen, welcher nach einem alten Wort für Viehtränke benannt wurde.
Nun hatten die Brüder natürlich nie behauptet, die Märchen selbst geschrieben zu haben, aber sie hatten sich ein idealisiertes Bild in den Kopf gesetzt, das sie sogar auf den Titelbild ihres Märchenbuches verkündeten: Eine bodenständige deutsche Bäuerin erzählt ihren Kindern jahrhundertealte deutsche Märchen, die sie zuvor schon von ihrer Mutter und die von ihrer Mutter gehört hat. Die Wirklichkeit sah etwas anders aus: Die Bäuerin auf dem Titelbild hieß Dorothea Viehmann und war in Wahrheit eine Gastwirtstochter mit französischen Wurzeln - ein Land in dem, so ein Zufall, ein anderer Sammler namens Charles Perrault einige der bekanntesten angeblich urdeutschen Märchen schon längst aufgeschrieben hatte. Viele andere Märchen wurden von gebildeten Frauen in literarischen Salons erzählt.

Es waren einmal die Grafen von Hanau, die bauten sich in Steinau ein Schloss als Sommerferienhaus, Rückzugsort und Reserve-Gästezimmer. Sie errichteten es direkt hinter dem Kumpen, sodass der Durchgang durch den Innenhof zugleich als Stadttor diente. Bei ihren Umbauten gingen sie nicht immer allzu geschickt vor und enthaupteten dadurch ihre eigenen Wandmalereien. 

Einmal bauten sie es um in den Stil einer Festung und errichteten außerhalb der Mauern herausstechende, eckige Bastionen. Diese sollten tote Winkel bei der Verteidigung abdecken. Es war eines der ersten Schlösser dieser Art in Deutschland. Doch war es nicht die Angst vor echtem Krieg, welche die Grafen dazu trieb, sondern womöglich nur die architektonische Mode aus Südeuropa. Denn in einer der Bastionen lagerten sie keine Kanonen und Soldaten, sondern eine Kanzlei. Damit das Essen nicht kalt war, wenn es dort ankam, verbanden sie diese über einen Durchgang mit der Küche im Obergeschoss des Schlosses.

Eine Kanzlei war damals ein Ort der Verwaltung, an dem wichtige Dokumente gelagert, Schriften verfasst und bürokratische Treffen abgehalten wurden. Das Wappen über der Tür weist darauf hin, wie wichtig dieser Raum war. Später wurden in der Kanzlei auch Tiere gehalten, die Dokumente wurden zuvor hoffentlich herausgeschafft. So entstand ein widersprüchlicher Raum mit Kreuzrippengewölbe und verblassten Wandmalereien, andererseits aber auch mit abgewetztem Wandputz, an dem sich die Tiere gerieben haben.
Und dann wurde die Kanzlei gar nicht mehr genutzt. Der obere Raum ist einsturzgefährdet, der untere nur am Tag es offenen Denkmals zu 15-Minuten-Kurzführungen geöffnet. Das Wappen über der Tür weist darauf hin, wie wichtig dieser Raum... ach, nee, das hatten wir ja schon. Womöglich waren 15 Minuten bereits etwas zu hoch angesetzt.
 
 
 
Es war einmal ein Bauarbeiter, der sanierte das Schloss Steinau. Zu jener Zeit waren in der linken Hälfte bereits gewöhnliche Wohnungen eingerichtet. Die Bewohner froren bitterlich, denn sie mussten im September heizen, um es im November warm zu haben.
Der Bauerbeiter war nun verliebt in ein Mädchen, das oft am Fenster einer Wohnung saß. Als er nun einen Teil der Außenmauer verputzen sollte, versteckte er im Putz die Silhouette seiner Liebsten. Noch heute ist dort das seitliche Abbild einer Frau mit Pferdeschwanz zu finden. Und ganz in der Nähe auch ein Bildnis des Bauarbeiters.

Es war einmal ein schlauer Radler, der schnorrte sich durch ganz Steinau hindurch. Denn es war der Tag des offenen Denkmals angebrochen, und es sollten stündlich alle möglichen Führungen stattfinden. Nur ausgerechnet um 12, als er ankam, fand nichts statt. Oder doch? Er sah eine Gruppe im Schlosshof stehen und stellte sich dazu. Zwar handelte es sich um eine privat gebuchte Stadtführung, doch hatte die Gruppe nichts dagegen, dass er blieb.
Sodann kehrte er zum Schloss zurück, denn um 13 Uhr sollte die Kurzführung durch die Kanzlei stattfinden. Davon wusste man zwar im Schloss nichts, da für jenen Sonntag drei verschiedene Zeitpläne auf drei verschiedenen Seiten verkündet worden waren. Dennoch schlossen sie ihm kurz die Kanzlei auf. Und wiesen ihn schließlich auch darauf hin, dass auch das Schlossmuseum an jenem Tag kostenfrei zugänglich sei.
Bezahlen musste er nur am Backhaus, aus dem dicker schwarzer Rauch und Pizza herauskamen. Es war das erste Mal, dass er etwas aus diesen typisch mitteldeutschen Backhäusern essen konnte, die er schon öfter gesehen hatte.

Es war einmal ein Fluss, der wurde gestaut. Aber da er zu wenig Wasser führte, blieb von dem Stausee nichts als Schlamm mit Pfützen. Seine Staumauer war ein schräger Asphaltdamm, ähnlich wie der Haune-Stausee.

Bald darauf endete die gesperrte Bundesstraße.
"Oh weh, wo soll ich nun fahren?", fragten sich die Radler. Sie fanden sogleich einen Radweg und folgten ihm kreuz und quer durch das Tal, unter einer Autobahnbrücke hindurch und an einer Sandsteinbrücke vorbei. Aber wo waren die anderen? Ihnen waren 60 Kilometer ununterbrochen gesperrte Straße versprochen worden. Konnte es wirklich sein, dass die ununterbrochene Straße eine derart lange Unterbrechung hatte? Und warum nieselte es schon wieder?

Endlich stießen sie wieder ein Stück gesperrte Straße,  auf das jemand das Symbol des Kinzigtal total gesprüht hatte. Diese Wegweiser hatten am Anfang noch gefehlt. Dort hatten ihnen nur die gesperrten Ausfahrten und die Fingerzeige der Wächter den Weg gezeigt.
(Übrigens waren nicht alle Zufahrten bewacht, und von großen Pollern war auch keine Spur zu sehen. Das Sicherheitskonzept gegen Auto-Terroranschläge, für dessen Erarbeitung die Veranstaltung ein Jahr pausieren musste, war nicht zu erkennen. Doch im Regen waren die potentiellen Opfer derart dünn verteilt, dass sie für Terroristen ohnehin uninteressant sein dürften.)
Wohin nun? Rechts endete die gesperrte Straße, und in der Sackgasse erklang Helene Fischer. Rasch nach links! 

Da wurde einer der Radler gewahr, dass er dieses Tal bereits kannte. In Wächtersbach war er bereits auf dem Bahnradweg Hessen durch das Kinzigtal gefahren. Er erinnerte sich an jenen herrlich sonnigen Tag, an dem er dieselbe Strecke aus der Sicht des Bahnradlers erkundet hatte.

Aus der Perspektive des Straßenfestradlers sah etwa die Stadt Gelnhausen ganz anders aus: Es gab geringfügig weniger rote Sandsteinmauern und sehr viel mehr Menschen. Diese Station war derart voll, dass auf den Pollern mitten auf der Fahrradstrecke tatsächlich stand: Radfahrer absteigen. Auf einer Bühne spielte Musik, Bier wurde ausgeschenkt, doch am auffälligsten war das obskure Wehrmacht-Fahrrad mit Handgranaten am Lenker. Die Radler, denen es auffiel, beschlossen, doch lieber rasch weiterzufahren.

Zum Schluss radelten die Radler am Rande des Tals zwischen einer steilen Wand und der Autobahn dahin. Es waren auch Inline-Skater zugegen, die ihre Runden drehten. Wie viele Menschen an diesem Tag setzten sie nicht auf Regenkleidung, sondern auf unpraktische, aber immerhin auffällig neongelbe Regenschirme.

In Langenselbold endeten die 60 gesperrten Kilometer sodann sang- und klanglos an einem Kreisverkehr zwischen Schallschutzwand und Feuerwehr.

Weiter reichte die Veranstaltung nicht. Einst hatte sie noch bis nach Hanau gereicht, und es gibt Pläne, dass sie dereinst wieder als Main-Kinzigtal total wieder bis Hanau und noch weiter reichen soll. In jenem Jahr aber waren es nur die hartnäckigsten Radler, welche auch noch die letzten 20 Kilometer absolvierten, denn der Regen fiel nun in Strömen. Einer der Radler wollte gerade wieder zum zwölftem Mal seine Regensachen anziehen, als...
"Entschuldigung, wie lange sind Sie schon hier?", fragte plötzlich ein Polizist, der aus dem Nichts erschienen war.
"Ähm, einige Minuten."
Doch es war nicht verdächtiges Herumlungern im Regen und illegales Anziehen von Regensachen, das die Aufmerksamkeit der zwei Stadtwachen geweckt hatte.
"Wir haben gehört, es gab hier Böller oder Schüsse."
Der Radler versicherte, er habe nichts dergleichen gehört. Daraufhin gaben die Polizisten ihre Ermittlungen umgehend auf. Vermutlich aufgrund der Erkenntnis, dass der Regen inzwischen ohnehin jede Zündschnur gelöscht hätte.

Die hartnäckigen Radler folgten einem nassen Waldweg in der Nähe der Kinzig. Trockenheit versprachen nur die drei Straßenbrücken, in deren Mitte stets ein dicker Schwall Regenwasser aus einem Entwässerungsloch lief.

So fuhren sie auf einem grünen Gürtel hinein in die Stadt Hanau. Der Uferweg erinnerte sie an die Nidda bei Frankfurt, doch enthielt er weit weniger Baustellen und fuhr sich viel angenehmer. Theoretisch. Hätte nicht das Wasser in ihren Schuhen bis fast zum Knöchel gestanden.

Es lagen sich an den Ufern des Main zwei Städte gegenüber: Steinheim und Hanau. Und es traf sich, dass Hanau das genaue Gegenteil von Steinheim war: Lebendig, aber mit langweiligem Look. Es bewarb sich gern als Märchenstadt und Geburtsort der Gebrüder Grimm. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute hier - als Statuen und Ampelmännchen. Doch würden die Brüder heute von ihrem hohen Sockel steigen, wären sie sicher entsetzt, was der Krieg aus ihrer alten Stadt gemacht hat. Märchenhaft sieht anders aus.

Hinter einer Sandsteinbrücke mit Tretbooten floss die Kinzig in den Main. Die hartnäckigen Radler bogen ab zum Hauptbahnhof. Dort begegneten sie einander zum letzten Mal und nickten einander respektvoll zu, wohl wissend, dass sie nicht die einzigen waren, denen Vollständigkeit wichtig war.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann trocknen sie noch heute.


12 Mai 2026

Moldau: Von Prag nach Mělník

VII. Die Aufbruchsmoldau

Die Glasgebäude und Sporthäfen deuten darauf hin, dass die Mieten an der nördlichen Prager Moldau tendenziell teurer sind.

Der Uferradweg geht zum Glück weiter und unter Troja hindurch. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein Berg, Stadtteil, Schloss und eine Betonmauer mit scheußlichen Stahlträgern. Und in Troja liegt auch der Zoo, der kreative Werbung macht: Noch 2,5 km / 150 min für eine Schildkröte / 4 min für einen Elefanten / 2 min für einen Geparden. Bleibt nur die Frage, wie lange ein trojanisches Pferd für die Strecke braucht.

Wer die ganze Zeit in seinem Paddelboot geblieben ist und es um sämtliche großen Staumauern herumgetragen hat, der wird in Prag nochmal belohnt mit weiteren Floßgassen und einer weiteren Wildwasser-Slalomstrecke, so ähnlich wie hinter České Budějovice, diesmal aber nicht auf einem künstlichen Moldauarm um eine Insel, sondern zum Teil in einer langen Reihe grauer Mauern. Zwischen den Mauern verbirgt sich mal eine Wildwasserfahrt, mal eine Schleuse, mal eine Baustelle.
Aber halt! Ein Typ hielt mir eine rote Kelle hin.
"Entschuldigen Sie bitte, Sie müssen einmal 10 Minuten warten, hier wird gedreht."
Während dieser 10 Minuten sammelten sich ein paar weitere mehr oder weniger geduldige Stadtradler an. Wir schauten zum Kamerateam rüber, das offenbar auf die Boote im Wasser draufhielt. Es schien sich eher um eine Sportdoku als einen Spielfilm zu handeln, aber genauer bekamen wir es nicht raus. 

Und dann ist Prag zu Ende. Oben auf den Bergen ging es noch ein bisschen weiter, doch die Wohnblocks von Bohnice duckten sich schüchtern hinter die Wipfel. Im Tal gab es Abschnitte, auf denen ich auf den ersten Blick kein Haus mehr sehen konnte, erstaunlich. Den Radweg säumen Vorgärten voll mit hohem Gras, aber ohne Tiere zum Abweiden. Die Moldau rast ruhig und zielstrebig ihrem Ende entgegen.
In der klassischen Variante beginnt der Elberadweg ja auch in Prag mit diesem Streckenabschnitt. Als die Stadt vorbei war, standen dort einige Infotafeln und ein Pavillon, die sich auf Radler spezialisiert hatten, die hier gerade erst zu ihrer großen Reise aufbrechen.

Auf einem Hügel steht der Levý hrad ("Linke Burg") - an welchem Ufer, dürfen sie selber erraten. Davon sind bloß eine Kirche und unterirdische Grundmauern übrig, die ich nicht fotografiert habe. Doch in diesen Mauern verbirgt sich das wahre Geheimnis hinter der Entstehung Tschechiens, denn dort haben die Přemyslíden ganz ursprünglich gewohnt. In Wahrheit waren das keine bescheidenen Bauern, die von einer sagenhaften Wahrsagerin auserwählt wurden, sondern einfach lokale Stammesfürsten, die nach und nach die anderen Fürsten im Moldautal und dann darüber hinaus unterworfen haben. So schnöde ist leider die Wahrheit hinter den meisten Gründungsmythen; letztendlich sind alle Staaten aus solcher gewaltsamer Mini-Kolonisation entstanden, wenn man nur weit genug zurückschaut.

Es ist kein Zuckerschlecken mit dem Moldauradweg, auch am letzten Tag gibt es keinen durchgehenden Uferweg, die Radler müssen nochmal steile Berge hoch. Hm, ich könnte mir das ersparen, indem ich unten bleibe, an der Brücke rüberwechsle und dann gucke, ob vielleicht der Wanderweg neben den Gleisen mit dem Rad passierbar...
Ach, wisst ihr was, nein. Ich habe schon genug geschummelt und abgekürzt. Zumindest heute mache ich nochmal alles richtig. Also quälte ich mich die Straße am Bach durch die Felsen hinauf, von Klecánky nach Klecany. Dass Klecánky einfach nicht aufhören wollte, war nicht sehr motivierend, bis mir klar wurde, dass die Orte einfach ineinander übergehen.

Oben erhielt ich den Anblick dieses außerordentlich unböhmischen Kirchturms als zweifelhafte Belohnung. Dann ging es ein paar Kilometer über die windige Hochebene und an einem ruhigen Bach wieder runter zum Uferradweg.

Und dort, ganz allmählich, hörten die Berge tatsächlich auf, diesmal endgültig. Denn ich weiß ja, dass diese Tour in einem relativ breiten, flachen Tal enden muss, und das muss doch jetzt auch mal kommen.

Warum wohl diese Brücke zerstört ist, mitten in Tschechien, weit entfernt vom Eisernen Vorhang? Ich weiß es auch nicht. Auf den Pfeilern haben sich Schifffahrtszeichen, Strommasten und kleine Bäumchen angesiedelt.

In Kralupy sollte ich einmal das Ufer wechseln und dann unter diesem Rohr hindurch den nächsten Radweg nehmen. Hier reicht bücken nicht, absteigen auch nicht, es braucht beides gleichzeitig.

Der Radweg wird zum erdigen Waldweg zwischen dem Fluss und einer erstaunlich schwammigen Sandsteinwand. Sie ist komplett durchzogen mit organisch geformten Spalten und Löchern, die ihrerseits wiederum Löcher in Löchern haben. In manche davon kann man hineinklettern, um in die Löcher im Loch seinen Arm reinzustecken, und das ist die Stelle, an der im Film alles schiefgeht.

Auch in der Realität hat die Felswand Löcher, in denen alles schiefgeht, wenn man sich zu weit reinwagt. Die sind in keiner Weise abgesperrt, aber trotzdem leicht zu erkennen: viel größer, in künstlicher Bogenform, und darin liegen Gleise. Die Fernverkehrsstrecke nach Dresden und Berlin, die einzige elektrifizierte von Tschechien nach Deutschland, folgt den Schleifen der Moldau. Noch lassen die Berge es nicht zu, dass sie irgendwelche Abkürzungen im Flachland nimmt, im Gegenteil, sie zwingen sie auch noch, einen Tunnel zu bohren und durch den Sandsteinschwamm zu brausen. Und theoretisch könnte jeder in diesen Tunnel reinspazieren und sich auf die Gleise stellen. Gut, das könnte man im Flachland bei den Gleisen meistens auch, aber da wird man zumindest von Weitem gesehen.
 
Am letzten Moldautag gab es keine Burgen mehr, sondern jede Menge Schlösser, manche bunt und üppig verziert, andere grau und nüchtern, manche nur noch hohle Ruinenwände aus Feldstein. Die Prager Barockzone ist auf jeden Fall vorbei. In dem ungarisch klingenden Ort Nelahozeves steht eins der wichtigsten Renaissanceschlösser in Böhmen (hinten links), von dem die aufgemalten 3D-Steine und Wandbilder aber schon abblättern. Davor liegt das sauber sanierte Wohnhaus des anderen tschechischen Nationalkomponisten Antonín Dořák, der damals sogar deutlich beliebter war. Smetana hat die tschechische Nationalmusik erfunden, aber Dořák hat sie populär gemacht. Besuchen kann man das Haus nur in einer Führung vom Schloss aus.

Auf dieser rostigen Brücke habe ich das vorletzte Mal das Ufer gewechselt.

Dann war es wieder vorbei mit den Uferwegen. Aber das macht nichts, denn jetzt sind keine Berge mehr da, nur noch flache Alleen, die im Zickzack durch eine Parklandschaft irren. Das barocke Lustschloss von Veltrusy wurde auf einer Moldauinsel erbaut, steht aber jetzt auf dem Festland, vermutlich durch Flussbegradigungen. Mit seiner Kuppel sieht es aus wie der Sitz irgendeiner wissenschaftlichen Gesellschaft aus dem Zeitalter der Aufklärung.
Auf den Feldern wächst alles mögliche, Raps, Pusteblumen, Hopfen, Obstbäume oder einfach nur Gras.
Im Dorf mit dem kuriosen Namen Dědibaby ("Opaoma") war im Bikeline aus irgendeinem Grund ein Naturlagerplatz am Rand eines Feldes eingezeichnet, auf den gab es aber weder vor Ort noch online den geringsten Hinweis.

Zum Schluss teilt sich die Moldau in drei Arme. Arm Nr. 1 ist die eigentliche Moldau. Die ist jetzt erstaunlich schmal und schüchtern. Obwohl der Radweg hier ein Stückchen auf dem Deich langführt, ist kaum etwas vom Wasser zu sehen. Nur die Bäume und das gelbliche Gras verraten, wo das Ufer liegt.

Arm Nr. 2 ist nur ein träger und zielloser Altarm, der zwischendurch trotzdem breiter und eigentlicher aussieht als die eigentliche Moldau. Das meiste Wasser bleibt aber in der Sackgasse stecken, nur kleine Rinnsale enden wieder in Arm 1 und 3.


Arm Nr. 3 ist ein komplett künstlicher Kanal ohne Schleifen, mit nur zwei Kurven. Der Vrňany kanál heißt mit vollständigem Namen Vrňansko hořinský plavební kanál ("Vrňany-Hoříner Schwimmkanal"). 1905 sollte mit dieser 10 Kilometer langen Abkürzung die Lastschifffahrt von Prag nach Deutschland schneller und einfacher werden, und diese Funktion erfüllt er auch heute nach. Er gehörte zu den größten Bauprojekten der Habsburgermonarchie. Genau 100 Jahre nach seiner Fertigstellung erhielt er auch eine Turbine zur Stromherstellung.
An einer stilvollen Stelle sieht man ihm sein Alter auch an, und zwar an der historischen Schleuse von Hořín, eine sehr hübsche Kombination aus Ziegelsteinen und Gelb. Ein Teil der alten Steinbrücke soll sich sogar heben können, zumindest hieß es auf dem Schild, die Hubbrücke habe zwei Geschwindigkeiten: Entweder hebt sie sich in 5 Minuten oder in 15. Gott sei Dank musste ich letzteres nicht erleben.

Von dort aus konnte ich bereits mein wohlbekanntes Ziel erkennen: Den Wein- und Schlossberg von Mělník über der Moldaumündung.

Die Brücke, die bei unserer Elberadtour kaputt war, war mittlerweile natürlich repariert, und so konnte ich erstmals die normale Radroute in die Stadt ausprobieren. Die besteht aus einer steilen, stillen Straße mit weißem Geländer, auf der anderen Seite befinden sich Weinberge, Mauern und Vorgärten. Immer besser geriet die Moldaumündung ins Blickfeld, umgeben von dichten und unzugänglichen Laubwäldern, welche die Flüsse aber nicht vollständig vor dem Blick der Touristen auf dem Berg abschirmen können.

Auf den ersten Blick erscheint es ganz logisch, dass die Moldau nur als Nebenfluss der Elbe angesehen wird. Bis der geneigte Reisende nochmal die Karte czecht und checkt, dass das hier nur die Mündung des Vrňany kanáls (rechts) in die Labe/Elbe (links) ist.

Die richtige Moldau kommt erst noch! Die Vltava/Moldau (also Arm Nr. 1) gerät erst hinter der Biegung in Sichtweite (rechts) und ist schon hier einen Tacken breiter als die Elbe (links). Wenn man dann noch gedanklich das Wasser vom Kanal dazuaddiert, dann ist klar, dass die Moldau in Wahrheit länger und wasserreicher ist als die Elbe.
Und natürlich besser vertont.

Nicht alle mochten Smetanas Moldaumusik, manche warfen ihm auch plumpen Nationalismus vor. Tatsächlich klingt der finale Vyšehrad-Teil sehr nach einer Nationalhymne. Danach aber verklingt die Moldau ganz allmählich in der Ferne in Richtung Elbe. Die Nation, die Smetana umrissen hat, ist nicht allein und abgeschottet, sondern mit ihren Nachbarn verbunden, obwohl sie von Bergen umringt ist. Schließlich bildet die Elbe eine der wichtigsten Lücken in diesen Bergen.

10 Mai 2026

Moldau: Von Radíč nach Prag

VI. Die Städtetrip-Moldau

Der nächste Tag begann mit einer ernüchternden Nachricht: Am

Stausee Nr. 6: vodní nádrž Slapy

ist die Staumauer wegen Bauarbeiten gesperrt. Eigentlich sollte ich dort über die Mauer fahren und so die Abfahrt von der Moldau-Kaskade und dem Südböhmischen Hügelland triumphal zum Abschluss bringen. Verflixt, aber immerhin habe ich es rechtzeitig online gesehen. Hier muss es doch noch irgendwo eine andere Brücke geben. Gab es auch, und so bekam ich den letzten großen Stausee zumindest zu Gesicht. Von der hohen Betonbrücke sah ich jede Menge Wald, Felswände setzt dieser See etwas dezenter ein. Der Blick hat mich an den Rappbode-Stausee im Harz erinnert. In dem Wasser da unten stecken zehn Dörfer drin.
Obwohl die Brücke so hoch über dem See verläuft, ist sie immer noch ziemlich tief. Und das heißt: Ich musste jetzt wieder ziemlich hoch - all die Höhenmeter, die ich gerade runtergerast war.

Dort stieß ich überraschenderweise wieder auf Wegweiser. Die haben sich ja lange nicht blicken lassen! Die Beschilderung als Nr. 7 lief anscheinend schon eine ganze Weile am linken Ufer, nun hatte ich sie wiedergefunden. Und missachtete sie direkt, denn auf der ausgeschilderten Straße war auch irgendwas gesperrt, zudem sah sie auch viel länger und zickzackiger aus. Ich folgte der größeren Straße noch ein Stückchen weiter und hangelte mich schwitzend von Dorf zu Dorf.

Achtung, niedriger Füllstand, Kofola ist fast leer!
Zum Glück ist die Versorgung mit Lebensmitteln im Mittelböhmischen Hügelland gar nicht so schlecht, anders als in der Šumava konnte ich immer problemlos was nachkaufen. Gestern hatten mich zwei sächsische Radreisende verwirrt, indem sie sich über die schlechte Versorgungslage beschwerten. (Aus irgendeinem Grund sind alle Fernradler auf dieser Strecke ausschließlich bikepackende Sachsen auf dem Weg nach Italien.) Erst ein paar Kilometer später wurde meinem überhitzten Schädel klar: Die konnten die Supermärkte gar nicht erkennen. Die Dorfläden hatten keine sichtbaren Logos irgendwelcher Ketten, und ein unscheinbarer blassgelber Quader mit der Aufschrift Potraviny a rybařské potřeby ("Lebensmittel und Fischereibedarf") oder Potraviny a zahrada ("Lebensmittel und Garten") sagt dem durchschnittlichen Deutschen vermutlich nichts. Es tat mir leid, dass ich zu langsam geschaltet hatte und das den Sachsenradlern nicht persönlich sagen konnte, aber zumindest an alle Leser ergeht der Hinweis, sich für eine Radreise durch Tschechien das lebensmittelwichtige Wort Potraviny gut einzuprägen.
Gegenüber von den Topfpflanzen des Gärtnerei-Supermarkts befand sich ein Arrangement aus Maibaum, Hexe auf dem Besen und Plastikstorch, dahinter das Ballon- und Moldaumuseum. Diese kuriose Themenkombination hat mich gleich angezogen, leider war es auch geschlossen.

Die Strecke wurde flacher, es tauchten begleitende Radwege auf, und ich umrundete ich die Ortschaft Slapy, die der Talsperre ihren Namen geliehen hatte. Von der Moldau war hier oben null zu sehen.

Und endlich kam ich erleichtert oben am Waldrand von Slapy an und kaufte mir an einer halb baustelligen, halb abgeranzten Tankstelle einen Tee.
Geschafft. Jetzt liegt das Steilste hinter mir.
Und vor mir die Belohnung: Eine vergnügliche Sause auf dem Waldweg, immer runter durch das grüne Tal der Královka,...

...die dann in die Kocába mündet. In ihrem abgeschiedenen Tal leben wieder Menschen, auch wenn die Kocába es ihnen nicht leicht macht. Wer mit seinem PKW zu Hause einparken möchte, muss das Auto zuerst durch die Kocába furten, was bestimmt schon zu interessanten Gesprächen mit der Versicherung geführt hat. ("Sie wollten also nur auf Ihrem Privatgrundstück einparken, und dabei ist was passiert?" - "Sagte ich doch schon, ich wurde den Wasserfall runtergeschwemmt.")
Wie ich erst später gesehen habe, gibt es in diesem Tal sogar noch eine weitere Methode des Wildcampings im weiteren Sinne: Ein Grundstück ist auf der Website 1NiteTent eingetragen.

Sodann bin ich in Štěchovice rausgekommen. Die Moldau wird vor dem Ort noch ein letztes Mal gestaut, der

Stausee Nr. 7: vodní nádrž Štěchovice

puffert den großen Slapy-Stausee ab, ist aber auf dem Moldau-Radweg (egal, auf welcher Route) gar nicht zu sehen. In diesem Stausee versanken die gefürchteten St.-Johann-Stromschnellen, die im chaotischsten und dramatischsten Teil von Smetanas Moldau zu hören sind. Einige beklagen sich ja, durch die Stauseen sei die sinfonische Dichtung gar nicht mehr aktuell, weil die Moldau nun völlig anders aussehe. Aber ich finde, die Weite, die im Hauptthema anklingt, passt auch erstaunlich gut zu den fjordartigen Seen, die zwar anders sind als ein enges Flusstal, aber deswegen nicht automatisch weniger schön. Und bei der St.-Johann-Passage muss ich sowieso unweigerlich ans Paddeln durch die Floßgassen denken.
Schade ist nur, dass ich die Nymphen aus dem Musikstück nicht gesehen habe. In welcher Talsperre die wohl versunken sind?

Statt Stausee oder Stromschnellen habe ich jedenfalls nur die Dr.-Edvard-Beneš-Brücke gesehen, benannt nach dem umstrittenen sozialistischen Politiker in der kurzen Phase zwischen Zweitem Weltkrieg und endgültiger sowjetischer Kontrolle. Sie war die erste große Stahlbetonbrücke der Tschechoslowakei.
So. Jetzt bin ich raus aus dem stillen Mittelböhmischen Hügelland und mittendrin im Prager Einzugsgebiet. Das bedeutet, an dieser Straße gibt's fast alles, auch Medizin in zwei Formen: Köstliches Gulasch aus der Gaststätte und Halsschmerztabletten aus der Apotheke.

Das bedeutet aber nicht, dass die Berge vorbei sind. Im Gegenteil, die legen sich vor der Hauptstadt nochmal richtig ins Zeug und präsentieren felsige Zacken, die sogar die am Orlík-Stausee übertreffen. Und eigentlich müsste ich da rüber.
Ich wollte aber nicht und vollführte meinen üblichen Schachzug, Steigungen auf der Straße unten im Tal zu umgehen. Diesmal war der Schachzug aber ein gutes Stück gefährlicher. Denn Prager Einzugsgebiet bedeutet eben auch: Die Straße wurde stärker und schneller benutzt. Und wie sie benutzt wurde! Der Seitenstreifen war leider auch gerade so zu schmal für mein Rad mit Taschen. Aber für ein paar Kilometer war auch das zu verschmerzen.

 

Auf diesen paar Kilometern kommen noch zwei wichtige Nebenflüsse dazu: Aus dem Osten die Sazava (Sasau), deren Einzugsgebiet in der Gamingszene unerwartete Bekanntheit erlangte, und aus dem Westen die Berounka, deren größte Stadt in der Bierszene bekanntlich schon lange bekannt ist: Beroun. Nein, Spaß, gemeint ist natürlich Plzeň (Pilsen). Unser Paddelpastor hat auch einmal eine Paddelreise auf der Sazava organisiert. Da war ich nicht dabei, aber den Berichten zufolge war dieses Flusstal eher grün, ruhig und langweilig, gar kein Vergleich zur Moldau. Auf der Berounka war auch einmal eine Reise geplant, musste aber wegen Niedrigwasser auf die Moldau verlegt werden.

So, inzwischen soll das andere Ufer einen Radweg haben, wie komme ich da rüber? Hier sollte eine Fähre sein... aber wo denn, hier ist doch gar kein Platz hinter der Leitplanke? Ich fand sie nicht und musste noch weiter bis zur Brücke in Zbraslav. (So hieß der Sohn vom heiligen König Václav mit einer Nebenfrau - ich wusste gar nicht, dass Heilige mehrere Frauen haben dürfen.)


Erst dann wurde die Stadteinfahrt richtig angenehm. Kaum beginnt das Stadtgebiet, hat Prag auch schon einen breiten Radweg mit Parkbänken, Spielplätzen und Sportanlagen angelegt. Einmal musste ich einem Hafenbecken ausweichen, sonst brachte er mich sehr zielstrebig in die Hauptstadt.

Unter dieser Felslandschaft bot sich ein absolut seltener Anblick: Eine evangelische Kirche in Tschechien.

Straße und Straßenbahn rückten heran, aus dem Park wurde ein zerrupfter Grünstreifen, und die Berge zogen sich auch ein wenig zurück. Auf dem letzten Felsen steht aber noch ein Stück Geschichte und der letzte Teil  der Moldau-Sinfonie, zu dem Smetana auch gleich noch ein eigenes Musikstück komponiert hat und nach dem ein ganzes Stadtviertel benannt wurde: Vyšehrad ("Höherburg").

Prag heißt ja eigentlich Praha, und das übersetzt der Atlas der Wahren Namen mit Schwellen. Um das zu verstehen, müssen wir den Bereich der gesicherten Geschichtsschreibung verlassen und ins Reich der Sagen vordringen, in eine Zeit, als die heidnischen Tschechen ohne Städte und Gesetz wie unverständige Tiere in Stämmen herumliefen und sogar die Frauen die Dreistigkeit besaßen, sich eigene Anführerinnen zu wählen. Erst eine Seuche brachte sie zum Umdenken. (Eigentlich beschleunigt gerade der sesshafte Lebensstil Infektionskrankheiten, aber das verschweigt die Přemyslíden-Propaganda.)
In dieser Zeit lebte Libuše, Wahrsagerin, Tochter eines Richters, selber Richterin (wie auch immer das gehen soll ohne Gesetz) und Nachfahrin von Urvater Čech, der die Menschen überhaupt erst in dieses Land geführt hatte. Eines Tages war ein Mann mit ihrem Urteil nicht einverstanden und weigerte sich, einer Frau zu gehorchen. Libuše warnte die Menschen, sie würden ihre Freiheit einbüßen und es bereuen, wenn sie einen Mann als Herrscher hätten. Weil die Leute aber auf einem Herrscher bestanden, konzentrierte sie ihre wahrsagerischen Kräfte und hatte eine Vision - angeblich genau auf dem dunkelgrauen Felsen, der jetzt über mir aufragte. Und sie ignorierte Helmut Schmidts Ratschlag "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen", ihr Motto war eher "Wer Visionen hat, sollte allen anderen präzise Anweisungen zu deren Umsetzung geben".
Darum verriet sie den Zuschauern, dass sie auf einem bestimmten Feld einen Mann namens Přemysl finden, der die ganze Zeit nur pflügt. Der würde ihr Ehemann und künftiger Herrscher werden und ihr außerdem eine Türschwelle (prah) zimmern für eine Stadt, deren Ruhm bis zu den Sternen reicht. Přemysl der Pflüger wurde erfolgreich gefunden und der erste böhmische König. Er gründete, ausgehend von der Türschwelle, die Stadt Praha und machte brav alles wie prophezeit.
Zumindest bis seine Frau starb - danach unterwarf er im Mägdekrieg alle Frauen und das Patriarchat ging los. Kriegsauslöser war offenbar, dass die Frauen unverschämterweise eine eigene "Mädchenburg" gebaut hatten. Die Männer bauten daraufhin ihre eigene Gegenburg namens Chrasten.
Und hier kommen wir wieder in den historisch belegten Bereich, denn genau das war ursprünglich der Name der Festung Vyšehrad, die jetzt auf dem visionären Felsen steht. Vyšehrad war tatsächlich die zweite Burg der Přemyslíden-Könige und stammt aus dem 10. Jahrhundert - nicht so alt wie eine durchschnittliche italienische Stadt, aber immer noch älter als alle deutschen Städte, in denen ich je gewohnt habe. Natürlich kann man sich ausrechnen, wie viel da vom Original noch übrig ist, zumal das Ding mehrmals geschleift wurde. Der Vyšehrad ist heute im Prinzip ein Park und eine Kirche, umgeben von breiten Festungsmauern, die eher nachmittelalterlich aussehen und nach einem Angriff durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg hochgezogen wurden.

Trotzdem verströmt die Anlage noch immer ein gewisses Alter, was auch an der Lage auf den zerklüfteten Felsen liegen mag. Dass sie jünger ist als die Prager Burg/Hradčany im Stadtzentrum, mag man jedenfalls kaum glauben, wenn man die beiden vergleicht.
1904 bekam die Burg einen neuen Bestandteil, also quasi: Der Vyšehrad-Tunnel wurde in den Fels gebohrt und mit einem schicken Burgtor versehen. Statt eines Umwegs aus Respekt vor der Geschichte können sich nun alle Verkehrsteilnehmer inklusive Straßenbahnen durch dieses malerische Nadelöhr zwängen.

Ja, in Prag rücken die Berge dem Stadtzentrum viel näher auf die Pelle als in Wien oder Budapest. Wenn so eine Stadt wächst, ist es bestimmt nicht leicht, Wohnraum zu schaffen und anzubinden. Aber am anderen Ufer ist zu sehen, wie das im neuen Prag gehandhabt wird - mit teils begrünten Wohnblockvierteln, U-Bahnen, Straßen und Straßenbahnen, die auf verschnörkelten Brücken selbst die stärksten Anstiege meistern. Die Stadt zeigt hier eine saubere und moderne Seite.

Am Fluss bin ich nun eine Etage tiefer gewechselt, wo eine Art Hafenpromenade beginnt. Auch hier darf Rad gefahren werden, es ist aber etwas tricky: Im Kopfsteinpflaster verliefen zwei Bänder aus glattem Stein, auf denen es sich gut radeln lässt, aber natürlich wollten die Fußgänger, denen das doch eigentlich egal sein konnte, am liebsten auch auf den Steinbändern laufen. Am Ufer sind stählerne Lastschiffe angekettet, ob die noch fahren oder nur dekorieren, ist unklar. Über der braunen Sandsteinmauer verläuft die Straße, und in der Mauer klaffen große kreisrunde Löcher. Irgendwelche Startup-Hipster haben dort Geschäfte und Bars reingebaut, und zwar indem sie einfach die komplette Öffnung mit einer runden Glasscheibe verschlossen haben, die sich aufdrehen lässt. Okay, das ist auf jeden Fall ein Blickfang, aber wie zur Hölle machen die das bei Mistwetter und in der kalten Jahreszeit mit dem Heizen?

Inzwischen war ich im Nové Město (Neustadt) angekommen. Wie in alten Städten üblich, ist die Neustadt jetzt nicht im engeren Sinne neu - mit anderen Worten: von 1348. Die hat der deutsch-tschechisch-römische Kaiser Karl IV. gegründet, ursprünglich als eine von vier unabhängigen Städten, die sich später zu Prag zusammenschlossen. Karl IV. war ein Luxemburger, denn diese Familie hatten die Přemyslíden durch Einheiraten abgelöst. Seine wichtigste Leistung für der Stadt war aber wohl nicht die Neustadt, sondern die Gründung der ersten Uni nördlich der Alpen.
So wie 1348 sieht die Neustadt längst nicht mehr aus. Die ganzen Barockbauten in Tschechien sind alle das Ergebnis der österreichisch-ungarischen Besatzung und waren anfangs eigentlich Fremdkörper in der Stadt - heute dagegen denkt bei dem Namen Prag jeder an diesen Stil. Das vielleicht bekannteste Gebäude der Neustadt ist aber noch neuer. Mit dem Tančicí dům (Tanzenden Haus) soll ein heterosexuelles Tanzpaar dargestellt werden (links). Die Frau im Glaskleid schmiegt sich an den Mann, überragt ihn aber auch um einen Kopf bzw. eine Stahlkugel. So ganz scheint die Frage, wer die Hosen anhat, auch nach dem Mägdekrieg noch nicht ausgefochten zu sein.

Auch in Tschechien ist die Frage, wie man den engen Raum in der Großstadt auf alle Verkehrsteilnehmer verteilt, ein zunehmend polarisierendes Thema. Und enger als in dieser beklemmenden Straßenschlucht mit Tunnel wird es heute nicht mehr. Da braucht es kreative Kompromisse, mit denen alle Verkehrsteilnehmer unglücklich sind, zum Beispiele diese halbverblassten, auf die Straße gepinselten Fahrradsymbole.

Diese Straßenschlucht umkurvt nämlich das touristische Herz der Altstadt an der Karlsbrücke und die bekannteste Stelle der Moldau, die sich kurz vorher noch breiter auffächert. Damit es vor diesem Panorama auch ein bisschen nasse Geräuschkulisse gibt, rauscht ein Teil von ihr durch die Gitter eines Stauwehres (absolut unnötig, in den Selfies hört man das eh nicht und in den Reels übertönt es bloß die Stimmen der Sprecher).
Denn der wichtigste Verkehrsteilnehmer ist natürlich der touristische Fußgänger, der aus der Altstadt kommend in Horden auf die Brücke zudrängelt.
Damit wäre ich dann endgültig in der Hauptstadt angekommen.

Die letzten Male in einer Hauptstadt habe ich mir ja günstige Massenhostels gebucht, aber in Prag habe ich davon lieber Abstand genommen. Erstens ist Prag gerade bei der Zielgruppe dieser Unterkünfte als Party- und Destillationsdestination bekannt und zweitens brauchte ich einen Raum zum Ausschlafen und -kurieren, was sich mit der Geräuschkulisse der gerade erwähnten Form des Tourismus nicht wirklich verträgt. Kein Problem, im Mai waren auch noch spontan günstige Einzelzimmer mit Frühstück verfügbar, und auf eins davon verzog ich mich. Ende.




Moment. Was ist denn jetzt mit Karlsbrücke & Co.? Soll das etwa alles zu Prag gewesen sein?
Ehrlich gesagt geht mir der Hype um diese Stadt ein wenig auf den Keks. Oft genug habe ich im Gespräch mit Deutschen schon anhören müssen:
"Ah ja, Tschechien, ich war ja letztes Jahr auch wieder in Prag."
"Und warst du auch mal woanders als in Prag?"
"Wie woanders? Gibt es etwa noch andere Orte in Tschechien?!"
Ich habe ohne Witz mindestens zwei Bücher gesehen, die sich laut dem Titel mit Tschechien befassten, aber innendrin nie über die Prager Stadtgrenzen hinauskamen. Und das ärgert mich irgendwie, denn das hat kaum etwas mit dem Tschechien zu tun, das ich kenne. Tschechien ist deutlich weniger urbanisiert als Deutschland, ein Land der Kleinstädte und Großdörfer mit aktivem Gemeindeleben, in dem eine Metropole wie Prag die Ausnahme ist. Außerdem waren die Prager lange für ihre Unfreundlichkeit bekannt, nicht ganz zu Unrecht. Das hat sich mit dem Generationswechsel und den politischen Umbrüchen aber verschoben. Wie auch anderswo in Europa wurde die Hauptstadt jünger und zu einer Bastion gegen die Neurechten.
Wie auch immer, der Vollständigkeit halber also hier meine alte Anleitung

Wie man Prag an einem halben Tag anschaut

Sie möchten die Sehenswürdigkeiten der Weltstadt Prag, die eigentlich Praha heißt, sehen, haben aber nur einen halben Tag Zeit? Kein Problem. Folgen Sie einfach dieser absolut todsicheren Anleitung. Es wird garantiert gar nichts schiefgehen. Sie sehen das Wichtigste und können allen sagen, dass Sie in Prag gewesen sind.

Abschnitt 1:
Steigen Sie aus dem Zug. Wenden Sie sich in der Bahnhofshalle nach rechts und probieren Sie in dem Restaurant rechts des Haupteingangs (falls es das noch gibt) Knödel in allen Varianten, die sind super. Sie haben keinen Hunger? Egal, trotzdem. Verlassen Sie dann den Hauptbahnhof gehen Sie nach links in Richtung Václavské Náměstí (Wenzelsplatz). Falls Sie merken sollten, dass Sie ihre Verpflegung vergessen haben, ist es sinnvoll, sich jetzt schon in dem kleinen Laden mit der netten asiatischen Verkäuferin einzudecken, denn später wird es sehr, sehr teuer.

Falls Sie sich mit jemandem verabredet haben, warten Sie unter dem Schwanz vom Pferd der Statue des Heiligen Václav (Wenzel), dem frommen König, der von seinem Bruder ermordet wurde. Prager treffen sich immer "unterm Schwanz". Das ist quasi deren Weltzeituhr.


Gehen Sie ins riesige Nationalmuseum an der Stirnseite des Platzes und bewundern Sie das ausgestopfte Mammut in der Eingangshalle. Aber nicht zu lange bitte! Um alle Präparate in den endlosen Vitrinen anzugucken und die Mutter des Mammuts zu finden, bräuchten Sie einen halben bis ganzen Tag.


Wenden Sie sich nach rechts und folgen Sie dem Wenzelsplatz auf dem breiten Fußgängerstreifen zwischen den Fahrbahnen. Stellen Sie fest: Dieser Platz ist wirklich sehr, sehr lang. Gehen Sie vorbei an Grünanlagen mit eckigen Hecken und am Tram-Cafe in einer historischen Straßenbahn und wenden Sie sich am Ende des Platzes nach schräg rechts.


Abschnitt 2:
Beeilung jetzt! Sie müssen zur vollen Stunde auf dem Staroměstské Náměstí (Altstädter Markt) sein, wo die Aposteluhr am Rathaus schlägt. Verrenken sie sich in einer riesigen Menschenmenge den Hals, um auch die kleinen drehenden Figürchen zu erkennen. Ignorieren sie nach Möglichkeit das Baugerüst. Passen Sie auf Taschendiebe auf!

Bei der Gelegenheit können Sie auch noch einen Blick auf das exorbitant große Denkmal werfen. Ist das für die Befreiung von den Sowjets? Nein, für den Reformator Jan Hus, also auch was mit Widerstand.

Abschnitt 3:
Gehen Sie als nächstes zur Karlsbrücke. Laufen Sie dabei in die komplett falsche Richtung bis zum Pulverturm, kehren Sie dort um und irren Sie noch eine Weile durch die Straßen.


Finden Sie irgendwann zurück zum Rathaus und schlagen Sie diesmal die richtige, genau entgegengesetzte Richtung ein. Streifen Sie durch einige Gassen und Durchgänge, immer geradeaus. Ignorieren Sie die über und über mit Schlüsselanhängern und Magneten behängten Souvenirläden, die aus irgendeinem Grund alle gleich aussehen.
Kurze Zeit später stehen Sie auch schon auf dem Karlův most (Karlsbrücke).

Wie, Sie wollen nicht nur die Standard-Sehenswürdigkeiten sehen, sondern auch was anderes? Oho, der feine Herr will es wohl intellektueller. Gut, dann schauen Sie eben im Smetana-Museum. Das ist versteckt in der hintersten Ecke der Halbinsel, auf der die Karlsbrücke beginnt, hinter den ganzen Restaurants, und das heißt, Sie sind der einzige, der sich dahin verirrt. Der Standort ist perfekt für den Mann, denn hinter den offenen Fenstern rauscht sein bekanntestes Werk vorbei. Als er das geschrieben hat, war er schon zu taub, um die Moldau (weder den Fluss noch seine Musik) zu hören. Er hat auch die Libuše-Sage veropert und insgesamt seinen Ton dazu beigetragen, dass die Idee einer tschechischen Nation die dreihundertjährige österreichische Besatzung überlebte.
Falls Sie aber hoffen, hier einen Überblick über das Leben und Werk des Mannes zu bekommen,  muss ich Sie enttäuschen. Das ist kein Anfängermuseum - erst mal zeigen Sie gefälligst, was Sie schon über den Komponisten wissen! Erraten Sie bei dem Spiel auf dem Display, welche Oper Smetanas abgespielt wird. Lernen Sie dann anhand zahlreicher Originaldokumente Nischenwissen über die Bühnenbilder seiner Opern oder zusammenhanglos platzierte Orte seines Lebens. Aha, er war also in Göteborg, aber wieso? (Als politischer Flüchling vor dem österreichischen Absolutismus.)

Überqueren Sie nun die Karlsbrücke. Gucken Sie sich die Moldau an. Kaufen Sie die Bilder und der Straßenkünstler, oder auch nicht. Halten Sie Ihre Kinder vergeblich davon ab, ihr Taschengeld für bemalte Glassteine auszugeben.


Ganz wichtig: Begrapschen Sie den heiligen Nepomuk!
Und dann weiter, Sie müssen ja noch hinauf zur Burg (im Hintergrund).


Abschnitt 4:
Überqueren Sie am anderen Ufer den Marktplatz das Malostranské Náměstí (Kleinseiten-Marktplatz). Die sogenannte kleine Seite war in erster Linie die feine Seite, bewundern Sie die vornehmen Bürgerhäuser der einstigen Elite.

 

Steigen Sie dann eine sehr lange Treppe hoch. Stellen Sie fest: Die Kleine Seite ist nicht nur klein, sondern auch hoch. Machen Sie Fotos und genießen Sie den Blick auf das Häusermeer, nicht zu lange natürlich.



Passieren Sie eine Flughafenkontrolle. Sollten Sie zufällig einen terroristischen Anschlag auf den tschechischen Präsidenten planen, ist es ratsam, hier umzukehren, wenn Sie nicht gefasst werden wollen. Betreten Sie die Prager Burg Hradčany, die gleichzeitig auch ihrem Stadtteil den Namen gegeben hat. Sie besteht aus riesigen, gelbweißen und rechteckigen Innenhöfen und hat so gar nichts mit den klassischen Burgen an der Moldau gemein.


In einem der Höfe steht die Katedrála svatého Víta (Veitsdom). Versuchen Sie vergeblich, sie ganz auf ein Foto zu bekommen. Dieser gotische Dom ist absurd riesig und wirkt wie ein Fremdkörper. Was er ursprünglich auch war. Es war der Heilige Václav vom Wenzelsplatz am Anfang, der hier als erster eine Kirche anstelle eines heidnischen Heiligtums platziert hat, als das tschechische Christentum noch am Anfang stand und nur beim Adel verbreitet war.


Posieren Sie mit einem Wachsoldaten. Machen Sie sich je nach Belieben lustig über ihn oder haben Sie ein wenig Angst. Diesen starren Wächtern fehlt die Bärenfellmütze, dies kompensieren sie teilweise mit Schnauzbärten.


Durchstreifen Sie die Burg. Benutzen Sie eine Navigationsapp, wenn Sie den versteckten Zugang zur Zlatá Ulička (Goldenes Gässchen) finden möchten. Gehen Sie da am besten zwischen 17 und 18 Uhr rein. Dann muss man keinen Eintritt mehr bezahlen, es haben aber trotzdem vielleicht noch manche der Shops und Minimuseen offen. Es ist noch vor 17 Uhr? Dann überlegen Sie halt, ob ihnen die Fachwerk- und Alchemistengasse den frechen Preis wert ist. Falls Sie ein armer Zeitreisender aus dem 19. Jahrhundert sein sollten, schütteln Sie den Kopf, dass man an der heruntergekommenen Absteige, in der sie damals hausen mussten, jetzt nur für das Betreten und Anschauen der Straße Geld bezahlen muss.


Gucken Sie sich die Stadt dann zusammenfassend noch einmal schön von oben an - falls Sie es schaffen, ein paar andere Touristen von dieser Mauer wegzudrängen. So sehen Sie dann auch gleich alle anderen Sehenswürdigkeiten, die Sie nicht geschafft haben.


Steigen Sie anschließend wieder so eine ewig lange Treppe hinab, danach eine ewig lange Rolltreppe, dann in die U-Bahn, die Sie wieder zurück zum Hauptbahnhof bringt. Oder woandershin, falls Sie merken, dass Sie nach diesem schnellen Ritt sogar noch Zeit übrig haben.
Achten Sie darauf, dass Sie wirklich das richtige Ticket kaufen, denn die vergilbten Schilder neben den Knöpfen zeigen nicht zwingend das richtige an, sondern werden im Zweifelsfall durch einen Aufkleber an der Seite des Automaten ersetzt. Falls die eigenwilligen Automaten gar nicht wollen, hilft im Zweifelsfall ein beherzter Tritt. Zumindest war das früher so, bei der Ticketapp funktioniert diese Strategie vermutlich eher nicht.