04 Mai 2026

Moldau: Von Vyšší Brod nach Rožmberk

III. Die Paddelmoldau


Vyšší Brod (Hohenfurt) ist in mehrfacher Hinsicht eine Grenzfeste - die letzte Moldaustadt am Iron Curtain Trail, an der Grenze nach Österreich und zwischen zwei sehr unterschiedlichen Abschnitten der Moldau. Und wer kann Grenzen am besten beschützen? Richtig: Mönche. Deswegen waren es die Zisterzienser, die in ihrem hohen Kloster jahrhundertelang den Übergang nach Österreich bewachten und den Armeen der Hussiten standhielten. Stolz und gotisch ragt die Kathedrale in den Burgmauern auf und stellt die Innenstadt in den Schatten (auch wenn die wieder so eine Allee auf dem Marktplatz hat wie in Frymburk).
 
 
Erst der Kommunismus vertrieb die Mönche nach und nach rüber nach Österreich. Der sozialistische Präsident Edvard Beneš (noch vor dem endgültigen prosowjetischen Putsch) wollte das Kloster zwar wiederbeleben. Nur siedelte er halt blöderweise gleichzeitig alle Deutschen aus, wodurch nur eine kleine Rumpfmannschaft an Mönchen zurückblieb. Dabei war der Abt gerade loyal zum tschechoslowakischen Staat geblieben und deshalb von den Nazis verhaftet worden.
Als auch die letzten Brüder gegangen waren, wurden die heiligen Hallen zur Grenzkaserne. Aber nach der Samtenen Revolution kehrten die Mönche zurück, und 2017 bekamen sie nochmal umfangreiche Wälder zurück, nachdem die korrekte Bescheinigung gefunden war, dass sie nicht mit den Nazis kollaboriert hatten.
Doch obwohl die Mönche vieles für Besucher zugänglich gemacht haben, hat der durchschnittliche Tourist in Vyšší Brod ein anderes Ziel.
 
 
Nämlich diese Stelle hier. An den Holzhäusern liegen Boote in rauen Mengen bereit. Anfang Mai ist es noch still hier - erstaunlich still. Natürlich hat die Hochsaison noch nicht begonnen, aber nach den ganzen hartgesottenen Campern in den Bergen hatte ich schon damit gerechnet, hier wenigstens irgendwen in einem Boot zu sehen.
Dass es im Sommer völlig anders aussieht, weiß ich aus Erfahrung.

Bei der Spree und bei der Havel habe ich geschrieben, dass der Fluss in erster Linie zum Paddeln da ist. Bei der Moldau habe ich es nun tatsächlich gemacht und bin ins Boot gestiegen. Vor 11 Jahren.
Zweimal bin ich diese Strecke in einer Reisegruppe gepaddelt, angeführt von einem Pastor. 2015 und 2012, als ich genau hier ahnungslos aus einem Reisebus stieg und die Moldau noch überhaupt nicht kannte. Mein Vater hat sie sogar einmal im Triathlon absolviert: Immer einen Tag paddeln, abends dem Fahrrad zurück und dann das Auto nachholen.
Und weil ich die Moldau im Wasser sehr viel besser kennengelernt habe als auf der Radroute, werde ich hier genauer auf die Paddelreise eingehen.
 
 
Kneipen und Kanuverleihe scharen sich am Ufer am Ufer.
Wir packten unser Hab und Gut in eine wasserfeste Tonne, die gleich mitvermietet wird. Wer Glück hat und permanent von einem Reisebus begleitet wird, der muss in die Tonne nur das nötigste packen, was er den Tag über braucht.
 
Los geht's! Ach, verdammt, ich kriege schon Hunger. 
Kein Problem: Der gesamte Tourismus ist auf Menschen auf dem Wasser eingestellt. Schilder auf dem Wasser preisen frische Eierkuchen an. Und schon nach den ersten Kilometern bogen die ersten Boote zu einer Cocktailbar ein, die im Prinzip im Wasser schwimmt und ausschließlich per Kanu zu erreichen ist.

Aus Norddeutschland kannte Paddeln als nur so mittelspannenden Sport, bei dem man an immergleichen Schilfgürteln vorbei durch tiefschwarzes Wasser stakt und oft gar nicht merkt, ob man vorankommt und ob die Strömung nun für oder gegen einen ist.
Darum war die Moldau für mich ein echter Naturschock. Hier kann sich die Landschaft nach jeder Biegung ändern. Und ob man mit oder gegen die Strömung paddelt, spürt und sieht man sofort - darüber hinaus spürt man auch sofort, dass nur eine der beiden Möglichkeiten ernsthaft in Frage kommt.

Die Herausforderung ist also nicht das Vorankommen, das macht die Moldau im Prinzip von selbst, sondern das Ausweichen. Deshalb hat der Steuermann, der hinten im Boot sitzt, die weit größere Verantwortung. Logisch, dass ich sofort diese Aufgabe bekam, weil ich mit jemand ebenso Unerfahrenem im Boot landete. Ich lotste unser Kanu also durch die zwei Herausforderungen der Moldau: Stromschnellen und Floßgassen.
Die Stromschnellen sind zwar keine solchen Brocken wie in der Schlucht hinter Lipno, aber sie geben dem Boot trotzdem einen kräftigen Energieschub. Wenn man es denn schafft, richtig durch die Steine durchzusteuern. Wenn nicht - und das passiert früher oder später jedem - macht es Krrz und das Boot hat eine neue kleine Schramme, bleibt aber normalerweise nicht stecken, und kentern tut man erst recht nicht.
Die Floßgassen dagegen - zu denen komme ich im nächsten Post. (Am ersten Tag gab es zwar auch schon drei Stück, aber die habe ich nicht fotografiert.)
 
Wie soll ich denn in diesem wilden Wasser einen Rastplatz, Campingplatz oder generell ein bestimmtes Stück Ufer ansteuern? Damit das geht, haben die Leute mit Steinmauern und Steintürmchen sichere Häfen ohne Strömung errichtet. So ist der Ausstieg und das An-Land-Ziehen kein Problem.

Im Boot komme ich dem Fluss näher als auf dem Rad, und bei Hitze ist die Abkühlung nur einen Handgriff oder einen kurzen Sprung entfernt. Wenn das Wetter mitspielt, wird jede Pause zur Badepause. Aber dafür muss ich einige Nachteile in Kauf nehmen: Ich bin bei der Wahl des Weges sehr viel eingeschränkter. Der Hintern tut jeden Abend weh mit einer Intensität, die mir so kein Fahrradsattel jemals verursacht hat. Und ich schaffe jeden Tag nur so 10 bis 20 Kilometer - trotz der Strömung sind Boote einfach langsam.

Darum endet die erste Paddeletappe traditionell am Zeltplatz von Rožmberk. Diese Moldau-Zeltplätze sind im Prinzip einfach eine Wiese am Ufer mit Zufahrt, Sanitäranlagen und Lagerfeuerstellen. Als deutsches Kind mit Tschechischkenntnissen kam mir damals die Aufgabe zu, bei der Rezeption jeden Abend 100 Hörnchen für den nächsten Morgen zu bestellen. Einen solches Gespräch führen die an der Rezeption bestimmt auch nicht jeden Tag.

Im Stadtgebiet von Rožmberk ist die Stadt ebenso still wie die Moldau, und es ragen zwei böhmische Burgen der Kategorie 1 in den Himmel. Die Rosenberger waren auch eine mächtige Familie, quasi die Schwarzenberger light. Der legendäre Ritter Witiko soll jedem seiner fünf Söhne eine andersfarbige Rose in die Hand gedrückt haben mit den Worten: "Bau dir ne eigene Burg, und mach die hier in dein Wappen."
Weil eine Burg den Rosenbergern nicht reichte, bauten sie auch an ihrem Stammsitz gleich zwei, die ursprünglich getrennt waren. Auf den ersten Blick schien es, als würden sie an unterschiedlichen Flussufern stehen. Aber dann erkannte ich, dass die Obere und Untere Burg (der Höhenunterschied ist eher zu vernachlässigen) auf demselben Grat stehen und mit einer steinernen Brücke verbunden sind. Insgesamt besteht die Doppelburg aus 144 000 Steinen, und der Bau dauerte 520 Stunden... ach nee, Moment, das waren die Daten der Lego-Version in der Czech Repubrick.
 
 
Und mit dem Fahrrad? Die Radroute schickt die Moldauradler weit über die Hügel, denn unten im Tal gibt es nur eine große Straße. Und diese Straße nahm ich, was keine so schlechte Entscheidung war. Ich sparte mir viele Anstiege, und der Feierabendverkehr hielt sich auch in Grenzen - zumindest kamen die Autos in Abständen, bei denen mich jeder überholen konnte und nur selten jemand wegen Gegenverkehr hinter mir herschleichen musste.

In Rožmberk bog ich dann aber doch auf die beschilderte Radroute ab - und dann gleich wieder runter. Mühsam strampelte ich hoch, aber kurz bevor die kleine Waldstraße das Tal endgültig verließ, bog ich auf einen Wanderweg ab. Der war eigentlich auch okay befahrbar, und ich würde ihn empfehlen, selbst wenn man dort nicht übernachten will. Aber Vorsicht! Zweimal blockiert ein Elektrozaun den Radweg, dort bitte nicht reinrasen! Man kann ihn mithilfe der Plastikgriffe aushaken und öffnen, aber auch das hat seine Tücken - an einem der Griffe löste sich plötzlich der Draht und fiel zu Boden. Die Kühe auf der Weide nahmen kaum Notiz von mir.

Mein Ziel war ein Campingplatz bei Branná. Dieser spezielle Zeltplatz wurde schon vor einigen Jahren aufgegeben. Die Stelle ist wahrscheinlich ungünstig gelegen, zu lang für den ersten Paddeltag, zu kurz für den zweiten. Der Eigentümer erlaubt es den Reisenden (natürlich hauptsächlich Paddler) aber noch immer, ihr Lager dort aufzuschlagen. Zumindest laut der Bewertung auf mapy.cz. Auch die, ähm, sanitären Anlagen durfte ich mitnutzen. Sofern ich es durch die Brennnesseln schaffe.
Ein Banner wirbt für den Imbiss Zur Mücke. Auch das Restaurant hinter dem Bach schien grundsätzlich noch betrieben zu werden, aber keine Saison zu haben. Dort standen ein Wohnmobil und ein LKW - wie zum Geier ist der denn hier durchgekommen?
Im Moment hatte ich aber alles für mich, und nach den zwei Nächten auf überfüllten Naturlagerplätzen war mir das auch sehr recht. Nicht mal das Zelt musste ich aufbauen, denn es stand eine rundum offene, überdachte Hütte zur Verfügung - direkt an der Mündung eines plätschernden Bachs in die plätschernde Moldau. Ein Traum! Wobei nicht alles ideal war, denn mit fortgeschrittener Nachtstunde dröhnte das Plätschern immer lauter in meinen Ohren, direkt hinter dem Fluss brausten Autos, und immer wenn ich gerade eingenickt war, raschelte im Gras irgendeine Maus oder so was.

Damit nicht genug: Einen halben Kilometer weiter steht am Wanderweg auch noch eine nagelneue, zweistöckige Schutzhütte zum Übernachten. Die Qual der Wahl! Am Ende fiel meine Wahl auf den verlassenen Zeltplatz, denn von diesen Hütten kommen noch mehr.

03 Mai 2026

Moldau: Von Nová Pec nach Vyšší Brod

II. Die Bademoldau

Die Sonne brannte, die tschechischen Familienradler schnarchten noch den Schlaf der Erschöpften, der Himmel erstrahlte in einem fast schon penetranten Blau, bei dessen Anblick die Wolken gleich wieder aufgaben. Ich nicht, denn jetzt stand nur eine gemütliche Runde um einen Stausee auf dem Plan - und viel mehr als das mache ich heute auch nicht.

Zurück zum Schwarzenberger Schwemmkanal war die Strecke erst einmal sehr flach, dafür war der Kanal zum Teil nur noch eine trockenes Grasmulde, deren Form nur noch schwer auszumachen war. Schade, schließlich führt der Moldauradweg eigentlich ja nur auf diesem Abschnitt am Kanal entlang, wenn man nicht die Abzweigung zum Naturlagerplatz nimmt. Aber die Frühstückspause war trotzdem ganz wunderbar.

Irgendwann wollte ich aber wissen, was inzwischen aus der Moldau geworden ist. Dazu musste ich vom Kanal runter und über einige hügelige Weiden und Dörfer rüber. Normalerweise wäre das kein Problem gewesen, aber mit dem Muskelkater von gestern in den Beinen war es dann doch ein kleines Problem...chen.
Und dann tauchte er auf. Eine weitverzweigte spiegelglatte Fläche, die das penetrante Blau des Himmels zurückwarf. Das ist der Lipno-Stausee, auch bekannt als Böhmisches Meer, Böhmische Riviera oder Šumavské moře ("Šumava-Meer"). Der größte See Tschechiens ist in diesem Bereich am breitesten.

Was viele nicht wissen: Das böhmische Meer ist gar nicht rein böhmisch. Dieser kleine Ausläufer namens Rakouská zátoka (Österreichischen Bucht) liegt hinter der Brücke in der hinterletzten Ecke auf österreichischem Staatsgebiet (ganz rechts). In den 50ern gelang einigen Tschechen über diesen Weg die Flucht, als das Betreten des rechten Seeufers zwar schon verboten, die Grenze aber noch relativ grün war. Für alle Österreicher, die sich noch immer nicht über den Eisernen Vorhang trauen, steht eine hölzerne Aussichtsplattform an ihrem Ufer bereit.

Der Wasserstand war offenbar eher niedrig, denn immer wieder tauchten die verwitterten Stümpfe der Bäume auf, welche für diesen exorbitanten Badesee ihr Leben ließen.
Die Menschen in diesem Tal hatten schon immer Probleme mit Hochwasser. Die Idee, das durch einen Stausee zu lösen, kam schon nach der schweren Flut von 1890 auf - auch wenn das natürlich in den tiefer gelegenen Dörfern zu einer sehr dauerhaften Art von Hochwasser führen würde. Die Pläne scheiterten beim ersten Mal, weil die Bauern ihre Grundstücke nicht verkaufen wollten, beim zweiten Mal weil Hitler. Als die Kommunisten das Projekt 1958 umsetzten, war die Sache mit den Grundstücken durch die Vertreibung der Sudetendeutschen kein Problem mehr. Zum Bau musste "Betonmilch" in den Fels injiziert und ein komplett neues Flussbett für die Moldau gebaut werden. Inzwischen stand als Zweck die Stromproduktion im Vordergrund.
Bei dem großen Hochwasser von 2002 (und 2013) konnte der See die Zerstörung dann auch nur eingeschränkt abmildern. Die Zeitungen kritisierten den Bürgermeister, der rein zufällig gleichzeitig Hafenverwalter und Staudammverwalter war, er habe nicht rechtzeitig Wasser abgelassen, damit der See genug Puffer für den Starkregen hatte. Das Umweltministerium konnte ihm aber kein Fehlverhalten nachweisen. Seitdem wird der Pegel dauerhaft etwas tiefer gehalten. 2004 wurde zusätzlich für eine Raftingmeisterschaft Wasser abgelassen, und es tauchten Gleise, ein Bahnhof und eine Flussschleife namens Moldauherz auf, die seit fast 50 Jahren versunken gewesen waren. Und genau diese Absenkung führte zufällig dazu, dass das nächste Hochwasser dann wirklich harmlos ausfiel.

Ich düste jetzt zügig auf einer geraden Straße durch einen Moos- und Nadelwald, ganz nah am Seeufer. Trotzdem blitzte das Wasser nur gelegentlich durch die Nadeln. Dörfer gibt es hier nicht, und das hat einen guten Grund. Rostige Bunkertore gucken aus dem Boden, und damit sollte dann auch klar sein, was dieser Grund war.

In der Sowjetzeit gehörten das komplette rechte Ufer und die rechte Seehälfte zum Sperrgebiet, nur wenige Dörfer durften bleiben. Im Kriegsfall sollte der See ganz schnell abgelassen werden, damit weitere Soldaten rüberkamen. Und bevor die Staumauer dem Feind in die Hände fiel, sollte sie lieber gesprengt werden.
1975 passierte hier eine besonders dreiste Flucht per Hubschrauber. Der Auftrag kam zwar von einem DDR-Flüchtling im Westen, aber die Hauptarbeit machte der Pilot Barry Meeker - ein Mann aus dem Erzfeindesland USA. Er flog über die Grenze und den See, landete am anderen Ufer in Dolní Vltavice und holte insgesamt neun DDR-Bürger ab. Zweimal hat ihn niemand gesehen, erst beim dritten Mal waren zufällig in der Nähe des Landeplatzes Grenzsoldaten mit Bauarbeiten beschäftigt. Sie schossen. Meeker musste zwei der Flüchtlinge zurücklassen, schaffte es aber verletzt und mit beschädigtem Hubschrauber in ein österreichisches Krankenhaus.

Auf einmal tauchte am Wegesrand ein gewaltiges Banner auf: Bike Ferry 3,5 km. Und dann noch eins, als der Abzweig zur Fähre kam. Nanu, jetzt schon? Ich kontrollierte die Karte und nope, das war nicht die Fähre, die ich brauchte. Die riesigen Banner erwähnen nicht, wohin die Fähre tatsächlich fährt: Dolní Vltavice. Und dort ist die Radroute erheblich länger und verwinkelter, und deshalb wollen die meisten Radfahrer vermutlich auf der direkten Straße zur Fähre nach Frymburk, die nun auch bald kommen soll. Ich verstehe ja, dass ihr auch Touristen nach Dolní Vltavice locken wollt, aber dieses Poster grenzt an bewusste Irreführung.

In Frýdava bog ich dann ab zur richtigen Fähre nach Frymburk. Was, wieso sagt meine App, die fährt sonntags nicht? Ich befragte den ausgehängten Fahrplan und andere Menschen und musste schnell feststellen, dass die Kartenapp hier großen Unfug erzählte. Das rostige Boot fährt stündlich. Ein uralter Fahrkartenautomat hatte zwar extra ein Feld, um Münzen daran sauberzukratzen. Aber ich hatte noch keine passenden Kronenmünzen und zahlte lieber beim Fährmann. Ich verbrachte eine halbe Stunde Proteinriegel essend im Schatten eines leicht abgeranzten weißen Haltestellenhäuschens, während immer mehr Verkehrsteilnehmer aller Art angespült wurden. Besonders mir ins Auge fiel mir eine Österreicherin mit einem E-Bike aus Holz. Das hat ein österreichischer Hersteller erfunden. Die Vorteile: Es ist leichter und äh... es ist halt leichter.

Auch der grummelige Motorkahn, der uns letztendlich alle zusammen nach Frymburk brachte, bestand zum Teil aus Holz. Ein Schild verkündet, dass alle motorisierten Fahrzeuge zuerst rauf- und runterdürfen. In dieser Hinsicht konnte sich die tschechische Motoristen-Partei offenbar schon durchsetzen. Der Stausee hat hier eine besonders schmale Stelle, sodass die Überfahrt nur fünf Minuten dauerte. Man kann übrigens auch seine eigene Extrafahrt buchen oder sein eigenes Schiff am Fähranleger zu Wasser lassen. Beides kostet laut Preistafel nur ca. 10 Euro.

Frymburk liegt auf einer Halbinsel, die wie eine Nase in die Engstelle im Stausee ragt. Statt einer Staumauer zieht sich außenrum ein Ring aus Gärten, Bänken und einem Radweg. Und Kunstwerken. Dieses hier wurde von Studenten der Kunstpädagogik aus Budějovice geschaffen, und so sieht es auch aus. Es ist eine Büste von Jára Cimrman, nachdem er mit einem Handtuch geschlagen wurde. Aha. Und der Finger deutet auf das versunkene Altersheim, wo Cimrman gelebt hat. Okay, und wer ist das?
Ein Blick ins Internet hilft: Jára Cimrman gibt es nicht und gleichzeitig doch. Der Universalgelehrte ist die Hauptfigur mehrerer Theaterstücke und eines Films, ein Symbol des Widerstands gegen die Sowjets und entwickelte sich zu einer Art virtuellem Nationalhelden und Internetphänomen, lange bevor es das Internet gab. Überall im Land basteln die Tschechen mit kleinen Gedenktafeln und Denkmälern an seiner fiktiven Biographie herum. Ein Asteroid und ein Skorpion sind nach ihm benannt, und in einer Umfrage wurde er zum bekanntesten Tschechen überhaupt gewählt. Aber zur allgemeinen Empörung akzeptierte die BBC das Ergebnis nicht, weil fiktive Figuren nicht erlaubt seien.
Okay, jetzt feiere ich die Skulptur doch. 

Der Marktplatz von Frymburk ist klassisch tschechisch mit Arkaden und Pestsäule ausgestattet, nur bedingt durch die Lage auf der Halbinsel etwas langgezogen. Eine schöne Abwechslung ist die Allee in der Mitte.

Ein komplett unauffälliger Seiteneingang, der total geschlossen aussah, wies mich in den Coop. Ich befindet mich auch in einer Weingegend, weshalb man sich seinen eigenen Alkohol abfüllen kann.

Frymburk lag an der Handelsroute zwischen Český Krumlov und mehreren österreichischen Städten. Dadurch blieb genug Geld hängen, um 1474 die älteste Schule in Südböhmen zu bauen. Heute ist eine Pension darin, aber eine Schule hat das Städtchen bestimmt immer noch - die gibt es in Tschechien generell auch in kleineren Orten, die in Deutschland zu klein für eine eigene Schule wären.

Es wurde heißer, und ich hatte Lust, den See noch sehr viel näher kennenzulernen. Aber was Badestrände angeht, ist das schöne Frymburk leider ein völliger Flop: Die gehören alle irgendwelchen Ferienanlagen und sind hinter Schranken versperrt.
Also folgte ich der Hauptstraße in der Hoffnung, dass sich das bald ändert. Für diese Straße mussten mehrere Granitfelsen gesprengt werden, das war damals der erste Arbeitsschritt beim Bau des Stausees.

Zwischen Hauptstraße und Seeufer verläuft ein Radweg, vom Verkehrslärm abgeschirmt durch ein paar Meter Höhenunterschied und ein paar nicht gesprengte Felsen. Wunderbar, so habe ich mir das vorgestellt! Wo komme ich jetzt zum See runter?

Es dauerte nicht lange, da hatte ich einen angenehmen Strandzugang gefunden. Der steinige Zugang und das klare Wasser erinnerten mich sehr an den Hohenwarte-Stausee an der Saale, zumal mir auch diesmal beim Schwimmen genau ein Segelschiff Gesellschaft leistete. Aber wenn ich ganz ehrlich bin - die Stauseen der Saale waren dann doch etwas beeindruckender. Die Lipno-Landschaft ist eher ruhig, nach dem Wasser kommt halt Wald und fertig. Von den typischen tschechischen Felswänden keine Spur, und sogar die fernen Berggipfel der Šumava sind an dieser Stelle gar nicht mehr zu sehen.

Aber mal sehen, was es an der Moldau sonst noch zu sehen gibt. Nach einer Weile begann am Ufer die nächste Dröhung Ferienanlagen, und zu einer davon gehört ein gelber Quader, in den ich reinging. Ich stieg Treppen rauf und runter, schlängelte mich zwischen verschiedenen Sporthallen hindurch und kam schließlich in eine längliche Halle. Während ich oben auf einer Galerie entlanglief, konnte ich im Prinzip schon den kompletten Inhalt der Halle sehen. Was eigentlich ziemlich unklug gemacht ist, denn die Kasse zum Bezahlen kommt erst danach. In Vitrinen stehen Legofiguren von Zombie-Cheerleaderinnen über Jan Hus bis hin zu Růžová Batgirl.
Willkommen in der Czech Repubrick, einer liebenswerten Touristenfalle. Hier wurden auf engem Raum die bekanntesten tschechischen Burgen nachgebildet, darunter Burg Karlštejn, Bouzov, Hogwarts, Bezděz, Isengard, Lednice, eine Krauss-Maffei-Fabrik, den Ještěd, die Vila Tugendhat, Červená Lhota, lebensgroße Horrorfiguren aus Tim-Burton-Filmen, das Spandauer Gefängnis, die Fördertürme von Ostrava und aus irgendeinem Grund Bonn Hbf. Die Stationen zum Selberbauen erinnert sehr an die Lego-Ausstellung im Kölner Odysseum. Zufrieden schritt ich die Orte ab, von denen ich einige schon gesehen hatte oder diese Woche sehen würde.

 

Denn natürlich ist da auch einiges von der Moldau dabei, und natürlich die Hälfte davon aus Prag: Die Doppelburg von Rožmberk (im Bild), Burg Hluboká...

...das Nationalmuseum in Prag, der Veitsdom, das Rathaus neben dem Tanzenden Haus (im Bild), die Czech Repubrick und das Atomkraftwerk Temelín. Aber ausgerechnet die Staumauer von Lipno ist nicht dabei.

In manchen der Burgen reiten noch Könige und Ritter ein und aus, in anderen fotografieren bereits Lego-Touristen, manchmal sogar beides gleichzeitig auf unterschiedlichen Seiten der Burg. Einer der Touristen hat sein Fahrrad zur Burg Bezděz mitgenommen.

Weiter hinten steht ein großer Freizeitpark im amerikanischen Stil. Das eine oder andere Fahrgeschäft bewegt sich auf Knopfdruck, sogar das bizarre Kettenkarussell, das an Saurons Dunklen Turm angehängt wurde. Nur die große Holzachterbahn steht still.

Die Stausee-Hauptstadt Lipno ist viel jünger als Frymburk, und das sieht man. Zwar gab es hier schon vor dem Stausee eine Holzfällersiedlung namens Lipno, die ist aber komplett versunken. Die heutige Stadt wurde komplett für die Arbeiter beim Staudammbau und dann für den Tourismus gebaut. Immerhin sehen die Ferienwohnungen in erster Reihe an der steinernen Promenade ganz nett aus, sie haben etwas unbestimmt mediterranes. Ein niederländischer Investor hat nach der Wende einen der größten Yachthäfen in Mitteleuropa gebaut. Man darf aber nur segeln, ein Motor ist nur den Fähren, Schiffsrundfahrten und Polizeibooten gestattet.

Und da ist sogar ein Sandstrand mit Seebrücke, und spätestens jetzt ist klar, warum der See mit einem Meer vergleichen wird. An der todschicken Brücke steht ein tiefschwarzes Restaurant auf Stelzen im Wasser. Und über der Stadt thront noch das übliche Angebot aus Skipisten, Sommerrodelbahn und Baumwipfelpfad. Naja, mit der Czech Repubrick habe ich ja schon eines dieser touristischen Angebote wahrgenommen.

Also dann, auf zu den letzten Kilometern Stausee. Der wird jetzt noch schmaler, und schließlich endet er an einer weißen und überraschend unscheinbaren Staumauer. Die Engstelle ist optimal geeignet für eine Talsperre, weil die Moldau hier schon einen großen Teil ihrer Höhenmeter abgebaut hat, an dieser konkreten Stelle aber gerade nicht sonderlich steil fließt. Außerdem besteht der Boden aus festem Gneis und Granit.
Die Straße auf der Staumauer musste ich gar nicht benutzen, worüber ich bei dem Verkehrsaufkommen auch ganz froh war. Einfach abwarten, bis sich eine Lücke im Verkehr auftut, die Straße queren, und schon war das Böhmische Meer vorbei.

Dahinter geht es erst einmal ein paar Meter runter. Erst hier hat Lipno einen Bahnhof und ein Informationszentrum zur Staumauer. Hier gäbe es tatsächlich ein funktionsfähiges Modell der Mauer, vielleicht sogar aus Lego, es hat aber nur selten geöffnet.

Nun irrte ich durch eine staubige Landschaft aus kleinen Wiesen, Dörfern und Bahnhöfen, immer auf der Suche nach dem Radweg. Die Schilder lotsten mich schließlich auf eine provisorische Baustellenbrücke, weil das Original gerade repariert wurde. Dort begann dann ein brandneuer Radweg an der Hauptstraße... aus dem Tal raus? Mooment, jetzt sollte doch eine enge Schlucht kommen, die würde ich ungern verpassen. Ist der alte Weg denn gar nicht mehr befahrbar?
Doch, ist er. Ich folgte der Karte, und sogar der Wegweiser musste schließlich widerwillig einräumen, dass man schon auch noch theoretisch die andere Variante fahren kann, aber Vorsicht, schlecht befahrbar und gefährlich, GET OF THE BIKE!

Die Moldau ist nun, wie es nach Stauseen im Gebirge üblich ist, wild, schaumig und steinig. Über den Stromschnellen erhebt sich die Čertová stěna (Teufelswand) Wand, von der durch den Wald aber nicht viel zu erkennen war. Hätte ich den neuen Radweg an der Straße genommen, hätte ich da vom Aussichtspunkt runtergucken können, aber umgekehrt durch den Wald wahrscheinlich nicht viel von der Moldau gesehen.
Früher war der Lipno-Stausee erst an dieser Stelle zu Ende. Und mit früher meine ich - im Tertiär. Da hatte der Stausee nämlich schon einen Vorläufer, und sein Wasser floss über die Donau ins Schwarze Meer ab. Dann hob sich langsam das Grenzgebirge immer weiter an, die Verbindung zur Donau wurde zu steil. Stattdessen knusperte sich der Moldausee durch die Felsen der Teufelswand durch und schuf sich einen neuen Weg in Richtung Elbe.
Die Stelle erinnert sehr an den Harz. Die Stromschnellen brausen zwar ordentlich, aber wenn ich mir die Größe der Felsbrocken so anschaue, dann sind sie sogar noch relativ zahm. Das hat einen Grund, denn das hier ist nicht das komplette Moldauwasser. Unter meinen Füßen verlief eine fette Röhre, und über die wird das meiste Wasser aus dem Stausee abgelassen. Die Stromschnellen sind eher ein dekorativer Rest. Hier könnte ich mich bestimmt nochmal gefahrlos drin duschen, und warum nicht?
Genau das dachte sich übrigens auch Karel Knap, als er hier 1959 mit seinem Boot stand. Der Pfadfinder sagte "Es wird gehen!" und durchquerte diese Schlucht als erster mit dem Kanu. Damals war die Moldau aber auch auf das Durchflussmaximum von 30 Kubikmetern pro Sekunde aufgedreht. Knap blieb die Ausnahme, die normalen Paddeltouristen sind hier nicht unterwegs. Er wurde später Cheftrainer der tschechoslowakischen Kanumannschaften, durfte sein Team aber nicht für Wettbewerbe ins Ausland begleiten. Also reiste er gleich für immer ins Ausland und wurde Professor für Kanoistik in Köln.

Der Fahrradpfad verläuft oberhalb der Gleise, aber trotzdem mit einem guten Blick auf den Fluss. Eigentlich ist er ganz okay, es sei denn, man gelangt auf der Suche nach der Teufelswand auf den sehr steinigen Wanderpfad unter den Gleisen. Der ist dann wirklich nicht mehr fahrradtauglich.
Züge habe ich auf diesem Gleis übrigens nicht gesehen.

Bald löste sich der Wald wieder auf, aus dem Radelpfad wurde eine stille Straße. Die unterirdische Moldau-Röhre endet und vereinigt sich mit dem oberirdischen Fluss zum

Stausee Nr. 2: vodní nádrž Lipno II

Ach, stimmt. Es braucht ja immer einen kleineren Stausee untendrunter als Ausgleichsbecken. Normalerweise kommt der direkt dahinter, aber in Lipno ist er fast 10 Kilometer von der großen Staumauer entfernt. Kein Wunder, dass die Röhre gebohrt wurde! Da war der Standort direkt vor der engen Schlucht wohl doch nicht ganz optimal.
Der zweite Lipno-Stausee huschte nur so vorbei und endete an einer kleinen grauen Mauer.
Und direkt dahinter beginnt wieder ein ganz anderer Abschnitt der Moldau. 


02 Mai 2026

Moldau: Von Modrava nach Nová Pec

I. Die Wandermoldau

Jetzt bin ich viele Nebenflüsse der Elbe gefahren, aber immer noch nicht die echte Elbe - also den längsten Wasserlauf im System, der es von der Quelle bis Cuxhaven auf 1245 Kilometer kommt, 150 mehr als der sogenannte Namensstrang der Elbe, genug für Platz 78 der längsten Flüsse der Erde. Dieser Fluss heißt Vltava, und das ist eigentlich ein altdeutscher Name: Vilt bedeutet wild und ahwa bedeutet aqua/Wasser. Aber weil das wilde Wasser einen Vokal aus seinem eigenen Namen rausgespült hatte, war den Deutschen ihr eigener Name irgendwann suspekt und sie nannten den Fluss stattdessen Moldau.

Dieser Fluss hat zwar auch einen Radweg, aber der ist, wie der Reiseführer gleich zu bedenken gibt, "kein klassischer Flussradweg", sondern eine durchaus anspruchsvolle Bergtour. Die deutsche Version des Radwegs, wie sie Bikeline darstellt, beginnt am internationalen Bahnhof von Bayrisch Eisenstein.

Ich fuhr also die 45 Kilometer von Bayrisch Eisenstein nach Modrava, stand dort früh morgens auf und radelte die nächste steile Straße im Šumava-Nationalpark hoch. Unter den dichten Tannen plätscherte es, aber die Blumen im vertrockneten Rasen am Straßenrand hatten etwas Geisterhaftes an sich. Rot-weiße Stangen markieren den Straßenrand für den Fall, dass alles eingeschneit ist. Sie flößten mir noch einmal extra Respekt ein vor diesem Gebirge - und Dankbarkeit dafür, dass hier Anfang Mai absolut kein Schnee mehr lag. Da hatte ich Schlimmeres befürchtet.


Im Örtchen Kvilda habe ich das erste und einzige Mal Wintersportanlagen in der Šumava gesehen - sehr wenig für tschechische Verhältnisse, und sonderlich hoch ist die Skiwiese auch nicht. Der Schutz des Waldes wird hier offenbar noch ernstgenommen.

In den hölzernen und fachwerkigen Hotels und Pensionen schliefen die Wanderer noch, aber jemand war schon wach: Hier, über 50 Kilometer nach dem Bahnhof, bekam ich das erste Mal die Moldau zu Gesicht, sie plätscherte bereits breit und munter runter. Ich konnte mich leider nicht so leicht der Schwerkraft hingeben, erst einmal musste ich bergauf.
Die tschechische Version des Radwegs ist etwas anders, sie beginnt nicht in Bayrisch Eisenstein, sondern direkt an der Quelle und folgt dann relativ konsequent der Warmen Moldau, ist also einem klassischen Flussradweg sogar ähnlicher. Aber als ich das anhand der Schilder begriff, hatte ich sowieso schon längst unwiderruflich den Bikeline-Weg eingeschlagen. 

Und der lässt den Straßenverkehr nun komplett zurück und geht einsam das Warme Moldautal hoch. Zuerst durch offene Wiesen, dann durch Nadelwald, schließlich durch eine Brache umgestürzter und hart geborkenkäferter Bäume, wie man sie aus dem Harz kennt. Der Fluss versteckte sich in Moosen und Nadeln, und damit ich ihn überhaupt zu sehen bekam, überquerte ihn der Radweg mehrmals.
Leider, leider immer auf Holzbrücken. Es ist deutlich zu erkennen, dass Tschechien in den letzten Jahren auf für diesen Radweg einiges getan hat, aber die Brücken sind leider absolut ungeeignet zum Radfahren in einer besonders regenreichen Region. Es gibt nicht mal Rillen oder irgendeinen Versuch, das Material weniger rutschig zu machen. Aber ich hatte Glück, es war trocken - obwohl hier tatsächlich noch verschrumpelte Schneereste am Wegesrand zu sehen waren.
 
Und dann, die Borkenkäferbrache war gerade dabei, allmählich zuzuwachsen, war sie da. Ein kleiner Steg zweigte vom Wegesrand ab, und wenige Stufen tiefer lag die "echte Elbquelle". Wie ihre Kollegin im Riesengebirge ist die Elbquelle ein steinerner Ring, aber deutlich kleiner und unscheinbarer. Wie genau das Wasser da leise rausströmt, ist unter dem Steg kaum zu erkennen. Viele Menschen haben silbrige Kronen hineingeworfen, die vom Grund heraufschimmern.
An einer Stelle stieg regelmäßig wie ein Uhrwerk eine Luftblase empor. Das mechanische, immergleiche Blub erinnerte mich eher an das Reinigungsgerät eines tschechischen Gartenpools. Aber das ist ja auch ein passendes Geräusch für den tschechischsten Fluss überhaupt.

Aber Moment mal, irgendwoher kommt mir das Geräusch noch bekannt vor! Richtig, einer der tschechischen Nationalkomponisten hat ja versucht, diesen Fluss zu vertonen, einschließlich der Luftblase. Denn in den ersten paar Takten wird regelmäßig eine Saite gezupft, die sich ganz ähnlich anhört. 
Bei Bedřich Smetana entspringt der Fluss aus zwei Flöten. Die höhere Flöte soll wahrscheinlich die Kalte und die tiefere die Warme Moldau darstellen. Als erstes setzt die höhere Flöte ein.



Das ist streng genommen nicht richtig, denn an dieser Quelle entspringt die Teplá Vltava (Warme Moldau), und die ist eindeutig länger, müsste also zuerst einsetzen. Wer sich auf den Steg legt und die Hand maximal weit ausstreckt, wird herausfinden, dass der Name ohnehin nicht so ganz stimmt, warm ist das eindeutig nicht.

Sodann bin ich kurz vor der Grenze nach Bayern links abgebogen und habe den Weg auf dem Gebirgskamm der Šumava fortgesetzt in Richtung Bučina. Ah, wieder ein Dorf!
Nein, nicht ganz. Bučina war mal ein Dorf. Hier brachte der Handelsweg Goldsteig (heute ein Wanderweg) Pilger, Siedler und Salz aus den Alpen über Passau ins chronisch salzarme böhmische Becken. Eigentlich war der Goldsteig ein Netz von Wegen, und das hier war sein jüngster Zweig. Um den zu beleben, befahl die österreichische Kaiserin Maria Theresia, das Gebiet an der Moldauquelle zu roden und ein Dorf namens Buchwald zu bauen. Angesiedelt haben sich da künische (königliche) Bauern unter dem Motto Niemands Herr, niemands Knecht, das ist künisch Bauernrecht. Aber weil das Dorf a) zu 90 Prozent von Deutschen bewohnt war und b) auch noch an der Grenze lag, wurden bis 1956 alle Bewohner nach und nach ausgesiedelt. Heute sind nur zwei Bauwerke übrig - und sogar die sind eigentlich komplett neu aufgebaut.
 
 
Das Dorf hatte keine Kirche, aber eine stattliche Michei-Bauern-Kapelle, in der Maria und Jesusbaby Spitzenkleider und edle Mäntel trugen. Die Originalfiguren konnten vor dem Abriss durch die Grenzsoldaten gerettet werden und sind heute in Privatbesitz. Die heutige Kapelle ist etwas schlichter. Ein Nachkomme des "letzten Besitzers" (Wovon? Vom Dorf? Oder der Kapelle?) wollte sie gern zur Erinnerung an die Geschichte neu bauen und wartete geduldig ab, bis der Eiserne Vorhang zerfiel und alle Behörden zustimmten. Auf eine Neuvermessung verzichtete das Amt schließlich, weil noch ein Grundriss der Originalkapelle von 1941 aufgetaucht war.
 
Das andere Gebäude von Bučina ist ein Hotel (im Hintergrund) mit Holzbalkons, das in jeder Hinsicht bayrisch aussieht. Davor sprudelt eine fröhliche Wassermühle. Vom Rest des Dorfes sind nur verwachsene Grundmauern (ganz vorn unten im Bild) übrig.
Damit man hier noch etwas anderes machen kann außer wandern die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät, hat der Hotelbesitzer etwas Besonderes aufgebaut - die ausführlichste Darstellung der Grenzsperranlagen am gesamten tschechischen Eisernen Vorhang, inklusive Grenzturm (hinten links) und kleinem Grenzerhäuschen (vorne rechts), das aussieht wie eine grünliche Telefonzelle mit weißem Kiesboden. Nur den Infopavillon dazu hat ein bayrisch-böhmisches Projekt beigesteuert. 
 

Ich konnte durch eine Zauntür in den engen Korridor zwischen zwei Grenzzäunen treten, dem Bereich, der nur den Soldaten vorbehalten war und... Junge, Junge, das war ein beklemmendes Gefühl da drin, eingeklemmt zwischen so viel Draht.
Auf den ersten Blick sehen die T-förmigen Zäune aus wie die frühe DDR-Grenze in Phase 2. Von Mauern, Streckmetall und Selbstschussanlagen keine Spur. Das passte zu der Vorstellung, die ich früher von den Grenzen der anderen Ostblockstaaten hatte - so ähnlich, aber nicht ganz so extrem wie in der DDR.
Das ist leider falsch. Die Tschechoslowakische Sozialistische Republik machte beim Grenzschutz einiges anders als die DDR, übertrieb dabei zum Teil noch viel mehr und musste deswegen schon in den 60ern, deutlich früher als die DDR, massiv zurückrudern.
Bis zu 15 Kilometer vor der Grenze musste man eine Genehmigung vorzeigen (das sind 10 Kilometer mehr als in der DDR), acht Kilometer vorher wurden alle Wegweiser abgebaut, und zwei Kilometer vorher (das sind 1,5 Kilometer mehr als in der DDR) durfte absolut niemand außer den Soldaten rumlaufen. Das war einfach dermaßen unpraktisch, dass die 15-Kilometer-Zone nachträglich auf drei Kilometer reduziert werden musste.
Der Straftatbestand der Republikflucht hieß hier Unberechtigte Verlassung des Gebiets und keine Befolgung des Zurückaufrufs, was ja genaugenommen heißt, dass man auf dem Weg in den vermeintlichen "Goldenen Westen" straffrei blieb, wenn gerade kein Soldat zum Zurückrufen da war. 
Minen und Schießbefehl gab es auch hier, aber statt Streckmetall setzte die ČSSR auf normalen Stacheldraht, statt gepflügter Erde verstreute sie Sand, um Fußspuren zu erkennen. Und vor allem benutzte sie statt Selbstschussanlagen Drähte mit 5000 Volt. Auf dem mittleren der drei Zäune (laut Texttafel, ich sehe hier nur zwei) gab es einen tödlichen Stromschlag. Den erlitten nicht nur Flüchtlinge, sondern auch umfallende Bäume, Tiere und Grenzsoldaten. 650 tschechische Grenzsoldaten kamen im Dienst ums Leben - und nur 10 davon beim Kontakt mit Flüchtlingen, der Rest durch Unfälle und Selbstmord.
Deswegen wurde der Zaun auf eine nicht tödliche Spannung herabgesetzt, die nur Alarm bei den Soldaten auslöste. Und das ganz ohne irgendeinen Micháil Gartenschlegr, der ein paar Volt klauen musste. Einfach nur, weil die Entscheidungsträger dermaßen blöd waren, dass sie einen Teil ihrer eigenen Blödheit von allein erkannt hatten. Gut, vielleicht haben die internationalen Proteste auch eine gewisse Rolle gespielt.
Auch wenn der Elektrozaun 1991 ganz abgebaut wurde, trauen sich tschechische Hirsche bis heute nicht über die imaginäre Linie. 

 
Statt des tödlichen Stroms wurde dann wie in der DDR ein vorgelagerter Grenzsignalzaun errichtet. Seine Schneise verläuft noch heute durch den Wald, im Tal der Warmen Moldau wurden ein paar Panzersperren dazugelegt. An dieser Brache ist also ausnahmsweise nicht der Borkenkäfer schuld.
Außerdem handelt es sich streng genommen nicht um eine Brache, sondern um eine wiederholt gestörte Stelle. Und das ist eigentlich etwas Gutes, zumindest, wenn man das Wald-Läusekraut, das Gewöhnliche Fettkraut oder die Sumpf-Fetthenne fragt. Letztere kommt in Mitteleuropa bloß an vier Orten vor, zwei davon in der Šumava. Diese Arten mögen ganz bestimmte feuchte, aber entblößte Stellen (bitte nicht lachen), und die finden sich normalerweise höchstens am Ufer von Gewässern, durch menschliche Bewirtschaftung aber sogar da immer seltener - für diese Pflanzen war die etwas andere Art der menschlichen Bewirtschaftung an der Grenze also ein Segen.
 
 
Was die geschleiften Dörfer angeht, so sind die in dieser Region viel präsenter als in Nordböhmen oder sogar an der Innerdeutschen Grenze. Auch hier wohnte im Grenzgebiet eine deutsche Minderheit, und auch hier wurden sie Sudetendeutsche genannt - obwohl das Gebirge, das im deutschsprachigen Raum Sudeten genannt wird, eigentlich am entgegengesetzten Ende Böhmens liegt.
Zu jedem verschwundenen Dorf steht ein aufgeschlagenes Buch herum, das dessen Geschichte umreißt - so etwas sucht man anderswo im Sudentenland vergebens. Hier im Tal der Warmen Moldau stand zum Beispiel Grafenhütte. Die Grenzdörfer waren wirtschaftlich umtriebig, bliesen Glas und sägten Holz. Aber schon Krisen in den 1890ern und 1930ern würgten die Wirtschaft ab, einige wanderten nach Amerika aus. Von ihnen bleiben nur noch Schmelzglas-Stücke im Waldboden.
 
 
An diesem Gasthaus waren eine Kirche und ein Haus des geschleiften Dorfs im Modell nachgebaut.

Ich fuhr immer parallel auf dem Kamm der Šumava bzw. des Böhmerwalds. (Ich benutze den tschechischen Namen, weil man in dem schon das Rauschen des Waldes heraushört, und wahrscheinlich ist das Wirklich der Ursprung des Namens.) Dieser urige Urwald wirkt aus der Ferne gesehen gar nicht besonders groß, spitz oder steinig, nur eine endlose Kette großer grüner Wellen. Und trotzdem haben diese Gipfel irgendetwas an sich, das andere Mittelgebirge nicht haben. Vielleicht gerade durch die dünne Besiedelung und die vielen unbebauten Wälder. Hier und da haben der Erlen-, Südliche Kraut-, Dattel-, Fichten-, Lärchen-, Kiefern- und Lindenborkenkäfer zugeschlagen. Aus irgendeinem Grund übersetzt eine Tafel zwei der Käferarten mit Buchdrucker und Kupferstecher. ("Wie machen Bruchdrucker das? Buchdruckermännchen fliegen eine Fichte an und bauen unter der Borke Rumpelkammern.")
 
Zwei weitere Bächlein fließen in Richtung der Warmen Moldau. Die Kleine Moldau, auf Tschechisch Vltavský potok ("Moldaubach"), verbirgt sich in Sümpfen und Baumleichen,...
 

...und die Grasige Moldau, auf Tschechisch Řasnice, sprudelt stattlich unter dem Radweg hindurch. Der tschechische Name verrät schon, dass die Tschechen sie eigentlich gar nicht als Quellfluss der Moldau ansehen.
 
Auf und ab und auf und ab ging der Weg, funktionierende Gangschaltung und Kofola sind überlebenswichtig. Schließlich kam ich neben einem Fischzuchtrestaurant an einer großen Kraftfahrstraße in Richtung Deutschland raus, auf der ich ein kurzes Stück zurücklegen musste. Das hatte aber auch sein Gutes, denn in der Tankstelle konnte ich unkompliziert Wasser nachfüllen und Kofola nachkaufen. Anscheinend wurde in der Šumava ein neues Geschlecht entdeckt, von dem selbst die Gender Studies noch nichts wissen: Ein gelbes Haus hinter einer Mauer machte Werbung für Neue Mödchen.
 
Endlich konnte ich wieder runter vom Gebirgskamm. Die Radroute macht nun einen verblüffend flachen Bogen durch ein paar Dörfer.
Jede freiwillige Feuerwehr hat eine eigene Ampel, die nur dann warnend blinkt, wenn gerade ein Löschwagen aus der Einfahrt ausrückt.
 
Die Feuerwehrampeln haben deutliche Ähnlichkeit mit den bekannten tschechischen Bahnübergangsampeln. Und genau die blinken nun auch in regelmäßigen Abständen vor sich hin. Zum ersten Mal hat die Moldau eine Bahnstrecke, und wenn ich in Stožec aus dem Zug gestiegen wäre, dann wäre der Weg zur Quelle tatsächlich kürzer gewesen als von Bayrisch Eisenstein.
Mich begleiteten aber nicht nur die Gleise und der mit Abstand angenehmste Radweg des Tages, sondern vor allem die Studená Vltava, also die Kalte Moldau. Die kommt hier rüber aus Bayern, wo sie bei Haidmühle aus dem Zusammenfluss von Roth- und Weberaubach entsteht. (Die Bäche haben keine gefasste Quelle, der Zusammenfluss ist aber mit einem Findling markiert.)
 
Dann hätten wir doch jetzt mehr als genug Vltavas zusammen, und laut Karte sollten sich die Warme und Kalte nun vereinigen, und zwar genau... jetzt. Hm. Mist, ausgerechnet hier ist das Wasser wieder außer Sichtweite.
Es gab zwar eine Zufahrt über die Gleise zu einem einsamen Haus mit Auto, doch dahinter sollte es laut Karte überhaupt keinen Weg geben. Und sieht das nicht alles nach Privatgrund aus? Aber da kein Verbotsschild stand, schaute ich mal nach.
"Sie wollen zum Zusammenfluss?", sprach mich ein mutmaßlicher Nationalpark-Ranger direkt an. "Das geht. Einfach in die Richtung bis zum Bach, dem bis zur Moldau folgen und dann links an der Moldau lang. Sie dürfen nur nicht in den größeren Wald links rein, der ist Kernzone."
 

Es ging tatsächlich. Aber ein Spaziergang war das nicht gerade. Mehr als einmal versperrte mir schwarzer Schlamm den Weg, und ich hatte die Wahl, einen Umweg zu gehen oder auszutesten, wie hoch genau die Pampe an meinen Wanderschuhen emporsteigen würde. So etwas wie ein Pfad war nur gelegentlich zu erkennen. Es gehen also schon manchmal Leute zum Zusammenfluss, aber nicht oft genug - und wenn die alle so wie ich an den unübersichtlichen Stellen wahllos in irgendeine Richtung abbiegen, dann entsteht natürlich auch in Zukunft kein eindeutiger Pfad.
Die Landschaft heißt Mrtvý Luh (Tote Au), obwohl sie durchaus artenreich ist. Zumindest für manche der Birken passt der Name, denn einige sind böhmischen Bibern zum Opfer gefallen. Nach dem Abnagen hatten die Biber anscheinend die Lust verloren und den Baum einfach liegengelassen, anstatt ihn zu verbauen. Vielleicht waren sie einfach zu demotiviert, nachdem sie einen Blick auf die menschlichen Staudämme geworfen hatten, die nun bald kommen werden.
 
Zum Schluss musste ich mich noch durch eine stachlige Heckenlandschaft kämpfen, die an meinen Kleidern riss, selbst da, wo eine Art Pfad zu erkennen war. Dann stand ich an einem kleinen Strand, und um mich herum strömte das Wasser über dem bräunlichen Boden still und schnell dahin. Die Kalte Moldau war hier vergleichsweise warm, was auch kein Wunder ist, wenn Sonnenlicht auf flaches, klares Wasser trifft.
Diese Stelle ist als Rastplatz eingetragen und hat sogar eine Infotafel - obwohl nicht mal ein richtiger Weg hierher führt. Die Erklärung dafür ist einfach: Hauptzielgruppe für diesen Rastplatz sind offensichtlich die Paddeltouristen. Für die erklärt die Tafel ganz genau, zu welcher Uhrzeit sie auf welchem Abschnitt paddeln dürfen (in diesem Bereich von 8 bis 20 Uhr, bei einem Pegel unter 50 cm generell nicht). Nur auf den Flussabschnitten außerhalb des Nationalparks gibt es keine Einschränkungen. Auch der paddelnde Pastor aus meiner Heimat hat einmal eine Tour auf diesem Abschnitt der Moldau organisiert, bei der ich leider nicht dabei war.
 
Wie unschwer zu erkennen ist, mäandert die junge Moldau in dieser Ebene ständig hin und her, trägt die Erde hierhin und dorthin. Die Kurven verändern sich so immer mal wieder, und im Frühling nach der Schneeschmelze ignoriert die Moldau die Ufer auch gerne mal komplett. Diese Landschaft entspricht einer nordischen Taiga.
 
Lange bleibt sie aber keine nordische Taiga. Die junge, vereinigte Einfach-nur-Moldau fließt nur wenige Kilometer so herum, da wird sie plötzlich dicker und erhält schon wieder einen anderen Namen, nämlich
 
Stausee Nr. 1: vodní nádrž Lipno I
 
- aber dazu kommen wir morgen.
 
Daneben befindet sich der Ort Nová Pec (Neuofen), einer Ansammlung einfacher Wohnblocks und holzverkleideter Häuser. Endlich ein Supermarkt - wie der schließt samstags schon um 11:30? Ich habe Durst, meine Flaschen gehen schon wieder zur Neige!

Mit dem entspannten Radeln war nun wieder Schluss. Auf einer geraden, steilen Straße neben einem sehr rechteckigen Bächlein musste ich wieder rauf auf die Berge. Wobei, so steil waren die Wellen eigentlich nicht - mit bloßem Auge sah die Strecke manchmal geradezu flach aus. Aber nach den Höhenmetern, die ich bisher in den Beinen hatte, wurde sie trotzdem zur Quälerei.
 
An einer dreieckigen Kreuzung kam ich dann bei einem ganz anderen Gewässer heraus. Der klare, gerade, kleine Bach direkt neben dem Weg war offensichtlich künstlichen Ursprungs. Und offensichtlich alt, denn heutzutage würde sich ja keiner mehr die Mühe machen, so einen schmalen Kanal anzulegen, außer in Ziergärten. Auch die steinernen Reste von Brücken und Stonehenge-Wehren deuten darauf hin. Sieht ein bisschen aus wie diese Gräben im Harz, die künstliche Wasserfälle für die Touristen speisen sollen.
Ist es aber nicht. Das Ding hier ist wesentlich länger, nämlich 52 Kilometer, und heißt Schwarzenberger Schwemmkanal. Als Tschechien noch zu Österreich-Ungarn gehörte, war dieses Land Eigentum der Fürsten zu Schwarzenberg. Diese Adelsfamilie kam ursprünglich aus Franken, hatte aber schon im 15. Jahrhundert angefangen, Land in Böhmen einzukaufen. Im Heiraten, Erben, und generell im Spiel der Throne waren sie so geschickt, dass sie quasi zu einer Art Habsburger light wurden und den österreichischen Ministerpräsidenten, den Prager Erzbischof und bis 2013 den tschechischen Außenminister stellten.
Auf ihren Ländereien in der Šumava wuchsen jede Menge Bäume (der Borkenkäfer war noch nicht erfunden), und das wollten sie gern zur Brennholzversorgung Wiens benutzen. Aber wie? Holz in einem total unzugänglichen Wald zu fällen hat sich damals wirtschaftlich einfach nicht gerechnet. Ihr Angestellter, der Forstingenier Rosenauer, hatte einen verrückten Plan: Wir bauen einen Kanal über die kontinentale Wasserscheide Elbe/Donau hinweg, von der Moldau bis in die Große Mühl. Dafür brauchte es 1200 Arbeiter, und dann nochmal dauerhaft 300 Triftarbeiter, die am Rand aufpassten, dass die Baumstämme da auch richtig durchliefen. Aber es funktionierte. 22 000 Stämme pro Jahr, hundert Jahre lang, bis 1892, und auch danach benutzte Tschechien den Kanal noch bis 1961 ein bisschen weiter. Die Schattenseiten, an denen es in solch einem schattigen Wald nie mangelt: Die neue Holzindustrie schuf Fichten-Monokulturen, der letzte Bär starb 1856, der letzte Wolf 1874, der letzte Elch hielt bis 1896 durch. Inzwischen gibt es aber wieder (w)elche.


Trotzdem wird wahrscheinlich jeder, der schon mal im Harz war, sich auf diesem Anblick an das Harzer Wasserregal erinnert fühlen - besonders, als noch einmal eine Borkenkäferbrache kam. Am Kanal verließ ich den Moldau-Radweg und fuhr noch weiter bergauf, denn zu meiner heutigen Übernachtungsstelle war ein großer Umweg fällig. Und als ich in der App noch ein paar weitere Wasser-Sehenswürdigkeiten entdeckte, verlängerte ich den Umweg spontan. Da waren zum einen die "Kaskaden" (nicht im Kanal, sondern in einem kleinen Bach)...
 
... und zum anderen ein "Aquädukt" (dort überquert besagter Kanal besagten Bach). War der halbverdeckte Blick auf das gemauerte Röhrchen wirklich diesen Umweg wert? Kann man so sehen oder so sehen.
 
Der Radweg direkt am Kanal war logischerweise flach, dann aber wurde es wieder bergig. Schweißüberströmt erreichte ich ein menschenüberströmtes Haus. Nanu, eine Gaststätte? So hoch oben, so weit draußen, und um halb 7 noch geöffnet? Ich liebe dieses Land.
"Würstchen im Brötchen!"
"Pommes mit Ketchup!"
"Irgendwem wird hier der Kaffee kalt!" 
In einem Fenster nahm ein bärtiges Urgestein Bestellungen entgegen, unterbrochen von gelegentlichen Rufen nach jenen, die doch bitte ihre Bestellungen abholen sollten. Essen hatte ich genug dabei, Trinken nicht mehr. Als ich ein Grapefruit-Radler ("Grep") bestelle, verlangte er aber überraschenderweise nur Pfandgeld und hab mir einen Becher. Das Zapfen der drei Getränke machende Gäste ein Fenster nebenan gegen Münzeinwurf. Ich hatte die tschechischen Kneipen irgendwie uriger in Erinnerung... Aber immerhin knausert das Gerät nicht mit den Portionen - als sich der Schaum gelegt hatte, konnte ich weiterzapfen, bis der Becher voll war! Das Bad hatte kein Leitungswasser, aber zum Mitnehmen gab es immerhin Halbliterflaschen Kofola. Ein herrlicher Zwischenstopp!
 
Kurz darauf stieß ich auch schon auf den ganz kurzen Abzweig zum Nouzové Nocoviště pod Plešným Jezerem ("Notübernachtungsplatz unter dem Plöckensteiner See"). Das ist der letzte der sieben Naturlagerplätze der Šumava. Auf diese schönen Plätze bin ich kurz vor der Tour nur dank Rebecca Salentins Buch Iron Woman aufmerksam geworden. Drei dieser Plätze liegen in der Nähe zum Radweg, und zwei weitere (darunter dieser) noch in halbwegs akzeptabler Entfernung. Anders als der tschechische Name suggeriert, darf man hier nicht nur im Notfall pennen. Anders als die häufige deutsche Bezeichnung Biwakplatz suggeriert, darf man da auch zelten und nicht nur biwaken. Anders als die Abstände, Standorte und Aufmachung der Plätze suggerieren, darf man da auch als Radler und nicht nur als Wanderer pennen. Einzige Regeln: Nur nicht motorisiert, nur eine Nacht, nur bis zu 10 Personen, nur von 18 bis 9 Uhr (als Öffnungszeiten in allen Apps eingetragen, aber wer kontrolliert das schon?) und nur innerhalb der Holzzäune auf den Sägespänen. Die letzte Regel sorgte dafür, dass sich bereits jede Menge Zelte und ein Biwak auf engem Raum drängten. Auf dem direkten Weg zum Dixiklo war kein Durchkommen, überall Planen, Seile und ein liegender Mensch im Biwaksack. Ansonsten hat der Platz noch ein paar Rasttische, manche davon überdacht. Nur mit den Wasser nachfüllen wird es wieder nix.
Für die motorisierten Reisenden sieht es schlechter aus: Alle Parkplätze im Nationalpark verbieten ausdrücklich Wohnmobile und Übernachtungen. Daran kann wohl auch die nun regierende Motoristen-Partei nichts ändern.
Alle tschechischen Radler nutzten das verlängerte Maiwochenende, um ihre Kinder und in einigen Fällen sogar Frauen die Bergen raufzujagen. Mit großem Ehrgeiz strampelten die Kinder hinter mir her. Das Schöne war: Heute kam ich locker bei Tageslicht an und musste mir keine Gedanken darüber machen, ob ich durch mein Aufbauen jemanden wachhielt. Das weniger Schöne war: Spätnachts sollten die Kinder mich wachhalten, bis der Vater mit fuchtelnder Taschenlampe zu ihrem Zelt rüberlief und sie anherrschte: "Kinder! Kinder! Jetzt ist aber Schluss!"
Besagter Vater war übrigens, wie auch andere Radler, neugierig, wohin dieser viel zu dick bepackte deutsche Radfahrer wollte und warum er so gut tschechisch sprach.
 
 
Boah, bin ich fertig. Dabei waren das doch nur 65 Kilometer. Am besten, ich lege noch eine Wanderung ein. Ich wollte noch nicht, dass der Tag und das Gebirge zu Ende waren. Außerdem wollte ich nicht unter irgendeinem See übernachten, ohne den See auch gesehen zu haben.
Ich wählte den direkten Wanderweg, der für Fahrräder viel zu steil und steinig war. Und dennoch hing da dieses Schild, das im Prinzip alles verrät, was man über tschechische Radfahrer wissen muss.
Und dennoch fragte mich der Vater, als ich wieder runterkam: "Kann man da mit dem Fahrrad hoch?" 
 
Eine Sehenswürdigkeit auf dem Weg ist das Kammené moře (Steinernes Meer), ein paar harzähnliche Felsbrocken, die wie Inseln aus dem Nadelmeer rausgucken. Auf die vordersten konnte ich sogar raufgehen. So vereinzelt und zusammenhanglos, wie sie aussehen, sind die Brocken nicht - das ist die Spitze eines enormen Geröllhaufens, der 150 Meter unter die Erde reicht. Der breiteste Gletscher des Gebirges hat diese Endmoräne während der letzten Eiszeit zusammengeschoben. Oha - bei uns im Norden haben Endmoränen hier und da einen Riesenstein drin, aber hier bestehen sie komplett aus den Dingern!

Als der einen Kilometer breite Gletscher abschmolz, blockierte ihm das Steinerne Meer den Weg nach unten, und er blieb in flüssiger Form gefangen - willkommen am Plešné jezero (Plöckensteiner See)! Man kann also sagen, dass der See quasi das Steinerne Meer und zugleich das Steinere Meer den See geschaffen hat.
Dahinter ragt die Kulisse der Jezerní stěna ("Seewand") auf. Die regelrecht alpine Felswand mit Nadelbäumen ist eigentlich ein tolles Panorama, das aber abends nicht zu voller Geltung kam, weil die Sonne diesen Winkel der Berge nicht mehr erreichte.
An seinem Ufer stand mal die Luxemburgische Hütte. Die brannte 1952 ab und wurde durch eine Militärbaracke ersetzt, heute gibt es nur eine einfache Rasthütte. Die bekanntesten Besucher waren der Schriftsteller Adalbert Stifter und Kronprinz Johann von Schwarzenberg, an die je ein Denkmal erinnert. Was, wieso hatten die Schwarzenbergs auch noch Prinzen, die waren doch kein Königshaus? Ach so, bei den Fürsten wurde der Haupterbe auch manchmal so genannt, um sich noch wichtiger zu machen, als er ohnehin schon war.

Was ein Tag. Ich eilte nach unten, um mich gründlich auszuschlafen, und packte mich so warm ein wie letzte Nacht. Das Verrückte war: Letzte Nacht habe ich im selben Outfit noch gefröstelt, diese Nacht war mir zu warm. Obwohl ich in deutlich höherer Lage schlief. Irre, was für einen Temperaturunterschied der 1. Mai zum 2. Mai machen kann, wenn die Sonne das Land 12 Stunden lang volle Kanne aufheizt.