28 März 2026

Lippe: Von Schloss Neuhaus nach Hamm

Lippenbekenntnisse
Tag 2: Das Optimaltal

Über Seen ist kein Roman von Juli Zeh, sondern ein möglicher Titel für diese Radtour. Immer wieder kam die Radroute an irgendwelchen Bade- und Baggerseen vorbei, und immer wieder haben wir es geschafft, so abzubiegen, dass wir sie verfehlten. Die Freizeitanlagen Lippesee zum Beispiel sahen auf der Karte sehr ähnlich aus wie das Kiesseegebiet an der nicht weit entfernten Ems, aber auch die haben wir komplett überseen.

Das genaue Gegenteil der Seen sind die Kanäle - an denen sind wir ständig langgefahren, egal, ob wir wollten. Oh, wir sind jetzt auf der Boker-Kanal-Schleife? Tja, dann ist das wohl so, ist doch nett hier an dem kleinen Kanälchen. Mittelstarker Gegenwind pustete uns entgegen, trotzdem kamen wir auf dieser Abkürzung fix voran. Das war auch gut so, denn es war Mittag, wir hatten getrödelt, wollten eigentlich noch 100 Kilometer fahren und unterwegs auch etwas sehen.

Aber wir sind schließlich auf der Römer-Lippe-Route, also sind wir irgendwann doch runtergefahren zur Lippe und zu den Römern. Die haben sich in Anreppen angesiedelt, wie man an dieser Hand im Lorbeerkranz erkennt - ein Symbol der Loyalität, das viele Militäreinheiten in ihrem Logo benutzten.
Anscheinend war es dieser Römertruppe wichtig, gleich neben der Lippe (auf Lateinisch Lupia) zu campen, denn sonst hätten sie (wie die anderen Römer-Lippe-Lager) wohl eine strategisch bessere Position auf einer Anhöhe genommen. Daher spricht auch viel dafür, dass die geheimnisvolle "halbkreisförmige Einbuchtung in Flussnähe" ein Militärhafen war, auch wenn der Fluss heute bissl weiter entfernt fließt.

6000 Legionäre lebten im Militärlager von Anreppen, das "aufwendig rekonstruiert" sein soll. Nun ja... also, zweifellos bedeutet es einen gewissen Aufwand, die ganzen römischen Straßen alle mit Kies nachzuschütten, aber als jemand, der gerade erst die Reste der (fast baugleichen) Römerlager an der Donau gesehen hat, hat mich das jetzt nicht vom Hocker gehauen. Immerhin wurden zwei Meter der hölzernen Kanalisation nachgebaut.
Oder ist dieses Lager doch moderner als gedacht? Ein Schild mit Römerhelm-Symbol wies auf eine Augmented-Reality-Szene hin. Es verriet aber nicht, wie und mit welchem Gerät man das Lager auf diese Wiese zurückbringen kann.
Echte Überreste sind nicht zu sehen, dafür haben die Bauern das Land im Laufe der Jahrhunderte zu gut beackert. Naja, und dazu kommt, dass das Lager komplett aus Holz und Erde bestand.
Und auch nur drei Jahre existierte.

Wer vor nicht allzu langer Zeit zuletzt an das Römische Reich gedacht hat, hat vielleicht noch eine ungefähre Karte im Kopf und denkt sich: Hier war doch gar kein Imperium Romanum?
War es auch nicht. Also nicht wirklich.

Wir befinden uns im Jahr 12 vor Christus. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt, Asterix und Obelix sind schon 73 Jahre alt, und die Römer haben gerade erst ihre ersten dauerhaften Lager am Rhein gebaut. Die sind dringend nötig, denn die Germanen kommen immer mal wieder rüber und überfallen Gallien. Um die noch relativ neue Provinz zu schützen, müssen die Römer über den Rhein und den Germanen aufs Maul geben, tja, und wenn sie sowieso schon mal da sind, Provinzen kann man doch eigentlich nie genug haben, oder?
Dann, im Jahr 1, Jesus machte in seine Windeln, erhoben sich die germanischen Stämme gegen die Römer und gegeneinander im immensum bellum. Dieser immense Krieg gefiel den Römern gar nicht, schließlich hatten sie das Gebiet doch gerade erst "befriedet" (ein Wort, das nur selten Frieden bringt). Tiberius, der Adoptivsohn und spätere Nachfolger von Kaiser Augustus, übernahm das Kommando und kämpfte sich bis zur Weser durch. Aber anders als seine Vorgänger kehrte er danach nicht zurück zum Rhein, sondern schlug sein Lager (vermutlich) in Anreppen auf und überwinterte.
Dort, wo heute eine Hecke steht (ganz rechts), befand sich die Holz-Erde-Mauer. Davor zwei V-förmige Gräben (Bildmitte), gar nicht mal so tief und ohne Wasser - das reichte schon, damit kein Feind in geschlossener Formation ans Lager rankam. Nur in die Therme musste natürlich Wasser rein, wie soll man sonst nach einem harten Tag als Eroberer vernünftig relaxen?

Als der Frühling kam, marschierte Tiberius weiter durch bis zur Elbe und Nordsee, und Anreppen versorgte ihn von hinten mit Essen (vermutet man zumindest wegen der vielen Getreidespeicher). Kein römischer Feldherr sollte jemals weiter kommen als er.
Wir schreiben das Jahr 6, der kleine Jesus lernt erste Buchstaben, Asterix und Obelix sind 91-jährige Greise, und ganz Germanien ist von den Römern besetzt bis auf einen letzten Stamm, der keinen Zaubertrank hat, sondern einfach Glück. Denn auf einmal brach an der Donau der Pannonische Aufstand los, und Tiberius schloss hastig einen Freundschaftsvertrag mit dem letzten Germanenkönig, gab das Lager Anreppen auf und eilte nach Südosten, um mit mit großer Mühe Ungarn zu "befrieden". In seiner Abwesenheit sollte Statthalter Varus aus dem eroberten Land zwischen Rhein und Elbe eine richtige römische Provinz machen, damit er überhaupt was zum Statthalten hatte.
Aber bei dem Namen sollten alle Alarmglocken klingeln, denn das Denkmal zu Beginn des Radwegs hat uns ja längst gespoilert, wie die Sache ausging. Der Anfang vom Ende eines Weltreichs, unken manche rückblickend. Aber wenn man das Ganze mit anderen Weltreichen vergleicht - ist es nicht eher so, dass die Römer einfach schlau genug waren, nicht weiter zu versuchen, mehr zu erobern, als sie halten konnten, und gerade dadurch sicherstellten, dass ihr Reich verdammt viele weitere Jahrhunderte existierte?
Auch wenn das dazu führt, dass die Römer-Lippe-Route fast gar nicht durch das Römische Reich führt.


Auf halber Strecke empfing uns Lippstadt mit dem sogenannten Grünen Winkel. Dieser Park ist ein idyllisches Geschmörgel aus Teichen und Wasserläufen. Während wir von Brücke zu Insel zu Brücke radelten, blähte der Wind im Wasser dahintreibende Plastiktüten auf - ach nee, Quatsch, das sind ja alles Schwäne, die sich aufplustern! Ist es nicht traurig, wenn das Hirn da als erstes von einer Plastiktüte ausgeht?

Anders als die Römer verließen sich die Lippstädter nicht auf trockene Spitzgräben, sie wollten sich mit dem Lippewasser schützen. In den ersten Stadtgraben von 1220 lief das Wasser noch ganz automatisch rein. Aber 1623 sollte Lippstadt die stärkste Festung zwischen Rhein und Weser werden, und dafür brauchte es viel größere Gräben. Das Steinwehr sollte dafür sorgen, dass die immer gut gefüllt waren. Trotz seines Namens bestand es zuerst aus Holz, und auch als es versteinert wurde, spielte das Holz noch eine zentrale Rolle: An Ketten hingen Holzbohlen im Wasser, mit denen gesteuert wurde, wie viel durchfloss. Dann wurde die Festung wieder abgerissen, doch die Lippstädter hatten einen tollen neuen Job für die angestaute Lippe: Die neue Kanalisation. Verteidigung gegen Bakterien und Gestank ist schließlich mindestens genau so wichtig wie gegen feindliche Heere.
Und was ist das für ein Schloss dahinter? Ach nee, hm, eigentlich bloß ein unspektakuläres Ziegelhaus. Okay, vielleicht ist meine Brille auch einfach nicht mit dem Grünen Winkel kompatibel.

Ein dickes Wassermühlrad drehte sich und war damit nicht das einzige, was mich an die parallele Ems erinnerte: Lippstadt ist eine hellgraue Barockstadt, als hätte man eine komplette Stadt im Stil vom Schloss Neuhaus gebaut. Die vielleicht wichtigste Persönlichkeit der Stadt ist der Pfarrer Anton Praetorius, der als Vorläufer von Amnesty International angesehen wird. Er kritisierte mit scharfen Worten die Folter und die Zustände in den Gefängnissen und schrieb Bücher gegen die "unchristlichen Hexenprozesse", die dazu beitrugen, dass diese am Ende abgeschafft wurden.

So, und wie geht es nun eigentlich unserem Fluss?
Gut. Um genau zu sein: Verblüffend gut. Das tiefe Schwarz der ersten Etappe ist verschwunden. Sowohl die kleinen Kanäle als auch die Lippe waren erstaunlich klar und funkelten in den Sonnenstrahlen. Unter der Oberfläche winkten uns quicklebendige Wasserpflanzen zu. Was immer die in Schloss Neuhaus mit dem Fluss gemacht haben - es hat ihm definitiv nicht geschadet!
Hinter Lippstadt durften wir diesen Anblick noch ein Weilchen genießen, auch wenn sich das klare Wasser oft hinter Hecken verbarg. Die Kieswege waren etwas gewundener als am Kanal, trotzdem waren wir ganz zufrieden mit unserem Fortschritt. Wie weit isses noch? Immer noch 55? Uj, okay, hm, na, mal sehen.

Für meinen Begleiter das absolute Highlight der Reise: Einen wilden Apfel pflücken und verspeisen. Das hatte er noch nicht gemacht. Und ich dachte, ich sei der Großstadtmensch von uns beiden.

Eine ganze Weile folgten wir einem Radweg an der Straße. Dann wählten wir eine Abkürzung namens Naturerlebnis-Auenland-Schleife. (Die mehr oder weniger fantasievollen Namen können nicht über folgende Tatsache hinwegtäuschen: Je mehr Varianten im Reiseführer stehen, desto unspektakulärer ist der Radweg.) An einer kleinen Allee tauchte unvermittelt eine leicht schlingpflanzige Ruine auf. Nanu, was ist das jetzt? Hat der Tiberius am Ende doch etwas Haltbares aus Stein gebaut? Das graue Gemäuer sieht verdächtig nach einem Brückenstück aus, ein bisschen wie die Brücke von Remagen, und das ist fast richtig: Es ist ein Brücken-Widerlager, also der Teil, der die eigentliche Brücke mit dem Erddamm zum Rauffahren verbindet. Alles klar, jetzt fehlt bloß noch die eigentliche Brücke. Und der Erddamm. Und das Wasser, über das diese Brücke rüberführen soll.

Nichts davon ist fertiggeworden, eventuell waren die Bauarbeiter mit dem Brücken-Widerlager also ein bisschen voreilig. 1924 sollte hier ein Seitenkanal für die Lippe entstehen, auf dem Schiffe bis Lippstadt durchtuckern sollten. Durch den Zweiten Weltkrieg war kein Geld mehr da, und hinterher war es nicht mehr rentabel, denn Autobahnen waren längst billiger als Kanäle. So taugt das Widerlager bloß noch als Windschutz und Kletterfelsen. Mit etwas Geschick, der einen oder anderen Spalte, Pflanze oder Räuberleiter lässt es sich... uah, gleich hab ich's... gut bezwingen. Oben genoss ich einen Blick auf flache Felder und unauffällige Ziegeldörfer, also genau wie unten.

Danach kamen wir an diesem Gütergleis heraus und rätselten, ob hier noch manchmal Züge fahren. In der Karte waren noch Personenbahnhöfe eingezeichnet, aber zum Teil war das Gleis echt überwuchert. Doch schließlich wichen die Schlingpflanzen sauber gestutztem Rasen, und Straße und Schienen strebten auf ein Kraftwerk und im Prinzip auch schon auf die Zielstadt zu.

Aber vorher bogen wir noch ab in ein schmuckloses Industriegebiet im Vorort Uentrop. Schmucklos? Von wegen, auf einmal ragt dort ein alles andere als schmuckloser Turm namens Gopuram auf, über und über bedeckt von kunterbunt bemalten Figürchen. Zwölf südindische Kunsthandwerker haben daran gearbeitet. Nur die ganze untere Fassade ist noch Baustelle, das Hauptportal verschlossen. Eine absurd hohe Garage überragt den Tempel noch um einige Meter - anscheinend steht da die Riesenstatue der Göttin Kamadchi drin, die jedes Jahr beim Tempelfest um das Gebäude geschoben wird.
Die Geschichte dieses Bauwerks beginnt... nun, seine Kultur reicht so weit zurück wie das Römische Reich, aber seine Geschichte im engeren Sinne beginnt mit dem Bürgerkrieg auf Sri Lanka in den 80ern, als zehntausende Tamilen ins Ruhrgebiet flohen. 1985 kam der hinduistische Priester Arumugam Paskaran nach Hamm und stellte im Keller seiner Mietwohnung einen kleinen Altar auf. Später zog die Gemeinde in eine Wäscherei. Die Stadt betonte, wie sehr sie die kulturelle Bereicherung schätzte, wollte das jährliche laute Tempelfest aber auch nicht im Wohngebiet haben. Zur Jahrtausendwende hatte die Gemeinde bereits am heutigen Standort den größten hinduistischen Tempel in Kontinentaleuropa, und inzwischen ist sie sogar eine Körperschaft öffentlichen Rechts. Nur eine Sache klappte nicht so: Eigentlich bauten sie den Sri Kamadchi Ampal Tempel bewusst nah an der Lippe (beziehungsweise dem Kanal) für ihre rituellen Waschungen, aber nach 25 Jahren mussten sie damit aus Sicherheitsgründen aufhören. Ist die Lippe etwa gefährlicher als der Ganges?
Ob man da hineinkann? Während der Öffnungszeiten schon, hieß es im Internet. Am Container fanden wir dann tatsächlich einen offenen Seiteneingang.

Schilder kommunizierten die Regeln auf Deutsch und in verschnörkelten Zeichen, bei denen es sich wohl um Tamilisch handelt (von den vielen Sprachen Indiens ist das eine der ältesten Schriftsprachen und die einzige, die heute noch ungefähr so aussieht wie vor 2000 Jahren). Und es gibt viele Regeln: Zuerst zogen wir in einem Vorraum die Schuhe aus. Rauchen, Fleisch essen, Alkohol, Menstruation und Haustiere sind nicht erlaubt, und sollte im Tempel eine Sitzhaltung eingenommen werden, dürfen die Beine nicht ausgestreckt werden. 
Doch was Touristen angeht, ist der Tempel entspannter als so manche Kathedrale. Während ich noch am Eingang stand, winkte mich ein Mann herein: "You can come in and look around." Und das, obwohl gerade eine Zeremonie stattfand.
Ich lookte around und fand mich wieder in einer niedrigen, gefliesten Halle wieder, gut gefüllt mit bunten Säulen und Schreinen in einem ähnlichen Stil wie das Dach. Sicher, dass dieses Haus von Anfang an als Tempel erbaut wurde? Es sieht aus, als hätte jemand viel Mühe und Farbe investiert, um eine Markthalle in einen Tempel umzuwandeln. Und doch kommt eine ungewöhnliche Atmosphäre auf in dem verwinkelten und farbenfrohen Raum - man weiß nie, welche Gottheit hinter der nächsten Ecke wartet, etwas, das keine Kirche oder Synagoge bieten kann.
In den Schreinen verbergen sich Altäre und Statuen der einzelnen Götter. Manche dürfen laut Schild nur Priester betreten, andere nur oberkörperfreie Menschen im Wickelrock - beides läuft letztendlich auf dasselbe raus, weil nur Priester in diesem Outfit herumlaufen. Und zwar mindestens dreimal am Tag. Soeben hatte der abendliche Gottesdienst (Puja) begonnen, und eine beträchtliche Gruppe folgte dem Priester auf seiner Runde, während er von Schrein zu Schrein ging und unter Sprechgesang Kerzen in den Schalen entzündete. Dabei war er sehr bestrebt, die fehlenden Glocken im Turm zu kompensieren, indem er sehr enthusiastisch mit einer Handglocke bimmelte. Besinnlich im europäischen Sinne war dieses Geräusch nicht, eher etwas laut und überbordend - so, wie es Indien ja angeblich auch sein soll.

Der große Schrein in der Mitte gehört jener vierarmigen Dame, nach der auch das gesamte Bauwerk benannt ist: Sri Kamadchi Ampal (grob übersetzt: "Frau Liebesäugige Muttergöttin") hat ihren einzigen Tempel außerhalb von Südostasien in Hamm.
Kamadchi/Kamakshi soll ursprünglich wild und blutdürstig gewesen sein, bis der Philosoph Shankara die Göttin gezähmt und ihr Wesen verändert hat. (Erstaunlich, was die indischen Philosophen damals alles konnten. Wie viele Götter hast du schon gezähmt, Richard David Precht?) Seitdem ist sie lammfromm und hat Augen der Liebe, mit denen sie Wünsche ablesen und dann auch gleich erfüllen kann.
Nun haben die Tamilen aber dermaßen viele Götter, dass daneben sogar der Olymp wie eine Kleinfamilie wirkt. Wenn bloß 60 000 tamilische Hindus in Deutschland leben, dann kann man sich ausrechnen, dass es nicht für einen Tempel für jeden einzelnen Gott reicht. Und darum stehen ringsumher 200 von Kamadchis Kollegen, alle aus schwarzem Granit gemeißelt, aber bunt angezogen, in menschengroßen oder ganz kleinen Schreinen. Die Einstellung Götter kann man nie genug haben teilt die Tempelgemeinde mit den Römern in Anreppen. Hier treffen - bisher konfliktfrei - verschiedene Traditionen und Rituale zusammen, die es so in Indien nicht alle unter einem Dach gäbe. 
Einig sind sich immerhin alle, dass die große Kraft über allen Göttern das Brahman ist, welches die ganze Welt durchdringt. Aber das Brahman ist so groß und unfassbar, das betet man nicht an und trägt ihm schon gar nicht seine Wünsche vor. Für so was braucht es noch einigermaßen begreifliche Götter als Transmitter. Wer das seltsam findet, könnte sich fragen: Ist die Heiligenverehrung der Katholiken wirklich so anders?

Eine Nische wurde extra für Hochzeiten mit weißem Sofa und grünem Teppich dekoriert, und am Eingang hing eine Einladung zur nächsten Eheschließung.
Im Tempel befindet sich sogar eine Art Imbiss, aber: Die Tempelspeisung darf auf keinen Fall innerhalb des Tempels eingenommen werden. Und falls man drinnen vergessen haben sollte, sich Tempelspeisung zu holen, steht draußen auch noch ein Snack- und Getränkeautomat - Kamadchi sei Dank, unsere Flaschen waren schon fast leer! Diesen Wunsch hat sie uns definitiv von den Augen abgelesen, oder vielleicht auch vom trockenen Gaumen. Hier wird man auf jeden Fall eher satt als von Wein und Oblaten.

Ein Teil des Lippe-Seitenkanals wurde übrigens wirklich gebaut und heißt heute Datteln-Hamm-Kanal. Das finale Stück konnten wir also an einem großen Kanal fahren, nicht an einem Minigraben wie dem Boker Kanal heute Mittag.

Zum Schluss drehten wir aber doch noch eine Schleife nach Süden, denn dort wartete das Markenzeichen der Stadt auf uns: Der angeblich größte Elefant der Welt. (Die Stadt wirbt sogar mit dem Motto Elephantastisch!) Mit seinem Aufzug im Rüssel ist er sicherlich ein denkwürdiger Anblick. Das transparente Tier hatte ursprünglich die Aufgabe, mit seinem Rüssel Kohle zu waschen. Was für eine dämliche Idee, als ob das Zeug jemals sauber wird?
Kein Wunder, dass die Maximilianshütte eine Geschichte des Scheiterns war. Gasexplosionen, technische Defekte und immer wieder schwere Wassereinbrüche sorgten dafür, dass die Kohle zwar von allein ganz gut gewaschen war, aber nicht erfolgreich ans Tageslicht gebracht werden konnte. 1912 sollte es endlich losgehen, zwei Jahre später war schon wieder Schluss. Erst in den 60ern hatte das Bergwerk eine kleine Blütezeit.

Letzten Endes entschied sich die Maximilianshütte aber, die Flucht nach vorn anzutreten: Sie wurde zum Vorbild dafür, wie sich aus den ollen Industriebrachen etwas Schönes machen lässt, zum Beispiel Maxiparks und Glaselefanten. Gut, Glaselefanten blieben Hamm vorbehalten, aber die Sache mit den Parks ahmte bald das ganze Bundesland nach. Kein Wunder, dass 1984 ausgerechnet hier die erste Bundesgartenschau von NRW abgehalten wurde.
Übriggeblieben ist der Maxipark, in dem uns neben einem rostigen Industriedenkmal direkt zwei Dinge ins Auge sprangen: Zum einen ein Stand, der anstatt Eis Jogurt und Quark mit verschiedenen Toppings anbietet, immerhin so schmackhaft, dass sich über fehlende Kartenzahlung und Kassenbons hinwegsehen lässt. Und zum anderen eine Bahn, auf der begeisterte Kinder und Erwachsene Rennautos herumfliegen ließen.
Ja, ich habe fliegen geschrieben. Die Modellwagen hüpften über kleine Rampen und Hügel hinweg, segelten meterweit durch die Luft, bogen halsbrecherisch um Kurven und knallten gegen die Schläuche, welche die Rennstrecke begrenzten. Das Erstaunliche war: Trotzdem musste nie jemand die Fernbedienung weglegen und von Hand eingreifen. Diese unzerstörbaren Dinger sind die Katzen unter den Modellautos: Sie landen immer auf den Rädern.

Warte mal, wie sind wir überhaupt in den Park reingekommen? Der Eingang dort sah aus, als müsste man Eintritt zahlen, aber dort, wo wir vorhin reingefahren waren, hatte einfach ein Tor weit offen gestanden. Hm. Naja, nehmen wir einfach den Ausgang da hinten. Ach Mist, ein Drehkreuz, dann... warte, das Fahrrad passt da durch?
Jap, und das ohne Probleme. Durch so ein Teil bin ich auch noch nie auf einer Radtour gefahren.

An kleinen netten Bachläufen vollendetet der Römer-Lippe-Radweg seine Schleife nach Süden, und hinter der Maximare-Therme stößt er erneut auf den Kanal und die Lippe.
Geschafft. Wow, jetzt waren wir ja doch richtig schnell. Dabei war die Tatsache von Vorteil, dass sich die 100 Kilometer doch nur als 86 entpuppten. So wurde es ein geradezu perfekter Radtourtag, und es reichte sogar noch für eine Runde in der Therme. (Ich habe noch nie so eine riesige Sauna gesehen, der Aufguss erfolgte aber eher lustlos).
 
Die Innenstadt von Hamm ist maximal langweilig. Das Highlight (wortwörtlich light) stellen ein paar leuchtende Bäume dar, dazu ein deutlich kleinerer Elefant. Viele Städte im Ruhrgebiet sind leider so... hm, hässlich ist nicht das richtige Wort. Einfach derart gesichtslos, dass es nicht mal für eine vernünftige Hässlichkeit reicht.
Bisher gestern war das alles, was ich vom Umsteigen von Hamm kannte. Aber seit heute weiß ich, dass die Stadt auch sehenswerte Seiten hat.


27 März 2026

Lippe: Von Bad Lippspringe nach Schloss Neuhaus

Lippenbekenntnisse
Tag 1: Das Thermaltal

Von der Ruhr hat schon die halbe Welt gehört - ihr Stahltal prägte eine Ära. Von der Lippe hat wahrscheinlich nicht mal die Hälfte Deutschlands gehört - ihr Thermaltal prägt aber immerhin auch die Gestalt von NRW und dem Ruhrgebiet. Außerdem ist die Lippe und nicht die Ruhr der längste Fluss des Bundeslandes (also von denen, die nur in NRW fließen). Reicht das für einen eigenen Radweg? Offenbar nicht ganz - es braucht obendrauf noch eines der größten Imperien der Weltgeschichte.

Der Römer-Lippe-Radweg verbindet nicht nur einen Fluss, sondern auch ein paar römische Relikte. Deswegen beginnt er in der hübschen Schlossstadt Detmold. Ein Riesensteinstatuengebilde oben auf dem Hügel soll daran erinnern, wie Hermann den Römern bei der Hermannsschlacht (oder auch Varusschlacht, falls Sie mit den Römern sympathisieren) so heftig den Hintern versohlte, dass ein Achtel des römischen Militärs umkam, woraufhin die restlichen sieben Achtel den Versuch aufgaben, das Gebiet zwischen Rhein und Elbe zu erobern. Das passierte, als Jesus angeblich 9 Jahre alt war - wo genau, ist superumstritten.
In Wahrheit sieht der riesige junge Germane mit erhobenem Schwert nicht aus wie der historische Hermann, und auch sonst verrät das Denkmal mehr über das 19. Jahrhundert als über das Jahr 9. Nicht ohne Grund erinnert es verdächtig an die Wacht am Rhein, Porta Westfalica, das Völkerschlacht- und Kyffhäuser-Denkmal und wie sie alle heißen - eine weitere ideologische Säule für das neu vereinigte Deutsche Kaiserreich. Nur dass diesmal halt ausnahmsweise nicht Kaiser Wilhelm geehrt wurde. Also, fast nicht. Eine bescheidene Gedenktafel, laut der Wilhelm dem Typen oben auf dem Denkmal "gleich" sei, hat er sich trotzdem gegönnt. Die Steine stammen von der Ruine der Grotenburg, die hier vorher stand, und bilden eine Kuppel mit einem engen Treppenhaus, durch das ich für 4 Euro auf einen Balkon stieg und zusah, wie der Nebel aus dem Flachland über den Teutoburger Wald jagte.
Der Hermann guckt drohend nach Rom und Frankreich, wo die Franzosen zur selben Zeit Denkmäler für den Gallier Vercingetorix (die Inspiration für Asterix) errichteten, der den Römern auch mal eine bittere Niederlage beschert hatte. Deutschland und Frankreich wetteiferten damals quasi, wer den krasseren Anti-Römer hatte.

Zu diesem Denkmal bin ich gewandert, und anschließend habe ich noch ein zweites Ziel angesteuert. Auf dem Weg durch die Teutoburger Wälder entdeckte ich spontan noch eine Heidefläche und die mystische sogenannte Geisterschlucht. Zwischen ihren Felswänden ist es nachts bestimmt noch atmosphärischer als an einem Nieseltag.
Dann kam ich an einem See heraus, an dem das sandsteinerne Rückgrat des Teutoburger Walds außerhalb der Erde liegt, quasi extern. Vielleicht nennen sich die skurrilen Säulen deswegen Externsteine. Als ich zum See runtermarschierte und die Felsspitzen zum ersten Mal durch die Wipfel schauten, musste ich unwillkürlich an die künstlichen Felsen in einem Zoo denken - so unmöglich erschien mir der Anblick in dieser sonst felslosen Umgebung. Aber das ist kein Beton mit Tierkot - es ist der gepresste Strandsand eines uralten Kreidemeeres. Als Europa mit Afrika zusammenstieß und sich die Alpen falteten, richteten sich die Sandsäulen plötzlich senkrecht auf. Und jetzt konnte ich sie besteigen. Zumindest die erste Säule mit Seeblick. Auf der dritten war die Treppe in der ersten Kurve noch gesperrt, und ich durfte leider nicht über das lustige steile Brücklein zur zweiten Säule mit der Aussicht durch ein vergittertes Felsfenster laufen.
In den Fels wurden aber nicht nur verwinkelte Treppen gehämmert, sondern auch ein Relief, auf dem Jesus vom Kreuz abgehängt wird. Es ist vielleicht die älteste Darstellung dieses eher untypischen Moments. Die Externsteine waren mal quasi das europäische Jerusalem, ein superwichtiger Pilgerort.

So, diesen Teil des Römer-Lippe-Radwegs bin ich gewandert, nun aber zur eigentlichen Lipperadtour:
Die Lippe beginnt erst 17 Kilometer später im Kurort Bad Lippspringe. Genau wie die Pader in Paderborn quillt sie überall aus allerhand Rohren in ein üppiges Steinbecken, als wäre der komplette Ort eine Quelle. Nur befindet sich rundherum keine richtige Stadt, sondern nur Kurparks, weiße Kurhäuser und anderer Kurkram. Das liegt nicht nur am Quellwasser, sondern auch an der Lage: Eingekeilt zwischen Eggegebirge, Paderborner Hochland und Kiefernwald ist die Luft besonders gut.
Im blauen Teich namens Odins Auge kommt das Wasser aus acht Meter Tiefe. Die Arminiusquelle dagegen wurde nach keinem anderen als dem Hermann von der Hermannsschlacht benannt - Arminius war sein lateinischer Name, weil er von Kindheit an quasi als Schläfer und Spion in der römischen Armee diente. Nur so konnte er die römischen Legionen im Teutoborger Wald überhaupt erst in die fatale Falle locken.

Darf ich vorstellen, der erste Lippewasserfall. Viel wilder wird der Fluss auch nicht mehr.

In einer versteckten Felsschlucht im Arminiuspark verbirgt sich die Jordanquelle.

Ich kann jedoch Entwarnung geben: An diesem Fluss spielen sich keine blutigen Konflikte ab, sein Wasser ist kein internationaler Streitpunkt. Andererseits hat er auch keine Seen, auf denen Heilige zu Fuß rübergegangen sind, in denen man ohne Schwimmen oben treiben und aus denen ein Schluck Wasser tödlich sein kann. Es hat eben alles sein Für und Wider.

Da Lippspringe keinen Bahnhof hat, bin ich damals von Paderborn Hauptbahnhof zur Westfalen-Therme von Bad Lippspringe rübergeradelt. Damals war das eines der ersten Hallenbäder, das in der Pandemie geöffnet hatte. Dafür auch mit dem strengsten Regeln: Im Badrestaurant wurde, tropfend in Badehose, nur mit Maske gegessen. Ansonsten ist die Therme ganz schick, hat die sechstbeste Wasserrutschenanlage in NRW und erinnert sehr an die Ostseetherme Scharbeutz.

Danach habe ich Lippspringe wieder auf dieser angenehm ruhigen Straße verlassen.

Aber es wird noch ruhiger. Von der Straße bin ich in den Wald abgebogen. Ein Teil davon gehört zum Truppenübungsplatz Senne, den ich schon von der Emsquelle kenne. Und das bedeutet: Ruhe, Sand, Grün und kleine künstliche Seen (diesmal jedoch keine Wildpferde).

Von den Talleseen in der Lippeniederung war auf meiner Strecke kaum etwas zu sehen.

Und bei der Lippe selbst sieht es ganz ähnlich aus. Sie strudelt um die rostigen Stangen alter Wehre und ist noch schwärzer als die Seen. Kein Wunder, auch die Erde der Senne sieht öfter mal besonders schwarz aus.

Unter den Trauerweiden, Engstellen und schließlich unter einer großen Brücke von Schloss Neuhaus mündet die Pader aus Paderborn, und dort bin ich dann auch wieder in Richtung Paderborn abgebogen. Es war eine nette kleine Rundtour um Pader, Lippe und Paderborn, dennoch habe ich die Lippe dann erstmal ein paar Jahre nicht fortgesetzt.

Ach ja, wo ist eigentlich das Schloss, das so wichtig ist, dass es extra im Ortsnamen stehen muss? Da ist es ja, gleich neben der Mündung. In dem Weserrenaissance-Schloss (Sollten wir nicht inzwischen weit genug entfernt von der Weser sein?) wohnten Paderborns Fürstbischöfe, jetzt ist ein Kunst- und Naturkundemuseum drin. Ob das Schloss nun aber gleichzeitig das Neuhaus im Ortsnamen ist, bleibt unklar. Neu genug sieht es jedenfalls aus.

Der Park soll einer der zehn schönsten Deutschlands sein. Ob das nun daran lag, dass sich die Jury einfach beim Foodtruckfestival Cheatday so vollgefressen hat, dass sie keine Lust mehr hatten, den Rest zu beurteilen, das muss jeder selbst beurteilen.

23 November 2025

Naab: Von Weiden nach Regensburg

Was macht die Waldnaab in Weiden? Sie fließt geradeaus am Stadtrand vorbei, nimmt die Schweinnaab mit (ja, die heißt wirklich so) und hat eine der schönsten, verschlungensten und natürlichsten Fischtreppen, die ich je gesehen habe.
Außerdem ist da der Flutkanal. Der zweigt von der Waldnaab ab, fließt noch geradeauser am Stadtrand vorbei, per Brücke über die Waldnaab rüber...

...und schließlich wieder in sie rein.
Die graugrüne Parklandschaft war da schon längst einer graugrünen Feldlandschaft gewichen. Und zwar keiner sonderlich weiten: Nach ein bis zwei Kilometern endeten die Felder an einer grauen Wand, die mich den ganzen Tag begleiten sollte.

Darum konnte ich auf der Brücke von Oberwildenau auch nicht so richtig erkennen, wie sich die Haidenaab [sic] mit der Waldnaab vereinigt. Es gibt mehr Weiden als in Weiden, und der Boden ist so flach, die Flüsse dementsprechend so verschlungen, dass ich im Nebel nicht durchgesehen habe, was jetzt welcher Fluss ist.
Fest steht jedenfalls: Erst an diesem Zusammenfluss entsteht der Fluss, der einfach nur Naab heißt. Allerdings ist das, wo wir bisher langgefahren sind, der Länge nach der Hauptfluss der Naab.

Vor der Autobahn musste ich einmal die Gleise überqueren. Bis zu 20 Minuten soll man hier warten müssen, wer es eilig hat, soll einen anderen Weg nehmen? Na supi. Wer es aber nicht eilig hat, soll... diesen Knopf drücken? Okay... mit leichter Skepsis, ob das rostig-gelbe Gerät noch funktionierte, drückte ich drauf.
"Krsch... Oan kloan Moment bitte."
Oan kloan Moment später klappten die Schranken tatsächlich nach oben.

Nebel, Wiesen, Nebel, Wiesen... habe ich mir das wirklich gut überlegt, über 100 Kilometer hier durchzufahren?
Ja, denn das ist höchstwahrscheinlich die letzte Gelegenheit des Jahres zum Radfahren. Und sobald der Fluss und kleine Felswände dazukommen, sieht es auch nicht mehr so unheimlich monoton aus.

Naabburg ragt mit einem massiven "Dom" und massigen Stadtmauer über der Naab in den Nebel. Diese Stadt hat keine Burg - diese Stadt ist die Burg. Warum genau die gotische Kirche nur gut genug für einen Dom in Anführungszeichen ist, erklärt die Infotafel nicht. Vielleicht, weil 1536 ein Blitz den zweiten Turm für immer abgefackelt hat.
Hier wurde das originale Grubenhaus ausgebuddelt, das der Geschichtspark Bärnau nachgebaut hat.

Erst in Schwarzenfeld habe ich mir die Zeit genommen, eine Ortschaft von innen anzusehen. Naja, was heißt, Zeit genommen - die Wegweiser haben mich sowieso hinein ins Kopfsteinpflastergebiet geleitet. Und das sah erstmal alles sehr still, aber nett aus. Am Fluss ragte ein Zwiebelturm auf. Er gehört zum fest verschlossenen Schlosshotel. Im Schloss und "auf" Schwarzenfeld saßen verschiedene Adelsfamilien, darunter die Herren "Teuffel von Pirchensee" und Karl Theodor Graf von Holnstein. Der war Oberstallmeister des bayrischen Königs. In diesem Job war er aber nicht mit Ausmisten beschäftigt, stattdessen verhandelte er mit dem Saupreißen Bismarck mit dem Ergebnis, dass Bayern einverstanden war, dass der Saupreiß Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen wurde. Zur Belohnung durfte der Graf von Holnstein seinen Ruhestand erblindet in diesem Schloss verbringen, das sich hinter Gitterzäunen verschanzt.
Aber direkt daneben ist ja noch eine gelb-weiße Pfarrkirche. Und dort stand die Tür offen.

Jeder kann sich ansehen, wie das barocke Innere der Kirche in Weiß-Gold ausgeschmückt ist. Zumindest durch Gitterstäbe. Die befinden sich hier, anders als beim Schloss, im Innenraum, kurz bevor die Bänke beginnen. Damit Sie den Anblick stabfrei genießen können, habe ich durch sie hindurch fotografiert.
Die Kirche sieht so aus, weil die Hussiten und ein Feuer den Vorgänger zerstört haben. Sie ist gleich zwei Heiligen gewidmet, die beide auf den Altar gemalt sind: St. Ägidius plaudert mit einem Engel, während St. Dionysius geköpft wird.

Am Marktplatz war Schwarzenfeld dann nicht mehr so schön anzusehen. Das hier könnte so auch ein Bild einer Kleinstadt in NRW sein - wäre da nicht das riesige Kruzifix.

Vor einem Haus entdeckte ich ein lyrisch wie privatsphäremäßig fragwürdiges Gedicht: Nach langer Zeit ist es vollbracht / der Franzi hat die Rosi zur Frau gemacht. / Dieser Baum soll ein Jahr stehen. / Wir wollen ein Kind in der Wiege sehen. / Nach einem Jahr sind wir wieder hier / auf a Sau und a Fassl Bier. Kein Druck also bei der Familienplanung!

In Schwandorf hieß es: Halbzeit, Teezeit und Essenszeit! Puh, ist aber immer noch ne ganz schöne Strecke übrig.
Der nette Rasttisch befand sich zwischen der Naab und einem Wohnmobilstellplatz, auf dem genau ein Wohnmobil stand.

Neben der Naab befinden sich ein paar Baggerseen. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich einen davon besucht, und zwar den stahlblauen Steinberger See, welcher von Unmengen an Enten und nicht ganz so großen Unmengen an Booten bewohnt wird.

Über halb gefrorene Nadelwäldchen und Wiesen voller Hunde spazierten wir eine Runde um den Wasserspiegel.
Ich staunte, wie flach Bayern auch sein kann. Es gab keinerlei Bergblick. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich dieses Bild in Mecklenburg-Vorpommern angesiedelt!

Das touristische Zentrum befindet sich allerdings am Westufer, denn hier hatten zwei einfallsreiche Unternehmer eine Vision. Sie wollten, dass sich Menschen bewegen! Und zwar draußen! Und gemeinsam! Und so bauten sie etwas Einzigartiges, das sich so oder ähnlich nirgendwo anders findet außer in Dolní Morava, Bad Harzburg und an vielen weiteren Baumwipfelpfaden. Wir erwarben am Automaten eine Plastikkarte mit Strichcode und spazierten dann eine lange, lange Spiralrampe hinauf. Dabei hüpften wir über ein paar Balancierparcours und Boden-Kletternetze mit Blick nach unten.
Die beiden Männer nannten das Teil inMotion PARK. Ein Comic auf der Rückseite ihres Flyers erzählt, wie bei der feierlichen Eröffnungsfeier ein gewisser Markus Söder den Namen vergessen hatte oder doof fand und darum improvisierte: "Hiermit eröffne ich die Erlebnisholzkugel!"
Joa. Und das ist der Name, unter dem das Ding bis heute bekannt und auf Google Maps eingetragen ist. Gegen die Macht Söders hatte der ursprüngliche Name keine Chance. Und er hat da ja schon einen Punkt: Die Kugelform ist ein Blickfang und das, was diesen Turm im Vergleich zu ähnlichen Bauwerken einzigartig macht.

Eine trockene Edelstahlrutsche mit Rutschteppichen darf natürlich nicht fehlen! Sie sieht erstmal verdammt steil aus, aber das ist auch nötig, um ohne Wasser überhaupt auf ein gescheites Tempo zu kommen. Vor allem, wenn einen auch noch die Schweißnähte kräftig durchrütteln. Wuppwuppwuppwuppwpwpwpwpwphuii...

Von oben ist dann doch zu sehen, dass die Berge gar nicht so weit entfernt sind.

Und die Naab dringt jetzt wieder in sie ein. Immer mal wieder musste ich am Waldrand hoch und runter, der Fluss war nur ein verwaschener grauer Streifen hinter den Bäumen.

Aber immer mal wieder waren da auch flache Straßenstrecken abseits des Flusses, mal mit, mal ohne Radweg. Trotz Radweg ist hier anscheinend jemand zu Tode gekommen. Die kleine Kerzenflamme im großen grauen Nichts war ein seltsamer Anblick, und das perfekte Symbolbild für Ende November.

Gott sei Dank zog sich das Nichts weit genug zurück, um mir diese mystische Felsformation zu enthüllen. Das hier sieht nicht mehr sächsisch aus, es weckte eher Assoziationen an schottische Highlands oder den Hund von Baskerville. Schöön, vielleicht sogar meine Lieblingslandschaft an der Naab.

Ja, nun türmen sich die Berge endgültig wieder auf, und die Naab taucht ein in ihr Finaltal.
Frage: Welches Tier würden sie in einer solchen Landschaft am ehesten erwarten? Vielleicht ein paar Schafe oder Ziegen?

Auf jeden Fall keine Pfauen. Wie eigenartig, diese Ziervögel nicht in einem Zoo oder Schlosspark, sondern einfach so auf einem Acker herumpicken zu sehen.

Unter den Felswänden des Finaltals liegt das putzige Örtchen Kallmünz. (Der Name hätte mir eine Warnung sein müssen.) Am rechten Ufer erstreckt sich ein kleiner Marktplatz, umgeben von bunten Häusern, deren Farben gegen den Nebel und die Abenddämmerung ankämpften. Hinter den Fenstern brannte warmes Licht. Zumindest in den Privatwohnungen, in den Geschäften war es kalt und still.

Am anderen Ufer werden die Gassen kleiner und weißer, dafür brannte endlich mal im Erdgeschoss ein Licht. Und zwar im Schmalzkuchl.
Als mein Magen den Namen las (also quasi), war er der Meinung, ich sollte da jetzt reingehen. Auch wenn ich dadurch das letzte Tageslicht verpassen würde, egal. Ich zwängte mich in den gut gefüllten und vor allem warmen Gastraum, und bestellte ohne nachzudenken. Auch, wenn ich nicht genau wusste, was sich hinter Worten wie Kiachlschmarrn verbarg (im Prinzip halt Kaiserschmarrn ohne Rosinen).

Erst beim Warten fiel mir, siedendheiß wie die heiße Schokolade, ein, dass ich keine Geldautomaten gesehen, nicht mehr viel Bargeld und gar nicht gefragt hatte, ob sie Karte nehmen.
"Nein, aber kein Problem, Sie können anschreiben lassen."
Und weg war sie wieder, ehe ich weiter nachhaken konnte.
Anschreiben, aha. Diese kontaktlose Zahlungsmethode kannte ich bislang nur noch aus Geschichten. Soweit ich weiß, wird dabei der abgebuchte Betrag auf einem analogen Datenspeicher namens Tafel eingegeben. Dieser Bezahlvorgang ist, anders als Paypal, ApplePay und Visa, vollständig unabhängig von Strom- und Internetausfällen, kann jedoch mit einer simplen Hacker-Software namens Schwamm manipuliert werden. Außerdem, und das war das eigentliche Problem hier, ergibt Anschreiben doch nur Sinn bei Einheimischen oder Urlaubern, die länger bleiben und deshalb irgendwann zum Bezahlen zurückkommen, oder? Mein Auftreten und vor allem Aussprechen müsste eigentlich verraten haben, dass ich zu keiner der beiden Gruppen gehörte. Beim Abrechnen wollte ich einfach vorschlagen, dass sie mir Daten zum Überweisen geben, aber ehe ich mich versah, hatte schon jemand die fehlenden Kallmünzen auf den Tisch gelegt. Ach so, auch gut, danke sehr.

Nach den letzten Kilometern im engen Flusstal fuhr ich auf Mariaort rauf, eine Halbinsel mit kleiner Klosterkirche. Am anderen Ufer der Donau leuchtete bereits Regensburg und machte seinem Namen alle Ehre, denn es hatte ein leiser Nieselregen eingesetzt, zum Glück erst jetzt. Ein Bauer hat auf dieser Spitze zwischen den Flüssen ein keltisches Hügelgrab gefunden. Die Finaltäler der Naab und Regen waren natürliche Einfallschneisen, und deshalb mussten die Römer drüben in Regensburg dieses Gebiet besonders gut befestigen.
Ich fuhr über die überraschend wenig holprige Wiese, bis ich zwischen kahlen Hecken auf einen Grabstein stieß. Zumindest sah er auf den ersten Blick wie einer aus, aber im Licht der Handytaschenlampe erkannte ich... äh, soll das eine Zeichnung der beiden Flüsse sein? Und sind das Entfernungsangaben wie auf einem Meilenstein? Jap, danke, jetzt weiß ich, wo es zum Schwarzen Meer geht, da wollte ich heute noch hin.
Schwarz waren die beiden Flüsse ja immerhin schon, auch wenn die Donau im Licht der Stadt leicht orange glühte. Nur leicht, denn das eigentliche Stadtzentrum ist noch fünf Kilometer weiter. Ganz so weit musste ich zum Glück nicht mehr, denn der Stadtteil Prüfening da drübening hat einen eigenen Bahnhof.