Flussradler
Ich bin ein Radfahrer auf der Suche nach Antworten, nach denen niemand gefragt hat: Welcher Radweg hat die süßesten Gänse? Wo gibt es die lobbyistischsten Achterbahnen und die salzigsten Berge? Warum verläuft die Grenze ausgerechnet auf diesem Fluss - und wieso sollte ich sie auf keinen Fall in Jogginghose überqueren? Finden Sie es jetzt heraus! (Oder auch später, mein Geschreibsel läuft Ihnen ja nicht weg.)
31 März 2026
Gersprenz & Modau: Von Stockstadt nach Stockstadt
30 März 2026
Lippe: Von Haltern nach Wesel
Sonne, Wolken und Bahntrassen empfingen uns am letzten Lippe-Tag. Unter der Bahntrasse sind wir zunächst auf einem straßenbegleitenden Radweg durchgefahren, was auch gut war, denn so konnten wir eine Eisenbahnbrücke bewundern. Die war tatsächlich mal auf eine moderne, aber alles andere als scheußliche Weise neu gebaut.
Später läuft der Radweg mal auf dem Bahndamm, mal daneben oder eben einmal schräg obendrüber. Dann wird der Verlauf der Schienen mit Pflastersteinen angedeutet.
Asphaltiert ist er leider auch oft nicht. Rechts im Bild ist das Haus Ostendorf zu erkennen. Das graue Rittergut mit seinem Turm duckt sich an den Boden. Es ist benannt nach Gertrudis de Ostendorp, der Frau des ersten bekannten Ritters in dem Haus. Allerdings wechselte das Gut andauernd den Eigentümer zwischen verschiedenen Grafen, Stiften, die antidemokratische Organisation Stahlhelm und einem Bauunternehmen. Die probierten auf dem Land allerhand aus, Mühlen, Hexenprozessen, Wollverarbeitung, Folter, Schweinemast, Hinrichtungen, Brennereien, Fischzucht, und die Schifffahrt der Lippe kontrollierten sie auch noch. Aber die vielen Eigentumswechsel deuten nicht gerade darauf hin, dass das alles wirtschaftlich so funktioniert hat. Als das Haus Feuer fing, waren die Gräben verschlammt und es musste Wasser von der weiter entfernten Lippe geholt werden.
Die schneidet sich ihren Weg durch gelbes Schilf mit kahlen Kugelbäumchen, zunächst in einem versteckten Waldtal, das nur von Brücken aus zu erkennen ist. Auf der Einfahrt nach Dorsten öffnet sich das Tal und wir radelten auf einem Deich dahin. Kleine Brücken überspannten den Fluss, die einen für Fußgänger, die anderen für Röhren, eine für beides. Hinter den Deichen lugen die Häuser hervor. So fährt es sich doch angenehm in die Stadt rein!
Erst nach einem schlichten, aber seltsam ästhetischen Kanalübergang am Shoppingcenter folgt die Altstadt von Dorsten. Wobei das Wort Altstadt hier wirklich etwas sehr hochgegriffen ist, nach Hamm ist das wahrscheinlich die optisch langweiligste Innenstadt an der Lippe. Der Brunnen auf dem Markt zeigt in allen vier Ecken metallene Figuren, die typischen Dorstener Berufen wie Bergbau oder, ähm, Büroarbeit bei der Kirche nachgehen.
Es war noch immer recht kühl, und auf den Straßen war jetzt nicht superviel los. Deshalb waren wir erstaunt, wie viele Cafés im März schon mutig ihre Stühle auf die Straße gestellt hatten und Eis und Warmes anboten. Und die Nachfrage schien ihnen recht zu geben, zumindest ein paar Gäste hatten sich schon vormittags niedergelassen. Ich verstand sie sehr gut, die Betreiber und die Gäste - alle sehnen sich nach dem Frühling, und ob der schon begonnen hat, ist jenseits von kalendarischem und meteorologischen Frühlingsbeginn eben auch manchmal Einstellungssache. In diesem Sinne gönnten wir uns einen ungewöhnlich frühen Eisbecher.
Die letzte Kanalstrecke am Wesel-Datteln-Kanal war so schön wie gestern Nachmittag, und sie sollte uns direkt rein nach Wesel... ach nö, wieder Baustelle. Na gut, Alternativplan. Auf hügelige Nebenstraßen hatten wir wenig Lust, also wechselten wir ein gutes Stück nach Norden auf die sogenannte Römerspuren-Schleife.
Die Römer-Lippe-Route hat eines mit dem Leine-Heide-Radweg gemeinsam: Hochtrabende Namen für Alternativrouten, die weit mehr versprechen, als da ist. Die Viktoria-Schleife zum Beispiel ist benannt nach dem Nachbau eines römischen Schiffs, der da vor Jahren mal langgesegelt ist, sich aber längst nicht mehr vor Ort befindet. Und ein altes Bergwerk heißt wohl auch irgendwie so, aber das ist weder direkt am Weg noch zu besichtigen.
Mit der Römerspuren-Schleife ist es ähnlich. Die Allee verläuft schnurgerade und flach durch die Wiesen, offenbar wieder mal auf oder zumindest neben einer Bahntrasse, wie die überwucherten Gleise im Unterholz beweisen. Womöglich ist das auch die Heerstraße an der Lippe, die damals die Legionäre bauen freiräumen und mit Gräben versehen mussten, um anschließend darauf zu marschieren. In einem Contubernium von acht Soldaten kochten, biwakierten und kämpften die jungen, unverheirateten (das war Pflicht) Männer gemeinsam als enge Zeltgemeinschaft. So schafften sie 18 bis 20 Kilometer pro Tag, zumindest ist das der Abstand der üblichen Lager.
Aber wo sind denn die Lager? Rostige Schilder mit Römerhelmen und blasse Infotafeln sind die einzigen Römerspuren, die zu finden sind. Im Reiseführer ist genau ein Römerlager markiert, in Holsterhausen, aber zum einen ist dort laut Satellitenbildern absolut null zu sehen und zweitens führt die Radroute dort gar nicht dran vorbei, sondern macht einen vollkommen unnötigen weiten Bogen drum herum, obwohl der Bahnradweg direkt daran vorbeiführt. Hä?
Ansonsten heißt es, hier gebe es noch viele Römerspuren auszugraben. Hm, okay, und das sollen jetzt die Radtouristen übernehmen oder wie?
Dann lieber schnell ans Ziel, wo wir noch ein wenig durch Vororte zickzacken mussten und dabei auch auf die Oberseite der ausladenden Bögen der Lippe stießen. Wo heute ein Kanuverein durch die Gegend kanutet, hat 1912 der größte Arbeitgeber von Wesel, der Holzhafen, 140 Menschen beschäftigt. Besonders waldreich kam mir die Landschaft eigentlich nicht vor, aber das Holz wurde in Wesel ja auch nicht gefällt, sondern gehobelt, gesägt und umgeladen.
Daneben steht das Alte Wasserwerk stoisch vor sich hin, direkt hinter seinem eigenen Bahnhof. Eine Dampf- und eine Elektro-Kreiselpumpe pumpten hier zeitweise gleichzeitig vor sich hin, die Maschinen sind Zeugen einer längst vergangenen Energiewende. Das Trinkwasser kam nicht aus der Lippe, sondern von Brunnen auf den Lippewiesen.
Wesel hat eigentlich auch nur ein einzelne historische Gebäude wie Kirche, Rathaus und Stadttor, aber zumindest die Fußgängerzone ist ein ordentliches Stück länger und gerader. Sonst würde das Hanseband so nicht reinpassen. Dort sind die Namen aller Hansestädte eingraviert, und das sind verdammt viele, nämlich 1493 - ich hatte gar nicht die Zeit, um sie alle zu lesen und meine Heimatstadt rauszusuchen. Wesel hat lange dafür gekämpft, in diesen lukrativen Handelsbund aufgenommen zu werden. Je weiter ich nach Osten in Richtung Bahnhof spazierte, umso mehr erschienen auf dem Hanseband polnische und russische Namen. Wesel verwendet dabei konsequent nicht die früheren deutschen, sondern die heutigen Namen, inklusive durchgestrichener Łs.
Vor dem Berliner Tor (gerade halb eingerüstet) steht der Esel von Wesel. Genau genommen sogar zwei Esel, denn ein Restaurant hat sich eine bunte Nachbildung gegönnt. Die Skulpturen beweisen Selbstironie, denn sie erinnern an den bekannten Echo-Reim: Wie heißt der Bürgermeister von Wesel? Richtig, Rainer Benien (SPD).
Überraschenderweise habe ich auch gelesen, dass Wesel als eine der fahrradfreundlichsten Städte Deutschlands gilt. In der Tat gibt es an den großen Hauptstraßen eigentlich immer Radwege, was mittlerweile zum Glück nicht mehr ganz so außergewöhnlich ist. Die Ampelphasen dauerten aber manchmal quälend lange.
Und Wesel liegt oben am rechten Rheinufer und war damit in vielen Kriegen ein wichtiger Eckpfeiler zur Verteidigung Deutschlands. Anders als bei den Römern verschanzte sich das Reich diesmal nicht am linken, sondern am rechten Rheinufer, baute eine massive Zitadelle und pflanzte einen Verteidigungswall aus Osterglocken in der Hoffnung, der Feind werde es nicht wagen, die schönen Blumen zu zertrampeln.
Ein Stück südöstlich der Stadt endet das glatte graue Wasserband der Lippe. (Und zwar nicht an der Lippemündungs-Schleife, dort münden bloß die dickeren Kanäle, und auch das nur grob in der Nähe der Route.) Rundherum finden sich Industriegebäude und die letzten Baumkugeln, die wieder etwas dichter wachsen. Normalerweise wären das durchaus Hindernisse, die den Blick auf die Mündung verdecken könnten und bei denen ich gucken müsste, ob ich vielleicht noch einen holprigen Pfad auf die Landspitze rauf finde. Aber nicht so bei der Lippe und dem Rhein. Die Flüsse sind längst so breit und die Brücken so hoch und zahlreich, dass die Mündung von der Bundesstraße problemlos zu erkennen ist. Hinter der grauen Lippebrücke wird gerade eine neue Lippebrücke gebaut.
Die Lippe als letzter großer deutscher Nebenfluss bringt den Rhein auf seine maximale Größe, bevor er sich im Delta zu teilen beginnt. Der Flussradweg endet in Wesel, die Römer-Lippe-Route überquert wie schon die flüchtigen Römer von Aliso den Rhein und folgt dem linken Rheinufer zum Freilichtmuseum Xanten. Anders als die flüchtigen Römer müssen die Radfahrer kein Segelschiff nehmen, es gibt ja eine rötliche Riesenhängebrücke (hinten links zu erahnen), die ausnahmslos alle Lippebrücken mickrig erscheinen lässt.
29 März 2026
Lippe: Von Hamm nach Haltern
Nachdem
ich einen wohlig-warmen intensiven Frühlingseinbruch von Ende Februar
bis März verpasst hatte, war es Ende März Zeit für die erste Radtour des
Jahres.
Und die begann so:
Selbst dieser Außenbezirk von Hamm sieht übrigens lebendiger und abwechslungsreicher aus als die Innenstadt. Wer eine Brücke zum Radweg finden will, muss entweder ein Stück zurückfahren oder ein Stück durch besagten Außenbezirk.
Warum? Weil der Radweg vom Wasser umgeben ist, rechts die Lippe, links der Datteln-Hamm-Kanal, an dem nach wie vor keine Datteln wachsen, dafür aber immer mehr Kräne, Kabel und Kohlekraftwerke. Und der schnellste Weg, um Dinge zwischen diesen Industriegebieten zu transportieren, war früher nun einmal der Kanal. Wir haben endgültig den Nordrand vom Ruhrgebiet erreicht. Doch keine Sorge, der sieht nicht überall so aus!
Die Lippe gibt sich leidlich Mühe, dem Kanal ein bisschen Natur in Form von kahlen Bäumen und diagonalen Steilufern aus Sand entgegenzusetzen. Sobald sie das Stadtgebiet hinter sich gelassen hat, hört sie auf, sich wie ein zweiter, schmaler Kanal zu benehmen, und fängt mäandriert stattdessen durch die Gegend. In diesem Wasser leben seltene Fische namens Nasen (ja, die heißen so). Das genügt, damit die Lippe mehrere Naturschutzgebiete mit so klangvollen Namen wie Lippeaue von Werne bis Schleuse Horst bekommt.
Unser Weg bestand aus Kies und Erde. Ich sag mal so: Es hätte schlimmer kommen können. Der Kies war leidlich wetterfest, sodass wir auch bei Dauerregen darauf fahren konnten. Trotzdem spürten wir, wie sich uns der nasse Steinpampe entgegendrückte und uns deutlich ausbremste. Und von der gelblichen Erde blieb genug an der Hose kleben, dass sich mein Begleiter fragte, ob er sich so überhaupt in ein Restaurant setzen könne. (Ich muss ihm noch die Scham abtrainieren, die ist bei Radreisen eh nur hinderlich.)
An
der Marina Rünthe schaukelten circa 30 Sportboote auf ausgesprochen
unsportliche Weise tatenlos herum, das Strandrestaurant war geschlossen,
der Strand nicht zu sehen (wahrscheinlich klebte er inzwischen
größtenteils an unseren Hosen).
Nicht gerechnet hatte ich in diesem Ambiente mit einem Fahrradzähler.
Der
Zähler hingegen hat mit uns gerechnet, und addierte mich prompt zur
Gesamtsumme der heutigen Fahrradfahrer in Höhe von insgesamt: 1. Ha, ich
war noch nie der erste bei so einem Ding!
Hinter
der nächsten Ecke stellte sich heraus, dass nicht das Wetter der Grund
für die Nummer 1 war, sondern die Baustelle. Uns war entgangen, dass
große Teile des Hamm-Datteln-Kanal-Uferwegs gerade umgebaut werden,
vielleicht
So, wenn die Absperrung hier ihre Vorderseite in unsere Fahrtrichtung zeigt, heißt das doch, ab hier ist es wieder frei, oder?
"Hey!" Ein Bauarbeiter stolperte aus seinem Container. "Hier ist gesperrt!"
Wir nahmen einen anderen Weg mit einer improvisierten Furt aus drei Holzstücken.
"Werden eigentlich immer noch immer solche Kanäle gebaut?", fragte mein Begleiter.
Die
Kanäle hatten seine Frage gehört und waren sehr auskunftsfreudig, denn
gleich darauf tauchte etwas auf, das nach einem brandneuen Kanal aussah,
oder zumindest mit frischen Rändern.
An einer anderen Stelle befand sich der Kanal deutlich über den Häusern.
Jedes Stück Asphalt verschaffte uns einen Geschwindigkeitsboost, der aber nur 100 Meter bis zum nächsten Kies andauerte.
Die Einfahrt in die nächste Stadt gestaltet sich schön, aber etwas umständlich. Vor allem, wenn man zu spät vom Kanal abbiegt. Auf breiten Fahrradstraßen durchquerten wir einen Schlosspark mit einer gelben Burg,...
...danach konnten wir mal wieder ein Stück der Lippe folgen, die tief in die Stadt einschneidet und sich in Hecken hüllt,...
...ach nö, schon wieder Baustelle, dann eben noch etwas an der Hauptstraße, und endlich konnten wir in die Innenstadt abbiegen.
Lünen ist nicht als Sehenswertes Ortsbild
markiert, und auch sonst hatte ich keine bestimmten Erwartungen an
diese Stadt. Der Europaplatz ist jedenfalls im Vergleich zum Europaplatz
von Komárno eine glatte Enttäuschung.
Dabei verrät der Name Lünen doch
im Prinzip schon alles, zusammen mit dem Sand an unseren Reifen und
Hosenbeinen. Alles hier erinnerte mich an die Städte der Lüneburger
Heide: Die quirlige, eher schlichte Innenstadt und vor allem der
allgegenwärtige Ziegelsteinboden in der Fußgängerzone.
Und
sogar der (wirklich gute) Dönerladen hat Lammsuppe im Angebot! (Auch
wenn die längst nicht an die Heidschnucken der Lüneburger Heide
herankommt.)
Wobei, ein paar der Häuser sehen dann doch etwas
barocker aus als in Gifhorn & Co. Das Hotel zur Persiluhr wurde nach
einer grünen Metalluhr benannt, die auf dem Platz anscheinend schon
länger Werbung für Waschmittel macht, als das Hotel existiert.
Da stellt sich die Frage: Könnte die Landschaft hier auch lüneburgisch werden?
Um
diese Frage zu beantworten, sucht die Lippe Abstand zur Industrie und
macht einen Bogen nach Norden. In zwei stahlblauen Trogbrücken fließt
der Dortmund-Ems-Kanal über sie drüber und trifft dann auf den Datteln-Hamm-Kanal an einer zentralen Kanalkreuzung des Ruhrgebiets.
Dahinter folgt ein sehr viel schmalerer Kanal namens Alte Fahrt,
unter dem die Lippe unter den Bögen einer historischen Steinbrücke
hindurchfließen darf. Eigentlich sollten wir kurz an der Alten Fahrt zur
nächsten Straßenbrücke fahren, aber überraschenderweise stand da schon
eine neue Brücke an genau der richtigen Stelle. Mist, der Wegweiser ist
verdreht, hoffentlich ist mein voreiliger Begleiter auf die richtige
Nebenstraße gefahren (ist er).
Rechts erstreckt sich ein
Buchenwaldhügel, an dessen Rand sich das olle Römerlager Olfen befand.
In die eine Richtung schützte der Steilhang, in die andere konnten sie
das Flusstal gut überblicken. Wahrscheinlich versorgte es Tiberius von
hinten mit Nachschub, nachdem er die Germanen scheinbar unterworfen hatte, wurde es
aufgegeben. Zu sehen ist davon nichts, und auch das Innere ist noch
nicht erforscht. Allein, um die Außenmauer zu erkennen, war ein
Riesenaufwand nötig: Luftbilder, Magnetabtastung, vorsichtige
Baggerschnitte, Bohren und Begehen.
Wir befinden uns im sogenannten 2Stromland. Behaupten zumindest diese eigenartigen gelben Texttunnel. Was der zweite Strom ist, verraten sie nicht, nur, dass hier Kormorane wohnen und an dieser matschigen Waldspitze 1826 mal eine massive Schleuse stand. Das aufgestaute Wasser sollte eine Felsspitze überspülen und so die Schifffahrt sicher machen. Aber schon bald war die Anlage unnötig und wurde wieder gesprengt. 1870 verdrängte die Eisenbahn die Lippeschifffahrt, und 1900 hatten die Schiffe zwar nochmal ein Comeback, aber nur auf dem neuen Kanal.
Und an ebendiesem Wesel-Datteln-Kanal, dem letzten Kanal des Tages, durften wir noch die schönste Kanalstrecke des Tages genießen. Die Sonne kam heraus, die Hecken blühten, die Industrie hatte sich zurückgezogen, und der Weg trocknete vor sich hin, ein Traum.
"Werden die Kanäle eigentlich immer noch genutzt?", fragte mein Begleiter.
Die
Kanäle hatten seine Frage gehört und waren sehr auskunftsfreudig, denn
gleich darauf tauchte eine große Schleusenanlage auf, aus der ein
Lastschiff tuckerte. Die Schleusentore klappen nicht zur Seite auf,
sondern werden wie das Fallgitter einer Burg hinaufgezogen.
Hat die Lippe eigentlich auch Fähren? Ja, gleich mehrere Selbstbedienungsfähren mit Namen wie Quertreiber, wo man sich selbst über den Fluss kurbelt. Anders als die ähnliche Anlage an der Fulda hängt das Boot nicht am Seil, sondern schwimmt auf dem Fluss - und kann deshalb nicht das ganze Jahr betrieben werden. Denn noch immer hat Wasser im Winter ab und zu die seltsame Angewohnheit, zu gefrieren. Auch wenn eine der Fähren Maifisch heißt, öffnen sie schon im April. Also erst in wenigen Tagen, schade.
Darum bogen wir erst etwas später nach Norden ab - und sahen dann am Straßenrand die Antwort auf eine weitere Frage. Ja, es gibt hier wirklich eine Heidefläche wie aus dem Bilderbuch, groß und sanft gehügelt, mit Moosen und nur vereinzelten Bäumchen. Die Westruper Heide entstand im Mittelalter durch Vieh- und Plaggenwirtschaft, die den Boden frei von Bäumen hielten. 1978 schlug der Heidekäfer brutal zu und brachte die Heide an den Rand der Vernichtung. Die Menschen diskutierten, ob es wirklich von Sinn ergab, die Heide zu erhalten, oder man man nicht eher die natürliche Änderung in einen Wald zulassen sollte. Aber es fanden sich jede Menge Sponsoren, Schulklassen und politische Gruppen, die den Birken und Kiefern zu Leibe rückten und die Heide heidig bleiben ließen. Offenbar mit großem Erfolg, denn sogar im März schimmerte das Land leicht violett.
Nach Lünen, Burg und Heide folgten wir dem Radweg an der Bundesstraße einmal durch einen großen See. Der Halterner Stausee spiegelte das Blau des Himmels. Hierhin fahren also die Ruhrpöttler übers Wochenende, wenn sie eine kleine Seenplatte oder Lüneburger Heide brauchen. Sie haben tatsächlich ein schönes Potpourri an netten Landschaften rund um ihren Ballungsraum - von allem ein bisschen, außer vom Meer.
Sie übernachten dann in Haltern am See. In dieser heimeligen Stadt konzentrieren sich die Ziegel fast komplett auf den Boden und die Kirche, die weißen Barockhäuser gruppieren sich zu heimeligen Plätzen, schmalen Straßen und Hinterhöfen. Ich kenne sogar Bremer, die jedes Jahr Urlaub in Haltern am See machen. Warum das denn, ihr habt doch die echte Lüneburger Heide viel näher dran?
Allmählich
nähern wir uns dem Ende des Römer-Lippe-Radwegs, und noch immer haben
wir kein richtiges Römerlager gesehen, so, wie es damals aussah.
Zumindest die Außenmauer wird doch wohl irgendwo nachgebaut sein! Ist
sie auch, und zwar an zwei Orten: In Oberaden (da sind wir schon vorbei)
und in Haltern. Beide gehören zu einem Museum. Das Halterner Museum ist
eine große Glasvitrine voller Glasvitrinen, in der Glasspitzen aus dem
Dach ragen.
"Ah, das soll bestimmt die Zelte aus dem Feldlager darstellen."
Da
wäre ich nicht drauf gekommen, aber es klingt nach genau der Art, wie
Architekten denken. Zumindest die zwei Spitzgräben vor dem Museum habe
ich erkannt, die gibt es so auch in Anreppen.
Und vor der Holz-Erde-Mauer. Endlich konnten wir sehen, was sich hinter diesem Begriff verbarg. Holz-Erde klingt nach primitiven Palisaden, die im Boden stecken. Aber tatsächlich handelte es sich um eine sehr effiziente Methode, etwas ziemlich Stabiles ziemlich schnell hochzuziehen: Einfach einen Kasten aus Holz zusammenzimmern und komplett mit Erde füllen. Mit Zinnen und Wachtürmen macht es durchaus Eindruck. Und zwar den Eindruck einer Burg aus dem Holzbaukasten.
Nur: Sowohl in Oberaden als auch in Haltern war dieser Freilicht-Museumsteil noch nicht geöffnet. Wenn wir die Mauer im März also nicht nur mit großem Abstand durch einen Zaun sehen wollen, dann gibt es nur eine einzige Möglichkeit. Und die war für uns ohnehin sehr reizvoll. Nur halt leider teuer.
Kurz nach 19 Uhr standen wir wie gebucht am Zaun und hatten vergessen, welchen geheimen Knopf wir laut E-Mail zum Betreten drücken müssen. Da kam uns auch schon eine gutgelaunte Frau entgegen. Wir spazierten auf das Haupteingangstor zu. Dahinter wurde die alte Wachstube nachgebaut, und in ihr befindet sich Escape Aliso a.k.a. Carpe Noctem, der einzige Römer-Escape-Room am Originalstandort.
Nach der Varusschlacht hielt ein Lager namens Aliso, bei dem es sich vermutlich um das in Haltern ausgegrabene Lager handelt, als eins der letzten Römerlager gegen Überzahl der Germanen stand. Allerdings war es schon umzingelt. Schlau, wie sie waren, hatten die Germanen eine Schwachstelle des Holz-Erde-Baustils entdeckt: Man kann es anzünden. Dazu muss man nur jede Menge Holz vor dem Lager aufstapeln. Aber Zenturio Lucius Caedicius war schlauer: Er schickte seine Männer heimlich raus, um Holzscheite zu klauen. Die Germanen glaubten, den Römern ginge das Feuerholz aus, und schafften alle Bäume weg, wodurch sie Aliso auch nicht mehr anzünden konnten. Außerdem ließ er ein paar Kriegsgefangene "zufällig" die vollsten Getreidespeicher sehen und dann entkommen, damit sie verbreiteten, Aushungern könne man die Römer auch nicht. Trotzdem war Caedicius klar, dass er die Niederlage so nur verzögern konnte. Also verlas uns die Frau vom Escape Room einen Brief des Zenturio: Wir sollten lieber entkommen und Rom anderswo dienen anstatt ehrenhaft, aber sinnlos zu sterben. Grundsätzlich eine gute Einstellung.
28 März 2026
Lippe: Von Schloss Neuhaus nach Hamm
Ein Teil des Lippe-Seitenkanals wurde übrigens wirklich gebaut und heißt heute Datteln-Hamm-Kanal. Das finale Stück konnten wir also an einem großen Kanal fahren, nicht an einem Minigraben wie dem Boker Kanal heute Mittag.
Warte mal, wie sind wir überhaupt in den Park reingekommen? Der Eingang dort sah aus, als müsste man Eintritt zahlen, aber dort, wo wir vorhin reingefahren waren, hatte einfach ein Tor weit offen gestanden. Hm. Naja, nehmen wir einfach den Ausgang da hinten. Ach Mist, ein Drehkreuz, dann... warte, das Fahrrad passt da durch?























































