Die Moldau hat verdammt viele Stauwehre. Wie kommen die Kanufahrer daran vorbei? Die Antwort ist spritzig, originell und für Neulinge etwas erschreckend. An jedem Wehr weist ein Schild mit einem blauen Pfeil die Paddler nach links oder rechts, wo sie bitte schön zwischen zwei Betonwände steuern sollen, hinein in einen abgetrennten Teil des Wehres - und in eine der legendären Floßgassen.
Diese natürlich-künstlichen Wildwasserbahnen sind das Highlight und Markenzeichen der Paddelmoldau und das, woran ich bei den dramatischsten Passagen von Smetanas Moldau immer denken muss. Es gibt Paddelflüsse mit stärkeren Stromschnellen als die Moldau, aber kaum ein Fluss hat so eine so große Auswahl vielfältiger Floßgassen.
Also, wo genau steuert man da rein? Manche Floßgassen sind im Prinzip einfach ein kurzer Wasserfall, in dem unser Boot kurz nach unten kippte und mit dem Wasser runterfiel. Wie die Baumstamm-Wildwasserbahnen im Freizeitpark, nur deutlich niedriger.
Andere werden Rutsche genannt, weil das Boot einfach ein nasses Brett runterrutscht.
In beiden Fällen wurde es erst dann richtig nass und schaukelig, als wir unten angekommen in die weiße Zunge aus aufgewühltem Wasser eintauchten. Das ist der Punkt, wo man kentern kann.
Etwas kniffliger ist die dritte Art von Floßgasse, denn hier dauert die Abfahrt etwas länger. Wir steuerten hinein...
...und fanden uns wieder in einem langen, langsamen Betonkanal. Das war schon ein wenig beklemmend. Das Gefälle war zwar geringer als bei den anderen Gassen, trotzdem bildeten sich allmählich weiße Wellen, die versuchten, das Boot von rechts und links in Bewegung zu versetzen. Manchmal schaukelte es also schon...
...als wir unten rauskamen, hinein in die noch größeren Wellen.
Wie kommt man da also am besten durch?
Eigentlich ganz einfach. Schritt 1: Beim Reinfahren das Boot möglichst gerade halten. Schritt 2: Gar nichts tun. Und ruhig bleiben.
In einer Gasse kam meine Beifahrerin auf die Idee, eine Schaukelbewegung nach links auszugleichen, in dem sie sich mit dem Paddel an der Wand nach rechts abstieß. Das war eine ganz schlechte Idee: Das dadurch entstandene Schaukeln war viel stärker als alles, was die Wellen fabriziert hatten. Als wir am Ausgang durch den Haufen heftiger Wellen hüpften, kippte das Boot um. Ich will ja nicht sagen, dass sie schuld war, aber: Bei meiner ersten Moldaupaddeltour habe ich es irgendwie mit null Erfahrung geschafft, null mal zu kentern. Bei der zweiten Tour passierte es zweimal.

Uns drohte keine Gefahr, das Wasser ist fast überall flach genug, um problemlos zu stehen. Aber wo ist unser Gepäck? Wasserfeste Tonnen sind schön und gut, aber einen Gurt, um sie festzuschnallen, hatte unser Boot leider nicht. Zum
Glück stand der Pastor ein paar Meter weiter und fischte alles heraus. Eine Sandale
ging trotzdem verloren, und weil die Tonne nicht richtig verschlossen war, wurde
alles nass bis auf meine Badehose ganz unten im Rucksack.
Wie auf den obigen Fotos zu erkennen ist, war die Kulisse am zweiten Tag zwischendurch sehr industriell, als wir an der Papierfabrik von Věterný vorbeikamen. Manche der Fabriken laufen noch. Einzelne Häuser sind mit Fake-Fachwerk bedruckt, und an einer Fabrik prangt der beunruhigende Werbeaufdruck Dieser Zug zerquetscht Blech wie Papier, darunter der Name einer Arbeitsunfallversicherung. Dahinter mündet der Němčeský potok ("Deutschtschechische Bach") in die Moldau, der trotz seines Namens nicht aus Deutschland kommt.
Aber hinter der nächsten Ecke stehen plötzlich wieder schartige Felswände.
Und dann ist der Fluss wieder grün und ruhig. Man muss sich ja auch zwischendurch mal erholen von der Action.
Der zweite Campingplatz von Český Krumlov ist noch eine kleine Wanderung
von der Stadt entfernt, die auf diesem Ufer und über eine Holzbrücke
verläuft.
Bei der zweiten Paddelreise gerieten wir auf diesem Campingplatz in Dauerregen und entschieden, einen Tag nicht zu fahren. Der Platz hatte zumindest einen Aufenthaltsbereich mit Holzbänken und Holzdach, der zum Hemmungslosen Stadt-Land-Fluss-Spielen genutzt wurde.
Als es am Nachmittag doch wieder schön wurde, unternahmen wir eine Wanderung auf den Berg Klet. Wir liefen vorbei an einem rostigen Grill, aus dem groteske Schornsteine ragten. Sobald die Dörfer aufhörten, war der Berg komplett von Wald und Nebel eingehüllt bewachsen. Die Sicht tendiert also gegen Null, dafür tauchten Felsformationen auf. Das Ganze gehört zum Gebirge Blanský les (Blansker Wald), dieser Ausläufer der Šumava streift für die nächsten zwei Tage die Moldau.
Auf dem Gipfel erwarteten uns ein klassisches Gasthaus. Es war schon so weit von
der touristischen Moldau entfernt, dass man dort ausnahmsweise nicht mit
Euro bezahlen kann. ("Wir sind in Tschechien, wir nehmen nur
tschechische. Is logisch, oder?") Die Felsen ragten bis in die Toilettenräume hinein. Daneben stand noch ein burgartiger Aussichtsturm. Aber bei dem dichten Nebel erschien es mir nicht ökonomisch sinnvoll, dem Drehkreuz ein paar Kronen zu spenden. (Das Foto stammt von einem anderen Tag.)
Aber zurück ins Tal. Bei der Fahrradtour ich nach meinem Abstecher zum verlassenen Campingplatz von Branná wieder die Straße gewählt, die jetzt sogar noch enger zwischen Moldau, Leitplanke und Felswand verläuft. So war ich dann schon erstaunlich früh in Český Krumlov, der ersten ernstzunehmenden Stadt an der Moldau.
Alle lieben Český Krumlov, Deutsche, Tschechen und Österreicher. Wer schon einmal da war, ist gesetzlich verpflichtet, allen anderen immerfort vom "Bonsai-Prag" (Aber viel sauberer!) vorzuschwärmen und einen Besuch in der Stadt dringend zu empfehlen. Wenn ich verrate, das ich dort schon war, wirken sie regelrecht enttäuscht, dass nicht sie es waren, die mir exklusiv diesen alles andere als geheimen Geheimtipp gegeben haben.
Und ja, es ist ja auch wirklich eine verdammt schöne Stadt mit einer ungewöhnlichen Lage. Die Stadt zwängt sich in eine enge Flussschleife der Moldau, daher kommt auch der Name: Krumme Au - Krumau - Krumlov. Der Platz ist knapp, aber wenigstens kann man in die Höhe bauen, Höhe ist ja schon von Natur aus genug da. Die dreidimensionale Altstadt läuft nach oben in eine spitze Skyline aus runden und eckigen Türmen in weiß, gelb und rosa aus. Aus der Ferne lässt sich gar nicht so leicht sagen, welcher Turm nun zu einer Kirche, einem Kloster oder zum Schloss gehört. Der rosa Burgturm ist laut dem Schriftsteller Karel Čapek der "turmförmigste alle Türme".
Die engen Gassen sind von innen dann gar nicht so steil, wie sie von außen aussehen. Darin verbirgt sich allerhand touristischer Kram vom Spiegel- bis zum Wachsfigurenkabinett, das Museum des provokanten Aktmalers Egon Schiele und eine hohe Dichte an Tredelník-Ständen (Baumstriezel), die stets für einen angenehmen Geruch nach Gebackenem sorgen.
Sehr tschechisch ist das Märchen- und Marionettenmuseum, in dem bekannte tschechische Trickfilmfiguren in Marionettenform mit treudoofen Kulleraugen aus dem Fenster starren.
Obwohl das alles sehr massentouristisch klingt, habe ich die Stadt zwar als voll in Erinnerung, aber nicht überfüllt. Ob sich das inzwischen geändert hat? Keine Ahnung, bei der Fahrradtour war ich hier am frühen Morgen unterwegs. Um diese Zeit waren nur die asiatischen Touristengruppen auf den Beinen und ließen sich diszipliniert durch die Stadt lotsen. Besonders spannend fanden sie offenbar den gekreuzigten Jesus auf der Brücke, mit dem sie sich einzeln fotografieren ließen.
Schon vor dem Zeitalter der großen Stauseen lieferte die Moldau Energie, und deshalb dekorieren auch kleine Mühlräder das Stadtbild.
Außerdem gibt es noch Bereiche mit Fassadenmalereien wie in Stein am Rhein.
Verglichen damit sieht der Marktplatz relativ normal aus. Wie immer steht ein mariánský sloup ("Mariensäule") in der Mitte, ein graues Riesending, bei der die Säule von einer Art Brunnen ohne Wasser umgeben ist. Auf Deutsch wird so was auch Marienpestsäule genannt, was als Mittelpunkt einer Stadt eher unschön klingt, aber einen Grund hat: Mit den Dingern wurde der Junfrau Maria gedankt, dass die Stadt von der Pest verschont blieb. In praktisch jeder tschechischen Stadt steht so ein Teil. Was die Frage aufwirft, ob die Pest in Tschechien überhaupt stattgefunden hat oder ob die Pestbakterien bei der Überquerung der Šumava oder der großen Frömmigkeit der Tschechen direkt aufgegeben haben. Oder sie wollten, dass sich die Tschechen in Sicherheit wiegen, und haben immer erst zugeschlagen, nachdem so eine Säule stand, das kann natürlich auch sein.
Mein Vater schrieb, in der cukrárna (Konditorei) am Marktplatz habe er das beste Frühstück ever gegessen.
Als ich schon einen Tag hinter Krumlov war. Danke für nix.
Nach dem Stadtrundgang ist es Zeit, das Ufer zu wechseln und die Burgdurchquerung in Angriff zu nehmen. Der erste Verteidigungswall besteht aus einer kleinen Treppe, der zweite aus einem Graben, in dem eigentlich noch Bären leben sollten. Sie zeigten sich jedoch nicht.

Der nächste Hof ist von zartblauen Fassaden umgeben und mit Kies gestreut.
Gebaut haben das Schloss die Witikonen, zwischendurch hatten hier aber die beiden bereits erwähnten Adelsfamilien, Schwarzenberg und Rosenberg, ihren Hauptsitz - natürlich nicht gleichzeitig. Die Schwarzenberger stellten eine Schlossgarde auf, an deren Wiederbelebung ein Verein arbeitet - die älteste noch funktionierende Grenadier-Schlosswache in Kontinentaleuropa. Laut Wikipedia ist ein Grenadier ein Fußsoldat, der mit einem "Vorläufer der heutigen Handgranate" bewaffnet ist. Ähm, ich vermute mal, das weiß der durchschnittliche Tourist nicht, der sich mit den bunt kostümierten Gestalten fotografieren lässt.
Gerade war aber sowieso eine Garde der anderen Art unterwegs, und die waren mit Rechen bewaffnet. Ihre Aufgabe bestand darin, dass auf dem Kies möglichst gerade Rillen zu sehen sind, die von den Touristen ohnehin nach einer Stunde zerstört werden. Meine Aufgabe bestand darin, dort schon vor dem großen Ansturm durchzulaufen.
"Nešoupat!", fuhr mich einer von ihnen sofort an. ("Nicht schlurfen!")
Das Schloss ist heute Staatseigentum, das Museum zeigt halt die Möbel der Adligen - wirklich interessant klingt eigentlich nur die drehbare Zuschauerbühne im Theater, aber dafür wollte ich jetzt nicht warten, bis es aufmacht. Also machte ich das, was ich auch bei den zwei letzten Besuchen gemacht hatte und was im Prinzip jeder in Český Krumlov macht - den Gratisrundgang durch die vielen, vielen Innenhöfe, Durchgänge, Tunnel, Innenhöfe, Torbögen, Brücken und noch mehr Innenhöfe. Auch die Innenhöfe sind wieder bunt bemalt, manche Bilder sind verblasst, andere frisch. Die Statuen und sogar die gelben 3D-Mauersteine sind nur aufgemalt - aber anders als bei anderen Burgen wirkt das nicht billig, sondern fügt sich einfach schön ins Gesamtbild ein.
Ein Teil der Burg besteht aus einem Riesenhaufen aufeinandergestapelter Bögen, über den irgendwo ganz oben Menschen von einem Burgteil in den anderen wechseln können. Der Plášt'ový most (Mantelbrücke) ist einer der größten Eyecatcher im Stadtpanorama. Der Moldauradweg führt mitten durch den untersten Bogen hindurch.
Der Radweg ist übrigens mit der Nummer 7 beschildert, die hier auch sehr durchgehend und mit der Bikeline-Route übereinstimmend aufgestellt ist. Oft wurde nachträglich noch ein Aufkleber mit einer kurvigen blauen Linie und den Worten Vltavská cyklotrasa draufgeklebt. Ein klares Zeichen, dass auch deutschsprachige Touristen Interesse an der Route zeigen, denn die erwarten nicht einfach nur eine Nummer, sondern ein richtiges Logo.
Die Paddler haben trotzdem den besseren Blick auf das Stadtpanorama - das Paddeln unter der zweitgrößten Burg Tschechiens (nach Prag) ist ein besonderes Gefühl und ein Highlight der Kanureise.
Im Stadtgebiet befinden sich aber auch ganze vier Floßgassen, was den Städtetrip ungewöhnlich nass und herausfordernd macht. Hier ist zum Beispiel eine Wasserfall-Gasse unter der St.-Veit-Kirche zu sehen.
Am längsten und berüchtigtsten ist die lange Floßgasse direkt unter dem Schloss, denn die ist genauso krumm wie Krumlov. Direkt nach der Abfahrt bildet das Betonufer eine Kurve, und der Steuermann muss nach rechts lenken, während die Strömung komische Dinge tut. Bei der ersten Paddelreise sind hier mehrere Teams gekentert. Ich zwar nicht, dafür hat mir die Moldau das Paddel aus der Hand gerissen und auf Nimmerwiedersehen den Fluss hinabgetrieben.
Bei der zweiten Reise war ich entsprechend auf der Hut und sondierte die Gasse schon einmal während des Stadtrundgangs. Nanu? Was sind denn die grünen Dinger da im Wasser, welche Wasserpflanze würde sich denn hier ansiedeln?
Als wir am nächsten Morgen mit dem Boot in die Gasse einbogen, kam die Antwort. Sie lautete: Schschrrr. So klingt es, wenn man Büschel aus grünen Plastik-Stoppeln in der Floßgasse anbringt, die das Boot auf ein absolut harmloses Tempo ausbremsen. Mit diesem Umbau wurde die Moldau-Paddeltour ein gutes Stück sicherer, aber auch langweiliger.
Bei meiner Fahrradtour waren die Stoppel noch immer da, wirkten aber deutlich abgenutzter. Ob die Gasse deshalb wieder gefährlicher ist, kann ich nicht sagen.