29 März 2026

Lippe: Von Hamm nach Haltern

Lippenbekenntnisse
Tag 3: Das Kanaltal

Nachdem ich einen wohlig-warmen intensiven Frühlingseinbruch von Ende Februar bis März verpasst hatte, war es Ende März Zeit für die erste Radtour des Jahres.
Und die begann so:

Selbst dieser Außenbezirk von Hamm sieht übrigens lebendiger und abwechslungsreicher aus als die Innenstadt. Wer eine Brücke zum Radweg finden will, muss entweder ein Stück zurückfahren oder ein Stück durch besagten Außenbezirk.

Warum? Weil der Radweg vom Wasser umgeben ist, rechts die Lippe, links der Datteln-Hamm-Kanal, an dem nach wie vor keine Datteln wachsen, dafür aber immer mehr Kräne, Kabel und Kohlekraftwerke. Und der schnellste Weg, um Dinge zwischen diesen Industriegebieten zu transportieren, war früher nun einmal der Kanal. Wir haben endgültig den Nordrand vom Ruhrgebiet erreicht. Doch keine Sorge, der sieht nicht überall so aus!

Die Lippe gibt sich leidlich Mühe, dem Kanal ein bisschen Natur in Form von kahlen Bäumen und diagonalen Steilufern aus Sand entgegenzusetzen. Sobald sie das Stadtgebiet hinter sich gelassen hat, hört sie auf, sich wie ein zweiter, schmaler Kanal zu benehmen, und fängt mäandriert stattdessen durch die Gegend. In diesem Wasser leben seltene Fische namens Nasen (ja, die heißen so). Das genügt, damit die Lippe mehrere Naturschutzgebiete mit so klangvollen Namen wie Lippeaue von Werne bis Schleuse Horst bekommt.

Unser Weg bestand aus Kies und Erde. Ich sag mal so: Es hätte schlimmer kommen können. Der Kies war leidlich wetterfest, sodass wir auch bei Dauerregen darauf fahren konnten. Trotzdem spürten wir, wie sich uns der nasse Steinpampe entgegendrückte und uns deutlich ausbremste. Und von der gelblichen Erde blieb genug an der Hose kleben, dass sich mein Begleiter fragte, ob er sich so überhaupt in ein Restaurant setzen könne. (Ich muss ihm noch die Scham abtrainieren, die ist bei Radreisen eh nur hinderlich.)

An der Marina Rünthe schaukelten circa 30 Sportboote auf ausgesprochen unsportliche Weise tatenlos herum, das Strandrestaurant war geschlossen, der Strand nicht zu sehen (wahrscheinlich klebte er inzwischen größtenteils an unseren Hosen).
Nicht gerechnet hatte ich in diesem Ambiente mit einem Fahrradzähler.
Der Zähler hingegen hat mit uns gerechnet, und addierte mich prompt zur Gesamtsumme der heutigen Fahrradfahrer in Höhe von insgesamt: 1. Ha, ich war noch nie der erste bei so einem Ding!

Hinter der nächsten Ecke stellte sich heraus, dass nicht das Wetter der Grund für die Nummer 1 war, sondern die Baustelle. Uns war entgangen, dass große Teile des Hamm-Datteln-Kanal-Uferwegs gerade umgebaut werden, vielleicht
So, wenn die Absperrung hier ihre Vorderseite in unsere Fahrtrichtung zeigt, heißt das doch, ab hier ist es wieder frei, oder?
"Hey!" Ein Bauarbeiter stolperte aus seinem Container. "Hier ist gesperrt!"
Wir nahmen einen anderen Weg mit einer improvisierten Furt aus drei Holzstücken.
"Werden eigentlich immer noch immer solche Kanäle gebaut?", fragte mein Begleiter.
Die Kanäle hatten seine Frage gehört und waren sehr auskunftsfreudig, denn gleich darauf tauchte etwas auf, das nach einem brandneuen Kanal aussah, oder zumindest mit frischen Rändern. 

An einer anderen Stelle befand sich der Kanal deutlich über den Häusern.
Jedes Stück Asphalt verschaffte uns einen Geschwindigkeitsboost, der aber nur 100 Meter bis zum nächsten Kies andauerte.

Die Einfahrt in die nächste Stadt gestaltet sich schön, aber etwas umständlich. Vor allem, wenn man zu spät vom Kanal abbiegt. Auf breiten Fahrradstraßen durchquerten wir einen Schlosspark mit einer gelben Burg,...

...danach konnten wir mal wieder ein Stück der Lippe folgen, die tief in die Stadt einschneidet und sich in Hecken hüllt,...

...ach nö, schon wieder Baustelle, dann eben noch etwas an der Hauptstraße, und endlich konnten wir in die Innenstadt abbiegen.
Lünen ist nicht als Sehenswertes Ortsbild markiert, und auch sonst hatte ich keine bestimmten Erwartungen an diese Stadt. Der Europaplatz ist jedenfalls im Vergleich zum Europaplatz von Komárno eine glatte Enttäuschung.
Dabei verrät der Name Lünen doch im Prinzip schon alles, zusammen mit dem Sand an unseren Reifen und Hosenbeinen. Alles hier erinnerte mich an die Städte der Lüneburger Heide: Die quirlige, eher schlichte Innenstadt und vor allem der allgegenwärtige Ziegelsteinboden in der Fußgängerzone.

Und sogar der (wirklich gute) Dönerladen hat Lammsuppe im Angebot! (Auch wenn die längst nicht an die Heidschnucken der Lüneburger Heide herankommt.)
Wobei, ein paar der Häuser sehen dann doch etwas barocker aus als in Gifhorn & Co. Das Hotel zur Persiluhr wurde nach einer grünen Metalluhr benannt, die auf dem Platz anscheinend schon länger Werbung für Waschmittel macht, als das Hotel existiert.

Da stellt sich die Frage: Könnte die Landschaft hier auch lüneburgisch werden?
Um diese Frage zu beantworten, sucht die Lippe Abstand zur Industrie und macht einen Bogen nach Norden. In zwei stahlblauen Trogbrücken fließt der Dortmund-Ems-Kanal über sie drüber und trifft dann auf den Datteln-Hamm-Kanal an einer zentralen Kanalkreuzung des Ruhrgebiets.

Dahinter folgt ein sehr viel schmalerer Kanal namens Alte Fahrt, unter dem die Lippe unter den Bögen einer historischen Steinbrücke hindurchfließen darf. Eigentlich sollten wir kurz an der Alten Fahrt zur nächsten Straßenbrücke fahren, aber überraschenderweise stand da schon eine neue Brücke an genau der richtigen Stelle. Mist, der Wegweiser ist verdreht, hoffentlich ist mein voreiliger Begleiter auf die richtige Nebenstraße gefahren (ist er).
Rechts erstreckt sich ein Buchenwaldhügel, an dessen Rand sich das olle Römerlager Olfen befand. In die eine Richtung schützte der Steilhang, in die andere konnten sie das Flusstal gut überblicken. Wahrscheinlich versorgte es Tiberius von hinten mit Nachschub, nachdem er die Germanen scheinbar unterworfen hatte, wurde es aufgegeben. Zu sehen ist davon nichts, und auch das Innere ist noch nicht erforscht. Allein, um die Außenmauer zu erkennen, war ein Riesenaufwand nötig: Luftbilder, Magnetabtastung, vorsichtige Baggerschnitte, Bohren und Begehen.


Wir befinden uns im sogenannten 2Stromland. Behaupten zumindest diese eigenartigen gelben Texttunnel. Was der zweite Strom ist, verraten sie nicht, nur, dass hier Kormorane wohnen und an dieser matschigen Waldspitze 1826 mal eine massive Schleuse stand. Das aufgestaute Wasser sollte eine Felsspitze überspülen und so die Schifffahrt sicher machen. Aber schon bald war die Anlage unnötig und wurde wieder gesprengt. 1870 verdrängte die Eisenbahn die Lippeschifffahrt, und 1900 hatten die Schiffe zwar nochmal ein Comeback, aber nur auf dem neuen Kanal.

Und an ebendiesem Wesel-Datteln-Kanal, dem letzten Kanal des Tages, durften wir noch die schönste Kanalstrecke des Tages genießen. Die Sonne kam heraus, die Hecken blühten, die Industrie hatte sich zurückgezogen, und der Weg trocknete vor sich hin, ein Traum.

"Werden die Kanäle eigentlich immer noch genutzt?", fragte mein Begleiter.
Die Kanäle hatten seine Frage gehört und waren sehr auskunftsfreudig, denn gleich darauf tauchte eine große Schleusenanlage auf, aus der ein Lastschiff tuckerte. Die Schleusentore klappen nicht zur Seite auf, sondern werden wie das Fallgitter einer Burg hinaufgezogen.

Hat die Lippe eigentlich auch Fähren? Ja, gleich mehrere Selbstbedienungsfähren mit Namen wie Quertreiber, wo man sich selbst über den Fluss kurbelt. Anders als die ähnliche Anlage an der Fulda hängt das Boot nicht am Seil, sondern schwimmt auf dem Fluss - und kann deshalb nicht das ganze Jahr betrieben werden. Denn noch immer hat Wasser im Winter ab und zu die seltsame Angewohnheit, zu gefrieren. Auch wenn eine der Fähren Maifisch heißt, öffnen sie schon im April. Also erst in wenigen Tagen, schade.

Darum bogen wir erst etwas später nach Norden ab - und sahen dann am Straßenrand die Antwort auf eine weitere Frage. Ja, es gibt hier wirklich eine Heidefläche wie aus dem Bilderbuch, groß und sanft gehügelt, mit Moosen und nur vereinzelten Bäumchen. Die Westruper Heide entstand im Mittelalter durch Vieh- und Plaggenwirtschaft, die den Boden frei von Bäumen hielten. 1978 schlug der Heidekäfer brutal zu und brachte die Heide an den Rand der Vernichtung. Die Menschen diskutierten, ob es wirklich von Sinn ergab, die Heide zu erhalten, oder man man nicht eher die natürliche Änderung in einen Wald zulassen sollte. Aber es fanden sich jede Menge Sponsoren, Schulklassen und politische Gruppen, die den Birken und Kiefern zu Leibe rückten und die Heide heidig bleiben ließen. Offenbar mit großem Erfolg, denn sogar im März schimmerte das Land leicht violett.

Nach Lünen, Burg und Heide folgten wir dem Radweg an der Bundesstraße einmal durch einen großen See. Der Halterner Stausee spiegelte das Blau des Himmels. Hierhin fahren also die Ruhrpöttler übers Wochenende, wenn sie eine kleine Seenplatte oder Lüneburger Heide brauchen. Sie haben tatsächlich ein schönes Potpourri an netten Landschaften rund um ihren Ballungsraum - von allem ein bisschen, außer vom Meer.

Sie übernachten dann in Haltern am See. In dieser heimeligen Stadt konzentrieren sich die Ziegel fast komplett auf den Boden und die Kirche, die weißen Barockhäuser gruppieren sich zu heimeligen Plätzen, schmalen Straßen und Hinterhöfen. Ich kenne sogar Bremer, die jedes Jahr Urlaub in Haltern am See machen. Warum das denn, ihr habt doch die echte Lüneburger Heide viel näher dran?

Allmählich nähern wir uns dem Ende des Römer-Lippe-Radwegs, und noch immer haben wir kein richtiges Römerlager gesehen, so, wie es damals aussah. Zumindest die Außenmauer wird doch wohl irgendwo nachgebaut sein! Ist sie auch, und zwar an zwei Orten: In Oberaden (da sind wir schon vorbei) und in Haltern. Beide gehören zu einem Museum. Das Halterner Museum ist eine große Glasvitrine voller Glasvitrinen, in der Glasspitzen aus dem Dach ragen.
"Ah, das soll bestimmt die Zelte aus dem Feldlager darstellen."
Da wäre ich nicht drauf gekommen, aber es klingt nach genau der Art, wie Architekten denken. Zumindest die zwei Spitzgräben vor dem Museum habe ich erkannt, die gibt es so auch in Anreppen.

Und vor der Holz-Erde-Mauer. Endlich konnten wir sehen, was sich hinter diesem Begriff verbarg. Holz-Erde klingt nach primitiven Palisaden, die im Boden stecken. Aber tatsächlich handelte es sich um eine sehr effiziente Methode, etwas ziemlich Stabiles ziemlich schnell hochzuziehen: Einfach einen Kasten aus Holz zusammenzimmern und komplett mit Erde füllen. Mit Zinnen und Wachtürmen macht es durchaus Eindruck. Und zwar den Eindruck einer Burg aus dem Holzbaukasten.

Nur: Sowohl in Oberaden als auch in Haltern war dieser Freilicht-Museumsteil noch nicht geöffnet. Wenn wir die Mauer im März also nicht nur mit großem Abstand durch einen Zaun sehen wollen, dann gibt es nur eine einzige Möglichkeit. Und die war für uns ohnehin sehr reizvoll. Nur halt leider teuer.

Kurz nach 19 Uhr standen wir wie gebucht am Zaun und hatten vergessen, welchen geheimen Knopf wir laut E-Mail zum Betreten drücken müssen. Da kam uns auch schon eine gutgelaunte Frau entgegen. Wir spazierten auf das Haupteingangstor zu. Dahinter wurde die alte Wachstube nachgebaut, und in ihr befindet sich Escape Aliso a.k.a. Carpe Noctem, der einzige Römer-Escape-Room am Originalstandort.

Nach der Varusschlacht hielt ein Lager namens Aliso, bei dem es sich vermutlich um das in Haltern ausgegrabene Lager handelt, als eins der letzten Römerlager gegen Überzahl der Germanen stand. Allerdings war es schon umzingelt. Schlau, wie sie waren, hatten die Germanen eine Schwachstelle des Holz-Erde-Baustils entdeckt: Man kann es anzünden. Dazu muss man nur jede Menge Holz vor dem Lager aufstapeln. Aber Zenturio Lucius Caedicius war schlauer: Er schickte seine Männer heimlich raus, um Holzscheite zu klauen. Die Germanen glaubten, den Römern ginge das Feuerholz aus, und schafften alle Bäume weg, wodurch sie Aliso auch nicht mehr anzünden konnten. Außerdem ließ er ein paar Kriegsgefangene "zufällig" die vollsten Getreidespeicher sehen und dann entkommen, damit sie verbreiteten, Aushungern könne man die Römer auch nicht. Trotzdem war Caedicius klar, dass er die Niederlage so nur verzögern konnte. Also verlas uns die Frau vom Escape Room einen Brief des Zenturio: Wir sollten lieber entkommen und Rom anderswo dienen anstatt ehrenhaft, aber sinnlos zu sterben. Grundsätzlich eine gute Einstellung.


Der Zenturio hatte einen Fluchtplan entworfen, versteckt und verschlüsselt, damit ihn die Germanen nicht verstehen. Obwohl die ja noch auf der anderen Seite der Mauer waren. (Noch. Denn hinter den Wänden erklangen dramatische Geräusche einer Schlacht.) Aber gut, vielleicht gab es ja Spione im Lager, und die hätten es garantiert gehört, wenn der uns den Plan einfach schnell zugeflüstert hätte. Stattdessen durchsuchten wir also mit Taschenlampen einen Raum im Zwielicht, der wirklich etwas von einem Museum oder einer authentischen Filmkulisse hatte, komplett mit Holzregalen voller Tongefäße. Natürlich kommt die unvermeidliche Julius-Caesar-Verschlüsselungsscheibe zum Einsatz, und sogar die Götter müssen nach passenden Opfergaben Hilfestellung leisten. Was anfangs sehr linear und einfach wirkte, war dann doch komplizierter als gedacht, denn die fünf Schritte auf der ersten Schriftrolle waren natürlich nicht die einzigen.
Die letzten Schritte sind dann wieder historisch verbürgt: Wir puzzelten auf einer Landkarte die sichere Fluchtroute bis zum Rhein nach Xanten zusammen - mit anderen Worten, den restlichen Römer-Lippe-Radweg. Und wir mussten die Trompete des Asprenas mitsamt Mundstück finden und reintröten. So glauben die Germanen, dass Asprenas mit Verstärkung aus Xanten unterwegs war, und gaben die Verfolgung der Flüchtigen auf. Dass sich die Rätsel so konkret an historischen Fakten orientieren, und das auch noch genau dort, wo diese Fakten vermutlich passiert sind, und in einem Bauwerk, das exakt so aussieht wie damals, das ist wirklich eine Seltenheit.
 
Tatsächlich rettete der listige Caedicius durch diesen Trick bei Nacht und Nebel nicht nur eine Handvoll Escape-Room-Besucher, sondern den Großteil der Lagerbesetzung, einschließlich Frauen und Kinder. Auf halber Strecke kam ihnen Asprenas dann auch wirklich noch zur Unterstützung entgegen. Nach der bitteren Niederlage war dieser Erfolg wieder ein kleiner Lichtblick für das Römische Reich. 
Als wir wieder nach draußen traten, war die Dunkelheit bereits hereingebrochen, und Sterne funkelten über der Holz-Erde-Mauer. Der Schlachtenlärm war verstummt. In Haltern herrscht Frieden. Und die Nachkommen der Germanen, die von dem Reich, das sie damals zurückgedrängt hatten, mindestens so viel übernommen haben wie aus ihrer eigenen Kultur.

28 März 2026

Lippe: Von Schloss Neuhaus nach Hamm

Lippenbekenntnisse
Tag 2: Das Optimaltal

Über Seen ist kein Roman von Juli Zeh, sondern ein möglicher Titel für diese Radtour. Immer wieder kam die Radroute an irgendwelchen Bade- und Baggerseen vorbei, und immer wieder haben wir es geschafft, so abzubiegen, dass wir sie verfehlten. Die Freizeitanlagen Lippesee zum Beispiel sahen auf der Karte sehr ähnlich aus wie das Kiesseegebiet an der nicht weit entfernten Ems, aber auch die haben wir komplett überseen.

Das genaue Gegenteil der Seen sind die Kanäle - an denen sind wir ständig langgefahren, egal, ob wir wollten. Oh, wir sind jetzt auf der Boker-Kanal-Schleife? Tja, dann ist das wohl so, ist doch nett hier an dem kleinen Kanälchen. Mittelstarker Gegenwind pustete uns entgegen, trotzdem kamen wir auf dieser Abkürzung fix voran. Das war auch gut so, denn es war Mittag, wir hatten getrödelt, wollten eigentlich noch 100 Kilometer fahren und unterwegs auch etwas sehen.

Aber wir sind schließlich auf der Römer-Lippe-Route, also sind wir irgendwann doch runtergefahren zur Lippe und zu den Römern. Die haben sich in Anreppen angesiedelt, wie man an dieser Hand im Lorbeerkranz erkennt - ein Symbol der Loyalität, das viele Militäreinheiten in ihrem Logo benutzten.
Anscheinend war es dieser Römertruppe wichtig, gleich neben der Lippe (auf Lateinisch Lupia) zu campen, denn sonst hätten sie (wie die anderen Römer-Lippe-Lager) wohl eine strategisch bessere Position auf einer Anhöhe genommen. Daher spricht auch viel dafür, dass die geheimnisvolle "halbkreisförmige Einbuchtung in Flussnähe" ein Militärhafen war, auch wenn der Fluss heute bissl weiter entfernt fließt.

6000 Legionäre lebten im Militärlager von Anreppen, das "aufwendig rekonstruiert" sein soll. Nun ja... also, zweifellos bedeutet es einen gewissen Aufwand, die ganzen römischen Straßen alle mit Kies nachzuschütten, aber als jemand, der gerade erst die Reste der (fast baugleichen) Römerlager an der Donau gesehen hat, hat mich das jetzt nicht vom Hocker gehauen. Immerhin wurden zwei Meter der hölzernen Kanalisation nachgebaut.
Oder ist dieses Lager doch moderner als gedacht? Ein Schild mit Römerhelm-Symbol wies auf eine Augmented-Reality-Szene hin. Es verriet aber nicht, wie und mit welchem Gerät man das Lager auf diese Wiese zurückbringen kann.
Echte Überreste sind nicht zu sehen, dafür haben die Bauern das Land im Laufe der Jahrhunderte zu gut beackert. Naja, und dazu kommt, dass das Lager komplett aus Holz und Erde bestand.
Und auch nur drei Jahre existierte.

Wer vor nicht allzu langer Zeit zuletzt an das Römische Reich gedacht hat, hat vielleicht noch eine ungefähre Karte im Kopf und denkt sich: Hier war doch gar kein Imperium Romanum?
War es auch nicht. Also nicht wirklich.

Wir befinden uns im Jahr 12 vor Christus. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt, Asterix und Obelix sind schon 73 Jahre alt, und die Römer haben gerade erst ihre ersten dauerhaften Lager am Rhein gebaut. Die sind dringend nötig, denn die Germanen kommen immer mal wieder rüber und überfallen Gallien. Um die noch relativ neue Provinz zu schützen, müssen die Römer über den Rhein und den Germanen aufs Maul geben, tja, und wenn sie sowieso schon mal da sind, Provinzen kann man doch eigentlich nie genug haben, oder?
Dann, im Jahr 1, Jesus machte in seine Windeln, erhoben sich die germanischen Stämme gegen die Römer und gegeneinander im immensum bellum. Dieser immense Krieg gefiel den Römern gar nicht, schließlich hatten sie das Gebiet doch gerade erst "befriedet" (ein Wort, das nur selten Frieden bringt). Tiberius, der Adoptivsohn und spätere Nachfolger von Kaiser Augustus, übernahm das Kommando und kämpfte sich bis zur Weser durch. Aber anders als seine Vorgänger kehrte er danach nicht zurück zum Rhein, sondern schlug sein Lager (vermutlich) in Anreppen auf und überwinterte.
Dort, wo heute eine Hecke steht (ganz rechts), befand sich die Holz-Erde-Mauer. Davor zwei V-förmige Gräben (Bildmitte), gar nicht mal so tief und ohne Wasser - das reichte schon, damit kein Feind in geschlossener Formation ans Lager rankam. Nur in die Therme musste natürlich Wasser rein, wie soll man sonst nach einem harten Tag als Eroberer vernünftig relaxen?

Als der Frühling kam, marschierte Tiberius weiter durch bis zur Elbe und Nordsee, und Anreppen versorgte ihn von hinten mit Essen (vermutet man zumindest wegen der vielen Getreidespeicher). Kein römischer Feldherr sollte jemals weiter kommen als er.
Wir schreiben das Jahr 6, der kleine Jesus lernt erste Buchstaben, Asterix und Obelix sind 91-jährige Greise, und ganz Germanien ist von den Römern besetzt bis auf einen letzten Stamm, der keinen Zaubertrank hat, sondern einfach Glück. Denn auf einmal brach an der Donau der Pannonische Aufstand los, und Tiberius schloss hastig einen Freundschaftsvertrag mit dem letzten Germanenkönig, gab das Lager Anreppen auf und eilte nach Südosten, um mit mit großer Mühe Ungarn zu "befrieden". In seiner Abwesenheit sollte Statthalter Varus aus dem eroberten Land zwischen Rhein und Elbe eine richtige römische Provinz machen, damit er überhaupt was zum Statthalten hatte.
Aber bei dem Namen sollten alle Alarmglocken klingeln, denn das Denkmal zu Beginn des Radwegs hat uns ja längst gespoilert, wie die Sache ausging. Der Anfang vom Ende eines Weltreichs, unken manche rückblickend. Aber wenn man das Ganze mit anderen Weltreichen vergleicht - ist es nicht eher so, dass die Römer einfach schlau genug waren, nicht weiter zu versuchen, mehr zu erobern, als sie halten konnten, und gerade dadurch sicherstellten, dass ihr Reich verdammt viele weitere Jahrhunderte existierte?
Auch wenn das dazu führt, dass die Römer-Lippe-Route fast gar nicht durch das Römische Reich führt.


Auf halber Strecke empfing uns Lippstadt mit dem sogenannten Grünen Winkel. Dieser Park ist ein idyllisches Geschmörgel aus Teichen und Wasserläufen. Während wir von Brücke zu Insel zu Brücke radelten, blähte der Wind im Wasser dahintreibende Plastiktüten auf - ach nee, Quatsch, das sind ja alles Schwäne, die sich aufplustern! Ist es nicht traurig, wenn das Hirn da als erstes von einer Plastiktüte ausgeht?

Anders als die Römer verließen sich die Lippstädter nicht auf trockene Spitzgräben, sie wollten sich mit dem Lippewasser schützen. In den ersten Stadtgraben von 1220 lief das Wasser noch ganz automatisch rein. Aber 1623 sollte Lippstadt die stärkste Festung zwischen Rhein und Weser werden, und dafür brauchte es viel größere Gräben. Das Steinwehr sollte dafür sorgen, dass die immer gut gefüllt waren. Trotz seines Namens bestand es zuerst aus Holz, und auch als es versteinert wurde, spielte das Holz noch eine zentrale Rolle: An Ketten hingen Holzbohlen im Wasser, mit denen gesteuert wurde, wie viel durchfloss. Dann wurde die Festung wieder abgerissen, doch die Lippstädter hatten einen tollen neuen Job für die angestaute Lippe: Die neue Kanalisation. Verteidigung gegen Bakterien und Gestank ist schließlich mindestens genau so wichtig wie gegen feindliche Heere.
Und was ist das für ein Schloss dahinter? Ach nee, hm, eigentlich bloß ein unspektakuläres Ziegelhaus. Okay, vielleicht ist meine Brille auch einfach nicht mit dem Grünen Winkel kompatibel.

Ein dickes Wassermühlrad drehte sich und war damit nicht das einzige, was mich an die parallele Ems erinnerte: Lippstadt ist eine hellgraue Barockstadt, als hätte man eine komplette Stadt im Stil vom Schloss Neuhaus gebaut. Die vielleicht wichtigste Persönlichkeit der Stadt ist der Pfarrer Anton Praetorius, der als Vorläufer von Amnesty International angesehen wird. Er kritisierte mit scharfen Worten die Folter und die Zustände in den Gefängnissen und schrieb Bücher gegen die "unchristlichen Hexenprozesse", die dazu beitrugen, dass diese am Ende abgeschafft wurden.

So, und wie geht es nun eigentlich unserem Fluss?
Gut. Um genau zu sein: Verblüffend gut. Das tiefe Schwarz der ersten Etappe ist verschwunden. Sowohl die kleinen Kanäle als auch die Lippe waren erstaunlich klar und funkelten in den Sonnenstrahlen. Unter der Oberfläche winkten uns quicklebendige Wasserpflanzen zu. Was immer die in Schloss Neuhaus mit dem Fluss gemacht haben - es hat ihm definitiv nicht geschadet!
Hinter Lippstadt durften wir diesen Anblick noch ein Weilchen genießen, auch wenn sich das klare Wasser oft hinter Hecken verbarg. Die Kieswege waren etwas gewundener als am Kanal, trotzdem waren wir ganz zufrieden mit unserem Fortschritt. Wie weit isses noch? Immer noch 55? Uj, okay, hm, na, mal sehen.

Für meinen Begleiter das absolute Highlight der Reise: Einen wilden Apfel pflücken und verspeisen. Das hatte er noch nicht gemacht. Und ich dachte, ich sei der Großstadtmensch von uns beiden.

Eine ganze Weile folgten wir einem Radweg an der Straße. Dann wählten wir eine Abkürzung namens Naturerlebnis-Auenland-Schleife. (Die mehr oder weniger fantasievollen Namen können nicht über folgende Tatsache hinwegtäuschen: Je mehr Varianten im Reiseführer stehen, desto unspektakulärer ist der Radweg.) An einer kleinen Allee tauchte unvermittelt eine leicht schlingpflanzige Ruine auf. Nanu, was ist das jetzt? Hat der Tiberius am Ende doch etwas Haltbares aus Stein gebaut? Das graue Gemäuer sieht verdächtig nach einem Brückenstück aus, ein bisschen wie die Brücke von Remagen, und das ist fast richtig: Es ist ein Brücken-Widerlager, also der Teil, der die eigentliche Brücke mit dem Erddamm zum Rauffahren verbindet. Alles klar, jetzt fehlt bloß noch die eigentliche Brücke. Und der Erddamm. Und das Wasser, über das diese Brücke rüberführen soll.

Nichts davon ist fertiggeworden, eventuell waren die Bauarbeiter mit dem Brücken-Widerlager also ein bisschen voreilig. 1924 sollte hier ein Seitenkanal für die Lippe entstehen, auf dem Schiffe bis Lippstadt durchtuckern sollten. Durch den Zweiten Weltkrieg war kein Geld mehr da, und hinterher war es nicht mehr rentabel, denn Autobahnen waren längst billiger als Kanäle. So taugt das Widerlager bloß noch als Windschutz und Kletterfelsen. Mit etwas Geschick, der einen oder anderen Spalte, Pflanze oder Räuberleiter lässt es sich... uah, gleich hab ich's... gut bezwingen. Oben genoss ich einen Blick auf flache Felder und unauffällige Ziegeldörfer, also genau wie unten.

Danach kamen wir an diesem Gütergleis heraus und rätselten, ob hier noch manchmal Züge fahren. In der Karte waren noch Personenbahnhöfe eingezeichnet, aber zum Teil war das Gleis echt überwuchert. Doch schließlich wichen die Schlingpflanzen sauber gestutztem Rasen, und Straße und Schienen strebten auf ein Kraftwerk und im Prinzip auch schon auf die Zielstadt zu.

Aber vorher bogen wir noch ab in ein schmuckloses Industriegebiet im Vorort Uentrop. Schmucklos? Von wegen, auf einmal ragt dort ein alles andere als schmuckloser Turm namens Gopuram auf, über und über bedeckt von kunterbunt bemalten Figürchen. Zwölf südindische Kunsthandwerker haben daran gearbeitet. Nur die ganze untere Fassade ist noch Baustelle, das Hauptportal verschlossen. Eine absurd hohe Garage überragt den Tempel noch um einige Meter - anscheinend steht da die Riesenstatue der Göttin Kamadchi drin, die jedes Jahr beim Tempelfest um das Gebäude geschoben wird.
Die Geschichte dieses Bauwerks beginnt... nun, seine Kultur reicht so weit zurück wie das Römische Reich, aber seine Geschichte im engeren Sinne beginnt mit dem Bürgerkrieg auf Sri Lanka in den 80ern, als zehntausende Tamilen ins Ruhrgebiet flohen. 1985 kam der hinduistische Priester Arumugam Paskaran nach Hamm und stellte im Keller seiner Mietwohnung einen kleinen Altar auf. Später zog die Gemeinde in eine Wäscherei. Die Stadt betonte, wie sehr sie die kulturelle Bereicherung schätzte, wollte das jährliche laute Tempelfest aber auch nicht im Wohngebiet haben. Zur Jahrtausendwende hatte die Gemeinde bereits am heutigen Standort den größten hinduistischen Tempel in Kontinentaleuropa, und inzwischen ist sie sogar eine Körperschaft öffentlichen Rechts. Nur eine Sache klappte nicht so: Eigentlich bauten sie den Sri Kamadchi Ampal Tempel bewusst nah an der Lippe (beziehungsweise dem Kanal) für ihre rituellen Waschungen, aber nach 25 Jahren mussten sie damit aus Sicherheitsgründen aufhören. Ist die Lippe etwa gefährlicher als der Ganges?
Ob man da hineinkann? Während der Öffnungszeiten schon, hieß es im Internet. Am Container fanden wir dann tatsächlich einen offenen Seiteneingang.

Schilder kommunizierten die Regeln auf Deutsch und in verschnörkelten Zeichen, bei denen es sich wohl um Tamilisch handelt (von den vielen Sprachen Indiens ist das eine der ältesten Schriftsprachen und die einzige, die heute noch ungefähr so aussieht wie vor 2000 Jahren). Und es gibt viele Regeln: Zuerst zogen wir in einem Vorraum die Schuhe aus. Rauchen, Fleisch essen, Alkohol, Menstruation und Haustiere sind nicht erlaubt, und sollte im Tempel eine Sitzhaltung eingenommen werden, dürfen die Beine nicht ausgestreckt werden. 
Doch was Touristen angeht, ist der Tempel entspannter als so manche Kathedrale. Während ich noch am Eingang stand, winkte mich ein Mann herein: "You can come in and look around." Und das, obwohl gerade eine Zeremonie stattfand.
Ich lookte around und fand mich wieder in einer niedrigen, gefliesten Halle wieder, gut gefüllt mit bunten Säulen und Schreinen in einem ähnlichen Stil wie das Dach. Sicher, dass dieses Haus von Anfang an als Tempel erbaut wurde? Es sieht aus, als hätte jemand viel Mühe und Farbe investiert, um eine Markthalle in einen Tempel umzuwandeln. Und doch kommt eine ungewöhnliche Atmosphäre auf in dem verwinkelten und farbenfrohen Raum - man weiß nie, welche Gottheit hinter der nächsten Ecke wartet, etwas, das keine Kirche oder Synagoge bieten kann.
In den Schreinen verbergen sich Altäre und Statuen der einzelnen Götter. Manche dürfen laut Schild nur Priester betreten, andere nur oberkörperfreie Menschen im Wickelrock - beides läuft letztendlich auf dasselbe raus, weil nur Priester in diesem Outfit herumlaufen. Und zwar mindestens dreimal am Tag. Soeben hatte der abendliche Gottesdienst (Puja) begonnen, und eine beträchtliche Gruppe folgte dem Priester auf seiner Runde, während er von Schrein zu Schrein ging und unter Sprechgesang Kerzen in den Schalen entzündete. Dabei war er sehr bestrebt, die fehlenden Glocken im Turm zu kompensieren, indem er sehr enthusiastisch mit einer Handglocke bimmelte. Besinnlich im europäischen Sinne war dieses Geräusch nicht, eher etwas laut und überbordend - so, wie es Indien ja angeblich auch sein soll.

Der große Schrein in der Mitte gehört jener vierarmigen Dame, nach der auch das gesamte Bauwerk benannt ist: Sri Kamadchi Ampal (grob übersetzt: "Frau Liebesäugige Muttergöttin") hat ihren einzigen Tempel außerhalb von Südostasien in Hamm.
Kamadchi/Kamakshi soll ursprünglich wild und blutdürstig gewesen sein, bis der Philosoph Shankara die Göttin gezähmt und ihr Wesen verändert hat. (Erstaunlich, was die indischen Philosophen damals alles konnten. Wie viele Götter hast du schon gezähmt, Richard David Precht?) Seitdem ist sie lammfromm und hat Augen der Liebe, mit denen sie Wünsche ablesen und dann auch gleich erfüllen kann.
Nun haben die Tamilen aber dermaßen viele Götter, dass daneben sogar der Olymp wie eine Kleinfamilie wirkt. Wenn bloß 60 000 tamilische Hindus in Deutschland leben, dann kann man sich ausrechnen, dass es nicht für einen Tempel für jeden einzelnen Gott reicht. Und darum stehen ringsumher 200 von Kamadchis Kollegen, alle aus schwarzem Granit gemeißelt, aber bunt angezogen, in menschengroßen oder ganz kleinen Schreinen. Die Einstellung Götter kann man nie genug haben teilt die Tempelgemeinde mit den Römern in Anreppen. Hier treffen - bisher konfliktfrei - verschiedene Traditionen und Rituale zusammen, die es so in Indien nicht alle unter einem Dach gäbe. 
Einig sind sich immerhin alle, dass die große Kraft über allen Göttern das Brahman ist, welches die ganze Welt durchdringt. Aber das Brahman ist so groß und unfassbar, das betet man nicht an und trägt ihm schon gar nicht seine Wünsche vor. Für so was braucht es noch einigermaßen begreifliche Götter als Transmitter. Wer das seltsam findet, könnte sich fragen: Ist die Heiligenverehrung der Katholiken wirklich so anders?

Eine Nische wurde extra für Hochzeiten mit weißem Sofa und grünem Teppich dekoriert, und am Eingang hing eine Einladung zur nächsten Eheschließung.
Im Tempel befindet sich sogar eine Art Imbiss, aber: Die Tempelspeisung darf auf keinen Fall innerhalb des Tempels eingenommen werden. Und falls man drinnen vergessen haben sollte, sich Tempelspeisung zu holen, steht draußen auch noch ein Snack- und Getränkeautomat - Kamadchi sei Dank, unsere Flaschen waren schon fast leer! Diesen Wunsch hat sie uns definitiv von den Augen abgelesen, oder vielleicht auch vom trockenen Gaumen. Hier wird man auf jeden Fall eher satt als von Wein und Oblaten.

Ein Teil des Lippe-Seitenkanals wurde übrigens wirklich gebaut und heißt heute Datteln-Hamm-Kanal. Das finale Stück konnten wir also an einem großen Kanal fahren, nicht an einem Minigraben wie dem Boker Kanal heute Mittag.

Zum Schluss drehten wir aber doch noch eine Schleife nach Süden, denn dort wartete das Markenzeichen der Stadt auf uns: Der angeblich größte Elefant der Welt. (Die Stadt wirbt sogar mit dem Motto Elephantastisch!) Mit seinem Aufzug im Rüssel ist er sicherlich ein denkwürdiger Anblick. Das transparente Tier hatte ursprünglich die Aufgabe, mit seinem Rüssel Kohle zu waschen. Was für eine dämliche Idee, als ob das Zeug jemals sauber wird?
Kein Wunder, dass die Maximilianshütte eine Geschichte des Scheiterns war. Gasexplosionen, technische Defekte und immer wieder schwere Wassereinbrüche sorgten dafür, dass die Kohle zwar von allein ganz gut gewaschen war, aber nicht erfolgreich ans Tageslicht gebracht werden konnte. 1912 sollte es endlich losgehen, zwei Jahre später war schon wieder Schluss. Erst in den 60ern hatte das Bergwerk eine kleine Blütezeit.

Letzten Endes entschied sich die Maximilianshütte aber, die Flucht nach vorn anzutreten: Sie wurde zum Vorbild dafür, wie sich aus den ollen Industriebrachen etwas Schönes machen lässt, zum Beispiel Maxiparks und Glaselefanten. Gut, Glaselefanten blieben Hamm vorbehalten, aber die Sache mit den Parks ahmte bald das ganze Bundesland nach. Kein Wunder, dass 1984 ausgerechnet hier die erste Bundesgartenschau von NRW abgehalten wurde.
Übriggeblieben ist der Maxipark, in dem uns neben einem rostigen Industriedenkmal direkt zwei Dinge ins Auge sprangen: Zum einen ein Stand, der anstatt Eis Jogurt und Quark mit verschiedenen Toppings anbietet, immerhin so schmackhaft, dass sich über fehlende Kartenzahlung und Kassenbons hinwegsehen lässt. Und zum anderen eine Bahn, auf der begeisterte Kinder und Erwachsene Rennautos herumfliegen ließen.
Ja, ich habe fliegen geschrieben. Die Modellwagen hüpften über kleine Rampen und Hügel hinweg, segelten meterweit durch die Luft, bogen halsbrecherisch um Kurven und knallten gegen die Schläuche, welche die Rennstrecke begrenzten. Das Erstaunliche war: Trotzdem musste nie jemand die Fernbedienung weglegen und von Hand eingreifen. Diese unzerstörbaren Dinger sind die Katzen unter den Modellautos: Sie landen immer auf den Rädern.

Warte mal, wie sind wir überhaupt in den Park reingekommen? Der Eingang dort sah aus, als müsste man Eintritt zahlen, aber dort, wo wir vorhin reingefahren waren, hatte einfach ein Tor weit offen gestanden. Hm. Naja, nehmen wir einfach den Ausgang da hinten. Ach Mist, ein Drehkreuz, dann... warte, das Fahrrad passt da durch?
Jap, und das ohne Probleme. Durch so ein Teil bin ich auch noch nie auf einer Radtour gefahren.

An kleinen netten Bachläufen vollendetet der Römer-Lippe-Radweg seine Schleife nach Süden, und hinter der Maximare-Therme stößt er erneut auf den Kanal und die Lippe.
Geschafft. Wow, jetzt waren wir ja doch richtig schnell. Dabei war die Tatsache von Vorteil, dass sich die 100 Kilometer doch nur als 86 entpuppten. So wurde es ein geradezu perfekter Radtourtag, und es reichte sogar noch für eine Runde in der Therme. (Ich habe noch nie so eine riesige Sauna gesehen, der Aufguss erfolgte aber eher lustlos).
 
Die Innenstadt von Hamm ist maximal langweilig. Das Highlight (wortwörtlich light) stellen ein paar leuchtende Bäume dar, dazu ein deutlich kleinerer Elefant. Viele Städte im Ruhrgebiet sind leider so... hm, hässlich ist nicht das richtige Wort. Einfach derart gesichtslos, dass es nicht mal für eine vernünftige Hässlichkeit reicht.
Bisher gestern war das alles, was ich vom Umsteigen von Hamm kannte. Aber seit heute weiß ich, dass die Stadt auch sehenswerte Seiten hat.


27 März 2026

Lippe: Von Bad Lippspringe nach Schloss Neuhaus

Lippenbekenntnisse
Tag 1: Das Thermaltal

Von der Ruhr hat schon die halbe Welt gehört - ihr Stahltal prägte eine Ära. Von der Lippe hat wahrscheinlich nicht mal die Hälfte Deutschlands gehört - ihr Thermaltal prägt aber immerhin auch die Gestalt von NRW und dem Ruhrgebiet. Außerdem ist die Lippe und nicht die Ruhr der längste Fluss des Bundeslandes (also von denen, die nur in NRW fließen). Reicht das für einen eigenen Radweg? Offenbar nicht ganz - es braucht obendrauf noch eines der größten Imperien der Weltgeschichte.

Der Römer-Lippe-Radweg verbindet nicht nur einen Fluss, sondern auch ein paar römische Relikte. Deswegen beginnt er in der hübschen Schlossstadt Detmold. Ein Riesensteinstatuengebilde oben auf dem Hügel soll daran erinnern, wie Hermann den Römern bei der Hermannsschlacht (oder auch Varusschlacht, falls Sie mit den Römern sympathisieren) so heftig den Hintern versohlte, dass ein Achtel des römischen Militärs umkam, woraufhin die restlichen sieben Achtel den Versuch aufgaben, das Gebiet zwischen Rhein und Elbe zu erobern. Das passierte, als Jesus angeblich 9 Jahre alt war - wo genau, ist superumstritten.
In Wahrheit sieht der riesige junge Germane mit erhobenem Schwert nicht aus wie der historische Hermann, und auch sonst verrät das Denkmal mehr über das 19. Jahrhundert als über das Jahr 9. Nicht ohne Grund erinnert es verdächtig an die Wacht am Rhein, Porta Westfalica, das Völkerschlacht- und Kyffhäuser-Denkmal und wie sie alle heißen - eine weitere ideologische Säule für das neu vereinigte Deutsche Kaiserreich. Nur dass diesmal halt ausnahmsweise nicht Kaiser Wilhelm geehrt wurde. Also, fast nicht. Eine bescheidene Gedenktafel, laut der Wilhelm dem Typen oben auf dem Denkmal "gleich" sei, hat er sich trotzdem gegönnt. Die Steine stammen von der Ruine der Grotenburg, die hier vorher stand, und bilden eine Kuppel mit einem engen Treppenhaus, durch das ich für 4 Euro auf einen Balkon stieg und zusah, wie der Nebel aus dem Flachland über den Teutoburger Wald jagte.
Der Hermann guckt drohend nach Rom und Frankreich, wo die Franzosen zur selben Zeit Denkmäler für den Gallier Vercingetorix (die Inspiration für Asterix) errichteten, der den Römern auch mal eine bittere Niederlage beschert hatte. Deutschland und Frankreich wetteiferten damals quasi, wer den krasseren Anti-Römer hatte.

Zu diesem Denkmal bin ich gewandert, und anschließend habe ich noch ein zweites Ziel angesteuert. Auf dem Weg durch die Teutoburger Wälder entdeckte ich spontan noch eine Heidefläche und die mystische sogenannte Geisterschlucht. Zwischen ihren Felswänden ist es nachts bestimmt noch atmosphärischer als an einem Nieseltag.
Dann kam ich an einem See heraus, an dem das sandsteinerne Rückgrat des Teutoburger Walds außerhalb der Erde liegt, quasi extern. Vielleicht nennen sich die skurrilen Säulen deswegen Externsteine. Als ich zum See runtermarschierte und die Felsspitzen zum ersten Mal durch die Wipfel schauten, musste ich unwillkürlich an die künstlichen Felsen in einem Zoo denken - so unmöglich erschien mir der Anblick in dieser sonst felslosen Umgebung. Aber das ist kein Beton mit Tierkot - es ist der gepresste Strandsand eines uralten Kreidemeeres. Als Europa mit Afrika zusammenstieß und sich die Alpen falteten, richteten sich die Sandsäulen plötzlich senkrecht auf. Und jetzt konnte ich sie besteigen. Zumindest die erste Säule mit Seeblick. Auf der dritten war die Treppe in der ersten Kurve noch gesperrt, und ich durfte leider nicht über das lustige steile Brücklein zur zweiten Säule mit der Aussicht durch ein vergittertes Felsfenster laufen.
In den Fels wurden aber nicht nur verwinkelte Treppen gehämmert, sondern auch ein Relief, auf dem Jesus vom Kreuz abgehängt wird. Es ist vielleicht die älteste Darstellung dieses eher untypischen Moments. Die Externsteine waren mal quasi das europäische Jerusalem, ein superwichtiger Pilgerort.

So, diesen Teil des Römer-Lippe-Radwegs bin ich gewandert, nun aber zur eigentlichen Lipperadtour:
Die Lippe beginnt erst 17 Kilometer später im Kurort Bad Lippspringe. Genau wie die Pader in Paderborn quillt sie überall aus allerhand Rohren in ein üppiges Steinbecken, als wäre der komplette Ort eine Quelle. Nur befindet sich rundherum keine richtige Stadt, sondern nur Kurparks, weiße Kurhäuser und anderer Kurkram. Das liegt nicht nur am Quellwasser, sondern auch an der Lage: Eingekeilt zwischen Eggegebirge, Paderborner Hochland und Kiefernwald ist die Luft besonders gut.
Im blauen Teich namens Odins Auge kommt das Wasser aus acht Meter Tiefe. Die Arminiusquelle dagegen wurde nach keinem anderen als dem Hermann von der Hermannsschlacht benannt - Arminius war sein lateinischer Name, weil er von Kindheit an quasi als Schläfer und Spion in der römischen Armee diente. Nur so konnte er die römischen Legionen im Teutoborger Wald überhaupt erst in die fatale Falle locken.

Darf ich vorstellen, der erste Lippewasserfall. Viel wilder wird der Fluss auch nicht mehr.

In einer versteckten Felsschlucht im Arminiuspark verbirgt sich die Jordanquelle.

Ich kann jedoch Entwarnung geben: An diesem Fluss spielen sich keine blutigen Konflikte ab, sein Wasser ist kein internationaler Streitpunkt. Andererseits hat er auch keine Seen, auf denen Heilige zu Fuß rübergegangen sind, in denen man ohne Schwimmen oben treiben und aus denen ein Schluck Wasser tödlich sein kann. Es hat eben alles sein Für und Wider.

Da Lippspringe keinen Bahnhof hat, bin ich damals von Paderborn Hauptbahnhof zur Westfalen-Therme von Bad Lippspringe rübergeradelt. Damals war das eines der ersten Hallenbäder, das in der Pandemie geöffnet hatte. Dafür auch mit dem strengsten Regeln: Im Badrestaurant wurde, tropfend in Badehose, nur mit Maske gegessen. Ansonsten ist die Therme ganz schick, hat die sechstbeste Wasserrutschenanlage in NRW und erinnert sehr an die Ostseetherme Scharbeutz.

Danach habe ich Lippspringe wieder auf dieser angenehm ruhigen Straße verlassen.

Aber es wird noch ruhiger. Von der Straße bin ich in den Wald abgebogen. Ein Teil davon gehört zum Truppenübungsplatz Senne, den ich schon von der Emsquelle kenne. Und das bedeutet: Ruhe, Sand, Grün und kleine künstliche Seen (diesmal jedoch keine Wildpferde).

Von den Talleseen in der Lippeniederung war auf meiner Strecke kaum etwas zu sehen.

Und bei der Lippe selbst sieht es ganz ähnlich aus. Sie strudelt um die rostigen Stangen alter Wehre und ist noch schwärzer als die Seen. Kein Wunder, auch die Erde der Senne sieht öfter mal besonders schwarz aus.

Unter den Trauerweiden, Engstellen und schließlich unter einer großen Brücke von Schloss Neuhaus mündet die Pader aus Paderborn, und dort bin ich dann auch wieder in Richtung Paderborn abgebogen. Es war eine nette kleine Rundtour um Pader, Lippe und Paderborn, dennoch habe ich die Lippe dann erstmal ein paar Jahre nicht fortgesetzt.

Ach ja, wo ist eigentlich das Schloss, das so wichtig ist, dass es extra im Ortsnamen stehen muss? Da ist es ja, gleich neben der Mündung. In dem Weserrenaissance-Schloss (Sollten wir nicht inzwischen weit genug entfernt von der Weser sein?) wohnten Paderborns Fürstbischöfe, jetzt ist ein Kunst- und Naturkundemuseum drin. Ob das Schloss nun aber gleichzeitig das Neuhaus im Ortsnamen ist, bleibt unklar. Neu genug sieht es jedenfalls aus.

Der Park soll einer der zehn schönsten Deutschlands sein. Ob das nun daran lag, dass sich die Jury einfach beim Foodtruckfestival Cheatday so vollgefressen hat, dass sie keine Lust mehr hatten, den Rest zu beurteilen, das muss jeder selbst beurteilen.