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07 April 2026

Flöha: Von Nové Město nach Hetzdorf

Flöha-Tag 1: Nichtstal
 
gefahren im: Mai 2026
Start: Bahnhof Mikulov - Nové Město
Ziel: Hetzdorfer Viadukt, Rastplatz
Länge: 79,3 km
Flöhaquerungen: 19
Ufer: meist rechts, später auch links
Bundesländer: Tschechien (Region Ústí nad Labem/Aussig), Sachsen
Landschaft: irritierend groß und leer, grüne Hügel, Wald, Stauseen, später muldige Felstäler
Wegbeschaffenheit:
 meist ruhige Nebenstraßen
Steigungen: jup
Wetter: Nebel & Niesel
Wind: nicht wirklich
Highlight: Regionalzug Sp 1196 (Ústí n.L.hl.n. - Moldava v Kruš.horách)
Größte Hürde: dumme Schlammderweg-Abkürzung um die Talsperre Saidenbach
Zitat des Tages: "Promintě, promintě, ja tady musím k tomu... Ne! Já jsem kecala, ja musím k tady tomu!"
- tschechische Schaffnerin im Sp 1196 -


Mein erstes Mal mit dem Fahrrad in einer tschechischen Regionalbahn war abenteuerlicher als alles, was die darauffolgende Radtour zu bieten hatte. Ich war gerade mit dem Moldau-Radweg fertig und wollte nun hinauf auf die tschechische Seite des Erzgebirges (Krušné hory), um von dort aus bequem nach Deutschland reinzurollen. So konnte ich die verbleibenden Puffer-Urlaubstage nutzen, noch einen weiteren Nebenfluss mitnehmen und mir Grenzkontrollen mit skeptischer Begutachtung wegen wildcampingbedingter dezenter Versifftheit ersparen.
Was war nun also abenteuerlich an der Zugfahrt?
  • Online fand ich die Funktion zum Fahrradkartenkauf nicht. Der Schalter öffnete fünf Minuten vor Abfahrt des Zuges. Als ich den Bahnhofsnamen Mikulov-Nové Město nannte, fragte die Dame entgeistert: "Wo?"
  • Der erste Zug hatte keine Fahrradabteile, das Rad stand im Vorraum vor den Türen möglichst so schräg, dass es niemanden störte.
  • Beim Umsteigen in Ústí nad Labem galt es drei hohe Stufen und dann noch einen halben Meter Abgrund zu überwinden, bis irgendwo da unten irgendwann mal der Bahnsteig kam. Mit den schweren Packtaschen packte ich das nicht, verlor das Gleichgewicht und stürzte, landete aber immerhin weich auf besagten Packtaschen. Mein neues Rad landete weniger weich und verlor eine Speiche.
  • Im zweiten Zug (Fahrtziel Moldava) kannte man den Bahnhofsnamen immerhin. "Ach da, ja, dann sag ich dem Lokführer Bescheid, dass er da kurz hinterm Tunnel anhält. Das ist ein Bedarfshalt, aber wir haben leider keine Knöpfe für so was." Die Tür zum Führerstand war stets offen, und der Lokführer plauderte angeregt mit der Schaffnerin und seinem per Telefon zugeschalteten Kumpel.
  • Nach dem vertrauten Panorama des Elbtals tuckerten wir durch unscheinbare Ebenen voller Dörfer und Industriestädte, bis sich der Zug in die Wipfel des Erzgebirges hochschraubte. Urplötzlich öffnete sich auf einer Brücke ein unglaublicher Blick durch ein verwunschenes Tal bis hin zum fernen verwaschenen böhmischen Mittelgebirge, für eine Sekunde wähnte ich mich in einem südostasiatischen Regenwald. Nach jeder dieser Brücken folgte ein Tunnel, der eher an eine Mine erinnerte, anscheinend mit bogenförmigen Stützen aus Holz.
  • Der Zug wurde langsamer und langsamer. Plötzlich stürzte die Schaffnerin den Gang runter und verscheuchte die Kinder einer Fahrradfamilie. "Tschuldigung, ich muss mal kurz an den Schrank hier. Nein, ich hab Quatsch erzählt, an den anderen Schrank!" Sie riss ihn auf, drehte irgendeinen Knopf und schaltete so offenbar irgendwie zusätzliche Energie für den Anstieg frei, gerade noch rechtzeitig, bevor die Bahn zum Stehen kam. 


Ookay, aber kommen wir nun zum heutigen Fluss. Die Flöha entsteht nicht weit vom Bahnhof entfernt aus einem obskuren Torfmoor (auf Tschechisch rašelniště) mit dem internationalen Namen PR Grünwaldské vřesoviště. Es besteht aus Birken, Tannenbäumchen, grünem Gras und gelben Gras. An der ersten Stelle, die man betreten darf, ist die Flöha bereits zu einem stattlichen Bach angeschwollen. Der sumpfige Bereich ganz hinten, aus dem er kommt, heißt Tetřeví tokaniště.
Auf einer felsigen Grundlage, die nirgendwo zu sehen ist, ist am Ende der letzten Eiszeit ein ebenso nasser wie lebendiger Lebensraum entstanden. 1989 (also quasi auch am Ende der letzten Eiszeit) wurde der geschützt, 2016 nochmal deutlich erweitert.

Der althoschdeutsche Name Flöha bedeutet fließen (wie bei jedem zweiten Fluss), waschen oder spülen (oh, das ist neu). Auf tschechisch heißt sie Fláje, am Anfang aber noch Flájský potok (Flöhabach). Den bekam ich erst mal nicht zu sehen, also kehrte ich von den Betonplatten zurück auf die Straße.

Und dort bot sich ein komplett anderes Bild, nämlich: Nichts.
Leere.
Na schön, manchmal waren auch die fernen Täler zu sehen, und einmal die Ruine eines Gutshauses. Aber es gab auf jeden Fall Zeiten, da sah ich nichts außer einer Kette absolut grüner, absolut leerer Hügel mit absolut nichts drauf außer Grashalmen und einer Linie Asphalt. So habe ich das tschechische Grenzgebirge noch nie erlebt. Nur ein Tal weiter entspringt die Freiberger Mulde, und da sieht die Landschaft ganz normal aus. Wie schnell sich so was ändern kann!


Es änderte sich dann auch schnell, als ich in die Tannenbäume eintauchte. Denn ab da herrschte nämlich Leere mit Tannenbäumen. Einmal sogar mit Felswänden.
Übrigens war diese Strecke trotzdem alles andere als ausgestorben. Minutenlang war ich allein, dann marschierte auf einmal eine riesige Wandergruppe in Warnwesten vorbei, oder eine Damen- und Herrengruppe aus Rennradlern, oder ein tschechisches Ehepaar, das sich an einer Wendeschleife anschrie. ("Wo fährst du hin?!") Ich blieb kurz stehen, hörte zu und richtete dabei mein Schutzblech, welches vom Sturz aus der Regionalbahn noch immer hörbar irritiert war. Fahrradwegweiser weisen zur Chata Barbora, inklusive einer kleinen Zeichnung der Berghütte.

Mit einem Mal blitzt hinter den Nadeln eine große graue Fläche durch - nein, nicht der Himmel, sondern sein Spiegelbild in der vodní nádrž Fláje (vielleicht nach dem Fluss benannt, vielleicht aber auch nach dem gleichnamigen versunkenen Dorf).

Am Ende bekam ich den See auch noch in voller Breite zu sehen, als ich über die Staumauer geradelt bin. Bis 1966 litt die Region unter einer schlechten Organisationsstruktur der Wasserwirtschaft, in der jede politische Bezirk sein eigenes Ding drehte, mitsamt Wassermangel und katastrophalen Hochwassern (auch wenn die an der Flöha ja eigentlich hauptsächlich auf die deutsche Seite gelaufen sein müssten). Die Lösung: Ab jetzt kümmerte sich der Staatsbetrieb Povodí Ohře um 23 Staudämme auf verschiedenen Nebenflüssen der Elbe.

Weil es an Beton mangelte, wurde die Mauer als Pfeilermauer gebaut. So spart man sich 30 Prozent des Betons, und zwischen den Pfeilern im Innern der Mauer stecken noch heute unsichtbare Hohlräume, geformt wie Kirchenschiffe, und ähnlich groß. Das klingt zwar erst mal nach sozialistischem Pfusch, aber das Vorbild war hier die Schweizer Staumauer Lucendro (Typ Noetzli), die schon 1947 so gebaut wurde und noch immer hält.

Heute ist der See hauptsächlich dafür zuständig, eine große Region bis hin zu Ústí an der Elbe mit Trinkwasser zu versorgen. Das erklärt dann wohl, warum ich bisher nicht ans Ufer randurfte. Das Wasser hat eine besonders gute Qualität und wird ständig geprüft, versichert ein Schild, gefolgt von dem eigenartigen Hinweis: Sollten Sie also an das öffentliche Trinkwassernetz angeschlossen sein, müssen Sie sich sinngemäß keine Sorgen machen.

 
An der verschmälerten Flöha dürften zunächst nur die Wanderer wandern, die Radler müssen erst einmal den großen Höhenunterschied der Staumauer abbauen (nicht, dass ich mich beschweren möchte, huii). Nach einer Weile durfte dann auch ich dem sprudelnden Steinflüsschen unter den Nadeln und Knospen Gesellschaft leisten.


Jetzt fehlen eigentlich nur noch ein paar Ortschaften, die am Fluss liegen. Und da kommt auch ein Doppeldorf, nämlich Český Jiřetín/Deutschgeorgenthal. Wer genau hinsieht, erkennt auch schon, dass in diesem Namen eine Grenze verläuft.
Grenzkontrollen gab es nicht, für die Einhaltung der Verkehrsregeln sorgt dieser flache Polizist, dessen Klone in regelmäßigen Abständen auf der tschechischen Seite stehen.

Die Grenzbrücke über die Flöha (hinten) ist eher unscheinbar, aber kurz davor macht die Grenze doch noch mal auf sich aufmerksam.
KAUFHAU GEMISCHTE WARE - SCHUHE - RUCKSACK - KLEIDUNG - ZIGARETTEN - ALKOHOL - GETRÄNKE - SÜß WAREN alles zu einem super guten Preis
Bisher kannte ich solche Texte eher von der polnischen Grenze, die tschechische war da an den Stellen, die ich befahren habe, immer deutlich zurückhaltender. Für meinen Bedarf bot dieser absolut seriöse Laden immerhin die letzte Kofola und ungesunde Snacks wie Erdnüsse in Teigmänteln mit Käse- und Bacongeschmack. 

Auf deutscher Seite folgt gleich der nächste Stausee - eine sehr ausladende Brücke mit roten Geländern schlängelt sich über der Talsperre Rauschenbach dahin. Leere Landschaften, die eigentlich nicht viel enthalten und trotzdem den Blick fangen - das kann die Flöha.

Die dazugehörige Staumauer ist eher unauffällig und darf nicht betreten werden.

Danach ist das Flöhatal noch immer eine sehr breite und eher unscheinbare Angelegenheit. Jemand hat die immergleichen Wiesen von der Hochebene am Anfang genommen und zwischen den immergleichen Wäldern ausgerollt. 

 

Die Dörfer und Vorgärten sehen aber oft richtig schön aus, und es macht alles einen idyllischen Eindruck - nur eben nicht den Eindruck einer Landschaft, die man zwingend gesehen haben muss.

In den örtlichen Weihnachtspyramiden sind alle Verkehrsteilnehmer vertreten, auch die Radfahrer,

Ab Hirschberg gibt es Bahngleise, und ab Olbernhau-Grünthal sogar Bahngleise, auf denen Bahnen fahren. Auf den Bergen und in den Innenstädten verstecken sich weiße Türme von Kirchen oder Schlössern, manche sogar noch in einer annähernd böhmischen Zwiebelform.

Immer wieder zweigen Mühlengräben oder Floßkanäle von der Flöha ab, die noch mit den alten Steinmauern und Holzbarrieren durch die Dörfer plätschern.
Die Flöha war mal einer der fischreichsten Flüsse Sachsens, sogar die Lachse aus dem Atlantik stiegen bis ins Erzgebirge hoch. Das änderte sich durch... den Menschen klar, Fischerei, Industrie, Wehre, blabla, aber auch... Kormoraneinfall? Wie nett, endlich ist der Mensch mal nicht allein schuld.

Dann beging ich einen Fehler. Auf einem kurzen Abschnitt gab es im Tal weder Straße noch Radweg. Der Flöhatalradweg leitete mich aus dem Tal raus, hinauf zur dritten Talsperre Saidenbach, an der ein Nebenfluss gestaut wird. Ich hatte aber langsam genug von Stauseen und Steigungen, darum kam ich auf die grandiose Idee, ob ich mich nicht auf dem Wanderweg trotzdem irgendwie durch das Tal mogeln könnte, der läuft auf der Karte ja schließlich mehr oder weniger parallel zu den Höhenlinien, also meistens.
Großer Blödsinn. Ich fluchte und hievte mich die Camelbacks dieses schmierigen grauen Pfades rauf und runter, und sparte dabei im Vergleich zur offiziellen Route eindeutig weder Zeit noch Kraft ein.

Der Rest der Route gab sich dann aber alle Mühe, um das auszugleichen. Endlich erkannte ich doch noch ein paar Parallelen zur parallelen Freiberger Mulde, denn jetzt durfte ich häufig zwischen Felswand und Fluss radeln, oft auf Nebenstraßen, manchmal auch auf eigenen Radwegen. Auf einer Insel im Fluss stand eine Reparaturstation mit Werkzeug an Drahtseilen, die ganz unkompliziert von einer Infotafel baumelten. Ich kam vorbei an alten Industriegebäuden und einer perfekten Schutzhütte und bedauerte fast, dass es noch nicht Abend war. 

Verweile doch... mit diesen Worten lud mich ein internationales Kunstprojekt auf eine Reihe deutsch-tschechischer Bänke ein. Die Künstler haben die Bänke mit einem Schachbrett in der Mitte oder auch mit irgendeinem undefinierbaren Korallen-Dingsbums ausgestattet, aber alle hatten anscheinend die Vorgabe bekommen: Bitte in möglichst hässlichem Beton. Nur eine Holzbank ein paar Kilometer weiter widersetzt sich dieser Regel, und passenderweise sind in das Holz die Worte Ich mach mein Ding eingraviert.

Tierisches Bodyshaming betreibt dieser Bauernhof: Den Esel Carlos und das Zwergzebu Inora soll man bitte nicht füttern, denn wir sind schon ziemlich dick!


Die Strecke wurde immer flacher und angenehmer, aber auch die Felswände zogen allmählich wieder zurück. Nur noch ein einzelner Stein hielt im Fluss wacker die Stellung. Und ließ damit völlig offen, was für ein Anblick mich wohl hinter der nächsten Biegung erwartete.

22 November 2025

Naab: Von Silberhütte nach Weiden

Bis vor Kurzem war die Naab für mich bloß einer von vielen Flüssen im berühmten Donaugedicht, und die Oberpfalz hätte ich auf einer Deutschlandkarte nicht korrekt anzeigen können. Doch unverhofft bot sich mir eine wunderbare kostenfreie Übernachtungsmöglichkeit am Waldnaab-Radweg.
Und nicht nur das, auch für die Anreise bot sich eine ganz neue Möglichkeit: Der freundliche Gastgeber fuhr uns gleich hoch zum Wanderparkplatz/Wendeschleife/geschlossenen Gasthaus Silberhütte. Danke dafür, sonst wäre das echt schwierig geworden, hier hinzukommen. Noch besser: Jetzt geht es fürs Erste nur bergab! Aber vorher erst mal die Vorderräder wieder einsetzen, denn im Gesamtpaket haben die Räder nicht in den Kofferraum gepasst.


Wenige Waldwege später beginnt die Waldnaab in einer eingesunkenen Rinne moosiger Steine. Diese Quelle hat zwei Besonderheiten: Erstens kommt da kein Wasser raus, sondern allem Anschein nach nur Laub. (Immerhin ist es am Anfang der Rinne etwas feuchter.)
Und zweitens liegt die Quelle allem Anschein nach haargenau auf einer Grenze. Nicht nur in der App ist die Grenzlinie so eingezeichnet, auch vor Ort standen links und rechts der Quelle je ein weißer Grenzstein, der eine tschechisch (C 11, im Bild), der andere deutsch (DB 11 - Deutsche Bundesrepublik oder wat? Wer kürzt das denn bitte so ab?)
Auf einer steinernen Bank sind die bunten Wappen der Städte an der Waldnaab eingemeißelt.
Der Blätterfluss macht erst mal einen kleinen Bogen rüber in den den tschechischen Wald.

Wir dagegen holperten entlang der Grenze über den rauen Waldpfad, welcher ein Radweg sein sollte. Damit verursachten wir die einzigen, oder zumindest die mit Abstand lautesten Geräusche in diesem menschenleeren Grenzwald.
Und wenn ich entlang der Grenze sage, dann meine ich damit: Der Pfad liegt wirklich haargenau auf der Grenzlinie. Das ist eine echte Seltenheit auf dem ehemaligen Eisernen Vorhang und anderswo, es hat aber auch seine Nachteile. Die Tschechen haben ausgerechnet auf diesem Abschnitt beschlossen, ganz penibel Grenzsteine aufzustellen (sonst kenne ich das nicht von denen), und die standen dann auch wirklich exakt in der Wegmitte. Hmm, weiche ich denen jetzt über Deutschland oder über Tschechien aus, oder mache ich einen internationalen Slalom draus?
Die Trennung der Tschechoslowakei wurde auf diesen Steinen pragmatisch umgesetzt: Das eingravierte S wird einfach nicht mehr in schwarz ausgemalt, nur noch das C. Warum sie aber das tschechische Häkchen auf dem Č ebenfalls nicht mehr ausmalen, bleibt unklar.

Nach vielleicht einem Kilometer war die skurrile Holperei auch schon zu Ende. Geradeaus zog sich eine schnurgerade Schneise durch den Wald, in der die Grenzsteine unverändert weitergingen. Wir aber bogen ein nach Deutschland auf einen gewöhnlichen Waldweg.
Auch die Waldnaab kehrt zurück. Irgendwo in Tschechien muss sie echtes Wasser aufgetrieben haben, und so plätschert sie kristallklar über den braunen Waldboden, durch das eine oder andere Betonrohr unter dem Weg durch und durch ein die ersten hübschen Minischluchten.

Das Waldgrenzgebirge heißt übrigens Oberpfälzer Wald/Český les ("böhmischer Wald") und ist nicht zu verwechseln mit dem Böhmerwald/Šumava nebenan im Süden. Da hätten sich die Nachbarländer echt besser absprechen sollen wegen der Namen.

Trotz ihres Namens ist dann erst mal Schluss mit Wald an der Waldnaab. Der Waldweg wird zur Straße, und im Tal häufen sich die Häuser an zur ersten Naabstadt.
 
Zählt das schon als Stadt? Bärnau wirkt zunächst wie eine Kreuzung mit einer Kapelle und einem abgehalfterten Karpfen. (Ein paar Kilometer weiter stand ein ähnlicher Karpfen in einem Vorgarten, nur dass er dort komplett mit bunten Fotos bedruckt war.)
Dass die hier Karpfen gezüchtet haben, ergibt Sinn, wenn als Abnehmer links ein Bundesland und rechts ein kompletter Staat liegt, in dem Karpfen das traditionelle Weihnachtsessen sind. Aber Bärnau zelebriert die Nähe zu Tschechien noch auf andere Weise. 

Denn gleich am Ortseingang erstreckt sich der deutsch-tschechische Geschichtspark Bärnau-Tachov, ein internationales Freilichtmuseum. (Tachov/Tauchau ist die erste tschechische Ortschaft hinter der Grenze, aber nein, liebe Gamer, es ist nicht das Tachau, welches durch seine Nachbarschaftsfehde in einem Computerspiel einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hat.)
Ein frühmittelalterliches Slawendorf und eine hochmittelalterliche Kleinstadt stehen hier in direkter Nachbarschaft. Auch die Gruben-, Block-, Flechtwand-, Pfosten- und Fachwerkhäuser könnte man - selbst in einer Zeitmaschine - wahrscheinlich nicht im selben Dorf nebeneinander finden. Es geht schließlich darum, die Geschichte der Baukunst zu zeigen. Immer nur denselben Haustyp nebeneinander zu bauen, wäre ja auch langweilig. Mehrere Quellen zeigen, dass in diesen Häusern nicht nur Franken, sondern auch Slawen lebten. Darum hieß die Region Bavaria Slavica.

Wann und wo genau der jeweilige Haustyp nun gebaut wurde, verrät der Audioguide. Wie man dagegen die ganzen Stoffe, die da drin ausliegen, so schön bunt bekommt (Spoiler: Vegan ist es nicht, man muss Läuse zerquetschen.) und spinnt, das verraten die verkleideten Handwerker. Im Sommer leben die Darsteller tatsächlich eine Zeit lang im Museumsdorf, es wird also für sie ein noch immersiveres Erlebnis, dem sie aus einer gewissen Leidenschaft nachgehen.

Zur Anlage gehört eine Wiese mit slawischem Kultplatz (oder, so wie es für mich aussah: eine Wiese) und ihr Nachfolger, eine frühe Kirche in einem Blockhaus, ganz in weiß.

Im frühen Hochmittelalter hatte das Dorf zur Verteidigung schon eine Burg, die jedoch etwas anders aussieht als das, was wir allgemein unter einer Burg verstehen. Im Ernstfall verzogen sich die bayrischen Slawen auf den Hügel hinter die Palisaden, und von da aus im noch ernsteren Ernstfall über die Holzbrücke ins 1. Obergeschoss des Turms.
So eine Burg nannte sich aus irgendeinem Grund Motte. Hoffentlich hatten sie genug zu Essen für eine Belagerung da drin, dann war es zumindest eine Lebensmittelmotte. Weil das hier eine ganz frühe Form der Motte ist, besteht der Turm nur aus Holz, nicht mal mit ein bisschen Lehm. Die Brandpfeile freut es.

Am Rande des Parks wird seit 2018 etwas aus dem Spätmittelalter aufgebaut, nämlich eine Reisestation für den deutsch-tschechischen Kaiser Karl IV. Sie ist noch nicht fertig, und bis sie es ist, wird es noch eine ganze Weile dauern, denn Bagger, Betonmischer und gelbe Liebherr-Kräne sind hier strengstens verboten. Es darf nur mit dem gebaut werden, was es damals gab, zum Beispiel übergroßen Hamsterrädern, etwas, auf das selbst die dubiosesten Bauunternehmer heutzutage verzichten. Die experimentellen Archäologen planen einen Palas, zwei Fachwerkhäuser, eine Wehrmauer, ein Torhaus und eine Kapelle. Die Reisestation soll zur zweitgrößten Mittelalter-Baustelle Europas heranwachsen und etwa 2038 fertig sein. Gerade arbeitete niemand, die Besucher durften aber auch nicht ins Hamsterrad steigen und mit anpacken. So isses kein Wunder, dass das 20 Jahre dauert.

Die Oberpfalz ist besonders reich an Volksmärchen, die Franz Schönwerth und Erika Eichenseer gesammelt haben, von denen habe ich mir begleitend zur Reise ein paar zu Gemüte geführt (in der hochdeutschen Übersetzung). Aus Bärnau stammt eins der kürzesten, das eher wie ein Witz oder Sketch anmutet: Zwei Köhler legen sich bei der Saukälte in einen einzigen großen Mantel, an jedem Ende guckt einer raus. Da kommt ein Holzfräulein (eine bayrische Dryade) und wundert sich, was das für ein Wesen ist, mit zwei Köpfen und ohne Fuß. Ende.

Hinter Bärnau fuhren wir ein Stück Vizinalbahn-Radweg. Wat für eine Bahn? Eine Vizinalbahn ist einfach nur eine günstigere Nebenbahnstrecke, die aber trotz ihrer Günstigkeit erst mal irgendwie finanziert werden muss. Bei dieser Strecke machten das zur Hälfte das Königreich Bayern, zur anderen Hälfte Überschüsse der Staatsbahn, und die Gemeinden bezahlten den Grundstückskauf und die Erdarbeiten, dafür kriegten sie was von den Einnahmen ab. Die Stadt Tirschenreuth beschaffte sich das Geld, indem sie den Malzzuschlag für die Bierbrauer anhob. Jeder Biertrinker der Stadt finanzierte also die Bahn. Bayrischer wird es heute nicht mehr.
Der Bahnradweg ging durch helle Hohlwege und hoch über noch helleren Feldern dahin. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, das Laub wegzuräumen, aber wir hatten Glück, alles war ziemlich trocken und null rutschig.

Im Prinzip kann man auf dem Vizinalbahn-Radweg bis Tirschenreuth durchfahren, dann hätten wir aber den Blick auf den einzigen Stausee der Naab verpasst, den Hochwasserspeicher Liebenstein. Er schmiegt sich recht unerwartet in die grünen Felder, landschaftlich hätte ich jetzt nicht mit einem Stausee gerechnet, hätte die Karte ihn mir nicht gespoilert. An seinem Rand sind aber die vertrauen felsig-grauen Riffellinien der unterschiedlichen Wasserstände, wie sie auch bei Stauseen mitten im Gebirge vorkommen.

Und noch ein Juwel hätten wir auf dem direkten Wege nicht entdeckt. An der Straße stand ein Wegweiser zur Burgruine Liebenstein. Im 12. Jahrhundert lernten die Menschen der Bavaria Slavica nämlich doch noch, Burgen aus Stein zu bauen, so stabil, dass hoffentlich noch ein bisschen originale Substanz übrig ist. 
Schauen wir mal, der Berg sieht gar nicht so hoch aus, und eine Pause brauchen wir eh - rauf da! Und es war wirklich ein traumhafter Ort für eine Pause. Der Berg ist voller Buckel und Felsplatten, und aus den hinteren ragen ein paar alte Burgmauern auf, die aussehen, als seien sie direkt aus dem Fels gewachsen. Sogar die Zugbrücke wurde nachgebaut, und es gibt zwei Rastplätze - einen vor, einen in der Burg. Und auch einen Beschützer hat die Burg, nämlich eine gehäkelte Raupe in einer Prospekthülle: Ich ging nicht verloren, ich wurde für dich geboren. Ich bin ein kleiner Talisman, der deine Sorgen fressen kann. Als Zauberraupe winzig klein will ich dein Begleiter sein. Och.

Diese Burgmauern sind aus dem 14. und 15. Jahrhundert, aber zum Teil wurden auch Quader von der vorherigen Burg recycelt. Obendrauf kam ein weißer Palas aus Fachwerk wie bei der Wartburg, nur viel kleiner, und eben längst vermodert. Die Liebensteiner waren eine der mächtigsten Ministerialen-Familien des Egerlandes. (Okay, wie viele Ministerialen-Familien hatte das Egerland eigentlich genau?) Jedenfalls, bis sie ausstarben und die Burg an ein Kloster ging. Links im Bild ist eine Zisterne zu erkennen, in der sie 20 000 Liter Regenwasser sammeln konnten.
Hm, als wir so drinstanden und über den knirschenden Kiesboden schlenderten, sahen die Mauern doch überraschend frisch aus. Aber bei der Rekonstruktion wurden sie angeblich nur freigelegt und "ergänzt".
Glaubt man den Oberpfälzer Märchen, müsste hier sowieso entweder ein brutaler Riese oder eine schlafende/verfluchte/in ein Tier verwandelte Prinzessin mit versteinertem/verwunschenen Hofstaat wohnen. Aber laut den Märchen müssten wir auch alle 200 Meter auf so ein vergessenes Schloss inklusive Königreich stoßen. Wenn die wirklich alle von dümmlichen dritten Bauernsöhnen erlöst würden, dann wäre die Folge eine katastrophale Zersplitterung der Oberpfalz in so viele Kleinstaaten, dass dagegen sogar die Thüringer Erbteilungen harmlos wirken. Aus staatsrechtlicher Sicht ist es also dringend geboten, entweder die Prinzessinnen schlafen zu lassen oder die Prinzessinnnen-Polygamie zu legalisieren, damit ein einziger Jüngling alle verwunschenen Schlösser abklappern kann.

Sodann kehrten wir zurück auf den Vizinalbahnradweg, den jetzt streng geradeaus führt und wie die Waldnaab in trübe Sumpftäler abtaucht.

Aber schließlich windet sich die Bahntrasse vorbei an einer hellen Stadt namens Tirschenreuth. Hier wurde das originale Pfostenhaus ausgebuddelt, das der Geschichtspark Bärnau nachgebaut hat. Die Stadt war lange eine Insel, bis die Bewohner dem Kloster seine Stauteiche abkaufen und trockenlegten.
Wir irrten durch ein Gewerbegebiet und schnauften hinauf auf den extrabreiten Marktplatz, dessen Arkaden noch stark an die böhmischen Bögen Tschechiens erinnern. Meine Güte, ist der lang, der Platz könnte ja zwei bis drei Kleinstädte mit Marktplätzen versorgen! Aber halt auch mit nichts anderem. Wir wollten uns in der Bäckerei bei einem Heißgetränk aufwärmen - "Tut mir leid, wir schließen jetzt." Im Gegensatz zu den anderen Cafés, die hatten schon längst geschlossen oder waren generell schon in der Winterpause.
Über dem Platz wacht Johann Andreas Schmeller, Mundartforscher und Verfasser des Bayrischen Wörterbuchs (ich habe in der Schule gelernt, Mundart hat keine Rechtschreibregeln - Schachmatt, Herr Schmeller). Die Folklore der Oberpfalz hat viele Regionalforscher angezogen.
In Tirschenreuth spielt auch eine Variante des Rattenfängers von Hameln, bei der die Kinder am Ende vom Rattenfänger in einen Berg gesperrt werden - aber da taucht ein Käfer auf und schenkt einem Jungen den Schlüssel in die Freiheit, und eine Märchenprinzessin wartet auch noch an der nächsten Ecke auf ihn. Da war wohl jemand sehr harmoniebedürftig und musste unbedingt ein Happy End obendraufsetzen.
Generell haben die Oberpfälzer Märchen eins der weichsten Magiesysteme überhaupt, die Tiere und Zaubergegenstände können jederzeit alles bewirken und völlig willkürlich alles innerhalb von zwei Zeilen doch zum Guten wenden. Sogar die Gebrüder Grimm wirken im Vergleich dazu konsistent. 

Als nächstes fuhren wir auf der Straße, oder besser gesagt, auf der ehemaligen Straße. Diese asphaltierte Landstraße hat anscheinend ausgedient, die neue Ersatzstraße windet sich ein paar hundert Meter weiter um die Äcker und Felder. Die alte Straße dient uns nun als extrabreiter Fahrradweg, wunderbar!

Anscheinend befinden wir uns auch im Stiftland (keine Ahnung, inwieweit sich dieser Begriff mit dem Egerland und der Oberpfalz unterscheidet oder überschneidet) alias Land der tausend Teiche. Die Karpfenteichlandschaft ist Unesco-Weltkulturerbe, und die erste Teichen kommen... schon vor einigen Kilometer, ups, wir haben sie auf dem Ehemaligen-Landstraßen-Radweg übersprungen (der wohl gar nicht der offizielle Waldnaab-Radweg war). Hier mal trotzdem ein paar Fotos aus der Tirschenreuther Teichpfanne von einer anderen Wanderung. Der auffällige Aussichtsturm heißt Himmelsleiter und ist somit besonders Typen zu empfehlen, die ihren Zwillingsbruder um sein Erbe betrogen haben und deshalb auf der Flucht sind. Sie ist nur eins von mehreren christlich angehauchten, rechteckigen Objekten aus Holz und Beton.
Außerdem wurden hier wilde Wasserbüffel angesiedelt.

Unter der Burg und dem spitzen Kirchturm von Falkenberg wird das Flussbett der Waldnaab gerade komplett umgebaut. Keine Brücke, was nun? Ein paar Meter weiter nach rechts ausweichen, da steht die nächste.
So, und nun ist Schluss mit Entspannung. Es geht wieder steil aufwärts und rein in den Wald.

Dort folgen die nächsten Teiche. Nur manche halt ohne Wasser, davon liefert der Mühlnickelbach im Winter wohl nicht genug. Der kleine Bach wand sich durch den zähen Schlamm, durch Teich um Teich.
Für diese Mühe sollte er reich belohnt werden.

Bald türmten sich knubbelige Sandsteinfelsen rund um den Bach auf, und die Schlammflächen wurden abgelöst durch eine traumhafte Schlucht - Zeit für die zweite Rast. Schließlich kamen wir wieder unten an der Waldnaab heraus, die jetzt auch ein Sandstein-Outfit trug, das schon fast ans Kirnitzschtal herankam. Bin ich hier wirklich in Bayern? Ich könnte schwören, das ist das Elbsandsteingebirge. Nur der Fluss ist noch relativ ruhig.
Dieses Waldnaabtal ist in erster Linie Naturschutzgebiet und eine beliebte Wanderstrecke. Radfahrer können bloß im Mittelteil ein Stück auf einem normalen Waldweg dabeisein. Die Wanderer wanderten am anderen Ufer auf ihrem schmalen Pfad, hin und wieder über Holzbrücken. Ein Hund mühte sich kläglich an den rutschigen Stufen ab, bis sein Herrchen ihn herübertrug.

Die Burg in diesem Tal ist schon lange komplett verfallen, aber hin und wieder sind als menschliche Werke irgendwelche Heilige anzutreffen, in Bildern oder gemeißelten Reliefs, vom Heiligen Antonius bis zum Heiligen GIERSCHGEFCANDJURI... was? Ach so, das sind Gefallene des Krieges.

Und natürlich haben ein paar markante Felsformationen auch Namen abbekommen, obwohl das Waldnaabtal in dieser Hinsicht nicht ganz so kreativ ist. Dieser Tisch (Tirschenreuther Tisch?) heißt Fischstein, weil hier ein Geiger ertrunken ist, aha.

Vorzeitig mussten wir Radler das schöne Tal jedenfalls wieder verlassen und die Waldberge rauf. In Windischeschenbach (das kommt von wendisch, wieder ein Hinweis auf die Slawen) ist das besondere Tal dann zu Ende, und die Fichtelnaab fließt vom Ochsenkopf kommend dazu. Laut manchen Quellen heißt der Fluss, dem wir bisher gefolgt sind, auch Tirschenreuther Waldnaab, und erst ab dem Zusammenfluss mit der Fichtelnaab ist es einfach nur die Waldnaab.

Wenn man diese Namensgebung akzeptiert, dann ist die Waldaab aber weder besonders waldreich noch besonders attraktiv. Was jetzt kam, hat ehrlich gesagt einfach bloß noch genervt. Der erste Anstieg aus dem Tal raus ging ja noch, mit dem hatte ich auch gerechnet. Nicht auf dem Schirm hatte ich, dass es danach für fast den Rest des Tages genauso intensiv rauf und runter geht, rauf und runter, über die Waldnaab und rauf und runter. Landschaftlich war dieses Ackertal auch nicht mehr wirklich spannend, und die einbrechende Kälte und Dämmerung taten ihr Übriges.

Sehr erleichtert waren wir also, als wir von oben auf die Vororte und Tankstellen von Neustadt an der Waldnaab herabstießen. Ab hier übernahm mein Oberpfälzer die Navigation und suchte Schleichwege zwischen den Einfamilienhäusern hindurch.

Das hier ist die Altstadt von Neustadt. Bei genauem Hinsehen ist auch erkennbar, warum ich sie nur aus der Ferne fotografiert habe: Sie lag oben.
Es gibt auch eine Altenstadt, aber das ist heute nur noch ein kleines Dorf, das an Neustadt dranhängt. In den 50ern erfuhren die Orte einen großen Aufschwung durch die Bleiglasindustrie. Der Krieg war frisch vorbei, Hauptsache Arbeitsplätze und Essen auf dem Tisch. Wen kümmert es da, wenn schwermetallhaltige Säure in Gräben gegossen wird, verdampft und der Ostwind sie über Boden, Fluss und die Kohlköpfe im Garten (also das bereits erwähnte Essen auf dem Tisch) verteilt? Der Betreiber ist längst insolvent, also bezahlt Bayern die mühsame Sanierung des Bodens.

Die Märchen aus Neustadt (bis auf das Märchen Es besteht kein Grund zur Sorge wegen der Schwermetalle) sind eher Bibel-Tiergeschichten: Als Menschen und Tiere aus dem Paradies vertrieben wurden, konnte der Laubfrosch vor lauter Durst nicht mehr. Adam trug ihn raus, und deswegen steht auf dem Rücken der Laubfrösche bis heute der Buchstabe A. Ende.
In Neustadt beginnt übrigens auch ein zweiter Oberpfälzer Bahnradweg. Der sogenannte Bockl Radweg (der heißt wirklich so) ist ein gutes Stück länger als die Vizinalbahn, dieses Video zeigt nur ein Teilstück.

Der Waldnaab-Radweg wollte uns schon wieder am linken Ufer irgendwo hochschicken, aber wir weigerten uns. Das Tal hatte sich endlich geweitet, es gab Wiesen, Hauptstraßen und Bahngleise, zwischen denen es sich weitaus bequemer durchschlüpfen und durchholpern ließ bis zu den Vorstadtvillen der nächsten Stadt. Das hatten wir bereits auf der Bockl-Tour getan, darum wollte ich ursprünglich vorschlagen, jetzt die eingetragene Route des Waldnaab-Radwegs auszuprobieren, wo auch immer die genau verläuft. Mittlerweile war ich aber doch in einem Zustand, indem ich lieber widerspruchslos den kurzen Weg nahm.

Weiden in der Oberpfalz ist das, oder zumindest ein, Zentrum der Region und zieht sich überraschend weit hin. In der Mitte umschließt eine Stadtmauer mit schmalen Parkstreifen die Altstadt.

Die ist schlicht und pastellfarben geraten, hier und da mit barocken Schnörkeln. Auf den Stadttoren leben Schlingpflanzen, was gerade aber jahreszeitlich bedingt nicht ganz so sehr ins Auge stach.
Die Stadtbefestigung war wichtig, denn aus dem Osten kam nicht nur das Geld der Händler auf der Goldenen Straße (Prag - Nürnberg), sondern eben auch Feinde, und das bedeutet in Weiden: Hussiten. So unterschiedlich sind noch immer die Sichtweisen auf die Geschichte: Im protestantischen Norden sind die Hussiten frühe Reformatoren und damit erst mal grundsätzlich positiv. Die Weidener kamen zwar alle neugierig gucken, als Jan Hus durch ihre Stadt zog. Doch Jahre später, als Hus verbrannt und seine Anhänger schwerbewaffnet vor den Toren standen, waren die Hussiten in erster Linie feindliche Invasoren. Zumal die Katholiken gerade erst in Weiden beraten hatten, was man gegen sie unternehmen könnte (offenbar mit mäßigem Erfolg).

Die Weidener sahen die Hussiten rechtzeitig, schlugen Alarm und verrammelten die Tore. Die Hussiten zogen ab und verwüsteten lieber Sachsen/Thüringen, um von da aus wieder Richtung Süden nach Franken einzufallen. Soweit die Geschichtsbücher. Die Sage erzählt von einem zweiten Versuch, an die Reichtümer von Weiden zu kommen, diesmal etwas raffinierter. In finsterer Nacht krochen die Hussiten an die Stadtmauer heran und gruben einen kleinen Tunnel, durch den sie... nein, sie krochen nicht durch, sondern ließen Wasser rein, das ein ganzes Mauerstück zum Einsturz bringen sollte.
Die Stadtbewohner schliefen und bekamen nichts mit. Aber das kleinste Glöckchen im Rathausturm fing plötzlich an zu wimmern. Und auf magische Weise drang der Ton durch alle Türen und weckte die Stadt auf. Dem "Hussitenglöckerl" sei Dank konnten die Männer das Loch rechtzeitig mit Sandsäcken verstopfen, Weiden blieb unerobert und katholisch.

Keine Sage dagegen ist die Geschichte hinter diesem Brunnen: Er enthält eine Leitung zum nahen Hotel. Einmal im Jahr schickte das Hotel aus den Fässern in seinem Keller Bier in die Leitung, und zapfte es mitten auf dem Markt - genau aus dem Loch (Bierlöcherl?) links im Bild.