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03 Mai 2026

Moldau: Von Nová Pec nach Vyšší Brod

II. Die Bademoldau

Die Sonne brannte, die tschechischen Familienradler schnarchten noch den Schlaf der Erschöpften, der Himmel erstrahlte in einem fast schon penetranten Blau, bei dessen Anblick die Wolken gleich wieder aufgaben. Ich nicht, denn jetzt stand nur eine gemütliche Runde um einen Stausee auf dem Plan - und viel mehr als das mache ich heute auch nicht.

Zurück am Schwarzenberger Schwemmkanal war die Strecke erst einmal sehr flach, dafür war der Kanal zum Teil nur noch eine trockenes Grasmulde, deren Form schwer auszumachen war. Schade, schließlich führt der Moldauradweg ja eigentlich nur auf diesem Abschnitt am Kanal entlang, wenn man nicht die Abzweigung zum Naturlagerplatz nimmt. Aber die Frühstückspause dort war trotzdem ganz wunderbar.

Irgendwann wollte ich aber wissen, was inzwischen aus der Moldau geworden ist. Dazu musste ich vom Kanal runter und über einige hügelige Weiden und Dörfer rüber. Normalerweise wäre das kein Problem gewesen, aber mit dem Muskelkater von gestern in den Beinen war es dann doch ein kleines Problem...chen.
Und dann tauchte er auf. Eine weitverzweigte spiegelglatte Fläche, die das penetrante Blau des Himmels zurückwarf. Das ist der Lipno-Stausee, auch bekannt als Böhmisches Meer, Böhmische Riviera oder Šumavské moře ("Šumava-Meer"). Der größte See Tschechiens ist in diesem Bereich am breitesten.

Was viele nicht wissen: Das böhmische Meer ist gar nicht rein böhmisch. Dieser kleine Ausläufer namens Rakouská zátoka (Österreichische Bucht) liegt hinter der Brücke in der hinterletzten Ecke auf österreichischem Staatsgebiet (ganz rechts). In den 50ern gelang einigen Tschechen über diesen Weg die Flucht, als das Betreten des rechten Ufers zwar schon verboten, die Grenze aber noch relativ grün war. Für alle Österreicher, die sich noch immer nicht über den Eisernen Vorhang trauen, steht eine hölzerne Aussichtsplattform an ihrem Ufer bereit.

Der Wasserstand war offenbar eher niedrig, denn immer wieder tauchten die verwitterten Stümpfe der Bäume auf, welche für diesen exorbitanten Badesee ihr Leben ließen.
Die Menschen in diesem Tal hatten schon immer Probleme mit Hochwasser. Die Idee, das durch einen Stausee zu lösen, kam schon nach der schweren Flut von 1890 auf - auch wenn das natürlich in den tiefer gelegenen Dörfern zu einer sehr dauerhaften Art von Hochwasser führen würde. Die Pläne scheiterten beim ersten Mal, weil die Bauern ihre Grundstücke nicht verkaufen wollten, beim zweiten Mal weil Hitler. Als die Kommunisten das Projekt 1958 umsetzten, war die Sache mit den Grundstücken durch die Vertreibung der Sudetendeutschen kein Problem mehr. Zum Bau musste unter anderem "Betonmilch" in den Fels injiziert und ein komplett neues Flussbett für die Moldau gebaut werden. Inzwischen stand als Zweck die Stromproduktion im Vordergrund.
Bei dem großen Hochwasser von 2002 (und 2013) konnte der See die Zerstörung dann auch nur eingeschränkt abmildern. Die Zeitungen kritisierten den Bürgermeister, der rein zufällig gleichzeitig Hafenverwalter und Staudammverwalter war, er habe nicht rechtzeitig Wasser abgelassen, damit der See genug Puffer für den Starkregen hatte. Das Umweltministerium konnte ihm aber kein Fehlverhalten nachweisen. Seitdem wird der Pegel dauerhaft etwas tiefer gehalten. 2004 wurde zusätzlich für eine Raftingmeisterschaft Wasser abgelassen, und es tauchten Gleise, ein Bahnhof und eine Flussschleife namens Moldauherz auf, die seit fast 50 Jahren versunken gewesen waren. Und genau diese Absenkung führte zufällig dazu, dass das nächste Hochwasser dann wirklich harmlos ausfiel.

Ich düste jetzt zügig auf einer geraden Straße durch einen Moos- und Nadelwald, ganz nah am Seeufer. Trotzdem blitzte das Wasser nur gelegentlich durch die Nadeln. Dörfer gibt es hier nicht, und das hat einen guten Grund. Rostige Bunkertore gucken aus dem Boden, und damit sollte dann auch klar sein, was dieser Grund war.

In der Sowjetzeit gehörten das komplette rechte Ufer und die rechte Seehälfte zum Sperrgebiet, nur wenige Dörfer durften bleiben. Im Kriegsfall sollte der See ganz schnell abgelassen werden, damit weitere Soldaten rüberkamen. Und bevor die Staumauer dem Feind in die Hände fiel, sollte sie lieber gesprengt werden.
1975 passierte hier eine besonders dreiste Flucht per Hubschrauber. Der Auftrag kam von einem DDR-Flüchtling im Westen, aber die Hauptarbeit machte der Pilot Barry Meeker - ein Mann aus dem Erzfeindesland USA. Er flog über die Grenze und den See, landete am anderen Ufer in Dolní Vltavice und holte insgesamt neun DDR-Bürger ab. Zweimal hat ihn niemand gesehen, erst beim dritten Mal waren zufällig in der Nähe des Landeplatzes Grenzsoldaten mit Bauarbeiten beschäftigt. Sie schossen. Meeker musste zwei der Flüchtlinge zurücklassen, schaffte es aber verletzt und mit beschädigtem Hubschrauber in ein österreichisches Krankenhaus.

Auf einmal tauchte am Wegesrand ein gewaltiges Banner auf: Bike Ferry 3,5 km. Und dann noch eins, als der Abzweig zur Fähre kam. Nanu, jetzt schon? Ich kontrollierte die Karte und nope, das war nicht die Fähre, die ich brauchte. Die riesigen Banner erwähnen nicht, wohin die Fähre tatsächlich fährt: Dolní Vltavice. Und dort ist die Radroute erheblich länger und verwinkelter, und deshalb wollen die meisten Radfahrer vermutlich auf der direkten Straße zur Fähre nach Frymburk, die nun auch bald kommen soll. Ich verstehe ja, dass ihr auch Touristen nach Dolní Vltavice locken wollt, aber dieses Banner grenzt an bewusste Irreführung.

In Frýdava bog ich dann ab zur richtigen Fähre nach Frymburk. Was, wieso sagt meine App, die fährt sonntags nicht? Ich befragte den ausgehängten Fahrplan und andere Menschen und musste schnell feststellen, dass die Kartenapp hier großen Unfug erzählte. Das rostige Boot fährt stündlich. Ein uralter Fahrkartenautomat hatte zwar extra ein Feld, um Münzen daran sauberzukratzen. Aber ich hatte noch keine passenden Kronenmünzen und zahlte lieber beim Fährmann. Ich verbrachte eine halbe Stunde Proteinriegel essend im Schatten eines leicht abgeranzten weißen Haltestellenhäuschens, während immer mehr Verkehrsteilnehmer aller Art angespült wurden. Besonders ins Auge fiel mir eine Österreicherin mit einem E-Bike aus Holz. Das hat ein österreichischer Hersteller erfunden. Die Vorteile: Es ist leichter und äh... es ist halt leichter.

Auch der grummelige Motorkahn, der uns letztendlich alle zusammen nach Frymburk brachte, bestand zum Teil aus Holz. Ein Schild verkündet, dass alle motorisierten Fahrzeuge zuerst rauf- und runterdürfen. In dieser Hinsicht konnte sich die tschechische Motoristen-Partei offenbar schon durchsetzen. Der Stausee hat hier eine besonders schmale Stelle, sodass die Überfahrt nur fünf Minuten dauert. Man kann übrigens auch seine eigene Extrafahrt buchen oder sein eigenes Schiff am Fähranleger zu Wasser lassen. Beides kostet laut Preistafel nur ca. 10 Euro.

Frymburk liegt auf einer Halbinsel, die wie eine Nase in die Engstelle des Stausees ragt. Statt einer Staumauer zieht sich außenrum ein Ring aus Gärten, Bänken und einem Radweg. Und Kunstwerken. Dieses hier wurde von Studenten der Kunstpädagogik aus Budějovice geschaffen, und so sieht es auch aus. Es ist eine Büste von Jára Cimrman, nachdem er mit einem Handtuch geschlagen wurde. Aha. Und der Finger deutet auf das im See versunkene Altersheim, wo Cimrman gelebt hat. Okay, und wer ist das?
Ein Blick ins Internet hilft: Jára Cimrman gibt es nicht und gleichzeitig doch. Der Universalgelehrte ist die Hauptfigur mehrerer Theaterstücke und eines Films, ein Symbol des Widerstands gegen die Sowjets und entwickelte sich zu einer Art virtuellem Nationalhelden und Internetphänomen, lange bevor es das Internet gab. Überall im Land basteln die Tschechen mit kleinen Gedenktafeln und Denkmälern an seiner fiktiven Biographie herum. Ein Asteroid und ein Skorpion sind nach ihm benannt, und in einer Umfrage wurde er zum bekanntesten Tschechen überhaupt gewählt. Aber zur allgemeinen Empörung akzeptierte die BBC das Ergebnis nicht, weil fiktive Figuren nicht erlaubt seien.
Okay, jetzt feiere ich die Skulptur doch. 

Der Marktplatz von Frymburk ist klassisch tschechisch mit Arkaden und Pestsäule ausgestattet, nur bedingt durch die Lage auf der Halbinsel etwas langgezogen. Eine schöne Abwechslung ist die Allee in der Mitte.

Ein komplett unauffälliger Seiteneingang, der total geschlossen aussah, wies mich in den Coop. Ich befand mich auch in einer Weingegend, weshalb man sich seinen eigenen Alkohol abfüllen kann.

Frymburk lag an der Handelsroute zwischen Český Krumlov und mehreren österreichischen Städten. Dadurch blieb genug Geld hängen, um 1474 die älteste Schule in Südböhmen zu bauen. Heute ist eine Pension darin, aber eine Schule hat das Städtchen bestimmt immer noch - die gibt es in Tschechien generell auch in Orten, die in Deutschland zu klein für eine eigene Schule wären.

Es wurde heißer, und ich hatte Lust, den See noch sehr viel näher kennenzulernen. Aber was Badestrände angeht, ist das schöne Frymburk leider ein völliger Flop: Die gehören alle irgendwelchen Ferienanlagen und sind hinter Schranken versperrt.
Also folgte ich der Hauptstraße in der Hoffnung, dass sich das bald ändert. Für diese Straße mussten mehrere Granitfelsen gesprengt werden, das war damals der erste Arbeitsschritt beim Bau des Stausees.

Zwischen Hauptstraße und Seeufer verläuft ein Radweg, vom Verkehrslärm abgeschirmt durch ein paar Meter Höhenunterschied und ein paar nicht gesprengte Felsen. Wunderbar, so habe ich mir das vorgestellt! Wo komme ich jetzt zum See runter?

Es dauerte nicht lange, da hatte ich einen angenehmen Strandzugang gefunden. Der steinige Zugang und das klare Wasser erinnerten mich sehr an den Hohenwarte-Stausee an der Saale, zumal mir auch diesmal beim Schwimmen genau ein Segelschiff Gesellschaft leistete. Aber wenn ich ganz ehrlich bin - die Stauseen der Saale waren dann doch etwas beeindruckender. Die Lipno-Landschaft ist eher ruhig, nach dem Wasser kommt halt Wald und fertig. Von den typischen tschechischen Felswänden keine Spur, und sogar die fernen Berggipfel der Šumava sind an dieser Stelle gar nicht mehr zu sehen.

Aber mal sehen, was es an der Moldau sonst noch zu sehen gibt. Nach einer Weile begann am Ufer die nächste Dröhnung Ferienanlagen, und zu einer davon gehört ein gelber Quader, in den ich reinging. Ich stieg Treppen rauf und runter, schlängelte mich zwischen verschiedenen Sporträumen hindurch und kam schließlich in eine längliche Halle. Während ich oben auf einer Galerie entlanglief, konnte ich im Prinzip schon den kompletten Inhalt der Halle sehen. Was eigentlich ziemlich unklug gemacht ist, denn die Kasse zum Bezahlen kommt erst danach. In Vitrinen stehen Legofiguren - von Zombie-Cheerleaderinnen über Jan Hus bis hin zu Růžová Batgirl.
Willkommen in der Czech Repubrick, einer liebenswerten Touristenfalle. Hier wurden auf engem Raum die bekanntesten tschechischen Burgen nachgebildet, darunter Burg Karlštejn, Bouzov, Hogwarts, Bezděz, Isengard, Lednice, eine Krauss-Maffei-Fabrik, der Ještěd, die Vila Tugendhat, Červená Lhota, lebensgroße Horrorfiguren aus Tim-Burton-Filmen, das Spandauer Gefängnis, die Fördertürme von Ostrava und aus irgendeinem Grund Bonn Hbf. Die Stationen zum Selberbauen erinnern sehr an die Lego-Ausstellung im Kölner Odysseum. Zufrieden schritt ich die Orte ab, von denen ich einige schon gesehen hatte oder diese Woche sehen würde.

 

Denn natürlich ist da auch einiges von der Moldau dabei, und natürlich die Hälfte davon aus Prag: Die Doppelburg von Rožmberk (im Bild), Burg Hluboká,...

...das Nationalmuseum in Prag, der Veitsdom, das Rathaus neben dem Tanzenden Haus (im Bild), die Czech Repubrick und das Atomkraftwerk Temelín. Aber ausgerechnet die nahe Staumauer von Lipno ist nicht dabei.

In manchen der Burgen reiten noch Könige und Ritter ein und aus, in anderen fotografieren bereits Lego-Touristen, manchmal sogar beides gleichzeitig auf unterschiedlichen Seiten der Burg. Einer der Touristen hat sein Fahrrad zur Burg Bezděz mitgenommen.

Weiter hinten steht ein großer Freizeitpark im amerikanischen Stil. Das eine oder andere Fahrgeschäft bewegt sich auf Knopfdruck, sogar das bizarre Kettenkarussell, das an Saurons Dunklen Turm angehängt wurde. Nur die große Holzachterbahn steht still.

Die Stausee-Hauptstadt Lipno ist viel jünger als Frymburk, und das sieht man. Zwar gab es hier schon vor dem Stausee eine Holzfällersiedlung namens Lipno, die ist aber komplett versunken. Die heutige Stadt wurde komplett für die Arbeiter beim Staudammbau und dann für den Tourismus gebaut. Immerhin sehen die Ferienwohnungen in erster Reihe an der steinernen Promenade ganz nett aus, sie haben etwas unbestimmt mediterranes. Ein niederländischer Investor hat nach der Wende einen der größten Yachthäfen in Mitteleuropa gebaut. Man darf aber nur segeln, ein Motor ist nur den Fähren, Schiffsrundfahrten und Polizeibooten gestattet. Auch hier konnte die Motoristen-Partei ihren Einfluss offenbar noch nicht geltend machen.

Und da ist sogar ein Sandstrand mit Seebrücke, und spätestens jetzt ist klar, warum der See mit einem Meer vergleichen wird. An der todschicken Brücke steht ein tiefschwarzes Restaurant auf Stelzen im Wasser. Und über der Stadt thront noch das übliche Angebot aus Skipisten, Sommerrodelbahn und Baumwipfelpfad. Aber mit der Czech Repubrick habe ich heute ja schon eines dieser touristischen Angebote wahrgenommen.

Also dann, auf zu den letzten Kilometern Stausee. Der wird jetzt noch schmaler, und schließlich endet er an einer weißen und überraschend unscheinbaren Staumauer. Die Engstelle ist optimal geeignet für eine Talsperre, weil die Moldau hier schon einen großen Teil ihrer Höhenmeter abgebaut hat, an dieser konkreten Stelle aber gerade nicht sonderlich steil fließt. Außerdem besteht der Boden aus festem Gneis und Granit.
Die Straße auf der Staumauer musste ich gar nicht benutzen, worüber ich bei dem Verkehrsaufkommen auch ganz froh war. Einfach abwarten, bis sich eine Lücke im Verkehr auftut, die Straße queren, und schon war das Böhmische Meer vorbei.

Dahinter geht es erst einmal ein paar Meter runter. Erst hier hat Lipno einen Bahnhof und ein Informationszentrum zur Staumauer. Darin gäbe es tatsächlich ein funktionsfähiges Modell der Mauer, vielleicht sogar aus Lego, es hat aber nur selten geöffnet.

Nun irrte ich durch eine staubige Landschaft aus kleinen Wiesen, Dörfern und Bahnhöfen, immer auf der Suche nach dem Radweg. Die Schilder lotsten mich schließlich auf eine provisorische Baustellenbrücke, weil das Original gerade repariert wurde. Dort begann dann ein brandneuer Radweg an der Hauptstraße... aus dem Tal raus? Mooment, jetzt sollte doch eine enge Schlucht kommen, die würde ich ungern verpassen. Ist der alte Weg denn gar nicht mehr befahrbar?
Doch, ist er. Ich folgte der Papierkarte, und sogar der Wegweiser musste schließlich widerwillig einräumen, dass man schon auch noch theoretisch die andere Variante fahren kann, aber Vorsicht, schlecht befahrbar und gefährlich, GET OF THE BIKE!

Die Moldau ist nun, wie es nach Stauseen im Gebirge üblich ist, wild, schaumig und steinig. Über den Stromschnellen erhebt sich die Čertová stěna (Teufelswand), von der durch den Wald aber nicht viel zu erkennen war. Hätte ich den neuen Radweg an der Straße genommen, hätte ich da vom Aussichtspunkt runtergucken können, aber umgekehrt durch den Wald wahrscheinlich nicht viel von der Moldau gesehen.
Früher war der Lipno-Stausee erst an dieser Stelle zu Ende. Und mit früher meine ich - im Tertiär. Da hatte der Stausee nämlich schon einen Vorläufer, und sein Wasser floss über die Donau ins Schwarze Meer ab. Dann hob sich langsam das Grenzgebirge immer weiter an, die Verbindung zur Donau wurde zu steil. Stattdessen knusperte sich der Moldausee durch die Felsen der Teufelswand durch und schuf sich einen neuen Weg in Richtung Elbe.
Die Stelle erinnert sehr an den Harz. Die Stromschnellen brausen zwar ordentlich, aber wenn ich mir die Größe der Felsbrocken so anschaue, dann sind sie sogar noch relativ zahm. Das hat einen Grund, denn das hier ist nicht das komplette Moldauwasser. Irgendwo unter meinen Füßen verlief eine fette Röhre, und über die wird das meiste Wasser aus dem Stausee abgelassen. Die Stromschnellen sind eher ein dekorativer Rest. Hier könnte ich mich bestimmt nochmal gefahrlos drin duschen, und warum nicht?
Genau das dachte sich übrigens auch Karel Knap, als er hier 1959 mit seinem Boot stand. Der Pfadfinder sagte "Es wird gehen!" und durchquerte diese Schlucht als erster mit dem Kanu. Damals war die Moldau aber auch auf das Durchflussmaximum von 30 Kubikmetern pro Sekunde aufgedreht. Knap blieb die Ausnahme, die normalen Paddeltouristen sind hier nicht unterwegs. Er wurde später Cheftrainer der tschechoslowakischen Kanumannschaften, durfte sein Team aber nicht für Wettbewerbe ins Ausland begleiten. Also reiste er gleich für immer ins Ausland und wurde Professor für Kanoistik in Köln.

Der Fahrradpfad verläuft oberhalb der Gleise, aber trotzdem mit einem guten Blick auf den Fluss. Eigentlich ist er ganz okay, es sei denn, man gelangt auf der Suche nach der Teufelswand auf den sehr steinigen Wanderpfad unter den Gleisen. Der ist dann wirklich nicht mehr fahrradtauglich.
Züge habe ich auf diesem Gleis übrigens nicht gesehen.

Bald löste sich der Wald wieder auf, aus dem Radelpfad wurde eine stille Straße. Die unterirdische Moldau-Röhre endet und vereinigt sich mit dem oberirdischen Fluss zum

Stausee Nr. 2: vodní nádrž Lipno II

Ach, stimmt. Es braucht ja immer einen kleineren Stausee untendrunter als Ausgleichsbecken. Normalerweise kommt der direkt dahinter, aber in Lipno ist er fast 10 Kilometer von der großen Staumauer entfernt. Kein Wunder, dass die Röhre gebohrt wurde! Da war der Standort direkt vor der engen Schlucht wohl doch nicht ganz optimal.
Der zweite Lipno-Stausee huschte nur so vorbei und endete an einer kleinen grauen Mauer.
Und direkt dahinter beginnt wieder ein ganz anderer Abschnitt der Moldau. 


08 August 2025

Donau: Von Carnuntum nach Bratislava

III. Slowakei

Richtiger Name: Slovenská republika
Anteil an der Donau: 172 km (6 %)
Anteil am Donauradweg: max. 166,8 km (5,8 %)
Anteil der Donau an der Staatsgrenze: ca. 174 km (9,9 %)
Ufer: Undurchsichtige Wälder, Beton mit Unkraut, herrliche versteckte Naturstrände
Hauptstadt an der Donau? Ja (Bratislava)
Größter Nebenfluss: Váh/Waag (403 km)
Anzahl Inseln: 3
Größte Insel: Große Schüttinsel
Größter Wasserpark an der Donau: Vadaš Thermal Resort Štúrovo
Schönste Stelle: Badesee Rusovské Jezero
Schlimmste Stelle: in praller Sonne ohne Infrastruktur hinter Gabčikovo
Radwege: Deichradwege ohne Schatten
Einreise: problemlos dank EU
Währung: €


Das hier ist ein Flussgott, der möglicherweise Danuvius heißt. Also der Gott der Donau. Ob diese Personifizierung wirklich eine Verbesserung im Vergleich zur jungen Frau an der Donauquelle ist, muss jeder selbst beurteilen. Auf jeden Fall führte uns dieser füllige Gott heute in neue Gefilde.

Noch mehr Römerkram? Ja, denn auch die nächste Stadt Bad Deutsch-Altenburg war trotz ihres krampfhaft deutschen Namens Teil der Römerstadt. Eigentlich sogar der ältere Teil: Bad Deutsch-Altenburg war die Militärstadt, wo die Soldaten in immergleichen rechteckigen Kasernen (natürlich auch mit Säulen) untergebracht waren. Weil die natürlich alle Essen, Kleidung und Zerstreuung brauchten, wuchsen ringsherum die Häuser der Zivilisten, bis der Platz nicht mehr reichte und fünf Kilometer entfernt eine reine Zivilstadt gegründet wurde - das heutige Petronell-Carnuntum, in dem wir gepennt haben. Damals wurden aber beide als eine Stadt angesehen.
Bad Deutsch-Altenburg ist heute hauptsächlich eine stille Kurstadt, aber in einer römischen Villa befindet sich auch noch ein kleineres Römermuseum auf zwei Etagen. Moment, müsste unser Ticket nicht auch dafür gelten? Ja, man ließ mich rein. Als ich mich dann aber erdreistete, mich bei einer Führung dazuzustellen (die ohnehin praktisch im ganzen Museum zu hören war), kam mir sofort die Kassiererin hinterher und meinte, dafür müsse ich aber schon obendrauf zahlen.
Also beschränkte ich mich halt auf die Betrachtung von Statuen und Touchscreens. Herzstück ist ein farblich angestrahltes Relief vom Gott Mithras (hinten in der Mitte), der in Carnuntum sehr populär war. Den haben die Römer aus Indien und Persien importiert und stark verändert. Mithras war der Sohn eines Gottes, wurde aus einem Felsen geboren, ist später gestorben, am dritten Tag von den Toten auferstanden, und sein Symbol ist ein +. Klingt vertraut? Niemand weiß mit Sicherheit, was die Mithrasianer von den frühen Christen abgeschrieben haben oder umgekehrt. Manche Historiker behaupten, wäre das Christentum durch einen Zufall untergegangen, dann wären die Europäer alle Mithras-Anhänger geworden. Und doch hatte ich noch nie von ihm gehört.

Unterdessen suchten die anderen McDonalds auf, um sich Kaffee zu holen, und der Jüngste besorgte sich einen Cheeseburger "für den Notfall, wenn ich Hunger habe."
"Und der Notfall trat 500 Meter später ein.", witzelte ich.
"Ja, so war es.", antwortete er.

Mapy.cz hatte noch einen weiteren Tipp für mich: Im Wald über den Sportplätzen sollen sich haufenweise Höhlen befinden, und ihre Namen sind völlig random: Fledermausstollen, Sportplatzstollen II, Gewöllkamerl, Gabelkluft, Altenburger Höhle, Steinbruchstollen I und Rieselkluft.
Ich suchte die zugewachsenen Pfade ab, doch die einzige Höhle, die ich finden konnte, hieß einfach nur: Höhle. Und war ungefähr 2 Quadratmeter groß. Oder wie man in München sagen würde: 900 Euro kalt.
Ansonsten entdeckte ich noch einen Zaun mit dem Schild: Natur im Garten, Räuber im Haus, so sieht's in Österreich seit Schengen aus. Die EU ist bekanntlich an allem Schuld, sogar daran, dass man den eigenen Garten verwildern lässt.

Das ganze Gebiet grenzt an einen Steinbruch und ist der letzte Ausläufer eines Gebirgsmassivs, das wir gestern schon gesehen haben und jetzt umrunden mussten - zum Glück fast steigungsfrei. Vielleicht stecken die restlichen Höhlen direkt in dieser Felswand (rechts) drin, dann hatte ich natürlich keine Chance, da reinzukommen.

Dieses Gebirgchen sieht ja geradezu alpin aus! (Es ist nicht mit den Alpen verbunden, aber auch nicht so weit von ihnen entfernt.) In unserem Hotel lagen sogar Flyer für irgendwelche Bergseilbahnen aus. Das erklärt dann auch, warum die Römerstadt in diese Richtung nicht weiterwachsen konnte. Auch uns blieb eine kleine Steigung nicht erspart, vorher aber konnten wir nochmal so richtig schön zwischen Stadtmauer, Gleis und Donau fahren.
Hoch über der der Stadt thront eine große Burgruine, die so alt ist, dass sie schon im Nibelungenlied alt genannt wird. Unsere Mutter wollte da unbedingt hoch, bis sie sah, wie hoch genau die Ruine über der Stadt lag (ziemlich hoch).
Vom antiken Rom wechseln wir ins Mittelalter. Hainburg an der Donau ist eine stark befestigte Stadt, die hier die Stellung hielt gegen die Ungarn und alle, die sonst noch aus dem Osten kommen könnten. Für ihre Stadtmauer waren die Hainburger bereit, weit zu gehen: Ein Teil der Befestigungen wurde aus dem Lösegeld für den entführten König Richard Löwenherz gebaut.

Die Mauern gaben ihr Bestes und schafften es einmal, das Osmanische Reich von Wien fernzuhalten. Beim zweiten Mal waren sie aber schon so lädiert, dass die Türken den Rest zerschossen und die Mauern überrannten.
Wir stiegen hinauf zur Blutgasse. In Hainburg deutet der Name ausnahmsweise nicht auf die Wohnung eines Schlachters oder Henkers hin, sondern auf eine Tragödie.
Am 12.7.1683 stürmten die Türken Hainburg. Die Bewohner wollten in die Donauauen abhauen und stürmte die Blutgasse runter. Nur leider hatte noch keiner das Fischertor geöffnet, und die Torflügel öffneten nach innen. Sehr schnell kam es zu einem Gedränge, in dem das Tor einfach nicht mehr aufzukriegen war. 8432 Hainburger starben an diesem Tag, viele durch türkische Krummsäbel, viele aber auch einfach zertrampelt in einer Massenpanik.
Überlebt haben 100. Unter ihnen war ein gewisser Thomas Haydn, der Großvater des Komponisten.

Als nächstes verließ ich die offizielle Route und machte eine Schleife nach Norden, um mir einen ganz markanten Punkt der Donau anzuschauen, zumindest vom anderen Ufer. Der Kiesweg am Ufer ist gar nicht so schlecht, nur ein Stückchen gegen Ende ist verschlammt. Aber wo ist jetzt Devín? Mist, das Ufer ist ja total zugewachsen. Ich kämpfte mich durch Brennnesseln, immer dem Gekreische der badenden Kinder nach, und kam schließlich an einem idyllischen Kiesstrand mit umgestürzten Bäumen heraus. Was im Grunde eine ziemlich sinnlose Aktion war, denn ein paar Meter weiter konnte ich dasselbe direkt vom Weg aus sehen.
Wow! Die Burgruine Devín ist unerwartet groß. Die malerischen Mauerreste auf dem Gipfel sind nur die Spitze des Burgbergs, über dem ganzen Dorf erstrecken sich viel intaktere Mauern den ganzen langen Hügel entlang, als hätte jemand bei Carcassonne eine viel zu langgezogene Stadt gerade noch rechtzeitig fertiggestellt.
Wie ich später erfahren habe, war der gesamte Umweg im Grunde eine ziemlich sinnlose Aktion, denn die Burg ist so hoch, dass man sie auch vom offiziellen Radweg aus sieht. Hm, naja. Zumindest habe ich so auch noch die Mündung der March gesehen, wenn auch nicht allzu gut.
Die Burgruine war das erste, was ich jemals von der Slowakei zu sehen bekam. Was für ein Auftritt!

Mein Umweg wurde erst recht zur sinnlosen Aktion, als wir auf dem Rückweg mit dem Auto von der Autobahn abbogen - in diesen unscheinbaren Stadtteil mit Parkplatz und Restaurants am Fuße der Burg. Aber ich will mich nicht beschweren, denn das war ein richtig faszinierender Stopp. Sogar ein Immobilienplakat warb mit dem Bild der Burg, darunter stand: Familienhäuser zu verkaufen!
Tief unter den altehrwürdigen Steinmauern bringt die moosgrüne Morava/March das komplette Wasser aus dem östlichen Tschechien in die Donau. Aber nanu? Vergessen Sie die gleichberechtigten Streifen in Passau, hier ist die Donau so dominant, dass sie das Morawasser ein gutes Stück in sein Flussbett zurückdrängt. Noch nie habe ich einen Fluss gesehen, dem das Münden so schwer gemacht wird.
Die Morava ist zwar die Lebensader von Mähren, aber an dieser Stelle grenzt sie nicht mehr an Tschechien, sondern an Österreich und die Slowakei.

Hauptsächlich sind wir über graue Mauern, verfallene Treppen und Tore gewandert, wie man das auf Burgruinen eben so tut. Eidechsen huschten über den Stein. In den paar Ausstellungsräumen lagen jetzt keine superspannenden Sachen herum, die meiste Zeit habe ich Texte gelesen. Die Besonderheit der Burg ist eine andere: Erstens kann man wirklich, wirklich weit durch verfallene Mauern wandern (den großen Rundweg haben wir gar nicht geschafft) und zweitens war ich noch niemals zuvor an einem Ort, der so verdammt lange historisch relevant war. 
Die ersten Menschen lebten hier schon 6000 Jahre vor Jesus. Die Römer vom anderen Ufer bauten sich hier ein Lager als Standbein im Feindesland. Aber es sollte nochmal 900 Jahre nach Jesus dauern, bis Devín tatsächlich Teil eines Staates wurde - dann aber auch gleich ein Verwaltungs- und Machtzentrum. Dieser Staat ist zugleich Mythos und Mysterium. Man nennt ihn das Mährerreich, oder in Tschechien und der Slowakei lieber: Großmährisches Reich. Viel weiß man nicht darüber, außer dass Fürst Rastislav geherrscht hat, Kyrill und Method aus dem Oströmischen Reich missioniert und die kyrillische Schrift gebracht haben - und dass eben das heutige Mähren das Zentrum des Reiches war. Und es war der erste richtige Staat auf tschechischem und slowakischem Boden. Gerade die Slowaken identifizieren sich sehr damit, weshalb sich im 19. Jahrhundert gern slowakische Nationalromantiker in der Ruine versammelten. 

Der Name lässt sich mit Mädchenburg übersetzen. Dass das hier die sagenhafte feministische Frauenburg Děvín der tschechischen Amazonen war, bevor sie von den Männern im Mägdekrieg unterworfen wurden, ist absolut nicht belegt, wäre aber schon irgendwie cool.
Aber zurück zur seriösen Geschichtsschreibung. Nach dem Mährerreich kamen die Ungarn und mussten feststellen, dass auf dieser Burg eine simple Sache nicht so einfach ist: Das Trinken. Obwohl sie an zwei Flüssen lag, die sich sogar ins Gestein fraßen und richtige Höhlen ausspülten, war der Stein einfach zu hart, um einen Brunnen zu bohren. In den höchsten Turm war eine enorme Regenwasserzisterne eingebaut, und auf die und schlechtes Wetter waren die Bewohner angewiesen, bis es im 15. Jahrhundert mit dem Brunnen endlich klappte.
Napoleon ließ die Burg sprengen, obwohl sie militärisch nicht mehr wichtig war, einfach zur Demütigung. Die Ungarn bauten dann ein Denkmal für die Landnahme der Magyaren darauf, was die slowakischen Nationalromantiker so sehr anpisste, dass sie das Denkmal in die Luft sprengten. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts lebten hier noch irgendwelche Adelsfamilien.

Aber auch im letzten Kapitel eines heutigen Geschichtsbuchs war Devín präsent: Dem Kalten Krieg. Schließlich brachte die Morava nicht nur Wasser, sondern auch den Eisernen Vorhang aus dem Norden. (Der Iron Curtain Trail kommt mit ihr und folgt dann der Hauptstraße am Donau-Nordufer bis nach Bratislava.) Ein Ausstellungsraum voller Drähte und Zäune widmet sich diesem düsteren Kapitel.
Die 11. Grenzbrigade bewachte das Gebiet um Bratislava, etwa 2000 Leute, davon 50 bis 85 auf Devín. Dazu kamen zivile Helfer und Jungpioniere von 6 bis 15 Jahren. Wenn ein bestimmtes Lied im Radio gespielt wurde, war das ihr Signal, auf ihre Posten im Dorf zu gehen und Ausschau zu halten. An der slowakischen Grenze wurden mindestens 42 Menschen erschossen, was die Ausstellung mit den drastischen Strafen erklärt, die den Soldaten bei einer erfolgreichen Flucht drohten. 
Aber gleichzeitig war die Burg eben immer noch eine wichtige historische und symbolische Stätte, die nun dummerweise in der Grenzzone lag - man brauchte eine Sondergenehmigung, um überhaupt die dazugehörige Ortschaft zu besuchen. Die Kommunisten diskutierten und konnten sich schließlich durchringen, eine Ausnahme für touristische Besucher zu machen. Und die wurde natürlich gleich von Flüchtlingen genutzt.
Eine Familie floh erfolgreich mit einem selbstgebauten Amphibienfahrzeug - erst vier Meter vor dem österreichischen Donauufer blieb es auf einer Sandbank stecken. Der verantwortliche Grenzkommandeur wurde für 30 Tage freigestellt, weil er seine Waffe nicht eingesetzt hatte, und fortan standen steinerne Hindernisse in der Donau.
Ein anderer Kommandeur plauderte bis spät in die Nacht mit einem Grenzsoldaten über das Leben und den Dienst. Danach kroch der Soldat, der die Gegend gut kannte, durch einen Entwässerungstunnel unter der Straße, knipste entscheidende Kabel der Elektrozäune durch und schwamm nach drüben, wo er brüllte: "Grüßt Leutnant Randúch von mir! Ihr habt ein Loch im Zaun!" Was ein Typ.
Weniger gut lief es für eine Gruppe DDR-Touristen, die ihr Auto nah am Zaun parkten und kurzerhand vom Autodach über den Zaun sprangen. Einer von ihnen wurde beim Schwimmen im Kreuzfeuer tödlich verwundet.
Im Dezember 1989 war das hier einer der letzten Grenzabschnitte, auf dem der Eiserne Vorhang noch stand. Ein großer Protestmarsch nach Hainburg sollte das ändern, die Grenzsoldaten ließen sie durch und kamen kaum damit hinterher, ihre Pässe zu stempeln. 
Dennoch ist der Geist dieser Zeit nicht restlos verschwunden.
"Was guckst du da rüber nach Österreich?", herrschte ein Vater seinen Sohn an, der in ein Fernglas schaute. "Guck da nicht hin!"

Der Donauradweg auf dem Deich folgt die ganze Zeit einer Hauptstraße, und unter dem futuristischen Fernsehturm türmen sich schon Berge und bunte Wohnblocks auf. Die Berge sind die Kleinen Karpaten, eine Mini-Version des großen slowakischen Gebirges. Und die Wohnblocks sind die slowakische Hauptstadt, eine Mini-Version von Wien und Prag.
Dabei war dieses Ufer bis 1918 noch ungarisch. Und wenn sich die Tschechen und Slowaken in den 90ern auf eine gemeinsame Staatsform geeinigt hätten, dann wäre es jetzt tschechoslowakisch. Stattdessen stritten sie sich im sogenannten Gedankenstrich-Krieg schon darum, ob man einfach den Sozialismus aus der Tschechoslowakischen sozialistischen Republik rausstreicht, oder einen Bindestrich einfügt, oder doch Tschechische und slowakische, und ob man slowakische großschreiben soll, obwohl die Grammatik das nicht erlaubt, und was eigentlich der Unterschied zwischen einem Gedanken- und Bindestrich ist. Es gab sogar Hungerstreiks für den Bindestrich und natürlich Nazivergleiche. (Hitler hat es auch den Gedankenstrich benutzt!) Jedenfalls haben sich die tschechischen und slowakischen Politiker am Ende friedlich getrennt, und das Gute daran ist, wir lernen jetzt einen neuen Staat und eine neue Hauptstadt kennen.

Am Wegesrand tauchte ein abgenutztes österreichisches Zollgebäude auf. Auf den ersten Blick schien es nicht mehr in Betrieb zu sein, aber... doch, die Fahrzeuge wurden durch Warnbaken auf eine Ehrenrunde über das Zollgelände geleitet, wir dagegen rasten unbehelligt durch.
Die Grenzlinie war kaum zu erkennen. Irgendwo links unterm Deich verkündet an einem trockenen Graben (vor dem Wäldchen hinten in der Bildmitte) ein kleines rechteckiges Schildchen: Staatsgrenze. Hätte ich nicht gezielt nach irgendeinem Zeichen gesucht, dann hätte ich es garantiert übersehen.
Und was ist das erste Gebäude, mit dem uns die Slowakei empfängt? Ein zwielichtiges Billigcasino. Wow. Was für ein Auftritt.

Aber nein, im selben Gebäude befindet sich auch ein Laden mit Holztischen. Er heißt Autoberg, doch statt Ersatzteilen konsumierten wir direkt auf der Grenze Kofola und Koláče. Die Dinger sind anscheinend nicht nur typisch tschechisch, sondern auch slowakisch. In der Slowakei stopft man die Nuss- und Mohnfüllungen aber auch gern in ganz kleine gebogene Hörnchen.
Hier treffen wir auch den Iron Curtain Trail wieder. Der kommt frisch aus Bratislava und verläuft dann erstaunlich nah an der Grenze, praktisch auf der Grenzlinie.

Mein Sitznachbar hatte mich schon auf der Fahrt nach Wien darauf hingewiesen, dass um diesen Deichradweg überall Bunker verstreut liegen. Manche sind offene Ruinen, manche kostenpflichtige Museen und manche werden noch heute von der slowakischen Armee zur Verteidigung benutzt (im Bild). Laut Infotafel wollte die Slowakei nach Hitlers Machtergreifung ihre Grenze zur besten und modernsten in Europa aufrüsten, mit "Stahlbetonobjekten", Kanonen- und "Maschinengewährausrüstung" (alle Angaben ohne Gewehr). Noch bevor sie fertig waren, war Deutschland aber so hochgerüstet, dass es die Slowakei bedrohen konnte: Hört auf mit dem Ausbau, sonst marschieren wir ein.
Am 10.10.1938 marschierten sie natürlich trotzdem ein.

Der Radweg folgt der Autobahn im Bogen bis ans Ufer und stößt schließlich auf den Nový Most - die Neue Brücke, auf deren Spitze anscheinend ein Ufo gelandet ist, und die Aussichtsplattform da drin heißt wirklich UFO. Unser Vater schlug vor, in dem Restaurant da oben essen zu gehen, bis er die Preise sah. Ich hatte diese brutalistische Brücke schon auf Bildern gesehen und irgendwie hat sie mein Bild von Bratislava (scheußliche Eindeutschung: Preßburg) als stalinistische Stadt sehr geprägt.

Ein vollkommen falsches Bild! Das wurde uns bei der Fahrt über die Donau langsam klar. Über dem Fluss thront der weiße Hrad (Burg) von Bratislava in Form eines selbstbewussten Quadrats mit vier Türmen. Das sieht doch sehr viel burgiger aus als die Wiener Hofburg oder Prager Burg!

Kurz hinter der Brücke fanden wir uns auch schon am Martinsdom wieder, in dem die ungarischen Könige gekrönt wurden. Dafür ist er gar nicht mal soo groß. Der Donnerstagsgottesdienst beginnt erst in 15 Minuten, also können wir noch reinschauen, oder?
"...der uns Leib und Trank gegeben hat beim letzten Abendmahl."
Doch bereits jetzt sang eine Stimme, und die Gemeindemitglieder antworteten.
"Jesus Christus, der den Lauf des Lebens beherrscht, der uns Leib und Trank gegeben hat beim letzten Abendmahl."
Ungefähr so viel habe ich verstanden.
"Jesus Christus, der den Lauf des Lebens beherrscht, der uns Leib und Trank gegeben hat beim letzten Abendmahl."
Immer wieder dasselbe, minutenlang.

Der Dom bewacht den Eingang in die Altstadtgassen.
Bratislava mag im Schatten von Wien, Prag und Budapest stehen, aber Touristen gibt es hier definitiv auch, und zwar nicht zu knapp. Souvenirläden, Restaurants, Cafés, dazwischen zwängt sich gelegentlich eine Limousine zu ihrer Botschaft durch, und natürlich Touren- und Stadtradler, die in diesem Gewusel nur wenig Hemmungen kennen.
Und doch... irgendwie ist hier alles eine Nummer kleiner. Ist es sehr gemein, wenn ich schreibe, Bratislava ist die größte Kleinstadt, die ich je gesehen habe? An den Aussichtspunkten erstrecken sich die Wohnblocks der Vororte zwar noch weit in die Ferne, aber das ist dann eben auch alles, dahinter kommen nicht noch zwölftausend Vororte außer Sichtweite wie in Berlin.
Muss ja auch nicht.
Es ist eine sehr sehenswerte Stadt, nur fehlt ein touristisches Highlight vom selben Kaliber wie der Prater oder Schönbrunn. Andererseits ist Wien ja um die Ecke.

Von den vielen Marktplätzen hat uns der Platz des Nationaldichters Hviezdoslav am besten gefallen. Als unser Vater das letzte Mal hier war, bestand er noch aus öden Betonplatten, jetzt sprudelt und grünt es rund um den Poeten.
Komponisten kamen auch immer aus Wien rüber, wie die Steinplatten an den Häusern verraten: Hier gab Mozart mit sechs ein Konzert, dort Franz Liszt als Erwachsener.

Čumil ("Glotzer") heißt dieser zufriedene Kanalarbeiter, der sich ausruht und dabei Passanten von unten beobachtet. Er ist der instagramabelste Ort von Bratislava, und wer ihn ohne einen wildfremden Menschen mit der Hand auf dem Hut fotografieren will, der braucht Geduld. Dass er an einen stadtbekannten Widerstandskämpfer aus dem Sozialismus angelehnt sein soll, ist nicht belegt.

Hinter der Michalská brána (Michalstor) steht das schmalste Haus Europas. Mit 1,3 Metern ist es nicht viel breiter als seine Glastür. Wir haben ewig gebraucht, um es zu finden.

Vor dem Tor gibt es auch Suppe in essbaren Bechern zu kaufen, ein sehr sättigender und praktischer Snack.

Gegenüber vom Martinsdom steht eine doppelte Stadtmauer, die permanent von Touristenführungen mit Audioguides gestürmt wird, ein Durchkommen ist schwierig. Aber notwendig, wenn man das Brückchen über die Schnellstraße erreichen will. Dieser Straße stand 1969 noch eine große und prächtige Synagoge im Weg, welche die Sozialisten gesprengt haben. Plakate auf der Stadtmauer erzählen vom jüdischen Leben Bratislavas, auch das dazugehörige Museum ist nicht weit.
Hinter der Straße guckt unauffällig ein besonderes Haus (links) hervor, frisch gestrichen in gelb mit weißen Streifen. Das Haus zum Guten Hirten ist ein ehemaliger Teil der Vorburg und eins der am besten erhaltenen Rokoko-Häuser der Stadt.

Kommen Sie an einen Ort, an dem die Zeit stehengeblieben ist! Wir folgten dem Schild ins Haus zum Guten Hirten und entrichteten drei Euro pro Nase für das Uhrenmuseum. Bei dem Preis hatten wir jetzt nicht viel erwartet. Eine Erwartung, die nicht enttäuscht wurde.
Bratislava war seit dem 15. Jahrhundert eine Stadt der Uhrmacher. Die Uhrmachergilde war die einzige der Slowakei und die größte in ganz Ungarn, als die Stadt noch ungarisch war. Ihre Arbeiten sind auf drei knarzenden Stockwerken ausgestellt und werden nicht von Kameras, sondern noch ganz oldschool von gelangweilten Museumswächterinnen auf knarzenden Stühlen bewacht. Interessant fand ich zum Beispiel eine Armband-Sonnenuhr, mit integriertem Kompass, damit man auch weiß, wohin man sie halten muss.

Die reich verzierten Uhren aus Gold und Ebenholz sind von verschiedenen halbnackten Figürchen umzingelt, zum Beispiel Papageno aus der Zauberflöte.
Außerdem gibt es sowohl Bilderuhren (Uhren mit einem kleinen runden Gemälde drin) als auch Uhrenbilder (Gemälde mit einer kleinen Turmuhr o.Ä. auf der Leinwand, deren Zeiger tatsächlich die Zeit anzeigen).
Nur: Die Zeit war immer falsch. Nichts regte sich, nichts tickte, nichts gongte.
"Schade, ich dachte, das ist wie bei Meister Hora", meinte unsere Mutter enttäuscht.
Nun ja, das Schild am Eingang hatte es ja schon verraten.

So, aber jetzt ist ein bisschen Bergwanderung angesagt! Richtig in die Kleinen Karpaten werden wir nicht wandern, aber zumindest den Aufstieg zur Burg schaffen wir. Auf halbem Weg stolperten wir noch in die orthodoxe Nikolauskapelle rein.

Auch hier erschallte Singsang, aber nur vom Band. Wer es wagte, die heilige Tonaufnahme mit allzu lauter Stimme zu stören, wurde sofort mit einem "Pscht!" zurechtgewiesen. Die überbordende Deko gibt es so ähnlich in allen orthodoxen Kirchen, auffällig fand ich dagegen den, äh... ist das ein Weihwasserspender? Oder eine automatisierte Fußwaschanlage, bei der einem quasi der daraufgemalte Jesus die Füße waschen soll?

Nun aber hinauf zur Bur... oh, ein Café, wir sind eigentlich schon ziemlich durstig.
Jetzt aber.
Die Burg Bratislava ist richtig, richtig weiß. Sogar im Garten dominiert diese Farbe das Rot der Rosen, die sich im grünen Heckenlabyrinth für Gnome verirrt haben. Damit ist dieser Garten noch sehr, sehr farbenfroh im Vergleich zum Innenhof, der ein vollkommen steriles weißes Rechteck darstellt. Selbst der Blick in den Burgbrunnen war spannender. Immerhin enthielt der neben Wasser auch 600 PET-Flaschen.

In der Burg befindet sich ein historisches Museum, das mehreren Quellen zufolge aber eher trocken sein sollte. So wie unsere Kehlen es bereits wieder waren. Also genossen wir den Blick über die Donau und machten uns an den Abstieg.

Gleich neben der Burg steht das Parlament der Slowakei. Burg Devin war nicht mehr zu sehen, dafür aber die weiter entfernte Burg von Hainburg. In Österreich drehten sich überall Windräder, an der Grenze hörten sie schlagartig auf. Stattdessen Wohnblocks und weiter stromabwärts Fabrikschornsteine. Und trotzdem musste unser Vater zugeben: "Ich habe Bratislava großes Unrecht getan."

Ja, die Stadt hat sicher Ostblock-Vibes, aber auf eine nette Art. Und das hat nicht einfach nur damit zu tun, dass die Wohnblocks bunt gestrichen sind (das sind sie in Nordkorea auch), es ist die ganze quirlige und freudige Art dieser Stadt. Die ging auch nicht verloren, als wir die touristische Altstadt verließen, sie veränderte sich nur. Und wurde lauter. Neue Architektur aller Art mischt sich mit gelegentlichen Stuckbauten, dazwischen drängen sich endlose Autokolonnen, Straßenbahnen und Oberleitungsbusse hindurch.

Direkt hinter solch einer Kreuzung steht auch das zweite Schloss der Stadt. Im Palais Grassalkovi wohnt der Präsident. Seine Residenz folgt dem Motto Liebling, ich habe das Weiße Haus geschrumpft und ist fest verschlossen. Nur ein Plakat auf dem Zaun wirbt für den Tag der offenen Tür am 31. August. Die Mauern hinter dem Palast geben nur Preis, dass der Präsident in seinem Garten herrliche alte Kastanienbäume hat.

Der Jüngste, der bisher bei der Reiseplanung eher untergebuttert wurde, stand vor der Wahl: Shoppen mit der Schwester oder schwimmen mit dem Bruder? Er entschied sich für das Freibad inmitten von Wohnblocks, eine wahrscheinlich sogar ziemlich authentische Bratislaverfahrung. Wir checkten per Kreditkarte im Oberleitungsbus ein und fuhren ein paar Stationen hinaus, dann liefen wir über einen Bürgersteig, der eigentlich eine Art zweite Fahrbahn zum Ranfahren an die Wohnblocks war.
Es ist ein ganz pragmatisches Freibad, und doch auf seine Art sehr nett gemacht. Statt Umkleiden gibt es zum Beispiel diese gewundenen Umkleide-Sichtschutzwände, die ich eher vom Strand kenne. Statt eines Sprungbeckens nur ein abgetrenntes Eselsohr vom Becken, in das man vom Beckenrand springen darf.
Und statt einer Liegewiese Beton.

Abends schauten wir in der Altstadt die Speisekarten durch, und vieles kam uns gleich bekannt vor. Manches ist ein bisschen anders geschrieben, doch die Gerichte sind größtenteils dieselben wie in Tschechien.
"Rezeň?", meinte unser Vater. (Klingt fast wie das Zeug, aus dem meine Bremsbeläge bestehen.) "Was ist das?", fragte er die Kellnerin auf Tschechisch.
"Řízek", antwortete sie - Schnitzel. Ah, natürlich! Auch wenn wir fast alle Schilder lesen können, sind die Unterschiede zur Sprache des Bruderstaats manchmal doch tückisch.
Außer für die sprachbegabte Kellnerin. Die sprach mit dem Vater tschechisch, mit dem Jüngsten auf Deutsch, und am Nachbartisch dann auf einmal Italienisch.
Letztendlich bestellten wir das, was in tschechischen Speisekarten eben nicht so häufig steht: Köstliche Rippchen (die waren in allen Restaurants am teuersten) und neue Arten von Knödeln (halušky). Zumindest hatten wir unter dem Namen so etwas wie Kartoffelknödel erwartet. Aber nanu? Diese Knödel sind ja winzig, das sind doch eher Gnocchi! Geschmeckt haben sie aber.

Wir blieben zwei Nächte in einer Ferienwohnung in der Altstadt. (Wenn die Radtour zur Hälfte ein Hauptstädte-Trip wird, dann lassen sich nämlich auch Teenager überzeugen, mitzukommen.)
"Können wir die Räder irgendwo unterstellen?", fragten wir vorab beim Vermieter.
"Kein Problem, stellen Sie sie einfach auf die Terrasse. Das Haus hat einen Aufzug.", lautete die Antwort.
Ja, das Haus hatte in der Tat einen Aufzug. Und der ist auch super geeignet, wenn man, sagen wir mal, eine Besenstange ins zweite Stockwerk transportieren möchte.

Oben stellten wir überrascht fest, dass die Wohnung das genaue Gegenteil des Aufzugs darstellt - viel geräumiger als der Fahrstuhl oder die enge Terrasse.
So nah bei meinem Rad habe ich, abgesehen vom Camping, noch nie zuvor geschlafen.

Die Donaugrenze I

Länge: 16,8 km
Grenzquerungen: 1 
Länder: Österreich (Niederösterreich)/Slowakei (Bratislavský kraj)
Seite: Ost, ab dem Grenzübergang am Südufer dann ziemlich exakt auf der Grenzlinie
Erkenntnis: Slowakische Flüchtlinge sind krasse Typen.