0. Die Nicht-Moldau
Die nachfolgende Strecke ist mit der Nr. 33 beschildert und gehört zum Moldau-Radweg, teilweise auch zum Otava-Radweg und zum Iron Curtain Trail. Wobei, beim Iron Curtain kommt es drauf an, wen man fragt. Die Papierkarte schickt die Radler meistens rüber nach Deutschland oder näher an die Grenze, die digitale Karte zum Teil auch, aber auf den Wegweisern meiner Strecke habe ich trotzdem oft das Iron-Curtain-Symbol gesehen. Hauptsächlich ist diese Route die Anreise von der deutschen Seite zur Moldauquelle, aber ich kann ja schlecht Moldau in die Überschrift schreiben, wenn in diesem Post noch überhaupt keine Moldau vorkommt.
Dennoch muss ich ein bisschen was dazu schreiben, allein schon deshalb, weil die Strecke an einem bemerkenswerten Bahnhof beginnt. In Bayrisch Eisenstein stieg ich nach einer verblüffend reibungslosen 11-Stunden-Regionalbahnfahrt aus der deutschen Waldbahn, und...
"Dudödí! Vážení cestijicí..."
Aah, dieser Klang weckt immer wieder Vorfreude. Vor mir stand bereits ein blauer tschechischer "Schnellzug" (hinten rechts), die Grenze verläuft quer über den Bahnsteig und durch das Nationalpark-Museum im Bahnhofsgebäude, Wanderer steigen ein und aus, Durchsagen in zwei Sprachen erklingen aus zwei Richtungen, ohne einander ins Wort zu fallen. Ich glaube, ich habe einen neuen Lieblingsbahnhof. Schade ist nur: Während man auf tschechischer Seite bis Prag durchfahren kann, muss man auf deutscher Seite in alle Richtungen nochmal in Plattling umsteigen.
Dass das Meckern auf hohem Niveau ist, daran erinnert dieses unvollständige Stück des tschechischen Eisernen Vorhangs. Eine Tafel fasst dessen Geschichte in zwei Sprachen zusammen, ohne auf spezifische Ereignisse vor Ort einzugehen.
Wir befinden uns im Tal der Großen Regen, also noch im System der Donau. Noch radelt es sich federleicht auf einem Radweg und nur minimal bergauf. Also, im Vergleich zu später.
Es folgt erst einmal das tschechische Gegenstück zu Bayrisch Eisenstein, das ebenfalls Eisen im Namen hat: Železná Ruda. Der böhmische Zwiebelkirchturm ist hier außergewöhnlich breit. Ansonsten sehen die modernen Berghotels auf beiden Seiten der Grenze recht ähnlich aus. Am Bahnübergang wartete ich eine ganze Weile in einer Schweiß- und Abgaswolke zusammen mit Autos, Motorrädern und viel sportlicheren Radlern. Eine der Unterkünfte trug in Anlehnung an den Himalaya den Namen Base Camp. Mein Knie ziepte noch leicht von der letzten Tour.
Hatte ich mir das wirklich gut überlegt, hier hochzufahren?
Ich hatte mir zumindest überlegt, dass ich lieber noch ein bisschen länger auf der großen Straße bleibe, als mir auf den Waldwegen noch ein paar Bonus-Berge einzuhandeln. Obwohl mich Karte und Wegweiser davon abrieten, blieb ich noch ein bisschen länger im Verkehr und bereute es nicht. Endlich öffnete sich der Wald, und die Straße bekam einen Radweg, auch wenn der bloß aus fester Erde bestand. Um mich herum wellten sich die Gipfel des Nationalparks Šumava (Böhmerwald). Einer davon heißt Poledník ("Vormittagsberg"), hat einen Naturlagerplatz auf dem Gipfel, und die ganzen Wanderwege und alles führen auf ihn drauf oder zumindest näher dran, ich habe ihn aber großräumig umrundet. Schließlich war es keineswegs Vormittag, ich war ja erst 16:15 angekommen.
Mein Wasser ging bereits zur Neige, ich musste nachfüllen! Nur wo? Endlich kam ich an einem Kiosk vorbei, der gerade zumachte - mit separatem Toilettenhaus. Aber es handelte sich um ein Öko-Klo mit einer Schaufel Sägespäne als Spülung, ohne Waschbecken. Was müssen die Tschechen denn ausgerechnet jetzt plötzlich so umweltbewusst werden?
Daneben erinnert ein Haufen Steine an den 6. Mai 1945. Dieser Mai war nicht längst nicht so sommerlich wie der aktuelle. Amerikanische Soldaten der Division Tough Ombres hatten ihre Mühe, sich durch den tiefen Schnee das Gebirge raufzukämpfen. Im heute geschleiften Dorf Gruberg stießen sie auf die Reste einer deutschen Armada, die anfangs gar keine so schlechte Position hatte. Die jungen Männer schossen aus den Häusern und kämpften erbittert, aber die Amerikaner rückten dennoch vor, bis Stalin protestierte und Eisenhower sie hinter die Demarkationslinie zurückpfiff. Das Massaker von Gruberg geriet in Vergessenheit, erst 1994 wurden die 11 toten Deutschen sehr vorsichtig exhumiert. Da meldete sich ein alter Deutscher und behauptete, als Kind versteckt im Keller eines Hauses mitbekommen zu haben, wie die Deutschen sich ergeben wollten, schwarze US-Soldaten um Gnade angefleht hätten und dennoch hingerichtet wurden. Das Problem an der Geschichte: Der Mann befand sich in Haus Nr. 11, und das war von der Nr. 3, wo die letzten Kämpfe stattfanden, ziemlich weit entfernt. Außerdem dienten wegen der amerikanischen Rassentrennung in dieser Division höchstwahrscheinlich gar keine Schwarzen. Diese in mehrfacher Hinsicht sehr heikle Thematik erklärt eine Informationstafel bemüht neutral, ausschließlich auf Tschechisch und mit sehr vielen Ausrufezeichen! Erstaunlicherweise betont sie sogar mit bedauerndem Unterton, dass die Deutschen hätten leben anstatt sinnlos sterben können. Denn der Zweite Weltkrieg endete nur 24 Stunden später.
Ich fuhr vorbei an einer außergewöhnlich breiten, spitzen und aggressiven Steinmauer vorbei, die auch Teil des Eisernen Vorhangs hätte sein können.
Es gibt durchaus vereinzelte Dörfer im Nationalpark. Sie haben klangvolle Namen wie Prášily ("sie staubten"), Srní ("Korn") und Mechov ("Moosau"). Aber man finde da mal etwas zu trinken, ohne gleich in das Restaurant eines Berghotels einzukehren! Eins der Dörfer hatte einen 24-Stunden-Supermarkt von Coop, für den man aber zwingend erst mal die App runterladen muss. Das tat ich brav, aber die App akzeptierte meine Telefonnummer nicht und verweigerte die Anmeldung. Neben mir scheiterte ein Tscheche ebenfalls daran und stieß dabei eine erlesene Serie von Seufz-, Stöhn- und Grunzlauten aus. Das funktioniert bei Tegut in Hessen deutlich besser.
Es wurde bereits dunkel, als ich im schattigen Tal der Vydra ankam. Kein Problem, mein Licht funktionierte, und der Autoverkehr war längst nur noch ein spärliches Tröpfeln. Die Vydra ist ein richtiger rauschender Bergfluss mit enormen Felsbrocken drin.
Sie entsteht aus dem Zusammenfluss des Roklánský potok (links im Bild) und des Modravský potok (rechts), die beide wiederum nicht so wichtig sind, dass sie eindeutig markierte Quellen haben. (Daneben gibt es noch den kleinen Filipohutský potok, dessen nette kleine Mooskaskaden zwischen Straße und Wanderweg herumplätschern.)
Weil die Vydra wiederum einer der Quellflüsse der Otava (ein Fluss, auf den wir später noch zu sprechen kommen), beginnt an diesem Punkt der Otava-Radweg. Der Zusammenfluss ist felsig, aber die gelblichen Wiesen rundherum überraschend flach. Markiert wird die Stelle von einer Plattform mit Tischen und Stühlen aus bizarrem, aber überraschend bequemen Metallstangen. Sie lassen die Wirklichkeit seltsam verzerrt und verpixelt aussehen.
Auf der Vydra darf man Boot fahren, aber nur Samstag und Sonntag von 8 bis 18 Uhr unter strengen Regeln: Leise paddeln, um die Tiere nicht zu stören, und nur an den drei zugelassenen Ein- und Ausstiegspunkten (einer davon an dieser Stelle) an Land gehen.
Der Zusammenfluss liegt im einstigen Modrava, einem einstigen Glasindustrie-Dorf. Über dem Dorf und der Šumava leuchtete ein wolkenloser Sternenhimmel, wie ich ihn schon lange nicht mehr gesehen hatte. Ich starrte ihn eine Weile an, dann wurde mir kalt. Das ist eben der Nachteil einer klaren Nacht. Aus den Berghotels, hier etwas traditioneller und fachwerkiger, leuchtete gemütliches Licht. Aber ich wollte etwas anderes ausprobieren.











