Posts mit dem Label Stauwehr werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Stauwehr werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

05 Mai 2026

Moldau: Von Rožmberk nach Český Krumlov

Die Moldau hat verdammt viele Stauwehre. Wie kommen die Kanufahrer daran vorbei? Die Antwort ist spritzig, originell und für Neulinge etwas erschreckend. An jedem Wehr weist ein Schild mit einem blauen Pfeil die Paddler nach links oder rechts, wo sie bitte schön zwischen zwei Betonwände steuern sollen, hinein in einen abgetrennten Teil des Wehres - und in eine der legendären Floßgassen.
Diese natürlich-künstlichen Wildwasserbahnen sind das Highlight und Markenzeichen der Paddelmoldau und das, woran ich bei den dramatischsten Passagen von Smetanas Moldau immer denken muss. Es gibt Paddelflüsse mit stärkeren Stromschnellen als die Moldau, aber kaum ein Fluss hat so eine so große Auswahl vielfältiger Floßgassen.
 
Also, wo genau steuert man da rein? Manche Floßgassen sind im Prinzip einfach ein kurzer Wasserfall, in dem unser Boot kurz nach unten kippte und mit dem Wasser runterfiel. Wie die Baumstamm-Wildwasserbahnen im Freizeitpark, nur deutlich niedriger.
Andere werden Rutsche genannt, weil das Boot einfach ein nasses Brett runterrutscht.
In beiden Fällen wurde es erst dann richtig nass und schaukelig, als wir unten in die weiße Zunge aus aufgewühltem Wasser eintauchten. Das ist der Punkt, wo man kentern kann.
  
 
Etwas kniffliger ist die dritte Art von Floßgasse, denn hier dauert die Abfahrt etwas länger. Wir steuerten hinein...

...und fanden uns wieder in einem langen, langsamen Betonkanal. Das war schon ein wenig beklemmend. Das Gefälle war zwar geringer als bei den anderen Gassen, trotzdem bildeten sich allmählich weiße Wellen, die versuchten, das Boot von rechts und links in Bewegung zu versetzen. Manchmal schaukelte es also schon...

...als wir unten rauskamen, hinein in die noch größeren Wellen.
Wie kommt man da also am besten durch?
Eigentlich ganz einfach. Schritt 1: Beim Reinfahren das Boot möglichst gerade halten. Schritt 2: Gar nichts tun. Und ruhig bleiben.
In einer Gasse kam meine Beifahrerin auf den Gedanken, eine Schaukelbewegung nach links auszugleichen, in dem sie sich mit dem Paddel an der Wand nach rechts abstieß. Das war eine ganz schlechte Idee: Das dadurch entstandene Schaukeln war viel stärker als alles, was die Wellen fabriziert hatten. Als wir am Ausgang durch den Haufen heftiger Wellen hüpften, kippte das Boot um. Ich will ja nicht sagen, dass sie schuld war, aber: Bei meiner ersten Moldaupaddeltour habe ich es irgendwie mit null Erfahrung geschafft, null mal zu kentern. Bei der zweiten Tour passierte es zweimal.

Uns drohte keine Gefahr, das Wasser ist fast überall flach genug, um problemlos zu stehen. Aber wo ist unser Gepäck? Wasserfeste Tonnen sind schön und gut, aber einen Gurt, um sie festzuschnallen, hatte unser Boot leider nicht. Zum Glück stand der Pastor ein paar Meter weiter und fischte alles heraus. Eine Sandale ging trotzdem verloren, und weil die Tonne nicht richtig verschlossen war, wurde alles nass bis auf meine Badehose ganz unten im Rucksack.

Wie auf den obigen Fotos zu erkennen ist, war die Kulisse am zweiten Tag zwischendurch sehr industriell, als wir an der Papierfabrik von Věterný vorbeikamen. Manche der Fabriken laufen noch. Einzelne Häuser sind mit Fake-Fachwerk bedruckt, und an einer Fabrik prangt der beunruhigende Werbeaufdruck Dieser Zug zerquetscht Blech wie Papier, darunter der Name einer Arbeitsunfallversicherung. Dahinter mündet der Němčeský potok ("Deutschtschechische Bach") in die Moldau, der trotz seines Namens nicht aus Deutschland kommt.
 
Aber hinter der nächsten Ecke stehen plötzlich wieder schartige Felswände.

Und dann ist der Fluss wieder grün und ruhig. Man muss sich ja auch zwischendurch mal erholen von der Action.
Der zweite Campingplatz von Český Krumlov ist noch eine kleine Wanderung von der Stadt entfernt, die auf diesem Ufer und über eine Holzbrücke verläuft. 
 
 
Bei der zweiten Paddelreise gerieten wir auf diesem Campingplatz in Dauerregen und entschieden, einen Tag nicht zu fahren. Der Platz hatte zumindest einen Aufenthaltsbereich mit Holzbänken und Holzdach, der zum Hemmungslosen Stadt-Land-Fluss-Spielen genutzt wurde.
Als es am Nachmittag doch wieder schön wurde, unternahmen wir eine Wanderung auf den Berg Klet. Wir liefen vorbei an einem rostigen Grill, aus dem groteske Schornsteine ragten. Sobald die Dörfer aufhörten, war der Berg komplett von Wald und Nebel bewachsen. Die Sicht tendiert also gegen Null, dafür tauchten Felsformationen auf. Das Ganze gehört zum Gebirge Blanský les (Blansker Wald), dieser Ausläufer der Šumava streift für die nächsten zwei Tage die Moldau.
 
 
Auf dem Gipfel erwartete uns ein klassisches Gasthaus. Es war so weit von der touristischen Moldau entfernt, dass man dort ausnahmsweise nicht mit Euro bezahlen kann. ("Wir sind in Tschechien, wir nehmen nur tschechische. Is logisch, oder?") Die Felsen ragten bis in die Toilettenräume hinein. Daneben stand noch ein burgartiger Aussichtsturm. Aber bei dem dichten Nebel erschien es mir nicht ökonomisch sinnvoll, dem Drehkreuz ein paar Kronen zu spenden. (Das Foto stammt von einem anderen Tag.)

Aber zurück ins Tal. Bei der Fahrradtour habe ich nach meinem Abstecher zum verlassenen Campingplatz von Branná wieder die Straße gewählt, die jetzt sogar noch enger zwischen Moldau, Leitplanke und Felswand verläuft. So war ich dann schon erstaunlich früh in Český Krumlov, der ersten ernstzunehmenden Stadt an der Moldau.

Alle lieben Český Krumlov, Deutsche, Tschechen und Österreicher. Wer schon einmal da war, ist gesetzlich verpflichtet, allen anderen immerfort vom "Bonsai-Prag" (Aber viel sauberer!) vorzuschwärmen und einen Besuch in der Stadt dringend zu empfehlen. Wenn ich verrate, das ich dort schon war, wirken sie regelrecht enttäuscht, dass nicht sie es waren, die mir exklusiv diesen alles andere als geheimen Geheimtipp gegeben haben.
Und ja, es ist ja auch wirklich eine verdammt schöne Stadt mit einer ungewöhnlichen Lage. Die Stadt zwängt sich in eine enge Flussschleife der Moldau, daher kommt auch der Name: Krumme Au - Krumau - Krumlov. Der Platz ist knapp, aber wenigstens kann man in die Höhe bauen, Höhe ist ja schon von Natur aus genug da. Die dreidimensionale Altstadt läuft oben in eine spitze Skyline aus runden und eckigen Türmen in weiß, gelb und rosa aus. Aus der Ferne lässt sich gar nicht so leicht sagen, welcher Turm nun zu einer Kirche, einem Kloster oder zum Schloss gehört. Der rosa Burgturm ist laut dem Schriftsteller Karel Čapek der "turmförmigste alle Türme".
  
 
Die engen Gassen sind von innen dann gar nicht so steil, wie sie von außen aussehen. In den Häsuern verbirgt sich allerhand touristischer Kram vom Spiegel- bis zum Wachsfigurenkabinett, das Museum des provokanten Aktmalers Egon Schiele und eine hohe Dichte an Tredelník-Ständen (Baumstriezel), die stets für einen angenehmen Geruch nach Gebackenem sorgen.

Sehr tschechisch ist das Märchen- und Marionettenmuseum, in dem bekannte tschechische Trickfilmfiguren in Marionettenform mit treudoofen Kulleraugen aus dem Fenster starren. 

Obwohl das alles sehr massentouristisch klingt, habe ich die Stadt zwar als voll in Erinnerung, aber nicht überfüllt. Ob sich das inzwischen geändert hat? Keine Ahnung, bei der Fahrradtour war ich hier am frühen Morgen unterwegs. Um diese Zeit waren nur die asiatischen Touristengruppen auf den Beinen und ließen sich diszipliniert durch die Stadt lotsen. Besonders spannend fanden sie offenbar den gekreuzigten Jesus auf der Brücke, mit dem sie sich einzeln fotografieren ließen.

Schon vor dem Zeitalter der großen Stauseen lieferte die Moldau Energie, und deshalb dekorieren auch kleine Mühlräder das Stadtbild.

Außerdem gibt es noch Bereiche mit alten Fassadenmalereien wie in Stein am Rhein.
 
Verglichen damit sieht der Marktplatz relativ normal aus. Wie immer steht ein mariánský sloup ("Mariensäule") in der Mitte, ein graues Riesending, bei der die Säule von einer Art Brunnen ohne Wasser umgeben ist. Auf Deutsch wird so was auch Marienpestsäule genannt, was als Mittelpunkt einer Stadt eher unschön klingt, aber einen Grund hat: Mit den Dingern wurde der Jungfrau Maria gedankt, dass die Stadt von der Pest verschont blieb. In praktisch jeder tschechischen Stadt steht so ein Teil. Was die Frage aufwirft, ob die Pest in Tschechien überhaupt stattgefunden hat oder ob die Pestbakterien angesichts der Überquerung der Šumava oder der großen Frömmigkeit der Tschechen direkt aufgegeben haben. Oder sie wollten, dass sich die Tschechen in Sicherheit wiegen, und haben immer erst zugeschlagen, nachdem so eine Säule stand, das kann natürlich auch sein. 
Mein Vater schrieb, in der cukrárna (Konditorei) am Marktplatz habe er das beste Frühstück ever gegessen.
Als ich schon einen Tag hinter Krumlov war. Danke für nix.

Nach dem Stadtrundgang ist es Zeit, das Ufer zu wechseln und die Burgdurchquerung in Angriff zu nehmen. Der erste Verteidigungswall besteht aus einer kleinen Treppe, der zweite aus einem Graben, in dem eigentlich noch Bären leben sollten. Sie zeigten sich jedoch nicht.

Der nächste Hof ist von zartblauen Fassaden umgeben und mit Kies gestreut.
Gebaut haben das Schloss die Witikonen, zwischendurch hatten hier aber die beiden bereits erwähnten Adelsfamilien, Schwarzenberg und Rosenberg, ihren Hauptsitz - natürlich nicht gleichzeitig. Die Schwarzenberger stellten eine Schlossgarde auf, an deren Wiederbelebung ein Verein arbeitet - die älteste noch funktionierende Grenadier-Schlosswache in Kontinentaleuropa. Laut Wikipedia ist ein Grenadier ein Fußsoldat, der mit einem "Vorläufer der heutigen Handgranate" bewaffnet ist. Ähm, ich vermute mal, das weiß der durchschnittliche Tourist nicht, der sich mit den bunt kostümierten Gestalten fotografieren lässt.
Gerade war aber sowieso eine Garde der anderen Art unterwegs, und die waren mit Rechen bewaffnet. Ihre Aufgabe bestand darin, dass auf dem Kies möglichst gerade Rillen zu sehen sind, die von den Touristen ohnehin nach einer Stunde zerstört werden. Meine Aufgabe bestand darin, dort schon vor dem großen Ansturm durchzulaufen.
"Nešoupat!", fuhr mich einer von ihnen sofort an. ("Nicht schlurfen!")

Das Schloss ist heute Staatseigentum, das Museum zeigt halt die Möbel der Adligen - wirklich interessant klingt eigentlich nur die drehbare Zuschauerbühne im Theater, aber dafür wollte ich jetzt nicht warten, bis es aufmacht. Also machte ich das, was ich auch bei den zwei letzten Besuchen gemacht hatte und was im Prinzip jeder in Český Krumlov macht - den Gratisrundgang durch die vielen, vielen Innenhöfe, Durchgänge, Tunnel, Innenhöfe, Torbögen, Brücken und noch mehr Innenhöfe. Auch die Innenhöfe sind wieder bunt bemalt, manche Bilder sind verblasst, andere frisch. Die Statuen und sogar die gelben 3D-Mauersteine sind nur aufgemalt - aber anders als bei manchen Burgen wie in Náchod wirkt das nicht billig, sondern fügt sich einfach schön ins Gesamtbild ein.


Ein Teil der Burg besteht aus einem Riesenhaufen aufeinandergestapelter Bögen, über den irgendwo ganz oben Menschen von einem Burgteil in den anderen wechseln können. Der Plášt'ový most (Mantelbrücke) ist einer der größten Eyecatcher im Stadtpanorama. Der Moldauradweg führt mitten durch den untersten Bogen hindurch.
Der Radweg ist übrigens mit der Nummer 7 beschildert, die hier auch sehr durchgehend und mit der Bikeline-Route übereinstimmend aufgestellt ist. Oft wurde nachträglich noch ein Aufkleber mit einer kurvigen blauen Linie und den Worten Vltavská cyklotrasa draufgeklebt. Ein klares Zeichen, dass auch deutschsprachige Touristen Interesse an der Route zeigen, denn die erwarten nicht einfach nur eine Nummer, sondern ein richtiges Logo.

Die Paddler haben trotzdem den besseren Blick auf das Stadtpanorama - das Paddeln unter der zweitgrößten Burg Tschechiens (nach Prag) ist ein besonderes Gefühl und ein Highlight der Kanureise.
 
Im Stadtgebiet befinden sich aber auch ganze vier Floßgassen, was den Städtetrip ungewöhnlich nass und herausfordernd macht. Hier ist zum Beispiel eine Wasserfall-Gasse unter der St.-Veit-Kirche zu sehen.
 
Am längsten und berüchtigtsten ist die lange Floßgasse direkt unter dem Schloss, denn die ist genauso krumm wie Krumlov. Direkt nach der Abfahrt bildet das Betonufer eine Kurve, und der Steuermann muss nach rechts lenken, während die Strömung komische Dinge tut. Bei der ersten Paddelreise sind hier mehrere Teams gekentert. Ich zwar nicht, dafür hat mir die Moldau das Paddel aus der Hand gerissen und auf Nimmerwiedersehen den Fluss hinabgetrieben.
 
Bei der zweiten Reise war ich entsprechend auf der Hut und sondierte die Gasse schon einmal während des Stadtrundgangs. Nanu? Was sind denn die grünen Dinger da im Wasser, welche Wasserpflanze würde sich denn hier ansiedeln?
Als wir am nächsten Morgen mit dem Boot in die Gasse einbogen, kam die Antwort. Sie lautete: Schschrrr. So klingt es, wenn man Büschel aus grünen Plastik-Stoppeln in der Floßgasse anbringt, die das Boot auf ein absolut harmloses Tempo ausbremsen. Mit diesem Umbau wurde die Moldau-Paddeltour ein gutes Stück sicherer, aber auch langweiliger.
Bei meiner Fahrradtour waren die Stoppel noch immer da, wirkten aber deutlich abgenutzter. Ob die Gasse deshalb wieder gefährlicher ist, kann ich nicht sagen.
  

10 August 2025

Donau: Von Bratislava nach Vrakúň

Wir verließen Bratislava auf direktem Weg über die Alte Brücke, was eine gute Idee war, auch wenn mir auf dem Weg zur Brücke eine Fahrschule abrupt in den Fahrradstreifen grätschte und dann zwei Polizeiautos darauf parkten.


Dafür waren wir ruckzuck auf dem Deichradweg am Südufer - auf der angeblich härtesten Etappe dieser Tour.
Wegen der mangelnden Einkehr- und Verpflegungsmöglichkeiten sollten Sie diese Route sorgfältig planen!, warnt der Reiseführer. Wie um seine Worte zu verhöhnen, überhäufte Bratislava die ersten Kilometer mit Imbissen am Wegesrand. Außerdem ratterte ein leeres Kiesfließband unter dem Radweg hindurch (sonst führen die Dinger immer obendrüber) zu einem Altarm der Donau.

Während die letzten hochwertigen Speckgürtelhäuser und Luxuswohnungen verschwanden, genossen wir den Luxus, zwischen zwei Radwegen wählen zu können: Dem Deichradweg und einer Art Fahrradstraße auf der anderen Seite des Grabens. Die Sonne stieg immer höher, und um uns gegen sie zur Wehr zu setzen, wechselten wir rechtzeitig auf die Fahrradstraße.

Denn direkt am Straßenrand sollte laut Google Maps ein Badesee liegen.
Lag er auch. Und was für einer!
Er heißt Rusovské Jezero (Rosa See? Rosensee? Russensee?) und hat eine tiefblaue Farbe, als käme er frisch aus den Alpen und nicht aus dem flachen Grenzland zwischen der Slowakei und Österreich. Nichts wie hinein! Sogar unser Vater sah ein, dass ihm nichts anderes übrigblieb, nachdem er sich mit einer durchgeschüttelten Kofola-Flasche bekleckert hatte.
Das Wasser ist unglaublich klar (übrigens auch in den Flüssen und Gräben), silbrige Fische wuseln über dem steinigen Grund mit 1,5 Meter Sicherheitsabstand zu menschlichen Füßen herum. Wir schwammen hinaus und steuerten eine Insel an. Doch kurz vor dem Ziel, wir konnten bereits wieder stehen, richtete sich hinter einer Palisade aus geflochtenen Zweigen eine Slowakin auf und rief "Nuda, nuda!" Eine kleine Gemeinschaft scheint die Insel zu einem FKK-Resort ausgebaut zu haben. Da uns nicht der Sinn danach stand, die Badehosen auf den letzten Metern auszuziehen und dann durch die Gegend zu tragen, kehrten wir um.
Ein anderer Anziehungspunkt ist dieser Baum, an dem sich bereits ein paar teils mutige, teils zögerliche slowakische Kinder angestellt hatten. Das Wasser wird rasch tief, deshalb bietet er Möglichkeiten für mehrere Mutproben.
Level 1: Vom seitlichen Ast springen.
Level 2: Ganz weit raufklettern und das Seil der Schaukel herbeiziehen, dann wieder ein Stück runter und sich daran seitlich in den See schwingen.
Level 3: Wie Level 2, nur dass dabei eine Wespe auf dir herumkrabbelt.

Die Donau verbarg sich immerfort hinter Bäumen. Kleine Betonpyramiden wiesen darauf hin, dass wir uns noch immer im Grenzgebiet des ehemaligen Eisernen Vorhangs befanden und die österreichischen, ungarischen oder sonstigen Panzer nicht auf dumme Ideen kommen sollten, denn diese Teile machen bestimmt mehr als einen platten Reifen.
Kurz darauf bogen wir bei Čunčovo links ab. Wären wir geradeaus weitergefahren, wären wir kurz darauf in Ungarn gelandet. Nur ein kurzes Stück weiter rechts, hinter der Autobahn, liegt das Dreiländereck Österreich/Slowakei/Ungarn. Dadurch ist Bratislava die einzige Hauptstadt auf diesem Planeten, die an zwei andere Staaten grenzt. Die ungarische Variante des Donauradwegs geht hier weiter durch die Städte mit den wunderbaren Namen Mosonmagyaróvár und Győr.

Wir haben uns aber aus verschiedenen Gründen entschieden, auf der slowakischen Seite weiterzufahren. Und das heißt, wir müssen jetzt zu einem Stausee. Es ist der größte der gesamten Donau und einer der merkwürdigsten, die ich je gesehen habe.
Die erste Staumauer hat die Aufgabe, ein bisschen Donau auszusortieren, das mehr oder weniger naturbelassen weiterfließen (und vorher ein bisschen Strom produzieren) soll, und den Rest schon mal kräftig anzustauen.
Als erstes fuhren wir über die ganz schmale Mosoni-Duna (Kleine Donau), die rein nach Ungarn und manchmal kurz am ungarischen Donauradweg fließt, wobei sie sich noch weiter aufteilt. Im Vergleich zum Rest ist sie aber wirklich eine Mini-Donau.

Als zweites holperten wir auf kleinen Blechplatten über sehr großen Blechplatten dahin. (Die Mutter bestand darauf, diesen schmalen Fußweg zu benutzen statt die stark befahrene Straße.) Unter uns rieselte und rauschte etwas Wasser auf die andere Seite und sammelte sich im alten Flussbett der Donau, das auch in heutigen Landkarten einfach Donau heißt.

Viel wilder ist das Wasser an diesem Rafting-Parcour für Paddler, das letztlich auch im alten Donau-Flussbett landet. (Auch anderswo waren Slowaken gerade dabei, ihre Schlauchboote vom Auto zu holen.)
Die weiten Auen und Arme dieser Donau waren die Heimat der Seeadler, Großtrappen und anderer seltener Arten. Aber sie bereiteten den Menschen auch viel Kummer, vor allem 1965, als das größte Hochwasser jemals die Slowakei heimsuchte. 1977 schlossen die sozialistischen Bruderstaaten Ungarn und die Tschechoslowakei einen Vertrag über den Bau des Wasserkraftwerks, und trotz großer Proteste ging es los mit der Zerstörung einer einzigartigen Auenlandschaft. Weil das meiste auf slowakischer Seite liegen sollte, sollte Ungarn auch ein paar komplett slowakische Bauwerke bezahlen, aber der Strom sollte Hälfte-Hälfte aufgeteilt werden. Doch 1989 wurde der Umweltschutz in Ungarn ein viel größeres Thema. Die neue Regierung ließ die ökologischen Folgen genauer untersuchen und stoppte die Bauarbeiten einfach, ohne ihre Gründe zu verraten - Streit, erfolglose Verhandlungen, und sogar der Internationale Gerichtshof in Den Haag musste entscheiden, dass der sozialistische Vertrag von 1977 rechtmäßig war.

An der Spitze des Stauwehrs steht das Meulensteen Danubiana Art Museum. Ein Name, der in unserer Gruppe große Vorfreude und Erwartungen weckte.
Erwartungen wir: "Prima, da gibt es bestimmt ein Café und ein Klo."
Gab es nicht, zumindest für niemanden, der nicht erst einmal den Eintritt bezahlt. Durch den Zaun erspähte ich dieses Kunstwerk, das auf Englisch schlicht Transformation heißt, auf Slowakisch dagegen so viel wie... Erstes Selbstportrait? Okay, was sagt man zu einem Künstler, der sich selbst so wahrnimmt? Glückwunsch zur erfolgreichen Diät?
Zumindest gab es im Foyer den letzten kühlen Moment.

Und dann: Das hier.
Die Slowakei hat sichergestellt, dass 97,5 Prozent des Donauwassers auf ihrer Seite bleiben. Damit auch Platz dafür ist, hat sie 150 Kubikmeter Naturlandschaft weggebaggert. Das Ergebnis ist eine endlose Fläche namens Vodné Dielo Gabčikovo, durchsetzt mit kleinen Grasinseln und... Moment, sind das da hinten Schiffswracks?
Eine der größten Auswirkungen auf die Natur scheint zu sein, dass a) das Wasser auf einmal eine trübe dümpelnde Suppe mit Algeninseln ist und b) nur noch weiße Vögel überleben, von denen aber echt viele in allen Größen. Das Ufer besteht aus Asphalt oder Betonplatten, die unter dem Unkraut manchmal kaum zu erkennen sind. Was für ein komisches Gewässer.
Wir gewährten einem Fahrzeug vom Water Management Vorfahrt, dann bogen wir ein auf einen der monotonsten Abschnitte des Donauradwegs. Und kamen dort richtig, richtig fix voran. Ausgerechnet auf der längsten Etappe bekam ich das Gefühl, dass wir uns endlich eingegroovt hatten.
Wir hatten genug Verpflegung, waren noch erfrischt vom Badesee, der auf diesem Abschnitt gefürchtete Gegenwind hielt sich sehr in Grenzen, und alles war asphaltiert.
Nur ein Problem gab es: Schatten. Denn Schatten gibt es auf dieser Strecke ungefähr so häufig wie Pride-Paraden in Afghanistan. Was zu abenteuerlichen Kopfbedeckungen mit nassen Lappen und schützenden Handtüchern führte, sodass ich eine Weile in Begleitung von Deichscheichen dahinradelte. Es gibt zwar Bäume auf diesem Streifen Land, aber sie sind einfach zu weit weg!

Wir erinnern uns: Nebenan ist ja immer noch die Donau, also das alte Flussbett, das gar nicht mal so schmal ist. Sie ist jetzt die Grenze. Obwohl wir genau zwischen den Strömen fuhren, war diese Donau sehr schüchtern. Und so war das erste, was ich in meinem Leben von Ungarn sah, ein paar äußerst zaghafte Baumspitzen hinter slowakischen Bäumen.
Um mehr von Ungarn (das heißt, komplette Bäume) zu sehen, musste ich den Deich runter, die Straße überqueren und einem Waldweg folgen. Auch an diesem kurzen Erdstrand hatte sich bereits eine Familie zum Baden niedergelassen.

Nur ganz kurz ist diese Grenzdonau auch vom Radweg aus zu sehen, dort beginnt sie sich zu teilen, wobei ein Arm auch gleich von einem kleineren Wehr gestaut wird. Aber immerhin haben wir dank der ungarischen Umweltschützer der Wendezeit eine grobe Ahnung, wie die Donauauen in der Kleinen Ungarischen Tiefebene damals wohl überall ausgesehen haben.

Allmählich normalisiert sich die Landschaft ein bisschen, der Stausee verjüngt sich zum Privodný kanál, und die Donau lässt Platz für slowakische Dörfer, jedes mit einer silbernen Kugel auf einem Mast. Damit die auch irgendwie von der restlichen Slowakei aus gut erreichbar sind, pendelt eine Fähre nach drüben. Ein paar Autos standen an, doch der Fährmann war zunächst damit beschäftigt, sein modernes Schiff mit einem Wasserschlauch abzuspritzen.

Schließlich blieb uns nichts anderes übrig, als über die Straße in den Schatten der Bäume zu fliehen. Dort kamen wir in Berührung mit der slowakischen Insektenwelt, die, ohne dass wir jetzt alle Arten bestimmen können, schon irgendwie anders aussieht. Neben einer ganz grünen Gottesanbeterin umfasst sie viele kleine graue hüpfende Dreiecke.
Das Gras in der prallen Sonne war übrigens grün und saftig, es hatte wohl vom Regen der letzten Wochen gut getankt und profitierte auch von der Flussnähe.

An der Fähre stießen wir auf ein vergilbtes Schild.
Kotva Bufet, Ankerbuffet, 5 km? Mit großer Skepsis folgten wir dem Schild weiter den Deich entlang, dann runter auf einen alternativen Radweg am Waldrand (immer noch kaum Schatten), und schließlich rein ins nächste Dorf und... oho! Da ist es wieder, das paradiesische Blau von heute Morgen. Das Šulianské Jezero wurde bereits eifrig zum Baden genutzt, zum Springen gab es einen hohen Steg. Eine Familie plantschte liebevoll mit ihren Kindern, nur das behinderte Mädchen blieb an Land und sah von seinem Wagen aus zu. Zum Schwimmen war der See fast so herrlich wie der erste, abgesehen von einem einzigen scharfen Metallstück am Grund und der Tatsache, dass irgendwann Bojen den Badebereich begrenzten.
Und das "Buffet"? War natürlich ein Imbiss mit Holzbänken (diesmal abgedeckt mit Folie gegen tropfende Badegäste). Inzwischen war auch ich vom Englischen ins Tschechische gewechselt, und es funktionierte problemlos. Die Slowaken, die sich einst von einem fehlenden Bindestrich getriggert fühlten, sehen es nicht als Zeichen von tschechischem Zentrismus, wenn man ganz selbstverständlich auf Tschechisch bestellt und erwartet, dass es jeder versteht.

Endlich, endlich erschien am Horizont ein rostrotes Dreieck, welches das Ende der Strecke verkündete. Wir radelten abermals auf der Hauptstraße über eine Staumauer. Die Mauer von Gabčikovo hat acht Kaplan-Turbinen und macht aus dem aufgestauten Donauwasser Strom. Dabei ist die Mauer in der heutigen Form nur eine Notlösung, nachdem die Ungarn ausgestiegen waren - eigentlich waren mehr Turbinen auf ungarischer Seite geplant.

Damit sich die Menschen das Bauwerk ansehen können, wurde direkt unter das rostrote Kontrollgebäude eine Aussichtsplattform in derselben dreieckigen Form gebaut. Sehr schön, dass habe ich so noch nicht gesehen. Und über der Seite, wo das Wasser abfließt, ragt zusätzlich ein Glasbalkon in die Donau. Ich bin schon abgehärtet vom Arnhemer Kirchturm am Rhein, aber trotzdem... aiaiai, das geht tief runter, und wenn ich da unten lande, sind die Strömungen bestimmt richtig fies.

Durch zwei Schleusenkammern passieren die Schiffe das Bauwerk. Angeblich sind es jedes Jahr 15 000 Schiffe und 6 Millionen Tonnen Güter, die hier durchtuckern.
Ich habe da meine Zweifel, ob diese Zahlen noch aktuell sind. Obwohl wir heute die Donau fast die ganze Zeit im Blick hatten, war die Anzahl der Lastschiffe, die wir gesehen haben, Trommelwirbel:
3.
Sogar bei den Flusskreuzfahrtschiffen gab es eins mehr.
Was ist los mit der Wasserstraße? Wasser schien sie genug zu geben, doch angesichts der ständigen Unsicherheit mit Niedrigwasser haben sich vielleicht mehr Unternehmen auf den Landweg zurückgezogen. Obwohl der Rhein ja schlimmeres Niedrigwasser zu haben schien, und dort ist trotzdem noch viel mehr Schiffsverkehr.

Das reicht für heute,  das waren schon deutlich über 50 Kilometer. Aber wohin nun? Direkt am Wehr stehen ein paar verfallene Bungalows, die laut Onlinebewertungen total heruntergekommen sind und in denen man sich nicht waschen kann. Üblich und unvermeidlich ist es daher, der Hauptstraße bis in die Stadt Gabčikovo hinein zu folgen. Aber selbst dort hatten wir nichts gefunden. Nein, die nächste freie Übernachtung gab es erst im Dorf hinter Gabčikovo namens Vrakúň, 10 Kilometer vom Ufer entfernt. So einen weiten Umweg nur zum Schlafen haben wir noch nie zuvor gemacht. Immerhin mussten wir nicht die Straße nehmen, es gab auch eine Route über Feld- und Radwege.
Ohne Schatten, versteht sich.
Noch weiter hinten liegt übrigens die Stadt Dunajská Streda, also Donau-Mittwoch, oder eher Donau-Mitte. Hä, das ist doch total weitab von der Donau? Nicht ganz, hinter Dunajská Streda gibt es noch die Malý Dunaj, die slowakische Kleine Donau, die sich schon bei Bratislava abgespalten hat. Auch die Stauwehranlage kann nicht ganz verhindern, dass die Donau nach wie vor ein weitverzweigtes Binnendelta hat. Manche sehen die Große Schüttinsel, auf der wir gerade fahren, als die größte Flussinsel Europas an. Inselflair kommt aber nicht auf.

Auch nicht in Vrakúň. Die kurz gemähten und gesprengten Rasenflächen hinter abweisenden Mauern deuten darauf hin, dass es sich eher um ein wohlhabendes Dorf handelt. "Die bauen erstmal ne Mauer und überlegen dann, was reinkommt.", beschrieb unser Vater den Baustil.
Nur unser Hotel fällt da ein bisschen aus der Reihe. Das erkannten wir nicht nur daran, dass der Rasen einen Tacken höher wuchs. Sondern vor allem, weil über den Parkplatz ein brauner Hase hoppelte, welcher sich an besagtem Rasen gütlich tat. Zum Streicheln war er leider zu schüchtern.

Ganz anders dieses Kätzchen, das beim Frühstück um die Tische strich und um Streicheleinheiten bettelte. Leider war es in der Nacht offenbar in eine Wanne voll Klebstoff gefallen und hatte sich anschließend in einer Wiese gewälzt. Der Schwanz klebte am linken Hinterbein, es konnte nur ungeschickt durch die Gegend taumeln, und niemand wollte es in diesem klebrigen Zustand während des Frühstücks berühren.

Unsere Fahrräder übernachten in der Speisekammer zwischen Bierfässern und Kühltruhen. Damit sie auch genügend Platz haben, hauten wir abends im Restaurant kräftig rein.