04 September 2024

Bode: Von Treseburg nach Thale

Darf ich vorstellen? Das Tal der Luppbode. Darf ich Ihnen eine kleine Empfehlung aussprechen? HALTEN SIE SICH UM GOTTES WILLEN FERN VON DIESEM GEISTESKRANKEN COUSIN DER BODEFAMILIE! Gehen sie da lieber nicht zu Fuß rein, auf keinen Fall mit dem Rad, vor allem nicht mit dem Kraftfahrzeug und unter gar keinen Umständen NIEMALS MIT EINEM MOTORRAD! Nicht die Mutproben am Rappbodestausee, sondern die lebensgefährliche Luppbode hat mich am meisten verstört. In ihrem Tal ist einfach nicht genug Platz.
Nichts Böses ahnend stieg ich in eine kleine Buslinie, kaum mehr als ein Minivan, der einen Haufen Wanderer nach Treseburg transportierte - leider durchs Luppbodetal. Ein größerer Bus hätte auf diese staubige, schmale Piste nur schwer raufgepasst. Immer wieder donnerten um Haaresbreite Motorräder an uns vorbei, sekündlich wuchs mein Respekt gegenüber dem Beruf des Busfahrers im Allgemeinen und denen der Linie 256 im Besonderen.
Schließlich begegneten wir einer der Motorrad-Kolonnen erneut, doch diesmal bewegten sich die Motorräder nicht mehr. Und einer ihrer Fahrer auch nicht. Die Busfahrerin fragte sofort, ob sie Hilfe brauchten, doch sie hatten alles da und den Notruf bereits verständigt.
"Das war schon der dritte diese Woche.", murmelte die Fahrerin düster.
Während der restlichen Fahrt hatten die Gespräche im Bus einen völlig anderen Ton und streiften unter anderem das Thema Organspende.

In Treseburg löst sich die Luppbode in der großen Bode auf.
"Dann viel Spaß beim Wandern!", rief uns die Fahrerin hinterher.

Heute war mein Rad in der Werkstatt, also habe ich den schönen Tag genutzt, um endlich mal die vielleicht zweitbeliebteste Harzwanderung (nach dem Brocken) zu absolvieren. Rasch hatte sich die Bustruppe zerstreut, und im angeblich so beliebten Tal war doch überraschend viel Platz und Ruhe. Auch für Feuersalamander.
Der älteste Wanderpfad von 1834 hieß Jägerstieg und ist dem Oberforstmeister Bülow zu verdanken. Aber das Update in Form der heutigen bequemen Wege stammt von... der Bahn? Ehrlich? Jap, einfach nur, weil die Bahn wollte, dass an ihrem Endbahnhof in Thale irgendwas Attraktives ist. Was für ein Engagement! Aber von der heutigen DB kann man so etwas nicht erwarten, sonst müsste sie ja ganz Bielefeld neu aufbauen.

Was macht die Schlucht so beliebt, dass alle gefallenen Bäume fein säuberlich durchgesägt und die Wege so gut in Schuss sind? Die Bode ist bereits sprudelig, aber noch halbwegs normal.

Doch die Felswände schauen bereits überall heraus. Allein unter diesem Baum sieht man eine Kombination aus drei verschiedenen Gesteinsarten und Erdzeitaltern.

Mit der Sonnenklippe schwingen sich die Felsen zum ersten Höhepunkt auf und lugen in einer kleinen, schartigen Spitze in das Tal hinein.

Und dann wird es allmählich enger und enger. Geländer und Abgründe am Wegesrand sind nicht durchgehend vorhanden, aber auch keine Seltenheit.
Sturmbedingte Schäden im Geländer auch nicht.

Aber wer wegen der paar Lücken denkt, der Wanderweg sei ungepflegt, der sollte dringend mal in die Schlucht des Kästenbachs abbiegen. Das Buch Vergessene Pfade empfiehlt diesen Nebenbach als stilles Hinterzimmer des Touristen-Hotspots.

Tja, diese vergessene Schlucht hat man auf jeden Fall ganz und gar für sich. Dabei bilden die Felsen ein paar überaus versteckte Überraschungen: Eine Höhle, die wie eine dunkle Pore in der Felswand steckt, und ein Wasserfall, der sich wie ein welliger Wurm von der Klippe stürzt.

Aber es gibt eben auch einen Grund, warum der Kästenbach vergessen ist: Bäume. In dieser Schlucht liegen sie überall, quer über dem Fluss, dem Wasserfall, der Höhle und dem Weg, es wäre leichter aufzulisten, wo kein Baumstamm liegt. Und hier macht sich definitiv niemand die Mühe, sie durchzusägen. Baum um Baum um Baum musste ich übersteigen, bis ich weder sehen noch wissen konnte, ob unter all den Stämmen wirklich noch etwas Ähnliches wie ein Pfad lag.
Ich habe gelesen, dass der Harzer Wanderverein aus Gründen der Effizienz einige Wege aufgeben musste, um sich auf die Instandhaltung der anderen konzentrieren zu können. Deutlicher als zwischen Bode und Kästenbach lässt sich der Unterschied nicht darstellen.

Was sind das überhaupt für Bäume? Eiben, sofern man dem Namen des Tals glaubt, denn Käste ist ein altes Wort für Eibe.
Schon Alexander von Humboldt war so begeistert von den Eiben hier, dass er sich in seiner Euphorie um 3000 Jahre verschätzte. Er behauptete, einen 4000 Jahre alten Baum gefunden zu haben, dabei bringt es der Jungspund nur auf 1000.
Einige Bäume im Bodetal haben Hausnummern. Das sind nicht die Zählenden Kiefern der Scheibenwelt, sie wurden markiert, weil ihr Erbgut unter derselben Nummer in einer Gen-Datenbank liegt.

Nee, nee, ich kehre lieber um zum bodenständigen Bodeweg. Der legt nun eine etwas felsenarme Passage durch den Wald ein und steigt zum nächsten Höhepunkt an.

Felsarm? Von wegen, jetzt legt das ganze Tal richtig los. Graue Wände fallen von den Bergen ab, und ganz unten geht das Spektakel bereits los.
Das muss der brutale Bodekessel sein: Eine Engstelle folgt auf die andere, nur einmal bildet der Fels plötzlich einen Kreis und das Wasser wird schwarz und fast vollkommen ruhig. Von der Form her ähnelt dieser Ruhepol am meisten einem Kessel, doch laut der Karte sind mit dem Bodekessel trotzdem die engsten, schaumigsten Stellen weiter oben gemeint.

Vielleicht, weil das Wasser darin zu kochen scheint. Das Gestein hat immer mehr vom Grund des Flusses weggeschmirgelt und sogenannte Kolke geschaffen. Eigentlich war hier auch ein Wasserfall, aber den haben die Flößer gesprengt, damit sie das Harzholz auf diesem nicht wirklich sicheren Verkehrsweg transportieren konnten.
Sorry, liebe Eckerschlucht, es mag Mainstream sein, aber das hier ist mein neuer Fluss Nr. 1 im Harz. Von allen Harzschluchten kommt diese hier einem Hochgebirge am nächsten. Als ich den Felswänden folgte, wähnte ich mich wirklich kurz in einer mittelgroßen Schlucht im Tirol.

Über die bequeme Teufelsbrücke habe ich das Ufer gewechselt. Und immer noch zwängen sich die schaumigen Fluten durch steinerne Wände. Zugegeben, die Pflanzen verdecken das auf meinen Fotos oft - das menschliche Auge ist einfach besser darin, Zweige und Blätter auszublenden, um sich auf alles dahinter zu fokussieren. Live sieht es anders aus!


Natürlich war auch Goethe mal hier. Ja, wissen wir, sagt das Schild am Goethe-Felsen präventiv und etwas verzweifelt, der war überall und das steht überall dran - aber hier war es ihm wirklich wichtig, und er war mehrmals da! Okay, er hat nicht hier den Bergbau geleitet, sondern in Ilmenau - aber bestimmt konnte er sich bei den Bergleuten hier inspirieren lassen! Und den Brocken (der ist ja quasi fast um die Ecke) hat er ja sogar im Faust eingebaut!

Bei der Einhaltung der Wanderregeln versucht es das Bodetal zur Abwechslung mal mit Umgekehrter Psychologie.


Nach den ersten Biegungen wartet Deutschlands Biergarten mit dem besten Blick und armer Küche (irgendein itzbold hat das W vom Schild abgerubbelt). Beim Genuss meines einfachen Mahls wusste ich gar nicht, wo ich hingucken sollte. Die steilen Felswände, die pittoreske Steinbrücke oder doch ins schäumende Wass... oh, jetzt hab ich mich bekleckert.


Allmählich näherte ich mich wieder der Stadt. Nachdem ich ganz eng an einer Felswand vorbeispaziert war, tauchte am anderen Ufer sogar eine befahrbare Straße auf, an deren Ende eine Jugendherberge mit traumhaftem Standort thront.
Denn auch mit Straße bleibt das Tal aufregend!

Aber Moment! Ehe ich dieses phänomenale Tal verließ, wollte ich es noch einmal von oben sehen. Und dafür gibt es eine stattliche Auswahl. Links und rechts rahmen jeweils ein feministischer Berggipfel die Schlucht ein.  Ich hätte zwar auch eine der Seilbahnen aus der Stadt nehmen können, aber meine Waden sahen sich durchaus in der Lage, über deren gesalzene Preise hinwegzusteigen.

Also habe ich mich an die Bezwingung der Schurre gewagt. Dieser "erbärmliche" Wanderweg war schon das Sorgenkind des Bodetals, als die Wanderwege unten im Tal angelegt wurden. Ein kürzlicher Sturm hat die Schurre wieder mal verwüstet, aber sie wurde wiederhergestellt. Mehr oder weniger. Dieser provisorische und wenig vertrauenerweckende Mischmasch besteht mal fast schon aus Pflastersteinen und dann wieder aus etwas, das aussieht, als hätte eine Lawine eben erst frische Felsbrocken angespült. Wandern auf eigene Gefahr? Ja, das glaube ich gern! Allerdings wandert es sich bei weitem nicht so schlimm, wie es aussieht.

Die Rosstrappe ist auf jeden Fall der ruhigere und natürlichere Berg von beiden: Wer durchgehend in der Natur bleiben will, dem dürfte die Entscheidung für diesen Gipfel nicht schwerfallen. Er besteht, wie so oft im Nordharz, aus einer schartigen Felskuppe mit Geländer, diesmal ungewöhnlich langgezogen - geht es da hinten etwa immer noch weiter? So schlägt die Plattform immer wieder neue Winkel ein und zeigt das Tal von allen möglichen Seiten.

Es war einmal eine Prinzessin namens Brunhilde (in manchen Versionen auch Emma), die begegnete Ritter Bodo dem Toxisch-Männlichen aus Böhmen. Der wollte sie unbedingt heiraten und wurde nachts dermaßen unangenehm, dass Brunhilde einfach auf ihr Pferd stieg und den Turbogang einlegte. Bodo ritt hinterher. Leider führt das Drehbuch in solch dramatischen Verfolgungsjagden praktisch unvermeidlich in eine Sackgasse an einem tiefen Abgrund. Brunhilde gab ihrem Pferd die Sporen, so hart es nur ging, und es sprang so heftig ab, dass es a) einen tiefen Hufabdruck im Fels hinterließ und es b) tatsächlich über die Bodeschlucht schaffte. Bodo war anscheinend weniger geübt im Betätigen des tierischen Gaspedals und stürzte ab - zusammen mit Brunhildes Krone, die im Sprung abgerutscht war. Eine Gottheit, die anonym bleiben möchte, verwandelte den Ritter in einen Hund, der zur Strafe im Fluss die Krone bewachen muss. Dafür wurde immerhin die Bode nach ihm benannt. (Ganz genau, der schönste Harzfluss trägt den Namen eines mutmaßlichen Sexualstraftäters.) Ende.
Im Hufabdruck, der legendären Roßtrappe, sammelt sich seither Regenwasser und Kleingeld. Doch anders als beim Hexentanz gegenüber hat aus irgendeinem Grund niemand versucht, den Sprung zu wiederholen.


Hexentanz? Ach ja, dazu komme wir jetzt. Die Serpentine am rechten Ufer ist viel komfortabler und brachte mich direkt rauf zu einer Reihe von Felstürmen. Der erste ist anscheinend Franzose und heißt La Viershöhe. Aber auch auch les anderen Felstürme haben tolle Ausblicke, es sieht ein bisschen aus wie die Rabenklippen, aber in der superextended edition.

Doch ausgerechnet der berühmteste Gipfel ist aus Bergsteigersicht eine Enttäuschung. Wo genau soll nun der Hexentanzplatz sein? Meine Eltern waren vor mir hier. Als ich sie um ein Bild bat, schickten sie mir ein Foto eines Parkplatzes, und ich dachte: Super. Dabei ist es wahr, laut App liegt der höchste Punkt am Rande des Parkplatzes. Das sagt im Prinzip schon alles.
Irgendwo am Rande eines Hauses in Baugerüsten kann man sich zwar auf den Rand der Felsplatte stellen, doch das Panorama über das Tal ist hier eingeschränkter als bei allen anderen Gipfeln. Immerhin ist der Blick auf die Stadt Thale im Talausgang hier am besten.
Was wollten die Hexen bloß ausgerechnet hier?
Als Jesus in Deutschland noch keine Fanbase hatte (unter anderem, weil er noch nicht geboren war), brauchten die Sachsen einen anderen Glauben. Dazu suchten sie sich tolle Panoramaspots und vollzogen in der Walpurgisnacht nicht näher definierte heidnische Bräuche. So schrecklich barbarisch können diese Bräuche aber nicht gewesen sein, schließlich reagierten die Heiden sehr ängstlich, als sich noch heidnischerer Kram auf dem Kultort abspielte: Eines nachts kamen Gestalten mit schwarz angemalten Gesichtern (Blackfacing, nicht in Ordnung), Besen und Heugabeln und vertrieben die Nachtwächter.

Seitdem kursieren Legenden, dass jedes Jahr Hexen auf Böcken und Kälbern, Besen und Heugabeln (irgendwann blieben nur noch die Besen übrig) CO2-neutral angeflogen kommen, dem Teufel ein paar Opfer bringen und die schönste Hexe mit dem Teufel verheiraten. (Damals waren Hexen in der Folklore noch nicht alt und runzlig, sondern eher von Männern erdacht, die, wie Terry Pratchett es formulierte, mehr an die frische Luft gehen sollten.) Lange Rede, kurzer Besenstil: So kam der Hexentanzplatz zu seinem Namen.
Inzwischen haben die Hexen ihr Hexenhaus kopfüber aufgestellt und eine Sommerrodelbahn, einen Tierpark, eine Freilichtbühne und die Harz-Mystery-Show sowie ca. 666 gastronomische Einrichtungen ergänzt, um den Muggelmengen massenweise das Geld aus der Tasche zu hexen. Dass der größte Teil dieser Fläche aktuell auch noch Baustelle ist, raubt dem Gipfel den letzten Zauber. Immerhin: Der Lautsprecher am Hexenhaus erfüllt seinen Bildungsauftrag und zitiert aus der Hexenküchen-Szene bei Faust.

Unter einer alten Eisenbahnbrücke verlässt die Bode den Harz und steuert Thale an.

Links und rechts fährt je eine Seilbahn auf die Berge (davon eine sogar mit richtig geschlossenen Gondeln), dazwischen liegt ein kleiner Freizeitpark mit dem mittel-einfallsreichen Namen Seilbahnen Erlebniswelt. Das einzige, was mir dort interessant erschien, war die schaukelnde Hänge-Achterbahn Boderitt. Also habe ich für drei Erlebnispunkte bezahlt, die einer Fahrt entsprechen. Es ist ein netter, schaukeliger Ritt über den sprudelnden grünen Fluss, könnte aber schon schneller sein.

Das touristische Thale wird bewacht vom Götterkönig Wotan. Zugegeben, die Stadt ist eher funktional als schön - das wahre landschaftliche und touristische Zentrum der Stadt ist der Eingang ins Bodetal. (Insofern ist Thale ein tothal passender Name.) Die Stadt dahinter kommt nur noch, weil die Leute auch irgendwo wohnen und übernachten müssen.

03 September 2024

Bode: Von Rübeland nach Treseburg

Das hier war meine allererste Bode-Tour, die eher aus der Notwendigkeit heraus entstand: Ich hatte einen festen Termin für eine besondere Erfahrung gebucht, und ich brauchte mein Fahrrad, um rechtzeitig dort anzukommen. Die Busverbindungen waren, im Gegensatz zum Bodewasser, nicht so berauschend. Nach weniger als fünf Kilometern fühlte ich mich, als hätte ich schon meine komplette Kraft verbraucht, und ich war noch nicht mal ansatzweise da. Die Uhr tickte, der Termin nahte. Hm. Nicht optimal.

Mein Ziel befand sich noch auf dem Gebiet der Gemeinde Rübeland, aber hoch über der Ortschaft an der Hauptstraße. Die verschwindet auf einmal in einem Tunnel - und gibt dann die Aussicht frei auf den besten oder schlimmsten Platz im Harz, je nach Nervenstärke.

"Die Rappbodetalsperre ist ein Großbau des Sozialismus", behauptet eine graue (Stal)Inschrift am Tunnel. Von wegen! Die Rappbodetalsperre ist längst ein Großbau des Kapitalismus, genau genommen der Harzdrenalin GmbH. Und das macht die Staumauer möglicherweise zur spannendsten in Europa.

Aber der Reihe nach. Was für Seen gibt es hier?
Der obere, große See ist der Rappbodestausee und verzweigt sich wie ein Fjord nach hinten hin weit ins Gebirge hinein. Allem Adrenalin an der Staumauer zum Trotz finden sich da hinten wahrscheinlich auch total ruhige Wanderwege.
Der untere Stausee (im Bild) wird auch Talsperre Wendefurth genannt und staut die Gesamtbode, in der alle bisherigen Boden (inklusive Rappbode) drin sind. Zwei derart große Stauseen direkt hintereinander hat nicht mal die Saale!
Außerdem versteckt sich noch hinter einem Deich aus grotesk grellgrünem Gras ein Pumpspeicherwerk. Seine Röhren führen ebenfalls runter in die Talsperre Wendefurth, in die letzten Endes einfach alles Wasser rein muss.

Man kann auch durchaus um den oberen Stausee wandern. Nur wenige Meter vom Harzdrenalin entfernt wird es vollkommen ruhig und un-adrenalinig. Anscheinend sind nur wenige Besucher in der Lage oder willens, sich mehr als 200 Meter vom Parkplatz zu entfernen. Der Rappbodestausee ist zwar noch ein Stück entfernt, aber die Felswände am anderen Ufer waren zu erkennen. Er hat so viele Ausläufer, dass es aussah, als gäbe es regelmäßig Kreuzungen aus vier Wasserstraßen. Um den kompletten See zu wandern, muss Ewigkeiten dauern.

Wie auch immer: Ich lief zum Parkplatz rüber, zeigte die Reservierung vor und checkte ein. Die Harzdrenalin GmbH bietet hier folgende Möglichkeiten, sein Geld auszugeben. Im Folgenden werden sie sortiert nach Adrenalinlevel von Uiuiui! bis AAAAARHH!

1. Die neue Aussichtsplattform auf dem Ultrashot-Turm (dazu später mehr) mit durchsichtigem Gitterboden. Hier ist auch das Reverse Graffiti (durch Schmutz wegkratzen) auf der Staumauer am besten zu erkennen. Es zeigt riesige Schmetterlinge. Ganz links im Bild vereinigen sich Rappbode und Bode im unteren Stausee.

2. Ein Simulator-Film über die Talsperre, bei dem einen Professor Fallwasser aus Versehen auf Wassertropfengröße schrumpft und dann in einer Drohne durch die Tierwelt der Talsperre fliegen lässt. Nur hier sieht man die Staumauer auch von innen, denn die Drohne wird durch eine Röhre und eine Turbine gezogen. Ein 5D-Kino ist das aber nicht, auch wenn das draußen dransteht: Es gibt keine 3D-Brillen, und zischende Luft nur am Anfang im Vorraum, wo man "geschrumpft" wird. Die Simulation entsteht nur durch Bildschirme auf drei Seiten und einen Boden, der sich sehr eifrig bewegt. Die Kurven kann er sehr gut simulieren, den kompletten Überschlag habe ich ihm nicht abgekauft.

3. Der Titan RT (was auch immer das RT bedeuten soll) ist eine Hängebrücke aus Stahl, die von sehr, sehr viel (aber definitiv nicht zu wenig) Stahlseil gehalten wird. Die Brücke verläuft über dem unteren Stausee und neben der Mauer des Rappbodestausees, eine überaus eindrucksvolle Kombi. Der Titan schwankt leicht und durch den Gitterboden konnte ich direkt nach unten gucken. Das gab mir schon ein mulmiges Gefühl, aber im Vergleich zum Folgenden ist die Brücke noch vollkommen harmlos.


4. Die Megazipline ist so eine Art Seilbahn, bei der man an einem Stahlseil hängt, wie man sie aus Kletterparks kennt - aber viel länger, höher und mit mehr Sicherheitsvorkehrungen. Sie startet noch höher als die höchste Staumauer von einem Stahlturm. Beim Besteigen des Turms musste ich ein komplexes Ritual an Ausrüstung und Sicherheitsanweisungen durchlaufen und meine eigene Rolle und alles mit hochschleppen. So kann man die Wartezeit natürlich auch rumkriegen.
Das Ding ist zwar richtig hoch und schnell, aber zumindest fällt man da nicht wirklich, sondern saust vorwärts, und spürt die ganze Zeit, wie man am sicheren Seil hängt. Deshalb erlauben sich die Mitarbeiter auch viele Späße (was okay ist) und verspotten Angsthasen, die umkehren wollen (was eher fragwürdig ist). Mich haben sie beim Einklinken darauf hingewiesen, ich solle meine Schuhe neu besohlen lassen. Wie können sie nur stundenlang auf der sehr, sehr schrägen Startplattform am Abgrund arbeiten? Dabei muss man ja selbst schräg werden.
Dann machte es klick, und ich flog rasend schnell über den Harz. Der Fahrtwind war so stark, dass ich meinen eigenen Schrei nicht hören konnte. Und dann war es auch schon vorb... ha, von wegen, ich zischte immer noch über dem unteren Stausee dahin, und das Ende war kaum zu erkennen. Endlich mal eine Adrenalin-Attraktion, bei der ich den Blick und das Gefühl ausgiebig genießen konnte.
Meinem Nebenmann vom anderen Stahlseil dauerte es trotzdem nicht lang genug. "Gleich noch mal!", rief der Vierzigjährige aus.

5. Der Ultrashot ist ein Menschenkatapult im Inneren des Aussichtsturms, das die Betreiber selbst erfunden haben. Man wird an einer Rückenplatte festgeschnallt, die an Seilen hängt, die wiederum an senkrechten Schienen befestigt sind. Ich hatte mir das wie umgekehrtes Bungeejumping vorgestellt, also dass die Seile so elastisch sind, dass man oben noch über den Turm hinausfliegt. Ganz so war es dann nicht, es ist quasi einfach ein sehr schneller Aufzug oder wie einer dieser Freefalltower aus Freizeitparks, aber halt für nur zwei Personen. Oben bleibt man entweder stehen, um die Aussicht zu bewundern, oder es geht sofort wieder runter, dann fühlte es sich wirklich nach freiem Fall an. Beide Varianten haben ihren Reiz, und beide bekommt man mehrmals geboten.

6. Das Wallrunning ist noch einen Zacken schärfer, und deshalb war die Mitarbeiterin den Angsthasen (zu denen ich diesmal eindeutig zählte) gegenüber auch viel einfühlsamer. Selbst, wenn ich den Gurt vor lauter Nervosität falschrum anzog und ihr auf die Hand trat. Ich war vermutlich auch nicht der einfachste Kunde.
An der Staumauer der Rappbode ist Wallrunning anscheinend nicht möglich, deshalb fand es unten an der kleineren Staumauer von Wendefurth statt. Die ist immerhin noch 43 Meter hoch, und diese 43 Meter "läuft" man runter. Das Fiese daran sind die ersten zwei Minuten. Da stieß die Dame mit unheilverkündendem Quietschen eine Tür im Zaun auf. Ich musste mich da hinstellen, gaanz langsam über die Mauer beugen und Senkrecht und Waagerecht aktiv vertauschen. Als ich es endlich durch diese Pforte des Grauens geschafft hatte, konnte ich das Seil im Rücken spüren und ab da wurde es richtig cool. Mein Körper begriff, dass er nicht fiel, und akzeptierte überraschend schnell, dass Senkrecht ab jetzt das neue Waagerecht ist.
Ein richtiges "Running" ist das eigentlich nicht. Vorwärts kommt man, indem man das Seil durch die Hände gleiten lässt, und was man dabei mit den Füßen macht, ist lediglich eine Stilfrage. Im besten Fall ist das ein Wallaustronautenwalking oder Wallrutsching (letzteres bei mir), im schlimmsten Fall ein Wallstrampling und Walltrippling (bei einem meiner Vorgänger), bei dem man nur selten Kontakt zur Mauer herstellen kann. Darüber hinaus veranstalten die Mitarbeiter durch Rufen eine Art Antimationsprogramm, zu dem auf Wunsch ein kurzes Wallfalling und im unteren Bereich Walljumping gehören. Ein bisschen albern, aber es ist echt ein einzigartiges Gefühl, auf dieser grauen Riesenmauer rumzuhampeln.
Nachtrag: Inzwischen wurde das Wallrunning auf eine Wand des neuen Ultrashot-Turms verlegt, und zwar auf die Seite, die von der Aussicht abgewandt ist. Das finde ich schade, ich kann mir nicht vorstellen, dass diese olle Metallplatte mit dem Raumgefühl einer echten Staumauer mithalten kann. Entsprechend herrschte bei dieser Attraktion auch ziemliche Leere.

7. Der Gigaswing von der Titan-Hängebrücke ist so was Ähnliches wie ein Bungeesprung, bloß dass man dann am Seil unten hin- und herpendelt, und zwar nicht kopfüber. Das habe ich (jedenfalls hier) nicht gemacht, aber für furchtsame Menschen dürfte schon das Zusehen aus sicherer Entfernung das Risiko eines Herzstillstands messbar steigern.

Das Harzdrenalin ist klasse für alle Bekloppten, die so was mögen (wie ich festgestellt habe, bin ich da bei Weitem nicht der einzige, sehr beruhigend). Wenn Leute aber sagen, solche Anlagen würden die Berge verschandeln, lässt sich das schlecht von der Hand weisen. Immerhin haben sie inzwischen die Kieswege besser in die Landschaft eingepasst, dafür bauen sie schon wieder irgendwas Neues.


Der schmale, verwinkelte Wanderweg von einer Staumauer zur anderen ist für Radler nicht geeignet. Für den Rückweg musste ich die Hauptstraße wieder steil runter, was einerseits toll war, aber andererseits nicht, denn es hieß, ich würde den ganzen Mist irgendwann nochmal hochächzen. Mir blieb keine andere Wahl, als neben endlosen Autokolonnen noch mal ganz bis zum Boden und zur Bode runterzufahren.

Zum Glück hatte ich die Route online sorgfältig erkundet und wechselte rechtzeitig das Ufer, bevor die Straße auf der anderen Seite das Tal verließ. Deshalb durfte ich eine ganze Weile direkt an der Bode radeln, die wieder etwas wilder und steiniger schäumte. Ich sauste durch herrlich grünen Waldschatten und unter einer rostigen Bahnbrücke und irgendwelchen alten Röhren durch, die so gar nicht in die Landschaft passten.

Am Ende dieses grünen Zwischentals gab es sogar wieder eine Ortschaft, richtig mit Häusern und so.  Das malerisch abgewrackte Schloss am anderen Ufer wird offenbar als Hotel genutzt.
Inzwischen hatte mein Körper eine Betriebstemperatur von etwa 50 Grad Celsius erreicht, was der Gesundheit vielleicht nicht direkt förderlich ist. Ohne auf irritierte Blicke zu achten, zog ich mein Shirt aus, lief über einen steinernen Steg und schmiss mich in die Bode. Naja, genauer gesagt legte ich mich vorsichtig rein. Bei so vielen spitzen Steinen wäre Reinschmeißen der Gesundheit vermutlich auch nicht förderlich. Neben einem Hund war ich der einzige, der im flachen Fluss baden ging.

So hatte ich genug Kraft getankt, um den nächsten Anstieg... zu bewältigen? Joa, das schon. Ihn zu bewältigen, ohne abzusteigen? Definitiv nicht. Ihn würdevoll zu bewältigen? Der war gut.

Das hübsche Treseburg wird nach vorne hin immer schnöder, und das eigentliche Zentrum bildet eine graue Kreuzung mit Bushaltestelle. Denn hier startet man traditionell zur Wanderung durch das Herzstück des Bodetals.

Ich allerdings nicht, denn auch hier ist mit dem Rad kein Durchkommen. Ich hatte es ja schon prophezeiht: Während sich die Wanderer unten im Bodekessel nasspritzen ließen, keuchte und schwitzte ich eine atemberaubende (wortwörtlich, nicht wegen der Aussicht) Straße rauf. Eine Rennradlerin überholte mich mit einem deutlich teureren Rad. Naja, ich wollte ja eh gerade anhalten - selbstverständlich nur um eine Trinkpause zu machen, nicht um zu schieben, ähm, jedenfalls nicht bis sie außer Sichtweite ist. Ein Haufen Motorräder donnerte vorbei, betäubte meine Ohren und meine Nase.

Zum Glück wurde die Straße irgendwann beinahe waagerecht. Auch die Landschaft gab sich wieder richtig Mühe und präsentierte am Straßenrand als natürliche Leitplanke eine Felswand, von der Schlingpflanzen wie ein Wasserfall runterfielen. Ein Gang führte hinein. Neugierig stellte ich das Rad ab.


Nach fünf Minuten Tunnelbücken und Treppensteigen erreichte ich einen Aussichtspunkt. Das Bodetal schlängelte sich in einer engen Schlinge um den Berg, auf dem ich stand - egal, wohin ich sah, die Bode war da unten am Boden, versteckt von dichten Wäldern. Der Ausblick erinnerte mich sehr an den Fluss Tarn. Wer hätte gedacht, dass Sachsen-Anhalt so sehr nach Südfrankreich aussehen kann?

Aber nein, von hier oben ist doch viel zu wenig zu erkennen. Ich sollte es den Harzwanderern gleichtun und dort irgendwann mal reinwandern.

02 September 2024

Bode: Von Sorge nach Rübeland

Die Bode verlässt die Bahnstrecke gleich wieder. Das war mal anders: Vor lange Zeit hatte die Bode auch ihre eigene Bahnroute namens Rübeland-Bahn. (Nur der erste Kilometer hieß Südharz-Bahn aus Gründen, die wohl nur Eisenbahner verstehen.) Dieser Abschnitt wurde sogar schon 1969 stillgelegt, und so ist das einzige übriggebliebene Bauwerk eine bröckelnde Bahnsteigkante in Königshütte. Aber immerhin läuft ein gut befahrbarer Kiesweg auf der ehemaligen Bahnstrecke. Ab und zu versteckt er sich in schattigen Hohlwegen oder streift die Straße. Meistens aber geht es oben an der Sonne, hoch über der Straße, der Bode und vereinzelten Teichen vorbei.
Hinter dem Fluss erstrecken sich grüne Weiden. Wussten Sie übrigens, dass bis in die 60er fast jeder Harzer eine Harzkuh im eigenen Harzhalt Haushalt hatte? Nicht nur wegen der Milch, sondern auch als Zugtier, quasi die biologisch abbaubare Alternative zur Lokomotive.

In Königshütte vermischen sich die Warme und Kalte Bode zur Wilden Bode a.k.a. einfach nur Bode. Der Zusammenfluss ist total zugewachsen, doch ein kleiner Pfad wird für die Wanderer zuverlässig freigemäht. Sofern man ihn denn findet.

Moment, wo kommt denn die Kalte Bode eigentlich her?
Die Kalte Bode ist quasi das ostdeutsche Gegenstück zur Warmen westdeutschen Bode. Hm, jetzt wo ich darüber nachdenke, sogar die Namen passen irgendwie zur Mentalität der Menschen. Zumindest, wenn man Westdeutsche fragt (oder meine Eltern).
Ihre Quelle ist ein Teich mit Steinen. Glaube ich zumindest, denn die Zweige der Tanne (linkes Bild, unten links) lassen kaum etwas davon erkennen. Direkt daneben verläuft ein DDR-Grenzkolonnenweg. Die Kalte Bode flieht vor den kalten Betonplatten in einer überraschend geraden Rinne aus Tannennadeln.

Am Rande von Sachsen-Anhalts höchstem Berg und Wandergebiet, dem Brocken, rauscht der junge Bach durch ein ebenso steiniges wie blättriges Tal.
Falls Sie sich die Tortour antun und auf den Brocken (oder nur bis Schierke) radeln wollen, dann ist dieses Tal zwischen Elend und Schierke ein echter Geheimtipp - genauso steil, aber schattiger, stiller und schöner als die blöde Straße.

Ein Teil der Kalten Bode fällt am Königshütter Wasserfall nach unten. Dieser Wasserfall wurde zwar von Menschen geschaffen, aber anders als seine künstlichen Kollegen im Harz (etwa der Radauwasserfall) sollte er keine Touristen anlocken. Er war nur ein Nebenprodukt, als Bergarbeiter die Kalte Bode stauten und Wasserläufe veränderten. Hier fließt zwar nur ein schmales Bächlein, aber es fällt von einer zauberhaften grünen Klippe, und zwar ziemlich tief. Verglichen mit den Oberen und Unteren Bodefällen jedenfalls.


Und es geht direkt weiter mit menschlichen Eingriffen: Die vereinigte Bode wird zur Talsperre Königshütte angestaut, ein Stausee mit einer wunderbaren kleinen Asphaltstraße am Ufer.
Die Wander-Stempelstelle heißt aber nicht etwa Staumauer oder Talsperre Königshütte, sondern Trogfurter Brücke. Nanu? War diese Brücke so besonders, dass sie noch immer als bedeutender gilt als die heutige Staumauer?
Anscheinend schon. Im Jahr 916 lief ausgerechnet durch dieses stille Tal eine Handelsroute von Italien nach Skandinavien. Keine Ahnung, wieso die sich mitten durch den Harz geschleppt haben - ging das wirklich schneller als außen ums Gebirge? Es gab zwar extra Burgen im Bodetal, um die Route zu sichern, aber keine Brücke: Die Händler sind durch die Bode gefurtet. Als dann 1740 doch eine Steinbrücke entstand, muss die auch wichtig gewesen sein - jedenfalls wichtig genug, dass die SS sie 205 Jahre später gesprengt hat. Und auch in der Sowjetzeit entstand direkt ein Nachfolger aus Holz und Stahlbeton, damit das frisch gefällte Harzholz abtransportiert werden konnte.

So. In Susenburg sollte ich laut App der Straße quer über einen steilen Hügel folgen. Ich dachte mir, das kann ich umgehen, und wählte einen wilden Waldweg. Der war schön flach und ganz in Ordnung.
Nur an einer Stelle war plötzlich die Bode im Weg, und keine Spur von der Brücke, die die Karte versprochen hatte. Da musste ich es den italienisch-skandinavischen Kaufleuten gleichtun und durch die Bode furten. Auch wenn sie noch so eifrig um die Steine sprudelt und ein kleines Wehr runterfällt: Die Strömung war ziemlich harmlos, das Wasser flach und klar. Es schimmerte die ganze Zeit in einem bräunlichen Ton, aber der kam nicht vom Wasser selbst, sondern direkt vom Grund hinauf.

Nach ein paar fernen Steinbrüchen und Straßenkilometern bin ich dann auch schon in Rübeland angekommen. Das unauffällige Örtchen hat einiges springen lassen, um Besucher anzulocken. Der drittgrößte Anziehungspunkt: Rund um die Herzklippe schlingt sich eine Brücke aus Stahlbeton, auf der man das Wasser beobachten kann. (Nicht im Bild: Die Hauptstraße direkt hinter dem dicken Felsbrocken.) Eine Menge Leute starrten gebannt ins braune Wasser. Was sahen sie da nur? Ich schaute hinein. Es war immer noch klar, aber Fische oder dergleichen konnte ich nicht finden. Nur ein paar wellige Wasserpflanzen, die ihre Frisuren in der Strömung wehen ließen.

Der zweitgrößte Anziehungspunkt von Rübeland sind zwei Tropfsteinhöhlen, die irgendwie abwechselnd geöffnet sind. Die Baumannshöhle versteckt sich hinter einem grauen Eingangshaus, während die Hermannshöhle ganz stolz ihren offenen Rachen präsentiert. Davor verteilte die Polizei eifrig Knöllchen.
Und was am linken anderen Bildrand auch zu sehen ist: Rübeland hat einen Bahnhof. Nanu? Noch eine Schmalspurbahn, von der ich nichts weiß?

Jein. Hier kommt die Rübelandbahn zurück ins Bodetal, und ab hier fahren tatsächlich noch Züge. Aber nur Güterzüge und Museumsbahnen an ausgewählten Tagen. Eigentlich hatte die DDR die Strecke schon elektrifiziert, um den Kalk aus den Steinbrüchen wegzubringen. Die Museumsbahn hat sich trotzdem Dampfloks angeschafft, denn die ziehen einfach mehr Touris an.
Ich habe die Rübelandbahn nur als Modell im Bahnhof Wernigerode gesehen. Passenderweise ist sie dort der einzige Zug, der sich überhaupt nicht bewegt.

So, jetzt ließ es sich wirklich nicht mehr vermeiden: Ich musste das Tal verlassen und die steile Straße hoch. Wäre ich direkt am Fluss weitergefahren, hätte es mich in eine Sackgasse verschlagen, wo nur noch ganz enge Wanderwege weitergehen.
Wenn ich da oben ankomme, werde ich den größten Anziehungspunkt von Rübeland sehen. Und die Bode wird eine andere sein.

01 September 2024

Bode: Von Oderbrück nach Sorge

Die Bode liefert der Elbe über die Saale eine Menge Harzwasser, auf Wunsch (oder ohne Wunsch) auch mal Hochwasser, so ähnlich, wie es die Rhume für die Weser macht. Bereit für den abgefahrensten Harzfluss? Die Bode ist so cool, die musste ich auch noch vollständig fahren. Viele Abschnitte kannte ich ja eh schon.
Aber Moment! Von welcher Bode spreche ich hier überhaupt? Der Harz ist alles andere als bodenlos, er hat einen ganzen Haufen Boden.
Fangen wir erstmal mit der Großen Bode an, denn die ist der längste Quellfluss. Und wo finde ich die? Im Hochharz. Konkreter: Eine kleine Wanderung von der Bushaltestelle Oderbrück entfernt.
Wahrscheinlich war diese Hochebene im Herzen des Gebirges mal mehr oder weniger ein Wald, inzwischen dominieren meistens Baumstümpfe - rund um die Bodequelle aber sind schon kleine Weihnachtsbäume nachgewachsen.

Auf einer winterlichen Wanderung vor einigen Jahren zeigte mir eine kleine Aussichtsplattform den Ursprung der Großen Bode: Ein Moor namens Bodebruch, welches aus Tannenbäumchen und Schnee besteht. Auch die Kalte Bode entspringt nur ein kurzes Stück entfernt. Mit der hätte ich hier auch eher gerechnet.

In der Nähe befindet sich die Achtermannshöhe, der viertgrößte Harzgipfel. Wer die steile, eisglatte Treppe (zumindest im März, im Sommer geht's wahrscheinlich) bezwingt, wird reich belohnt: Der Gipfel ist eine riesige, schartige Felskuppe. Auf diesem verworrenen Stück Stein findet jeder sein passendes Plätzchen, egal ob er in erster Linie Wert auf Platz, Panorama oder Windschatten legt. Nur wer weich sitzen will, ist hier eventuell nicht ganz richtig. Oder muss ein dickes Kissen mitbringen.
Die Umgebung liegt zwar hoch oben, ist aber überraschend flach. Erst am Rande der Hochebene erhebt sich die Landschaft zu weiteren Berggipfeln, die an gigantische Sprungschanzen erinnern.
Die Achtermannshöhe ist auch die Wasserscheide zwischen Elbe und Weser: Links entspringt die Oder im Oderbruch, rechts die Kleine Bode zwischen Rotem Bruch und Achtermannsbruch. Der Oderteich funkelt als blauer Spiegel im Wald.

Langes Bruch, Königsbruch... Mathematiker hätten auf jeden Fall ihre Freude mit all den brüchigen Mooren im Hochharz.
Wie auch immer: Die Große und Kleine Bode vereinigen sich zur Warmen Bode. Damit sie schön warm bleibt, versteckt sie sich bei Torfhaus unter Schnee, Gräsern, Ästen...

...und Holzbohlen. Aber trotzdem ist die Warme Bode selbst Ende März nicht warm genug, um den Schnee zu schmelzen. Wenn sich frühe Wanderer und späte Skifahrer entgegenkommen, macht das die rutschige Wanderung auch nicht gerade sicherer. Der Schnee lag so hoch, dass er mir in die Schuhe rutschte. So kommt die Warme Bode also an ihre Wärme: Sie saugt sie aus meinen Füßen, diese verdammte Vampirin!
Merke: Wenn im Harz seit Wochen Sonne, Wärme und kein Niederschlag angesagt sind, ist das noch keine Garantie dafür, dass der Winter weg ist.

Na schön, ich sehe es ein, dann komme ich lieber ein andermal zurück, und diesmal mit dem Fahrrad. Auf einer anderen Harztour bin ich von Oderbrück aus auf einem anderen Waldweg herumgeirrt und habe geschaut, ob ich nicht wieder zur Bode durchkommen kann. Gar nicht so einfach, die ersten Wege waren komplett verwildert und mit ökologisch abbaubaren Schranken (auch bekannt als umgefallene Bäume) blockiert.

Erst kurz vor der Stadt Braunlage stieß ich auf einen guten Wanderpfad gleich neben dem Fluss. Am Rande von Niedersachsens höchstem Berg und Skigebiet, dem Wurmberg, rauscht der junge Bach durch ein ebenso steiniges wie blättriges Tal. Einer Theorie zufolge wurde die Wurmbode sogar nach dem Wurmberg benannt, und die Namen Warme und Kalte Bode sind daraus entstanden, weil das jemand falsch verstanden hat.

Hier sollen sich Wasserfälle befinden. Aber weder die Oberen noch die Unteren Bodefälle fallen so richtig auf. Und wieso eigentlich die Mehrzahl? Wenn, dann ist da höchstens je eine Stelle zwischen den Felsbrocken, die man Wasserfall nennen könnte... aber eigentlich nicht mal die. Es handelt sich einfach nur um einen sehr idyllischen Wildbach, der komplett stoned ist. Aber vermutlich muss man dem einen angeberischen Namen geben, damit die bequemlichen Gäste aus den benachbarten Braunlager Hotels da hinspazieren.

Am Rande der skiverrückten Stadt Braunlage rumpelten früher Güterzüge über ein steinernes Brücklein.

Nach ihrer ersten Stadt taucht die Bode wieder in ein völlig abgelegenes Tal ein. Bei der Silberfuchsfarm (die Gehöfteansammlung heißt immer noch so, Silberfüchse lassen sich nicht blicken) trifft sie auf den Nebenfluss Bremke und den Eisernen Vorhang, löchrige Betonplatten inklusive.
Der Eiserne Vorhang folgt der Bode zur Straße in den sorgenlosen Grenzort Sorge, wo sie die Harzer Schmalspurbahn kreuzt.



Äh, joa, und das war auch schon der erste Abschnitt. Zu den Orten selbst habe ich kaum etwas zu ergänzen, denn praktisch alles, was ich zu Braunlage schreiben kann, hängt mit dem Skifahren zusammen, und praktisch alles, was ich zu Sorge schreiben kann, hängt mit der ehemaligen Grenze zusammen.
Aber keine Sorge, bald wird die Bode im Mittelpunkt stehen! Mittelpunktiger geht es kaum.