07 Mai 2026

Moldau: Von Zlatá Koruna nach Divčí Kámen

Morgens hieß es: Heute Abend bringt der Bus nicht das Gepäck, packt also alles, was ihr für eine Nacht braucht, in die Tonnen. Nanu? Aber ich bekam Zelt, Schlafsack und Kleidung für eine Nacht ganz gut unter. Schon damals hatte ich ja durchaus Radtourerfahrung.

Für einen halben Kilometer dürfen Radfahrer und Paddler nebeneinander unterwegs sein, dann müssen sie sich wieder trennen. Die Moldau biegt jetzt in ihre verstecktesten Flusschleifen auf der Paddelstrecke ein, total zugewachsen und von allen guten Wegen verlassen. Auf dem Boot ist das aber super, nach der gestrigen Stadtstrecke gibt es wieder die volle Dröhnung Natur. 

 

Irgendwann kamen wir dann wieder in einer lichten Stelle des Tals raus, wo ein paar hochgradig abgelegene Landhäuser unter Schlingpflanzen begraben sind. Hier sollte die Burgruine Divčí Kámen (Maidenstein) stehen, nach der auch das Dörfchen benannt ist. Von der Ruine selbst war nichts zu sehen, aber das Felsmassiv ist vielleicht das beeindruckendste an der Paddelmoldau.
Das Örtchen hat einen Campingplatz, dem man aber anmerkt, dass er am Ende einer verlassenen Sackgasse liegt. Es gab nur Plumpsklos, und als ich wie jeden Abend die 100 Frühstückshörnchen bestellen wollte, hieß es: Ham wa nicht, es gibt Brot zu Hause. Und auch der Bus kann hier nicht reinfahren, weshalb wir eben alles Nötige in unseren Tonnen dabeihaben mussten.


Jemand musste die Reisegruppe vorzeitig verlassen und kündigte an, er würde jetzt zum Bahnhof gehen.
"Hier gibt es einen Bahnhof?!", fragte ich ungläubig.
Ja, zwar hoch oben auf dem Berg, aber noch in fußläufiger Entfernung. Das verrät eigentlich alles, was man über das tschechische Bahnnetz wissen muss. (Nein, tut es nicht, die Sache mit den Bahnsteignummern, Reservierungspflichten und Privatisierungen sollte man auch wissen, aber egal.)

Die restliche Reisegruppe fühlte sich irgendwie auch etwas verloren und vor allem hungrig, und so entstand der Plan, gemeinsam essen zu gehen. In brütender Hitze marschierten wir die schmale, geschlängelte Straße hinauf. Was dann geschah, habe ich schon damals in der nachfolgenden Anleitung zusammengefasst:
 
Wie man eine tschechische Dorfkneipe leerfuttert

Sie sind mit einer großen Gruppe irgendwo in einer abgelegenen Ecke Tschechiens und haben tierischen Hunger? Kein Problem. Suchen Sie die nächste Dorfkneipe auf und befolgen Sie einfach folgende Schritte.

1. Betreten Sie die Kneipe alle auf einmal und besetzen Sie laut redend sämtliche Tische. So fällt dem Wirt, der heute damit gerechnet hat, nur eine Hand voll Feierabendbiere auszuschenken, vor Schreck die Kinnlade herunter.

2. Es wäre hilfreich, wenn zumindest einer in der Gruppe etwas Tschechisch kann. Ansonsten versuchen Sie, sich mit dem Wirt auf Englisch zu verständigen (viel Glück). Übersetzen Sie mühevoll die fünf Gerichte, die auf der Kreidetafel in der Ecke stehen, für alle Anwesenden.

3. Lassen Sie alle aus ihrer Gruppe ein Gericht auswählen. Erfahren Sie erst dann vom Wirt, dass a) die Köchin erst in einer halben Stunde da ist, b) die ersten Gerichte dann erst in einer Stunde (die Suppe in 45 Minuten) fertig wären und c) jedes Gericht nur 3-6 mal verfügbar ist. Lassen Sie sich davon nicht aufhalten.

4. Bestellen Sie alles!

5. Machen Sie eine Liste auf Ihrem Smartphone mit der Anzahl der verfügbaren Gerichte und geben Sie diese an die gesamte Gruppe weiter, damit sich jeder überlegt, was er davon haben möchte.

6. Warten Sie und bestellen Sie dabei Getränke, damit der Wirt auf Trab bleibt.

7. Bei der Verteilung des Essens heißt es kreativ und kollektivistisch sein. Wenn die ersten Suppen kommen, haben alle schon so extremen Hunger, dass jeder etwas abbekommen sollte. Und das restliche Essen sollte dann der Fairness halber ebenfalls herumgereicht und geteilt werden. So kann man auch alles probieren.

8. Bezahlen Sie, damit die überarbeitete Köchin und der bedauernswerte Wirt, der heute Abend seiner Stammkundschaft kein Essen mehr vorzusetzen hat, zumindest finanziell erfolgreich aus der Sache ausgehen. Geben Sie Trinkgeld.

Ein Riesenspaß (gut, außer Schritt 8) und ein unvergessliches Erlebnis für die ganze Reisegruppe!


Bei der zweiten Paddelreise verzichteten wir dann aber doch lieber auf die Übernachtung in Divčí Kámen und fuhren am letzten Tag direkt bis Boršov durch.
 
 
Und mit dem Fahrrad? Ich musste das Moldautal durch ein steiles Tälchen verlassen, in dem ein Bach munter durch die Felslandschaft plätscherte. Blumen erinnern an einen Opa Vladimir, der in den engen Kurven verunglückte.
Schließlich kam ich oben raus, in einer grünen Ebene voller Felder, Alleen und Werbetafeln. Ich befand mich weitab von Divčí Kámen. Die Moldau ist nur als ferner Einschnitt zu erkennen, hinter der neue Berge aufragen - und ein großer Tagebau, der beim Paddeln komischerweise gar nicht zu erkennen war. In dieser Ebene liegen die Dörfer Štěkře ("Bellingen"), Čertyně ("Teufelin"), Radostice ("Freudingen"), Opalice ("Verbrenningen") und Rančice. Und jeder Name passte irgendwie erstaunlich gut. Gegen die Verbrennungen von Verbrenningen hilft zum Glück Sonnencreme.

Bei Bäumen hilft Sonnencreme wenig, deshalb ist der Opálický dub ("Verbrenninger Eiche") mit einem Holzdach geschützt. Der Dorfchronik zufolge steht Baum seit dem Jahr 800 hier. (Das ist fast doppelt so lang die Ära Merkel!) Und als die Eiche gerade mal schlappe 620 Jahre jung war, musste sie noch nicht beschützt werden, im Gegenteil, sie hat selbst Menschen beschützt. 1420 überfielen die Hussiten zweimal das Kloster Zlatá Koruna und töten viele Mönche. Beim zweiten Mal konnten sich einige erfolgreich in der Baumkrone verstecken, der Sage nach hatte dabei ihre Heilige Jungfrau Maria Kájovská die Finger im Spiel, und genau das zeigt das jahrhundertealte Gemälde im Baum, das immer wieder neu gemalt wurde.
Als 1929 dann schwerer Frost und Schnee den alten Baum niederdrückten, bis er in totale Schieflage geriet, war es an den Menschen, sich zu revanchieren. Der Denkmalschutz in Prag bewilligte 1500 Euro (61,77 Euro, dafür gibt's in Deutschland nicht mal ein Machbarkeitsgutachten zur Baumrettung), um die Eiche mit drei Stahlbändern zu stabilisieren. Sand und Steine schafften die Dorfbewohner kostenlos herbei. So steht sie heute immer noch, auch wenn sie eher wie ein halbverbranntes Baumfossil aussieht.

 

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