IV. Die Radelmoldau
In Boršov ändert sich die Moldau wieder komplett. Alles wird flach, und plötzlich gibt es Radwege. Am Ufer. Durchgehend. Was geht denn hier ab?
Am anderen Ufer standen Gebäude, an meinem Ufer nur ein Feld und eine Reihe Bäume, die daran scheiterte, einen durchgehenden Schatten zu werfen. Schließlich verzog ich mich in eine der vielen Rasthütten, um Essen zu machen.
1992 kam an diesem Ufer ein Militärpilot bei einer Flugshow ums Leben. Eigentlich galt er als kompetent und erfahren. Aber wenn man mit 700 km/h zwei 360-Grad Wendungen drehen und dazwischen auch noch das Flugzeug auf den Rücken drehen will, dann kann es selbst dem größten Profi passieren, dass er plötzlich in einem zu steilen Winkel nach unten schießt und da nicht mehr rauskommt. Der Aufschlag bildete einen Krater am Moldauufer und verteilte Trümmer über 200 Meter.
Die Gebäude sind oft modern, besonders ins Auge stach mir dieser eigentümliche Kindergarten vor einem übergroßen Dorfplatz.
Die Einfahrt nach České Budějovice (von einigen wenigen auch Budweis genannt) war also richtig angenehm und hat mich an Strasbourg erinnert. Allmählich wuchsen die Wohnblocks an beiden Ufern in die Höhe, dann teilte sich die Moldau und bildete (im Bild ganz links) den Sokolský ostrov ("Turn-Insel"), wo ich mich im Hallenbad abgekühlt und erfrischt habe.
Neben der Insel beginnt die Skyline der Altstadt. Von links nach rechts zeigt das Bild die Solní branka (Salztor - hier wurde Salz nach Prag geflößt), die Ottokarova bašta (Auf Deutsch Ottokar-Bastei, aber die ist jetzt tschechisch. Basta.) und den Turm Železná panna (Eiserne Jungfrau, bekannt für Folter und einen Blitzeinschlag).
Ausgerechnet an dieser idyllischen Stelle ereignete sich dann eine verstörende Szene, die ich so noch nicht gesehen hatte. Im Wasser verfolgten mehrere Männer eine Frau und fielen gemeinsam über sie her, drückten sie unter Wasser, auch wenn sie schrie und um sich schlug. Ich wusste mir nicht anders zu helfen, als die Erpeltäter mit einer Handvoll Kieselsteine zu vertreiben. In České Budějovice haben Enten, die Füttervögel unserer Kindheit, für mich jegliche Unschuld verloren.
České Budějovice ist ist für Moldauradler fast ideal: Nicht nur haben wir einen perfekten Weg durch die Stadt durch, es ist auch nur ein kleiner Abstecher zum Marktplatz. Der ist ziemlich kahl und schattenfrei, und die Sonne gab sich alle Mühe, die Pastellfarben der Barockhäuser auszubleichen. Die Bilder auf den Fassaden heißen Sgrafittos, und nein, das S ist kein Tippfehler. Der Brunnen in der Mitte versorgte die Stadt einst mit Moldauwasser und zeigt Samson aus der Bibel, eine Pestsäule fehlt dagegen. Damit wäre dann wohl auch die Frage beantwortet, welche tschechischen Städte denn nun eigentlich von der Pest heimgesucht wurden.
Die Stadt war im Prinzip ein privilegiertes Projekt von König Přemysl Ottokar II., dem die südböhmischen Adligen wie die Rosenberger dann doch ein bisschen zu einflussreich geworden waren. Und das Projekt war ziemlich erfolgreich. Dass es in der Nähe Silber und Salzstraßen gab, war da natürlich von Vorteil.
Ich kaufte neue Getränke in einem sehr versteckten Supermarkt im Keller eines Einkaufszentrums, dann schaute ich noch bei der Kathedrale Sv. Mikuláš (St. Nikolaus) vorbei. Der Kirchturm steht separat und heißt Čerkná věž (Schwarzer Turm), obwohl er eigentlich graubraun ist. Nach intensivem Studium der komplexen Öffnungszeiten- und Preistafel kam ich zu dem Schluss, dass ich heute nicht nach oben steigen darf.
Ich kann verstehen, dass sie besagte Probleme nicht dem Beichtstuhl anvertraut haben, denn der ist durchsichtig. Die eine Hälfte ist noch so eine uralte hölzerne Kabine, die andere dagegen ein moderner Raum mit Glastür und Deckenbeleuchtung. Die Kabine ließ sich offenbar von außen nicht ohne Weiteres öffnen, also muss der Priester in der Kabine und der gläserne Gläubige im Raum sitzen, oder?
Ich glaube, die katholische Kirche hat die Forderung nach mehr Transparenz gründlich missverstanden.
Beim Rausfahren ist der Radweg sogar zweispurig. Am anderen Ufer rauschte die Autobahn, in der Mitte hüpften zwei Mädchen mit Schulranzen über die steinerne Furt auf eine künstliche Insel.
Natürlich ist die Moldau hier komplett begradigt, und natürlich folgt nach wie vor Wehr auf Wehr auf Wehr auf Wehr, denn an tschechischen Flüssen gilt die Wehrpflicht. Eins davon wurde gerade umgebaut, und bei dieser Baustelle war definitiv kein Durchkommen. Der Erdwall, an dem gebaggert wurde, erstreckte sich weit ins Feld rein und zwang mich mehrere Kilometer zurück und ans andere Flussufer - hier haben sogar beide Ufer einen Radweg?!
Auch wenn die klassische Paddelstrecke in Boršov endet, paddeln kann man immer noch. Ich habe gehört, dass man rund um České Budějovice das Boot öfter umtragen muss, deshalb hat unser Paddelpastor von der Strecke immer Abstand genommen. Aber vom Radweg aus habe ich nach wie vor öfter mal Floßgassen gesehen.
Und nicht nur das: Bei einem Wehr wurde ein komplett neuer Moldauarm zum Rafting angelegt, der eine Wassersport-Insel umschließt. Da schießt das Wasser eine Surferwelle runter. Ein Surfer versuchte darin tapfer die Stellung zu halten, während ihm sein Kumpel zusah, in der einen Hand ein Kinderwagen, in der anderen die Handykamera.
Danach rauscht das Surferwasser durch einen wilden Parcours. Menschen in winzigen Böötchen navigierten durch die Stromschnellen. Und mit winzig meine ich die Art von Boot, in dem mit Ach und Krach die Beine Platz finden und die oben komplett geschlossen sind bis auf ein Loch für den Oberkörper. Mit solchen Nusschalen spielten die Wassermassen herum, wie sie Lust hatten, und kippten sie auch mal komplett um, sodass vom Paddler nichts mehr zu sehen war. Aber wie ein Stehaufmännchen tauchte er wieder auf und versuchte, mit dem Paddel etwas ähnliches wie eine Richtung vorzugeben und zumindest in der Nähe der Slalomstangen durchzufahren.
Wären wir hier weitergefahren, wäre die Paddeltour tatsächlich noch heftiger geworden.
Kurz entfernte sich der Radweg vom Ufer und umkurvte ein paar künstliche Kiesseen, etwas, dass man in Tschechien längst nicht so oft sieht wie in Deutschland.
Im schneeweißen Schloss Hluboká sind der letzte Bär, der letzte Wolf, die letzte Wildkatze und der letzte Biber im Jagdmuseum ausgestellt, was nach einer richtig deprimierenden Ausstellung klingt, aber hey, wer die Tiere lieber lebendig mag, ist im angeschlossenen Zoo genau richtig.
Ursprünglich wollte Přemysl Ottokar II. mit dem Schloss einen weiteren Pfeiler der Macht gegen die mächtigen südböhmischen Familien einschlagen und in Richtung seiner gedeihenden Großstadt gucken. Aber er konnte nicht verhindern, dass das Schloss Jahrhunderte später zum Sitz , sie erraten es, zum Sitz der... Rosenberger wurde? Nein, der Schwarzenberger. (Ach verdammt, naja, die Chancen standen 50 zu 50.)
Wait, doesn't Hluboká mean deep in Czech? And it's perched high up on a hill? I'm getting confused!, schrieb der sprechende Legostein der Czech Repubrick. Dem ist nichts hinzuzufügen.
In Hluboká gehen die Berge wieder los, das ist aber vorerst kein Problem. Im Gegenteil, der Radweg wird jetzt noch traumhafter und gleitet direkt zwischen Wald, Felswänden, Wasser und Holzgeländer hindurch. Für Radler ist das eindeutig der schönste Abschnitt der Moldau, und dieser ganze Tag die schönste Tagesetappe. Kaum ein Boot war auf dem Fluss unterwegs, aber das war ja schon auf der klassischen Paddelmoldau der Fall gewesen, kann also sein, dass hier im Sommer auch viel los ist. Auf dem Radweg zischten immer wieder Freizeit- und Feierabendradler vorbei.
Irgendwann wird es dann schon bergig, aber nicht so Quer-durchs-Land-bergig, sondern nur Am-Talrand-im-Wald-hoch-und-runter-bergig.
Am Ende der Bergstrecke wartet oben noch die Karlův hrádek (auf Deutsch Karlsburg oder Karlshaus genannt, wortwörtlich "Karls Bürgchen"). Nur wenige Meter vom Radweg entfernt führt eine Holzbrücke zwischen die braunen Mauern.
Kar(e)l IV., König von Böhmen und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, hat im Zuge einer großen Burgbauinitiative lauter solche Projekte begonnen oder, wie in diesem Fall, eine Baustelle seines Vaters wiederbelebt. Auch seine berühmteste Burg Karlštejn gehört zu diesen Projekten, der ähnliche Name ist also kein Zufall. Karlštejn, Karlsburg und all die anderen sollten Karl repräsentieren, Zölle eintreiben, ab und zu für Jagd- und Diplomatentreffen genutzt werden und speziell hier im Süden Stärke gegenüber den zu mächtigen Adelsfamilien zeigen.
Wer allerdings genau hinsieht, erkennt doch ein paar klitzekleine Unterschiede zum berühmten Karlštejn. Karls Bürgchen gehört noch zur Stufe 2: Steinmauern und Steinhaufen, die
ziellos in der Gegend herumstehen, als sei eine Burgbaustelle vor langer
Zeit abgebrochen worden, dazu eine hölzerne Bühne. Jeder einzelne
Steinhaufen ist mit einem Schild versehen: Die Steine werden noch für weitere Rekonstruktionen von Wänden verwendet. NICHT VERSETZEN! Immerhin sind manche Mauern noch soweit intakt, dass einzelne Fenster und Nischen zu erkennen sind.
Warum sind hier nur ein paar kümmerliche Reste, während in Karlštejn bis heute Touristenhorden durch Saal um Saal geschleust werden? Das weiß niemand. Ab 1370 wurde die Baustelle verlassen und die Burg nie mehr erwähnt. Erst im 19. Jahrhundert entdeckten Romantiker die Ruine wieder und schauten gelegentlich vorbei, um sie zu malen, zu beschreiben oder zu erforschen - darunter ausgerechnet zwei Schwarzenberger.
Von der Burgruine schoss ich über einem Feldweg zurück auf den Radweg und runter nach Purkarec. Das Dorf liegt immer noch ein gutes Stück über der Moldau, die nur hinter den Häusern und Gärten hervorblitzt. Der Saal der Flößer erzählt vom Leben der Holzflößer auf der Moldau, aber das Museum war natürlich bereits geschlossen, falls es heute überhaupt geöffnet war.
Dahinter bin ich auf einen Waldweg abgebogen. Soo, jetzt müsste hier doch eigentlich, hoffentlich stimmt die Karte, sonst muss ich im Hochsitz pennen... ah, da, geht doch.
Bis vor Kurzem war mein Informationsstand: Wildcamping ist in Tschechien illegal, sogar mit Erlaubnis des Grundstückseigentümers. Zwar halten sich da viele nicht dran, selbst die tschechischen Pfadfinder verlangen als Initiationsritual, eine Nacht allein im Wald zu verbringen. Trotzdem davon ausgegangen, an der Moldau zwischen Campingplätzen, Zimmern und vielleicht mal einem Biwak in einem sehr versteckten Waldstück wählen zu müssen. Dann las ich wenige Tage vor der Tour das Buch Iron Woman und stieß so auf die Naturlagerplätze der Šumava, woraufhin ich entschied, doch noch mal genauer zu recherchieren, ob es irgendwas Ähnliches im Rest des Landes gibt. Gibt es. Und zwar 33 dieser Hütten, verteilt über das ganze Land, davon 3 in der Nähe der Moldau (und über die erste bei Branná entdeckte ich dann auch noch den verlassenen Campingplatz). So setzte ich mir die Challenge, sie alle auszuprobieren und völlig legal wildcampend der Moldau zu folgen, womit dann auch meine Tagesetappen weitgehend feststanden.
Die 33 Übernachtungshütten folgen ähnlichen Regeln wie die Naturlagerplätze und sind alle nach demselben Muster aufgebaut, unterscheiden sich aber im Alter und der Farbe des Holzes. Sie bestehen auf den ersten Blick ganz aus Holz, erst das nächtliche Pladdern verriet mir, dass oben auch Metall drauf ist. Im Erdgeschoss setzte ich mich auf die Bank, mache Essen und verzichtete auf die Verwendung der Gegenstände, welche frühere Reisende hiergelassen hatten: Kerzen, Cracker, Küchenpapier, Salz und Tütchen mit uraltem Paprikapulver.
Eine Leiter führt ins Dachgeschoss, das dem Schlafen dient und komplett zu ist. Die Fenster lassen sich nur einen kleinen Spalt breit ankippen, und sogar der Einstieg kann mit einer Fallklappe verschlossen werden. Die ideale Lösung für alle, die sich in der Wildnis ansonsten zu sehr vor wilden Tieren fürchten. Im Prinzip handelt es sich um eine sehr simple Version der Chata, des tschechischen Wochenendhäuschens (und zwar in einem besseren Zustand als so manche "richtige" Chata).
Es mag daran liegen, dass diese Landschaft nicht so beliebt ist wie die Šumava und dass ich nun unter der Woche unterwegs war, aber auf jeden Fall hatte ich diese Hütten immer komplett für mich. Kein Spaziergänger oder Jäger kam abends auf dem abgelegenen Waldweg vorbei, geschweige denn jemand, der im Haus übernachten wollte. Ist auch besser so, mit Wildfremden in dem dunklen Dachgeschoss, wo man sich nur per Krabbeln fortbewegen kann, wäre es schon etwas komisch.





















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