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13 August 2025

Donau: Von Komárno nach Radvaň

Radfahr'n nach Radvaň macht Spaß. Denn zum heutigen Ziel waren es weniger als 25 Kilometer. Und das brauchten wir auch. Denn als wir die Váh auf einer rostigen Brücke überquert hatten, landeten wir wieder einmal auf dem gleichen heißen Dammweg.
Außer das auf einmal graue Grundmauern neben dem Damm und ein Unesco-Symbol auf dem Radweg auftauchten. Schon wieder ein Römerlager? Aber das ist doch das Nordufer, hier war doch gar kein Römisches Reich?
Tja, die Römer verstanden unter dem Wort Grenze einfach etwas anderes als wir. Nicht Das hier ist unser Land und das da ist euer Land und jeder bleibt auf seiner Seite, sondern Das hier ist unser Land, und das da ist wildes Barbarenland, das wir auch bald erobern und wo wir schon mal Brückenköpfe errichten und nach Belieben eingreifen dürfen, falls die Stämme Dinge tun, die uns nicht gefallen.
Während der Markomannenkriege bauten sie ein einfaches Lager aus Erde und Holz. Die Germanen fanden das ästhetisch nicht sonderlich ansprechend und äußerten diese Architekturkritik, indem sie alles zerstörten. Als der Krieg gegen sie ausgefochten war, baute Rom ein stabileres Lager mit meterdicken Steinmauern. Das hielt dann auch tatsächlich stand, bis sich das Römische Reich im 4. Jahrhundert generell aus der Gegend verzog. Kommandiert wurde es einem Grabstein zufolge von Marcus Vinius Schwanzus Longinus.
Heute ist vom Lager Kelemantia nicht viel übrig, das Wesentliche kann man eigentlich schon vom Radweg aus überblicken. Ein bisschen lässt sich an der Außenmauer noch ablesen, wo Türme und Tore standen, das war's aber auch schon.

Auf der anderen Seite des Deichs fließt die Donau, und ihr Ufer ist so ästhetisch ansprechend, da hätten selbst die Germanen nix zu meckern gehabt. Schlanke Bäume wachsen aus dem weißen Sand. Wir stürzten uns hinein, und... whoa, was ist denn hier los? Die kräftige Strömung zog uns ständig stromabwärts, allerdings eher in Richtung Ufer als weg davon. Wem das Schwimmen in der Sonne mit Gegenstromanlage zu anstrengend ist, der kann im Schatten der Bäume auch ein erholsames Schlammpeeling genießen. Aah! Und hier kommt auch keiner mit dem Auto hin, der uns stören könnt...
WruummmMMMMMM...!
Ein Speedboat schoss die Donau herunter. Und wieder rauf. Und wieder runter. Ah ja, richtig. Diesen eiligen Herrn hatten wir schon vorhin an der Váh-Mündung gehört, doch natürlich war die Fahrt auf dem kleineren Fluss langfristig nicht genug, um sein Selbstwertgefühl aufzuwerten.
Gegenüber lag übrigens ein Lastschiff an einer komischen Betonfestung, vielleicht ein Kriegsüberbleibsel, das nun als Anlegestelle dient.

Diese Etappe ist doch ein bisschen lebendiger: Es gibt eine Fähre rüber nach Ungarn und zwei Imbisse in erreichbarer Nähe, das ist für die Länge okay. Und auch zwei Rasthütten, deren komisch gebogene Dächer aber keinen gescheiten Schatten spendeten. Besser war da schon der kühle römische Wachturm, auch wenn seine Fenster etwas schmuddelig waren. Anders als damals ist er frei zugänglich per Treppe, während in der Antike jemand von oben eine Leiter runterlassen musste. Aber genau wie damals zieht sich ein hölzerner Balkon einmal außenrum. Da drin hatten vier bis fünf Männer Dienst, die den Abstand zum nächsten Lager durch intensives Gucken überbrücken sollten.

Oben sahen wir im Prinzip dasselbe wie von unten, nur halt von oben. In der Ferne erschienen neue blaue Berge - sind das schon die Berge am Donauknie, die wir übermorgen erreichen? Ich weiß ja, dass unsere Tagesetappen jetzt kürzer sind, aber so kurz? Nein, die vordersten Berge werden schon heute erscheinen, allerdings am anderen Ufer.

Neben der Fahrradinfrastruktur nahm auch die Dichte an Störchen und abgeschrabbelten Häusern deutlich zu.
Wieso hat eigentlich jedes Kaff hier eine Miniversion des Berliner Fernsehturms? Mapy.cz gab Antwort, es sind Wassertürme. Meine Mutter gab weitergehende Antworten, nämlich, dass die Dinger einst "Steuerknüppel des Sozialismus" genannt wurden.

Bei dem Wetter hat jeder das Bedürfnis nach einem Bad, auch römische Soldaten. Es gibt Berichte, wonach die Römer aus dem Lager Kelemantia gern in matschigen Seen badeten, aus denen 27 Grad heißes Wasser aufstieg. In Patince, am südlichsten Punkt der Slowakei und nur ein kurzes Stück vom Radweg entfernt, beginnt eine Reihe heißer Quellen, die entlang der Donau bis zur Margareteninsel in Budapest reicht. (Wobei es auch schon mitten in Komárno ein ganz ähnliches Thermalfreibad gab, warum das nicht zur Kette gehört, erschließt sich mir nicht.) 1953 wurde intensiv nach dem Wasser gebohrt, und heraus sprudelten neben H2O auch Biocarbonate, Kalzium, Magnesium und Sulfate. Die sollen gut für Muskeln und Skelett sein, was bekanntlich Ausrüstungsgegenstände sind, die man immer gebrauchen kann, nicht nur beim Radfahren.
Nur haben die Sulfate eine gemeine Nebenwirkung: Sie riechen nach Eiern, die dein Mitbewohner vor dem Urlaub im Kühlschrank vergessen hat. Am intensivsten roch es auf dieser hölzernen Insel über einer originalen Thermalquelle. Über den Seerosen spritzt und sprudelt das Eierwasser kühl und erfrischend aus einem pilzförmigen Springbrunnen, macht das Holz saumäßig glitschig, lässt die völlig verrosteten Schrauben wie Seepocken aussehen, und riecht.
Allzu lange blieb hier niemand sitzen.

Ansonsten machte das Thermalbad von Patince Kupele, anders als diverse Bewertungen sagen, auf mich durchaus einen ordentlichen und gepflegten Eindruck. Klar, die ganze Umgebung des Ferienparks, verfallene Betonwege und rostige Kassenhäuschen, deuten darauf hin, dass die Anlage mal ein gutes Stück größer und wichtiger war, vielleicht noch im Sozialismus. Aber das, was erhalten wird, wird auch erhalten.
Im Innen- und Außenbereich gibt es verdammt viel Beckenfläche. Ein Wegweiser verweist zur Rutschenwelt, obwohl nur eine einzige langsame Rutschen am Außenbecken steht. Ist diese Rutschenwelt hier mit uns im Raum? Ist sie, mehr oder weniger. Wer den Wegweisern etwa einen Kilometer an leeren Becken vorbei folgt, der erreicht mit verbrannten Fußsohlen tatsächlich diesen Rutschenturm.

Am Imbiss nebenan ließ sich derweil ein deutsch-slowakisches Ehepaar nieder. Der schüchterne Deutsche bat seine Frau, ihm auf Slowakisch ein großes Bier zu bestellen.
Die burschikose Frau entgegnete: "Das schaffst du doch selber. Sag einfach: Jedno. Velke. Pivo. Prosim."
"Nein, mach du lieber."
Das wiederholte sich einige Male, ehe die Frau zum Tresen ging und mit derselben slowakischen Subtilität, die wohl auch für das tschechische Haus in Komárno verantwortlich ist, ein kleines Bier bestellte.

In Žitava erwarteten uns gleich mehrere Überraschungen: Der Deichweg war zu Ende und ging in die einzige Dorfstraße über. Ein kleiner Weinberg (ohne Berg) erstreckte sich am Wegesrand. Und auf ihn folgte so ein eigenartiges Denkmaldach mit... einem Halbmond drauf? Ich dachte, die Türken waren hier immer die Feinde?
Ja. Und deshalb erinnert das Denkmal an den Frieden von Žitava, als der deutsche Kaiser, der ungarische König Rudolf I. und der türkische Sultan Ahmend I. 1606 ihre Streitigkeiten durch Verhandlungen beilegten. So etwas gab es eben auch.

Okay, aber wieso ist der Deichradweg zu Ende? Mein Bruder war zunächst erleichtert, bis ich darauf hinwies, dass die Dorfstraße keineswegs mehr Schatten bietet.
Unsere Pension in Radvaň nad Dunajom beantwortete die Frage: Kein Platz. Diese Dörfer sind nah am Wasser gebaut. Den Zusatz nad Dunajom ("über der Donau") haben sie sich redlich verdient, indem sie ganz ohne Angst vor Hochwasser gebaut haben. Andererseits: Der Höhenunterschied zum Wasser ist wahrscheinlich höher als der Deich vorhin. So langsam machen sich die Berge auch auf dieser Seite bemerkbar.
Die Lage ist auf jeden Fall ein Traum, eine Terrasse mit Donaublick hinter jedem Zimmer, eine Donauterrasse am Restaurant, eine grüne Donauterrasse mit Mini-Pool und schließlich ein Donaustrand. Die Deko im Restaurant deutet darauf hin, dass hier oft Hochzeiten stattfinden, und das einzige, was daran keinen Sinn ergibt, ist: Wo sollen die restlichen Gäste unterkommen, sobald alle Zimmer (1 bis 5) voll sind?

Noch immer düsten Sport- und Speedbootfahrer durch die Gegend. Aber auch ein Trio aus Kanufahrern verließ gerade das Restaurant und kehrte zu seinen Booten zurück. Ach, die wollen hier gar nicht übernachten? Warte, wo paddeln die denn jetzt noch hin, die Sonne geht doch schon unter?
Und wie kommen sie überhaupt zurück? Die Strömung ist brutal, stromaufwärts schwimmen konnte ich nur mit großer Anstrengung. Wer entspannt schwimmt, schwimmt rückwärts. Ein paar Meter weiter draußen konnte ich nicht mal auf der Stelle stehen, die Donau schleifte zu ihrem ewigen Gesang meine Füße über den Kies. Wie!? Der Rhein war längst nicht so heftig, als er so breit war.
Aber die Kanufahrer wollten ja stromabwärts, also entfernten sie sich schnell und mussten nur symbolisch paddeln. Ah! Das erste Kanu steuerte eine größere Donauinsel an, dort wollten sie bestimmt ihr Zelt aufschlagen. Ihre Nacht wird damit wahrscheinlich ungefähr so malerisch wie unsere.
Später ging der Vollmond auf. Im Nachbarzimmer brabbelten die Kinder, die abends um acht im Restaurant noch Kofola getrunken hatten, unruhig in die Nacht hinaus. Die Grillen zirpten (taten sie schon den ganzen Tag) und die Donau rauschte in erstaunlich lauten Wellen an den Strand. Warum ist das nur nachts so laut zu hören? Selbst von unserem Zimmer aus klingt sie wie ein großer See oder ein kleines Meer. Es ist ein Geräusch des tiefen Friedens, welchen die Eltern der Kofolakinder in diesem Moment vermutlich nicht empfanden.

Unsere Fahrräder übernachten hinterm Bartresen, ebenfalls mit Donaublick.

21 April 2023

Eiserner Vorhang: Von Alsleben nach Rödental

Die Bergbayerngrenze II

Länge: 96 km
Grenzquerungen: 6
Bundesländer: Bayern/Thüringen
Seite: etwa gleich
Erkenntnis: Das genaue Schneckentempo der DDR-Bürokratie entschied darüber, an welchen Orten heute Menschen leben und wo nicht.

Nach der Fränkischen Saale durchquert das Grüne Band die Haßberge. Der moosige Wald ist Heimat einiger seltener Tierarten. Weil ich über die Hügel zügig rüberkam, gelang es mir nicht, einen echten Hass auf die Haßberge zu entwickeln.


Im nächsten Dorf wartete das erste Highlight des Tages. Oder jedenfalls irgendetwas in der Art.
Im Jahre 1964 hatten die Gemeinderäte von Sternberg-Zimmerau nichts zu lachen. Die Grenze schreckte alle ab, nirgendwo wollte sich Industrie ansiedeln. Das einzige, was die Leute interessierte, war der Blick vom Büchelberg auf die tödlichen Grenzanlagen. Pragmatisch entschieden sie, dann halt mit diesen Schaulustigen Geld zu verdienen: Der Bayernturm sollte entstehen. (Eigentlich liegt das Dorf ja in Franken und nicht im "richtigen" Bayern, aber der Turm wurde extra so genannt, um zu feiern, dass Franken seit 150 Jahren zu Bayern gehört.) Man plante einen 56 Meter hohen Turm mit Restaurantterrasse, Aufzug und Hotel. Und was kam am Ende raus?

Nun ja, das hier. Ein Monstrum aus Wellblech von wahrhaft ehrfurchtgebietender Scheußlichkeit, welches das Land in der Form eines gigantischen Stehtischs überragt.
Hotel, Restaurant und Aufzug wurden gestrichen, die Höhe stark gekürzt, nur eine Aussichtsplattform blieb. Aber die wurde wurde zum echten Besuchermagneten - zumindest, bis die neue A7 der nahen Bundesstraße die Besucher wegnahm. Nach der Wende erlebte der Turm noch einen kurzen Aufschwung, und seitdem scheint er vor sich hin zu rosten.
Und dennoch kann man immer noch rein. Alles, was man benötigt, ist eine Ein-Euro-Münze und etwas Geduld. Meine erste Münze verschwand im Schacht, ohne dass sich das Drehkreuz bewegte. Ach ja, da standen ja Öffnungszeiten dran. Erst ab um acht? Dann mache ich jetzt eben eine ausgiebige Frühstückspause am Bayernturm.
Eigentlich finde ich die Drehkreuz-Lösung klasse und finde, das sollte bei viel mehr historischen Türmen, Burgen und Gebäuden gemacht werden, wenn man die schon aufwendig instand hält, aber kein Personal für die Kasse hat. Ist doch viel besser, als wenn man erst jemanden anrufen muss, um so ein Ding aufzuschließen - welcher Tourist macht sich schon die Mühe?

Punkt acht ging der Strom an, und das Drehkreuz reagierte auf meine zweite Münze. Ich marschierte polternd ein rostiges Treppenhaus hinauf. Sonnenlicht fiel durch (mehr oder weniger) transparente Wellblechstücke und beleuchtete meinen Weg. Adolf Hitler war hier März 1939, behauptet eine Kritzelei. Das ist historisch zwar ausgeschlossen, aber angesichts des abgenutzten Zustands trotzdem irgendwie glaubhaft. Immerhin wirkte die Konstruktion stabil.
Noch.

Als ich die letzte rostige Stufe verließ, fand ich mich auf einem ca. 200 Quadratmeter großen Bretterfeld wieder. Neugierig ging ich auf die Fenster zu, um mehr zu erkennen. Erst nach ein paar Schritten wurde mir klar, dass alles, was mich jetzt noch von einem 38 Meter tiefen Sturz bewahrte, diese abgenutzten Bretter waren.
Bretter, zwischen denen Lücken klafften, durch die ich besagte 38 Meter Tiefe gut erkennen konnte.
Bretter, von denen manche deutlich wackelten.
Und da war mir doch etwas komisch im Magen. Der Turm ist auf seine Art ein beeindruckendes Gebäude, aber etwas Mut braucht es schon.

Am Rande des Waldes (hinten im Bild) konnten die Besucher früher die tödlichen Zäune begutachten. Wer heute den Wald begutachten will, hat die Wahl zwischen einer schmierigen Scheibe oder einem scharfkantigen Loch in besagter Scheibe.

So viel zum innovativen Industriestandort Bayern. Ich fahre mal zurück nach Thüringen. Und dann wieder nach Bayern. Und wieder Thüringen. An der Grenze wurden immer mal wieder einzelne alte Grenzzäune aufgestellt.

In den Dörfern steht häufig ein historisches Back- oder Brauhaus, das zu besonderen Anlässen noch genutzt wird. Zweimal im Jahr durfte sich einst jeder Dörfler unter Anleitung des Dorfbraumeisters genug Bier für sechs Monate (wenn man sparsam war) zusammenbrauen. Die Bank vor dem Poppenhäuser Backhaus verkündet das Motto jeder Radtour: Auch Umwege erweitern unseren Horizont.
Die Informationstafel über die Dorfgeschichte reicht von den Bauernkriegen bis zur Coronapandemie. Das eigensinnige evangelische Dorf litt schon während der Reformation darunter, dass es direkt an katholisches Gebiet grenzte. In der DDR entging es haarscharf der Schleifung.
Aber vergessen Sie all das, das echte Highlight von Poppenhausen ist etwas, das ich bislang schmerzlich vermisst habe: Ein Mülleimer! Die Bergbayerngrenze ist voller Rastplätze, aber ein Müllbehälter wurde bisher jedes Mal vergessen. Endlich kann ich den Haufen Abfall loswerden, den ich seit gestern quer durch Deutschland transportiere. Ob der Poppenhauser Papierkorb überhaupt genug Platz dafür hat?

Dieses Kreuz erinnert daran, wie die traditionelle Männerwallfahrt 1990 zum ersten Mal wieder ins Ostgebiet stattfinden konnte. Man ließ die Männer über die Grenze nach Thüringen wallfahren, doch als die männlichen Wallfahrer nach Bayern zurückwollten, war das Tor auf einmal wieder geschlossen. Sie bekamen es aber irgendwie auf, denn: "Christus hat noch viel größere Schranken überwunden."
In den Nachbardörfern lief die Wende weniger fromm ab: In Rieth und Albingshausen gab es anscheinend eine absolut legendäre Wiedervereinigungsparty, über welche die Infotafel aber keine Details verrät. Möglicherweise, weil der Verfasser immer noch Erinnerungslücken hat.

Weil die Adligen nach dem Ersten Weltkrieg ihre Macht verloren, wurden Herzogtümer aufgelöst und Grenzen neu sortiert. Die Menschen im Coburger Land beschlossen in einem Volksentscheid, dass sie zu Bayern gehören wollten. Der Heldburger Zipfel dagegen kam zu Thüringen und wurde ab jetzt von drei Seiten von Bayern umschlossen. So bekam der spätere Eiserne Vorhang seine Gestalt. Als ich diese kleine Hügelkette überquerte, bog ich in den Heldburger Zipfel a.k.a. Rodachtal ein. Dieses kleine Burgen- und Thermaltal ist eine völlig versteckte, aber echt süße Ecke Deutschlands.
Das erste Dorf im Zipfel hieß Erlenbach. Die Betonung liegt auf hieß. Wie zu erwarten, ist von diesem geschleiften Dorf absolut nichts übrig. Die Aussiedelung der Bewohner erfolgte wie in den meisten Dörfern Stück für Stück, erst 1986 mussten die letzten raus und alles wurde plattgemacht. Das macht es irgendwie noch tragischer. Es hätte nur noch drei zusätzliche Jahre bürokratische Verzögerungen gebraucht, und Erlenbach würde noch existieren.

Gibt es überhaupt Orte im Rodachtal, von denen noch etwas übrig ist? Ja, da kommt einer. Ummerstadt hatte nach dem Krieg etwa 1000 Einwohner, und zwar weil so viele auswanderten, manche freiwillig, andere unfreiwillig, manche vor, manche nach der Wende. So wurde Ummerstadt in den 80ern zur kleinsten Stadt der DDR. Heute sind die Hügel von Ummerstadt ein Fluggebiet für Gleitschirmflieger.
Hier war eine Kompanie Grenzsoldaten stationiert. Zu ihren Aufgaben gehörte auch, in Umfragen herauszufinden, wie zufrieden die Bürger mit der Grenzsituation sind, um dann exakt gar nicht darauf zu reagieren. Wenn ein Soldat aus dem Urlaub zurückkehrte, durfte er erstmal sechs Stunden nicht in den Dienst. Bei einem persönlichen Gespräch musste zuerst geprüft werden, ob er zu Hause persönliche Krisen hatte und deshalb fliehen könnte.

Etwas unerwartet: Mitten im Nirgendwo des Rodachtals versteckt sich die gewaltige gläserne Terassentherme. In der Kurstadt Bad Colberg hat das gesunde Baden nämlich eine lange Tradition.
Vor dem Kurpark und dem historischen Kurhaus steht ein gekühlter Automat mit regionalen Spezialitäten. Wenn ich schon nicht essen gehe, dann probiere ich wenigstens auf diesem Wege etwas Bayrisches wie zum Beispiel... mal sehen... Curry-Maultauschen ("Die Maultaschen-Innovation") und Ofen-Leberkäse. Ob man das auf dem Campingkocher zubereiten kann?
Ja, kann man, zumindest die Maultaschen.

Heute entdeckte ich deutlich mehr Radwege, und der im Rodachtal ist einer der schönsten. Und dann, kurz vor dem Wald, erwartet mich eine Überraschung. Wieder einmal wurde ein Dorf geschleift. Aber diesmal, halten Sie sich fest, ist etwas davon zu sehen!
Billmuthausen war ziemlich groß, es hatte immerhin einen Kindergarten, eine Mühle und ein Schullandheim, an dem die berühmten Geschwister Scholl unterrichtet wurden.
Zuerst floh ein Großteil der Einwohner, sodass die DDR acht Vertriebenenfamilien ansiedelte. Aber sogar von denen hauten sieben hab - nicht mal Flüchtlinge wollten hier bleiben. Wer den weiten Weg aus Ostpreußen hinter sich hat, für den sind die paar Kilometer nach Bayern ja auch nur noch ein (potentiell tödlicher) Katzensprung.
Vom geschleiften Dorf Billmuthhausen ist folgendes übrig:
  • Der Ludloff-Brunnen: Eine steinerne Viehtränke mit Gießkannen
  • Die Mauern eines Grünfuttersilos, das später als Trinkwasserspeicher diente
  • Ein Mühlstein, aber der ist bloß eine Leihgabe des Museums in Veßra an der Werra
  • Ein Trafoturm (hinten links)
  • Eine Gedächtniskapelle auf dem Friedhof, die allerdings erst nachträglich zur Erinnerung gebaut wurde
  • Der Friedhof, auf dem früher die Kirche stand. Auf dem kleinen Gelände entdeckte ich fast sofort das Familiengrab der Ludloffs, denen das Rittergut Billmuthausen früher gehörte. Der größte Grabstein erinnert an das Dorf selbst. Das dazugehörige Kreuz wurde mit einem makabren Kreis aus Streckmetall dekoriert.
Fast alles davon sieht neu aus, lediglich das Silo und Teile des Friedhofs sind vermutlich original erhalten. Ach ja, und in der Wand der Gedächtniskapelle steckt der einzige erhaltene Stein der alten Kirche.
Engagierte Bürger haben diese Gedenkstätte aufgebaut. Wenn ich bedenke, wie von den anderen geschleiften Dörfern einfach null zu sehen war, dann muss es ein enormer Kraftakt gewesen sein, so viel wiederherzustellen. Keimzelle der Gedenkstätte war die Gedenkplatte auf dem Friedhof - die kurz nach ihrer Aufstellung erstmal geklaut wurde.

Als nächstes geht es quer durch den Wald nach Heldburg. Die Wegweiser schickten mich auf eine andere Route als die Karte, und zwar auf den Radweg der Deutschen Burgenstraße. Ich probierte es aus und, was soll ich sagen, es war super. Die geschmeidige Fahrt durch den hohen, hellen Wald hat mich ein wenig an Rügen-Jasmund erinnert. Und ganz zum Schluss konnte ich auch noch den Ausblick auf die prächtige Veste Heldburg genießen.

Die Renaissaince-Burg thront auf einem 400 Meter hohen Felsen. Der entstand wie das ganze Land durch Vulkane. Sie hinterließen jede Menge Phonolith. Das bedeutet so viel wie Klingstein. Wenn man mit einem Metallstab ganz sachte dagegenschlägt, ertönt ein zartes Bimmm. Das heißt, sofern einem keine Spaziergänger dazwischenquatschen.
Ich hatte zwar gerade keinen passenden Stab zur Hand, aber zum Glück hingen Stab und Stein an einer passende Station zum Ausprobieren.

Nächste Station ist Streufdorf. Hier geschah etwas Ungewöhnliches: Die Bewohner wehrten sich mit Gewalt gegen die Zwangsaussiedelung, verprügelten Polizisten mit ihren eigenen Knüppeln und holten ihre aufgeladenen Möbel wieder von den LKWs runter. 500 Polizisten, Wasserwerfer und Pferde waren nötig, um dieses Dorf unter Kontrolle zu bringen, sogar die Sowjetarmee drohte einzugreifen.

Der recht eigene Umgang der Bewohner mit der Grenze zeigt sich auch darin, dass sie aus dem alten Streckmetallzaun nicht bloß (wie so oft) irgendwelche Kompostzäune gebastelt haben, sondern richtige repräsentative Eingangstore.

Moment mal, diesen Doppelgipfel da hinten kenne ich doch. Waren diese Berge nicht gestern schon den ganzen Tag zu sehen? Ich habe das Gefühl, im Kreis zu fahren. Nicht ganz zu Unrecht: Das grüne Band umkreist im großen Abstand den Thüringer Wald.

Es ist ja schön, dass diese Thüringer Dörfer auf den sonst obligatorischen Ernst-Thälmann-Weg verzichten - aber ihre Alternativen sind auch nicht gerade klangvoll.

Und jetzt etwas, das ich eher mit norddeutschen Radwegen assoziiere: Ich fahre durch ein Gatter und quer über den Acker. In der Viehsperre wächst eine Hecke.

Der Bauer hat sogar eine olle Hütte mit Aussichtsplattform auf sein Feld stellen lassen, in der man etwas über seine Tierhaltung in der Hutelandschaft nachlesen kann. Hier werden Wildpferde und Heckrinder gehalten. Heckrinder sind eine Rückzüchtung, bei der 15 Rinderrassen solange gut durchgemixt wurden, bis das Ergebnis (zumindest optisch) aussah wie der ausgestorbene Auerochse.

Danach verläuft der Radweg auf einem Mühlenwanderweg. Aber auf den Infotafeln über die abgerissenen Mühlen stand einfach so überhaupt nichts Interessantes. Sie wurden halt von A zu B zu C verkauft und verpachtet... joa, okay, weiter.
Auf einem kurzen Stück durch den Westen kam ich an ungefähr 326 Baumstammstapeln vorbei. Dies ist offensichtlich das natürliche Habitat einer großen Population von Holzfällern. Manche legen ihr Holz zwischendurch quer über einem Graben ab. Sehr zum Verdruss der Bauern: An den Eigentümer des Holzes!, schrieb ein verärgerter Farmer auf ein Schild. Machen Sie hinterher gefälligst ihre Rindenreste weg und hinterlassen Sie den Platz sauber, damit der Graben im Sommer gemäht werden kann!

Hinauf, hinunter, in den Westen, in den Osten, noch ein Kolonnenweg, ein Stück Mauer... irgendwann habe ich gar nicht mehr mitbekommen, in welchem Bundesland ich aktuell bin. Puh, ich brauch ne Pause. Zeit fürs Maultaschen-Curry!

Als sich der Nachmittag schon seinem Ende zuneigte, bin ich in Weißenbrunn vorm Wald herausgekommen. Dieses Dorf ist irrsinnig stolz darauf, dass es vom Dichter Heinrich Schaumberger ausgiebig beschrieben wurde (auch wenn es in seinen Geschichten anders hieß). Dabei hat Weißenbrunn noch viel mehr, auf dass es stolz sein kann. Der weiße Brunnen im Namen ist nämlich eigentlich ein Bach namens Itz, der aus dem Kalkstein kommt und sich in moosig-matschigen Kaskaden abwärts stürzt. Dieses Flüsschen verströmt fast schon mediterranes Flair.

Anschließend sammelt sich die Itz in einem kleinen Teich, fließt unter der großen ICE-Brücke hindurch und wird nochmal so richtig gestaut, damit sie weiter unten kein Hochwasser verursacht. Statt ganz langweilig vom Itz-Stausee zu sprechen, hat man dem Hochwasserrückhaltebecken lieber den kreativen Namen Froschgrundsee verpasst. Die Plattform auf der Talsperre darf niemand betreten, nicht einmal Fahrräder (ein recht sinnloses Verbot, wenn schon Menschen an sich verboten sind). Aber gut, kann ja nicht schaden, das Fahrradverbotsschild auf die Schranke zu kleben, falls irgendwann mal selbstfahrende Fahrräder erfunden werden.
Ist ja auch egal, der Froschgrundsee kann von vielen anderen Stellen ebenso gut bewundert werden.

Wahnsinn, wie vielseitig die Bergbayerngrenze ist! Jetzt schlägt die Grenze eine neue Seite auf und bringt mich ins Coburger Zickzacktal (so nenne ich das jetzt einfach mal).
Also dann, Endspurt! Im Itztal sauste ich bequem am Wasser den Coburger Vororten entgegen.

Bis in die Stadt Coburg fuhr ich aber nicht rein. An diesem lila Kreisverkehr wuchtete ich mein Rad über den Hügel hinüber ins Rödental.

Dort befindet sich der Vorort namens, ähm, Rödental. Er sieht eher weiß und unscheinbar aus, also beschränkte ich meine Sightseeingtour auf den lokalen Edeka.

Für das Abendessen ist gesorgt, jetzt brauche ich nur noch einen Schlafplatz. Dieser sollte im Idealfall viel, viel besser sein als der letzte Nacht.
Dieser Idealfall trat ein. Dieses fabelhafte Wäldchen direkt am Radweg war nicht nur superleise und bequem, sondern auch noch viel trockener als die letzte Nacht - obwohl es direkt am Fluss Rodach lag. Wunderbar, so sollte ich fit sein für das, was morgen kommt.