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13 August 2025

Donau: Von Komárno nach Radvaň

Radfahr'n nach Radvaň macht Spaß. Denn zum heutigen Ziel waren es weniger als 25 Kilometer. Und das brauchten wir auch. Denn als wir die Váh auf einer rostigen Brücke überquert hatten, landeten wir wieder einmal auf dem gleichen heißen Dammweg.
Außer das auf einmal graue Grundmauern neben dem Damm und ein Unesco-Symbol auf dem Radweg auftauchten. Schon wieder ein Römerlager? Aber das ist doch das Nordufer, hier war doch gar kein Römisches Reich?
Tja, die Römer verstanden unter dem Wort Grenze einfach etwas anderes als wir. Nicht Das hier ist unser Land und das da ist euer Land und jeder bleibt auf seiner Seite, sondern Das hier ist unser Land, und das da ist wildes Barbarenland, das wir auch bald erobern und wo wir schon mal Brückenköpfe errichten und nach Belieben eingreifen dürfen, falls die Stämme Dinge tun, die uns nicht gefallen.
Während der Markomannenkriege bauten sie ein einfaches Lager aus Erde und Holz. Die Germanen fanden das ästhetisch nicht sonderlich ansprechend und äußerten diese Architekturkritik, indem sie alles zerstörten. Als der Krieg gegen sie ausgefochten war, baute Rom ein stabileres Lager mit meterdicken Steinmauern. Das hielt dann auch tatsächlich stand, bis sich das Römische Reich im 4. Jahrhundert generell aus der Gegend verzog. Kommandiert wurde es einem Grabstein zufolge von Marcus Vinius Schwanzus Longinus.
Heute ist vom Lager Kelemantia nicht viel übrig, das Wesentliche kann man eigentlich schon vom Radweg aus überblicken. Ein bisschen lässt sich an der Außenmauer noch ablesen, wo Türme und Tore standen, das war's aber auch schon.

Auf der anderen Seite des Deichs fließt die Donau, und ihr Ufer ist so ästhetisch ansprechend, da hätten selbst die Germanen nix zu meckern gehabt. Schlanke Bäume wachsen aus dem weißen Sand. Wir stürzten uns hinein, und... whoa, was ist denn hier los? Die kräftige Strömung zog uns ständig stromabwärts, allerdings eher in Richtung Ufer als weg davon. Wem das Schwimmen in der Sonne mit Gegenstromanlage zu anstrengend ist, der kann im Schatten der Bäume auch ein erholsames Schlammpeeling genießen. Aah! Und hier kommt auch keiner mit dem Auto hin, der uns stören könnt...
WruummmMMMMMM...!
Ein Speedboat schoss die Donau herunter. Und wieder rauf. Und wieder runter. Ah ja, richtig. Diesen eiligen Herrn hatten wir schon vorhin an der Váh-Mündung gehört, doch natürlich war die Fahrt auf dem kleineren Fluss langfristig nicht genug, um sein Selbstwertgefühl aufzuwerten.
Gegenüber lag übrigens ein Lastschiff an einer komischen Betonfestung, vielleicht ein Kriegsüberbleibsel, das nun als Anlegestelle dient.

Diese Etappe ist doch ein bisschen lebendiger: Es gibt eine Fähre rüber nach Ungarn und zwei Imbisse in erreichbarer Nähe, das ist für die Länge okay. Und auch zwei Rasthütten, deren komisch gebogene Dächer aber keinen gescheiten Schatten spendeten. Besser war da schon der kühle römische Wachturm, auch wenn seine Fenster etwas schmuddelig waren. Anders als damals ist er frei zugänglich per Treppe, während in der Antike jemand von oben eine Leiter runterlassen musste. Aber genau wie damals zieht sich ein hölzerner Balkon einmal außenrum. Da drin hatten vier bis fünf Männer Dienst, die den Abstand zum nächsten Lager durch intensives Gucken überbrücken sollten.

Oben sahen wir im Prinzip dasselbe wie von unten, nur halt von oben. In der Ferne erschienen neue blaue Berge - sind das schon die Berge am Donauknie, die wir übermorgen erreichen? Ich weiß ja, dass unsere Tagesetappen jetzt kürzer sind, aber so kurz? Nein, die vordersten Berge werden schon heute erscheinen, allerdings am anderen Ufer.

Neben der Fahrradinfrastruktur nahm auch die Dichte an Störchen und abgeschrabbelten Häusern deutlich zu.
Wieso hat eigentlich jedes Kaff hier eine Miniversion des Berliner Fernsehturms? Mapy.cz gab Antwort, es sind Wassertürme. Meine Mutter gab weitergehende Antworten, nämlich, dass die Dinger einst "Steuerknüppel des Sozialismus" genannt wurden.

Bei dem Wetter hat jeder das Bedürfnis nach einem Bad, auch römische Soldaten. Es gibt Berichte, wonach die Römer aus dem Lager Kelemantia gern in matschigen Seen badeten, aus denen 27 Grad heißes Wasser aufstieg. In Patince, am südlichsten Punkt der Slowakei und nur ein kurzes Stück vom Radweg entfernt, beginnt eine Reihe heißer Quellen, die entlang der Donau bis zur Margareteninsel in Budapest reicht. (Wobei es auch schon mitten in Komárno ein ganz ähnliches Thermalfreibad gab, warum das nicht zur Kette gehört, erschließt sich mir nicht.) 1953 wurde intensiv nach dem Wasser gebohrt, und heraus sprudelten neben H2O auch Biocarbonate, Kalzium, Magnesium und Sulfate. Die sollen gut für Muskeln und Skelett sein, was bekanntlich Ausrüstungsgegenstände sind, die man immer gebrauchen kann, nicht nur beim Radfahren.
Nur haben die Sulfate eine gemeine Nebenwirkung: Sie riechen nach Eiern, die dein Mitbewohner vor dem Urlaub im Kühlschrank vergessen hat. Am intensivsten roch es auf dieser hölzernen Insel über einer originalen Thermalquelle. Über den Seerosen spritzt und sprudelt das Eierwasser kühl und erfrischend aus einem pilzförmigen Springbrunnen, macht das Holz saumäßig glitschig, lässt die völlig verrosteten Schrauben wie Seepocken aussehen, und riecht.
Allzu lange blieb hier niemand sitzen.

Ansonsten machte das Thermalbad von Patince Kupele, anders als diverse Bewertungen sagen, auf mich durchaus einen ordentlichen und gepflegten Eindruck. Klar, die ganze Umgebung des Ferienparks, verfallene Betonwege und rostige Kassenhäuschen, deuten darauf hin, dass die Anlage mal ein gutes Stück größer und wichtiger war, vielleicht noch im Sozialismus. Aber das, was erhalten wird, wird auch erhalten.
Im Innen- und Außenbereich gibt es verdammt viel Beckenfläche. Ein Wegweiser verweist zur Rutschenwelt, obwohl nur eine einzige langsame Rutschen am Außenbecken steht. Ist diese Rutschenwelt hier mit uns im Raum? Ist sie, mehr oder weniger. Wer den Wegweisern etwa einen Kilometer an leeren Becken vorbei folgt, der erreicht mit verbrannten Fußsohlen tatsächlich diesen Rutschenturm.

Am Imbiss nebenan ließ sich derweil ein deutsch-slowakisches Ehepaar nieder. Der schüchterne Deutsche bat seine Frau, ihm auf Slowakisch ein großes Bier zu bestellen.
Die burschikose Frau entgegnete: "Das schaffst du doch selber. Sag einfach: Jedno. Velke. Pivo. Prosim."
"Nein, mach du lieber."
Das wiederholte sich einige Male, ehe die Frau zum Tresen ging und mit derselben slowakischen Subtilität, die wohl auch für das tschechische Haus in Komárno verantwortlich ist, ein kleines Bier bestellte.

In Žitava erwarteten uns gleich mehrere Überraschungen: Der Deichweg war zu Ende und ging in die einzige Dorfstraße über. Ein kleiner Weinberg (ohne Berg) erstreckte sich am Wegesrand. Und auf ihn folgte so ein eigenartiges Denkmaldach mit... einem Halbmond drauf? Ich dachte, die Türken waren hier immer die Feinde?
Ja. Und deshalb erinnert das Denkmal an den Frieden von Žitava, als der deutsche Kaiser, der ungarische König Rudolf I. und der türkische Sultan Ahmend I. 1606 ihre Streitigkeiten durch Verhandlungen beilegten. So etwas gab es eben auch.

Okay, aber wieso ist der Deichradweg zu Ende? Mein Bruder war zunächst erleichtert, bis ich darauf hinwies, dass die Dorfstraße keineswegs mehr Schatten bietet.
Unsere Pension in Radvaň nad Dunajom beantwortete die Frage: Kein Platz. Diese Dörfer sind nah am Wasser gebaut. Den Zusatz nad Dunajom ("über der Donau") haben sie sich redlich verdient, indem sie ganz ohne Angst vor Hochwasser gebaut haben. Andererseits: Der Höhenunterschied zum Wasser ist wahrscheinlich höher als der Deich vorhin. So langsam machen sich die Berge auch auf dieser Seite bemerkbar.
Die Lage ist auf jeden Fall ein Traum, eine Terrasse mit Donaublick hinter jedem Zimmer, eine Donauterrasse am Restaurant, eine grüne Donauterrasse mit Mini-Pool und schließlich ein Donaustrand. Die Deko im Restaurant deutet darauf hin, dass hier oft Hochzeiten stattfinden, und das einzige, was daran keinen Sinn ergibt, ist: Wo sollen die restlichen Gäste unterkommen, sobald alle Zimmer (1 bis 5) voll sind?

Noch immer düsten Sport- und Speedbootfahrer durch die Gegend. Aber auch ein Trio aus Kanufahrern verließ gerade das Restaurant und kehrte zu seinen Booten zurück. Ach, die wollen hier gar nicht übernachten? Warte, wo paddeln die denn jetzt noch hin, die Sonne geht doch schon unter?
Und wie kommen sie überhaupt zurück? Die Strömung ist brutal, stromaufwärts schwimmen konnte ich nur mit großer Anstrengung. Wer entspannt schwimmt, schwimmt rückwärts. Ein paar Meter weiter draußen konnte ich nicht mal auf der Stelle stehen, die Donau schleifte zu ihrem ewigen Gesang meine Füße über den Kies. Wie!? Der Rhein war längst nicht so heftig, als er so breit war.
Aber die Kanufahrer wollten ja stromabwärts, also entfernten sie sich schnell und mussten nur symbolisch paddeln. Ah! Das erste Kanu steuerte eine größere Donauinsel an, dort wollten sie bestimmt ihr Zelt aufschlagen. Ihre Nacht wird damit wahrscheinlich ungefähr so malerisch wie unsere.
Später ging der Vollmond auf. Im Nachbarzimmer brabbelten die Kinder, die abends um acht im Restaurant noch Kofola getrunken hatten, unruhig in die Nacht hinaus. Die Grillen zirpten (taten sie schon den ganzen Tag) und die Donau rauschte in erstaunlich lauten Wellen an den Strand. Warum ist das nur nachts so laut zu hören? Selbst von unserem Zimmer aus klingt sie wie ein großer See oder ein kleines Meer. Es ist ein Geräusch des tiefen Friedens, welchen die Eltern der Kofolakinder in diesem Moment vermutlich nicht empfanden.

Unsere Fahrräder übernachten hinterm Bartresen, ebenfalls mit Donaublick.

11 August 2025

Donau: Von Vrakúň nach Komárno

Hinter der zweiten Staumauer wird der Privodný kanál zum Odpadový kanál (Müllkanal?). Aus irgendeinem Grund ist er genauso breit wie oberhalb der Mauer. Wirklich eine seltsame Stauanlage.
Ein paar Kilometer weiter vereinigt sich das alte Flussbett (hinten) mit dem Odpadový kanál (rechts), womit wir wieder eine einheitliche Donau hätten, auf der jetzt auch die Grenze nach Ungarn verläuft.

Raider wird zu Twix, sonst ändert sich nix.
Am slowakischen Nordufer wurden wir nach wie vor auf dem Deich gebacken, auf der einen Seite Bäume mit zu viel Abstand, auf der anderen tote Dörfer. Nur ein einziges hatte ein Bufet, und an dem fuhren mein vorauspreschender Bruder und ich schnurstracks vorbei.

Und Badeseen? In Klížska Nemá sollte es einen geben. Aber wo ist das kristallklare Blau von gestern geblieben? Der schmutzige Kies bricht abrupt ab in eine kotzgrüne Suppe. Dass mitten an einem Samstag kein einziges Dorfkind da drin baden wollte, stimmte uns skeptisch.

Schatten? Gab es auf dem Radweg insgesamt zweimal für jeweils fünf Meter.
Rasthütten? Das hier war die einzige. Immerhin zur Hälfte im Schatten, doch um in das komische Teil reinzukommen, musste ich mich ducken, und die Hitze staute sich unter dem Teerdach.

So wurde dieser Tag und nicht der letzte zum härtesten der ganzen Tour.
Naja, immerhin bestand fast alles aus Asphalt oder brauchbaren Betonplatten. Lieber auf dem Deich gebacken werden als auf den längeren Dorfstraßen, wo laut Karte manchmal die Hauptroute verläuft.
Trotzdem ist es traurig. Was die Qualität des Radwegs angeht, scheint Wien-Budapest die beste Staffel des Donauradwegs zu sein, und was die Infrastruktur drumherum angeht, bisher die schlechteste. Solch einen Gegensatz habe ich noch nie erlebt.
Kein findiger Unternehmer traut sich, in einem der leerstehenden Häuser eine Radlerunterkunft zu öffnen. Für wen habt ihr dann diesen Asphaltweg auf den Deich gegossen? Für lokale Rennradler? Davon zischten viele vorbei, auf jeden Fall mehr als die Tourenradler, von denen erst ab 11 zaghaft ganz wenige herauskamen. Aber ist ja auch gut, wenn die Menschen vor Ort etwas von den EuroVelo-Radwegen haben.
Immer wieder fielen uns rätselhafte weiße Steinreihen auf. Da hat jemand mit den Grenzsteinen aber komplett übertrieben. Trennen die die Gemarkungen der Dörfer voneinander oder nur Privatgrundstücke? Egal, es ist zu heiß, um darüber nachzudenken.

Was also tun, um die Familie heil durch das slowakische Bratblech zu bringen?
Es hilft nichts: Immer wieder runter vom Deich und im Schatten der Bäume ausruhen. Und nochmal. Und nochmal.
Abgesehen davon fanden wir noch zwei andere Ansätze.
Am staubigen Rande der Hauptstraße nach Gabčikovo saß eine einsame Frau an einem Melonenstand. Die Melonen sahen tatsächlich gut aus (auf jedem Fall viel besser als die fliegenübersäten aufgeschnittenen Melonen auf dem Bauernhof ein paar Kilometer vorher). Sie pickte auf unseren Wunsch die kleinste heraus, die immer noch verdammt groß war und happige 13 Euro kostete. Mit Ach und Krach bekamen wir sie provisorisch für ein paar Kilometer in meine Fahrradtasche. Ob das eine gute Idee war?
War es. Wir schnitten, schlürften und löffelten das Obst zu viert leer, und sie war so süß und saftig, wie eine Wassermelone nur sein kann, möglicherweise die perfekte Melone. Mit vollem Bauch, satt und das genaue Gegenteil von dehydriert, lagen wir im Gras, und ich konnte nicht anders, mir entwich ein Melonenrülpser. Nur die Idee meines Bruders, die halbe Schale als Helm zu tragen, trug keine Früchte. Für die ersten Kilometer kühlte er noch, dann heizte er sich viel stärker auf als ein Fahrradhelm. Außerdem denken dann alle, man hätte das berühmte Melonen-Fahrradhelm-Experiment komplett missverstanden.

Die andere Idee: Einfach in der wiedervereinigten Donau baden. Das Wasser ist zwar nicht unbedingt klarer (auch nicht bedingt), doch nach dem Zusammenfluss entdeckten wir erstaunlich schöne Strände mit Sand, Muscheln und Baumwurzeln, die bis ins Wasser ragten. Die Fahrrinne für Schiffe lag auf der anderen Seite, und so sind zumindest ein paar Schwimmzüge in Ufernähe unter diesen Umständen hoffentlich vertretbar. Die Gegenstromanlage war eingebaut, denn die Strömung war verdammt stark, die Wellen des einzigen Lastschiffs dagegen noch relativ zahm.
Als ich bis zum Hals im Wasser steckte, hörte ich folgendes: Rrschschsch... Es war das endlose Rauschen der Donaukiesel am Grund, der Gesang des Flusses, aber eben auch, wie Andreas Fath es über den Rhein formuliert hat, "eine große Plastikmühle".
Wobei die Slowakei in der Hinsicht gar nicht so schlimm zu sein scheint. Nach einer Weile fuhren zwei Autos vorbei und parkten direkt am Strand, packten bei laufendem Motor Liegestühle und einen Grill aus. Die waren eindeutig gekommen, um zu bleiben, zumindest länger als wir. Wenn die hier öfter so was veranstalten, dann ist es bemerkenswert, dass wir an diesem herrlichen Strand überhaupt keinen Müll gefunden haben.

Wie gehen die Slowaken sonst mit der Hitze um? Machohaft und nicht unbedingt auf die schlauste Art. Viele radeln oberkörperfrei beziehungsweise im Bikini. Sonnencreme ist unerwartet teuer und scheint nicht so wahnsinnig verbreitet zu sein. Kurz vorm Ziel kam uns ein kräftiger Herr in Unterhose entgegen, und seine krebsrote Haut verkündete, dass dem Hautkrebs das gelungen war, woran die Türken einst gescheitert waren: Die Donauufer dauerhaft zu erobern.
Auch scheinen die Slowaken etwas distanzierter und weniger sozial zu sein als die Tschechen. Es dauert, bis sie auftauen - der einzige, bei dem ich lange genug anwesend war, war mein Sitznachbar im Nachtzug nach Wien während der Anreise. Meine Mutter war sehr froh, dass sie einen Tschechen geheiratet hatte.

Schließlich guckte am anderen Ufer ein fetter skeptischer Kreis aus Backsteinen mit grünem Dach herüber, das Fort Monostor. Es stammt von 1850, damit ist es die größte neuzeitliche Festung in Europa.

Das Fort ist Teil der ungarischen Stadt Komárom, die sich ansonsten mit ein paar Kirchtürmen und Blocks eher bedeckt hält. Aber gut, bei einem derart breiten Fluss kann man nicht erwarten, allzu viel zu erkennen.
Als das Nordufer an die Slowakei ging, wurde diese Stadt in zwei Hälften geteilt, und damit man die auch auseinanderhalten kann, heißt der slowakische Teil Komárno. (Obwohl der Name wahrscheinlich von komár, also Mücke, kommt, nahm die Mückendichte mit der Einfahrt in die Stadt rapide ab.) Eine neue Straßenbrücke, eine Eisenbahnbrücke und schließlich eine alte Straßenbrücke verbinden die beiden Städte - erst gibt es ewig keine Donaubrücken und dann gleich drei. Eine davon muss die Brücke der Freundschaft sein. Dabei war durchaus wenig Freundschaft zu spüren, als diese Donaugrenze 1918 gezogen und die Stadt geteilt wurde. Der größte Feind waren damals nicht irgendwelche fernen Deutschen oder Russen, sondern der Nachbar direkt gegenüber. Es gab ungeklärte Konflikte um den Grenzverlauf, Aufrüstung und die Befürchtung, dass sich Ungarn als Verlierer des Ersten Weltkriegs das verlorene Ufer (auf dem eine beträchtliche ungarische Minderheit lebte) zurückholen wollte. Wollte es auch unbedingt, aber durch Verhandlungen. Bei der Konferenz in Komárno 1938 machte die Tschechoslowakei verschiedene Kompromissvorschläge, aber einen so großen Teil ihres Gebiets wollten sie natürlich nicht einfach so abgeben.
Weil sich Ungarn und die Tschechoslowakei auf nichts einigen konnten, wollten sie durch Schiedsspruch entscheiden lassen, und als Schiedsrichter wählten sie zwei ganz objektive, vernünftige Männer namens... Hitler und Mussolini. What?! Beide Staaten hatten sich heimlich mit Hitler verständigt und waren sicher, er würde in ihrem Sinne entscheiden. Aber Ungarn hatte zusätzlich Mussolini auf seiner Seite, und der überzeugte Hitler, Ungarn vollumfänglich Recht zu geben. Mit den Ersten Wiener Schiedsspruch kam das Nordufer also nochmal für ein paar Jahre zurück nach Ungarn. Das war der dritte Schritt bei der Zerschlagung der Tschechoslowakei. Im fünften Schritt ordnete sich ganz Tschechien dem Schutz des Deutschen Reiches unter, weil sie im Kriegsfall ohnehin niemand unterstützt hätte. Daraufhin erklärte die Slowakei ihre Unabhängigkeit, die ihr Tschechien bis dahin verweigert hatte. Aber nur, weil Deutschland die Slowaken dazu gedrängt hatte, sonst würde das Land zwischen Polen und Ungarn aufgeteilt. Die unabhängige Slowakei musste sich dann auch gleich in ähnlicher Weise Deutschland unterwerfen.

Über eine kleinere und sehr viel ältere Brücke radelten wir in die Stadt rein. Schranken, Kräne, Schornsteine und Rost, so richtig einladend war das alles nicht. Komárno (unnötige Eindeutschung: Komorn) ist etwas, das ich so weit vom Meer entfernt nicht erwartet hätte: Eine Werftstadt. Hier entstehen Donau- und sogar Hochseeschiffe für die Slowakei.

Dann aber bogen wir ab und standen urplötzlich in einer richtig gemütlichen Altstadt. Auf dem Klapka-Marktplatz musizierte ein Saxophonist, in den Restaurants klapperte das Besteck. Alles war ein bisschen niedriger und unaufgeregter als in Bratislava. Und es gab Schatten!
Der Platz wurde nach General Georg Klapka benannt, der auch als Statue rumsteht. In Klapkas militärischer Karriere stand die Stadt immer wieder im Mittelpunkt, er hat sie gegen Russen und die Revolutionäre von 1848 verteidigt, wurde zwischendurch bei einer Belagerung komplett eingeschlossen und brachte es schließlich zum provisorischen Kriegsminister und Abgeordneten.
Neben dem Schiffbau scheint die Stadt noch einen zweiten Wirtschaftszweig zu haben: Goldhandel und Pfandleihen. Die Stadt wimmelt von diesem Geschäftsmodell, das ich eigentlich nur noch aus Geschichten kenne. Im Dönerhandel dagegen bekleckert sich diese Stadt wirklich nicht mit Ruhm, sondern lediglich mit Tatarská und Ketchup.

In der eindrucksvollen Barockkirche haben alle Omis Stammplätze, die an der mit Vornamen beschrifteten Tüte zu erkennen sind. Darin steckt das Kissen, auf dass sie sich im Gottesdienst niederknien.
 
Von dem Fenster unserer Wohnung sahen wir direkt auf den Europa-Platz, ein etwas versteckter zweiter Marktplatz mit Hinterhof-Aura, der ursprünglich Teil einer Festung war. Um den Springbrunnen stehen die Statuen europäischer Monarchen. Nur der Sockel von Bela III. ist leer. Was hat er angestellt, damit er nicht gezeigt werden darf - eine Punkband gegründet?
Rundherum drängen sich 45 Häuser, die verschiedene Länder und Regionen in Europa repräsentieren sollen. Der genaue Plan, welches Haus welches ist, findet sich nirgendwo online, sondern nur versteckt in einer Ecke am Platz, damit alle erst mal raten. Das deutsche Haus (das Fachwerkhaus vorne rechts) stammt als einziges nicht vom Ende des 20. Jahrhunderts, sondern ist das älteste der Stadt. Wir übernachten allerdings im rosaroten dänischen Haus in einer Wohnung, deren Architekt alles superfancy machen wollte, selbst wenn dafür die Funktion komplett baden geht, oder der komplette Flur, weil die Dusche ausläuft.

Preisfrage: Welches ist das tschechische Haus?
Das ganz rechts.
Wohl dem, der auf einem Kontinent lebt, auf dem Kriege durch solch fiesen Spitzen ersetzt wurden.

Doch in Komárno tobten vorher viele Kriege, natürklich auch wieder gegen die Türken. Die fette Festung hat einen massiven Wall aus Gras und Backsteinen, dahinter gehen die langen Kasernen los, die eine Hälfte weiß gestrichen, die andere heruntergekommen. Wer mehr sehen will, muss eine Führung mitmachen, die nur zweimal täglich startet.
Es war damals die größte Festung in Ungarn, und weder das Osmanische Reich noch die Revolutionäre von 1848 schafften es rein. Weder mit List noch mit Kraft soll irgendwo an der Spitze reingeschrieben sein. Mag sein, aber es gibt noch eine dritte Möglichkeit: Die Türken gingen einfach außenrum und schafften es so bekanntlich bis kurz vor Wien.

Die Festung steht in der Landspitze zwischen Donau und Váh (Waag), dem zentralen Fluss der Slowakei, welcher der Donau jede Menge Wasser aus der Hohen Tatra mitbringt. Quasi die slowakische Moldau.

Unsere Räder stehen heute Nacht in einer Art Wäscheraum.