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28 März 2026

Lippe: Von Schloss Neuhaus nach Hamm

Lippenbekenntnisse
Tag 2: Das Optimaltal

Über Seen ist kein Roman von Juli Zeh, sondern ein möglicher Titel für diese Radtour. Immer wieder kam die Radroute an irgendwelchen Bade- und Baggerseen vorbei, und immer wieder haben wir es geschafft, so abzubiegen, dass wir sie verfehlten. Die Freizeitanlagen Lippesee zum Beispiel sahen auf der Karte sehr ähnlich aus wie das Kiesseegebiet an der nicht weit entfernten Ems, aber auch die haben wir komplett überseen.

Das genaue Gegenteil der Seen sind die Kanäle - an denen sind wir ständig langgefahren, egal, ob wir wollten. Oh, wir sind jetzt auf der Boker-Kanal-Schleife? Tja, dann ist das wohl so, ist doch nett hier an dem kleinen Kanälchen. Mittelstarker Gegenwind pustete uns entgegen, trotzdem kamen wir auf dieser Abkürzung fix voran. Das war auch gut so, denn es war Mittag, wir hatten getrödelt, wollten eigentlich noch 100 Kilometer fahren und unterwegs auch etwas sehen.

Aber wir sind schließlich auf der Römer-Lippe-Route, also sind wir irgendwann doch runtergefahren zur Lippe und zu den Römern. Die haben sich in Anreppen angesiedelt, wie man an dieser Hand im Lorbeerkranz erkennt - ein Symbol der Loyalität, das viele Militäreinheiten in ihrem Logo benutzten.
Anscheinend war es dieser Römertruppe wichtig, gleich neben der Lippe (auf Lateinisch Lupia) zu campen, denn sonst hätten sie (wie die anderen Römer-Lippe-Lager) wohl eine strategisch bessere Position auf einer Anhöhe genommen. Daher spricht auch viel dafür, dass die geheimnisvolle "halbkreisförmige Einbuchtung in Flussnähe" ein Militärhafen war, auch wenn der Fluss heute bissl weiter entfernt fließt.

6000 Legionäre lebten im Militärlager von Anreppen, das "aufwendig rekonstruiert" sein soll. Nun ja... also, zweifellos bedeutet es einen gewissen Aufwand, die ganzen römischen Straßen alle mit Kies nachzuschütten, aber als jemand, der gerade erst die Reste der (fast baugleichen) Römerlager an der Donau gesehen hat, hat mich das jetzt nicht vom Hocker gehauen. Immerhin wurden zwei Meter der hölzernen Kanalisation nachgebaut.
Oder ist dieses Lager doch moderner als gedacht? Ein Schild mit Römerhelm-Symbol wies auf eine Augmented-Reality-Szene hin. Es verriet aber nicht, wie und mit welchem Gerät man das Lager auf diese Wiese zurückbringen kann.
Echte Überreste sind nicht zu sehen, dafür haben die Bauern das Land im Laufe der Jahrhunderte zu gut beackert. Naja, und dazu kommt, dass das Lager komplett aus Holz und Erde bestand.
Und auch nur drei Jahre existierte.

Wer vor nicht allzu langer Zeit zuletzt an das Römische Reich gedacht hat, hat vielleicht noch eine ungefähre Karte im Kopf und denkt sich: Hier war doch gar kein Imperium Romanum?
War es auch nicht. Also nicht wirklich.

Wir befinden uns im Jahr 12 vor Christus. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt, Asterix und Obelix sind schon 73 Jahre alt, und die Römer haben gerade erst ihre ersten dauerhaften Lager am Rhein gebaut. Die sind dringend nötig, denn die Germanen kommen immer mal wieder rüber und überfallen Gallien. Um die noch relativ neue Provinz zu schützen, müssen die Römer über den Rhein und den Germanen aufs Maul geben, tja, und wenn sie sowieso schon mal da sind, Provinzen kann man doch eigentlich nie genug haben, oder?
Dann, im Jahr 1, Jesus machte in seine Windeln, erhoben sich die germanischen Stämme gegen die Römer und gegeneinander im immensum bellum. Dieser immense Krieg gefiel den Römern gar nicht, schließlich hatten sie das Gebiet doch gerade erst "befriedet" (ein Wort, das nur selten Frieden bringt). Tiberius, der Adoptivsohn und spätere Nachfolger von Kaiser Augustus, übernahm das Kommando und kämpfte sich bis zur Weser durch. Aber anders als seine Vorgänger kehrte er danach nicht zurück zum Rhein, sondern schlug sein Lager (vermutlich) in Anreppen auf und überwinterte.
Dort, wo heute eine Hecke steht (ganz rechts), befand sich die Holz-Erde-Mauer. Davor zwei V-förmige Gräben (Bildmitte), gar nicht mal so tief und ohne Wasser - das reichte schon, damit kein Feind in geschlossener Formation ans Lager rankam. Nur in die Therme musste natürlich Wasser rein, wie soll man sonst nach einem harten Tag als Eroberer vernünftig relaxen?

Als der Frühling kam, marschierte Tiberius weiter durch bis zur Elbe und Nordsee, und Anreppen versorgte ihn von hinten mit Essen (vermutet man zumindest wegen der vielen Getreidespeicher). Kein römischer Feldherr sollte jemals weiter kommen als er.
Wir schreiben das Jahr 6, der kleine Jesus lernt erste Buchstaben, Asterix und Obelix sind 91-jährige Greise, und ganz Germanien ist von den Römern besetzt bis auf einen letzten Stamm, der keinen Zaubertrank hat, sondern einfach Glück. Denn auf einmal brach an der Donau der Pannonische Aufstand los, und Tiberius schloss hastig einen Freundschaftsvertrag mit dem letzten Germanenkönig, gab das Lager Anreppen auf und eilte nach Südosten, um mit mit großer Mühe Ungarn zu "befrieden". In seiner Abwesenheit sollte Statthalter Varus aus dem eroberten Land zwischen Rhein und Elbe eine richtige römische Provinz machen, damit er überhaupt was zum Statthalten hatte.
Aber bei dem Namen sollten alle Alarmglocken klingeln, denn das Denkmal zu Beginn des Radwegs hat uns ja längst gespoilert, wie die Sache ausging. Der Anfang vom Ende eines Weltreichs, unken manche rückblickend. Aber wenn man das Ganze mit anderen Weltreichen vergleicht - ist es nicht eher so, dass die Römer einfach schlau genug waren, nicht weiter zu versuchen, mehr zu erobern, als sie halten konnten, und gerade dadurch sicherstellten, dass ihr Reich verdammt viele weitere Jahrhunderte existierte?
Auch wenn das dazu führt, dass die Römer-Lippe-Route fast gar nicht durch das Römische Reich führt.


Auf halber Strecke empfing uns Lippstadt mit dem sogenannten Grünen Winkel. Dieser Park ist ein idyllisches Geschmörgel aus Teichen und Wasserläufen. Während wir von Brücke zu Insel zu Brücke radelten, blähte der Wind im Wasser dahintreibende Plastiktüten auf - ach nee, Quatsch, das sind ja alles Schwäne, die sich aufplustern! Ist es nicht traurig, wenn das Hirn da als erstes von einer Plastiktüte ausgeht?

Anders als die Römer verließen sich die Lippstädter nicht auf trockene Spitzgräben, sie wollten sich mit dem Lippewasser schützen. In den ersten Stadtgraben von 1220 lief das Wasser noch ganz automatisch rein. Aber 1623 sollte Lippstadt die stärkste Festung zwischen Rhein und Weser werden, und dafür brauchte es viel größere Gräben. Das Steinwehr sollte dafür sorgen, dass die immer gut gefüllt waren. Trotz seines Namens bestand es zuerst aus Holz, und auch als es versteinert wurde, spielte das Holz noch eine zentrale Rolle: An Ketten hingen Holzbohlen im Wasser, mit denen gesteuert wurde, wie viel durchfloss. Dann wurde die Festung wieder abgerissen, doch die Lippstädter hatten einen tollen neuen Job für die angestaute Lippe: Die neue Kanalisation. Verteidigung gegen Bakterien und Gestank ist schließlich mindestens genau so wichtig wie gegen feindliche Heere.
Und was ist das für ein Schloss dahinter? Ach nee, hm, eigentlich bloß ein unspektakuläres Ziegelhaus. Okay, vielleicht ist meine Brille auch einfach nicht mit dem Grünen Winkel kompatibel.

Ein dickes Wassermühlrad drehte sich und war damit nicht das einzige, was mich an die parallele Ems erinnerte: Lippstadt ist eine hellgraue Barockstadt, als hätte man eine komplette Stadt im Stil vom Schloss Neuhaus gebaut. Die vielleicht wichtigste Persönlichkeit der Stadt ist der Pfarrer Anton Praetorius, der als Vorläufer von Amnesty International angesehen wird. Er kritisierte mit scharfen Worten die Folter und die Zustände in den Gefängnissen und schrieb Bücher gegen die "unchristlichen Hexenprozesse", die dazu beitrugen, dass diese am Ende abgeschafft wurden.

So, und wie geht es nun eigentlich unserem Fluss?
Gut. Um genau zu sein: Verblüffend gut. Das tiefe Schwarz der ersten Etappe ist verschwunden. Sowohl die kleinen Kanäle als auch die Lippe waren erstaunlich klar und funkelten in den Sonnenstrahlen. Unter der Oberfläche winkten uns quicklebendige Wasserpflanzen zu. Was immer die in Schloss Neuhaus mit dem Fluss gemacht haben - es hat ihm definitiv nicht geschadet!
Hinter Lippstadt durften wir diesen Anblick noch ein Weilchen genießen, auch wenn sich das klare Wasser oft hinter Hecken verbarg. Die Kieswege waren etwas gewundener als am Kanal, trotzdem waren wir ganz zufrieden mit unserem Fortschritt. Wie weit isses noch? Immer noch 55? Uj, okay, hm, na, mal sehen.

Für meinen Begleiter das absolute Highlight der Reise: Einen wilden Apfel pflücken und verspeisen. Das hatte er noch nicht gemacht. Und ich dachte, ich sei der Großstadtmensch von uns beiden.

Eine ganze Weile folgten wir einem Radweg an der Straße. Dann wählten wir eine Abkürzung namens Naturerlebnis-Auenland-Schleife. (Die mehr oder weniger fantasievollen Namen können nicht über folgende Tatsache hinwegtäuschen: Je mehr Varianten im Reiseführer stehen, desto unspektakulärer ist der Radweg.) An einer kleinen Allee tauchte unvermittelt eine leicht schlingpflanzige Ruine auf. Nanu, was ist das jetzt? Hat der Tiberius am Ende doch etwas Haltbares aus Stein gebaut? Das graue Gemäuer sieht verdächtig nach einem Brückenstück aus, ein bisschen wie die Brücke von Remagen, und das ist fast richtig: Es ist ein Brücken-Widerlager, also der Teil, der die eigentliche Brücke mit dem Erddamm zum Rauffahren verbindet. Alles klar, jetzt fehlt bloß noch die eigentliche Brücke. Und der Erddamm. Und das Wasser, über das diese Brücke rüberführen soll.

Nichts davon ist fertiggeworden, eventuell waren die Bauarbeiter mit dem Brücken-Widerlager also ein bisschen voreilig. 1924 sollte hier ein Seitenkanal für die Lippe entstehen, auf dem Schiffe bis Lippstadt durchtuckern sollten. Durch den Zweiten Weltkrieg war kein Geld mehr da, und hinterher war es nicht mehr rentabel, denn Autobahnen waren längst billiger als Kanäle. So taugt das Widerlager bloß noch als Windschutz und Kletterfelsen. Mit etwas Geschick, der einen oder anderen Spalte, Pflanze oder Räuberleiter lässt es sich... uah, gleich hab ich's... gut bezwingen. Oben genoss ich einen Blick auf flache Felder und unauffällige Ziegeldörfer, also genau wie unten.

Danach kamen wir an diesem Gütergleis heraus und rätselten, ob hier noch manchmal Züge fahren. In der Karte waren noch Personenbahnhöfe eingezeichnet, aber zum Teil war das Gleis echt überwuchert. Doch schließlich wichen die Schlingpflanzen sauber gestutztem Rasen, und Straße und Schienen strebten auf ein Kraftwerk und im Prinzip auch schon auf die Zielstadt zu.

Aber vorher bogen wir noch ab in ein schmuckloses Industriegebiet im Vorort Uentrop. Schmucklos? Von wegen, auf einmal ragt dort ein alles andere als schmuckloser Turm namens Gopuram auf, über und über bedeckt von kunterbunt bemalten Figürchen. Zwölf südindische Kunsthandwerker haben daran gearbeitet. Nur die ganze untere Fassade ist noch Baustelle, das Hauptportal verschlossen. Eine absurd hohe Garage überragt den Tempel noch um einige Meter - anscheinend steht da die Riesenstatue der Göttin Kamadchi drin, die jedes Jahr beim Tempelfest um das Gebäude geschoben wird.
Die Geschichte dieses Bauwerks beginnt... nun, seine Kultur reicht so weit zurück wie das Römische Reich, aber seine Geschichte im engeren Sinne beginnt mit dem Bürgerkrieg auf Sri Lanka in den 80ern, als zehntausende Tamilen ins Ruhrgebiet flohen. 1985 kam der hinduistische Priester Arumugam Paskaran nach Hamm und stellte im Keller seiner Mietwohnung einen kleinen Altar auf. Später zog die Gemeinde in eine Wäscherei. Die Stadt betonte, wie sehr sie die kulturelle Bereicherung schätzte, wollte das jährliche laute Tempelfest aber auch nicht im Wohngebiet haben. Zur Jahrtausendwende hatte die Gemeinde bereits am heutigen Standort den größten hinduistischen Tempel in Kontinentaleuropa, und inzwischen ist sie sogar eine Körperschaft öffentlichen Rechts. Nur eine Sache klappte nicht so: Eigentlich bauten sie den Sri Kamadchi Ampal Tempel bewusst nah an der Lippe (beziehungsweise dem Kanal) für ihre rituellen Waschungen, aber nach 25 Jahren mussten sie damit aus Sicherheitsgründen aufhören. Ist die Lippe etwa gefährlicher als der Ganges?
Ob man da hineinkann? Während der Öffnungszeiten schon, hieß es im Internet. Am Container fanden wir dann tatsächlich einen offenen Seiteneingang.

Schilder kommunizierten die Regeln auf Deutsch und in verschnörkelten Zeichen, bei denen es sich wohl um Tamilisch handelt (von den vielen Sprachen Indiens ist das eine der ältesten Schriftsprachen und die einzige, die heute noch ungefähr so aussieht wie vor 2000 Jahren). Und es gibt viele Regeln: Zuerst zogen wir in einem Vorraum die Schuhe aus. Rauchen, Fleisch essen, Alkohol, Menstruation und Haustiere sind nicht erlaubt, und sollte im Tempel eine Sitzhaltung eingenommen werden, dürfen die Beine nicht ausgestreckt werden. 
Doch was Touristen angeht, ist der Tempel entspannter als so manche Kathedrale. Während ich noch am Eingang stand, winkte mich ein Mann herein: "You can come in and look around." Und das, obwohl gerade eine Zeremonie stattfand.
Ich lookte around und fand mich wieder in einer niedrigen, gefliesten Halle wieder, gut gefüllt mit bunten Säulen und Schreinen in einem ähnlichen Stil wie das Dach. Sicher, dass dieses Haus von Anfang an als Tempel erbaut wurde? Es sieht aus, als hätte jemand viel Mühe und Farbe investiert, um eine Markthalle in einen Tempel umzuwandeln. Und doch kommt eine ungewöhnliche Atmosphäre auf in dem verwinkelten und farbenfrohen Raum - man weiß nie, welche Gottheit hinter der nächsten Ecke wartet, etwas, das keine Kirche oder Synagoge bieten kann.
In den Schreinen verbergen sich Altäre und Statuen der einzelnen Götter. Manche dürfen laut Schild nur Priester betreten, andere nur oberkörperfreie Menschen im Wickelrock - beides läuft letztendlich auf dasselbe raus, weil nur Priester in diesem Outfit herumlaufen. Und zwar mindestens dreimal am Tag. Soeben hatte der abendliche Gottesdienst (Puja) begonnen, und eine beträchtliche Gruppe folgte dem Priester auf seiner Runde, während er von Schrein zu Schrein ging und unter Sprechgesang Kerzen in den Schalen entzündete. Dabei war er sehr bestrebt, die fehlenden Glocken im Turm zu kompensieren, indem er sehr enthusiastisch mit einer Handglocke bimmelte. Besinnlich im europäischen Sinne war dieses Geräusch nicht, eher etwas laut und überbordend - so, wie es Indien ja angeblich auch sein soll.

Der große Schrein in der Mitte gehört jener vierarmigen Dame, nach der auch das gesamte Bauwerk benannt ist: Sri Kamadchi Ampal (grob übersetzt: "Frau Liebesäugige Muttergöttin") hat ihren einzigen Tempel außerhalb von Südostasien in Hamm.
Kamadchi/Kamakshi soll ursprünglich wild und blutdürstig gewesen sein, bis der Philosoph Shankara die Göttin gezähmt und ihr Wesen verändert hat. (Erstaunlich, was die indischen Philosophen damals alles konnten. Wie viele Götter hast du schon gezähmt, Richard David Precht?) Seitdem ist sie lammfromm und hat Augen der Liebe, mit denen sie Wünsche ablesen und dann auch gleich erfüllen kann.
Nun haben die Tamilen aber dermaßen viele Götter, dass daneben sogar der Olymp wie eine Kleinfamilie wirkt. Wenn bloß 60 000 tamilische Hindus in Deutschland leben, dann kann man sich ausrechnen, dass es nicht für einen Tempel für jeden einzelnen Gott reicht. Und darum stehen ringsumher 200 von Kamadchis Kollegen, alle aus schwarzem Granit gemeißelt, aber bunt angezogen, in menschengroßen oder ganz kleinen Schreinen. Die Einstellung Götter kann man nie genug haben teilt die Tempelgemeinde mit den Römern in Anreppen. Hier treffen - bisher konfliktfrei - verschiedene Traditionen und Rituale zusammen, die es so in Indien nicht alle unter einem Dach gäbe. 
Einig sind sich immerhin alle, dass die große Kraft über allen Göttern das Brahman ist, welches die ganze Welt durchdringt. Aber das Brahman ist so groß und unfassbar, das betet man nicht an und trägt ihm schon gar nicht seine Wünsche vor. Für so was braucht es noch einigermaßen begreifliche Götter als Transmitter. Wer das seltsam findet, könnte sich fragen: Ist die Heiligenverehrung der Katholiken wirklich so anders?

Eine Nische wurde extra für Hochzeiten mit weißem Sofa und grünem Teppich dekoriert, und am Eingang hing eine Einladung zur nächsten Eheschließung.
Im Tempel befindet sich sogar eine Art Imbiss, aber: Die Tempelspeisung darf auf keinen Fall innerhalb des Tempels eingenommen werden. Und falls man drinnen vergessen haben sollte, sich Tempelspeisung zu holen, steht draußen auch noch ein Snack- und Getränkeautomat - Kamadchi sei Dank, unsere Flaschen waren schon fast leer! Diesen Wunsch hat sie uns definitiv von den Augen abgelesen, oder vielleicht auch vom trockenen Gaumen. Hier wird man auf jeden Fall eher satt als von Wein und Oblaten.

Ein Teil des Lippe-Seitenkanals wurde übrigens wirklich gebaut und heißt heute Datteln-Hamm-Kanal. Das finale Stück konnten wir also an einem großen Kanal fahren, nicht an einem Minigraben wie dem Boker Kanal heute Mittag.

Zum Schluss drehten wir aber doch noch eine Schleife nach Süden, denn dort wartete das Markenzeichen der Stadt auf uns: Der angeblich größte Elefant der Welt. (Die Stadt wirbt sogar mit dem Motto Elephantastisch!) Mit seinem Aufzug im Rüssel ist er sicherlich ein denkwürdiger Anblick. Das transparente Tier hatte ursprünglich die Aufgabe, mit seinem Rüssel Kohle zu waschen. Was für eine dämliche Idee, als ob das Zeug jemals sauber wird?
Kein Wunder, dass die Maximilianshütte eine Geschichte des Scheiterns war. Gasexplosionen, technische Defekte und immer wieder schwere Wassereinbrüche sorgten dafür, dass die Kohle zwar von allein ganz gut gewaschen war, aber nicht erfolgreich ans Tageslicht gebracht werden konnte. 1912 sollte es endlich losgehen, zwei Jahre später war schon wieder Schluss. Erst in den 60ern hatte das Bergwerk eine kleine Blütezeit.

Letzten Endes entschied sich die Maximilianshütte aber, die Flucht nach vorn anzutreten: Sie wurde zum Vorbild dafür, wie sich aus den ollen Industriebrachen etwas Schönes machen lässt, zum Beispiel Maxiparks und Glaselefanten. Gut, Glaselefanten blieben Hamm vorbehalten, aber die Sache mit den Parks ahmte bald das ganze Bundesland nach. Kein Wunder, dass 1984 ausgerechnet hier die erste Bundesgartenschau von NRW abgehalten wurde.
Im Maxipark sprangen uns neben einem rostigen Industriedenkmal direkt zwei Dinge ins Auge: Zum einen ein Stand, der anstatt Eis Jogurt und Quark mit verschiedenen Toppings anbietet, immerhin so schmackhaft, dass sich über fehlende Kartenzahlung und Kassenbons hinwegsehen lässt. Und zum anderen eine Bahn, auf der begeisterte Kinder und Erwachsene Rennautos herumfliegen ließen.
Ja, ich habe fliegen geschrieben. Die Modellwagen hüpften über kleine Rampen und Hügel hinweg, segelten meterweit durch die Luft, bogen halsbrecherisch um Kurven und knallten gegen die Schläuche, welche die Rennstrecke begrenzten. Das Erstaunliche war: Trotzdem musste nie jemand die Fernbedienung weglegen und von Hand eingreifen. Diese unzerstörbaren Dinger sind die Katzen unter den Modellautos: Sie landen immer auf den Rädern.

Warte mal, wie sind wir überhaupt in den Park reingekommen? Der Eingang dort sah aus, als müsste man Eintritt zahlen, aber dort, wo wir vorhin reingefahren waren, hatte einfach ein Tor weit offen gestanden. Hm. Naja, nehmen wir einfach den Ausgang da hinten. Ach Mist, ein Drehkreuz, dann... warte, das Fahrrad passt da durch?
Jap, und das ohne Probleme. Durch so ein Teil bin ich auch noch nie auf einer Radtour gefahren.

An kleinen netten Bachläufen vollendetet der Römer-Lippe-Radweg seine Schleife nach Süden, und hinter der Maximare-Therme stößt er erneut auf den Kanal und die Lippe.
Geschafft. Wow, jetzt waren wir ja doch richtig schnell. Dabei war die Tatsache von Vorteil, dass sich die 100 Kilometer doch nur als 86 entpuppten. So wurde es ein geradezu perfekter Radtourtag, und es reichte sogar noch für eine Runde in der Therme. (Ich habe noch nie so eine riesige Sauna gesehen, der Aufguss erfolgte aber eher lustlos).
 
Die Innenstadt von Hamm ist maximal langweilig. Das Highlight (wortwörtlich light) stellen ein paar leuchtende Bäume dar, dazu ein deutlich kleinerer Elefant. Viele Städte im Ruhrgebiet sind leider so... hm, hässlich ist nicht das richtige Wort. Einfach derart gesichtslos, dass es nicht mal für eine vernünftige Hässlichkeit reicht.
Bisher gestern war das alles, was ich vom Umsteigen von Hamm kannte. Aber seit heute weiß ich, dass die Stadt auch sehenswerte Seiten hat.


13 August 2025

Donau: Von Komárno nach Radvaň

Radfahr'n nach Radvaň macht Spaß. Denn zum heutigen Ziel waren es weniger als 25 Kilometer. Und das brauchten wir auch. Denn als wir die Váh auf einer rostigen Brücke überquert hatten, landeten wir wieder einmal auf dem gleichen heißen Dammweg.
Außer das auf einmal graue Grundmauern neben dem Damm und ein Unesco-Symbol auf dem Radweg auftauchten. Schon wieder ein Römerlager? Aber das ist doch das Nordufer, hier war doch gar kein Römisches Reich?
Tja, die Römer verstanden unter dem Wort Grenze einfach etwas anderes als wir. Nicht Das hier ist unser Land und das da ist euer Land und jeder bleibt auf seiner Seite, sondern Das hier ist unser Land, und das da ist wildes Barbarenland, das wir auch bald erobern und wo wir schon mal Brückenköpfe errichten und nach Belieben eingreifen dürfen, falls die Stämme Dinge tun, die uns nicht gefallen.
Während der Markomannenkriege bauten sie ein einfaches Lager aus Erde und Holz. Die Germanen fanden das ästhetisch nicht sonderlich ansprechend und äußerten diese Architekturkritik, indem sie alles zerstörten. Als der Krieg gegen sie ausgefochten war, baute Rom ein stabileres Lager mit meterdicken Steinmauern. Das hielt dann auch tatsächlich stand, bis sich das Römische Reich im 4. Jahrhundert generell aus der Gegend verzog. Kommandiert wurde es einem Grabstein zufolge von Marcus Vinius Schwanzus Longinus.
Heute ist vom Lager Kelemantia nicht viel übrig, das Wesentliche kann man eigentlich schon vom Radweg aus überblicken. Ein bisschen lässt sich an der Außenmauer noch ablesen, wo Türme und Tore standen, das war's aber auch schon.

Auf der anderen Seite des Deichs fließt die Donau, und ihr Ufer ist so ästhetisch ansprechend, da hätten selbst die Germanen nix zu meckern gehabt. Schlanke Bäume wachsen aus dem weißen Sand. Wir stürzten uns hinein, und... whoa, was ist denn hier los? Die kräftige Strömung zog uns ständig stromabwärts, allerdings eher in Richtung Ufer als weg davon. Wem das Schwimmen in der Sonne mit Gegenstromanlage zu anstrengend ist, der kann im Schatten der Bäume auch ein erholsames Schlammpeeling genießen. Aah! Und hier kommt auch keiner mit dem Auto hin, der uns stören könnt...
WruummmMMMMMM...!
Ein Speedboat schoss die Donau herunter. Und wieder rauf. Und wieder runter. Ah ja, richtig. Diesen eiligen Herrn hatten wir schon vorhin an der Váh-Mündung gehört, doch natürlich war die Fahrt auf dem kleineren Fluss langfristig nicht genug, um sein Selbstwertgefühl aufzuwerten.
Gegenüber lag übrigens ein Lastschiff an einer komischen Betonfestung, vielleicht ein Kriegsüberbleibsel, das nun als Anlegestelle dient.

Diese Etappe ist doch ein bisschen lebendiger: Es gibt eine Fähre rüber nach Ungarn und zwei Imbisse in erreichbarer Nähe, das ist für die Länge okay. Und auch zwei Rasthütten, deren komisch gebogene Dächer aber keinen gescheiten Schatten spendeten. Besser war da schon der kühle römische Wachturm, auch wenn seine Fenster etwas schmuddelig waren. Anders als damals ist er frei zugänglich per Treppe, während in der Antike jemand von oben eine Leiter runterlassen musste. Aber genau wie damals zieht sich ein hölzerner Balkon einmal außenrum. Da drin hatten vier bis fünf Männer Dienst, die den Abstand zum nächsten Lager durch intensives Gucken überbrücken sollten.

Oben sahen wir im Prinzip dasselbe wie von unten, nur halt von oben. In der Ferne erschienen neue blaue Berge - sind das schon die Berge am Donauknie, die wir übermorgen erreichen? Ich weiß ja, dass unsere Tagesetappen jetzt kürzer sind, aber so kurz? Nein, die vordersten Berge werden schon heute erscheinen, allerdings am anderen Ufer.

Neben der Fahrradinfrastruktur nahm auch die Dichte an Störchen und abgeschrabbelten Häusern deutlich zu.
Wieso hat eigentlich jedes Kaff hier eine Miniversion des Berliner Fernsehturms? Mapy.cz gab Antwort, es sind Wassertürme. Meine Mutter gab weitergehende Antworten, nämlich, dass die Dinger einst "Steuerknüppel des Sozialismus" genannt wurden.

Bei dem Wetter hat jeder das Bedürfnis nach einem Bad, auch römische Soldaten. Es gibt Berichte, wonach die Römer aus dem Lager Kelemantia gern in matschigen Seen badeten, aus denen 27 Grad heißes Wasser aufstieg. In Patince, am südlichsten Punkt der Slowakei und nur ein kurzes Stück vom Radweg entfernt, beginnt eine Reihe heißer Quellen, die entlang der Donau bis zur Margareteninsel in Budapest reicht. (Wobei es auch schon mitten in Komárno ein ganz ähnliches Thermalfreibad gab, warum das nicht zur Kette gehört, erschließt sich mir nicht.) 1953 wurde intensiv nach dem Wasser gebohrt, und heraus sprudelten neben H2O auch Biocarbonate, Kalzium, Magnesium und Sulfate. Die sollen gut für Muskeln und Skelett sein, was bekanntlich Ausrüstungsgegenstände sind, die man immer gebrauchen kann, nicht nur beim Radfahren.
Nur haben die Sulfate eine gemeine Nebenwirkung: Sie riechen nach Eiern, die dein Mitbewohner vor dem Urlaub im Kühlschrank vergessen hat. Am intensivsten roch es auf dieser hölzernen Insel über einer originalen Thermalquelle. Über den Seerosen spritzt und sprudelt das Eierwasser kühl und erfrischend aus einem pilzförmigen Springbrunnen, macht das Holz saumäßig glitschig, lässt die völlig verrosteten Schrauben wie Seepocken aussehen, und riecht.
Allzu lange blieb hier niemand sitzen.

Ansonsten machte das Thermalbad von Patince Kupele, anders als diverse Bewertungen sagen, auf mich durchaus einen ordentlichen und gepflegten Eindruck. Klar, die ganze Umgebung des Ferienparks, verfallene Betonwege und rostige Kassenhäuschen, deuten darauf hin, dass die Anlage mal ein gutes Stück größer und wichtiger war, vielleicht noch im Sozialismus. Aber das, was erhalten wird, wird auch erhalten.
Im Innen- und Außenbereich gibt es verdammt viel Beckenfläche. Ein Wegweiser verweist zur Rutschenwelt, obwohl nur eine einzige langsame Rutschen am Außenbecken steht. Ist diese Rutschenwelt hier mit uns im Raum? Ist sie, mehr oder weniger. Wer den Wegweisern etwa einen Kilometer an leeren Becken vorbei folgt, der erreicht mit verbrannten Fußsohlen tatsächlich diesen Rutschenturm.

Am Imbiss nebenan ließ sich derweil ein deutsch-slowakisches Ehepaar nieder. Der schüchterne Deutsche bat seine Frau, ihm auf Slowakisch ein großes Bier zu bestellen.
Die burschikose Frau entgegnete: "Das schaffst du doch selber. Sag einfach: Jedno. Velke. Pivo. Prosim."
"Nein, mach du lieber."
Das wiederholte sich einige Male, ehe die Frau zum Tresen ging und mit derselben slowakischen Subtilität, die wohl auch für das tschechische Haus in Komárno verantwortlich ist, ein kleines Bier bestellte.

In Žitava erwarteten uns gleich mehrere Überraschungen: Der Deichweg war zu Ende und ging in die einzige Dorfstraße über. Ein kleiner Weinberg (ohne Berg) erstreckte sich am Wegesrand. Und auf ihn folgte so ein eigenartiges Denkmaldach mit... einem Halbmond drauf? Ich dachte, die Türken waren hier immer die Feinde?
Ja. Und deshalb erinnert das Denkmal an den Frieden von Žitava, als der deutsche Kaiser, der ungarische König Rudolf I. und der türkische Sultan Ahmend I. 1606 ihre Streitigkeiten durch Verhandlungen beilegten. So etwas gab es eben auch.

Okay, aber wieso ist der Deichradweg zu Ende? Mein Bruder war zunächst erleichtert, bis ich darauf hinwies, dass die Dorfstraße keineswegs mehr Schatten bietet.
Unsere Pension in Radvaň nad Dunajom beantwortete die Frage: Kein Platz. Diese Dörfer sind nah am Wasser gebaut. Den Zusatz nad Dunajom ("über der Donau") haben sie sich redlich verdient, indem sie ganz ohne Angst vor Hochwasser gebaut haben. Andererseits: Der Höhenunterschied zum Wasser ist wahrscheinlich höher als der Deich vorhin. So langsam machen sich die Berge auch auf dieser Seite bemerkbar.
Die Lage ist auf jeden Fall ein Traum, eine Terrasse mit Donaublick hinter jedem Zimmer, eine Donauterrasse am Restaurant, eine grüne Donauterrasse mit Mini-Pool und schließlich ein Donaustrand. Die Deko im Restaurant deutet darauf hin, dass hier oft Hochzeiten stattfinden, und das einzige, was daran keinen Sinn ergibt, ist: Wo sollen die restlichen Gäste unterkommen, sobald alle Zimmer (1 bis 5) voll sind?

Noch immer düsten Sport- und Speedbootfahrer durch die Gegend. Aber auch ein Trio aus Kanufahrern verließ gerade das Restaurant und kehrte zu seinen Booten zurück. Ach, die wollen hier gar nicht übernachten? Warte, wo paddeln die denn jetzt noch hin, die Sonne geht doch schon unter?
Und wie kommen sie überhaupt zurück? Die Strömung ist brutal, stromaufwärts schwimmen konnte ich nur mit großer Anstrengung. Wer entspannt schwimmt, schwimmt rückwärts. Ein paar Meter weiter draußen konnte ich nicht mal auf der Stelle stehen, die Donau schleifte zu ihrem ewigen Gesang meine Füße über den Kies. Wie!? Der Rhein war längst nicht so heftig, als er so breit war.
Aber die Kanufahrer wollten ja stromabwärts, also entfernten sie sich schnell und mussten nur symbolisch paddeln. Ah! Das erste Kanu steuerte eine größere Donauinsel an, dort wollten sie bestimmt ihr Zelt aufschlagen. Ihre Nacht wird damit wahrscheinlich ungefähr so malerisch wie unsere.
Später ging der Vollmond auf. Im Nachbarzimmer brabbelten die Kinder, die abends um acht im Restaurant noch Kofola getrunken hatten, unruhig in die Nacht hinaus. Die Grillen zirpten (taten sie schon den ganzen Tag) und die Donau rauschte in erstaunlich lauten Wellen an den Strand. Warum ist das nur nachts so laut zu hören? Selbst von unserem Zimmer aus klingt sie wie ein großer See oder ein kleines Meer. Es ist ein Geräusch des tiefen Friedens, welchen die Eltern der Kofolakinder in diesem Moment vermutlich nicht empfanden.

Unsere Fahrräder übernachten hinterm Bartresen, ebenfalls mit Donaublick.

08 August 2025

Donau: Von Carnuntum nach Bratislava

III. Slowakei

Richtiger Name: Slovenská republika
Anteil an der Donau: 172 km (6 %)
Anteil am Donauradweg: max. 166,8 km (5,8 %)
Anteil der Donau an der Staatsgrenze: ca. 174 km (9,9 %)
Ufer: Undurchsichtige Wälder, Beton mit Unkraut, herrliche versteckte Naturstrände
Hauptstadt an der Donau? Ja (Bratislava)
Größter Nebenfluss: Váh/Waag (403 km)
Anzahl Inseln: 3
Größte Insel: Große Schüttinsel
Größter Wasserpark an der Donau: Vadaš Thermal Resort Štúrovo
Schönste Stelle: Badesee Rusovské Jezero
Schlimmste Stelle: in praller Sonne ohne Infrastruktur hinter Gabčikovo
Radwege: Deichradwege ohne Schatten
Einreise: problemlos dank EU
Währung: €


Das hier ist ein Flussgott, der möglicherweise Danuvius heißt. Also der Gott der Donau. Ob diese Personifizierung wirklich eine Verbesserung im Vergleich zur jungen Frau an der Donauquelle ist, muss jeder selbst beurteilen. Auf jeden Fall führte uns dieser füllige Gott heute in neue Gefilde.

Noch mehr Römerkram? Ja, denn auch die nächste Stadt Bad Deutsch-Altenburg war trotz ihres krampfhaft deutschen Namens Teil der Römerstadt. Eigentlich sogar der ältere Teil: Bad Deutsch-Altenburg war die Militärstadt, wo die Soldaten in immergleichen rechteckigen Kasernen (natürlich auch mit Säulen) untergebracht waren. Weil die natürlich alle Essen, Kleidung und Zerstreuung brauchten, wuchsen ringsherum die Häuser der Zivilisten, bis der Platz nicht mehr reichte und fünf Kilometer entfernt eine reine Zivilstadt gegründet wurde - das heutige Petronell-Carnuntum, in dem wir gepennt haben. Damals wurden aber beide als eine Stadt angesehen.
Bad Deutsch-Altenburg ist heute hauptsächlich eine stille Kurstadt, aber in einer römischen Villa befindet sich auch noch ein kleineres Römermuseum auf zwei Etagen. Moment, müsste unser Ticket nicht auch dafür gelten? Ja, man ließ mich rein. Als ich mich dann aber erdreistete, mich bei einer Führung dazuzustellen (die ohnehin praktisch im ganzen Museum zu hören war), kam mir sofort die Kassiererin hinterher und meinte, dafür müsse ich aber schon obendrauf zahlen.
Also beschränkte ich mich halt auf die Betrachtung von Statuen und Touchscreens. Herzstück ist ein farblich angestrahltes Relief vom Gott Mithras (hinten in der Mitte), der in Carnuntum sehr populär war. Den haben die Römer aus Indien und Persien importiert und stark verändert. Mithras war der Sohn eines Gottes, wurde aus einem Felsen geboren, ist später gestorben, am dritten Tag von den Toten auferstanden, und sein Symbol ist ein +. Klingt vertraut? Niemand weiß mit Sicherheit, was die Mithrasianer von den frühen Christen abgeschrieben haben oder umgekehrt. Manche Historiker behaupten, wäre das Christentum durch einen Zufall untergegangen, dann wären die Europäer alle Mithras-Anhänger geworden. Und doch hatte ich noch nie von ihm gehört.

Unterdessen suchten die anderen McDonalds auf, um sich Kaffee zu holen, und der Jüngste besorgte sich einen Cheeseburger "für den Notfall, wenn ich Hunger habe."
"Und der Notfall trat 500 Meter später ein.", witzelte ich.
"Ja, so war es.", antwortete er.

Mapy.cz hatte noch einen weiteren Tipp für mich: Im Wald über den Sportplätzen sollen sich haufenweise Höhlen befinden, und ihre Namen sind völlig random: Fledermausstollen, Sportplatzstollen II, Gewöllkamerl, Gabelkluft, Altenburger Höhle, Steinbruchstollen I und Rieselkluft.
Ich suchte die zugewachsenen Pfade ab, doch die einzige Höhle, die ich finden konnte, hieß einfach nur: Höhle. Und war ungefähr 2 Quadratmeter groß. Oder wie man in München sagen würde: 900 Euro kalt.
Ansonsten entdeckte ich noch einen Zaun mit dem Schild: Natur im Garten, Räuber im Haus, so sieht's in Österreich seit Schengen aus. Die EU ist bekanntlich an allem Schuld, sogar daran, dass man den eigenen Garten verwildern lässt.

Das ganze Gebiet grenzt an einen Steinbruch und ist der letzte Ausläufer eines Gebirgsmassivs, das wir gestern schon gesehen haben und jetzt umrunden mussten - zum Glück fast steigungsfrei. Vielleicht stecken die restlichen Höhlen direkt in dieser Felswand (rechts) drin, dann hatte ich natürlich keine Chance, da reinzukommen.

Dieses Gebirgchen sieht ja geradezu alpin aus! (Es ist nicht mit den Alpen verbunden, aber auch nicht so weit von ihnen entfernt.) In unserem Hotel lagen sogar Flyer für irgendwelche Bergseilbahnen aus. Das erklärt dann auch, warum die Römerstadt in diese Richtung nicht weiterwachsen konnte. Auch uns blieb eine kleine Steigung nicht erspart, vorher aber konnten wir nochmal so richtig schön zwischen Stadtmauer, Gleis und Donau fahren.
Hoch über der der Stadt thront eine große Burgruine, die so alt ist, dass sie schon im Nibelungenlied alt genannt wird. Unsere Mutter wollte da unbedingt hoch, bis sie sah, wie hoch genau die Ruine über der Stadt lag (ziemlich hoch).
Vom antiken Rom wechseln wir ins Mittelalter. Hainburg an der Donau ist eine stark befestigte Stadt, die hier die Stellung hielt gegen die Ungarn und alle, die sonst noch aus dem Osten kommen könnten. Für ihre Stadtmauer waren die Hainburger bereit, weit zu gehen: Ein Teil der Befestigungen wurde aus dem Lösegeld für den entführten König Richard Löwenherz gebaut.

Die Mauern gaben ihr Bestes und schafften es einmal, das Osmanische Reich von Wien fernzuhalten. Beim zweiten Mal waren sie aber schon so lädiert, dass die Türken den Rest zerschossen und die Mauern überrannten.
Wir stiegen hinauf zur Blutgasse. In Hainburg deutet der Name ausnahmsweise nicht auf die Wohnung eines Schlachters oder Henkers hin, sondern auf eine Tragödie.
Am 12.7.1683 stürmten die Türken Hainburg. Die Bewohner wollten in die Donauauen abhauen und stürmte die Blutgasse runter. Nur leider hatte noch keiner das Fischertor geöffnet, und die Torflügel öffneten nach innen. Sehr schnell kam es zu einem Gedränge, in dem das Tor einfach nicht mehr aufzukriegen war. 8432 Hainburger starben an diesem Tag, viele durch türkische Krummsäbel, viele aber auch einfach zertrampelt in einer Massenpanik.
Überlebt haben 100. Unter ihnen war ein gewisser Thomas Haydn, der Großvater des Komponisten.

Als nächstes verließ ich die offizielle Route und machte eine Schleife nach Norden, um mir einen ganz markanten Punkt der Donau anzuschauen, zumindest vom anderen Ufer. Der Kiesweg am Ufer ist gar nicht so schlecht, nur ein Stückchen gegen Ende ist verschlammt. Aber wo ist jetzt Devín? Mist, das Ufer ist ja total zugewachsen. Ich kämpfte mich durch Brennnesseln, immer dem Gekreische der badenden Kinder nach, und kam schließlich an einem idyllischen Kiesstrand mit umgestürzten Bäumen heraus. Was im Grunde eine ziemlich sinnlose Aktion war, denn ein paar Meter weiter konnte ich dasselbe direkt vom Weg aus sehen.
Wow! Die Burgruine Devín ist unerwartet groß. Die malerischen Mauerreste auf dem Gipfel sind nur die Spitze des Burgbergs, über dem ganzen Dorf erstrecken sich viel intaktere Mauern den ganzen langen Hügel entlang, als hätte jemand bei Carcassonne eine viel zu langgezogene Stadt gerade noch rechtzeitig fertiggestellt.
Wie ich später erfahren habe, war der gesamte Umweg im Grunde eine ziemlich sinnlose Aktion, denn die Burg ist so hoch, dass man sie auch vom offiziellen Radweg aus sieht. Hm, naja. Zumindest habe ich so auch noch die Mündung der March gesehen, wenn auch nicht allzu gut.
Die Burgruine war das erste, was ich jemals von der Slowakei zu sehen bekam. Was für ein Auftritt!

Mein Umweg wurde erst recht zur sinnlosen Aktion, als wir auf dem Rückweg mit dem Auto von der Autobahn abbogen - in diesen unscheinbaren Stadtteil mit Parkplatz und Restaurants am Fuße der Burg. Aber ich will mich nicht beschweren, denn das war ein richtig faszinierender Stopp. Sogar ein Immobilienplakat warb mit dem Bild der Burg, darunter stand: Familienhäuser zu verkaufen!
Tief unter den altehrwürdigen Steinmauern bringt die moosgrüne Morava/March das komplette Wasser aus dem östlichen Tschechien in die Donau. Aber nanu? Vergessen Sie die gleichberechtigten Streifen in Passau, hier ist die Donau so dominant, dass sie das Morawasser ein gutes Stück in sein Flussbett zurückdrängt. Noch nie habe ich einen Fluss gesehen, dem das Münden so schwer gemacht wird.
Die Morava ist zwar die Lebensader von Mähren, aber an dieser Stelle grenzt sie nicht mehr an Tschechien, sondern an Österreich und die Slowakei.

Hauptsächlich sind wir über graue Mauern, verfallene Treppen und Tore gewandert, wie man das auf Burgruinen eben so tut. Eidechsen huschten über den Stein. In den paar Ausstellungsräumen lagen jetzt keine superspannenden Sachen herum, die meiste Zeit habe ich Texte gelesen. Die Besonderheit der Burg ist eine andere: Erstens kann man wirklich, wirklich weit durch verfallene Mauern wandern (den großen Rundweg haben wir gar nicht geschafft) und zweitens war ich noch niemals zuvor an einem Ort, der so verdammt lange historisch relevant war. 
Die ersten Menschen lebten hier schon 6000 Jahre vor Jesus. Die Römer vom anderen Ufer bauten sich hier ein Lager als Standbein im Feindesland. Aber es sollte nochmal 900 Jahre nach Jesus dauern, bis Devín tatsächlich Teil eines Staates wurde - dann aber auch gleich ein Verwaltungs- und Machtzentrum. Dieser Staat ist zugleich Mythos und Mysterium. Man nennt ihn das Mährerreich, oder in Tschechien und der Slowakei lieber: Großmährisches Reich. Viel weiß man nicht darüber, außer dass Fürst Rastislav geherrscht hat, Kyrill und Method aus dem Oströmischen Reich missioniert und die kyrillische Schrift gebracht haben - und dass eben das heutige Mähren das Zentrum des Reiches war. Und es war der erste richtige Staat auf tschechischem und slowakischem Boden. Gerade die Slowaken identifizieren sich sehr damit, weshalb sich im 19. Jahrhundert gern slowakische Nationalromantiker in der Ruine versammelten. 

Der Name lässt sich mit Mädchenburg übersetzen. Dass das hier die sagenhafte feministische Frauenburg Děvín der tschechischen Amazonen war, bevor sie von den Männern im Mägdekrieg unterworfen wurden, ist absolut nicht belegt, wäre aber schon irgendwie cool.
Aber zurück zur seriösen Geschichtsschreibung. Nach dem Mährerreich kamen die Ungarn und mussten feststellen, dass auf dieser Burg eine simple Sache nicht so einfach ist: Das Trinken. Obwohl sie an zwei Flüssen lag, die sich sogar ins Gestein fraßen und richtige Höhlen ausspülten, war der Stein einfach zu hart, um einen Brunnen zu bohren. In den höchsten Turm war eine enorme Regenwasserzisterne eingebaut, und auf die und schlechtes Wetter waren die Bewohner angewiesen, bis es im 15. Jahrhundert mit dem Brunnen endlich klappte.
Napoleon ließ die Burg sprengen, obwohl sie militärisch nicht mehr wichtig war, einfach zur Demütigung. Die Ungarn bauten dann ein Denkmal für die Landnahme der Magyaren darauf, was die slowakischen Nationalromantiker so sehr anpisste, dass sie das Denkmal in die Luft sprengten. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts lebten hier noch irgendwelche Adelsfamilien.

Aber auch im letzten Kapitel eines heutigen Geschichtsbuchs war Devín präsent: Dem Kalten Krieg. Schließlich brachte die Morava nicht nur Wasser, sondern auch den Eisernen Vorhang aus dem Norden. (Der Iron Curtain Trail kommt mit ihr und folgt dann der Hauptstraße am Donau-Nordufer bis nach Bratislava.) Ein Ausstellungsraum voller Drähte und Zäune widmet sich diesem düsteren Kapitel.
Die 11. Grenzbrigade bewachte das Gebiet um Bratislava, etwa 2000 Leute, davon 50 bis 85 auf Devín. Dazu kamen zivile Helfer und Jungpioniere von 6 bis 15 Jahren. Wenn ein bestimmtes Lied im Radio gespielt wurde, war das ihr Signal, auf ihre Posten im Dorf zu gehen und Ausschau zu halten. An der slowakischen Grenze wurden mindestens 42 Menschen erschossen, was die Ausstellung mit den drastischen Strafen erklärt, die den Soldaten bei einer erfolgreichen Flucht drohten. 
Aber gleichzeitig war die Burg eben immer noch eine wichtige historische und symbolische Stätte, die nun dummerweise in der Grenzzone lag - man brauchte eine Sondergenehmigung, um überhaupt die dazugehörige Ortschaft zu besuchen. Die Kommunisten diskutierten und konnten sich schließlich durchringen, eine Ausnahme für touristische Besucher zu machen. Und die wurde natürlich gleich von Flüchtlingen genutzt.
Eine Familie floh erfolgreich mit einem selbstgebauten Amphibienfahrzeug - erst vier Meter vor dem österreichischen Donauufer blieb es auf einer Sandbank stecken. Der verantwortliche Grenzkommandeur wurde für 30 Tage freigestellt, weil er seine Waffe nicht eingesetzt hatte, und fortan standen steinerne Hindernisse in der Donau.
Ein anderer Kommandeur plauderte bis spät in die Nacht mit einem Grenzsoldaten über das Leben und den Dienst. Danach kroch der Soldat, der die Gegend gut kannte, durch einen Entwässerungstunnel unter der Straße, knipste entscheidende Kabel der Elektrozäune durch und schwamm nach drüben, wo er brüllte: "Grüßt Leutnant Randúch von mir! Ihr habt ein Loch im Zaun!" Was ein Typ.
Weniger gut lief es für eine Gruppe DDR-Touristen, die ihr Auto nah am Zaun parkten und kurzerhand vom Autodach über den Zaun sprangen. Einer von ihnen wurde beim Schwimmen im Kreuzfeuer tödlich verwundet.
Im Dezember 1989 war das hier einer der letzten Grenzabschnitte, auf dem der Eiserne Vorhang noch stand. Ein großer Protestmarsch nach Hainburg sollte das ändern, die Grenzsoldaten ließen sie durch und kamen kaum damit hinterher, ihre Pässe zu stempeln. 
Dennoch ist der Geist dieser Zeit nicht restlos verschwunden.
"Was guckst du da rüber nach Österreich?", herrschte ein Vater seinen Sohn an, der in ein Fernglas schaute. "Guck da nicht hin!"

Der Donauradweg auf dem Deich folgt die ganze Zeit einer Hauptstraße, und unter dem futuristischen Fernsehturm türmen sich schon Berge und bunte Wohnblocks auf. Die Berge sind die Kleinen Karpaten, eine Mini-Version des großen slowakischen Gebirges. Und die Wohnblocks sind die slowakische Hauptstadt, eine Mini-Version von Wien und Prag.
Dabei war dieses Ufer bis 1918 noch ungarisch. Und wenn sich die Tschechen und Slowaken in den 90ern auf eine gemeinsame Staatsform geeinigt hätten, dann wäre es jetzt tschechoslowakisch. Stattdessen stritten sie sich im sogenannten Gedankenstrich-Krieg schon darum, ob man einfach den Sozialismus aus der Tschechoslowakischen sozialistischen Republik rausstreicht, oder einen Bindestrich einfügt, oder doch Tschechische und slowakische, und ob man slowakische großschreiben soll, obwohl die Grammatik das nicht erlaubt, und was eigentlich der Unterschied zwischen einem Gedanken- und Bindestrich ist. Es gab sogar Hungerstreiks für den Bindestrich und natürlich Nazivergleiche. (Hitler hat es auch den Gedankenstrich benutzt!) Jedenfalls haben sich die tschechischen und slowakischen Politiker am Ende friedlich getrennt, und das Gute daran ist, wir lernen jetzt einen neuen Staat und eine neue Hauptstadt kennen.

Am Wegesrand tauchte ein abgenutztes österreichisches Zollgebäude auf. Auf den ersten Blick schien es nicht mehr in Betrieb zu sein, aber... doch, die Fahrzeuge wurden durch Warnbaken auf eine Ehrenrunde über das Zollgelände geleitet, wir dagegen rasten unbehelligt durch.
Die Grenzlinie war kaum zu erkennen. Irgendwo links unterm Deich verkündet an einem trockenen Graben (vor dem Wäldchen hinten in der Bildmitte) ein kleines rechteckiges Schildchen: Staatsgrenze. Hätte ich nicht gezielt nach irgendeinem Zeichen gesucht, dann hätte ich es garantiert übersehen.
Und was ist das erste Gebäude, mit dem uns die Slowakei empfängt? Ein zwielichtiges Billigcasino. Wow. Was für ein Auftritt.

Aber nein, im selben Gebäude befindet sich auch ein Laden mit Holztischen. Er heißt Autoberg, doch statt Ersatzteilen konsumierten wir direkt auf der Grenze Kofola und Koláče. Die Dinger sind anscheinend nicht nur typisch tschechisch, sondern auch slowakisch. In der Slowakei stopft man die Nuss- und Mohnfüllungen aber auch gern in ganz kleine gebogene Hörnchen.
Hier treffen wir auch den Iron Curtain Trail wieder. Der kommt frisch aus Bratislava und verläuft dann erstaunlich nah an der Grenze, praktisch auf der Grenzlinie.

Mein Sitznachbar hatte mich schon auf der Fahrt nach Wien darauf hingewiesen, dass um diesen Deichradweg überall Bunker verstreut liegen. Manche sind offene Ruinen, manche kostenpflichtige Museen und manche werden noch heute von der slowakischen Armee zur Verteidigung benutzt (im Bild). Laut Infotafel wollte die Slowakei nach Hitlers Machtergreifung ihre Grenze zur besten und modernsten in Europa aufrüsten, mit "Stahlbetonobjekten", Kanonen- und "Maschinengewährausrüstung" (alle Angaben ohne Gewehr). Noch bevor sie fertig waren, war Deutschland aber so hochgerüstet, dass es die Slowakei bedrohen konnte: Hört auf mit dem Ausbau, sonst marschieren wir ein.
Am 10.10.1938 marschierten sie natürlich trotzdem ein.

Der Radweg folgt der Autobahn im Bogen bis ans Ufer und stößt schließlich auf den Nový Most - die Neue Brücke, auf deren Spitze anscheinend ein Ufo gelandet ist, und die Aussichtsplattform da drin heißt wirklich UFO. Unser Vater schlug vor, in dem Restaurant da oben essen zu gehen, bis er die Preise sah. Ich hatte diese brutalistische Brücke schon auf Bildern gesehen und irgendwie hat sie mein Bild von Bratislava (scheußliche Eindeutschung: Preßburg) als stalinistische Stadt sehr geprägt.

Ein vollkommen falsches Bild! Das wurde uns bei der Fahrt über die Donau langsam klar. Über dem Fluss thront der weiße Hrad (Burg) von Bratislava in Form eines selbstbewussten Quadrats mit vier Türmen. Das sieht doch sehr viel burgiger aus als die Wiener Hofburg oder Prager Burg!

Kurz hinter der Brücke fanden wir uns auch schon am Martinsdom wieder, in dem die ungarischen Könige gekrönt wurden. Dafür ist er gar nicht mal soo groß. Der Donnerstagsgottesdienst beginnt erst in 15 Minuten, also können wir noch reinschauen, oder?
"...der uns Leib und Trank gegeben hat beim letzten Abendmahl."
Doch bereits jetzt sang eine Stimme, und die Gemeindemitglieder antworteten.
"Jesus Christus, der den Lauf des Lebens beherrscht, der uns Leib und Trank gegeben hat beim letzten Abendmahl."
Ungefähr so viel habe ich verstanden.
"Jesus Christus, der den Lauf des Lebens beherrscht, der uns Leib und Trank gegeben hat beim letzten Abendmahl."
Immer wieder dasselbe, minutenlang.

Der Dom bewacht den Eingang in die Altstadtgassen.
Bratislava mag im Schatten von Wien, Prag und Budapest stehen, aber Touristen gibt es hier definitiv auch, und zwar nicht zu knapp. Souvenirläden, Restaurants, Cafés, dazwischen zwängt sich gelegentlich eine Limousine zu ihrer Botschaft durch, und natürlich Touren- und Stadtradler, die in diesem Gewusel nur wenig Hemmungen kennen.
Und doch... irgendwie ist hier alles eine Nummer kleiner. Ist es sehr gemein, wenn ich schreibe, Bratislava ist die größte Kleinstadt, die ich je gesehen habe? An den Aussichtspunkten erstrecken sich die Wohnblocks der Vororte zwar noch weit in die Ferne, aber das ist dann eben auch alles, dahinter kommen nicht noch zwölftausend Vororte außer Sichtweite wie in Berlin.
Muss ja auch nicht.
Es ist eine sehr sehenswerte Stadt, nur fehlt ein touristisches Highlight vom selben Kaliber wie der Prater oder Schönbrunn. Andererseits ist Wien ja um die Ecke.

Von den vielen Marktplätzen hat uns der Platz des Nationaldichters Hviezdoslav am besten gefallen. Als unser Vater das letzte Mal hier war, bestand er noch aus öden Betonplatten, jetzt sprudelt und grünt es rund um den Poeten.
Komponisten kamen auch immer aus Wien rüber, wie die Steinplatten an den Häusern verraten: Hier gab Mozart mit sechs ein Konzert, dort Franz Liszt als Erwachsener.

Čumil ("Glotzer") heißt dieser zufriedene Kanalarbeiter, der sich ausruht und dabei Passanten von unten beobachtet. Er ist der instagramabelste Ort von Bratislava, und wer ihn ohne einen wildfremden Menschen mit der Hand auf dem Hut fotografieren will, der braucht Geduld. Dass er an einen stadtbekannten Widerstandskämpfer aus dem Sozialismus angelehnt sein soll, ist nicht belegt.

Hinter der Michalská brána (Michalstor) steht das schmalste Haus Europas. Mit 1,3 Metern ist es nicht viel breiter als seine Glastür. Wir haben ewig gebraucht, um es zu finden.

Vor dem Tor gibt es auch Suppe in essbaren Bechern zu kaufen, ein sehr sättigender und praktischer Snack.

Gegenüber vom Martinsdom steht eine doppelte Stadtmauer, die permanent von Touristenführungen mit Audioguides gestürmt wird, ein Durchkommen ist schwierig. Aber notwendig, wenn man das Brückchen über die Schnellstraße erreichen will. Dieser Straße stand 1969 noch eine große und prächtige Synagoge im Weg, welche die Sozialisten gesprengt haben. Plakate auf der Stadtmauer erzählen vom jüdischen Leben Bratislavas, auch das dazugehörige Museum ist nicht weit.
Hinter der Straße guckt unauffällig ein besonderes Haus (links) hervor, frisch gestrichen in gelb mit weißen Streifen. Das Haus zum Guten Hirten ist ein ehemaliger Teil der Vorburg und eins der am besten erhaltenen Rokoko-Häuser der Stadt.

Kommen Sie an einen Ort, an dem die Zeit stehengeblieben ist! Wir folgten dem Schild ins Haus zum Guten Hirten und entrichteten drei Euro pro Nase für das Uhrenmuseum. Bei dem Preis hatten wir jetzt nicht viel erwartet. Eine Erwartung, die nicht enttäuscht wurde.
Bratislava war seit dem 15. Jahrhundert eine Stadt der Uhrmacher. Die Uhrmachergilde war die einzige der Slowakei und die größte in ganz Ungarn, als die Stadt noch ungarisch war. Ihre Arbeiten sind auf drei knarzenden Stockwerken ausgestellt und werden nicht von Kameras, sondern noch ganz oldschool von gelangweilten Museumswächterinnen auf knarzenden Stühlen bewacht. Interessant fand ich zum Beispiel eine Armband-Sonnenuhr, mit integriertem Kompass, damit man auch weiß, wohin man sie halten muss.

Die reich verzierten Uhren aus Gold und Ebenholz sind von verschiedenen halbnackten Figürchen umzingelt, zum Beispiel Papageno aus der Zauberflöte.
Außerdem gibt es sowohl Bilderuhren (Uhren mit einem kleinen runden Gemälde drin) als auch Uhrenbilder (Gemälde mit einer kleinen Turmuhr o.Ä. auf der Leinwand, deren Zeiger tatsächlich die Zeit anzeigen).
Nur: Die Zeit war immer falsch. Nichts regte sich, nichts tickte, nichts gongte.
"Schade, ich dachte, das ist wie bei Meister Hora", meinte unsere Mutter enttäuscht.
Nun ja, das Schild am Eingang hatte es ja schon verraten.

So, aber jetzt ist ein bisschen Bergwanderung angesagt! Richtig in die Kleinen Karpaten werden wir nicht wandern, aber zumindest den Aufstieg zur Burg schaffen wir. Auf halbem Weg stolperten wir noch in die orthodoxe Nikolauskapelle rein.

Auch hier erschallte Singsang, aber nur vom Band. Wer es wagte, die heilige Tonaufnahme mit allzu lauter Stimme zu stören, wurde sofort mit einem "Pscht!" zurechtgewiesen. Die überbordende Deko gibt es so ähnlich in allen orthodoxen Kirchen, auffällig fand ich dagegen den, äh... ist das ein Weihwasserspender? Oder eine automatisierte Fußwaschanlage, bei der einem quasi der daraufgemalte Jesus die Füße waschen soll?

Nun aber hinauf zur Bur... oh, ein Café, wir sind eigentlich schon ziemlich durstig.
Jetzt aber.
Die Burg Bratislava ist richtig, richtig weiß. Sogar im Garten dominiert diese Farbe das Rot der Rosen, die sich im grünen Heckenlabyrinth für Gnome verirrt haben. Damit ist dieser Garten noch sehr, sehr farbenfroh im Vergleich zum Innenhof, der ein vollkommen steriles weißes Rechteck darstellt. Selbst der Blick in den Burgbrunnen war spannender. Immerhin enthielt der neben Wasser auch 600 PET-Flaschen.

In der Burg befindet sich ein historisches Museum, das mehreren Quellen zufolge aber eher trocken sein sollte. So wie unsere Kehlen es bereits wieder waren. Also genossen wir den Blick über die Donau und machten uns an den Abstieg.

Gleich neben der Burg steht das Parlament der Slowakei. Burg Devin war nicht mehr zu sehen, dafür aber die weiter entfernte Burg von Hainburg. In Österreich drehten sich überall Windräder, an der Grenze hörten sie schlagartig auf. Stattdessen Wohnblocks und weiter stromabwärts Fabrikschornsteine. Und trotzdem musste unser Vater zugeben: "Ich habe Bratislava großes Unrecht getan."

Ja, die Stadt hat sicher Ostblock-Vibes, aber auf eine nette Art. Und das hat nicht einfach nur damit zu tun, dass die Wohnblocks bunt gestrichen sind (das sind sie in Nordkorea auch), es ist die ganze quirlige und freudige Art dieser Stadt. Die ging auch nicht verloren, als wir die touristische Altstadt verließen, sie veränderte sich nur. Und wurde lauter. Neue Architektur aller Art mischt sich mit gelegentlichen Stuckbauten, dazwischen drängen sich endlose Autokolonnen, Straßenbahnen und Oberleitungsbusse hindurch.

Direkt hinter solch einer Kreuzung steht auch das zweite Schloss der Stadt. Im Palais Grassalkovi wohnt der Präsident. Seine Residenz folgt dem Motto Liebling, ich habe das Weiße Haus geschrumpft und ist fest verschlossen. Nur ein Plakat auf dem Zaun wirbt für den Tag der offenen Tür am 31. August. Die Mauern hinter dem Palast geben nur Preis, dass der Präsident in seinem Garten herrliche alte Kastanienbäume hat.

Der Jüngste, der bisher bei der Reiseplanung eher untergebuttert wurde, stand vor der Wahl: Shoppen mit der Schwester oder schwimmen mit dem Bruder? Er entschied sich für das Freibad inmitten von Wohnblocks, eine wahrscheinlich sogar ziemlich authentische Bratislaverfahrung. Wir checkten per Kreditkarte im Oberleitungsbus ein und fuhren ein paar Stationen hinaus, dann liefen wir über einen Bürgersteig, der eigentlich eine Art zweite Fahrbahn zum Ranfahren an die Wohnblocks war.
Es ist ein ganz pragmatisches Freibad, und doch auf seine Art sehr nett gemacht. Statt Umkleiden gibt es zum Beispiel diese gewundenen Umkleide-Sichtschutzwände, die ich eher vom Strand kenne. Statt eines Sprungbeckens nur ein abgetrenntes Eselsohr vom Becken, in das man vom Beckenrand springen darf.
Und statt einer Liegewiese Beton.

Abends schauten wir in der Altstadt die Speisekarten durch, und vieles kam uns gleich bekannt vor. Manches ist ein bisschen anders geschrieben, doch die Gerichte sind größtenteils dieselben wie in Tschechien.
"Rezeň?", meinte unser Vater. (Klingt fast wie das Zeug, aus dem meine Bremsbeläge bestehen.) "Was ist das?", fragte er die Kellnerin auf Tschechisch.
"Řízek", antwortete sie - Schnitzel. Ah, natürlich! Auch wenn wir fast alle Schilder lesen können, sind die Unterschiede zur Sprache des Bruderstaats manchmal doch tückisch.
Außer für die sprachbegabte Kellnerin. Die sprach mit dem Vater tschechisch, mit dem Jüngsten auf Deutsch, und am Nachbartisch dann auf einmal Italienisch.
Letztendlich bestellten wir das, was in tschechischen Speisekarten eben nicht so häufig steht: Köstliche Rippchen (die waren in allen Restaurants am teuersten) und neue Arten von Knödeln (halušky). Zumindest hatten wir unter dem Namen so etwas wie Kartoffelknödel erwartet. Aber nanu? Diese Knödel sind ja winzig, das sind doch eher Gnocchi! Geschmeckt haben sie aber.

Wir blieben zwei Nächte in einer Ferienwohnung in der Altstadt. (Wenn die Radtour zur Hälfte ein Hauptstädte-Trip wird, dann lassen sich nämlich auch Teenager überzeugen, mitzukommen.)
"Können wir die Räder irgendwo unterstellen?", fragten wir vorab beim Vermieter.
"Kein Problem, stellen Sie sie einfach auf die Terrasse. Das Haus hat einen Aufzug.", lautete die Antwort.
Ja, das Haus hatte in der Tat einen Aufzug. Und der ist auch super geeignet, wenn man, sagen wir mal, eine Besenstange ins zweite Stockwerk transportieren möchte.

Oben stellten wir überrascht fest, dass die Wohnung das genaue Gegenteil des Aufzugs darstellt - viel geräumiger als der Fahrstuhl oder die enge Terrasse.
So nah bei meinem Rad habe ich, abgesehen vom Camping, noch nie zuvor geschlafen.

Die Donaugrenze I

Länge: 16,8 km
Grenzquerungen: 1 
Länder: Österreich (Niederösterreich)/Slowakei (Bratislavský kraj)
Seite: Ost, ab dem Grenzübergang am Südufer dann ziemlich exakt auf der Grenzlinie
Erkenntnis: Slowakische Flüchtlinge sind krasse Typen.