23 Oktober 2023

Vogelsberger Felda: Von Gemünden nach Ulrichstein

Die Felda-Tour
Oder: Der unvollständige Fluss

Name des Flusses: Felda
Nicht zu verwechseln mit: Der Felda in der Thüringer Röhn (fließt in die Werra)
Gebirge: Hoher/Unterer/Vorderer Vogelsberg
Flusslänge: 30,1 km
Höhenunterschied: 415 m
Durchschnittliches Sohlgefälle: 14
Durchschnittliche Breite: naja

Name des Radwegs: Felda-Tour
gefahren im: Oktober 2023
Karte: mapy.cz
Radweglänge: 23,3 km (+43,3 Abreise nach Kirchhain an der Ohm)
Höhenmeter: 412 hoch und 127 runter
Dauer: 2:11 Stunden (+ 3:35 Stunden an der Ohm)
Feldaquerungen: 4
Ufer: mehr rechts (von der Mündung gesehen)
Bundesländer: nur Hessen
Wetter: netter, leicht unentschlossener Herbst
Wind: schwacher Rückenwind
meine Richtung: von der Mündung zur Quelle
empfehlenswerte Richtung: von der Quelle zur Mündung
Erkenntnis: Guter Radweg heißt nicht automatisch interessanter Radweg.
Beschilderung: meist vorhanden
Logo: außergewöhnlich einfallslos


Anreise: Bahnhof mit dem sperrigen Namen Burg- und Nieder-Gemünden
Start (oder Ziel) und größte Ortschaft: Gemünden

Mündung: in die Ohm auf ferner Wiese zwischen windschiefen Bäumen und Bahnpfosten
Mündungshöhe: 220 m

Bestes Dorf: Ehringshausen (gleich das zweite), mit weißen Weisheiten im Fachwerk
Problem beim Fotografieren: Die misstrauischen Blicke durch die Vorhänge

Schlimmstes Dorf: Olles Schellnhausen

Bestes und schlimmstes Haus zugleich:
  1. Löchrige Lehmscheune in Schellnhausen
  2. Graue Pflanzenruine in Ermenrod (nur zu sehen, wenn Sie sich verfahren)

Größter Nebenfluss: Bach aus der Rotwiese a.k.a. Katharinenbach
Länge: 1,9 km

Highlight und wildeste Wasserstelle: Wasserfall am Hammergraben bei Schellnhausen, ein kleiner Hammer
Erreichbarkeit: knifflig
1. die Böschung hinunterstolpern
2. Dornenranken aus der Jacke ziehen
3. auf die Betonkante stellen und feststellen, dass man auf dieser Seite nichts sieht
4. auf die andere Seite hüpfen
5. vorsichtig ein paar Schritte nach vorn

Sonstiger Zustand des Wassers: schwarz und ruhig

Beste Badestellen:
  1. Waldsee bei Groß-Felda
  2. Die weirde Straßenschlauchdusche von Stumpertenrod

(Einziger) Felsen des Tages: Efeuklippe am Wegesrand zwischen Groß-Felda und Stumpertenrod


Steilstes Ufer: Error 404 Steilufer not found
Bahntrassen:
  • Vielleicht das Stück zwischen Schellnhausen und Groß-Felda...? Aber wahrscheinlich eher nicht.
  • aktive Bahn durch Gemünden
Beste Tiere: gechillte braune Kühe

Bester Rastplatz: Hängematte bei Schellnhausen
Alter: hoch
Komfort: höher

Bester Turm: Schieferkirchturm von Groß-Felda
Mittagspause: Dönerbude von Groß-Felda

Zitat des Tages: "Zum hier essen oder mitnehmen?" -in Groß-Felda-
Meme des Tages:


Gedicht des Tages: "Dneska jsem v lese byl a uš tam nebudu. Nikde jsem nezařil takovou ukrutnou nudu." ("Heute war ich im Wald und ich werde dort nicht mehr sein. Noch nie habe ich so eine schreckliche Langeweile erlebt.") -Pokáč, tschechischer Musiker-

Umbenennung des Tages: Natural Horse Work statt Reiterhof

Flussabschnitte
Der Unterlauf
Landschaft: Felda-Wälder drängen das enge Wiesental zusammen.
Fluss: schwarz und breit, mit schlanken Bäumchen
Radwege: nur die Landstraße
Steigungen: Ja, schon.

Der Mittellauf a.k.a. Sengersbach
Landschaft: Es wird breiter und buschiger.
Fluss: leichter Schlängelkurs zwischen Hecken und Kühen
Radwege: Ernsthaft, immer noch Straße? Ach nee, falsch abgebogen, es gibt super seitliche Radwege.
Steigungen: wieder weniger

Der Oberlauf a.k.a. Katharinenbach
Landschaft: wieder etwas enger
Fluss: schmaler Dorfbach
Radwege: noch mehr Radweg, dann wieder Straße
Steigungen: etwas mehr, ganz am Ende stark

Quelle: laut Wikipedia südöstlich von Ulrichstein, weder gekennzeichnet noch mit dem Radweg verbunden
Quellhöhe: 635 m
Berg an der Quelle: Sieben Ahorn (753 m)
Der Radweg folgt stattdessen: noch ein bisschen dem Gronzbach

Größte Hürde: finale Steigung auf der Straße nach Ulrichstein
Entlohnung: die Aussicht über den Vogelsberg

Ziel (oder Start): Ulrichstein, Bundesstraße am nördlichen Ortsrand neben der Ohm

Abreisemöglichkeiten und verbundene Radwege:
  • per Bus zum Bahnhof Mücke oder Lauterbach
  • auf der Ohmtal-Tour wahlweise
    • zum Bahnhof Nieder-Ohmen
    • wieder zum Bahnhof Gemünden, dann wird es eine Rundtour
    • oder noch weiter
  • auf dem Schwalm-Radweg zum Bahnhof Alsfeld oder noch weiter
  • auf dem Nidda-Radweg zum Bahnhof Nidda oder noch weiter

RDE: Von Kirchhain nach Niederaula

Der Radweg Deutsche Einheit ist für alle da, die zwar irgendwie gern ne Radtour zur deutschen Teilung und Geschichte machen würden, denen die Innerdeutschen Grenze aber zu öde und schlecht ausgebaut ist.
Seine Strecke beginnt auf dem Rheinradweg, folgt dann ziemlich lahnge der Lahn und schließlich kurz der Ohm von der Mündung bis nach Kirchhain. Erst danach kommt die hier beschriebene Etappe - das erste Stück Radweg Deutsche Einheit pur!

Die Idee hinter der Route: Wir verbinden einfach die alte Hauptstadt Bonn mit der neuen Hauptstadt Berlin, und zwar jeweils am alten und neuen Verkehrsministerium, und unterwegs kommen total viele Orte deutscher Geschichte rein. Hinterher ist den Planern offenbar aufgefallen, dass sie die ehemalige Grenze bloß ein einziges Mal überqueren und die meisten historischen Stätten dementsprechend nur wenig mit der Deutschen Einheit zu tun haben. Also haben Sie hastig Sachen wie Ungefähr 50 Kilometer weiter nördlich ist noch die Gedenkstätte am Grenzübergang Marienborn, falls Sie da auch noch hinwollen, quasi direkt um die Ecke! dazugeschrieben... naja.
Nee, nee, wenn Sie sich intensiver mit der Teilung befassen wollen, Ihnen die innerdeutsche Grenze aber zu anstrengend ist, fahren Sie (bzw. gehen Sie im Innenstadtbereich) an der Berliner Mauer lang.
Wenn Sie aber gern kreuz und quer durch alle historischen Epochen springen wollen, dann könnte der Radweg Deutsche Einheit für Sie das richtige sein.

Los geht es leider mit der dunkelsten Epoche: In der Münchmühle zwang das Naziregime ungarische Juden dazu, Sprengstoff herzustellen. Es handelt sich um eine der vielen Außenstellen den Konzentrationslagers Buchenwald (Buchenwald war echt ein Franchise des Grauens).
Von Stacheldraht überschattet trat ich auf eine komplett verwitterte Betonplatte. Das war einst der Boden der Küche und Waschhalle. Hinter dem Tor kommt nichts mehr, der Rest des Geländes gehört einem Bauernhof. Aber schon dieser Stacheldraht-Gang wirkte viel beklemmender als eine einfache Gedenktafel.

Ein Stück weiter wird aus dem Waldweg schon wieder eine Straße, und die Radroute windet sich in einem Kreis aus Kreisverkehren um Stadtallendorf herum. Die Stadt selbst ist nichts Besonderes, aber ihre Kreisverkehre blühen und sprudeln prächtig vor sich hin.
Meistens jedenfalls.

Der Radweg Deutsche Einheit ist alles andere als einheitlich. Folgt er den beliebten Flussradwegen, ist er oft in einem super Zustand, aber dazwischen klaffen hin und wieder Lücken. Irgendwo auf diesen Hügeln am Rande des Vogelsbergs war ich komplett verloren. Ich sollte einer Nebenstraße durch den Wald folgen. Dumm nur, dass diese Nebenstraße einen Streifen Land kreuzte, welcher auf den Namen A49 getauft und zur Autobahn auserkoren wurde. Und siehe, die Baustelle hatte auch die Nebenstraße infiziert - und blockiert. Ein weißer Audi ignorierte die Verbotsschilder und wagte sich hinein ins auserwählte Land zwischen die vielen Baumaschinen, bog um die Ecke - und verschwand.
Hm. Ist das jetzt ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?
Ich machte den korrekten Umweg über Dörfer, Wälder und Tankstellen bis zur Bundesstraße, der ich dann als lästige, aber regelkonforme Verkehrsblockade auf einer Brücke über den geweihten Grund folgte.

Irgendwann stieß die Radroute zur Bundesstraße und die Lücke war überwunden. Nicht nur der Radweg ist wieder ausgeschildert - zum ersten Mal sah ich auch eine Straße, an der ausdrücklich auf eine Wasserscheide hingewiesen wird: Ich wechselte vom Reich des Rheins ins Wirrwarr der Weser.

Die nächste Stadt fing meinen Blick mit dreidimensionalen Kunstwerken auf dem Radweg - von Haustieren im Fahrradanhänger bis hin zu Sonic the Hedgehog. Wow!
Der Dackel sieht dermaßen harmlos aus, dass ich nicht mal Angst hatte, er könnte mir beim Drüberfahren von unten in die Reifen beißen.
In Kürze wird wieder ein Rind geschlachtet!, verkündet der ortsübliche Biobauernhof-Automat. Jetzt noch ein Rindfleisch-Paket sichern!

Neustadt in Hessen (es gibt einfach zu viele Neustadts in Deutschland) ist die älteste Stadt der Strecke. Zumindest sieht sie so aus. Diesmal umrundete ich das Zentrum nicht auf Kreisverkehren, sondern in Parks an der Stadtmauer. Der beeindruckendste Teil der Mauer ist der Junker-Hansen-Turm. Das ist der größte Fachwerkrundbau Europas - auch wenn sich das Fachwerk äußerlich gar nicht einmal rund um den Turm fachwerkelt: Im Nacken bedeckt ein Helm aus Schiefer den Turm. Als die Baumeister 1840 den Turm hochzogen, orientierten sie sich einerseits noch an mittelalterlichen Stadtmauern, bauten ihn andererseits aber extradick, damit er diesen neumodischen Feuerwaffen standhielt. Dadurch war in seinem Inneren Platz für ein paar Wohnungen.
Ob sie schon ahnten, dass all die neuen Waffen Stadtmauern ohnehin schon bald zu völlig aus der Zeit gefallenen Relikten machen würden? Dieser Turm markiert nicht nur die Grenze der Stadt, sondern auch zwischen verschiedenen militärischen Zeitaltern. Und ist viel schöner als sämtliche Türme, die irgendwas mit der deutschen Teilung oder Einheit zu tun haben.

Der Radweg wird immer besser: Eine neue Route folgt den Schienen das schmale Tal der Wiera hinauf, Farne lassen den Hohlweg in feuchtem Grün erstrahlen.
Nur das hölzerne Schild hält nicht, was es verspricht: Einen Brunnen, aus dem man Arbeitsplätze schöpfen kann, gibt es hier nicht. Und auch sonst keinen Brunnen. Nur einen ausgetrockneten Blättergraben.



Dieser Bahnradweg ist in Ampelfarben dekoriert:
  • Unendlich lange grüne Geländer (quasi das Gegenstück zu den ewigen roten Geländern an der Thüringer Feldatal-Bahntrasse)
  • gelbe Ortsschilder, die darauf hinweisen, dass hier die Gemarkung von Kleinroppenhausen endet und die von Görzhain beginnt (Gemarkung ist die rote Linie, die einem Google Maps anzeigt und die einen Riesenteil der Landschaft einkreist, obwohl das Kaff, nach dem man gesucht hat, eigentlich nur ganz klein irgendwo da drin ist - die offizielle Ortsgrenze. Mit anderen Worten: Von Görzhain ist bei dem Schild für die nächsten fünf Kilometer noch absolut nichts zu sehen.)
  • Stoppschilder und jede Menge Markierungen und Warnhinweise, dass man sich rechts halten soll. Dafür fallen die sonst üblichen Drängelgitter weg und es wird auf die Regeltreue der Radler vertraut.

Erstmal geht es bergauf, aber bloß mit maximal 2,8 Prozent. Das heißt, ich war immer noch schneller als auf einem gezackten Bergab-Weg, wo ich ständig abbiegen und mich orientieren muss.
Am Wegesrand stehen holzgeschnitzte Skulpturen, etwa eine ernste Version des Wolfes aus Rotkäppchen. Aber die wichtigsten Protagonisten einer jeden Geschichte sind natürlich: Die Zuschauer (rechtes Bild).

Irgendwann tauchen sogar alte Bahnhöfe auf. Sie sind ebenso fachwerkig wie der Junker-Hansen-Turm vorhin. Der Bahnhof von Neukirchen ist eingezwängt im Industriegebiet, und ich musste die Straße kurz verlassen... Moment, fährt da etwa noch ein Güterzug hinterm Bahnhof lang? Aber hier sind doch gar keine Gleise? Ach nee, ist nur ein langer LKW.
Auf einem Schild in Nausis erzählt die Tochter des Bahnhofsvorstehers, wie das Leben in den 1940ern in einem Bahnhof so war: Es gab kein fließendes Wasser, aber immerhin ein Gemeinschaftsklo im Treppenhaus und einen Brunnen direkt im Hof, so gut hatten es die meisten Nauser (Nausiser? Nausikaner?) nicht. Ihr Vater musste Fahrkarten verkaufen, Weichen stellen, die pünktliche Abfahrt per Morsezeichen der Zentrale an die Nachbarorte melden, vor allem aber die Güterwaggons beladen, das war die meiste Arbeit. Ach ja, um ein bisschen Ackerbau, Hühner und Schweine kümmerte sich die Familie auch noch.
In Nausis stiegen hauptsächlich Holz, Zuckerrüben, Arbeiter und Berufsschüler in den Zug.
1959 wurde der Bahnhof zur Haltestelle runtergestuft, 1984 fuhr der letzte Personenzug, 1995 der letzte Güterzug und am 12.12.1999 die letzte Museumseisenbahn - fast hätte die Bahntrasse das neue Jahrtausend noch miterlebt.

Andere Haltestellen bestehen bloß noch aus einer Rasthütte mit Andreaskreuz. Oder aus einer Bahnsteigkante, auf der Wohnmobile auf den Zug warten.

Brücken über die Bahntrasse kommen in allen Formen vor. Brücken unter der Bahntrasse, also für die Bahn selbst, gibt es dagegen fast gar nicht. Die Knüllbahn kam ohne Tunnel und Viadukte zurecht.

Dazu musste sie sich allerdings ordentlich hin- und herschlängeln und allen Hügeln im Tal ausweichen. Dieser Verlauf bescherte mir ein paar Extrakilometer, aber auch jede Menge abendrote Aussichten. Sogar die Chemtrails haben sich romantisch eingefärbt.

Ich war zu spät gestartet und hatte wegen der Autobahn-Baustelle zu viel Zeit verloren - als ich die Bahntrasse verließ, war es schon ganz schön düster. In Wahlshausen geht's erstmal unter der Bahn durch, und danach weiter talabwärts - nicht mehr ganz so geradlinig, aber immer noch recht einfach.
Schon 1977 zerbrach der Bahndamm bei Kirchheim, und dieser Abschnitt der Gleise wurde für immer gesperrt. Dieser Dammbruch war der Anfang vom Ende. Und möglicherweise der Grund, warum auch der Radweg hier nicht mehr durchgehend auf der Bahnstrecke verläuft.

Dieses Dorf hat einen Platz an der Aula. Damit ist nicht etwa eine große Halle für Veranstaltungen gemeint, sondern ein Bach namens Aula mit netten Grünanlagen an seinem Ufer.

Das Bächlein brachte mich von Oberaula runter nach Niederaula. Von da aus musste ich dann bloß noch ein paar Kilometer an der Fulda zum Bahnhof Bad Hersfeld. Inzwischen war es zappenduster und mein Licht flackerte zunehmend widerwillig durch die Nacht. Daher war ich ganz froh, als ein freundlicher Stadtbus anhielt, der rein zufällig dasselbe Ziel ansteuerte.

22 Oktober 2023

Ohm: Von Ulrichstein nach Cölbe

Die Expeditiohm

Verehrte Freunde,

ein weiteres Geheimnis ist gelöst, ein weiterer weißer Fleck von der Landkarte unseres Reiches getilgt. Gewiss erinnert ihr euch an meine Eder-Expedition, während der ich erstmals Hinweise auf den Fluss Schwalm entdeckte. Und gleich zu Beginn Schwalm-Safari wiederum begegnete ich zum ersten Mal der Ohm. Diese wollte ich nun also heute genauer untersuchen (wobei ich prompt Hinweise auf den nächsten Fluss, die Nidda, entdeckte).

Die Ohm entspringt im Vogelsberg, und von all den Flüssen liegt sie der Stadt Ulrichstein am nächsten. Kurz hinter den verwaisten städtischen Sportstätten stoße ich auf die Quelle, eingezwängt zwischen zwei Zäune und weite Weiden. Ein gemauertes Hufeisen mit einem steinernen Rohr, aus dem träge das Wasser einer Drainage tröpfelt. Bei Regen liefert der Graben links zusätzliches Wasser. Dahinter eine verlassene, verschlossene Holzhütte. Wer mag hier wohl gelebt haben, und warum trat er die Flucht an? Lange kann es noch nicht her sein, denn das Bauwerk ist nicht übermäßig verwahrlost. Womöglich handelt es sich schlicht um die Behausung eines Hirten oder Eremiten, welcher bereits wie jedes Jahr für die kalte Jahreszeit in wärmere Gefilde gezogen ist.

Kurz darauf kreuzt das junge Gewässer den Judenpfad, welcher speziell zur Dokumentation der jüdischen Geschichte der Region angelegt wurde. In Ulrichstein erhielten ursprünglich nur sechs Juden die Erlaubnis, sich anzusiedeln.

Die Ohm ist nicht gerade ein reißender Fluss, sondern eher scheu, verbirgt sich sogleich im Grün und lässt zwar ihren Verlauf deutlich ahnen, zeigt jedoch so gut wie nichts von ihrer Wasseroberfläche. Nach einem Kilometer ersetzt er den Weidezaun durch eine Leitplanke und gräbt sich allmählich tiefer ins Tal ein.


Neuerdings wird ist das Wasser auch unter dem Namen Ohm, sweet Ohm bekannt (auch ein Kulturfestival nennt sich so), obwohl Aufzeichnungen zufolge ihre Hochwasser alles andere als süß sein können. Weiter stromabwärts wird sie auch in einfallsloser und grammatisch fragwürdiger Weise die Bach genannt. Der tatsächliche Name ist auch nicht viel originelleren Ursprungs: In alten Karten entdeckte ich den Namen amana (Wasser).


Innerorts lösen graue Mauern die Leitplanken ab, welche mir aus ganz Mitteldeutschland mittlerweile hinreichend vertraut sind. Im Ohmtal wird zur Verschönerung die Rote Kanalblume genutzt. Sie leuchtet intensiv, auch wenn ich zugeben muss, dass die Farbenpracht der Kanalblumen an der Schwalm vielfältiger war.

Diese kanalisierte Ohm bahnt sich sogar ungerührt ihren Weg unter Wohnhäusern hinweg. Ach nein, Unsinn, einer Landkarte entnehme ich, dass es sich bei diesem Bauwerk keineswegs um ein gewöhnliches Haus handelt, sondern um die Wasserburg Unter-Seibertenrod. Schau einer an! Für mich schaut sie mehr nach Wasser als nach Burg aus.

Vom Judenpfad komme ich nun auf den Lutherweg. (Bleibt zu hoffen, dass die beiden sich nicht kreuzen.) Martin Luthers Tagebüchern zufolge floh er auf dieser Strecke von Worms auf die Wartburg. Wenn ihm unterwegs nach einer Predigt war, standen ihm dazu adrette Kirchen zur Verfügung. Unter den obersten Schichten der uralten Wänden entdecke ich Spuren von Wandmalereien aus dem 14. Jahrhundert, welche noch einer genaueren Untersuchung bedürfen.
Unter den alten Dokumenten der Gemeinde entdecke ich eine Kopie der Riedeselschen Kirchenordnung. Sie stammt aus der Zeit, als der Landesherr Hermann IV. Riedesel die Reformation durchsetzte. Das Dokument ist derart abgegriffen und häufig von Hand zu Hand gegangen, dass ich davon ausgehen muss, dass es ernsthaft und in allen Details angewendet wurde - sogar die Gottesdienstpflicht? Mussten tatsächlich alle Bewohner der umliegenden Dörfer sonntags unter Androhung von Strafe in der Kirche von Ober-Ohmen erscheinen? Das Kirchenschiff scheint zwar zunächst groß genug, doch entdecke ich am Turm den Abdruck eines älteren Schiffs. Zu Beginn der Gottesdienstpflicht kann der Platz keinesfalls ausgereicht haben. Das erklärt, warum in der Dorfchronik von qualvoller Enge und lautstarkem Streit um Sitzplätze die Rede ist.

Doch die Natur lockt mit Weite und saftig grünen Wiesen, während das Land zunehmend flacher wird.

Ein faszinierendes Phänomen springt mir ins Auge: Eine Herde Kühe folgt einer landwirtschaftlichen motorbetriebenen Maschine gefügig in einer Reihe. Ihr Verhalten ähnelt eher dem eines Kalb, welches dem Anführer seiner Herde oder einem Muttertier folgt. Betrachten Sie das leblose Fahrzeug aus lebendes Tier? Äußerlich scheint es nicht viel Ähnlichkeit mit einem Hausrind zu haben. Wie ist es dem Bauern nur gelungen, eine solche Bindung zwischen Traktor und Tier herzustellen?

Das obere Ohmtal ist an den Seiten von lichten Laubwäldern bewachsen. Um diese zu sehen, verlasse ich das Tal und wähle eine steilere Abkürzung über einen der Hügel, während das Tal gen Norden abknickt.

Nieder-Ohmen begrüßt mich mit einer außergewöhnlich sauberen Bahnstation mit dem Aussehen von frisch gewaschener Bettwäsche einer Jugendherberge.

Nicht nur der Fluss, auch die Gleise erhalten prompt ein Flussbett aus grauen Mauern.

Die Bahnstrecke hat unmittelbare Auswirkungen, und so ist das mittlere Ohmtal erheblich dichter besiedelt. Allerdings auch erheblich hügeliger. Nachdem ich den Fluss überquert habe, geht es einige Anhöhen hinauf.

Von dort erblicke ich auch schon die Burg inmitten der Ansiedlung mit dem exzentrischen Namen Burg-Gemünden, unweit der Mündung der Felda. Neugierig wage ich mich an den Aufstieg und folge der Felswand hinauf. Schlingpflanzen in allen drei Farben der Verkehrsampel begleiteten mich. Sollte die Straße noch steiler werden, überlege ich, könnte ich mich an ihnen festhalten. Dies war jedoch glücklicherweise nicht nötig.

Zunächst stoße ich auf eine hölzerne Pforte, welche, zur Hälfte offenstehend. offenbar in den ehemaligen Burgkeller hinabführte. Von unten steigt der Duft nach Geheimnissen hinauf. Ihr kennt mich, das einfache Geländer hätte mich wohl kaum aufhalten können. Doch da am Fuße der Treppe Feldsteine in einem Muster liegen, das unverkennbar auf einen kürzlichen Deckeneinsturz schließen lässt, nehme ich vom Betreten dieses Kellergewölbes doch lieber Abstand.

Was ist denn sonst noch geblieben von der Burg? Offenbar nur die Kirche, ein Friedhof und dessen Friedhofsmauer.
Doch was ist das? Großflächige Absperrungen, ein Wagen vollbeladen mit großen Edelstahlbehältern, und zwei Männer in rätselhaften Ganzkörperanzügen mit Schläuchen in den Händen, welche soeben aus der Kirche treten? Da mag ihr Wagen noch in so unauffällig weiß sein, ihre Ausrüstung verrät sie: Das müssen Kammerjäger sein. Welche Schädlinge sich wohl in der Kirche ausgebreitet habe? Bibelwürmer? Gebetwanzen? Oder gar die gefürchteten Glockenpocken?

Ein weiterer Waldhügel führt mich zum nächsten Wald, über ein Feld leuchtend gelber und lilafarbener Blumen.

Denn das Ohmtal wird nun wieder schmaler, schüttelt die Bahntrasse und alles Menschliche ab bis auf eine breite Straße, auf die ich mich wegen des starken Verkehrs nicht wage. Dichte Bäume hüllen die Ohm ein und bilden das Naturschutzgebiet Ohmaue/Igelshain. Ihre Spitzen leuchten orangefarben im Abendlicht. Aber auch nur im Abendlicht. Ansonsten lässt der Herbst farblich noch auf sich warten.

Gleich hinter diesem Flaschenhals weitet sich das Ohmtal, welches anscheinend eine Vorliebe für Gegensätze hat, zu einer umso breiteren Ebene. Dennoch zeigt der Fluss gerade jetzt wildere Stromschnellen. So richtig werde ich aus der Ohm nicht schlau.

In der Ferne ragen die Felswände auf, fast völlig verdeckt von der Stadt. Dennoch lässt die Farbe recht eindeutig auf Basalt schließen. Doch derart weit flussabwärts kann eine solche Felswand nicht auf natürlichem Wege entstehen, wo ich doch nicht einmal oben in den Bergen etwas Vergleichbares gesehen habe. Es muss sich also um einen künstlichen Steinbruch gehandelt haben. Bei dieser Größe muss er etwa 40 Mitarbeiter umfasst haben, deren Arbeitsbedingungen nicht leicht gewesen sein dürften. Allein schon der Arbeitsweg... ich werde dort nicht für weitere Untersuchungen hinauffahren.
Steil wird mein Weg jetzt nur noch, wenn ich eine Stadt besuchen möchte.

Denn so flach das Land auch sein mag, die Städte haben sich alle auf die Hügel zurückgezogen und lassen ihre Burgen und Kirchtürme von dort misstrauisch hervorschauen. Gleich hinter der Engstelle starrt mich Homberg an, die erste Stadt in diesem horizontalen Stil.
Ich überlege kurz bis ganz nach oben in den Stadtkern zu fahren. Doch sehe ich schon, wie Dampf aus den Fenstern aufsteigt, weil die Einwohner bereits ihr Pech und Blei erhitzen, das sie auf jeden Eindringling gießen. Ich beschließe, sie nicht herauszufordern.
Ein furchtsames Volk scheint in diesem Tal zu leben.

Und eines mit exzentrischem Geschmack in Sachen Gartengestaltung. Wer stellt sich eine vollständige Straßenbahn in den Schottergarten? (Andererseits: Immer noch schöner als der Rest des Gartens.) Ein sentimentaler Straßenbahnfahrer im Ruhestand? Oder ein exzentrischer Millionär mit dem Wunsch nach einem ganz besonderen Privatbeförderungsmittel?

Nach Judentum und Protestantismus widmet sich ein dritter historischer Pfad nun den Ursprüngen der größten gegenwärtigen Weltanschauung, dem Liberalismus. Den Chroniken zufolge kam einer ihrer Väter im Orte Ofleiden an der Ohm zur Welt und machte an diesen Ufern seine ersten Schritte. Ihm zu Ehren wurde der Welcker-Wiesen-Weg angelegt, inklusive einer modernen Fußgängerbrücke. Welcker spielte eine wichtige Rolle beim Hambacher Fest und der Paulskirchenversammlung. Und wie dankten ihm seine Zeitgenossen für diesen Beitrag zur Zukunft? Sie versetzten den Rechtsprofessor lieber vorzeitig in den Ruhestand, denn er war ihnen unheimlich.

Erstmals kann ich nun unmittelbar dem Flussufer folgen und das Wasser betrachten.

Anders als ihr Name suggeriert, leistet die Ohm auch keinen Widerstand mehr gegen die Ausbeutung ihrer Wasserkraft. Auf meiner Reise entdeckt ich keine Wassermühlen mehr, jedoch die Überreste von Wehren, die einst zu solchen gehört haben könnten. Insgesamt zähle ich 26.
Anderen Aufzeichnungen am Welcker-Wiesen-Weg zufolge sollen es sogar 40 Mühlen gewesen sein, von denen einige sogar noch in Betrieb sein sollen. Nun, zumindest dieses eine Wehr scheint noch seinen Dienst zu tun. Mit Beton und giftgrünen Geländern überspannt es gleich die Ohm, den Mühlengraben sowie die Insel dazwischen, staut die Ohm, leitet Wasser bis zur Brücker Mühle, und lässt durch eine Fischbauchklappe sogar die Bewohner des Flusses passieren. Ein modernes Wunderwe(h)rk der Technik, ich vermute, es stammt frühstens aus den 1960er Jahren. Dafür spricht auch, dass ich im Gebüsch noch Spuren eines älteren, starren Wehrs erkenne, das sich nicht regulieren ließ und damit modernen Anforderungen an Hochwasserschutz nicht mehr genügte.

Amöneburg hat sich sogar einen noch höheren Berg ausgesucht. Womit werden mich wohl die Amöneburger von dort oben begießen? Womöglich werfen sie auch Ziegelsteine aus Ton, schließlich ist das ihr wichtigstes Exportgut.
Vorsichtig umrunde ich die Stadt mit großem Abstand. Im Amöneburger Becken wird das Tal sogar noch breiter. Feuchte Mulden, Auen und ein Niedermoor fügen sich zu einer grünlichen Ebene zusammen. Das Schweinsberger Moor gilt sogar als eine der letzten Urlandschaften Mitteleuropas. Ich zähle mehr als hundert Kraniche, welche hier Rast machen - die Zeit des Vogelzugs ist noch nicht ganz vorbei. Doch was sind das für Muster im Gras und Gebüsch? Ausgetrocknete Nebenarme? Ich rätsle eine Weile, bis sich die Linie im Grünen wieder mit dem Fluss vereinigt. Da fällt mir die offensichtliche Antwort ein: Die Ohm wurde begradigt und dann wieder verlängert.

Der Hügel von Kirchhain ist etwas niedriger und verschafft mir Einblick in die hiesige Facharbeit der Fachkräfte. An diesem Ort begegnete ich dem Radweg Deutsche Einheit, welcher der Ohm nun bis zu ihrem Ende folgt. Welches jedoch ohnehin nicht mehr weit entfernt ist.

Tatsächlich sieht die Stadt von außen eindrucksvoller aus als von innen. Eine kurze Untersuchung von Gesteinsproben der Wände ergibt: Abgesehen vom Rathaus ist keines der Häuser auf dem Marktplatz älteren Datums. Bedauerlich. Doch nun weiß ich zumindest, warum ich nicht auch die anderen Städte bezwungen habe.

Doch am bekanntesten ist Kirchhain eigentlich für seine Grünanlagen. Der Anna-Park kommt mit stilvoll grauen Grabmalen daher und wurde vermutlich nach irgendeiner Herzogin Anna benann... ach nein, Moment, Anna war die Frau des Brauereibesitzers? Ihr Mann Heinrich Bopp hatte den Park gestiftet - als ob ein Mann, der die Stadt mit Bier versorgt, noch mehr Beliebtheit nötig hätte.

Wilder wird es am Erlensee, ein Rückzugsgebiet für Vögel, abstrakte Skulpturen und Blinde. Für letztere wurde ein eigenes Leitsystem eingerichtet, inklusive fühl- und lesbarer Landkarte.

In der nächsten Ortschaft verirre ich mich und gelange versehentlich auf die falsche Seite der Bahngleise. Was nun? Ich suche nach dem nächsten Übergang und entdecke schließlich eine Schranke. Sie ist verschlossen, auch wenn weit und breit kein Zug zu sehen ist. Ein Schild weist mich darauf hin, dass es sich um eine Anrufschranke handelte. Irritiert trete ich auf ein gelbes Kästchen zu und drücke einen Hebel. Und nun? Nach einigen unsicheren Sekunden nuschelt die Stimme eines Schrankenwärters aus dem Apparat. Er verspricht, die Schranken sofort für mich zu öffnen, aber nur, sofern ich ihm von der anderen Seite aus zurufe, sobald der Bahnübergang wieder frei sei. Nachdem ich mein Wort gegeben habe, hält der unsichtbare Wächter das seine, und auf seinen Befehl hin recken sich die rotweißen Stangen gen Himmel. Als ich sie passiert habe, rufe ich nach hinten, unsicher, ob das mechanische Kästchen meine Stimme tatsächlich aus dieser Entfernung auffangen kann. Doch anscheinend kann es das durchaus, denn die Schranken senken sich auf der Stelle.

Während das überaus unentschlossene Tal wieder schmaler wird, führt mich meine Reise auf einen der schönsten Abschnitte und durch einige kleine Wäldchen - unten in der Talsohle waren diese bislang eine Seltenheit.

Eines der letzten Wehre hat seine Mühle direkt am Fluss, nicht erst einen Kilometer entfernt. Noch dazu handelt es sich um eine recht beeindruckende Mühle.

Sodann mündet die Ohm in der Nähe von Cölbe in die Lahn. Und nun muss ich leider gestehen: Eben diese Mündung ließ mich vollkommen ratlos zurück. Gemeinsam mit den Bahngleisen und der Straße passiere ich eine Brücke über einen Fluss. Aber welchen? In einem schönen, aber undurchsichtigen Naturschutzgebiet, welches vermutlich in irgendeiner Weise renaturiert wurde, scheitere ich in demütigender Weise an der geographischen Gegebenheiten. Welcher Fluss ist das nun, den ich überquert habe? Hier ein Wehr, da ein paar großzügig grün bewachsene Kiesinseln, dort ein Kiesstrand, aber an welchem Gewässer? Ist die Mündung links oder rechts? Die Bäume verdecken das meiste, und auch Waldwege scheint es kaum zu geben.

Womöglich werde ich das Rätsel ja lösen, wenn ich auf während einer Lahn-Expedition erneut hier vorbeikomme. Denn schon wieder bin ich auf zwei neue Flüsse gestoßen - das Abenteuer nimmt und nimmt einfach kein Ende. Zum Glück!