08 November 2022

Nordsee: Von Norddeich nach Esens

An den Mündungen der Ems, Weser und Elbe bin ich schon so viel vom Nordseeküsten-Radweg gefahren, da dachte ich mir, den Rest von Niedersachsen machst du auch noch.

Sobald ich die Hafenanlagen von Norddeich hinter mir gelassen hatte, erwartete mich das erste Schafsgatter. Willkommen zurück auf dem schrägen Riesenradweg! Heute hatte ich den besten Blick auf die Dünen der ostfriesischen Inseln. Ein bisschen gemein ist es schon, den Leuten diese Aussicht unter die Nase zu reiben, denn die Festlandküste besteht immer noch aus Steinen, Matsch, Wiesen und matschigen Wiesen. Nicht dass das immer schlecht aussieht, aber von echtem Strandurlaub ist es halt eine teure Fährfahrt entfernt.


Nach den ersten Kilometern musste ich zum offiziellen Radweg hinterm Deich zurückkehren. Dort ist kein Meer zu sehen, sondern entweder braune Felder (meh), Weiden (mäh) oder wogendes Schilf (oh, das ist hübsch). Doch egal, was die Aussicht bot, Grund zum Meckern hatte ich nicht. Das war mein einziger Fahrradtag an der Nordsee, an dem der Wind optimal von hinten wehte! Ich wurde rasend schnell.

Später durfte ich wieder vor den Deich fahren - aber was ist das? Inzwischen hat sich hinterm Deich eine enorme Wiese ausgebreitet. Dieses Land wurde vom Meer angeschwemmt und nennt sich Heller. Graue Pflastersteine brachten mich bis zum Rand des Hellers, am Meer entlang und irgendwann wieder zurück. Später kam ein zweiter Hellerweg, diesmal wiesen sogar die Fahrradschilder dahin.
Die erste Meter sind dermaßen verschlammt, dass sie anscheinend die meisten Wanderer und Radler abschrecken. Ich begegnete nur einem Traktor abseits des Weges und einem Fotographen, dessen Bild ich im Vorbeifahren störte.

Ach ja, und den Tieren natürlich. Seit einigen Kilometern sind es nicht mehr Schafe, die den Deich kurz halten, sondern braune Kühe, schwarzweiße Kühe und Graugänse. Ihre Eigentümer wohnen direkt in ganz wenigen traditionellen Höfen. Die standen früher auf einer Warft, aber inzwischen scheinen sie nicht höher zu liegen als das restliche Land. Müssen sie auch nicht, der Deich ist ja direkt daneben. Zusätzlich schützt sie ein Hufeisen aus Bäumen - zwar weniger vor Hochwasser, aber immerhin vor neugierigen Blicken. (Die größeren Hufeisen aus Windrädern sind in dieser Hinsicht weniger hilfreich.) Die Bauern haben vergilbte Schilder in den Heller gesteckt, auf denen erklärt wird, wie bio ihre Tierhaltung ist. Die Herde darf nicht zu groß sein und das Gras mähen sie erst ab Juli, um die Vogelnester auf dem Boden nicht zu zerstören.

Apropros Vögel: Zugvögel sind hier auch unterwegs. Sibirische und Grönländische Knutts machen hier zweimal im Jahr Pause. Das Bild auf dem Schild zeigt einen Vogel mit rosa Bauch, hm... ja, tatsächlich, die da hinten könnten untenrum rosa sein und oben eher braun, bingo!
Ein Schwarm Knutts futtert an dieser Watt-Tankstelle 200 000 Herzmuscheln und verdoppelt sein Gewicht. So viel schluckt nicht mal ein SUV.

Die Küste ist echt dünn besiedelt, es gab eigentlich nur zwei Ortschaften auf der Strecke, und beide hatten fast keine Häuser direkt am Deich.
In Neßmersiel verkehrt die Fähre nach Baltrum, der kleinsten ostfriesischen Insel. Obwohl das sogenannte Dornröschen der Nordsee als letzte ostfriesische Insel den Fremdenverkehr eingeführt hat und eher ein Geheimtipp sein soll, war noch im Oktober der ganze Parkplatz am Hafen voll - da standen mehr Autos als an der Fähre nach Langeoog!
Was auf diesem Bild aussieht wie ein natürlicher See, ist eigentlich eine raffinierte Konstruktion namens Spülbecken. Damit waschen die Ostfriesen nicht ihr Geschirr ab, sondern den Hafen. Bei Flut läuft das Becken voll. Dann wird es zugemacht. Sobald die Ebbe den Hafen ausgesaugt hat, geht die Klappe auf, der Inhalt des Spülbeckens rauscht durch den Hafen und nimmt alles angeschwemmte Zeug mit.
Solange die Ebbe im Spülbecken mit der Wucht eines Hochdruckreinigers und der Verspätung der Deutschen Bahn kommt, muss der Hafen niemals ausgebaggert werden.

In Dornumersiel kam ich auf einmal nicht weiter - überall Zäune. So ist sichergestellt, dass alle Kurtaxe zahlen für ein paar Quadratmeter aufgeschütteten Sand. Ich kam allerdings von der falschen Seite und hätte Kurtaxe zahlen müssen, um den Strand verlassen zu dürfen. Aber irgendwann entdeckte ich, dass die Leute am Imbiss ganz oben einfach am Drehkreuz vorbeigehen: Unter der Woche im Oktober darf man den Strand kostenlos verlassen, hurra!
Also schob ich mein Rad zwischen den Tischen hindurch und... ach was solls, ein Fischbrötchen wär jetzt genau das Richtige. So bezahlte ich letztlich doch für die Durchquerung dieses Nadelöhrs.

Das Örtchen Bensersiel ist eine Nummer größer und moderner. Neben dem obligatorischen Strand gibt es hier ein Freibad und eine Therme, außerdem legt hier die Fähre nach Langeoog ab. Die Abfertigungsgebäude auf beiden Ufern sind dermaßen repräsentativ, dass Verstehen Sie Spaß erfolgreich vortäuschen konnte, die Reisenden müssten hier die Grenzkontrollen der unabhängigen Republik Langeoog passieren.

Der Hafen wurde in die Sieltiefe reingebaut. Als ich diesem Kanal landeinwärts folgte, entdeckte ich einen hübschen Kiesweg nach Esens. Ist das eine Bahntrasse? Wahrscheinlich, denn es soll ja einen Bahnradweg durch Esens geben. Aber warum folgt sie so präzise allen Kanalkurven, wenn sie im Flachland einfach den kürzesten Weg nehmen könnte? Vielleicht, damit die Felder nicht unnötig zerschnitten werden. Die viel wichtigere Frage ist ohnehin: Wie viele Ostfriesen braucht man, um eine Bahntrasse zu bauen?


Das Backsteinstädtchen Esens ist mit einer Kirche, einer Mühle und einem Schloss ausgestattet, denn diese Bestandteile sind für eine ostfriesische Ortschaft esensiell. Am Anfang der Fußgängerzone stehen drei extragroße Münzen herum. Die gehören keinem gigantischen Straßenmusiker, sondern erinnern daran, wie Esens das Recht bekommen hat, eigene Münzen zu prägen.
Angeblich kann man vom Kirchturm aus kostenlos die ostfriesischen Inseln sehen. Echt, von dem mickrigen Ding? Das wollte ich selber sehen. Doch in der Kirche stand ein wortkarger Wächter vor der Treppe.
"Kann ich noch hoch?"
"Nee, ab 20 vor nur noch runter, damit auch alle rechtzeitig wieder unten sind."
Ich war zwei Minuten zu spät.
Hab ich schon erwähnt, dass der Kirchturm mickrig war?

07 November 2022

Ems: Von Emden nach Borkum

 Ems-Tag VII

Wie mein Handy eine unblutige Grenzfrage beantwortet - Windmühlen im umstrittenen Territorium - Das letzte Um - An Borkums Strand nur Deutschtum chillt und Antisemitismus gilt? - Der Zweckveranlasser - Krude Kurtaxenpraxis - Alles und nichts inclusive - Nebulöser Abschluss am emsigen Ende

Acht Uhr morgens. Eine Menschentraube verlässt den Bahnhof Emden Außenhafen, überquert die Straße und stellt sich bei der Fähre an. Die meisten Fahrgäste trampeln abwärts durch den Fußgängertunnel, manche fahren auch eine Etage höher mit ihrem Auto rein. Seltsam: In diesem Schiff ist das Fahrzeugdeck über den Fußgängern. Ist das nicht gefährlich?
Diese Fähre will alles gleichzeitig sein: Autofähre und Fußgänger-Kaffeefahrt, modern und luxuriös und rustikal (diese Holzregale für Gepäck könnten aus dem Auswandererhaus Bremerhaven sein), ein Restaurant und Imbiss und Nationalparkzentrum gleich auch noch (ein grünes Zimmer ist mit ein paar Natur-Informationen zuplakatiert).

Auf der rechten Seite ziehen Hafenanlagen, Deiche und Windräder vorbei. Links beschränkt sich die Aussicht auf steinerne Begrenzungen und Bojen, die den Fahrweg markieren. Wobei es streng genommen zwei Fahrwege gibt. Unter der Wasseroberfläche teilt sich die Ems nun in Westerems und Osterems, zwei Ströme im Wattenmeer. Dazwischen liegt eine flache Fläche, die früher mal eine große Insel war. Die Fähre entscheidet sich für die Westerems.
Zugleich entscheidet mein Handy schnell und friedlich die ungelöste Grenzfrage zwischen Deutschland und den Niederlanden, indem es mir eine SMS sendet: Willkommen in den Niederlanden! Na so was, da wollte ich heute gar nicht hin.

Mein Ziel ist der letzte Rest der einstmals riesigen Insel: Borkum. Das ist immerhin noch die größte der ostfriesischen Inseln und Deutschlands nordwestlichster Punkt. Laut der Instagram-Seite des Emsradwegs gehört diese Insel auch zur Radroute dazu, schließlich liegt sie mitten in der Mündung. Jetzt sind schon über zwei Stunden um, müsste die Insel nicht zu sehen sein? Oh.
Die Insel war nicht zu sehen, und sonst auch nichts. Die Fähre musste mitten in eine Nebelwolke gefahren sein. Ich wartete und wartete den ganzen Tag, doch die angesagte Sonne kam nicht raus. Mist. Im Laufe des Tages konnte ich zumindest ein bisschen was erkennen, mehr aber auch nicht.

Aber der Kapitän wusste, wo er hinmusste, und legte fast blind in Borkum-Reede an, wo sich der Emdener Einstiegsprozess spiegelbildlich wiederholte: Alle Gäste stiegen durch einen blauen Tunnel hinauf und in die Inselbahn. Diese rote Diesellok zieht bunte Wagen mit Holzbänken zum Zentrum, unter einem Brückenbogen mit der Aufschrift Willkommen auf Borkum hindurch.

Sonderlich willkommen fühlte ich mich in Reede noch nicht. Mein Eindruck ist, dass die Borkumer auf diesen kleine Vor-Insel alles ausgelagert haben, was irgendwie lästig ist: ihr Gewerbegebiet, die Jugendherberge (mit lauten Jugendlichen), den Bundeswehr-Stützpunkt (mit lauten Soldaten) und den großen Hafen.
Einzige Attraktion ist das rotweiß angemalte Feuerschiff Borkumriff, in dem sich das Nationalparkzentrum befindet. Es ist das letzte deutsche Schiff, das (bis 1988) als mobiler Leuchtturm herumfuhr.

Zur eigentlichen Insel gelangen die Gäste auf einem welligen Damm. Der ist schon mal eine klare Verbesserung: Sanddornsträucher wachsen am Wegesrand; links und rechts erstrecken sich braune Salzwiesen, soweit das Auge reicht. Wobei es nicht sehr weit reichte, denn der Nebel war immer noch da. Aber theoretisch müsste kurz hinter der braunen Ebene das Meer beginnen.
Auf diesem Damm liegen: Eine Straße, zwei Gleise und sogar zwei Rad- und Fußwege. Einer verläuft neben der Straße (im Bild hinterm Gleis), und einer mit leichten Wellen über die Düne. Bei dieser Nordseeinsel ergibt es noch am ehesten Sinn, das eigene Auto mitzunehmen, aber was die Anzahl der Wege angeht, ist der Autofahrer auf diesem Damm klar in der Unterzahl.
Die Radwege sind im Borkumer Stil gepflastert, das heißt: Gerade so holprig, dass es ein bisschen nervt und bremst. Die Insel wirbt mit 130 Kilometern Radwegen, aber auf so eine Zahl kommt man nur, wenn man jeden kleinen Verbindungsweg dazurechnet. Eine Rundfahrt dauert je nach Route so 30 Kilometer, wie bei den meisten deutschen Inseln.

Am Ende des Damms passiert die Reedestraße eine Betonpforte im Deich, das zweite Tor zur Insel. Willkommen auf Borkum, diesmal richtig, müsste eigentlich draufstehen.

Wie die meisten ostfriesischen Inseln hat Borkum eine merkwürdige Form, die entfernt an eine kleine Handfeuerwaffe erinnert - nicht schön, is aber so. Bisher bin ich quasi den Griff (oder keine Ahnung, wie man das bei Waffen nennt) hochgefahren. Als nächstes kommt ein Wald, genau an derselben Stelle wie auf Langeoog. Allerdings ist die sogenannte Greune Stee ein ganzes Stück größer und abwechslungsreicher als das Langeooger Wäldchen. Der Radweg schlängelt sich durch Hell und Dunkel, um knorrige Nadelbäume und schlanke Birken. Gefällt mir!

Unterdessen zuckelt die Inselbahn durch die Vororte der Stadt Borkum und steuert ihren Zwischenhalt an, den Jakob-van-Dyken-Weg. Die Hälfte der Leute steigt aus und überlegen, welches der zig Ziegelhäuser, die so auch irgendwo anders in Norddeutschland stehen könnten, ihr Ferienhaus ist.

Ab jetzt darf ich sogar am Strand entlangradeln, denn hier beginnt die extrabreite Bürgermeister-Kieviet-Promenade. In diesem Vorort stehen außerdem das Nordseeaquarium, der kleine Leuchtturm und langgezogene Sonnenterassen. Für mich sahen die eher nach Sporttribünen aus, auf denen die Weltmeisterschaft im Wattwandern oder so watt ähnliches beobachtet werden kann.

In den Dünen erstreckt sich ein Kurpark, aber der hat mich weder kuriert noch beeindruckt. Da wachsen stinknormale Hecken und irrsinnig viele giftgrüne Sitzbänke mit der Gestalt eines Strandkorbs und der Ausstrahlung einer uralten Bushaltestelle, an der einmal täglich ein Bus fährt.
Dahinter schälen sich die Masten eines Hochseilgartens aus dem Nebel. Sobald die richtig zu sehen sind, schälen sich auch schon die Umrisse der Kulturinsel aus dem Nebel, und dahinter wiederum die schiffsförmigen Konturen des Gezeitenland-Schwimmbads. Mannomann, hier gibt es deutlich mehr Angebote als auf Langeoog. Diese Insel will alles gleichzeitig sein: Kurort, Familienurlaubsgebiet, Naturschutzgebiet, Erlebnisort, Wander-, Auto- und Fahrradinsel. Das heißt aber halt auch, dass auf den einzelnen Gebieten eine andere Insel besser ist, die sich darauf spezialisiert hat.

Ziemlich mies ist folgende Regel: Wer seine Kurtaxe (2,5 Euro) noch nicht bezahlt hat und irgendwo den Eintritt zahlen will, muss gleich 8 Euro obendrauf blechen. Praktisch überall sonst kann man die Taxe auch in den Einrichtungen zahlen.

Irgendwo da draußen vereinigt sich die Westerems endgültig mit der Nordsee.
Ich habe noch nie einen so grauen Strand gesehen. Himmel, Wasser, und selbst der Sand schienen irgendwie ergraut. Größtenteils lag das am Nebel.

Aber nicht nur. Die Westküste Borkums ist mit fetten Betonstreifen gesichert, sogar die Buhnen bestehen aus solchen Dingern. Sie verhindern, dass sowohl die Schönheit als auch der Schrecken des Meeres überhand nehmen.

Bei den Schrecken der Geschichte war Borkum übrigens auch an vorderer Front. In diesem verfallenen Ziegelhäuschen wurden Funksprüche abgehört, und ein kleiner Bunker zeugt vom Zweiten Weltkrieg.

Lange vor 1933 war Borkum das wohl antisemitischste Seebad Deutschlands. Es warb als erstes Bad damit, judenfrei zu sein, und die Gäste grölten sogar stolz das Borkumlied, irgendwas von wegen Doch wer dir naht mit Haaren kraus, der muss hinaus, der muss hinaus.
Interessant ist nun, dass ausgerechnet die ostfriesischen Behörden dieses Lied gar nicht in Ordnung fanden. Nur, was sollten sie unternehmen? Jeden einzelnen Gast festnehmen, der mitsingt, würde das Polizeirevier überlasten. Könnte man der Kapelle an der Promenade verbieten, die Melodie zu spielen - obwohl ausgerechnet die Musiker gar nicht mitsingen? Ja, denn die Kapelle ist der Zweckveranlasser, der gerade zu dem Zweck musiziert, andere zu einer Störung der öffentlichen Ordnung zu veranlassen. Die Bezirksregierung hatte mal eben eine Figur des Polizeirechts erfunden, die heute weitgehende anerkannt ist. Damals nicht, die Gerichte hoben das Verbot auf, weil es ja auch andere Texte zu der Melodie gäbe.

Machen wir nun einen Abstecher in die Innenstadt. Weiße Villen und schlichte Ziegel reihen sich aneinander. Aus letzteren besteht auch der Bahnhof, der gleichzeitig das Casino und einen Fahrradverleih enthält. Im Ernst, ein Casino, das aussieht aus wie ein norddeutscher Bahnhof? Ich dachte, das muss überall eine Art Palast sein.
Wer sich ein paar Euro sparen will, lässt sein Rad auf dem Festland, fährt mit der Bahn hierher und leiht sich eins aus (was aber etwas länger dauert). Und wer noch mehr Euro sparen will, macht dabei einen Bogen ums Casino.

Bevor irgendjemand das Wort Tourismus kannte, war Borkum eine Insel der Walfänger, die sich im Auftrag der Niederlande im Walkampf engagierten. Daran erinnert eine beeindruckende Walskulptur mit Plastik-Eisschollen an der Hafenpromenade und... was zum Geier, ist das ein Zaun aus Walzähnen?
Der Walfang wurde auf Eis gelegt, weil ab 1782 alle Walfänger entweder in britische Kriegsgefangenschaft gerieten oder verunglückten oder auswanderten, bis keiner mehr übrigblieb.

Aber nun vergessen Sie all die Wale, Fische oder seltenen Vogelarten, das Borkumer Tier schlechthin ist der Hase. Die ganze Insel wimmelt von Häschen. Leider hat noch kein einziges Exemplar begriffen, dass Haken schlagen vielleicht eine schlaue Taktik bei einem Raubtier ist, aber nicht bei einem Fahrrad. Jedenfalls nicht, wenn die Haken einen immer wieder und wieder auf den Radweg zurückbringen.
Die meisten Hasen leben an einem Ort, wo sie vor Rädern sicher sind. Soweit logisch. Überraschend ist allerdings, dass sich diese kreisrunde Wiese mitten im Ortszentrum befindet. Warum ist da überhaupt eine flache Wiese, will da niemand bauen? Oder wurde die absichtlich freigelassen, als Freiluftgehege?

Nein, die Wiese ist eigentlich nur ein Freiluftgehege für den Neuen Leuchtturm.
Borkum hat gleich drei Türme:
  • Der Neue Leuchtturm ist ein Backsteinschlot ähnlich wie in Cuxhaven.
  • Der Kleine Leuchtturm (so klein nun auch wieder nicht) ist gestreift und sieht damit am leuchtturmigsten aus.
  • Der Alte Leuchtturm ist eckig, einzigartig und hat eine skurrile Zickzack-Treppe an der Seite - da wär ich gern hochgestiegen, durfte ich leider nicht.

Das Kreuz gibt einen dezenten Hinweis, dass es sich beim Alten Leuchtturm mal um einen Kirchturm handelte. Dieser Turm hatte zwischenzeitlich zwei Jobs, leuchten und bimmeln. In seinem Erdgeschoss befindet sich eine kleine Gratisausstellung über die Gräber, die unter dem Fußboden gefunden wurden. Die Toten haben so exzessiv Pfeife geraucht, dass sich vorne in ihre Zähne ein fette Pfeifenstiehl-Kerbe eingeschliffen hatte. Damals gab es halt noch keine Warnhinweise auf den Pfeifenkraut-Schachteln.
Vor dem Turm befinden sich die Grabstätten jener, die im Meer ums Leben kamen. Eine niedriges Mäuerchen im Schilf verrät, wo einst das Kirchenschiff stand.


So, das wäre die zivilisierte Westseite der Insel. Borkum hat aber auch eine wilde Ostseite. Die war eine Zeitlang sogar eine eigene Insel. Der Streifen Wasser zwischen Ost und West wurde immer schmaler, die Nordsee spülte immer mehr Schlick an, und die Menschen fanden das eigentlich ganz praktisch. Sie halfen ein bisschen nach und bauten den sogenannten Interwall. Über 200 Jahre vor dem Berliner Mauerfall fiel auf Borkum die Grenze zwischen Ost und West. Wo genau sie verlief, konnte ich beim besten Willen nicht erkennen.

Wer vom Zentrum auf der Straße nach Osten fährt, gelangt zuerst zum Flughafen und dann zum Dorf Ostland.

Der Ostlandstrand ist ein ganzes Stück breiter als im Westen. Wer ihn sehen will, muss mehrere Dünen besteigen, die immer weniger Pflanzen und immer mehr Sand beinhalten. Dieser prächtige Strand hat mich am meisten an Langeoog erinnert.

Auch schlängelt sich hier ein Radweg durch die Dünen, der selbst im trübsten November Spaß macht.
Und doch muss ich sagen, das Farbenspiel auf Langeoog hat mich mehr beeindruckt. Die meisten Gräser und Hecken auf Borkum tragen ein gewöhnliches Grün, das man so auch anderswo in Norddeutschland findet.

Am Ende wartet ein Hügel, der wahlweise Duala Aussichtsdüne oder Aussichtsdüne Steerenk-Klipp genannt wird. Eine gewöhnliche Düne erhält das Upgrade zur Aussichtsdüne, wenn sie a) höher ist als die anderen und jemand sie mit b) Treppen c) Holzzäunen und d) Papierkörben pflastert.
Der Nebel hatte sich inzwischen etwas zurückgezogen, sodass ich regelrecht ein bisschen in die Ferne sehen konnte. Eine graugrüne Düne reiht sich hinter die nächste. Das westliche Ende ist nicht zu sehen und das östliche... auch nicht? Müsste da hinten nicht die Osterems sein? Wie weit geht das bitte noch weiter?

Dieser Weg ist für Fahrräder nicht geeignet. Bitte stellen Sie Ihr Fahrrad ab, bat mich ein Schild kurz hinter der Aussichtsdüne.
Die ersten Meter des Kieswegs waren sogar noch halbwegs geeignet, aber danach ging es mit dem Weg schneller abwärts als mit der britischen Wirtschaft. Aber nicht wortwörtlich abwärts, das Land wird wieder flacher. Die Dünen ziehen sich an die Nordseite zurück, und eine weite Schilfswiese in herbstlichem Beige öffnet sich.
Diese wilde Ostspitze der Insel nennt sich Hoge Hörn. Hier gibts nur noch Wanderwege, und selbst die sind im Gras manchmal kaum zu erkennen. Und wenn doch, dann nur anhand tiefer Schlammspuren. Über die Wasserläufe führen rostige Brücken, die aussehen, als hätte sie jemand achtlos mit einem Helikopter abgeworfen. Schließlich habe ich aufgegeben und bin umgekehrt. Wenn die Karte richtig liegt, führt der Weg sowieso nicht ganz bis zum Ende der Insel. Dafür wollte ich nicht riskieren, die letzte Fähre zu verpassen.

Von der Aussichtsdüne gibt es noch einen anderen Weg zurück in den Westen. Genau genommen sind es sogar zwei. Ein gewöhnlicher Borkum-Radweg folgt dem Deich am Südufer vorbei an einem Schilfsee namens Hopp (auf Langeoog heißt das Ding Schlopp, ich erkenne ein Muster).
Auf dem Deich liegt aber auch eine schmale Reihe Pflastersteine. Dann fahr ich lieber oben! Da konnte ich das Schilf der Insel und die braunen Salzwiesen der Südküste beobachten. Beide sind durchzogen von Wasseradern, beide verlieren sich in der Ferne im Nebel - gar nicht so leicht zu sagen, auf welcher Seite denn nun das Meer liegt.
Hm, die Salzwiesen sehen ja ganz ähnlich aus wie die an der Reeder Straße. Was daran liegt, dass sie nach ein paar Kilometern direkt in die Reeder Salzwiesen übergehen. Dort endet der Deichweg am Borkumer Betontor.