03 April 2022

RBK: Von Waren nach Ankershagen

Havelgeschwafel 0: Die Anreiseweise
Es wird georgelt - Unterwegs in der Nachtbarschaft - Die ultimative Alternative

Die Nacht ist dunkel und voller Schrecken? Nicht in der Mecklenburger Seenplatte! Hier ist die Nacht eher friedlich und voller Orgelmusik.
Ich habe diese Etappe mit einer anderen Tour verbunden, wodurch ich erst spät am Abend gestartet bin. Was aber echt schön war.
Zunächst geht es auf dem Müritz-Rundweg durch einen finsteren Wald. Bei Federow verlässt der Radweg sowohl die Müritz als auch den Wald und es wird wieder heller.
Ein bisschen zumindest.
Federow hat laut Reiseführer zwei Sehenswürdigkeiten: Zum einen steht da ein Fischadler-Sichtschirm. Dass ich keinen Fischadler gesehen habe, muss ich hoffentlich nicht näher erläutern. Genau genommen habe ich noch nicht mal den Sichtschirm gesehen.
Die sogenannte Hörspielkirche dagegen war im Scheinwerferlicht gut zu sehen - und sogar zu hören. Irgendwo sollen bestimmte Zeiten aushängen, zu denen Hörspiele erklingen (was bereits mehr ist, als man von der Hörspielkirche an der Werra sagen kann). Dass gerade keine solche Zeit war, muss ich hoffentlich nicht näher erläutern. Und dennoch schien bläuliches Licht durch ein rundes Fenster. Dahinter spielte irgendjemand Orgel und hatte keine Ahnung, dass er draußen auf dem Friedhof einem verschwitzten Radfahrer einen magischen Moment der Ruhe schenkte.

Die Strecke gehört zum Radfernweg Berlin-Kopenhagen und als Anreisevariante zum Havel-Radweg (für alle, die entweder Waren an der Müritz besuchen oder nicht die 8 Kilometer Ankershagen-Kratzeburg doppelt fahren möchten).
Schlanke Nadelbäume versuchen die Straße in Schatten zu hüllen, was ihnen aber nicht so gut gelingt wie dem dichten Müritzwald. Die 30 Kilometer sind schon ganz nett, aber vor allem ein Lückenfüller zwischen interessanteren Landschaften. Ab und zu kreuzt ein stillgelegtes Bahngleis die Allee.

Bis zum nächsten Bahnhof ist es aber noch weit, denn die Dörfer sind alle zu unwichtig. Damit ich überhaupt etwas von ihnen mitbekomme, wurden die Häuser kunstvoll angestrahlt - extra für mich! (Sonst war ja niemand da, also muss es so sein.) Besonders hübsch gelang das einer alten Schmiede, die nun als Ferienwohnung dient.

Am Ende warten das Heinrich-Schliemann-Museum in Ankershagen und die Havelquelle.
Das war die beste Querverbindung zwischen Müritz und Havel - oder? Nein, überhaupt nicht.

Wer sich weder für die Quelle noch für den Trojanischen Krieg interessiert, dem empfehle ich folgende Alternative: Zuerst geht es an der Müritz noch weiter runter. Bei Boek beginnt nämlich eine herrliche Straße mitten durch den Müritz-Nationalpark. Der mystische Mooswald ist nicht nur viel schöner -  sobald ich eine grellorange Schranke hinter mir gelassen hatte, gab es auch keinerlei Verkehr mehr. Das ist genau die Art von Landschaft, die selbst beim schnellen Durchfahren richtig gute Laune macht. Auf die Havel trifft man dann erst bei Krienke am Pagelsee.

02 April 2022

RBK: Von Güstrow nach Krakow

Güstrow ist vom Wasser umzingelt. Den Bützow-Güstrow-Kanal und die Nebel kennen ich ja schon, jetzt kommen noch ein Kleingartengraben und der Inselsee hinzu, dessen Ufer ich kurz genießen durfte.

Vor langer Zeit habe ich mit meiner Oma versucht, von Güstrow nach Krakow zu radeln. Ja, nur versucht. Ich erinnere mich vorwiegend an matschige und leicht hügelige Waldwege, auf denen im strömenden Regen meine Gangschaltung ihren Geist aufgab, und an eine gläserne Reha-Klinik, in die wir vor dem Regen flohen. Obwohl wir den kürzeren Weg nahmen, sind wir damals gescheitert.

Bei meinem zweiten Versuch habe ich die längere Waldstraße genommen, die einen Bogen nach Westen macht. Der Radfernweg Berlin-Kopenhagen nimmt auch diesen Weg. Allein schon die Morgenröte auf den schlanken Nadelbäumen ist Grund genug.

Die Felder hatten sehr flache Hügel, über die ich problemlos rübergezischt bin. Es ähnelte der Gegend zwischen Bützow und Schwaan, nur dass hier ein paar interessante Bauwerke am Rande aufragten. Dieser Turm sieht ja aus wie an der Fulda!

Ein sechseckiges Teil aus Ton erzählt die Geschichte von Groß Breesen. Als Bernd von Bellin das Dorf verpfändet hat, bekam er dafür gerade mal 15 Mark. 7,5 Euro! (3,25 Osteuro! 1,63 Osteuro auf dem Schwarzmarkt!) Da könnte ich mir ja sogar bei meinem sparsamen Reisebudget ein paar komplette Dörfer pro Radurlaub gönnen.

Wie wärs zum Beispiel mit Sammit für nur 9,99 (Pferde nicht im Preis enthalten)? Der Name könnte vom slawischen Wort samota stammen, was das Schild freundlicherweise mit das Selbstständige übersetzt - soweit ich weiß, kann es auch Einsamkeit bedeuten.

Vor der Kirche steht lauter landwirtschaftliches Werkzeug, obwohl schon 1793 keiner der 14 Eigentümer mehr Bauer war. Es handelt sich vielmehr um ein Dorf der Pferdezüchter.

In Krakow am See beginnt die Seenplatte dann so richtig. Zuerst wird der Krakower Untersee umrundet, dann geht es am Van-der-Valk-Resort vorbei über die Autobahn. Nach einer kurzen Begegnung mit dem kleinen Linstower See und der jungen Nebel gelangte ich zurück in den Wald - und nun folgt See auf See: Drewitzer SeeKölpinsee (wer runter nach Malchow fährt, kann auch noch den Fleesensee mitnehmen) und als Höhepunkt die Müritz. Dann kommen 30 Kilometer ohne See (echt unerwartet) und schließlich die Havelseen.

01 April 2022

RBK: Von Bützow nach Güstrow

Warnow-Querverbindung zur Seenplatte: Kanäle und Kunst
gefahren im: Oktober 2013
Start: Bützow, Innenstadt
Ziel: Krakow, Lütt Hütt
Länge: 37 km
Nebelquerungen: 2
Kanalquerungen: 1
Ufer: bis Güstrow rechts vom Kanal und links der Nebel
Landschaft: Kanalallee, Schilfseen, Matschwald
Wegbeschaffenheit: Erde und Matsch
Steigungen: später einige leichte
Wetter: Sonne und Regen
Wind: kaum
Größte Hürde: kaputte Gangschaltung im Matschwald
Highlight: Wildpark Güstrow
Zitat des Tages: "Ahuuu!" (Wolf im Wildpark)


Wie kommt man von der Warnow zur Mecklenburger Seenplatte? Nehmen Sie einfach den Radfernweg Berlin-Kopenhagen. Besonders schön an dieser Querverbindung ist die erste Hälfte.
In Bützow mündet die Nebel in die Warnow. Weil sie für den Schiffsverkehr nicht geeignet ist, verläuft neben ihr der schnurgerade Bützow-Güstrow-Kanal. Und dazwischen führt der Radweg auf einer Allee entlang, direkt neben dem Kanal. Der Weg besteht aus Erde oder Betonplatten, ist aber meistens ganz gut befahrbar.


Auf dem Weg liegt eine Klappbrücke,...


...ein paar Rastplätze und Schleusen mit rauschendem Wasser. Die Preußen haben diese Wasserstraße im 19. Jahrhundert gebaut. Eigentlich wollten sie den Kanal durch Krakower See, Plauer See, Elde und Havel bis nach Berlin weiterführen (also ungefähr am heutigen Radfernweg Berlin-Kopenhagen), aber da waren die Augen mal wieder größer als das Geld.


Deswegen sind da auch nicht so viele Schiffe unterwegs wie ursprünglich geplant. Das freut diesen Schwan.


Sobald sich neben dem Kanal die bunten Häuser von Güstrow erheben, müssen wir einmal runter vom Kanalweg...

...und zack, schon sind wir inmitten der bunten Häuser von Güstrow. Das ist jetzt nicht die schönste der Mecklenburger Städte, aber ein paar interessante Sachen gibt es hier.

Güstrow nennt sich Barlachstadt, weil das bekannteste Exportgut die menschlichen von Ernst Barlach.
In der Innenstadt stehen dagegen Statuen von Tieren. Diese hier erinnert zum Beispiel an die Geschichte von Fuchs und Igel, die Jon Brinckman in Güstrow auf Niederdeutsch verfasst hat.
Allerdings hat Güstrow auch echte Tiere. Die befinden sich im Wildpark, wo die Tiere anders als im Zoo deutlich mehr Platz haben. Das führt dazu, dass man etwas genauer gucken muss, um beispielsweise einen Wolf zu entdecken, aber meistens kriegt man zumindest weiter hinten ein paar zu sehen. Diese Beobachtungen können Sie auf hohen Holzwegen oder in niedrigen Tunneln machen, letzteres geht nur für Kinder und kriechende Erwachsene. Achtung: Kinder sind unberechenbar und können unter Umständen die Raubtiere links liegen lassen, weil die kleinen Tiere viel faszinierender sind, zum Beispiel die Schnecken.


Außerdem hat Güstrow noch ein großes graues Monster von einem Schloss. Von dem habe ich sogar Bilder. Außen ist es von einem Schlossgarten umgeben, der wie alle Schlossgärten aus zurechtgeschnittenen Hecken besteht.

Der Innenhof dagegen sieht etwas kahl aus. Das Museum enthält Gegenstände aus verschiedenen Klöstern und Kirchen Mecklenburgs, darunter auch etwas aus Rostock: Ein Kreuz aus dem Kloster zum Heiligen Kreuz.


Für Kinder kann die äußere Erkundung des Schlosses mitunter sogar spannender sein.


Nach Möglichkeit sollten die Kinder das Schloss aber nicht zum Einsturz bringen.

31 März 2022

RDE: Von Kreiensen nach Seesen

Was ist denn da in mich gefahren? Radfahren am frühen Morgen, bevor ein gewöhnlicher Alltag losgeht, und zwar nur eine kurze Strecke, und das auch noch auf bergigem Gelände? Und das, nachdem ich gerade erst einen Krimi gelesen habe, indem ein so ein Frühradler beim Bergabfahren mittels eines Drahtseils ermordet wird? Ist das sportliche Motivation oder schon Todessehnsucht?


Der Eisenbahnknotenpunkt Kreiensen färbt stark auf die nächste Etappe ab: Ich bin unter, neben und auf einer Bahntrasse gefahren. Eigentlich schade, dass nicht auch noch eine Brücke über eine Bahntrasse dabei war.
Das Unter und das Neben erfolgten gleichzeitig, als nach wenigen Kilometern die ICEs auf einem gewaltigen Betonmonster über meinen Kopf hinweggesaust sind. Ihnen wird es zu eng im Leinetal, deshalb verlassen sie es. Ich und die Regionalbahn zum Harz machen das auch, aber wir suchen uns einen weniger dramatischen Weg.

Er bringt uns durch das Tal der Gande. Das ist ein ganz gewöhnliches grün-braunes Flüsschen mit ein paar Plätschersteinen. Am coolsten sieht die Gande aus, wenn sie in Bad Gandersheim an einer Kirche vorbeifließt und kurz kanalisiert wird. Fische können den Miniwasserfall per Treppe überspringen.


Bad Gandersheim ist eine Stadt der Kirchen und Klöster. Im Gandersheimer Stift lebte Roswitha von Gandersheim, das war die erste Dichterin Deutschlands. Jedenfalls die erste, von der irgendwas erhalten geblieben ist, und das ist ja schließlich das Ziel aller Autoren und Autorinnen. Heute hätte sie vermutlich massive Schwierigkeiten, einen Verlag zu finden, denn sie schrieb ihre Dramen und Hexameter auf Latein. Unter anderem über Otto I., dessen Fangirl sie war.

Gandersheim ist eine südniedersächsische Fachwerkstadt, deren Schönheit ich irgendwo zwischen Northeim und Einbeck einordnen würde. Hinzu kommen ungewöhnlich viele imposante Steinmauern.
Das Fachwerk zieht sich bis in die Außenbezirke der Stadt. Was andererseits auch nicht so viel heißt, denn soo groß ist Gandersheim nun auch wieder nicht. Je näher ich dem Zentrum kam, desto schicker und restaurierter wurden die Häuser. Je weiter ich nach draußen fuhr, desto blasser und abgenutzter kamen die rotbraunen Balken daher. (Allerdings längst nicht so abgenutzt wie mein Fahrrad, insofern sollte ich mich nicht beschweren - wenn hier etwas ästhetisch nicht reingepasst hat, dann meine ollen Reifen.)

Am Rande der Gande verläuft ein Skulpturenpfad auf einer stillgelegten Bahntrasse. Er enthält keine Skulpturen. Null. Nennt mich pingelig, aber von einem Skulpturenpfad erwarte ich etwas mehr als nur einen... Pfad.
Immerhin: Das mit der Bahntrasse stimmt wirklich. Hier dampfte eine kleine Bahn in Richtung Altgandersheim durch einen grünen Hohlweg, vorbei an schicken Häusern und Kleingärten, über alte und neue Brücken (wobei, die neuen standen damals wohl noch nicht und die alten waren vermutlich neu). Eine besonders lange Brücke bietet einen letzten Panoramablick über die Stadt.
Und was ist das für eine geheimnisvolle Mauer unter den Schlingpflanzen? Wer weiß. Nicht jeder Bahnradweg verrät all seine Geheimnisse.


Nach kurzer Zeit verlässt der Radweg Deutsche Einheit die Bahntrasse wieder, und nach einem weiteren Kilometer entlang der Gande verlasse ich auch das Tal.

Die Bahntrasse ließ mich jedoch nicht los - wo führt die hin, und gibt es irgendwo doch noch Skulpturen? Ein paar Monate später kehrte ich nach Gandersheim zurück und folgte ihr weiter. Nach kurzer Zeit taucht sie aus dem Wald auf - und erst hier wird sie so richtig toll. Der Blick reicht bis zum Harz, und am Weg stehen tatsächlich abstrakte Kunstwerke. Hat hier ein ungeschickter Riese versucht zu sticken? Moment, diese orangenen Bänder hab ich doch schon mal auf einem Foto gesehen. Natürlich, das ist der Radweg zur Kunst, der im Leine-Radführer beworben wurde.
Das größte Kunstwerk des Radwegs sind nicht irgendwelche steinernen Skulpturen, sondern ein perfekt geformter Blättertunnel in Herbstfarben. Die Bahnhofsgebäude sind unauffällige weiße Häuser. Hinter den düsteren Backsteinfassaden von Lampspringe endet die Bahntrasse, der Radweg zur Kunst geht noch weiter.

Auf dem RDE folgen ein paar idyllische Dörfer. Sie enthalten jede Menge Blumen, Holz und weiße Hauswände. Und ein paar Hauswände, die vermutlich früher einmal weiß waren. Normalerweise schreibe ich an dieser Stelle, dass im Dorf überhaupt nichts los war, aber das wäre hier nicht zutreffend - gucken Sie mal, da unterhalten sich zwei Nachbarn! Muss wohl an der frühen Stunde liegen.

Jetzt wird es nochmal so richtig bergig. Steile Serpentinen führten mich eine letzte Hügelkette hinauf. Die finalen Kilometer verliefen zwischen einer Kraftfahrstraße und duftenden gelben Rechtecken, die sich bei näherer Betrachtung und Beriechung als Rapsfelder herausstellten. Dann befand ich mich auch schon in Seesen, an der Schwelle zum Harz - Schluss mit den Hügelchen, jetzt wird ein echtes Gebirge umrundet.

RDE: Von Stadtoldendorf nach Einbeck

Der nächste Abschnitt ist äußerst durchmischt.


Anfangs existiert der Radweg Deutsche Einheit überhaupt nicht, nur eine einsame Allee, die nicht wie eine Hauptstraße aussieht. Ist sie aber.

Zielstrebig bin ich nach Lenne abgebogen, obwohl ich eigentlich nach Wangelnstedt sollte. Auf diese Weise fand ich heraus, dass Lenne schöner ist als Wangelnstedt.

Das zweite Drittel besteht aus Radwegen. Außer, man ist ich, biegt schon wieder falsch ab und landet auf einem halsbrecherischen Schotterweg.
Der Radweg war nur geringfügig schmaler als die Straße. Der Unterschied bestand darin, dass nicht ein Auto pro Minute eng an mir vorbeirast, sondern ein Trecker pro Stunde eng an mir vorbeituckert. Letzteres ist angenehmer, obwohl es nicht unbedingt angenehmer riecht.
Oben auf der Hügelkette befand sich bis 1390 ein Dorf namens Rockhorst. Davon ist nur eine Wüstung übriggeblieben. Mit anderen Worten: Absolut null Komma gar nichts. Würde Rockhorst heute noch existieren, würde es mit dem Namen vermutlich Festivals veranstalten.

Mitten in einem Bauerndorf verbergen sich die grauen Mauern der Erichsburg. Ein Gatter verhindert jeden Zugang zur Burg und weiteren Informationen. Um dort reinzukommen, hätte ich die ganze Burg für eine Veranstaltung mieten müssen.

Später gibt es beides nebeneinander, Radweg und Straße. Und nach wie vor eine Allee, Bäume sind hier wohl einfach Pflichtausstattung. Womöglich, weil dieses offene Hügelland ohne ein bisschen Schatten schwer zu ertragen wäre.

Markoldendorf begrüßt seine Gäste mit staubigen Fachwerkhäusern und staubigen Industrieanlagen. Das mit Abstand Einladendste in diesem Ort war das Kuchenbuffet. Obwohl es geschlossen war.

Je näher ich dem Ziel kam, desto schattiger wurde es. Das verdanke ich der Ilme. Sie spendet den Bäumen und Hecken Wasser, die wiederum spenden mir Schatten. Also folgte ich dem Wasser bis zum Stadtwall von Einbeck.

RDE: Von Holzminden nach Stadtoldendorf

Heute wollte ich mal eine niedersächsische Lücke im Radweg Deutsche Einheit erfahren, in Kombination mit einem schönen Stück Weserradweg. Seit Höxter an der Weser hat der Radweg Deutsche Einheit auch dieselbe Strecke wie der Europaradweg R1, der EuroVelo2 Hauptstadt-Route und die D-Route D3.

Hinter Holzminden geht es am rechten Ufer der Weser (nicht, dass dort viel von der Weser zu sehen war) weiter und dann quer übers Feld.

Hier erwartete mich das in jeder Hinsicht überraschende Schloss Bevern, in dem ich weitaus mehr Zeit verbracht habe als geplant. Eigentlich wollte ich nur mal vorbeifahren. Ah, schöne orange Wand, noch eine, ich bog um die Ecke, als... huch, das Schloss ist ja auf einmal weiß! Und hellblau! Im grellen Sonnenlicht hat mich dieser unerwartete Farbwechsel ganz schön geblendet. Dass ich im selben Moment den schützenden Schatten der Bäume verließ, dürfte mit diesem Effekt zu tun haben.
Aber schön ist es schon. Wenn man die Helligkeit etwas runterdreht.

Als sich meine Augen daran gewöhnt haben, folgte sogleich Überraschung Nummer zwei: Ich konnte in den Innenhof reinfahren. Der ist noch viel schöner und farbenfroher. Wahnsinn, wie gut der Rollstuhllift (rechts unten) architektonisch angepasst wurde! Man könnte meinen, Bran Stark hätte hier residiert. 
Das Schloss Bevern ist der kleine, bunte, vollgestopfte und etwas durchgeknallte Bruder vom benachbarten Schloss Corvey.

Das Schloss hat Statius von Münchhausen gebaut, ein Vorfahr des bekannten Lügenbarons. Statius (nein, das ist kein komischer Titel, sondern ernsthaft sein Vorname) konnte anfangs eigentlich echt gut mit Geld umgehen, aber nach dem Bau des Schlosses war er pleite und starb dann auch bald. Für ihn beinhaltete das Schloss also auch Überraschungen, nur keine angenehmen.

Die Schlosskapelle wird für Hochzeiten genutzt und ist streng genommen der einzige original erhaltene Raum. Aber nur streng genommen: In vielen Räumen sieht die Wand in Richtung Innenhof genauso original farbenfroh-fachwerkig aus wie von außen, nur die anderen Wände nicht.

"Hallo", sprach mich eine Frau auf dem Innenhof an. "Unser Atelier ist geöffnet, Sie können gern reinkommen. Ist auch kostenlos." Ein Landschaftsmaler von der Weser hat dieses Atelier mal gegründet, seitdem stellen hier verschiedene Künstler ihre Werke aus. Diese Traumvisionen hat ein Hobbymaler geschaffen, der hauptberuflich Chemiker ist. Ich hoffe, sie kommen nicht von irgendwelchen Dämpfen, die er eingeatmet hat.

Aber das ist noch nicht alles: Das Schloss enthält ein Heimatmuseum, und das ist ebenfalls gratis. Vollgestopfte Zimmer mit alten Webstühlen, Porzellan, Porträts vom alten Pleite-Stachius, ein Raum voller Landschafts- und Tierfotographie, ein moderner Raum mit Tablets ("Das ist grad schwierig, da müsste ich Sie erst einweisen, und ich muss gerade was mit ner Kollegin besprechen.") und eine FrauenOrte-Ausstellung über die mutige jüdische Ärztin Paula Tobias.

Besonders interessant fand ich das Modell des optischen Telegraphen:
Dieses Haus stand auf einem Berg über Bevern. Darin lebte der Telegraphenmeister mit seiner Familie. Bei klarer Sicht saß er tagein, tagaus oben in seinem Turm, blickte mit einem Fernglas zum Nachbarturm und sendete dessen Signal aus Richtung Berlin weiter nach Köln. Dazu zog er an Hebeln und verstellte die sechs hölzernen Ärmchen in die richtigen Positionen. Die Dinger hatten über 4000 Kombinationen. Auf dem Bild zeigen sie gerade das Signal Weser.
Terry Pratchetts Klacker gab es wirklich! Naja, zumindest eine Linie. Und nur bis 1852, nach gerade mal 20 Jahren wurde sie auch schon durch elektrische Telegraphen ersetzt.

Zur Radroute gehört außerdem ein Sandstein-Weg. Mit anderen Worten: Alle paar Meter steht ein fetter Standsteinklotz aus einem europäischen Land am Wegesrand. Da konnte ich gleich mal vergleichen, wie sich die Weserfelsen im Vergleich so schlagen. Ergebnis: Sie sind besonders rot, aber nicht besonders gemustert.

Der Rest der Strecke ist auch ganz hübsch anzusehen. Feldwege und Straßen schrauben sich im Zickzack (naja, insofern es Schrauben mit Zickzackmuster gibt) aus dem Wesertal heraus. Dann folgt auch gleich das Ziel.

Stadtoldendorf kann sich nicht entscheiden, ob es eine Stadt oder ein Dorf sein möchte. Deshalb ist es eine Ansammlung von Parks und historischen Wachtürmen. Sie wachen eifersüchtig darüber, dass die Straße unten im Tal nicht so schön wird wie sie. Mit Erfolg.

Der Bahnhof Stadtoldendorf sieht dermaßen nach einer Burg aus, dass die Durchsagen eigentlich folgendermaßen lauten müssten: "Täterätä! Auf Gleis 1 fährt nun ein: Ihre hochwohlgeborene Regionalbahn die 84. von Kreiensen zu Paderborn, Eggebahn des Westfalentarifs, NRW-Tarifs und des Verkehrsverbundes Südniedersachsen!"