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09 Mai 2026

Moldau: Von Boršov nach Purkarec

IV. Die Radelmoldau

In Boršov ändert sich die Moldau wieder komplett. Alles wird flach, und plötzlich gibt es Radwege. Am Ufer. Durchgehend. Was geht denn hier ab?
Am anderen Ufer standen Gebäude, an meinem Ufer nur ein Feld und eine Reihe Bäume, die daran scheiterte, einen durchgehenden Schatten zu werfen. Schließlich verzog ich mich in eine der vielen Rasthütten, um Essen zu machen.
1992 kam an diesem Ufer ein Militärpilot bei einer Flugshow ums Leben. Eigentlich galt er als kompetent und erfahren. Aber wenn man mit 700 km/h zwei 360-Grad-Wendungen drehen und dazwischen auch noch das Flugzeug auf den Rücken drehen will, dann kann es selbst dem größten Profi passieren, dass er plötzlich in einem zu steilen Winkel nach unten schießt und da nicht mehr rauskommt. Der Aufschlag bildete einen Krater am Moldauufer und verteilte Trümmer über 200 Meter.

Die Gebäude sind oft modern, besonders ins Auge stach mir dieser eigentümliche Kindergarten vor einem übergroßen Dorfplatz.

Die Einfahrt nach České Budějovice (von einigen wenigen auch Budweis genannt) war also richtig angenehm und hat mich an Strasbourg erinnert. Allmählich wuchsen die Wohnblocks an beiden Ufern in die Höhe, dann teilte sich die Moldau und bildete (im Bild ganz links) den Sokolský ostrov ("Turn-Insel"), wo ich mich im Hallenbad abgekühlt und erfrischt habe.
Neben der Insel beginnt die Skyline der Altstadt. Von links nach rechts zeigt das Bild die Solní branka (Salztor - hier wurde Salz nach Prag geflößt), die Ottokarova bašta (Auf Deutsch Ottokar-Bastei, aber die ist jetzt tschechisch. Basta.) und den Turm Železná panna (Eiserne Jungfrau, bekannt für Folter und einen Blitzeinschlag).

Ausgerechnet an dieser idyllischen Stelle ereignete sich dann eine verstörende Szene, die ich so noch nicht gesehen hatte. Im Wasser verfolgten mehrere Männer eine Frau und fielen gemeinsam über sie her, drückten sie unter Wasser, auch wenn sie schrie und um sich schlug. Ich wusste mir nicht anders zu helfen, als die Erpeltäter mit einer Handvoll Kieselsteine zu vertreiben. In České Budějovice haben Enten, die Füttervögel unserer Kindheit, für mich jegliche Unschuld verloren.

České Budějovice ist ist für Moldauradler fast ideal: Nicht nur haben wir einen perfekten Weg durch die Stadt durch, es ist auch nur ein kleiner Abstecher zum Marktplatz. Der ist ziemlich kahl und schattenfrei, und die Sonne gab sich alle Mühe, die Pastellfarben der Barockhäuser auszubleichen. Die Bilder auf den Fassaden heißen Sgrafittos, und nein, das S ist kein Tippfehler. Der Brunnen in der Mitte versorgte die Stadt einst mit Moldauwasser und zeigt Samson aus der Bibel, eine Pestsäule fehlt dagegen. Damit wäre dann wohl auch die Frage beantwortet, welche tschechischen Städte denn nun eigentlich von der Pest heimgesucht wurden.
Die Stadt war im Prinzip ein privilegiertes Projekt von König Přemysl Ottokar II., dem die südböhmischen Adligen wie die Rosenberger dann doch ein bisschen zu einflussreich geworden waren. Und das Projekt war ziemlich erfolgreich. Dass es in der Nähe Silber und Salzstraßen gab, war da natürlich von Vorteil.

Ich kaufte neue Getränke in einem sehr versteckten Supermarkt im Keller eines Einkaufszentrums, dann schaute ich noch bei der Kathedrale Sv. Mikuláš (St. Nikolaus) vorbei. Der Kirchturm steht separat und heißt Čerkná věž (Schwarzer Turm), obwohl er eigentlich graubraun ist. Nach intensivem Studium der komplexen Öffnungszeiten- und Preistafel kam ich zu dem Schluss, dass ich heute nicht nach oben steigen darf.

 
Die Kirche wirkt wie der Rest der Stadt hell, barock und gar nicht mal so alt, was wie beim Rest der Stadt an einem sehr gründlichen Stadtbrand liegt, der andere Stilepochen wie Gotik und Renaissance vom Antlitz der Stadt tilgte. Zwei Männer namens Canevale & Cipriani haben die Kathedrale neu aufgebaut. Mit den Nachnamen waren sie vermutlich keine Tschechen, und das sieht man auch. Für die größte Kirche der zehntgrößten Stadt Tschechiens und einen Bischofssitz sieht sie allerdings gar nicht mal soo groß aus.
Stille herrschte, nur eine Handvoll Menschen saßen versunken auf den Bänken und vertrauten Gott ihre Probleme an.
 

Ich kann verstehen, dass sie besagte Probleme nicht dem Beichtstuhl anvertraut haben, denn der ist durchsichtig. Die eine Hälfte ist noch so eine uralte hölzerne Kabine, die andere dagegen ein moderner Raum mit Glastür und Deckenbeleuchtung. Die Kabine ließ sich offenbar von außen nicht ohne Weiteres öffnen, also muss der Priester in der Kabine und der gläserne Gläubige im Raum sitzen, oder?
Ich glaube, die katholische Kirche hat die Forderung nach mehr Transparenz gründlich missverstanden.


Wer sich mit der himmlischen sowie irdischen Datenerhebung einverstanden erklärt, kann anschließend beichten, dass er sich mithilfe von zu viel Budweiser Budvar der Todsünde der Völlerei hingegeben hat. Das Bier von Budějovice blieb anders als Pilsner Urquell auch nach der Wende in staatlicher Hand und wirbt damit sogar stolz auf seinen Flaschen.
Die Brauerei hatte nur ein Dauerproblem: Ein paar böhmische Auswanderer hatten unter demselben Namen Bier in den Vereinigten Staaten zu brauen begonnen, und zwar angeblich schon 20 Jahre vor Gründung der Aktienbrauerei in Budweis. Das Ergebnis war der wohl längste Markenrechtsstreit der Menschheitsgeschichte - von 1907 bis 2014. Damals schlugen die Tschechen vor, dass die Amis ihr Bier so nennen dürfen, wenn sie es mit Hopfen aus Budweis brauen. Die Amis willigten ein - und nutzten den Namen kackdreist weiter, ohne dass auch nur eine einzige Hopfendolde den Atlantik überquerte. Stand heute: Die Amerikaner dürfen ihre Plörre auf ihrem eigenen Kontinent als Budweiser verkaufen, in Europa nur als Bud.
Natürlich gibt es in Budějovice ein riesiges Brauereimuseum außerhalb des Zentrums, aber so eine Tour hatte ich schon mal in Pilsen gemacht. Mehr interessiert hätte mich das Pferdeeisenbahnmuseum über die älteste Eisenbahn auf dem europäischen Kontinent, die 1836 mit mehreren Pferdestärken die Reise nach Linz antrat. Aber alles in Stadt folgt wieder mal dem Motto Montag Ruhetag, seufz.

Beim Rausfahren ist der Radweg sogar zweispurig. Am anderen Ufer rauschte die Autobahn, in der Mitte hüpften zwei Mädchen mit Schulranzen über die steinerne Furt auf eine künstliche Insel.

Natürlich ist die Moldau hier komplett begradigt, und natürlich folgt nach wie vor Wehr auf Wehr auf Wehr auf Wehr, denn an tschechischen Flüssen gilt die Wehrpflicht. Eins davon wurde gerade umgebaut, und bei dieser Baustelle war definitiv kein Durchkommen. Der Erdwall, an dem gebaggert wurde, erstreckte sich weit ins Feld rein und zwang mich mehrere Kilometer zurück und ans andere Flussufer - hier haben sogar beide Ufer einen Radweg?!

Auch wenn die klassische Paddelstrecke in Boršov endet, paddeln kann man immer noch. Ich habe gehört, dass man rund um České Budějovice das Boot öfter umtragen muss, deshalb hat unser Paddelpastor von der Strecke immer Abstand genommen. Aber vom Radweg aus habe ich nach wie vor öfter mal Floßgassen gesehen.
Und nicht nur das: Bei einem Wehr wurde ein komplett neuer Moldauarm zum Rafting angelegt, der eine Wassersport-Insel umschließt. Da schießt das Wasser eine Surferwelle runter. Ein Surfer versuchte darin tapfer die Stellung zu halten, während ihm sein Kumpel zusah, in der einen Hand ein Kinderwagen, in der anderen die Handykamera.

Danach rauscht das Surferwasser durch einen wilden Parcours. Menschen in winzigen Böötchen navigierten durch die Stromschnellen. Und mit winzig meine ich die Art von Boot, in dem mit Ach und Krach die Beine Platz finden und die oben komplett geschlossen sind bis auf ein Loch für den Oberkörper. Mit solchen Nusschalen spielten die Wassermassen herum, wie sie Lust hatten, und kippten sie auch mal komplett um, sodass vom Paddler nichts mehr zu sehen war. Aber wie ein Stehaufmännchen tauchte er wieder auf und versuchte, mit dem Paddel etwas ähnliches wie eine Richtung vorzugeben und zumindest in der Nähe der Slalomstangen durchzufahren.
Wären wir hier weitergefahren, wäre die Paddeltour tatsächlich noch heftiger geworden.

Kurz entfernte sich der Radweg vom Ufer und umkurvte ein paar künstliche Kiesseen, etwas, dass man in Tschechien längst nicht so oft sieht wie in Deutschland.

Im schneeweißen Schloss Hluboká sind der letzte Bär, der letzte Wolf, die letzte Wildkatze und der letzte Biber im Jagdmuseum ausgestellt, was nach einer richtig deprimierenden Ausstellung klingt, aber hey, wer die Tiere lieber lebendig mag, ist im angeschlossenen Zoo genau richtig.
Ursprünglich wollte Přemysl Ottokar II. mit dem Schloss einen weiteren Pfeiler der Macht gegen die mächtigen südböhmischen Familien einschlagen und in Richtung seiner gedeihenden Großstadt gucken. Aber er konnte nicht verhindern, dass das Schloss Jahrhunderte später zum Sitz , sie erraten es, zum Sitz der... Rosenberger wurde? Nein, der Schwarzenberger. (Ach verdammt, naja, die Chancen standen 50 zu 50.)
Wait, doesn't Hluboká mean deep in Czech? And it's perched high up on a hill? I'm getting confused!, schrieb der sprechende Legostein der Czech Repubrick. Dem ist nichts hinzuzufügen.

In Hluboká gehen die Berge wieder los, das ist aber vorerst kein Problem. Im Gegenteil, der Radweg wird jetzt noch traumhafter und gleitet direkt zwischen Wald, Felswänden, Wasser und Holzgeländer hindurch. Für Radler ist das eindeutig der schönste Abschnitt der Moldau, und dieser ganze Tag die schönste Tagesetappe. Kaum ein Boot war auf dem Fluss unterwegs, aber das war ja schon auf der klassischen Paddelmoldau der Fall gewesen, kann also sein, dass hier im Sommer auch viel los ist. Auf dem Radweg zischten immer wieder Freizeit- und Feierabendradler vorbei. 

 

Irgendwann wird es dann schon bergig, aber nicht so Quer-durchs-Land-bergig, sondern nur Am-Talrand-im-Wald-hoch-und-runter-bergig.


In diesem Wald fühlen sich Blindschleichen besonders wohl. Diese hier lag komplett träge im Kies, es schien ihr egal zu sein, dass Ameisen auf ihr herumkrochen und ob sie jemand zertrampelte. Entweder war sie sehr gutmütig oder sehr krank.

Am Ende der Bergstrecke wartet oben noch die Karlův hrádek (auf Deutsch Karlsburg oder Karlshaus genannt, wortwörtlich "Karls Bürgchen"). Nur wenige Meter vom Radweg entfernt führt eine Holzbrücke zwischen die braunen Mauern.

Kar(e)l IV., König von Böhmen und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, hat im Zuge einer großen Burgbauinitiative lauter solche Projekte begonnen oder, wie in diesem Fall, eine Baustelle seines Vaters wiederbelebt. Auch seine berühmteste Burg Karlštejn gehört zu diesen Projekten, der ähnliche Name ist also kein Zufall. Karlštejn, Karlsburg und all die anderen sollten Karl repräsentieren, Zölle eintreiben, ab und zu für Jagd- und Diplomatentreffen genutzt werden und speziell hier im Süden Stärke gegenüber den zu mächtigen Adelsfamilien zeigen.
Wer allerdings genau hinsieht, erkennt doch ein paar klitzekleine Unterschiede zum berühmten Karlštejn. Karls Bürgchen gehört noch zur Stufe 2: Steinmauern und Steinhaufen, die ziellos in der Gegend herumstehen, als sei eine Burgbaustelle vor langer Zeit abgebrochen worden, dazu eine hölzerne Bühne. Jeder einzelne Steinhaufen ist mit einem Schild versehen: Die Steine werden noch für weitere Rekonstruktionen von Wänden verwendet. NICHT VERSETZEN! Immerhin sind manche Mauern noch soweit intakt, dass einzelne Fenster und Nischen zu erkennen sind.
Warum sind hier nur ein paar kümmerliche Reste, während in Karlštejn bis heute Touristenhorden durch Saal um Saal geschleust werden? Das weiß niemand. Ab 1370 wurde die Baustelle verlassen und die Burg nie mehr erwähnt. Erst im 19. Jahrhundert entdeckten Romantiker die Ruine wieder und schauten gelegentlich vorbei, um sie zu malen, zu beschreiben oder zu erforschen - darunter ausgerechnet zwei Schwarzenberger.

Von der Burgruine schoss ich über einem Feldweg zurück auf den Radweg und runter nach Purkarec. Das Dorf liegt immer noch ein gutes Stück über der Moldau, die nur hinter den Häusern und Gärten hervorblitzt. Der Saal der Flößer erzählt vom Leben der Holzflößer auf der Moldau, aber das Museum war natürlich bereits geschlossen, falls es heute überhaupt geöffnet war.

Dahinter bin ich auf einen Waldweg abgebogen. Soo, jetzt müsste hier doch eigentlich, hoffentlich stimmt die Karte, sonst muss ich im Hochsitz pennen... ah, da, geht doch.

Bis vor Kurzem war mein Informationsstand: Wildcamping ist in Tschechien illegal, sogar mit Erlaubnis des Grundstückseigentümers. Zwar halten sich da viele nicht dran, selbst die tschechischen Pfadfinder verlangen als Initiationsritual, eine Nacht allein im Wald zu verbringen. Trotzdem war ich davon ausgegangen, an der Moldau zwischen Campingplätzen, Zimmern und vielleicht mal einem Biwak in einem sehr versteckten Waldstück wählen zu müssen. Dann las ich wenige Tage vor der Tour das Buch Iron Woman und stieß so auf die Naturlagerplätze der Šumava, woraufhin ich entschied, doch noch mal genauer zu recherchieren, ob es irgendwas Ähnliches im Rest des Landes gibt. Gibt es. Und zwar 33 dieser Hütten, verteilt über das ganze Land, davon 3 in der Nähe der Moldau (und über die erste bei Branná entdeckte ich dann auch noch den verlassenen Campingplatz). So setzte ich mir die Challenge, sie alle auszuprobieren und völlig legal wildcampend der Moldau zu folgen, womit dann auch meine Tagesetappen weitgehend feststanden.

Die 33 Übernachtungshütten folgen ähnlichen Regeln wie die Naturlagerplätze und sind alle nach demselben Muster aufgebaut, unterscheiden sich aber im Alter und der Farbe des Holzes. Sie bestehen auf den ersten Blick ganz aus Holz, erst das nächtliche Pladdern verriet mir, dass oben auch Metall drauf ist. Im Erdgeschoss setzte ich mich auf die Bank, machte Essen und verzichtete auf die Verwendung der Gegenstände, welche frühere Reisende hiergelassen hatten: Kerzen, Cracker, Küchenpapier, Salz und Tütchen mit uraltem Paprikapulver.

Eine Leiter führt ins Dachgeschoss, das dem Schlafen dient und komplett zu ist. Die Fenster lassen sich nur einen kleinen Spalt breit ankippen, und sogar der Einstieg kann mit einer Fallklappe verschlossen werden. Die ideale Lösung für alle, die sich in der Wildnis ansonsten zu sehr vor wilden Tieren fürchten. Im Prinzip handelt es sich um eine sehr simple Version der Chata, des tschechischen Wochenendhäuschens (und zwar in einem besseren Zustand als so manche "richtige" Chata).
Es mag daran liegen, dass diese Landschaft nicht so beliebt ist wie die Šumava und dass ich nun unter der Woche unterwegs war, aber auf jeden Fall hatte ich diese Hütten immer komplett für mich. Kein Spaziergänger oder Jäger kam abends auf dem abgelegenen Waldweg vorbei, geschweige denn jemand, der im Haus übernachten wollte. Ist auch besser so, mit Wildfremden in dem dunklen Dachgeschoss, wo man sich nur per Krabbeln fortbewegen kann, wäre es schon etwas komisch.


01 Juni 2025

Spree: Von Eibau nach Malschwitz

Wull'n mer de Berliner fubb'm, brauch mer ock de Spraa zustubb'm.
Mit diesen Worten trollten die Oberlausitzer die Berliner schon lange, bevor es das Wort trollen gab. Denn ihnen gehören die unbekannten Quellen von dem Fluss, der in erster Linie einfach deshalb bekannt ist, weil er rein zufällig durch Deutschlands Hauptstadt fließt.

Trotz sinkender Grundwasserspiegel müssten die Lausitzer eine ganze Menge zuzustubbn, denn alle drei Quellen sprudelten eifrig. Könnte damit zusammenhängen, dass auch der Himmel eifrig sprudelte.
Die Walddorfer Quelle ist etwas, das ich noch nie gesehen habe: Das riesige runde Natursteinbecken dient gleichzeitig als Denkmal für die Toten des Ersten Weltkriegs. Und es ist durchaus ein Denkmal mit Atmosphäre. Die runde Wand wirkt sowohl groß als auch beklemmend. Angeblich kommt das Wasser aus den sogenannten Blauen Steinen, aber für mich sah das alles grau aus.

Wir befinden uns am Hang eines Berges namens Kottmar bei Zittau, was Bastian-Pastewka-Fans zum Schmunzeln bringen dürfte.
Der Sage nach regierte in diesem paradiesischen Wald der Zwerg Gorbod neben einer stabilen Population kleiner Elfen, die auf den Wasserreichtum des Berges aufpassten. Das ökologisch-mythologische Gleichgewicht kippte, als die Elfen Gorbod mit Gesang neckten und dieser daraufhin so laut lachte, dass die Elfen vertrieben wurden. Gorbod schleuderte wütend einen Speer auf den Berg, und aus dem Loch begann die Spree herauszusprudeln.
Sie plitschert durch spitze Steine und matschige Blätter im nicht minder matschigen Farnwald am Hang des Kottmar. Hier gibt es wunderbare Wanderwege wie zum Beispiel den (und das ist jetzt kein Scherz) Popelweg.
Mit 47 Metern ist das der höchste und wahrscheinlich auch längste der drei Quellbäche. Trotzdem erhebt Walddorf keinen Anspruch darauf, die wahre Spreequelle zu haben - alle drei Dörfer haben sich längst geeinigt, dass ihre Quellen gleichrangig sind.
Wie kommt man da hin? Kein Problem, jedes Dorf hat hier seinen Bahnhof. Ich bin am Bahnhof Eibau (direkt neben Walddorf) ausgestiegen, zusammen mit einem älteren E-Bike-Paar. Sie telefonierten mit ihrer Unterkunft, ich stürzte mich gleich raus in den Regeln und strampelte die Dorfstraßen und den Waldmatsch hinauf. Später begegnete ich oben dem spreelektrischen Radlerpaar wieder. Sie hatten sich von ihrer trockenen Unterkunft unten im Dorf nochmal aufgerafft, um heute zumindest die Spreequelle zu sehen. Dann wollten sie wissen, wie weit ich noch fahren würde. Die Antwort "Mal sehen" schien sie zu schockieren, denn von dieser sächsischen Stadt hatten sie noch nie gehört. 

Die Neugersdorfer Spreequelle ist ein abgesenkter quadratischer Brunnen aus heimischem Granit. Aber der Boden sieht nicht sehr bodenständig aus, sondern eher wie die Küchen-Arbeitsplatte in einer modernen Villa, die aber von so schlechter Qualität ist, dass sie von einem Häuflein Natursteine total eingedrückt wurde. Und unter diesem Häuflein plitschert es so eifrig raus, dass das hier die wasserreichste Quelle darstellt.
Ursprünglich lag die Quelle auf der Pfarrwiese, wo heute eine Straße ist. Mit dem Straßenbau und dem Bau des Freibads wurde sie ständig verrohrt und verlegt. Das Freibad beginnt gleich hinter der Quelle und hat als Markenzeichen eine kurze Spreegeistrutsche, bei der die Kinder direkt aus einem furchterregenden Monstermaul rutschen (ganz hinten rechts). Auf welcher Sage dieses gefräßige Gespenst nun wieder beruht, wird nicht erklärt, aber mir scheint er sehr von den Geschichten aus dem benachbarten Tschechien beeinflusst zu sein (Stichwort Jožin z Bažin a.k.a. Emil Schlemil).

Nur ein kurzes Stückchen weiter versteckt sich in einem Park auch schon die Ebersbacher Spreequelle (eigentlich liegt sie auch eher in Neugersdorf). Auch sie ist ein abgesenktes Quadrat, diesmal ist der Boden aber komplett mit Wasser bedeckt - und das, obwohl ein metallener Pavillon den Regen abhält.
Auch diese Quelle kann einen Rekord aufweisen, sie ist nämlich die älteste. Ursprünglich stand hier ein Holzhäuschen mit Zwiebelturm, für dessen Bau Friedrich II. großzügige 50 Taler spendete. Das war nicht nur Deko, sondern damals noch kritische Infrastruktur - hier holten die Bewohner ihr Trinkwasser, bis die Industrialisierung Wasserleitungen brachte. Das Holzhaus verfiel, und diesmal wollten die Regierenden keinen Neubau finanzieren. Das einfache Volk musste selber Spenden sammeln, um das heutige Dach zu bauen. Zwischen all den Metallschnörkeln sind die Wappen der damaligen Provinzen eingebaut, durch die die Spree fließt.

Diese ganzen Dörfer bilden mehr oder weniger eine zusammenhängende Kette. Dieser Bereich der Oberlausitz ist überraschend dicht besiedelt, weil er früh eine Bahnlinie bekam und mit Textilhandel reich wurde. Die Bahn wickelt sich in vielen Bögen um die Hügel, der Spreeradweg führt oben drüber. Aber sobald ich erst mal oben auf dem Kottmar drauf war, konnte ich die anderen Steigungen meist durch Abkürzungen umgehen.
Vorher aber wollte ich nochmal den Blick genießen, denn trotz des Wetters konnte ich überraschend weit sehen. Dass sich das Land in der Ferne halb im Regen versteckt, schadet der Aussicht nicht, im Gegenteil.
Das besagte Land in der Ferne (hinten links) heißt übrigens Tschechien. Und das hat enorme Auswirkungen auf die Architektur.

Als ich im Reiseführer nachsah, was die Dörfer so für Sehenswürdigkeiten haben, gab es eine Konstante: Umgebindehäuser. Als ich nachsah, womit sich die kleinen Heimatmuseen so beschäftigen: Umgebindehäuser. An sich kenne ich diese Verschmelzung deutscher und tschechischer Bauweise ja schon von der Kirnitzsch, aber an der Spree habe ich gelernt, dass Umgebindehäuser noch viel schöner und farbenfroher sein können. Die Bögen und Bohlen unten haben so ziemlich alle Farbtöne, die man sich vorstellen kann, und sogar der Schiefer oben lässt sich mit Blumenkästen und Mustern aus weißen Platten auflockern. Einfach schön!

Umgebindehäuser, Umgebindehäuser, Umgebindehäuser, natürlich auch direkt an der Spree. Wahrscheinlich hätte ich lieber in diesem Post erklären sollen, was ein Umgebindehaus eigentlich ist, aber jetzt habe ich es schon bei der Kirnitzsch-Radtour beschrieben, tja, dann müssen Sie es halt dort nachlesen.

Auch politisch befremdliche Umgebindehäuser mit kaiserlicher Sonnenuhr oder FDJ- und DDR-Flagge ("Deutscher durch Geburt, Ossi durch die Gnade Gottes") gehören zum Ensemble.

Und sogar die Holzbögen der Rasthütten sind an diese Bauweise angelehnt.
Ansonsten lagen in dieser Hütte eine Malmappe für die kleinen Gäste, ein Überblick über die Standorte der Robotron-Firmengruppe und ein Bank- und Versicherungslexikon. Wahnsinn, woher wusstet ihr, dass ich ausgerechnet das während der Pause lesen wollte? Da lasse ich Wind and Truth doch gleich links liegen. Nicht.

Immer öfter konnte ich direkt an der Spree fahren, diese Abschnitte hatten viel von einem Park mit ihrem kurzgemähten Rasen und den steinernen Bogenbrücken. Nur einmal gabelte sich die Spree und hatte ein paar zahme Stromschnellen, oder sollen das Fischtreppen sein?

Daran änderte sich auch wenig, wenn der Radweg mehr Abstand zur Spree hielt, zum Beispiel hier. Das ist einer der zwei kurzen Abschnitte, wo die Spree zur deutsch-tschechischen Grenze wird. Richtig rüber nach Tschechien geht sie sich allerdings nicht, und ich ebensowenig.

Denn am Stausee Sohland knickt die Spree nach etwa 33 Kilometern auch schon in Richtung Norden ab. Wobei, was heißt hier "schon"? Für das Stückchen habe ich trotz der Abkürzungen ewig gebraucht!
Trotz Fontäne und Ausflugsgaststätte war der See gerade nicht so richtig einladend, also versuchte ich lieber, etwas Tempo zu machen. Auf mich wartete eine Stadt, die ich heute eigentlich schon noch gern erreichen wollte.

Bei so einem Weg bin ich auch gleich viel motivierter!
Es tauchten allerdings nicht nur Felswände auch, sondern auch vergessene Landmaschinenfabriken und andere Lost Places. An einem Gebäude schimpfte ein Zettel: Hey Du stinkendfauler Schmutzfink! An der Kreuzung oben sind 2 Papierkörbe! Nur 50 Meter. Leider war er nicht laminiert und damit ungültig, dennoch lag kein Müller mehr drumherum.

Und dann habe ich es tatsächlich bis Bautzen geschafft (und, Spoileralarm, sogar noch weiter). Das ist eine außergewöhnlich schöne Stadt, in der noch im Jahr 1400 mehr Menschen als in Dresden gewohnt haben. Die Straßen im Zentrum haben seit 1648 denselben Grundriss. Man nennt sie auch Stadt der Türme, weil... Türme. 5 bis 10 Prozent der Einwohner sind Sorben, haben hier ein eigenes Theater, eine eigene Zeitung haben und nennen die Stadt Budyšin.
Wahrscheinlich hat hier unten die Via Regia, Europas wichtigste Ost-West-Handelsroute, die Spree überquert, und gleichzeitig der Böhmische Steig, eine wichtige Strecke nach Prag.
Die turmige Altstadt hat zwei verschiedene Seiten. Als ich von der Spree hinaufschaute, während sich die Türme der Ortenburg, Michaeliskirche und die Stadtmauer über mir auftürmten, da sah alles noch wahnsinnig wehrhaft aus, als wäre die ganze Stadt eine Burg.

Als ich dann aber mein Rad den langen Weg die Mauer rauf geschoben und getragen hatte und in die breiten Straßen einbog, da war plötzlich alles... gelb. Gelb, gelb, gelb. Die bunten Umgebindehäuser suchte ich hier vergebens. Ich weiß ja, dass diese Stadt für ihren Senf bekannt ist (der sogar ein eigenes Senfrestaurant hat), aber ich hätte nicht gedacht, dass die einen solchen Produktionsüberschuss haben, dass sie alle Häuser mit ihrem Senf anstreichen konnten!
Aber eben diese Senffarbe macht die Altstadt ganz besonders. Wie viele Städte habe ich schon gesehen, die im grauen Regenwetter ihren Glanz verloren haben. Bautzen strahlt auch dann noch!
Der Dom (ganz hinten) ist die einzige Simultankirche in Ostdeutschland. Das heißt, der Innenraum ist seit der Reformation geteilt in einen protestantischen und einen katholischen Sitzbereich (zum Glück ohne Mauer und Selbstschussanlagen). Das hätte ich gern gesehen, war aber leider schon geschlossen. Jeden Freitag um 18 Uhr findet ein ökumenisches Friedensgebet statt.

Schließlich schlüpfte ich durch die Nicolaipforte, das einzige originale Stadttor, wieder auf der wehrhaften Seite der Stadt raus. Der Stein über dem Torbogen stellt einen Kopf dar - aber wessen? Angeblich soll es der Stadtschreiber Peter Preischwitz sein, der versuchte, Bautzen an die Hussiten zu verraten. Die waren wegen ihrer Angriffe in dieser Gegend eher nicht so beliebt. Als wahrscheinlicher gilt, dass der Kopf einfach nur dem Heiligen Nikolaus gehört (laangweilig).

Hinter der Stadt und der Autobahnbrücke erwartete mich ein weiter Blick über die Talsperre Bautzen, einen deutlich größeren Stausee mit deutlich größerem Strand. Es badete überraschenderweise niemand, aber mehrere Hausboote tuckerten herum.

Ebenso künstlich, aber viel kleiner sind die Gewässer in der Niederguriger Teichlandschaft. Links und rechts zogen die Teiche vorbei, manche gut gefüllt mit Wasser, andere nur eine graue Schlammfläche. Aber alle waren sie gut gefüllt mit Wasservögeln, die entweder schwammen oder im Schlamm pickten.

Inzwischen begann es doch zu dämmern, und ich fragte mich, ob mein Übernachtungsort namens "Mal sehen" nicht langsam mal kommen müsste. Und tatsächlich, da war er, und er hieß Malschwitz. Nachdem ich mir auf der letzten Tour so viele Hotels gegönnt hatte, wollte ich es diesmal wieder etwas sparsamer angehen. Kann ich noch in der Wildnis pennen oder bin ich schon zu verwöhnt dafür? Nope, ich kann es noch, aber bei dem Wetter nehme ich doch zumindest die Rasthütte am Ende der Teichlandschaft. Dort kam ich auch ohne die hingekritzelten Motivationssprüche wie Auch wenn es nicht so schnell leichter wird, so wirst du zumindest stärker wunderbar zurecht.

Eine Frage, die ich auf dieser Reise beantworten wollte, war: Wo genau ist denn jetzt die Lausitz und wo leben die Sorben, Wenden und so weiter? Ich weiß, dass das die einzige Ureinwohner-ähnliche anerkannte Minderheit in Deutschland ist, aber bei den Begriffen sah ich nicht ganz durch.
Antwort: Ist eigentlich fast alles das Gleiche.

  • Ług: slawisch für Grassumpf
  • Lusitzer: slawischer Stamm, der während der Völkerwanderung im 6. Jahrhundert in die unwirtliche Spreelandschaft zog
  • Sorben: so nannten sich die Lusitzer, nachdem sie sich dort angesiedelt hatten
  • Wenden: so nannten die (West)Deutschen dieselben Menschen
  • Lausitz: erst viel später wurde das ganze Gebiet der Sorben so genannt, heute liegt es halb in Deutschland, halb in Polen, in der Mitte die Neiße
    • Oberlausitz: Südliche Hälfte der Lausitz, bergig mit Heide, heute ungefähr der sächsische Teil
    • Unterlausitz: Nördliche Hälfte der Lausitz, moorig mit viel Wald, heute ungefähr der brandenburgische Teil
Und die Lausitz ist noch lange nicht vorbei! Morgen sehe ich, wie sie im trockenen Zustand aussieht.