13 April 2017

Von Kehl nach Plittersdorf

Am nächsten Tag folgten wir zunächst dem Nebenfluss Kinzig. In Auenheim (rechts das mäßig idyllische Stadttor aus Schotterwürfeln) haben wir ein Paket mit verbrauchter Schmutzwäsche per Post heimwärts geschickt. Dann fuhren wir weiter bis zur Mündung der Kinzig in den Rhein.

Der kiesbestreute Weg auf dem Deich geht immer weiter - auch wenn Verbotsschilder an Kieswerken, Wegweiser oder Karten, auf denen Teile dieses Weges nur als Alternativroute oder überhaupt nicht eingezeichnet sind, das Gegenteil behaupten.

Der Weg direkt am Rhein hört einfach nicht auf. Irgendwie beruhigend.

Doch die Karten führten uns heute mehrmals auf sehr stark befahrene Straßen, meist in der Nähe großer Brücken. Sehr ärgerlich. Die gestrigen Wege durch Straßburg waren viel angenehmer - in einer Großstadt gibt es also bessere Radwege als in ländlichen Gebieten. Kurios.

An dieser Brücke bei Gambsheim wird immerhin ein neuer Radweg gebaut.

Auf einer Insel in der Brückenmitte gibt es eine Fischtreppe (auf französisch Passe de Poisson). So können die Fische sicher am Stauwehr vorbeischwimmen - besonders all die Lachse, die im Rhein unterwegs sind.

Als uns nach einer Flussbiegung scharfer Gegenwind entgegenblies, haben wir doch mal den Kiesweg verlassen. Wir versteckten uns hinter dem schützenden Deich und wichen durch ein paar Dörfer aus.

Auf einer Radtour erlernt man durchaus wertvolle Fertigkeiten, zum Beispiel im Freien zu pinkeln oder sein Rad bei einer Pause so hinzustellen, das es trotz schwerer Bepackung nicht umkippt. (Merke: Die schwerere Fahrradtasche immer auf die ständerabgewandte Seite, Lenker so weit wie möglich zur Seite drehen.)
In Helmlingen gibt es blühende Bäume, hölzerne Scheunen und ein Boot an der Stelle, wo sich einst das Ritterloch befand. Der Sage nach versteckten sich die Dorfbewohner im Dreißigjährigen Krieg auf den Inseln im Rhein monatelang vor plündernden Truppen - denn die Söldner kannten sich in der Gegend ja nicht so gut aus. An der Stelle, wo heute ein Kiesbeet liegt, wollte ein Reitertrupp eine Insel überfallen, versank jedoch im Wasser. (Damals war der Rhein ja noch viel breiter und wilder, nicht so eng und brav kanalisiert und zivilisiert.)

Als nächstes übernachten wir im stillen Plittersdorf. Dort gibt es ein empfehlenswertes Restaurant namens Adler, in dem wir uns den Bauch mit Schnitzel und Spätzle vollschlugen. Im Raum nebenan hörten wir einen Männerchor Veronica, der Lenz ist da proben. Da war die Familienmutter natürlich hingerissen, während der Vierzehnjährige kritisierte, dem Chor fehle "der Beat und der Rap".

12 April 2017

Von Rust nach Kehl

Unsere Bikeline-Karten sind in dieser Gegend nicht ganz aktuell. Die wollten uns auf eine Bundesstraße führen, aber inzwischen gibt es neue, gute Radwege - erst neben der Straße, dann durch Felder. Zum Glück haben wir das von unserem Gastgebern und den Schildern erfahren.

Eine wenig vertrauenerweckende Holzbrücke führt über den kleinen Fluss Elz und zurück zum Rhein. Daneben lag ein ebensowenig vertrauenerweckendes Boot, mit dem wir keine Paddeltour unternommen haben. Diese flachen Holzkähne gibt es in dieser Region sehr häufig.

Unser mit vier Jahren jüngster Mitreisender sitzt hinten im Anhänger. Gelegentlich möchte er aber auch mal auf seinem Kinderrad fahren. Deswegen lassen wir ihn auf ruhigen, harmlosen Strecken raus. Dann dauert es meist etwas länger, denn er genießt die Reise besonders intensiv und gibt Kommentare wie "Mama, ich hab gerade eine Ameise getroffen!" oder "Ich muss mal kurz die Pusteblume da auspusten." von sich. Außerdem wirkt er traurig, wenn die anderen deutlich schneller an ihm vorbeizischen.
Am Flussufer steht ein Myriadenstein, der die Entfernung nach Rotterdam und zum Bodensee in Myriaden (10-Kilometer-Einheiten) angibt. Die Dinger wurden bei der ersten Rheinvermessung im 19. Jahrhundert aufgestellt. Heute sind nur wenige erhalten.

Der Fluss wird wieder etwas weniger geradlinig und hat ein paar kleine Inselchen. Diese Landschaften nennen sich Schollen. Der Rhein passiert unter anderem die Thomasschollen oder das Reserve Naturelle de l'Ile-du-Rohrschollen. Auf der deutschen Seite liegt ein Städtchen namens Altenheim. Von all dem haben wir allerdings nicht viel gesehen.
Weil ein Kieswerk den Radweg am deutschen Ufer blockierte, sind wir nämlich auf die französische Seite gewechselt. Dazu mussten wir über diverse nervige Wehre, Straßen und Kreisverkehre...

...bis zu einer Ortschaft namens Krafft.

Aber wir wurden belohnt - mit einem schnurgeraden Radweg am Rhone-Rhein-Kanal. Er führt durch eine Art Park mit Alleen, Mini-Schleusen und einer idyllischen Wiese für die Mittagspause am Campingkocher.

Links und rechts tauchen langsam Gebäude auf. Und so gelangt man nach 40 Kilometern rasend schnell ins Zentrum von Strasbourg, Seite an Seite mit blitzschnellen  Sportpaddlern, langsamen Schiffen voller Kies, vielen Bäumen und einer Schnellstraße.

Viele der folgenden Bilder sind etwas älter und stammen von einem früheren Besuch.
Strasbourg (eingedeutscht Straßburg) ist sehr alt und sehr fahrradfreundlich.
Durch die Stadt fließt die Ill, ein verrückter Fluss, der sich in weiten Bögen durch das Elsass schlängelt und erst ein ganzes Stück weiter nördlich in den Rhein mündet. So ähnlich muss der Rhein früher auch gewesen sein, bevor er begradigt wurde.

Es gibt sehr viele Radwege, oft sind sogar zwei Fahrspuren in beide Richtungen farblich gekennzeichnet. Manchmal verläuft der Weg in der Mitte der Straße - man kommt sich fast vor wie der wichtigste Verkehrsteilnehmer.

Auf meiner ersten Fahrt durch Strasbourg lernte ich folgenden Witz: Das Elsass ist wie eine Toilette - immer besetzt. Das hat natürlich einen ernsten Hintergrund, denn das Elsass alias Alsace hat zusammen mit Lothringen superoft die Noationalität gewechselt. Der Rhein ist zwar eine naheliegende natürliche Grenze, aber die Vogesen weiter im Westen eben auch.
Die Staaten Deutschland und Frankreich sind ja beide aus dem Frankenreich von Karl dem Großen entstanden. Als Karls Nachkommen das Reich aufteilten, war die Einigung eigentlich, dass Elsass-Lothringen zum Ostfränkischen Reich, dem späteren Deutschland kommt. Das eigentliche Elend ging dann mehr oder weniger 1552 mit dem Vertrag von Chambord los. Damals erhob sich in Deutschland ein Haufen protestantischer Fürsten gegen den katholischen Kaiser. Obwohl der französische König da so rein religionsmäßig eigentlich null auf Seite der Aufständischen war, wollten die Fürsten ihn auf ihre Seite ziehen, indem sie ihm die wichtigsten Städte im Elsass versprachen - was eigentlich nur der Kaiser gedurft hätte. Als der Fürstenaufstand mit einem Kompromiss endete, hatte der deutsche Kaiser darum so gar keine Lust, einen Vertrag zu erfüllen, den er nie unterschrieben hatte. Aber Frankreich bestand darauf und eroberte nach und nach, was ihm laut Vertrag zustand. Von da an waren beide Nationen überzeugt, das Land gehöre zu ihnen, und die Bewohner wollten bestimmt auch alle zurück in ihr wahres Heimatland - was natürlich nicht hieß, dass sie darüber abstimmen durften oder so. ("Kein Plebiszit! Man wählt seine Mutter nicht!" war zum Beispiel eine französische Losung.) Doch in Wahrheit ist das Zugehörigkeitsgefühl zu einem Land überhaupt nichts Ewiges, sondern kann sich in wenigen Generationen stark verschieben. Und so sah die bittere Realität eher so aus: Immer, wenn sich die Elsässer gerade eingewöhnt und sich halbwegs als Teil des aktuellen Staates fühlten, kam die nächste blutige Rückeroberung - und die neuen Machthaber stellten ernüchtert fest, wie sehr sich ihre angeblichen Landsleute von ihrer angeblichen Heimat entfernt hatten.
Und was die Sprache angeht: Heute wird zum Teil ein Mischmasch aus Französisch und Deutsch gesprochen, den weder Deutsche noch Franzosen verstehen.
An diese Geschichte erinnert die Statue der Mutter Elsass, die ihre Kinder Deutschland und Frankreich im Arm hat und vermutlich sagt: "Kinners, streitet euch nicht!"

Aus der deutschen Besatzung im Bismarck-Kaiserreich stammt das wilhelminische Stadtviertel voller deutscher Architektur, und zwar besser erhalten als in Berlin. Sogar ein Nachbau des deutschen Reichstages ist dabei. In Reiseführern wird das Viertel aber oft verschwiegen, weil es ein wenig am Nationalstolz der Franzosen kratzt.

Im Rheinpalast werden Angelegenheiten zur Schifffahrt geregelt.

Deutlich bekannter ist dieses hippe, bei jungen Leuten beliebte Hafenviertel...

...und natürlich die mittelalterliche Fachwerk-Altstadt. Dort gibt es zum Beispiel den Verbrannten Platz, der durch einen Brand überhaupt erst entstanden ist. In der Mitte liegt eine riesige Nachbildung einer Kartoffel aus Blech - moderne Kunst. Hier war nämlich früher mal der Kartoffelmarkt.

Die ältesten Häuser Straßburgs sind sehr dunkle, knorrige Gebilde aus Holz, vorn im Bild ist das älteste zu sehen.
Und mitten in der Altstadt auf der Ill-Insel steht das gotische Münster, das aus irgendeinem Grund nur einen Turm hat - dadurch sieht es ziemlich asymmetrisch aus. Der Südturm wurde geplant, aber nie umgesetzt. Dafür war der Nordturm aber auch über 200 Jahre lang das höchste Bauwerk der Menschheit.

Als Frankreich das Elsass übernahm, gab es hier viel mehr Protestanten als im restlichen Frankreich (wenn auch immer noch in der Minderheit). Genug jedenfalls, dass Frankreich sich gezwungen sah, sie - anders als im restlichen Land - relativ ungestört Protestanten sein zu lassen. Aber das Münster mussten sie schon an die Katholiken abgeben.
In der französischen Revolution sollte das Münster abgerissen werden, weil es ein Symbol der abgehobenen Kleriker war. Die Strasbourger wollten ihre Kirche aber behalten und lösten das Problem diplomatisch, indem sie dem Turm eine riesige Revolutionsmütze aus Blech aufsetzten.
Als das Deutsche Kaiserreich wieder übernahm, waren die Protestanten tendenziell eher prodeutsch und Katholiken profranzösisch eingestellt. Das änderte sich, als Frankreich auf einmal beschloss, Kirche und Staat streng zu trennen - und die katholische Kirche überrascht feststellen musste, dass ihr das deutsche Recht nun viel mehr Vorteile bot, vom Eintreiben der Kirchensteuer bis zu Religionsunterricht in Schulen. Und zwar bis heute. Denn eine der rechtlichen Besonderheiten, die aus der deutschen Besatzung geblieben sind, ist, dass die Kirchen nur in diesem Teil Frankreichs einen ähnlichen Status haben wie in Deutschland. Außerdem gibt es extra Feiertage, und sogar der Mindestlohn ist wegen Bismarcks Sozialversicherungsgesetzen um ein paar Cent anders.
Rund um das Portal sind extrem viele biblische Figuren und Heilige versteckt. Man könnte Tage verbringen, all die winzigen steinernen Darstellungen zu identifizieren. Der Sandstein kommt aus den Vogesen.

Von innen ist die Kirche sehr beeindruckend! Es gibt ja Kirchen, die über und über mit lauter Ornamenten beladen sind, und eher schmucklose Kirchen, die durch ihre schlichte Größe und Erhabenheit beeindrucken. (Mit anderen Worten: katholische und evangelische Kirchen... zumindest ist das oft so.) Das Straßburger Münster ist von innen irgendwie beides gleichzeitig (und von außen der überladen verzierte Typ).
Zwar ist es drinnen eher dunkel, aber wenn die Sonne durch das große Rosettenfenster scheint, sieht das auch ganz toll aus. Hier drin stand der erste urkundlich belegte Weihnachtsbaum.

Da können die anderen Gotteshäuser leider nicht mithalten. Weder die Synagoge...

...noch diese orthodoxe Kirche aus Beton.

In diesem Park namens Orangerie werden Störche gezüchtet, die Wappentiere von Straßburg.

Die hiesigen Franzosen sind sehr nett, fragten sofort, ob wir Hilfe brauchten, als wir einmal kurz anhielten und auf die Karte schauten, und wenn einem im Eiscafe partout nicht einfällt, was "ohne Sahne" heißt, und man verzweifelt fragt: "Sprechen Sie deutsch?" - so antworten sie gnädig: "Ein bisschen." Da haben wir in Südfrankreich ganz andere Erfahrungen gemacht. Die Tatsache, dass die Elsässer die Deutschen gleich nebenan haben und häufig in Kontakt sind, wiegt ganz offensichtlich schwerer als die Geschichte der Region.
In Straßburger Restaurants gibt es Berge von Flammkuchen und Krüge voller Cola.

Verschiedene Medien haben ihren Sitz in Straßburg, auch Arte wurde hier gegründet.

Und nicht zuletzt hat Strasbourg ein Europaviertel, in dem drei Institutionen der EU platziert wurden. Da sich Straßburg quasi halb zwischen zwei Nationen befindet, passt das ja ganz gut. Erstens wäre da der Europarat, der aber nur so halb zur EU gehört. Dort sitzen Außenminister, Botschafter und Vertreter der Parlamente der Staaten.

Zweitens der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte. Die Gebäude enthalten alle irgendwelche abgefahrenen architektonischen Metaphern. Der Gerichtshof hat zum Beispiel schräge Dächer, die Waagschalen darstellen sollen (also Rechtsprechung) und einen Wachtturm auf dem Dach (der symbolisiert, nein, nicht die Zeugen Jehovas, sondern, dass der Gerichtshof über die Menschenrechte wacht).

Drittens wäre da noch das Europaparlament, dessen Dach aussieht, als habe man es nicht zu Ende gebaut - denn auch Europa ist noch lange nicht fertig.
In Straßburg treffen sich alle Abgeordneten. Die Treffen der einzelnen Fraktionen dagegen finden in Brüssel statt. Das bedeutet jede Menge Fliegerei.

Falls man von einem der Abgeordneten eingeladen wird, kann man eine Führung durch das Parlament erhalten. Am Eingang lässt man eine Flughafenkontrolle über sich ergehen und gelangt in den Innenhof des Towers. Dort kann man einen Blick in die Bürofenster der Abgeordneten werfen.
Und noch eine Metapher, falls das irgendwer nicht erkannt haben sollte: Die schwarze Perle in der Mitte sind die Menschenrechte, die es zu schützen gilt. Auf sie fällt ein schwarzer Schatten, der in den Bodenfliesen dargestellt wurde und vom Straßburger Münster stammen soll, weil das Christentum die Menschenrechte beeinflusst (aber auch oft gebrochen) hat.

Nachdem man seine Jacken abgegeben hat, wird man vom Tower in den anderen Teil des Gebäudes geführt - dort befindet sich das Plenum.
Auch diese Pflanzen und der "Fluss" aus Schieferplatten symbolisieren irgendwas. Dass Europa ein Fluss ist, aus dem lange Kletterpflanzen wachsen, oder so.

In einem Nebenraum erhält man einen Einführungsvortrag, dann durchquert man den Pressebereich voller Kameras und kommt an einer Reihe von Schildern vorbei, die einem das Lärmen, Applaudieren und Fotografieren verbieten. Das Fotoverbot wurde aber oft übertreten (wie die zwei folgenden Beweisstücke zeigen).
Unterhalb der Zuschauertribüne kann man die Fenster erkennen, hinter denen die Simultanübersetzer sitzen und dafür sorgen, dass man sich durch die Kopfhörer in jeder beliebigen Sprache anhören kann, was der Redner da unten gerade redet.

Die Abgeordneten reden ein bis zwei Minuten und überziehen ihre Zeit meistens ein bisschen. Die Reihenfolge ist entsprechend der verbrauchten Redezeit der Abgeordneten genau festgelegt. Dadurch können sie leider nicht so gut interagieren.
Und so kann man zum Beispiel einer spannenden Debatte um den EU-Haushalt lauschen, die zusammengefasst etwa so aussieht:
Die Linken finden, der neue EU-Haushalt greift zu kurz, die Maßnahmen seien nicht langfristig genug, es gibt in Europa immer Probleme mit Jugendarbeitslosigkeit und Migration und entsprechend muss die EU auch mehr Geld in die Hand nehmen.
Die Mittleren finden, der Haushalt ist so okay und völlig in Ordnung.
Die Rechten finden, der Haushalt ist zu groß und aufgeblasen, dabei seien viele Maßnahmen unnötig oder widersprüchlich, Landwirte bräuchten gar keine Subvention, außerdem ist das ganze Geld Steuergeld, für das die Menschen hart arbeiten mussten und das man jetzt nicht einfach so verbraten darf, und überhaupt wird Europa, wenn es so weitergeht, sterben und durch islamische Staaten ersetzt werden, es lebe Frankreich!

 Durch ein mäßig idyllisches Rheinhafenviertel voller Kanäle...

...gelangten wir schließlich zum Garten der zwei Ufer, in dem deutsche und französische Kinder zusammen spielen. Die weiße Brücke der Freundschaft schwingt sich über den Rhein nach Deutschland. In der Mitte kann man auf Bänken rasten - genau auf der hart umkämpften Grenze, die einst so krass gesichert war, dass Deutschland in gleich zwei Weltkriegen lieber den Umweg über Belgien nahm. Diese Linie bildet nun das Herz der Europäischen Union und steht Menschen beider Seiten offen, und das ist eigentlich die beste Lösung für solch eine Konfliktlinie.

Bei all der friedlichen Idylle vergisst man fast all die Plakate zur anstehenden französischen Wahl, auf denen für den Frexit geworben wird. Selbst wenn eine Konfliktlinie noch so friedlich geworden ist - Rückfälle sind möglich, das hat Irland bewiesen.

Am anderen Ufer liegt Kehl, eine deutsche Stadt aus kleinen weißen Villen und großen rechteckigen Hotels. In einem davon haben wir übernachtet. Weist man einen Kehler darauf hin, dass Kehl im Vergleich zu Straßburg ja nun nicht soo bedeutend ist, erklärt er, dass a) der Hafen von Kehl früher ganz bedeutend war und Zölle bei allen vorbeikommenden Handelsschiffen kassiert hat und b) jetzt die erste internationale Straßenbahn von Kehl nach Straßburg über eine Rheinbrücke gebaut wird. Immerhin etwas.

Eingelullt in den lieblichen Lärm einer Baustelle verbrachten wir eine Nacht im Europahotel.
Im grenznahen Kehler Lidl kaufen nur Franzosen ein, entsprechend wird auch nur auf Französisch durchgesagt, wenn eine neue Kasse öffnet.

11 April 2017

Von Grißheim nach Rust

Heute hatten wir eine weite Strecke von 64 Kilometern vor uns - unser neuer Rekord. Das heißt natürlich nicht, dass zwischendurch keine Zeit für einen kleinen Umweg ist. Schon nach wenigen Kilometern führte uns eine Brücke vom rechten Weg (im Bild rechts) auf eine Brücke mit Bauampel - direkt nach Frankreich.

Der Weg auf die andere Seite ist überraschend lang und anstrengend. Nach der Bauampel-Brücke über den Rhein mussten wir eine Steigung hoch, über eine riesige Schleuse auf der ersten Hälfte des Alsace-Kanals (der hat sich auch noch in zwei Hälften geteilt), eine Steigung runter und vorbei an einem Wasserkraftwerk auf der anderen Kanalhälfte...

...und dann standen wir in Fessenheim. Dort erkannten wir durch die Bäume eines der marodesten Atomkraftwerke Frankreichs, bei dem ein Zulieferbetrieb schlechtes Material für die Turbinen geliefert hat. Der olle Schrottmeiler sollte eigentlich demnächst abgeschaltet werden, aber man hat sich nun dagegen entschieden, weil man dann wohl auch noch viele weitere, ähnlich kaputte französische Atomkraftwerke abschalten müsste, na, und wo käme man denn da hin?
Einwohner auf der deutschen Seite, besonders in der nahen Metropole Freiburg, betrachten das Kraftwerk mit großer Sorge. Wer weiß - womöglich ist die friedlich Landschaft, durch die wir geradelt sind, eines Tages eine Todeszone.

Direkt daneben liegt ein Wasserkraftwerk und ein dazugehöriges Museum: Das Haus der Energien (Maison des Energies). Es wirbt damit, gratis, interaktiv und familienfreundlich zu sein - hat aber im April noch Winterpause und ist generell meistens geschlossen.

Also zurück nach Deutschland und weiter auf dem Rheinradweg am Ufer. Wir sausten über den Kies und wirbelten eine Menge Staub auf. Kleine Steinchen klackerten zwischen den Speichen.
Der Rhein bietet eine reichhaltige Fauna: Schwäne, kleine graue Fische, eklige winzige Insekten, die manchmal bei voller Fahrt gegen das Gesicht klatschen - und Ringelnattern. Einer bin ich gerade noch rechtzeitig ausgewichen, bevor ich sie plattgefahren habe. Ein kleiner Schreckmoment - sowohl für mich als auch für die Schlange.

Einige Männer bespritzen die Natur mit Wasserschläuchen und gießen die Pflanzen - oder was auch immer sie damit bezwecken.

EuroVelo-Radweg Nummer 15 - da müssen wir lang!

Hinter einem Stauwehr beginnt eine deutsch-französische Doppelstadt. Der französische Teil heißt Neuf-Brisach (hinten), der deutsche Breisach.

Breisach gehört zu den Städten, die auf unseren Karten violett unterstrichen sind. Das bedeutet sehenswertes Ortsbild. Warum Breisach in diese Kategorie fällt, sieht man auf den ersten Blick. Hoch über der Stadt ragen eine Festungsmauer und das Münster auf.

Am Hafen fand gerade eine Notfallübung auf einem Ausflugsschiff statt.

Der Stadtkern von Breisach ist im Prinzip schön, es gibt nur zu viele Autos, sodass man ständig Abgase schnuppert.
Wir wollten in der Stadt schön Mittag essen gehen. Die Küche von Baden-Würtemberg hat schließlich so großartige menschliche Errungenschaften wie Flammkuchen oder Spätzle hervorgebracht.
Das Restaurant Badische Küche können wir aber nicht empfehlen. In der Zeit, die wir auf unser Essen warten mussten, hätten wir auch bis an die Rheinmündung in den Niederlanden fahren und dort den größten Computer des Universums bauen können, der in einem 7,5 Milliarden langen Programm die Antwort auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest berechnet.
Wir haben natürlich nichts von alldem gemacht. Nein, wir haben es nicht einmal geschafft, in der Zeit zur Apotheke zu gehen. Wir haben einfach nur herumgesessen, nervös auf die Uhr geschaut (in dem Wissen, dass wir noch 40 Kilometer zu fahren haben) und in Endlosschleife gedacht: Na, jetzt muss es aber gleich kommen...
(Achtung: Wir haben davon kein Bild gemacht, auf diesem Foto sind am Rand zwei andere Restaurants zu sehen. Wie die sind, weiß ich nicht.)

Ich bin trotzdem noch auf den Berg von Breisach raufgefahren.

Dort hat ein Künstler ein Wasserrad künstlerisch umgestaltet. Früher musste mit so einem Ding das Wasser auf den Berg gepumpt werden.

Auf der Landkarte sieht man, dass das Oberrheintal von zwei fernen Gebirgen eingerahmt wird, nämlich den blassblauen Vogesen in Frankreich (im Bild) und dem eindeutig nicht schwarzen Schwarzwald in Deutschland. Unten am Rhein ist aber alles flach, Berge sind nicht zu sehen. Dazu muss man schon etwas höher hinauf.
Funfact: In 40 Millionen Jahren könnte Europa hier entlang des Rheingrabens in zwei Erdplatten zerbrechen.


In unserem Radführer sind hier übrigens noch zwei Ausflüge in zwei schöne Städte eingezeichnet, die zwar nicht direkt am Rhein, aber doch in der Nähe liegen. Auf der deutschen Seite kann man nach Freiburg im Breisgau abschweifen, wo in jeder Straße ein Bach (Bächle) fließt, auf der französischen Seite liegt Colmar mit Bäumen, buntem Fachwerk und einem Storchennest auf der Kirche. Wir haben diese Städte ein andermal besucht (Freiburg vor, Colmar nach der Radtour). Wer sie aber noch nicht kennt und auf seiner Radtour Zeit hat: Der Umweg lohnt sich durchaus.


Gut, weiter im Text. Durch ein Gewerbegebiet geht es zurück zum Rhein. Der ist inzwischen nicht mehr so naturbetont, wir sahen Wehre, Lastschiffe, Fließbänder und hinter den Bäumen Kieswerke voller Kiesberge.


Der Rheinseitenkanal zweigt immer mal wieder vom Rhein ab, nur um irgendwann wieder mit dem Altrhein zusammenzufließen.

Und es gibt auch sehr viele Sportvereine. Auf dem Gelände eines Kanuclubs haben wir gerastet - schließlich gab es Bänke, einen Spielplatz und kein Verbotsschild.

Es geht vorbei am bräunlichen Gebirge Kaiserstuhl, in dem sich diverse Burgruinen versteckt haben. Dort weicht der Radweg etwas vom Rhein ab.

Am Rheinufer liegen Naturräume mit so schrägen Namen wie Rappennestgießen oder Rheinniederung Wyhl-Weisweil.
Durch einen Zick-Zack-Weg zwischen Wald und Baumschulen,...

...das Örtchen Rheinhausen,...

...wo wir eingekauft und die neuen Lebensmittel etwas riskant verstaut haben,...

...sind wir schließlich nach langer Fahrt am heißbegehrten Ziel angekommen: Der Europapark in Rust, der wohl größte, teuerste und beste Freizeitpark Deutschlands. Manche Freizeitparks sind eher familienfreundlich, andere sind was für extrem verrückte Adrenalinos. Der Europapark jedoch ist in beiden Kategorien herausragend. Das hat natürlich seinen (Eintritts)Preis, der für eine Familie ein kleines Vermögen beträgt.
Der Park gehört der Firma Mack, die Achterbahnen baut und in die ganze Welt exportiert. Es ist also gleichzeitig auch eine Art Ausstellungsgelände.

Und der Herr Mack hat sich so einiges einfallen lassen. Das geht schon auf dem Parkplatz los, wo die Achterbahn namens Silver Star irre weit aus dem Parkgelände fährt, irre weit hoch und dann entsprechend auch irre weit runter. Das ist mal ein ganz anderes Raumgefühl als innerhalb eines Parks, wo die Bahnen dicht an dicht stehen.

So wie diese drei zum Beispiel:
Links transportiert der Matterhorn-Blitz die Fahrgäste in einem schaukelnden Aufzug aufwärts, danach geht es durch enge Kurven. Die Kugel in der Mitte beinhaltet Eurosat, eine komplett innen liegende, dunkle Weltraum-Achterbahn (Nachtrag 2026: inzwischen thematisch als französisches Varieté-Theater).
Rechts rast die Schweizer Bobbahn durch eine Rinne.
Sie merken schon, thematisch sind wir hier nicht gerade an der Nordsee.


In der Bahn Euromir drehen sich die Wagen, bis man selbst durchdreht. Zumindest ich. Dass sich die runden Wagen auf dem Gleis zusätzlich im Kreis gedreht haben, war mir zu viel. Dementsprechend entstand auf dieser Bahn das einzige Action-Foto, auf dem ich nicht euphorisch wirkte, sondern eher bemüht, das Essen drinzubehalten. Aber die Menschen und ihre Mägen sind verschieden, und viele Gäste hatten hier anscheinend ihren Spaß.


Auf der Wasser-Achterbahn Atlantica fuhren wir ein Stückchen rückwärts, das wiederum findet auch mein Magen witzig.

Die Holzachterbahn Wodan sieht wie die meisten Holzachterbahnen absolut imposant aus, weil sie nun mal viel mehr Stützen, Ständer und Streben braucht, um stabil zu stehen. Und wie die meisten Holzachterbahnen fährt sie sich ziemlich ruckelig bis unangenehm, das Kopfsteinpflaster unter den Achterbahnen, auch wenn manche ja auf das Holzachterbahn-Gefühl schwören.

Und worauf schwöre ich? Auf Bluefire, die Blaue im Hintergrund, gesponsort von Gazprom (Nachtrag: inzwischen nicht mehr). Die rast direkt aus dem Stand einfach so los, ohne irgendwie Schwung zu holen - zack, schon gibt es Loopings, Schrauben, enge Felstunnel, negative G-Kräfte und anderes abgefahrenes Zeug. Whoa! Als großer Mensch sind diese neuen Achterbahnen genau mein Fall, maximaler Geschwindigkeitsrausch auf maximaler Strecke bei maximalem Komfort, nichts ruckelt, keine Schulterbügel quetschen den Oberkörper ein, und am Ende wird relativ sanft abgebremst.

Nachtrag 2026: Da trifft es sich gut, dass der Europapark eine noch größere in dem Stil gebaut hat: Voltron ist im Prinzip ein kroatisch gestalteter, zweiter Bluefire, der zusätzlich mit sieben verschiedenen Überschlägen ankommt. Hui, das war eine lange Fahrt... Moment, wieso steigen wir nicht aus, und wieso wird der Wagen gedreht? Ich pendelte ein Boomerang-Gleis rauf und runter und dann... nochmal die ganze Strecke zurück?! Jawoll!

 

Ich war bemüht, mich an die Grundregeln für Freizeitparks halten, zum Beispiel:
-sich schon mal im Voraus informieren, womit man fahren möchte,
-ein dickes Buch für die Warteschlangen mitnehmen (die im April schon bis zu 40 Minuten lang sind),
-azyklisch vorgehen, also zuerst hinten im Park anfangen, wo noch nicht so viele sind (also das genaue Gegenteil der Reihenfolge, die ich hier beschrieben habe)
-die Öffnungszeiten von 9 bis 19:30 Uhr voll ausschöpfen (schön, dass der Park an dem Tag so lange aufhatte - andere Freizeitparks machen immer so furchtbar früh zu)
-und mindestens ein Actionfoto kaufen, die eine fest montierte Kamera während der Fahrt schießt - immer wieder interessant, was da so für Grimassen entstehen


Der Alpenexpress Enzian ist die älteste Achterbahn des Parks und wird von einem Motor betrieben. Dort haben wir uns eine digitale VR-Brille ausgeliehen, die während der Fahrt einen Film abspielt, der genau auf die Bahn zugeschnitten ist - uns wurde vorgetäuscht, wir säßen in einem kleinen Propellerflugzeug und flögen durch einfache Animationsfilm-Landschaften. Wir hatten durch das Video sogar das Gefühl, die Achterbahn hätte sich an einer Stelle überschlagen, obwohl sie das gar nicht tut - eigentlich hat sie an der Stelle nur eine schräge Kurve.

Und noch was Besonderes: Das Food-Loop-Restaurant, in dem das Essen per Achterbahn kommt. Passend zur Achterbahn-Gestaltung steht man draußen zunächst lange Schlange und wartet auf einen Tisch. Dann geht alles ganz schnell: Man bestellt auf einem Bildschirm, und wenig später saust das köstliche Mahl in mit Gummis verschlossenen Töpfen auf Schienen heran. Faszinierend!
Sogar dem Familienvater, der für Freizeitparks eigentlich gar nichts übrig hat, gefiel der Europapark anscheinend ein bisschen, "weil man dort nicht das Gefühl hat, dass einem an jeder Ecke das Geld aus der Tasche gezogen wird." Das Essen ist beispielsweise nicht überteuert. (Nachtrag 2026: Inzwischen schon, aber wo ist es das nicht?)


Ein Freizeitpark braucht natürlich auch Gestaltung. Der Europapark ist in verschiedene Bereiche unterteilt, die europäische Länder darstellen. Ich wusste zwar nicht, dass das Märchenland oder das Königreich der Minimoys jetzt auch schon europäische Staaten sind, aber man lernt ja nie aus.
Ein Beispiel für konsequente Thematisierung sind die berühmt-berüchtigten Nichtraucher-Durchsagen des Europaparks. Diese lauten zum Beispiel "Ich spürre die Tapferrkeit in eurren Herrzen. Aber ihr müsst euch an die Gebote halten. Vorr allem dürft ihrr im Warrtebereich auf keinen Fall rrauchen!" (Wikinger-Holzachterbahn in Island) oder "Biep, biep. Eine wichtige Information an alle humanoiden Mitreisenden. Gemäß Paragraph 18a des Intergalaktischen Gesetzbuches ist die Einnahme organischer Substanzen im Wartebereich und während des Fluges untersagt. Insbesondere ist das Rauchen strengstens verboten." (mechanische Stimme bei der Weltraum-Achterbahn).
Und tatsächlich: Niemand hat im Wartebereich geraucht.

Die ganzen Bahnen für kleinere Kinder und die zahllosen Kinderspielplätze habe ich nur im Vorbeigehen gesehen, aber auch für die scheint es eine ganze Menge zu geben. Nanu, ist das eine Fahrraddraisine? Die an Schienen hängt?
Nein, das lahme Fluggerät im Italienbereich war ein Fake. Die Pedale sind nur schmückendes Beiwerk, welche die Propeller-Spirale aus Leinentüchern oben drehen, was aber egal ist, denn das Teil fährt so oder so von allein. Anders als das Original von Leonardo da Vinci, das überhaupt nicht flog. Er hatte keine Pedale eingeplant, und drei Menschen, die im Kreis liefen und so den Stoffpropeller drehten, reichten natürlich erst recht nicht, um abzuheben.

Das Dorf Rust ist in einem guten Zustand, der Park zahlt wohl seine Steuern. Wer hier wohnt, hat immer freien Eintritt und kann mit dem Vermieten von Ferienwohnungen Geld verdienen, muss sich jedoch damit abfinden, dass sein Wohnort so etwas wie ein kleines Anhängsel des Europaparks ist. Natürlich findet man im lokalen Schilderwald auch die unvermeidlichen Wortspiele wie RUSTikal oder Casa RUSTica.
Der Park sollte ursprünglich in Neuenburg stehen, doch der dortige Bürgermeister wollte ihn nicht. Das hat uns gestern unsere Vermieterin in Grißheim (bei Neuenburg) erzählt. Sie wirkte darüber nicht sehr begeistert.
Natürlich muss man sich einen ganzen Tag Zeit für den Freizeitpark nehmen. Deswegen haben wir gleich zwei Nächte in der tollen Ferienwohnung am Steingarten übernachtet. Die ist riesig, schick eingerichtet - und überall war kostenloser Naschkram versteckt! Nicht nur ein Freizeitpark, sondern auch noch verfrühte Ostern, diese Tour ist viel zu gut für uns.