07 April 2026

Flöha: Von Nové Město nach Hetzdorf

Mein erstes Mal mit dem Fahrrad in einer tschechischen Regionalbahn war abenteuerlicher als alles, was die darauffolgende Radtour zu bieten hatte. Ich war gerade mit dem Moldau-Radweg fertig und wollte nun hinauf auf die tschechische Seite des Erzgebirges (Krušné hory), um von dort aus bequem nach Deutschland reinzurollen. So konnte ich die verbleibenden Puffer-Urlaubstage nutzen, noch einen weiteren Nebenfluss mitnehmen und mir Grenzkontrollen mit skeptischer Begutachtung wegen Wildcamping-typischen Auftretens ersparen.
Was war nun abenteuerlich an der Zugfahrt?
  • Online fand ich die Funktion zum Fahrradkartenkauf nicht. Der Schalter öffnete fünf Minuten vor Abfahrt des Zuges. Als ich den Bahnhofsnamen Mikulov-Nové Město nannte, fragte die Dame entgeistert: "Wo?"
  • Der erste Zug hatte keine Fahrradabteile, das Rad stand im Vorraum vor den Türen möglichst so schräg, dass es niemanden störte.
  • Beim Umsteigen in Ústí nad Labem galt es drei hohe Stufen und dann noch einen halben Meter Abgrund zu überwinden, bis irgendwo da unten irgendwann mal der Bahnsteig kam. Mit den schweren Packtaschen packte ich das nicht, verlor das Gleichgewicht und stürzte, landete aber immerhin weich auf besagten Packtaschen. Mein neues Rad landete weniger weich und verlor eine Speiche.
  • Im zweiten Zug (Fahrtziel Moldava) kannte man den Bahnhofsnamen immerhin. "Ach da, ja, dann sag ich dem Lokführer Bescheid, dass er da kurz hinterm Tunnel anhält. Das ist ein Bedarfshalt, aber wir haben leider keine Knöpfe für so was." Die Tür zum Führerstand war stets offen, und der Lokführer plauderte angeregt mit der Schaffnerin und seinem per Telefon zugeschalteten Kumpel.
  • Nach dem vertrauten Panorama des Elbtals tuckerten wir durch unscheinbare Ebenen voller Dörfer und Industriestädte, bis sich der Zug in die Wipfel des Erzgebirges hochschraubte. Urplötzlich öffnete sich auf einer Brücke ein unglaublicher Blick durch ein verwunschenes Tal bis hin zum fernen verwaschenen böhmischen Mittelgebirge, für eine Sekunde wähnte ich mich in einem südostasiatischen Regenwald. Nach jeder dieser Brücken folgte ein Tunnel, der eher an eine Mine erinnerte, anscheinend mit bogenförmigen Stützen aus Holz.
  • Der Zug wurde langsamer und langsamer. Plötzlich stürzte die Schaffnerin den Gang runter und verscheuchte die Kinder einer Fahrradfamilie. "Tschuldigung, ich muss mal kurz an den Schrank hier. Nein, ich hab Quatsch erzählt, an den anderen Schrank!" Sie riss ihn auf, drehte irgendeinen Knopf und schaltete so offenbar irgendwie zusätzliche Energie für den Anstieg frei, gerade noch rechtzeitig, bevor die Bahn zum Stehen kam. 


Ookay, aber kommen wir nun zum heutigen Fluss. Die Flöha entsteht nicht weit vom Bahnhof entfernt aus einem obskuren Torfmoor (auf Tschechisch rašelniště) mit dem internationalen Namen PR Grünwaldské vřesoviště. Es besteht aus Birken, Tannenbäumchen, grünem Gras und gelben Gras. An der ersten Stelle, die man betreten darf, ist die Flöha bereits zu einem stattlichen Bach angeschwollen. Der sumpfige Bereich ganz hinten, aus dem er kommt, heißt Tetřeví tokaniště. Auf einer felsigen Grundlage, die nirgendwo zu sehen ist, ist am Ende der letzten Eiszeit ein ebenso nasser wie lebendiger Lebensraum entstanden. 1989 (also quasi auch am Ende der letzten Eiszeit) wurde der geschützt, 2016 nochmal deutlich erweitert.

Der althoschdeutsche Name Flöha bedeutet fließen (wie bei jedem zweiten Fluss), waschen oder spülen (oh, das ist neu). Auf tschechisch heißt sie Fláje, am Anfang aber noch Flájský potok (Flöhabach). Den bekam ich erst mal nicht zu sehen, also kehrte ich von den Betonplatten zurück auf die Straße.

Und dort bot sich ein komplett anderes Bild, nämlich: Nichts.
Leere.
Na schön, manchmal waren auch die fernen Täler zu sehen, und einmal die Ruine eines Gutshauses. Aber es gab auf jeden Fall Zeiten, da sah ich nichts außer einer Kette absolut grüner, absolut leerer Hügel mit absolut nichts drauf außer Grashalmen und einer Linie Asphalt. So habe ich das tschechische Grenzgebirge noch nie erlebt. Nur ein Tal weiter entspringt die Freiberger Mulde, und da sieht die Landschaft ganz normal aus. Wie schnell sich so was ändern kann!


Es änderte sich dann auch schnell, als ich in die Tannenbäume eintauchte. Denn ab da herrschte nämlich Leere mit Tannenbäumen (einmal sogar mit Felswänden). 
Übrigens war diese Strecke trotzdem alles andere als ausgestorben. Minutenlang war ich allein, dann marschierte auf einmal eine riesige Wandergruppe in Warnwesten vorbei, oder eine Damen- und Herrengruppe aus Rennradlern, oder ein tschechisches Ehepaar, das sich an einer Wendeschleife anschrie. ("Wo fährst du hin?!") Ich blieb kurz stehen, hörte zu und richtete dabei mein Schutzblech, welches vom Sturz aus der Regionalbahn noch immer hörbar irritiert war. Fahrradwegweiser weisen zur Chata Barbora, inklusive einer kleinen Zeichnung der Berghütte.

Mit einem Mal blitzt hinter den Nadeln eine große graue Fläche durch - nein, nicht der Himmel, sondern sein Spiegelbild in der vodní nádrž Fláje (vielleicht nach dem Fluss benannt, vielleicht aber auch nach dem gleichnamigen versunkenen Dorf).

Am Ende bekam ich den See auch noch in voller Breite zu sehen, als ich über die Staumauer geradelt bin. Bis 1966 litt die Region unter einer schlechten Organisationsstruktur der Wasserwirtschaft, in der jede politische Bezirk sein eigenes Ding drehte, Wassermangel und katastrophalen Hochwassern (auch wenn die an der Flöha ja eigentlich hauptsächlich auf die deutsche Seite gelaufen sein müssten). Die Lösung: Ab jetzt kümmerte sich der Staatsbetrieb Povodí Ohře um 23 Staudämme auf verschiedenen Nebenflüssen der Elbe.

Weil es an Beton mangelte, wurde die Mauer als Pfeilermauer gebaut. So spart man sich 30 Prozent des Betons, und zwischen den Pfeilern im Innern der Mauer stecken noch heute unsichtbare Hohlräume, geformt wie Kirchenschiffe, und ähnlich groß. Das klingt zwar erst mal nach sozialistischem Pfusch, aber das Vorbild war hier die Schweizer Staumauer Lucendro (Typ Noetzli), die schon 1947 so gebaut wurde und noch immer hält.

Heute ist der See hauptsächlich dafür zuständig, eine große Region bis hin zu Ústí an der Elbe mit Trinkwasser zu versorgen. Das erklärt dann wohl, warum ich bisher nicht ans Ufer randurfte. Das Wasser hat eine besonders gute Qualität und wird ständig geprüft, versichert ein Schild, gefolgt von dem eigenartigen Hinweis: Sollten Sie also an das öffentliche Trinkwassernetz angeschlossen sein, müssen Sie sich sinngemäß keine Sorgen machen.

 
An der verschmälerten Flöha dürften zunächst nur die Wanderer wandern, die Radler müssen erst einmal den großen Höhenunterschied der Staumauer abbauen (nicht, dass ich mich beschweren möchte, huii). Nach einer Weile durfte dann auch ich dem sprudelnden Steinflüsschen unter den Nadeln und Knospen Gesellschaft leisten.


Jetzt fehlen eigentlich nur noch ein paar Ortschaften, die am Fluss liegen. Und da kommt auch ein Doppeldorf, nämlich Český Jiřetín/Deutschgeorgenthal. Wer genau hinsieht, erkennt auch schon, dass in diesem Namen eine Grenze verläuft.
Grenzkontrollen gab es nicht, für die Einhaltung der Verkehrsregeln sorgt dieser flache Polizist, dessen Klone in regelmäßigen Abständen auf der tschechischen Seite stehen.

Die Grenzbrücke über die Flöha (hinten) ist eher unscheinbar, aber kurz davor macht die Grenze doch noch mal auf sich aufmerksam.
KAUFHAU GEMISCHTE WARE - SCHUHE - RUCKSACK - KLEIDUNG - ZIGARETTEN - ALKOHOL - GETRÄNKE - SÜß WAREN alles zu einem super guten Preis
Bisher kannte ich solche Texte eher von der polnischen Grenze, die tschechische war da an den Stellen, die ich befahren habe, immer deutlich zurückhaltender. Für meinen Bedarf bot dieser absolut seriöse Laden nur die letzte Kofola und ungesunde Snacks wie Erdnüsse in Teigmänteln mit Käse- und Bacongeschmack. 

Auf deutscher Seite folgt gleich der nächste Stausee - eine sehr ausladende Brücke mit roten Geländern schlängelt sich über der Talsperre Rauschenbach dahin. Leere Landschaften, die eigentlich nicht viel enthalten und trotzdem den Blick fangen - das kann die Flöha.

Die Staumauer ist dann eher unauffällig und darf nicht betreten werden.

Danach ist das Flöhatal noch immer eine sehr breite und eher unscheinbare Angelegenheit. Jemand hat die immergleichen Wiesen von der Hochebene am Anfang genommen und zwischen den immergleichen Wäldern ausgerollt. 

 

Die Dörfer und Vorgärten sehen aber oft richtig schön aus, und es macht alles einen idyllischen Eindruck - nur eben nicht den Eindruck einer Landschaft, die man zwingend gesehen haben muss.

In den örtlichen Weihnachtspyramiden sind alle Verkehrsteilnehmer vertreten, auch die Radfahrer,

Ab Hirschberg gibt es Bahngleise, und ab Olbernhau-Grünthal sogar Bahngleise, auf denen Bahnen fahren. Auf den Bergen und in den Innenstädten verstecken sich weiße Türme von Kirchen oder Schlössern, manche sogar noch in einer annähernd böhmischen Zwiebelform.

Immer wieder zweigen Mühlengräben oder Floßkanäle von der Flöha ab, die noch mit den alten Steinmauern und Holzbarrieren durch die Dörfer plätschern.
Die Flöha war mal einer der fischreichsten Flüsse Sachsens, sogar die Lachse aus dem Atlantik stiegen bis ins Erzgebirge hoch. Das änderte sich durch... den Menschen klar, Fischerei, Industrie, Wehre, blabla, aber auch... Kormoraneinfall? Wie nett, endlich ist der Mensch mal nicht allein schuld.

Dann beging ich einen Fehler. Auf einem kurzen Abschnitt gab es im Tal weder Straße noch Radweg. Der Flöhatalradweg leitete mich aus dem Tal raus, hinauf zur dritten Talsperre Saidenbach, an der ein Nebenfluss gestaut wird. Ich hatte aber langsam genug von Stauseen und Steigungen, darum kam ich auf die grandiose Idee, ob ich mich nicht auf dem Wanderweg trotzdem irgendwie durch das Tal mogeln könnte, der läuft auf der Karte ja schließlich mehr oder weniger parallel zu den Höhenlinien, also meistens.
Großer Blödsinn. Ich fluchte und hievte mich die Camelbacks dieses schmierigen grauen Pfades rauf und runter, und sparte dabei im Vergleich zur offiziellen Route eindeutig weder Zeit noch Kraft ein.

Der Rest der Route gab sich dann aber alle Mühe, um das auszugleichen. Endlich erkannte ich doch noch ein paar Parallelen zur parallelen Freiberger Mulde, denn jetzt durfte ich häufig zwischen Felswand und Fluss radeln, oft auf Nebenstraßen, manchmal auch auf eigenen Radwegen. Auf einer Insel im Fluss stand eine Reparaturstation mit Werkzeug an Drahtseilen, die ganz unkompliziert von einer Infotafel baumelten. Ich kam vorbei an alten Industriegebäuden und einer perfekten Schutzhütte und bedauerte fast, dass es noch nicht Abend war. 

Verweile doch... mit diesen Worten lud mich ein internationales Kunstprojekt auf eine Reihe deutsch-tschechischer Bänke ein. Die Künstler haben die Bänke mit einem Schachbrett in der Mitte oder auch mit irgendeinem undefinierbaren Korallen-Dingsbums ausgestattet, aber alle hatten anscheinend die Vorgabe bekommen: Bitte in möglichst hässlichem Beton. Nur eine Holzbank ein paar Kilometer weiter widersetzt sich dieser Regel, und passenderweise sind in das Holz die Worte Ich mach mein Ding eingraviert.

Tierisches Fatshaming betreibt dieser Bauernhof: Den Esel Carlos und das Zwergzebu Inora soll man bitte nicht füttern, denn wir sind schon ziemlich dick!


Die Strecke wurde immer flacher und angenehmer, aber auch die Felswände zogen allmählich wieder zurück. Nur noch ein einzelner Stein hielt im Fluss wacker die Stellung. Und ließ damit völlig offen, was für ein Anblick mich wohl hinter der nächsten Biegung erwartete.

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