Flöha-Tag 2: Ach, diese Brücke, diese ergötzliche BrückeStart: Hetzdorfer Viadukt, Rastplatz
Ziel: Flöha, Struthweg, Hochwasserschutzdeich am Flöha-Zschopau-Zusammenfluss
Landschaft: unauffälliges, nicht zu breites Gleistal, Stadtrandpark(plätze)
Wegbeschaffenheit: schöner kurzer Bahnradweg, Erdradweg am Gleis, Stadtra(n)dweg
Wetter: ruhig & grau
Wind: nicht wirklich
Highlight: Hetzdorfer Viadukt
Größte Hürde: die richtigen Abbiegungen in Falkenau finden
Zitat des Tages: "Was wollen wir? Das der "Hetzdorfer Viadukt" weiterhin ein gepflegter Anlaufpunkt der Wanderer und Erholungssuchenden bleibt."
- Interessenverein Hetzdorfer Viadukt e.V., Aushang zur Nachwuchssuche-
In der Dämmerung schälte sich ein Umriss hinter den Bäumen hervor, und trotz des schwindenden Lichts scheiterten die 42 Meter hohen Bögen komplett daran, sich zu verstecken. Das hier ist die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands mit einer Etage, das Hetzdorfer Viadukt. Und da wollte ich hoch.

Gar nicht so einfach, denn der direkte Wanderweg nach oben sieht wirklich alles andere als fahrradtauglich aus, und ich hatte heute schon genug Experimente auf Wanderwegen. Ich folgte also dem hölzernen Wegweiser Hetzdorfer Viadukt - bequemer Weg, bog erst einmal in ein Nachbartal auf irgendwelche Dorfstraßen ab und schließlich hintenrum auf einen nicht ganz so steilen Waldweg, der irgendwann auf eine Bahnstrecke trifft. Von der zweigt sang- und klanglos ein unscheinbarer Bahnradweg ab, und der endet nach kurzer Zeit hier, an einem großen Haufen Rasthütten und einem hölzernen Imbisshäuschen. Hier gibt es nur selten etwas zu kaufen. Der Interessenverein Hetzdorfer Viadukt kümmert sich an das Bauwerk: Wenn schon keine Züge mehr fahren, soll es zumindest bei Wanderern und Touristen beliebt sein. Dazu organisieren sie an manchmal eine Bewirtung, also sprich, sie machen den Imbiss auf - aber eben nur an bestimmten Feiertagen wie Himmelfahrt und Pfingsten. Aber selbst dafür wird es schwierig, Leute aufzutreiben, und so wirbt ein Plakat für die Mitgliedschaft im Verein: Nachwuchs ist bei uns jeder, der unter 50 Jahre alt ist.
Ein schöner Übernachtungsplatz, dachte ich, und vollkommen menschenleer. Als nach Stunden noch immer niemand aufgetaucht war, war ich sicher, dass hier heute keiner mehr vorbeikommen würde. Dann vielen mir die vielen Male ein, wo sich dieser Gedanke als Trugschluss erwiesen hatte, und mit einem Mal war ich mir sicher, dass gleich eine große Gruppe für eine nächtliche Viadukt-Party auftauchen würde. Aber nein, diesmal stimmte es, es erschien niemand.
Das Viadukt stammt aus den 1860ern. Damals war die Bahnstrecke Breslau-München fast fertig, bis auf eine 27 Kilometer lange Lücke. Durch den Lückenschluss wurden auch endlich die beiden getrennten Streckennetze der sächsischen Staatsbahnen verbunden (denn die Strecke Leipzig-Dresden war damals eine Privatbahn). Also eine wichtige Verbindung, sogar der siebenwöchige Krieg zwischen Preußen und Österreich konnte den Bau nicht lange ausbremsen.
Ich fuhr auf die monumentalen Bögen voller Greis, Granit und Pirnaer Sandstein drauf, geschützt von einem doppelten Geländer. Ein paar mal ist das neue Stahlgeländer so gnädig und macht einen Bogen, damit die Besucher auf einen der steinernen Balkons heraustreten und den Blick über das weite Tal noch besser genießen können. Das Ding ist richtig breit, hier lagen eindeutig zwei Gleise drauf. Als ich abends ankam, konnte ich sogar erkennen, dass ein Auto drüberfuhr - kein Wunder, dass es hier durchpasst, aber wie zur Hölle ist das hier überhaupt hochgekommen?
Warum also wurde so eine wichtige Bahnstrecke überhaupt stillgelegt? Die Antwort hierauf ist in der Ferne zu erkennen, und sie lautet: Wurde sie nicht. Also nicht richtig. 1992 war das Viadukt schon sehr marode, und so wurde die Strecke komplett neu geplant. Aus einer alten Brücke wurden zwei neue aus Stahlbeton, die über das Nebental und das Flöhatal führen und die Strecke so um einen Kilometer verkürzen.
Die alten Mauern haben Zinnen wie eine Burg. Durch eine davon ist zu erkennen, dass sich direkt neben dem Viadukt eine letzte graue Felswand erhebt.
Auf die sogenannte Hetzdorfer Bastei führen auch mehrere Wanderwege drauf, vom Viadukt aus war es nur ein kurzer Spaziergang nach oben. Die Aussichtsplattform zeigt das Bauwerk noch mal aus einem ganz andere Brückwinkel. Die chaotischen grauen Scharten des Felsens gucken aus dem Boden und versuchen halbherzig, den geneigten Wanderer ins Stolpern zu bringen. Optisch erinnert mich dieser Fels weniger an die Bastei an der Elbe, eher an die Loreley.
Der dazugehörige Bahnradweg ist nicht asphaltiert und eigentlich auch eher als Wanderweg gedacht, aber online als Radweg verzeichnet, denn der Platz auf dem breiten Weg reicht locker für sie. Blumentöpfe markieren die Eingänge, dazu ein Insektenhotel in Phallusform.

Dahinter verbergen sich schöne kleine Hohlwege mit zugewachsenen Steinwänden und einem weiteren kleinen Viadukt obendrüber. Die Strecke ist offiziell zwar nicht Teil des Flöha-Radwegs, aber definitiv zu empfehlen. Sie ist aber nicht besonders lang, denn irgendwann vereint sich die alte Bahntrasse wieder mit der neuen, die von den Betonbrücken kommt. Das dürfte auch der Grund sein, warum die Trasse und Viadukt noch immer relativ unbekannt sind.
Nach diesem kleinen Bahnbogen war ich auch schon wieder am Ufer der Flöha. Dort erklärt Falkenau den Radlern dann noch, was es außer Brückenbauen noch alles kann, und zwar anhand eines Bergbau-Memorys.
Danach konnte ich den stillen Fluss noch besser erkennen, obwohl ich über die Gleise hinwegsehen musste. Und gelegentlich über die Köpfe und Leinen von Hunden, die zu frühen Spaziergängern gehörten. Irgendwo an der Bahnlinie stand ein windschiefes, vergessenes Dixiklo, das prinzipiell noch durchaus benutzbar war, sofern man die Angst ablegt, in dem Teil auf die Gleise zu kippen.
Der Asphalt kehrte erst zurück, als ich die Wohnblocks, Parks und Parkplätze von Flöha umrundet habe.
Das ging sehr schnell, und so stand ich kurz darauf vor der Mündung und... durfte nicht weiter. Die komplette Hochwasserschutzanlage ist verboten. Und ich hielt mich sogar dran, weil ich ja auch von hier aus erkennen konnte, wie sich Flöha und Zschopau hinter einer grünen Grasspitze mit vier Bäumen ganz ohne großes Drama vermischen.
Für Geographen ist die Flöha nur ein Nebenfluss eines Nebenflusses eines Quellflusses eines Nebenflusses. Dabei ist sie ein bisschen größer als die Zschopau, und damit hydrologisch eigentlich der Hauptfluss - nicht nur der Zschopau, sondern von der kompletten Mulde. Und so ergibt auch das Wappen von Flöha viel mehr Sinn. Das zeigt nämlich die beiden Flüsse der Stadt, also quasi: Zwei Frauen mit silbernen Klamotten und goldenen Haaren, die gleich groß und Hand in Hand überquellende Wassereimer tragen.

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