Das hier ist der Kurort Oberwiesenthal, eine Ansammlung relativ schlichter Innenstadthäuser und großer Berghotels, so viel konnte ich von oben erkennen. Deutschlands höchstgelegene Stadt und die mit den meisten Übernachtungen im Erzgebirge, so viel konnte ich auf Wikipedia nachlesen.
Trotzdem stimmt es mich skeptisch, wenn eine Stadt so krampfhaft ihre Bedeutung betont, dass sie immer und überall das Wort Kurort vor ihren Namen klatschen muss (der wahre Grund ist, dass Kurort Oberwiesenthal genaugenommen nur ein Ortsteil der Gemeinde Obewiesenthal ist), und es zugleich nicht auf die Kette bekommt, dass an ihrem Bahnhof dann auch zumindest ein Dampfzug hält.
Oberwiesenthal grenzt direkt an Tschechien, und zwar an das Dorf Loučná am Fuße des Klínovec/Keilberg (ganz rechts im Bild, erkennbar am Fernsehturm). Anders als auf der deutschen Seite waren die Skipisten dort noch schneeweiß, aber die klare Kante zum schlammigen Wald ließ auch bei der Entfernung keinen Zweifel daran, wie natürlich dieser Schnee war.
Wie auch immer, ich war jedenfalls weder unten auf der tschechischen Seite noch unten in der Stadt. Obwohl sie der Startpunkt für den heutigen Radweg ist. Und das kam so:
Ich bin die beiden Chemnitz-Quellflüssen gefahren und musste dann feststellen, dass es keine sinnvolle Möglichkeit gab, von der Zwönitz-Quelle wieder wegzukommen. Gleichzeitig war ich aber schon ganz in der Nähe des Zschopautals. Darum dachte ich mir, was soll's, radelte über ein paar Berge und begann die Zschopau-Radtour. Dann überschätzte ich mich aber leider doch ein wenig und wollte noch am selben Tag bis zur Quelle kommen. Irgendwo beim Aufstieg auf den Fichtelberg begann sich mein rechtes Knie zu beschweren. Ich schloss das Rad an und ging zu Fuß weiter, was meinem Knie wesentlich besser gefiel. Als ich oben angekommen war, dämmerte mir dann aber, dass der Abend hereingebrochen war, die Seilbahn seit 16:20 nicht mehr fuhr und der Abstieg zur Stadt plus erneutem Aufstieg bei Tageslicht mit diesem Knie ganz sicher nichts mehr wurde. Was auch nicht so schlimm war, denn erstens gab es in der Stadt eh nichts Bestimmtes, was ich mir anschauen wollte, zweitens stand ich ja im Prinzip durchaus auf dem Territorium der Stadt und drittens auf dem Fichtelberg, mit 1215 Metern der höchste Berg Sachsens (aber nicht der höchste im Erzgebirge, der Klínovec gegenüber in Tschechien hat noch 29 Meter mehr).
Markiert ist der Fichtelberg mit einem schlichten Gipfelkreuz ohne Aussicht, denn die braunen Tourismusgebäude rundherum schirmen den Blick ab. Das Hotelrestaurant im Erdgeschoss war tatsächlich hell erleuchtet und besucht, aber niemand kam zu später Stunde mehr nach draußen. Ich hatte den Blick ganz für mich. Zumindest, sofern ich aus dem Kreis der braunen Häuser heraustrat.
Für den Blick in Richtung Stadt/Seilbahnen/Tschechien wurde sogar eine kleine Plattform gebaut. Schöner fand ich aber den (z)weiten Blick in Richtung Norden, wo sich ein Erzberg hinter den nächsten reihte, aller grün-bläulich und ziemlich breitgezogen. Diese Aussicht konnte ich auch noch genießen, während ich eine verschlammte Skipiste runterstieg.
Nach kurzer Zeit bin ich dann auch schon zwischen die Fichten vom Fichtelberg abgebogen, in Richtung Zschopauquelle. Die Stelle ist weder gefasst noch beschriftet, nur ein matschiger Tümpel, im April noch voller Schnee, der nur zögerlich schmilzt und sich in einen Graben ergießt. Da sah die Zwönitz-Quelle vor ein paar Stunden aber besser aus! Dabei ist die Zwönitz ja nun wirklich kein sehr bekannter Fluss, die Zschopau dagegen... naja, von der haben Sie vermutlich auch noch nicht gehört, aber sie soll in Sachsen eines der schönsten Täler haben.
Achtung! sehr schlammig - bitte Umleitung nutzen, warnte das Schild vor dem Pfad aus Schnee, Matsch und Schneematsch.
Ein Stück tiefer staut sich der junge Fluss im Schwarzen Teich, aber auch dort gaben die Kaskaden kaum einen Ton von sich.
Aber keine Sorge, bald haben sich genug sprudelnde Bäche angesammelt, dass der junge Fluss sehr gut zu sehen und hören ist. Und auch die Wege sind fast immer normale, feste Waldwege. Es stehen erstaunlich viele Schutzhütten herum, an eine davon waren Skier genagelt. Möglicherweise muss man diese Wege teilen: Monsterrollertour. Mitbenutzung Reitsteig durch Monsterroller und Mountaincarts verkündet ein Wegweiser.
Und es sind eben Wege mit ziemlich langgezogenen Anstiegen, weil der Fichtelberg nun mal auch einer dieser langgezogenen Bergrücken ist, die ich von oben gesehen habe. Und der Fluss hat entschieden, dem Bergrücken ihm der Länge nach zu folgen, statt einfach an der Seite runterzufließen.
So dauerte es eine Weile, bis ich und mit etwas Abstand auch die Zschopau (hinten im Bild) den Wald verließen.
Am Waldrand steht eine weitere Schutzhütte, allerdings bin ich nicht
ganz sicher, ob sich das Campingverbotsschild im Fichtelberggebiet auch
noch auf diese Hütte erstreckt. Außerdem steht da... Zschopautalradroute (Mai-Oktober)?
Ups. Naja, die Waldwege selbst waren Mitte April auch gut befahrbar,
Schnee lag bloß ein bisschen auf der Wanderstrecke ganz oben.
Ganz hinten im Bild ist zu sehen, dass der Bergrücken immer noch weitergeht. Erst dahinter verläuft das Tal der Polava, in dem Oberwiesenthal liegt und wo die Dampfzüge und Busse fahren (wenn auch jetzt gerade nicht). Hier im Zschopautal dagegen fährt generell sehr wenig.
Eine Bahnstrecke gab es hier auch mal, darum konnte ich als nächstes einen sehr schönen Bahnradweg mit kurzen Unterbrechungen genießen. Am Wegesrand verkaufte ein Bauernhofhäuschen Eier aus Bodenhaltung und Milch... ürg, ich habe ganz vergessen, dass ich keine Buttermilch mag. Aber die Wurst und der Käse waren echt gut.
Warum führte die Bahntrasse überhaupt so hoch, Crottendorf ist doch schon das letzte Dorf? Die Bahn kann ja nicht ernsthaft auf den Fichtelberg geführt haben, oder? (Nein, wobei der Landtag vor 1887 auch eine Variante diskutierte, in der die Strecke bis Oberwiesenthal weitergehen sollte.) Ach so, es gab da oben noch den Crottendorf oberer Bahnhof, alles klar. Der untere Bahnhof war zuerst nur ein Haltepunkt, dann ein Bahnhof, dann wieder nur ein Haltepunkt. Die Züge hatten mit Schnee, Geröll, Bussen im Gleis und dem starken Anstieg zu kämpfen, beim Bahnübergang am Rathaus mussten sie immer ordentlich Anlauf nehmen, um überhaupt rüberzukommen. Schranken hatten sie noch nicht, stattdessen warnten Pfeiftafeln vor herannahenden Zügen - allein das Wort klingt todesnervig. Trotz aller Widrigkeiten schafften es die Züge, ohne Personenschäden Material für das Sägewerk, den Marmorbruch und die Kistenfabrik zu transportieren, und auch die sowjetischen Militärfahrzeuge traten nach der Niederschlagung des Prager Frühlings von hier aus die Heimreise an. Ohne Personenschäden schließt wohl keine Mitwirkung an Angriffskriegen ein.
Nach dem langgezogenen Crottendorf macht die Bahntrasse auch noch einen wunderbaren Bogen im Grünen, wieder mit einer Schutzhütte, und dazu einer Rasthütte mit Kneippanlage. Hier wollte ich mich dann auch zur Ruhe betten. Die Hütte selbst hatte einen harten Betonboden, also legte ich mich lieber auf die Erde an der Rückwand, unter dem vorstehenden Dach, falls entgegen der Prognose doch noch etwas Regen kommen sollte.
Ich war gerade fast eingeschlafen, als sich die Stimmen einer Gruppe Sachsen näherten, die entschieden, diese Hütte sei der perfekte Ort, um etwas Cannabis zu konsumieren, das sie nach zahlreichen Versuchen auch tatsächlich erfolgreich anzündeten. Dabei führten sie in sehr normales Gespräch, unter anderem darüber, wie schwierig es doch sei, mit einem normalen Einkommen ein Kind zu versorgen, sowohl die Preise für Gras als auch für Kinderwägen waren Thema. Mich hatte absolut niemand bemerkt, obwohl die hölzerne Rückwand schon ein gutes Stück über dem Boden aufhörte. Ich überlegte, auf mich aufmerksam zu machen, und ob sie dann aus Höflichkeit in die nächste Hütte weiterziehen würden. Da nahm das Gespräch mit einem Mal eine andere Wendung und drehte sich darum, wer wem bei welcher Gelegenheit aufs Maul gegeben habe, warum die Vorwürfe häuslicher Gewalt von der Ex völlig an den Haaren herbeigezogen waren und warum der Sprecher ja nun wirklich ein sehr ruhiger und friedfertiger Typ sei, es sei denn, jemand würde ihn wirklich nerven. Das sind jetzt nicht gerade meine bevorzugten Gesprächsthemen bei nächtlichen Überraschungsbesuchern. Auch wenn mir die Leute eher großmäulig als gefährlich vorkamen, war ich an dem Punkt auch irgendwie zu neugierig, in welche Richtung sich diese absurde Unterhaltung als nächstes drehen würde. Thema war noch, wer im Bekanntenkreis welche härteren Drogen probiert habe und warum diese Menschen ihr Leben natürlich viel weniger im Griff hatten als die Sprecher, die alle ihr Limit kannten. Irgendwann fand ich überraschend heraus, dass zur Gruppe auch eine Frau gehörte, die nach einer halben Stunde das erste Mal etwas sagte, als sie aufgefordert wurde, doch auch mal ihre Meinung zu der ganzen Sache zu sagen.
Übrigens durfte ich mir einige Tage vor der Tour folgende Belehrung anhören:
"Du weißt aber schon, dass Katzenaugen am Rad Pflicht sind? Oder du brauchst so einen reflektierenden Streifen auf dem Reifen, aber den sehe ich bei dir auch nicht."
Von wegen kein reflektierender Streifen! Ich habe keine Ahnung, wie die nächtlichen Besucher, als sie endlich mit einem neuen "Wegjoint" in der Hand weitergingen, diesen Anblick im Dunkeln übersehen konnten. Oder wie sie in ihrem Zustand wohl darauf reagiert hätten.










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