06 April 2025

Havel: Von Oranienburg nach Spandau

Havelgeschwafel V: Das Mauergrauen
Durch den S-Bahn-Wald - Flussseen - Kanal der Lügen - Mein mitteilsamer Kerkermeister - Wer es geschafft hat, über die Havel und die Mauer zu entkommen - Kleingärtner des Kalten Kriegs - Baustellenirrfahrt - Die Hauptstadt - Zur gelben Schwaneninsel

Oder-Havel-Kanal und Havel vereinigen sich, fließen unter einer Eisenbahnbrücke durch und machen sich auf den Weg nach Berlin.

Für Radfahrer besteht der Weg dorthin erst einmal aus Waldradwegen neben der Straße.

Anders als gestern mussten wir aber immer wieder kreuz und quer durch Berliner Vororte irren, die ich bisher nur als S-Bahndurchsagen kannte:
Nächster Halt: Borgsdorf. Ausstieg in Fahrtrichtung links.
Borgsdorf ist mit monumentalen Bahnschranken ausgestattet, die monumental lange unten bleiben, um monumental viele Züge durchzulassen. Zum Glück wird es nicht langweilig: Eine wartende Mutter beschrieb am Telefon monumental detailliert die Probleme ihres bettnässenden Kindes.

Auf halber Strecke entdeckten wir das Ufer der Havel wieder, kurz nachdem sie die ungefähr 879. Schnellstraße des Tages unterquert hatte. Und nun überrascht die Havel uns.

Dachten Sie, wir wären mit den Havelseen durch? Von wegen, die Seensucht der Havel kennt keine Grenzen!
In Hennigsdorf beginnt die zweite Seenplatte der Havel. Die sieht ein bisschen anders aus. Die Seen sind sehr langgestreckt, man könnte sie auch einfach für einen sehr breiten Fluss halten - nur halt nicht für die Havel, denn die ist im Normalzustand viel schmaler. Bahngleise und Industrieanlagen säumen das Ufer, später werden sie von weißgelben Villen abgelöst. Nanu, auf der Regionalbahn steht irgendwas von Baden-Württemberg? Und da von Schleswig-Holstein? Die Züge sind aber weit vom Weg abgekommen. Ein Blick in den Radführer bringt Antworten: Hier produziert Bombardier, ein kanadisches Unternehmen, S-Bahnen, Triebwagen für Regionalzüge und Mittelwagen für ICEs. (Um einen kompletten Zug zusammenzupuzzeln, braucht es also noch andere Fabriken.) Auch während der DDR schmiedeten die Arbeiter hier Züge.
Nach ein paar Kilometern wiesen uns braune Wegweiser und orangefarbene Pfosten darauf hin, dass hier die Berliner Mauer verlief.

Havelsee Nr. 26: Nieder Neuendorfer See


Wenn Frachtschiffe aus Osteuropa die Häfen von Ostberlin ansteuerten, mussten sie hier jedes Mal durch Westberliner Kontrollen. Für die DDR-Regierung war das höchst unpraktisch, weshalb sie einen Kanal nach Westen grub, um den Westen zu umgehen (klingt komisch, ist aber so). Sie nannten ihn Kanal des Friedens, obwohl es eindeutig ein Kanal des Kalten Krieges war. Diesen Kanal überquerte ich auf der sogenannten Brücke der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, obwohl es eindeutig eine Brücke der Ost-West-Feindschaft war. Ähnlich wie bei den DDR-Fernsehkanälen handelt es sich um einen Kanal der Lügen.


Natürlich gab es auch Schiffe, die ihre Waren mit Absicht durch den Eisernen Vorhang bringen wollten. Die mussten so oder so durch die Kontrollstelle. Sie befand sich genau an dieser Stelle. Sehen Sie die kleinen Inselchen in der Havel? Das sind eigentlich versenkte Schiffe. Die wurden dort platziert, um diesen nassen Grenzübergang besser abzuriegeln und zu kontrollieren. Das wissen nicht mal viele Einheimische.

Woher ich das dann weiß? Tja, ich fuhr gerade nichtsahnend auf dem Radweg entlang, als neben mir plötzlich ein alter DDR-Grenzturm auftauchte. Dieser Grenzturm war ein besonders wichtiger Führungsturm. Er wurde frischem Aschgrau angestrichen und vollständig restauriert. Kaum hatte ich mein Fahrrad abgestellt, um einen Blick auf eine Infotafel zu werfen, da sprach mich auch schon jemand an.
"Kann ich Ihnen helfen?"

Im günstigen Eintrittspreis von 0 Euro ist ein gut informierter, ehrenamtlicher Museumsführer enthalten, der einem die Geschichte interaktiv erklärt.
"Mit einem privaten Boot konnte es leicht passieren, dass man aus Versehen mal die Grenze überquert. Wenn die Grenzpolizei Sie aufgespürt hat, wurden Sie hier eingesperrt und mussten erst mal ein paar Stunden warten." Klapp. Auf einmal schloss sich die Tür der Arrestzelle hinter mir, weil mir der Typ das einmal anschaulich vorführen wollte. Nur dass er aus den Stunden Sekunden machte.



Auf schmalen Treppen (die jedoch Luxus waren im Vergleich zu den Leitern im Grenzturm Kühlungsborn) stieg ich hinauf. Mit der Sprechanlage (unten links) wurden andere Türme angefunkt, und der Hebel (oben rechts) bewegt den großen Suchscheinwerfer auf dem Dach.
In der ersten Etage hängen Texttafeln mit den Geschichten jener, die in diesem Bereich nach Westberlin fliehen wollten. Viele versuchten es, obwohl ihre Chancen besonders schlecht standen. Sie mussten schließlich erfolgreich über die Mauer klettern und durch die Havel schwimmen. Der einzige, der Erfolg hatte, war ein Grenzsoldat, der sich im Gelände gut auskannte.
Im Hintergrund liegt übrigens

Havelsee Nr. 27: Havelsee (richtig einfallsreicher Name)


Übrigens stand an dem Ufer auch mal ein Schloss, das die Grenztruppen komplett abrissen, weil es die Sicht blockierte. Und es ist zu weit entfernt von den berühmten Potsdamer Parks, um wiederaufgebaut zu werden.

In diesen hübschen Nadelwald wurden Zauneidechsen umgesiedelt, die ein Bauprojekt von anderswo vertrieben hat. Hoch über der Havel fährt es sich hier superangenehm bis zu der Stelle, wo die Mauer den Fluss wieder verlässt.
Dort stehen die Kleingartenanlagen Fichtewiese und Erlengrund. Warum ich die erwähne? Weil es die Kleingartenanlagen mit der irrsinnigsten Geschichte in Deutschland sind.

Diese Schrebergärten waren nämlich Westberliner Exklaven. Die "Erlengründer" trotzten sowohl dem Kommunismus als auch dem Kapitalismus: Zuerst kauften sie in den 1940ern ihre gemeinsame Gartenanlage, sodass jedem ein Sechstel gehörte, und bewirtschafteten alles ökologisch ohne fließendes Wasser und Strom. Und davon ließen sie sich auch nicht im Kalten Krieg, mitten im Auge des Sturms, abhalten. Sie mussten sich während der Öffnungszeiten per Sprechanlage melden und ihren Ausweis am Postenhäuschen vorzeigen. Dann kam ein Grenzsoldat, der sie über diesen Betonplattenweg zur Pforte führte. Wer Besucher mitbringen wollte, musste sie ein Jahr vorher anmelden. Die Havel floss gleich nebenan, gehörte aber nicht mehr zur Exklave - baden war also seit dem Mauerbau verboten.
Erst im Juli 1988 bekam Westberlin durch einen Gebietstausch das ganze Gebiet um die Kleingärten dazu.
Heute dürfen sogar die baden, die hier gar keinen Garten haben - gleich nebenan wartet ein kleiner Badestrand mit Restaurant. Rein da!

Immer wieder verschönern blaue Holzbrücken den Weg.

Die restliche Strecke macht weniger Spaß. Wenn ich sie mit einem Wort beschreiben müsste, dann wäre es: Baustellen. Im immerwährenden Kampf gegen den Berliner Wohnungsmangel wird gebaut, gebaut, gebaut. Wie bitte, ich soll auf die Baustelle abbiegen? Nein danke, so engen Kontakt mit dem Wesen Berlins brauche ich nun auch nicht.

Immer wieder blockieren ehemalige Hafenbecken die Fahrt am Ufer der Havel.

Wer in diesem städtischen Durcheinander noch was von der Havel sehen will, sollte gut aufpassen und nicht die richtigen Abzweigungen verpassen. Das ist mir hin und wieder sogar gelungen.
In diesem Bereich verschwindet der Radfernweg Berlin-Kopenhagen auf seiner eigenen Route ins Zentrum. Die besteht aus immer demselben Radweg an derselben Hauptstraße, weshalb ich nicht das Bedürfnis habe, sie mal auszuprobieren.

Havelsee Nr. 28: Tegeler See

hängt nur mit einem Ende an der Havel dran.


Havelsee Nr. 29: Spandauer See

Umgeben von Wassergräben ragt am anderen Ufer ein Koloss aus Backsteinen auf, die uneinnehmbare Zitadelle von Spandau (hinten rechts, aufgrund ungünstiger Lichtverhältnisse sehr mies zu erkennen - vertrauen Sie mir einfach, die ist da). Die Festung wird vom gegenüberligenden Ufer aus bewacht von einer Armada aus Schwänen und Technomusik hörenden Jugendlichen. Der Turm ist das älteste nichtkirkliche Bauwerk in Berlin.

In Spandau führt ein wunderschöner Uferweg an der Havel entlang. Dort hatte ich einen super Blick auf die Mündung der Spree. Gegenüber zweigt ein kleiner Kanal ab, der zwei Arme der Havel verbindet und so mal eben Berlin-Spandau in eine Insel verwandelt.

Diese Insel beinhaltet eine gelb gestrichene Altstadt, deren Schönheit extrem von der konkret gewählten Straße und vom Wetter abhängt - in der Sonne ist Spandau hübsch, bei Wolken oll. Die vom Reiseführer versprochenen Fachwerkhäuser gab es jedenfalls nur in einer einzigen Seitenstraße. Ein bisschen ist noch zu erkennen, dass Spandau mal unabhängig war - auf den ersten Blick könnte das auch eine brandenburgische Kleinstadt sein, wären da nicht 346818983647 Dönerläden und 1 U-Bahn-Station.
Und hier endet erst einmal die erste Staffel unseres Havelgeschwafels.

Die Havelmauer

Länge: 7,6 km
Grenzquerungen: 1
Bundesländer: Berlin, Brandenburg
Seite: Ost (wobei die politische Ostseite hier im Westen liegt)
Erkenntnis: Einen Kleingärtner kann vielleicht eine zu hohe Hecke aus der Ruhe bringen, aber kein Kalter Krieg.

05 April 2025

Havel: Von Zehdenick nach Oranienburg

Havelgeschwafel IV: Die Stadtfluchtstrecke
Die Kanalleesation des Havelradwegs - Rosarote Leere - Der ultimative Knick - Havel oder Kanal? - Schleusenschluss und Seenstart - Die Stadt der Adligen - Was Oranienburgs wahres Geheimnis ist und welche Wasserrutschen es einschließt

Heute teilt sich das Wasser in Havel (links im Bild) und Voßkanal (rechts) auf.

Darum hatte dieser Tag endlich mal den Charakter eines Flussradwegs. Nur dass wir streng genommen nicht am Fluss gefahren sind, sondern eben am Voßkanal. Die eigentliche Havel ist rechts hinten anhand der Schlängellinie aus Bäumen zu erkennen.
Aber wen interessierts? (Ja, ich weiß, mich, und sonst niemanden.) Stundenlang radelten wir geradeaus am Wasser entlang, was für ein Traum. Am Wegesrand zeigten die Birken ihre ersten zarten Blätter. Ab und zu passierten wir seltsame Engstellen mit Kopfsteinpflaster. Die störten uns nicht weiter, denn der Radweg war relativ leer. Noch.

Während einer Schleusenpause beobachteten wir, wie das Wasser in die untere Etage blubberte.
Die Schleusentore haben folgende Gemeinsamkeit mit Menschen, die bei solch traumhaftem Wetter nicht Fahrrad fahren: Sie sind nicht ganz dicht. Ein frecher Sprühregen plätschert aus dem Türspalt nach unten.

Das Städtchen Liebenwalde ist ausgesprochen sauber und ordentlich. Was daran liegt, dass hier anscheinend keine Menschen leben. Zumindest keine, die einen wundervollen Ostermontag zwischen den Pflastersteinen ihrer Stadt verbringen wollen.

In der Kirche auch nicht. Wo sind die alle hin?

Hier sind sie! Der Radweg füllt sich immer mehr. (Aus Datenschutzgründen nehme ich trotzdem ein Bild, wo er leer ist.) Die meisten Radler kamen uns entgegen. Wow, die Berliner haben es echt eilig, ihrer Stadt zu entkommen!
Dieser Radweg ist auf jeden Fall eine supersichere Fluchtroute. Er verläuft nicht mehr am Wasser, sondern einmal schräg durch den Wald.

Ganz idyllisch neben dem Grabowsee befinden sich die Überreste einer Lungenheilanstalt.
Müssen wir da rein? Mal schauen: Die bisherige Strecke war total einfach. Atemnot? Keuchen? Fehlanzeige! Also weiter.

Anschließend sind wir an einem neuen Wasserlauf herausgekommen. Da stellt sich erstmal die Frage: Havel oder Kanal? Die Frage enthält bereits die Antwort: Es ist der Havel-Oder-Kanal. Der hat sich mit dem Voßkanal vereinigt, also ist da zur Hälfte auch Havelwasser drin.
Die Berliner Stadtfluchtroute a.k.a. Havelradweg geht also auf einem weiteren wunderbaren Wasserweg weiter. Diesmal ist das Wasser doppelt so breit und von ordentlichem Nadelwald umgeben. Diese Strecke hat mich sehr an den Stichkanal Osnabrück erinnert. Es fehlt eigentlich nur die Flotte aus Stand-Up-Paddlern. 
Am Ufer des Kanals gab es Reis mit Curry aus dem Campingkocher. Wer den besonderen K(n)ick beim Essen sucht, setzt sich nicht auf die Bank, sondern auf einen sehr dünnen, umgestürzten Baum, welcher vielleicht zerbricht oder auch nicht.

Nach einigen Kilometern passiert der Kanal die Lehnitzschleuse. Sie hat ein großes weißes Tor-Durchgangs-Dingsbums und ist deswegen die beeindruckendste Schleuse bisher.

Hinter der Schleuse wird aus dem Kanal

Havelsee Nr. 25: Lehnitzsee

Von allen Havelseen hat dieser hier den bislang schönsten Seenradweg. Ein Gürtel in den unterschiedlichsten Grüntönen säumt seine Ufer. Die kleinen Bäume treiben hellgrüne Knospen, die großen werden vom dunkelgrünen Efeu erwürgt. Hach ja, der Kreislauf des Lebens.

Später lösen einfarbige Wiesen den Baumgürtel ab. Hier könnten wir eigentlich wirklich mal im See baden geh... oh, eine Spaßbad!
Die Oranienburger Schwimmhalle ist nicht allzu groß (in Relation zum Eintrittspreis), doch die Rennrutsche ist in der Lage, innerhalb von drei Minuten und 48 Sekunden mürrische Teenager in ambitionierte Wettrutscher zu verwandeln.

Das Bad nennt sich aus irgendeinem Grund TURM. Das bezieht sich anscheinend auf diesen Wasserturm, der überhaupt nicht Teil des Bades ist, sondern bloß in der Nähe herumsteht.

Bisher kannte ich von Oranienburg bloß den ollen Bahnhof und den langweiligen Bahnhofsvorplatz. Für diese Tour hatte ich mir ein ambitioniertes Ziel gesetzt: schöne Ecken in Oranienburg zu finden.
Für Radfahrer bietet die Stadt ein riesiges Parkhaus und breite Radwege. Das ist praktisch, aber schön kann man dieses Grau in Grau noch nicht nennen.

Vom Bahnhof aus bin ich dem Louise-Henriette-Steg gefolgt, und auf einmal wurde die Stadt wieder grüner. Kurz darauf erreichte ich eine Fußgängerbrücke über die Havel (also dem Teil der Havel, der kein Kanal ist). Weil die Brücke ein bisschen nach oben geht, nannte man sie auch Schwindsuchtbrücke. (Ernsthaft? So steil ist sie nun auch wieder nicht, da kenne ich echt steilere.)
Wer ist diese Louise, nach der dieser Radweg plus Brücke aus dem Jahr 1895 benannt wurde? Sie war Kurfürstin - und Niederländerin. (Da hätte ich auch selbst drauf kommen können - bei dem Radweg!) Ein Schild erzählt, sie habe Oranienburg mit Mut und Toleranz auf nicht näher definierte Weise modernisiert.

Später lebten in Oranienburg andere Adlige, die Hohenzollern. Die waren noch mächtiger, aber nicht ganz so fortschrittlich eingestellt.
Ein Uferweg führt zum Schloss hinauf, das weißer strahlt als die Zähne eines Zahnarztes. Dort oben verwandelt sich das Ufer in Betonmauern (um das Schloss vor dem Wasser schützen vielleicht). Trotzdem macht die "richtige" Havel ähnlich viel her wie der Kanal/Lehnitzsee. Wieso führt der Havelradweg eigentlich nicht hier lang?

Ergebnis: Es gibt tatsächlich schöne Stellen in Oranienburg, aber ausschließlich am Wasser. Im Grunde wie in Zehdenick, nur noch extremer. Sobald ich mich von der Quelle des Lebens entfernte, wurde die Stadt auf der Stelle.... lebloser. 

Freilich kann Oranienburg auch noch viel dunkler sein: Im Vorort Sachsenhausen befindet sich eine bekannte Konzentrationslager-Gedenkstätte, in die alle Schüler aus dem Einzugsgebiet Nordostdeutschland geschafft werden, um ihnen zu zeigen, dass sie sich für immer für ihr Land schuldig fühlen müssen wozu normale Menschen unter der falschen Führung imstande sind. Der düstere Eingang Tor A wurde komplett nachgebaut. Innendrin stehen oft nur verfallene Mauern. Was aber ausreicht, wenn erklärt wird, wozu genau diese dienten.
Symbolbild

03 April 2025

Havel: Von Blumenow nach Zehdenick

Havelgeschwafel III: Das Ziegelgefriemel
Karfreitag am Ostersonntag - Tonteiche, die keine Teiche sind - Woher Berlin wirklich stammt - Schlösserknacken während der Öffnungszeiten - Dschingis Pfadi - Die kopierte Stadt

Am Ostersonntag war es ungewöhnlich still an der Havel. Nirgendwo läutete eine Kirchenglocke.

Wir hatten uns eine kurze, idyllische Tagesstrecke vorgenommen, die uns mitten durch die Tonstiche führte. Die Menschen haben hier Ton aus der Erde gebuddelt gestochen, und übrig blieben Löcher, die sich mit Wasser füllten. Die Seen Stiche sind nach irgendwelchen Ton-Profis (z.B. Rödererstich) oder Bäumen (z.B. Pappelstich) benannt und nicht mit der Havel verbunden. Ich fand sie kleiner, aber auch schöner als die niedersächsischen Kiesseen.

Der Ton gibt auf dieser Tagesetappe den Ton an. Wir wollten nämlich den Ziegeleipark Mildenberg besuchen. Das ist eine Mischung aus modernem Industriemuseum und Mini-Freizeitpark.
Als wir uns dem Gelände näherten, dachten wir noch ganz ahnungslos: Ui, das ist ja gut besucht. Stehen da etwa Zelte? Na, hoffentlich wird's nicht zu voll.
Doch an der Kasse erfuhren wir, dass mehrere Riesenhorden Pfadfinder das Außengelände komplett gebucht hatten. Uns blieben nur die Innenbereiche und die Rundfahrt mit der Ziegeleibahn. Na super. Wie passt es bitte zu einer Natur- und Friedensbewegung, eine Industriestätte komplett für sich zu beanspruchen und keine anderen Menschen zu dulden? Diese komischen Eroberungspfadfinder stammen wohl entweder aus dem Ruhrgebiet oder aus der Mongolei. Auf letzteres deuten die mongolischen schwarzen Zelte (Jurten) hin. Obwohl Dschingis Khan bei seinen Eroberungen vermutlich noch keine Zeltplanen mit Fenstern drin (hinten rechts im Bild) hatte.
Wie auch immer, erst einmal sind wir in die Ziegeleibahn eingestiegen. Nach einigen Schlenkern an der Havel steuerte die Bahn mitten auf das eroberte Pfadfindergebiet zu - aussteigen strengstens verboten. Die Pfadfinder winkten fröhlich, machten eine La-Ola-Welle, sie wirbelten auf der Drehscheibe am Spielplatz herum und fuhren auf Kettcars neben her. Überhaupt schienen sie nicht im Mindesten zu ahnen, dass wir irgendwie schlecht auf sie zu sprechen wären oder dass ihretwegen an Ostern so viele Kinder traurig aus der Wäsche schauten wie an keinem anderen Ort in Brandenburg.

Unsere kleine Diesellok ratterte ungefähr mit Schrittgeschwindigkeit durch ein Wirrwarr an Gleisen. Alle Gleise sind unterschiedlich breit haben unterschiedliche Spurweiten. Angeblich wurde das eingeführt, damit sich die Ziegeleien nicht mehr gegenseitig die Waggons Loren klauen.
Ab und zu stieg der Lokführer aus, schlenderte zur Mitte des Zugs und sprach zu uns. Gelegentlich kamen seine Schallwellen sogar an unserem Ende des Zuges an. Er zog in Berliner Schnauze kurz und knapp seine übliche Führung durch, nur eben ausnahmsweise im Konjunktiv, weil heute nichts ging: Hier könnten Sie eine Spezialausstellung sehen, dort könnten Sie ein Floß selber über den See ziehen und da hinten dürften Sie Schienenfahrrad fahren (eine Art Fahrraddraisine für nur eine Person).
Die Fahrt geht auch durch eine Fabrikhalle, die mal Europas modernste Ziegelei war.

Der wichtigste Schritt beim Ziegelmachen war selbst während der Industrialisierung noch Handarbeit. Man klatsche den Ton in eine Holzform und streiche ihn mit einem Stock glatt. Das durften wir selbst ausprobieren. Was quasi sofort dazu führte, dass unsere Hände farblich selbst an einen Ziegel erinnerten, lange bevor wir einen richtigen Ziegel in der Hand hielten.
Das Ziegelstreichen erinnert ein bisschen ans Plätzchen ausstechen: Am kniffligsten war es, das Ergebnis aus der Form zu lösen, ohne dass wir hinterher gleich von vorn anfangen mussten.

Beim zweiten Versuch hatte mein Ziegel eine annähernd rechteckige Form. Immerhin sah er besser aus als die hier. (Die Ziegelei hatte extra eine Mühle, um solche sogenannten Fehlbrände zu schreddern.)

Erst in der DDR übernahm die Maschine links im Bild das Schneiden.

Nach dem Schneiden landen die Steine im Ringofen. Und wir sollten dort auf unserem Rundgang auch landen, theoretisch. Aber irgendein Besucher hatte die Tür ins Schloss fallen lassen. Kein Problem: Mit seinem Taschenmesser hatte Papa das Schloss innerhalb einer Sekunde geknackt.
Das Brennen im Ringofen durften wir selbst ausprobieren, also quasi, aber nicht mit dem selbstgemachten Ziegel. Das Museum hat zwei Ringöfen. Der eine beinhaltet eine moderne Ausstellung, der andere ist etwas leerer. Dort nahmen wir uns einen digitalen Plastikziegel vom Tisch. Während wir durch die Temperaturzonen schritten, leuchtete er immer roter: Erst 30 Grad (hach, ein schöner Sommertag, fast wie draußen), dann 60 (apropros, in die Sauna könnte ich auch mal wieder gehen) und dann 1800 Grad (ups, ich bin tot).
Eigentlich ist das irreführend. Im Ofen wanderten nicht die Ziegel, sondern das Feuer. Die Steine wurden in eine Stelle des Feuerrings eingemauert und irgendwann wieder rausgeholt.

Der endlose Rundgang des Feuers wurde in der ersten Etage kontrolliert, mit Hilfe solcher Schüttöffnungen.

Zum Schluss wurden die Ziegel auf ein Schiff verladen. Bevor der elektrische Kran erfunden wurde, geschah das mithilfe einer Ziegelrutsche (im Prinzip einfach ein Brett).
Das Hafenbecken ist direkt mit der Havel verbunden, die rein zufällig nach Berlin fließt. Berlin wurde aus dem Kahn erbaut, heißt es, und dieser Kahn befand sich genau hier. Darauf weist die Website der Ziegelei nur ungefähr 37 Mal hin (während eventuell auftauchende Eroberungspfadfinder keine Erwähnung wert sind).

An der Mühle von Zehdenick rauscht die Havel so richtig wild vor sich hin - zum ersten Mal, soweit ich das beurteilen kann. Ansonsten ist das ein äußerst ruhiger Fluss.

Zehdenick ist in so gut wie jeder Hinsicht das Malchin Brandenburgs. Die vielen Gemeinsamkeiten sind erstaunlich.
Für den äußerst unwahrscheinlichen Fall, dass Sie noch nie in Malchin waren und mit diesem Vergleich nix anfangen können, zähle ich alle Gemeinsamkeiten auf:
  • Zehdenick hat ein altes Kloster (wie in Himmelpfort mit Schlingpflanzen drauf).

  • Zehdenick wurde während der Industrialisierung bekannt für seine Textilien (und natürlich für die Ziegel).
  • Zehdenick hat eine absolut öde, unspektakuläre Innenstadt, doch sobald wir uns ans Flussufer begeben, wurde es richtig schön und wir konnten mit wunderbarem Ausblick essen gehen.
  • Zehdenick liegt an einem Fluss, der zur Hälfte aus Mecklenburger Seen besteht.
  • Das inoffizielle Wahrzeichen von Zehdenick ist eine ungewöhnliche Brücke, die für vorbeifahrende Schiffe Platz macht, was jedes Mal eine ganze Weile dauert. (Die Hastbrücke wurde 1801 nach einem Stadtbrand gebaut. Damals war sie eine Zugbrücke aus Holz, heute eine Hubbrücke aus Stahl. Wenn sie nach oben gleitet, müssen Radfahrer entweder warten oder ihr Rad die Treppe rauf über die höhere Fußgängerbrücke schleppen.)

Unsere Unterkunft ist etwas ganz Besonders - ein Schlosszimmer, und zwar nicht irgendeins. Dagegen kann das Elbschloss in Lenzen nicht anstinken!
Wir schlafen in einem gemütlichen Raum im Erdgeschoss eines gelben Havelschlosses. Direkt hinter den Balkontüren können wir durch einen Park an der Havel schlendern. Auf dem Wasser paddeln Schwäne, am anderen Ufer erheben sich zwei hübsche weiße Brücken über zwei Nebenflüsse. Abends setzte ich mich vors Fenster und beobachtete, wie die Sonne über dieser Parkanlage unterging. Entsprechend saftig fiel am nächsten Morgen leider die Rechnung aus.