04 Oktober 2024

Vechte: Von Zwolle nach Laar

Vechteführung Tag 1: Niederlande (Provinz OveriJssel)

Wir begrüßen Sie ganz herzlich auf dem konstwegen, dem größten offenen Museum Europas am internationalen Fluss Vechte. Dieser endet auf der Altstadtinsel der Hansestadt Zwolle in den Niederlanden. In Wahrheit ist Zwolle jedoch besser als Startpunkt geeignet, da wir uns nicht gegen den niederländischen Wind wenden wollen. Die Handelsstadt ist über Grachten mit den Flüssen verbunden, die Schiffe der Vechte wurden traditionell in der Thorbeckegracht (links) entladen. Doch mindestens ebenso sehr ist Zwolle eine Stadt der Künste. Die Kunst Route Zwolle verbindet die Stadt durch ein Metallband, das einem Fluss ähnlich über die Bürgersteige fließt.
Ihren Kirchturm nennen die Zwoller liebervoll peperbus (Pfefferstreuer), was mehr Selbstironie als andere niederländische Städte offenbart, denn die Kirchtürme sehen in den meisten Städten wie Pfefferstreuer aus.

Tradition und Moderne vereint das Museum de Fundatie. Bereits im Eingangsbereich hängen große, schmutzig anmutende Stofffetzen von der Decke und zeigen, dass hier nicht nur (aber auch) mit den klassischen Ölgemälden niederländischer Meister zu rechnen ist. Der Standort gewinnt dadurch an Besonderheit, dass die Zwoller Bürger genau hier die Burg der Raubritter vernichteten, die den Ausbau ihrer Kanäle und ihres Handels blockierten - mit Unterstützung der Kirche, ein untypisches Bündnis.
Vor dem Gebäude sehen wir die Skulptur Nummer 16 der Kunst Route Zwolle. Arne Quinze modellierte ein dunkles, wogendes Band aus Löchern, dem Obskurial aus Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind nicht ganz unähnlich. Oder dem, was aus Ihrem Biomüll wird, wenn Sie ihn sehr, sehr lange liegen lassen.

Direkt gegenüber verspricht die Herman Brood Experience ein weniger ernstes Kunsterlebnis. Der Rockmusiker Herman Brood wurde 1946 in Zwolle geboren. Die Auftritte seiner Band verschafften ihm das nötige Interesse an seiner Kunst, und so war er stets motiviert, sich auch mit Pinsel und Sprühdose kreativ auszuleben. Zeichnungen wie pals ik jau niek zeigen, dass es nicht immer eine zutiefst gequälte Künstlerseele sein muss - Brood beschäftigte sich lieber mit Entspannung, Cowboys, Indianern und Liebesbezeugungen. Offenbar bevorzugt er Menschen mit gelber Haut, die möglichst viel davon zeigen. Theorien, wonach er deshalb unter Gelbsucht litt, erscheinen jedoch übertrieben - nicht jeder Rockmusiker muss schließlich süchtig sein.

Selbst in den schmalen Gassen kann dem ahnungslosen Besucher plötzlich die Kunst von Zwolle auflauern. Zu diesem Gemälde ist kein Titel angegeben, doch handelt es sich unverkennbar um Die Apokalypse aus Umbrella Academy Staffel 1.

Der eigentliche konstwegen hat es nicht leicht, sich bei solcher Konkurrenz zu behaupten. Wie in den meisten großen Städten an der Vechte platziert er mehrere kleinere konstwegen stationen in der Stadt. Zu diesen gehört der Gläserne Engel von Herman Lamers, welcher auf dem Marktplatz über alle Werke der Stadt zu wachen scheint. Der geflügelte Mann besteht aus dutzenden und aberdutzenden dicken Glasschichten, die ihn nicht durchsichtig, sondern türkisfarben erscheinen lassen. Wer sagt, dass Glas immer für Zerbrechlichkeit stehen muss? Hier strahlt es vielmehr Stabilität und Beständigkeit aus.

Die Sprühdose kommt erneut zum Einsatz in der E232-Brücke. Eine extra für den zweispurigen Radweg verbreiterte Unterführung, diese Verbundenheit zum Zweirad spiegelt sich selbstverständlich auch im höchst detaillierten Wandgemälde wider, doch noch mehr die von Klappbrücken und Wasser zerteilte Umgebung der Stadt.

Ein Beispiel moderner niederländischer Architektur liefert das Deltion College. Trotz gläserner Brücken und Türme bleibt es jedoch der niederländischen Tradition verhaftet, indem ein grünlicher Wassergraben das Gebäude umschließt.

Doch wo ist nun der Fluss, dem der konstwegen folgt? Schwer zu finden. Eine großflächige Installation der Zwoller Stadtverwaltung namens omleiding hält uns davon ab, ihm unmittelbar auf dem Deichradweg im Bogen um Zwolle herum zu folgen. omleiding - nicht ohne Grund steckt darin das Wort Leid. Die ständig wiederkehrenden gelben Pfeile und Bauzäune verlangen dem Zuschauer das Äußerste an Frustration ab, sobald ihm allmählich klar wird, dass er einen recht großen Teil der guten heutigen Strecke versäumt.

Die Vechte endet nordöstlich von Zwolle, wo sie sich in zwei Arme teilt (rechts am Horizont). Der linke fließt direkt an der Stadt vorbei, versorgt ihre Grachten mit Wasser und mündet südlich der Stadt in die IJssel (links). Diese Mündung ist noch ganz gut zu erreichen. Der große Arm aber nimmt im Nordosten über das Zwarte Meer den direkten Weg ins Ijsselmeer, und dort gibt es, sehr ungewöhnlich für die Niederlande, gar keine Radroute. Dementsprechend wirken diese beiden Fotografien der Vechtemündung eher verloren in der weiten grünen Ebene, als wüsste der Künstler selbst nicht, was wohin fließt.

Nachdenklich stimmt das schlichte steinerne Oorlogsmonument. Es gedenkt der "slachtoffer", welche sich am 13. Oktober 1944 in der "schietbaan" befanden. Die niederländische Sprache macht es nicht unbedingt leichter, ihren Tod mit dem gebührenden Ernst zu würdigen.

Außerhalb der großen Städte besteht der konstwegen aus weniger, dafür aber größeren Skulpturen, welche häufig, auch thematisch, eng mit der umgebenden Landschaft verflochten sind. Da wir nun den frustrierenden Bogen um Zwolle verlassen haben und auf den Deich einbiegen, können wir uns endlich ihnen zuwenden.
Als Bilderrätsel gedeutet werden sollen de zieleschepen von Cornelius Rogge. Und in der Tat geben die Seelenschiffe aus Stahl einige Fragen auf: Warum sieht der Stahl aus wie abgenutzter Kunststoff, und die Seelenschiffe wie einfache Motorboote, die in einem Altarm der Vechte ihren kleinen Hafen haben? Reisen Niederländer derart bescheiden ins Totenreich? Oder sind es gar nicht die echten zieleschepen?

Kein Zweifel dagegen besteht, dass es sich bei dieser Figur vor dem Bahnhof Dalfsen um die zwekende kei handelt. Bas Maters ist es gelungen, einen Findling  in Form einer gewaltigen Muschel auf der Spitze einer kannelierten Säule zu balancieren, die ihrerseits schief steht. Das Ergebnis lässt zweifellos auch den einen oder anderen Kopf schief stehen. Diese Infragestellung der Naturgesetze könnte an einem anderen Ort sicher surreal wirken, doch befindet sie sich an einem der gewöhnlichsten Plätze, den man sich nur vorstellen kann: Einer Schafweide. Und so machen die zwekende kei dennoch einen seltsam normalen Eindruck.
Die Schafe nutzen den Schatten auf der Spitze und blöken und blockieren jede, der durch die Viehsperre auf ihren Hügel tritt und ihrem angestammten Platz zu nahe kommt. Wer sagt schließlich, dass Kunst nur für Menschen da ist?

Der Aussichtsturm Vechtetal eröffnet einen weiten Blick zur an dieser Stelle ein wenig weiter entfernten Vechte. Die metallene Treppe ist von hölzernen Stäben umgeben, die dem Bauwerk von innen den Eindruck eines wohlwollenden Zookäfigs verleihen. Mensch und Natur - wer muss hier wirklich vor wem geschützt werden?
Für Fragen sorgt sicher auch die mysteriöse, in Metall eingestanzte Landkarte der Vechte, welche die Komplexitäten der Mündung völlig unterschlägt. Zwolle und Dalfsen sind noch ganz normal eingestanzt - doch dann folgen mysteriöse Namen wie nemmO, raaL und frodttühcS. Diese Orte, die erst noch kommen, sind rückwärts aufgedruckt, als wären sie Spielkarten, die erst noch aufgedeckt werden müssen. Blickt man von der anderen Richtung auf die Metallplatte, ist es entsprechend andersherum.

Auf einer Insel zwischen zwei Wehren finden sich die Bänke der Wasserbehörden oder Waterschapsbanken. Sieben Künstler sollten Bänke modellieren aus dem Bentheimer Sandstein, der über die Vechte transportiert wurde. Jacomijn Schellevis legte den Begriff der Bank etwas freier aus und modellierte zwei Throne, um den Blick über die Vechte königlich zu genießen. Dabei nehmen die Baumreihen links und rechts die Gestalt eines Thronsaals an - die niederländische Monarchie scheint die Kunst bis heute zu beeinflussen. Der Sandstein befindet sich ausschließlich in der Sitzfläche, die damit paradoxerweise zum härtesten Teil des Stuhls wird - ein Querverweis auf den Eisernen Thron? In die hölzernen Lehnen sind typische Fischarten der Vechte eingeritzt. Ein Stuhl, welcher der niederländischen Queen würdig wäre.

Als offensichtliche Parodie darauf findet sich viele Kilometer entfernt diese Installation zweier gewöhnlicher Stühle im Grünen. Das Erleben der Natur wird hier bescheidener und bürgerlicher, möglicherweise verbirgt sich hier Kritik monarchistischen Denken.

Schwerer zu entschlüsseln ist dieses Objekt mit dem Titel STOP Alleen toegang, von dem gleich mehrere Exemplare an der Vechte stehen. Eine Kurbelfähre? Nein, sie fährt elektrisch. Doch man darf sie nicht allein bedienen? Warum steht dann das Tor offen, und warum ist niemand hier, mitten an einem herrlich warmen Wochenendtag?

In Ommen verströmt die Mühle De Konijnenbelt aus dem Jahre 1806 klassisch niederländischen Charme. In ihr wurde ganz gewöhnliches Korn gemahlen, und so ist es nur passend, dass sie restauriert am Wegesrand steht wie der Archetyp einer Mühle schlechthin.

Doch Künstler wären nicht Künstler, würden sie nicht auch solch ein Urgestein umdeuten und abändern, etwa in Form einer kleinen Metallmühle, die mit ihrem dünnen Mittelteil eher an den Wilden Westen erinnert und verloren am Fluss herumsteht.

In Ommen selbst stehen erneut mehrere konstwegen stationen, unmittelbar am Vechteufer zum Beispiel De Wulp. Das Konstrukt erinnert an eine Kreuzung aus einem Menschen, Vogel und hölzernen Raclette-Schaber, womit es Sehnsüchte nach Freiheit und geschmolzenem Käse weckt.


Der Höhepunkt von Ommen wartet jedoch hinter der Stadt, wo wir nun in einen dicht bewachsenen Wald voller violetter Trompetenpflanzen eindringen.

Dieses Gemälde taucht die Sahara Ommen durch besondere farbliche Kontrastierung von hellem und dunklem Sand in ein besonderes Licht. Exotischer scheint sie so zwar nicht unbedingt, aber warum auch? Vielleicht muss ja gar nicht die Sahara Ommen die afrikanischen Sahara nachahmen, sondern umgekehrt. Der einsame, windschiefe Nadelbaum bringt einen Bewegungsimpuls in das Bild, als fühle er sich zutiefst verlassen wie der letzte, halb verdurstete Baum im weiten Umkreis - obwohl seine Artgenossen nur wenige Meter entfernt sind.
Die Sandfläche entstand, als Schafe die Pflanzen abweideten und das Heidekraut umgepflügt wurde - sehr gründlich, denn von der Heide ist überhaupt nichts mehr zu sehen. Der Sand lag nun offen, und der Wind türmte ihn zu Wanderdünen auf. Um seine Ausbreitung zu stoppen, forstete man die Dünen mit Nadelbäumen auf. Inzwischen versucht die Forstverwaltung, sie mit Laubbäumen aufzulockern, und die letzten verbliebenen Flugsandflächen zu erhalten. 

Nach einem von hölzernen Booten gesäumten Hügel, der eine Grabstätte nachzuahmen scheint, erreichen wir eine Skulptur aus Roststahl mit der Aufschrift als ik de Vecht zie stromen voel ik een golf rust.
Als ich die Vechte fließen sehe, spüre ich eine Welle des Friedens. Eine verständliche, doch recht naheliegende Reaktion.
Rostige Platten scheinen im Allgemeinen der erstbeste Reflex eines Künstlers zu sein, der eine Freilichtgalerie an einem Radweg ausstatten soll (man denke hier nur an die Werra), als hätten sie sich bereits mit dem langsamen Verfall ihres Werkes durch die Elemente abgefunden und würden diesen vorwegnehmen. Hier ist die gebogene Platte besonders simpel geraten: Neben dem Text wurden nur einige Kreise eingestanzt. Die Erklärung des Werkes lässt sich nicht lesen, weil die Glasplatte völlig gesplittert ist - wollte der Künstler damit von Anfang an seine Einfallslosigkeit kaschieren? Oder muss das Ganze womöglich als meta-ironische Darstellung von Kunst an Radwegen gelesen werden?

Waarschuwing ist der Titel eines Holzschildes, das vor den Toren von Hardenberg alle Radler und Spaziergänger warnt, einen Abstand von 25 Metern zu gefährlichen, gehörnten Bullen einzuhalten. Versteckte Polizeikritik womöglich? Oder Kritik an übertriebener Polizeikritik? Denn die sanften Kühe entlang der Strecke stellen sich in Wahrheit als völlig harmlos heraus.

In Hardenberg erinnert eine Statue von Geke Dijhuis an Aaltje Kraak. Was hat diese Frau, die so bescheiden und sittsam auf ihrem Sockel steht, geleistet, dass man sie noch heute ehrt?
Sie hat am 7. Mai 1708 den größten Stadtbrand verursacht und die meisten Gebäude vernichtet, welche durch den Zusammenhalt der Bürger jedoch schnell wieder aufgebaut wurden. Eine ungewöhnliche Form der Gedenkkultur.

Völlige Verkehrsverwirrung verschafft dieser Platz hinter Hardenberg, eine Art Fahrrad-Kreuzung voller Parkbuchten für Autos. Ein unbekannter, künstlerisch begabter Asphaltierer wollte hier jegliche Konvention zupflastern.

Neben einem Bahngleis und der Kreuzung von Almelo-Vecht-Kanal, Almelo-De-Haandrik-Kanal und Vechte findet sich dann noch die konstwegen stationen de haandrik. Ebenso wie die Kanalkreuzung wurde sie nach dem benachbarten, winzigen Dorf benannt. Das Objekt selbst erinnert an ein Radioteloskop mit Minderwertigkeitskomplex und deutet womöglich darauf hin, dass diese Wasserstraßenkreuzung ja nun so wichtig auch wieder nicht ist.
Für die Unwichtigkeit dieser Wasserläufe spricht auch, dass die niederländische Vechte erst 1958 richtig begradigt und befestigt wurde - deutlich später als auf deutscher Seite, obwohl die deutsche Vechte schmaler ist und die Niederlande das Hochwasserschutz-Land schlechthin sind.

Das Werk gehört zu Gramsbergen, der letzten niederländischen Ortschaft, die architektonisch durch seine schlingpflanzenüberwachsenen Backsteinwände überzeugt.
Hinter Gramsbergen und der Kanalkreuzung lösen sich die roten, niederländischen Fahrradstreifen auf und die Allee überquert die Grenze.

Doch Moment? Wo ist hier die Vechte? Und wo sind die Kunstwerke? Kann es etwa sein, dass der konstwegen seine einzige Staatsgrenze derart sang- und klanglos überquert? Nein, irgendwo müssen sich Fluss und Kunst verstecken. Doch um sie zu erreichen, braucht es großer Mühe - dagegen sind die Schafe am zwekende kei gar nichts. In der hintersten Ecke der Dorfstraße im deutschen Laar beginnt ein nicht enden wollender, aber kaum erkennbarer Pfad über den Deich. Das hohe, klatschnasse Gras durchweicht nach wenigen Metern jeden Schuh und Strumpf restlos. Ohne Zweifel wollten die Künstler mit dieser Standortwahl zeigen, dass Kunst anstrengend sein kann und muss. Es ist faszinierend, wie die Künstler diesen Effekt vorausgeplant haben, um ihre Naturverbundenheit zu demonstrieren. Doch so muss es sein, denn eine vernünftige Erklärung für diesen Unfug gibt es nicht. Die Schuhe quietschen und quatschen, als würden alle Vögel und Amphibien in den Hecken einen Heidenlärm veranstalten.
Endlich stoßen wir auf die Vechtenester des Planers und Künstlers Roel Westerman. Er platzierte mehrere organische Sitzelemente in den Deichen, die gemeinsam die Form eines Nests bilden. Auf ihnen soll der Betrachter den Kiebitz und Austernfischer beobachten. Westerman hat eine sehr eigene Definition des Wortes Sitzelement, denn zum Sitzen eignen sich diese Bretterwände nur bedingt. Sie ähneln weder Bänken noch Nestern, sondern einem ganz anderen Teil des Austerfischers - dem Flügel.

Erst ganz am Ende erwartet uns das Vechteufer, und dort, in einem eingezäunten Quadrat, welches das Vieh fernhalten soll, wortlos von Ilya und Emilia Kabakov. Aus Edelstahldraht konstruierten sie zwei Liebende, die durch einen Fluss und eine Staatsgrenze getrennt werden. Da die Grenze aber nicht auf dem Fluss verläuft, sondern ihn nur kreuzt, müssen sich die Figuren leicht versetzt, diagonal gegenüberstehen. Das macht die Wortlosigkeit ihres Dialogs nur noch glaubwürdiger: Auf diese Entfernung könnte man tatsächlich nur noch durch Brüllen kommunizieren.
In Geschlechterfragen bleibt dieses Paar konventionell: Auf deutscher Seite steht ein Mann (hinten links), auf niederländischer Seite eine Frau (vorne rechts). Der deutsche Michel und Frau Antje versuchen mit aller Kraft, wortlos die Völkerverständigung aufrechtzuerhalten, und scheinen sich dabei vor Anstrengung regelrecht in Luft aufzulösen. Oder geht es hier doch um das friedliche Auflösen der Staatsgrenzen in Europa?

Im Zuge der Völkerverständigung ist natürlich auch niederländische Baukunst über die Grenze geflossen, und so wundert es nicht, dass im ersten deutsch Dorf Laar eine Galeriewindmühle holländischer Art steht. Beauftragt hat sie 1806 der Reichsgraf Ludwig zu Bentheim-Steinfurt. Auch diesmal hat sie einen metallenen, zweieiigen Zwilling am anderen Ufer, der sogar noch mehr nach Wildem Westen aussieht und chain reaction heißt.

Ein außergewöhnlich irritierender Geniestreich ist die Installation der Kurbelfähre hinter Laar. Ab 21 Uhr darf sie offiziell nicht mehr genutzt werden, befiehlt das Schild in typisch deutscher Manier. Was, wenn man es dennoch versucht, da der Umweg am Nordufer sonst zu lang wäre? Ist der Mechanismus dann gesperrt?
Nein, das Rad lässt sich drehen, auch das Seil bewegt sich, und sogar die Fähre selbst gleitet nach einer Weile ganz, ganz leicht vorwärts. Aber eben mit einer Geschwindigkeit, bei der selbst eine Schnecke schneller geschwommen wäre (und zwar keine Wasserschnecke). Hier hört früher oder später jeder entnervt auf zu kurbeln, denn länger als das hier kann der Umweg am nördlichen Ufer gar nicht dauern. Trickreich entlarvt dieses Stück Kunst unsere tiefsten menschlichen Schwächen: Unmöglichkeit spornt uns nur nur noch mehr an, aber Langsamkeit und Langeweile lassen uns rasch aufgeben.

03 Oktober 2024

Sieg: Von Feudingen nach Bonn

Meine Damen und Herren und alle dazwischen und außerhalb, ich heiße Sie ganz herzlich willkommen zum Siegtal pur 2024, wie jedes Jahr an einem Sonntag im Juli. Die Vorbereitung geht in die Endphase, denn morgen früh geht es los! Aber was sehe ich da? Da haben wir auch schon einen ersten Teilnehmer. Na so was, so früh fahren sie normalerweise nicht los.
Aber hier will es einer wissen und gleich vom Bahnhof Feudingen aus an der Quelle starten. Souverän fährt er die Straße entlang und begutachtet die hölzerne Rinne, aus der das Wasser in ein Becken und den dicht bewachsenen Wald sprudelt.

Jetzt nimmt er die Landstraße das Tal hinunter, da lässt sich ordentlich Tempo machen. Aber was ist das? Eine Baustelle im Weg! Das ist natürlich ungünstig, für den Umweg müsste er wieder hoch und würde sein ganzes Tempo verlieren.
Ahja, so sieht eine Straße also unter dem Asphalt aus. Er wirkt sichtlich verärgert, denkt wahrscheinlich: Was muss hier auch ausgerechnet während des Siegtal pur auf dem Siegtal-Radweg gebaut werden?  Aber am Samstagabend baut sowieso niemand, also nimmt er unverfroren den Weg durch den Matsch, wie schon viele Radler vor ihm, wie die Spuren beweisen. Aber, oh, oh, oh, da bleibt eine Menge kleben am Rad, die dicken braunen Brocken schleifen an den Rädern. Das Schlimmste entfernt er, aber da bleibt ordentlich Ballast für den Rest der Strecke, das wird ihn wertvolle Zeit kosten.

Er hat es geschafft, jetzt kann er wieder ganz bequem der Sieg durch die alten Dörfer folgen. Er kommt vorbei am alten Bahnhof von Deuz, an dem übrigens der älteste Omnibus steht. Ah, das ist natürlich ärgerlich, da hat er den schönen Parkweg an den Gleisen verpasst und nimmt stattdessen die Straße hinauf. Aber so groß ist der Unterschied nun auch wieder nicht, er hat ja eh einen großen Vorsprung und... ja, er will sowieso in Deuz übernachten.

Soo, am nächsten Morgen schalten wir wieder zu, und unser früher Vogel ist schon auf den Rädern. Oder auf den Beinen, denn für den kleinen Siegwasserfall muss natürlich auch mal kurz Zeit zum Absteigen sein.

Er radelt durch die Wiesen direkt auf Netphen zu. Das ist übrigens auch die Stadt, auf deren Gebiet sich offiziell die Sieg- und Lahnquelle befinden.

Wir sehen die ersten Industriegebiete. Es sieht nicht ohne Grund aus wie an der Ruhr: Auch an der Sieg wurde Eisenerz verhüttet, das können wir hier ganz klar an den Statuen und Ampelmännchen erkennen.

Jetzt muss er nur noch zusammen mit der Sieg unter der Brücke lang, wo die Farbe Grau besonders dominant ist. Hinten links sehen wir ein paar ausgebrannte S-Bahnen mit gesplitterter Windschutzscheibe, die anscheinend im Führerstand (also nicht auf dem Dach bei den Leitungen) Feuer gefangen haben.

Dann fährt er durch die engen Flussschleifen von Niederschelden, so eine schöne Strecke kürzt man natürlich nicht auf der Straße ab, das versteht sich ja von selbst.
Niederschelden war noch im letzten Jahrhundert eine Insel, meine Damen und Herren, was aber ziemlich gefährlich war, denn die Sieg hat sich immer wieder angestaut und alles unter Wasser gesetzt. Ab den 70ern haben sie das Problem mit neuen Staudämmen gelöst und Niederschelden ans Festland angeschlossen, sodass er jetzt einfach durchfahren kann. Ah, er zieht die Jacke und den Pullover aus, sehr vernünftig, es ist nämlich schon wärmer. Und auch Sonnencreme muss drauf, ja, da ist jemand gut vorbereitet.
Auf der Seite sehen wir übrigens eine der modernsten Pegelmessstationen. Sie misst mit gleich vier verschiedenen Methoden: Druckluft, Ultraschall, einem Schwimmer, also einem Plastikball im Wasser, und bei Bedarf auch noch mit einem Kran. Und wenn alle Schwimmer reißen, gibt es immer noch das Lineal am Ufer, auf das man bei Hochwasser schauen kann. Heute aber: Ganz normaler, hoher Pegel. Hoffentlich nicht auch bei unseren Teilnehmern!

Und da fährt er auch schon ein in rein in den Kreisverkehr von Niederschelderhütte. In der Mitte sehen wir gleich das Markenzeichen des Ortsteils: Den Brauereikessel.
Und... jaa, er erreicht die abgesperrte Ausfahrt, fährt auf dem Radweg vorbei und wechselt dann auf die Straße. Ab dieser Stelle, meine Damen und Herren, ist diesen Sonntag von 9 bis 18 Uhr jeder motorisierte Verkehr verboten, damit sich alle Nichtmotorisierten so richtig austoben können.
Aber es ist erst gegen acht! Unser früher Vogel ist ein bisschen zu früh da. Der normale Verkehr wurde schon rausgefiltert, aber es fahren ein paar Fahrzeuge, die die Veranstaltung vorbereiten und aufbauen. Tja, damit musst du jetzt eben klarkommen, wenn du früher reinkommst. Die Erzquellbrauerei Niederschelden betreibt die erste Station direkt vor ihrer Haustür. Sie baut gerade die Mikrophone auf der Bühne auf und natürlich auch eine Bar auf. Die wird heute dringend gebraucht, schließlich brennt die Sonne schon ordentlich vom Himmel.

Am Bahnhof sehen wir auch schon die nächsten Radfahrer verschlafen aus dem Zug steigen. Die Bahn setzt extra Sonderzüge für das Siegtal pur ein, trotzdem wird es da drin heute Nachmittag bestimmt kuschelig.

Der offizielle Start der Veranstaltung ist erst einen Kilometer weiter in Mudersbach. Auch hier werden schon fleißig die Bierbänke aufgebaut, denn die Mudersbacher feiern 20 Jahre Dorfplatz. Vielen Dank an alle engagierten Menschen, die zu dieser tollen Veranstaltung beitragen! Die Musik wummert auf jeden Fall schon aus den Lautsprechern, Rock und Schlager hauptsächlich.
Und der frühe Vogel fährt ein, schaut sich um, denkt vielleicht: Ist das wirklich der Dorfplatz, diese Nische zwischen den weißen Fachwerkhäusern mit einem Baum und kleinem Brunnen? Er setzt sich auf die Bank, ja, vielen Dank, sagt er, ich weiß, dass Sie noch nicht geöffnet haben, er will einfach nur abwarten und erst um neun weiterfahren, wenn es richtig losgeht. Und er denkt sich, Zeit für ein zweites Frühstück, und holt seine Snacks aus der Tasche, oh-oh-oh, es sind die letzten. Er hat das genau so kalkuliert, dass ihn ab hier die Buden von Siegtal pur ernähren.
Oh... was war das? Das war kein Koment, meine Damen und Herren, sondern Ernst der Eilige auf seinem Rennrad. Er wartet nicht bis um neun, nein, er will sofort los, und wird bei dem Tempo wahrscheinlich schon am Ziel ankommen, wenn alle anderen starten. Und zack, da folgen auch schon Reinhard der Rennradfahrer und seine Frau Renate. Die Rennräder bilden hier ganz klar die Vorhut, schwärmen aus und erobern die leere Straße für sich. Der frühe Vogel ist nicht mehr ganz so früh dran, diesen Rückstand wird er nicht mehr so leicht aufholen können.

Aber das ist schließlich kein Wettrennen, auch wenn der Name Sieg etwas anderes vermuten lässt. Der Fluss hat seinen Namen in Wirklichkeit von sikkere, das heißt schneller Fluss. Und deswegen ist Siegtal pur ein 90 Kilometer langes Volksfest, bei dem man zwar schnell sein kann, bei dem es aber nicht um den Sieg geht.

Jetzt ist es endlich kurz vor neun, und der frühe Vogel eilt den Rennrädern hinterher durch Mudersbach. Hier haben wir auch gleich einen der ganz wenigen Kreuzungspunkte mit dem Motorverkehr. Die Absperrung zeigt unmissverständlich an, dass man hier aufpassen und Rücksicht nehmen sollte, dann ist das auch kein Problem. Wir sehen hier auch Ehrenamtliche in Warnwesten, die allen Autofahrern, die die zeitigen Ankündigungen nicht mitbekommen haben, erklären, dass es hier heute nicht weitergeht. Aber was ist das? Einen Motorradfahrer lassen sie noch schnell ein kurzes Stück durch, also Vorsicht, gegen neun Uhr kann es hier noch zu knatternder Kulanz kommen.

Der frühe Vogel bezwingt den ersten Anstieg, und sofort wartet in Brachbach die nächste Raststation. Was macht er denn nun? Sehen die Liegestühle so bequem aus? Nein, er denkt sich, die Schachtspäddchen-Lounge des Klettervereins ist geöffnet, dann ist es Zeit für das dritte Frühstück aus Grillkäse und Kuchen. Brötchen zum Grillkäse scheint es noch nicht zu geben, die muss der Bäcker erst noch liefern.
Wer die Erzquellbrauerei verpasst hat, braucht sich nicht zu ärgern, denn jeder einzelne Stand hat eine völlig identische, runde weiße Barbude. Und solange wir nicht die Grenze zum Bezirk der nächsten Biermarke überschreiten, wird da selbstverständlich Bier der Erzquellbrauerei ausgeschenkt, oder eben mit Sprite zum Radler für Radler gemischt.
Und jetzt geht es richtig los, jetzt trudelt allmählich die zweite Welle an Radfahrern ein: Die E-Biker, meine Damen und Herren! Hier kommen auch schon E-Rwin und E-Rika die E-Bikerin, und wir sehen ganz klar, dass diese zweite Gruppe nicht ganz so männlich dominiert ist, und dass hier Spaß und Gemütlichkeit statt bierernster Sport im Mittelpunkt stehen. Auch die ersten Skater haben die B62 erreicht! Hier kommt Ingo der Inliner, sehr geschickt macht er das, bei dem Tempo kann er fast mit den Radfahrern mithalten. Sein Kumpel Sven der Skater hat sich für eine andere Strategie entschieden und lässt sich von einem E-Bike einfach per Seil ziehen, sehr clever, aber natürlich nicht ganz fair gegenüber seinen Skaterkollegen.
Und was ist das? Zum Siegtal pur gehören traditionell alle möglichen kuriosen Fahrzeuge, wie auch der Herr vom Schachtpäddchen-Stand bestätigen kann. Und das hier ist definitiv kurios: Ein Liegetandem, in dem Leo und Lena die Liegeradler einfach nebeneinander strampeln können, wie in einem Ehebett auf Rädern.

Aber noch ist auf der Straße jede Menge Platz, und so kann auch der nicht mehr ganz so frühe Vogel die Weiterfahrt antreten. Hier sehen wir die wunderschöne Landschaft des Siegtals, liebe Zuschauer, und es ist wirklich fantastisch. Auf der Bundesstraße kommt man ganz leicht voran, und sie ist übrigens auch ein gutes Stück kürzer als der normale Siegtal-Radweg, der ab und zu auf längere Nebenstraßen ausweicht. Aber obwohl die Bundesstraße gewissermaßen eine Abkürzung ist, hat man ganz oft den direkten Blick auf Felswände auf der einen Seite und den sumpfgrünen Fluss auf der anderen. Kein Wunder, dass wie jedes Jahr hunderte Besucher zu dieser Veranstaltung strömen und bei dem Wetter einfach nur glücklich aussehen.

Und da kommen auch schon die nächsten kuriosen Fahrzeuge: Robert der Roller und seine Frau Regine haben eine Art Tretroller, nur dass die Räder fast so groß wie bei normalen Fahrrädern sind. Aber trotzdem stehen sie auf dem Trittbrett, holen immer wieder mit dem Fuß aus, ja, sehr zügig machen sie das, ein gutes Tempo, aber trotzdem können sie damit natürlich nicht verhindern, dass sie immer wieder von Radfahrern überholt werden, doch ihnen scheint das fast gar nichts auszumachen.

Terry der Tretroller hat eine andere Strategie, um schnell voranzukommen. Er hat seinen Roller bunt dekoriert und eine Musikbox am Lenker befestigt, aus der ein Rhythmus wummert. Raffiniert, so wird er immer gleich daran erinnert, wann er sich mit dem Fuß abstoßen muss. Und es funktioniert, ist das ein Wahnsinn, meine Damen und Herren, wie schnell er sich den Hügel hinauftritt! Dieser Roller überholt sogar das eine oder andere Fahrrad.

Und da kommt Mark, der Metalbiker, der sein beträchtliches Körpergewicht von einem tiefschwarzen E-Bike tragen lässt. Verwundert schaut er dem frühen Vogel hinterher, der die Strecke mit seinem schlammbeschmierten, abgenutzten Rad bestreitet. "Respekt", keucht er ihm zu. Der frühe Vogel fährt nach Freusburg rein, hier soll es "den ganzen Tag" Blasmusik geben, aber 10:30 gehört in Freusburg offenbar nicht zum ganzen Tag.

Und nun wird es ein bisschen enger, und einige Radfahrer weichen auf den separaten Fahrradweg aus. Denn diese Straße ist so wichtig, dass nur die rechte Hälfte abgesperrt werden konnte, schade, aber da lässt sich nichts machen.

So erreicht unsere immer größere Kolonne schließlich die Brücke von Betzdorf, und hier ist sie endlich, die versprochene Livemusik. Eine Band älterer Herren singt  auf dem Parkplatz The Summer of 69, was gibt es auch Passenderes zum Wetter? Keine Sorge, das Publikum und die Musiker haben zum Glück schützende Schattenzelte. Aber was ist das? Die Radfahrer bleiben nicht im Schatten, sie erweisen den Musikern Respekt, indem sie zur Musik mehrmals im Kreis um den Parkplatz fahren, das ist mal ein Moshpit der ganz anderen Art. Natürlich wechselt bei einer Veranstaltung wie dem Siegtal pur das Publikum ständig, das gehört nun mal dazu und scheint die Band auch nicht groß zu stören.
Aber wenn das nicht ihr Musikgeschmack sein sollte, kein Problem: Betzdorf ist relativ groß, und deswegen ist das nur eine von vier Pausenstellen im Ort!

Auch der frühe Vogel fliegt zügig weiter, aber jetzt wird es schwieriger, immer öfter blockieren Elektro-Gruppen die komplette rechte Fahrspur, und er muss auf der linken überholen, wo zwar weniger los ist, aber durchaus auch mal Gegenverkehr durchzieht, also Vorsicht!
Ja, Sie haben richtig gehört, liebe Zuschauer, die Gruppe der E-Biker lässt sich auch mit analogen Rädern überholen, naja, zumindest, solange es ebenerdig oder bergab weitergeht. Aber jetzt kommt die größte Herausforderung, der Gipfel von Wallmenroth, und da schlagen die Elektros zurück und machen alle Überholungen rückgängig. Kurz vor dem Gipfel schwitzt auch schon Mark der Metalbiker vorbei, sieht erneut den frühen Vogel und keucht "Respekt". Und ganz oben ist es höchste Zeit, in kurze Hosen zu wechseln und die neue Schicht Sonnencreme aufzutragen. Für die Kinder, die es so weit geschafft haben, wartet eine Hüpfburg des Sportvereins als Belohnung.

Ja, auch Familien mit Kindern sind jetzt immer mehr zu sehen, häufig nur mit einem Elternteil. Die kleine Amelie fährt schon allein, Karl das Kängurukind wird dagegen vom elterlichen Fahrrad mit einer Kängurustange gezogen. Ob sein Vater bei dieser doppelten Leistung nicht zurückfällt? Nein, er kann mit den anderen durchaus mithalten, eine erstaunliche Leistung in dem nach wie vor bergigen Gelände!
Aber sie alle werden abgefangen von einem Schild mit einem Zwinkersmiley: Letzte Bratwurst vor Hövels! Auch wenn Hövels nur einen Kilometer entfernt ist, scheint das für viele ein überzeugendes Argument zu sein, Wurst und Waffeln zu futtern. Oder es liegt einfach daran, dass die Waffeln durch den beigemixten Zitronensaft besonders frisch und lecker schmecken!

Immer wieder spenden Eisenbahnbrücken den Radfahrern ein bisschen Schatten, denn die Bahn nimmt sogar eine noch direktere Route durch das Tal als die Straße. Weniger hilfreich ist da diese sehr, sehr abgewrackte Hängebrücke.
Der frühe Vogel trifft erneut auf Mark den völlig verschwitzten Metalbiker, beide wirken ein wenig überrascht, dass der jeweils andere noch lebt. "Respekt."

In Wissen wissen alle, wie weit die Freiwillige Feuerwehr ihre Leiter über die Fahrstrecke ausfahren kann, denn die Feuerwehrleute präsentieren an ihrem eigenen Bratwurststand auch ihre Fahrzeuge.

Keine Sorge: Falls die Sonne jemanden plötzlich viel zu viel werden sollte oder es im immer dichteren Verkehr einen Unfall geben sollte, stehen an vielen Rastplätzen Ersthelfer und Reparaturstationen zur Verfügung. Es ist einfach unglaublich, wie viele Menschen zum Gelingen dieses Tages beitragen.
Meistens braucht es beim Siegtal pur keine Wegweiser, schließlich sind alle Abzweigungen, die man nicht nehmen soll, sowieso mit Zäunen blockiert. Aber hier stehen zur Sicherheit doch mal welche, denn jetzt müssen unsere Radler die Straße verlassen. Und... ja, es funktioniert, geradeaus fahren nur alle, die am nächsten Stand essen wollen.

Zwischen Wissen und Etzbach gibt es nämlich keine Straße im Siegtal. Also wird stattdessen ein Kiesweg ins Siegtal pur eingegliedert. Das bremst unsere Radler natürlich ordentlich aus, wir sehen ganz klar, wie sie sich nach der breiten Straße etwas frustriert zusammendrängen. Aber der Weg fährt sich immerhin gut, und es ist ja auch nur für kurze Zeit.
Die Inline-Skater müssen diesen Teil mit der Bahn überspringen, das geht leider nicht anders.

Aber auch dieser Kiesweg endet erstmal in einer Sackgasse. Deswegen hat das Technische Hilfswerk kurz vor seiner eigenen Raststation im Industriegebiet eine zweispurige Gerüstbrücke aufgebaut - ja, die besteht wirklich einfach aus Baugerüsten. Hier kann man natürlich nur schieben über das genoppte Metall. Aber es läuft alles sehr flüssig, niemand nimmt die Spur in die falsche Richtung, und keiner muss lange warten, so funktioniert das. Ein bisschen beeilen müssen sie sich ja schon, Punkt 18 Uhr wird die Brücke wieder abgebaut und dann steht man doof da.

Und bald darauf sind sie auch schon wieder auf der Straße, und neben dieser schönen Bogenbrücke für die Eisenbahn wechseln sie von Rheinland-Pfalz nach NRW.

Das kulinarische Angebot wird auch immer bunter, wer keine Bratwurst findet, kann sich mit geräucherten Forellen, Crêpes oder Pulled Pork Burgern stärken, da bleiben keine Wünsche offen. Und neben den Imbissen haben natürlich auch noch richtige Restaurants und Biergärten geöffnet, die heute ein großes Geschäft wittern.

Die Raststation in Au ist ein bisschen anders, hier läuft alles au-tomatisch. Neben Snacks und Getränken steht auch ein kompletter Au-tomat für Zigaretten und Vapes. Nur das Eis, das kommt direkt aus der Tiefkühltruhe, das scheint den frühen Vogel etwas zu verwirren. Er muss die Herausforderung wagen und sich in die Wolke des kettenrauchenden Eisverkäufers wagen, wenn er bezahlen will. Wird er es schaffen?
Ihr ernsthaftes Nikotinproblem hält die Auer jedenfalls nicht davon ab, sich auch am Siegtal pur zu beteiligen.

Jetzt erreicht die Mehrheit der Radfahrer Schladern, wo... nanu, was machen sie da? Ein Teil der Truppe verlässt die abgesperrte Strecke und biegt auf den normalen Siegtal-Radweg ein, das ist ja eigenartig. Wie wir sehen, ist der Uferweg am Park sehr schön ausgebaut, aber so etwas konnte sie bisher auch nicht von der Straße abbringen. Was ist denn da los?

Ah, natürlich! Der Sieg-Wasserfall. Vor allem die Nicht-Einheimischen, die von weiter her kommen und das noch nicht kennen, sehen wir hier. Sie wollen natürlich diese Stromschnellen bewundern. E-Rwin und E-Rika knipsen zuerst ein Foto von unten, und dann, der Radweg führt ja sowieso die Spirale hinauf, schauen Sie sich das ganze nochmal von der Aussichtsplattform oben an. Sehr verständlich, dieser Anblick ist es natürlich wert, dass es hinterher ein paar Schnörkeln zusätzliche Schnörkel braucht, um die Straße wiederzufinden.

Aber was ist das? Einigen reicht das offensichtlich nicht, sie balancieren auch noch verbotenerweise über die Betonmauer und klettern über die Felsinseln. Und hier sehen wir eindeutig, dass es nur ganz hinten ein paar richtige Wasserfälle gibt, zum größten Teil sind das wilde Stromschnellen wie die Isteiner Schwellen im Rhein. An der Betonmauer erkennt man natürlich, dass das Ganze eine künstliche Konstruktion ist. Hier wurde eine komplette Schleife der Sieg durchgestochen und abgekürzt, damit die Bahn durchkommt und eine Turbine Strom erzeugt. Das hat die Industrie und Arbeitsplätze in Schladern so richtig aufgeputscht, aber die vertriebenen Fische kehren erst jetzt mit der Renaturierung langsam zurück.

Der frühe Vogel strampelt einen der letzten Hügel hoch, aber da kommt in einem engen Manöver Carl der Creep vorbeigezogen. "Was für ein Arsch", murmelt er ihm zu. Der Vogel blickt sich verwirrt um, fragt sich vielleicht, welcher Verkehrsteilnehmer Carl Unrecht getan haben könnte. Aber da setzt Carl auch schon zu einem dreckigen "Hehehe" an und verschwindet, und jetzt ist klar, dass er sich auf die vorausfahrende Radfahrerin bezogen hat. Wäre das ein Wettrennen, würde unsere Jury ihn bei diesem Verhalten disqualifizieren.

Jetzt biegt die Straße auch schon in die Allee von Bad Hennef ein, und bei so vielen Bäumen und Villen ist klar, dass wir uns schon im Einzugsgebiet von Bonn befinden.

In Hennef sehen wir alle nach nebenan auf den Marktplatz abbiegen, nicht wegen der langweiligen Architektur, sondern natürlich wegen des kleinen Streetfood-Festivals, das wahrscheinlich extra wegen Siegtal pur auf diesen Zeitraum gelegt wurde, denn der Hunger ist bei so einer Fahrt nach wie vor ungebrochen. Und nach so vielen Kilometern geht auch mal eine Kalorienbombe wie die süßen Teigkugeln in Ordnung, wie heißen die nochmal? Ich kann den Namen im Gedränge gerade leider nicht erkennen.

Und der frühe Vogel fährt weiter die Allee entlang, aber was ist das? Damit hat er offensichtlich nicht gerechnet, eine Absperrung, und dann beginnt auf einmal eine ganz normale Straße voller Verkehr. Hat er eine Abzweigung verpasst? Ah, er entscheidet sich spontan, den Eltern von Amelie und Karl dem Kängurukind zu folgen, die scheinen zu wissen, wo es lang geht. Oder doch nicht? Jetzt biegen sie in die dritte Nebenstraße ab und er vertraut ihnen offensichtlich nicht mehr, nimmt die eigene digitale Karte und sucht sich einen Weg zum Ufer. Denn der letzte Abschnitt von Hennef bis Siegburg besteht wieder aus zwei Kieswegen, das war klar und im Flyer auch so angekündigt, aber dass die gesperrten Straßen so sang- und klanglos enden, ohne irgendwelche Hinweise, wo es weitergeht, das scheint ihn dann doch zu irritieren.
Wird er sich für den Kiesweg auf dem Deich oder darunter entscheiden? Er fährt auf dem holprigen Pfützenweg unten, oben scheint es ihm zu eng zu sein. Immerhin gibt es jetzt keine Hügel mehr, das Siegtal hat sich zu einer großen Wiese geöffnet.

Jetzt muss er nur noch über die Brücke und in die Innenstadt von Siegburg. Von den Hauptstraßen hat er erstmal genug, also nimmt er den Schnörkel an der Wassermühle im Stadtwall.
Es ist 17 Uhr, der frühe Vogel war eine ganze Stunde früher da als geplant. Die Rennradfahrer sind natürlich schon seit Stunden am Ziel, und sie hatten damit als einzige die Chance, im Wissenshaus Wanderfische von 11 bis 16 Uhr den Test zu machen, welcher Fischtyp sie sind, aber Reinhard und Renate haben diese Chance offenbar ungenutzt gelassen. Die nehmen das Fahren ernst, würden sie so einen Quatsch machen, wären sie gar nicht so schnell hier gewesen. Ernst der Eilige war sowieso schon vor 11 Uhr da.

Siegburg ist das Ziel des Siegtal pur, auch wenn es nur noch halbherzig in die Strecke inkludiert ist. Aber ist der früher Vogel schon am Ziel? Er ist doch an der Quelle gestartet, will er dann nicht vielleicht auch noch zur Mündung? Dass könnte knapp werden, denn von dort aus wird natürlich auch die Abreise nach Hause entsprechend länger, wird er das schaffen?
Offensichtlich nicht, denn er biegt ab zum Bahnhof.
Was? Ooh, was für eine unerwartete Wendung, ich erfahre gerade, er hat sich vorbereitet und ist die letzte Strecke schon vorher gefahren! Diesen Trick hat, soweit ich weiß, noch niemand bei einem Radrennen benutzt. Die Deichradwege auf dem letzten Abschnitt hat er einfach schon gestern gemacht. Die Orientierung ist ja auch dort ziemlich einfach, die Betonplatten im Weg zeigen an, wo es zum Fluss geht. Dabei sehen wir immer mal wieder schwarze Grenzsteine, die das Gebiet der alten Fischereibruderschaft markieren. Als der berufliche Fischfang in der Sieg zu Ende ging, kümmerten die sich auch um den Naturschutz.

Der frühe Vogel trifft auf eine Treppe am Fischereimuseum, wird er den Umweg nehmen? Nein, er trägt das Rad alle Stufen runter bis zum alten Segelschiff. Ob das wirklich zeitsparender war?
Und da ist er auch schon am Ziel bei Mondorf, wo die Sieg und verschiedene Altarme in den Rhein münden. Am Anfang des Dreißigjährigen Krieg hatten die Protestanten in dieses Wasserwirrwarr eine Festung namens Pfaffenmütz reingebaut, und die Katholiken bauten gegenüber die Festung Kiek-in-die-Mütz, mit der sie die andere Mütze belagerten und bezwangen.


Was für eine Fahrt! Aber natürlich ist das Vorarbeiten von Strecken bei einem Rennen eigentlich nicht erlaubt, und außerdem geht die Veranstaltung Siegtal pur ja offiziell nur bis Siegburg (und inoffiziell sogar nur bis Hennef). Der Sieg-Sieger wäre damit trotzdem ganz klar Ernst der Eilige.