02 Dezember 2023

Nordsee: Von Katingsiel nach Nordstrand

Am nächsten Morgen war der Deich noch nicht ganz fertig gebaut. Ich hatte aber keine Lust, bis zur Fertigstellung abzuwarten, und vertraute einfach darauf, dass er im Ernstfall die Sturmflut schon von mir fernhalten würde.


Nun beginnt die zweite große Ausbeulung der schleswig-holsteinischen Nordsee (die Elbmündung war die erste). Sie wird eingerahmt von roten Zäunen und Schutzhütten - auf jeden Fall eine Farbe, die im Gras richtig gut zu erkennen ist.
Auch diesmal wurde der Vorstoß von Menschen erschaffen, jedenfalls zum Teil. Das Land war natürlich für Bauern gedacht, dient heute aber vor allem dem Tourismus. Es gibt immerhin noch sieben sogenannte Vollerwerbshöfe in Vollerwiek. Was so viel bedeutet wie: Die machen nur ein ganz kleines bisschen Tourismus.
Der Grothusen-Koog wurde 1612 das erste Mal eingedeicht, ging aber wieder verloren, weil die Deiche wohl nicht richtig gepflegt wurden. 1693 bekam dann der Investor Johann von Grothusen die Erlaubnis, sein privates Vermögen ins Wattenmeer zu pumpen und buchstäblich in neues Land zu verwandeln.

Er wusste damals natürlich nicht, dass er damit ein späteres Unesco-Weltnaturerbe verkleinerte, das auf derselben Stufe wie der Grand Canyon und das Great Barrier Reef steht. Dieses Matschgebiet, das von den Niederlanden bis Dänemark reicht, hält einen Weltrekord: Nirgendwo sonst auf diesem Planeten gibt es derart viel Erdoberfläche, die einem Job als Teilzeitmeeresgrund nachgeht. Und praktisch jedes Nordseedorf in Schleswig-Holstein hat ein und dieselbe Infotafel, die genau das immer mit demselben Wortlaut erklärt. Niedersachsen war da bescheidener.

Der Wind blies mir dermaßen heftig entgegen, dass ich den Deich lieber verließ und mein Glück auf den Landstraßen versuchte.
Die Windmühlen in dieser Gegend haben keine Flügel, dafür aber rätselhafte Schläuche hintendrin, als würden sie am Katheter hängen.

An ihrer Stirnseite wird die Halbinsel dann aber richtig schön. Auf der einen Seite neigt sich ein diagonaler Nadelwald unter dem Wind, auf der anderen erstreckt sich eine endlose Wiese. Und dort hinten ragen schon die ersten Markenzeichen der nächsten Nordseestadt in die Höhe.
Ein Leuchtturm kündig an, dass ich mich den ersten Stadtteilen nähere. Oder vielmehr, dass die ersten Stadtteile längst vorbeiziehen, verdeckt vom Wald. Der wurde da 1864 extra hingepflanzt, damit der Dünensand nicht immer mehr Ackerflächen ruiniert. Es ist ja nicht so, als hätte der Sand in dieser Stadt nicht ohnehin genug Auslaufflächen.
Vor den Wald mussten natürlich noch Deiche, nur leider fehlte dafür fester Kleiboden. Notgedrungen baute man die Deiche aus dem angewehten Sand und packte Gras (und später auch Asphalt) drauf. Ganz genau, ich fahre hier im Prinzip auf einer besonders festen, 150 Jahre alten Sandburg!

Das Markenzeichen von St.-Peter-Ording (passender wäre: Sand-Peter-Ording) sind Holzhäuser auf superhohen Pfählen. Da Meer und Stadt so weit auseinanderliegen, ist das so ziemlich die einzige Möglichkeit, eine Immobilie in der Nähe zum Wasser zu erreichten. Zumindest, sofern die Immobilie auch nach der nächsten Sturmflut noch benötigt wird.

In Anlehnung an die Holzhäuser wurde hinter dem Deich gerade ein funkelnagelneues Erlebnis-Hus eröffnet, mit Restaurant, einem als Infoschalter getarnten Souvenirladen und jeder Menge Spielplatz-Elemente drumherum. Eine Aussichtsplattform auf dem Deich ist auch mit dem Gebilde verbunden, und noch weiter reicht der Blick vom Dach. Auf hölzerne Aussichtsplattformen muss ich ja praktisch immer aus eigener Kraft steigen - aber nicht heute. Der Aufzug bringt mich bequem nach oben, und die Rutsche direkt wieder nach unten. So muss das!

Das Herzstück von St.-Peter-Ording bildet ein absurd langer Steg. Am Anfang ist er noch mit Verkaufshäuschen ausgestattet. Der Strandzugang ist ein ziemliches Nadelöhr, was der Gemeinde unerwartete finanzielle Möglichkeiten eröffnet: Sie können die Kurtaxe wirklich wie eine Art Eintritt am Kassenhäuschen erheben, statt auf einzelne Kontrollen und die Ehrlichkeit zu vertrauen. Motto: You shall not pass! Wer in der Dünentherme schwimmen war oder übernachtet hat, kann aber einfach die Quittung zeigen und schnell am Haus vorbeigehen.
Dann überquert er die letzten Ausläufer der Dünen und dann kommt... der Strand? Von wegen, erstmal gibt's einen Tagesmarsch über die Salzwiese. Dieses Gebiet steht nur bei Sturmflut unter Wasser, im oberen Bereich passiert das praktisch nur im Winter.

Aber schon das ist verdammt schwierig für unschuldige kleine Pflänzchen wie Andelgras und Boddenbinse. Die haben in ihrer Wurzelhaut mehrere Sperren (ich stelle mir das so vor wie ein Mikro-Version des Eidersperrwerks gestern), die das Salz nicht reinlassen und nur Süßwasser herausfiltern. Der Wind pustet Sand herbei. Hinterm Deich auf den Äckern mag das die Pflanzen töten, aber hier vorne bei den Salzpflanzen, fragen Sie mich nicht wieso, erreicht der Sand genau das Gegenteil: Er hilft den Arten.
Und erst ganz hinten kommt dann der Strand. Der auch nochmal extrem breit ist. Als in einem Gespräch zum ersten Mal von St.-Peter-Ording hörte, hieß es: "Die haben da das, was wir an der Ostsee überall haben, und deswegen sind die so stolz drauf." Fake News, also zumindest zur Hälfte! Ja, an der Nordsee sind Strände im Vergleich zur Ostsee eher Mangelware, aber dieser Strand scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, diesen Mangel ganz allein auszugleichen. So breit wird es nicht mal in Warnemünde! Doch das Wasser hat so seine Tücken. Hier erwischte mich damals zum ersten Mal eine Feuerqualle. Rechtzeitig sehen konnte ich sie beim besten Willen nicht, denn im Wasser trieben nur ihre abgerissenen, komplett durchsichtigen Tentakel.

Kurz darauf sieht die Küste wieder relativ normal aus. Dass sich die Sturmflut hier weiter vorwagt als anderswo, verrät nur noch dieser Warnkegel. Er blinkt, wenn Höheres Hochwasser droht. Wobei höher definiert ist als 0,75 Meter über der normalen Höhe. Gibt es dann auch Niedrigeres Hochwasser, und bei wie vielen Zentimetern fängt das an? Ist mir zu hoch.

Inmitten von Schafen teilt sich der Deich, und der Radweg geht plötzlich nicht mehr ganz so schnurgeradeaus. Fast so, als würde er sich in Mitteldeutschland einen Weg durch irgendein Hügelland suchen. Vermutlich wurde das alles so aufgeschüttet, damit keine Monotonie aufkommt.

Der nächste Turm war am Horizont schon zu erahnen. Der Leuchtturm Westerheversand steht aber jenseits der Deiche, auf einem einsamen Fleckchen Land am oder im Meer, das aber noch durch einen Radweg mit dem Land verbunden ist. (Zählt das schon als Insel oder was ist das?)

Um überhaupt bis zur Abzweigung zu kommen, muss man freilich schon wieder ein ganzes Stück nach Westen strampeln. Kaum bog ich um die Ecke zur nächsten künstlichen Ausbeulung der Küste, da blies mir der Wind brutal entgegen und packte meine Motivation, die, von einer steifen Brise getragen, gen Osten davonflatterte.
Muss ich wirklich bis da hinten? Ich kann das Gebiet doch schon von hier aus auch ganz gut überblicken. Und ich wage mal zu behaupten, ich weiß ungefähr, wie die Wegstrecke die meiste Zeit aussehen wird.
Vor 150 Jahren war dieses grüne Land noch kahl, und die Höfe versteckten sich auf Warften mit nur wenigen verkrüppelten Bäumen. Heute strotzen die Bäume vor Kraft und umzingeln die vereinzelten Höfe wie eine nachhaltige Security-Truppe. Was den Verfasser einer Infotafel dazu inspiriert hat, die Landschaft mit einer "sehr locker gestalteten Parklandschaft" zu vergleichen.
Nun ja. Wirklich sehr locker.

Kurz entschlossen wandte ich mich gen Nordosten und ließ mich vom selben Wind durch die Landstraßen tragen. Und stellte dabei fest: Die Schilder sind auf einmal zweisprachig! Ist das etwa schon Dänisch? Nee, das muss Plattdeutsch sein oder so...
Ist es nicht. Das ist Friesisch. Passen Sie auf, in dem Punkt sind die Friesen etwas empfindlich.

Zurück an der Küste bot sich mir eine frohe Aussicht: Heute geht es nur noch nach Osten, der nächste Bogen gegen den Westwind ist voraussichtlich erst morgen früh dran. Zufrieden pflanzte ich mich auf eine Bank, snackte ein Brötchen, las ein Kapitel und sah den Schafen bei ihrem immergleichen Snack zu.

Kleine Seen und Industriegebiete begrüßten mich in Husum.

Die Stadt hat ein besonders gutes Schiffahrtsmuseum. Draußen ist alles mit alten Kähnen und Wracktonnen vollgestellt, und innen drin liegen sehr knuffige, ausgestopfte Babyrobben, deren Fell eine schier magische Anziehungskraft auf Kinderhände ausübt.
"Nein, nicht anfassen!", rief unsere Mutter, als wir zum erste Mal in Husum waren. Erst dann las sie die außergewöhnliche Beschriftung Liebe Kinder, ihr dürft uns gern streicheln, und war gerührt angesichts dieses Schildes in der sonst oft so kinderfeindlichen Welt.
Ich hingegen fühlte mich damals schlicht in meiner Gesetzestreue und Lesekompetenz gekränkt, schließlich war ich längst in der Lage, das Schild selbst zu lesen und seinen Sinn zu erfassen, und würde doch nie irgendwas Verbotenes anfassen.

Angekommen in der Innenstadt bestieg ich erst einmal ein metallenes Aussichtstürmchen und verschaffte mir einen Überblick. Der Dichter Theodor Storm nannte Husum die Graue Stadt am Meer. Manche wären von diesem Titel wenig begeistert, doch Husum fühlte sich geschmeichelt und machte das zu seinem offiziellen Slogan. Ob das für Touristen so einladend klingt? Vor allem stimmt es nicht mal wirklich. Grau waren nur der Himmel und die Pflastersteine. (Immerhin bleibt der Himmel sehr konsequent bei diesem Grau, jedes einzelne Mal, wenn ich die Stadt besuche.) Dazwischen tauchten auch alle möglichen anderen Farben auf. 

Vor allem weiß! Und zwar vor allem in der Kirche!

Ein langer Hafenkanal ragt in die Altstadt rein zwischen die historischen Hafenhäuser. (Im Hintergrund fährt die Bahn in Richtung Sylt über eine Klappbrücke.) Das ist natürlich riskant: Die Messlatte zeigt, welche Topwerte das Hochwasser schon erreicht hat. Rekordhalter ist 1976, da muss fast alles auf dem Foto weg gewesen sein. Die älteste Markierung stammt von 1362. In diesem Jahr kam das Erste Grote Mandrenke (Großes Ertrinken). Eigentlich gehört es noch zu den niedrigsten Markierungen auf dem Pfosten, aber seine Folgen dauern bis heute an: Erst seit 1362 hat Husum überhaupt einen Zugang zum Meer. Damals waren die Menschen sicher: Gott war sauer. Oder er wollte einfach, dass sie mehr Boot fahren.

Eine Straße weiter sind  die Hafenhäuser langgestreckt und modernisiert.

Ist ein Koog erst einmal eingedeicht, nennt man ihn auch Marschland oder Schwemmland (weil er aus angeschwemmten Sedimenten besteht). Meistens liegt das Land unter dem Meeresspiegel. Das ist ein Problem, denn so kann das Meer auf die Idee kommen, seinen Anspruch auf Rückgabe des Marschlands geltend zu machen - was unter dem Meeresspiegel liegt, gehört schließlich ihm. Entwässerungsgräben und Sielzüge verhindern das.
Im Porrenkoog zum Beispiel befindet sich der (bitte alle laut mitsprechen) Porrenkoogsielzug. Das ist im Prinzip ein Tunnel unterm Deich mit einem Schott (also einer Tür) in der Mitte. Er schafft das Wasser aus den Gräben ins Wattenmeer - aber Vorsicht, nicht zu viel, sonst sind die Felder zu trocken. Bei Sturmflut macht er dicht und schützt die Felder vor der Flut - aber Vorsicht, nicht zu lange, sonst staut sich das Wasser in den Gräben und die Überschwemmung kommt stattdessen von innen heraus.

Dann bleibt dem Meer nur noch eine brutale Möglichkeit, um sich das Land zurückzuholen: Bring den Deich zum Brechen. Und genau das ist hier mal passiert. Der Deich gab nach, und das Wasser raste über ihn drüber und durch ihn durch. Wenn sich die stürmische Nordsee wie eine Bohrmaschine auf eine ganz bestimmte Stelle im Erdboden konzentriert, dann sieht man das hinterher. Direkt hinter dem Bruch liegt eine Wehle, das ist ein 20 Meter tiefes Loch, in dem sich Amphibien wohlfühlen. Das Ding wieder mit Erde zu füllen, ergibt keinen Sinn, lieber verstärkt man mit der rausgespülten Erde den Deich. Wobei der gebrochene Deich heute nur noch ein Back-Up-Deich in zweiter Reihe ist.

Wie verhindert man so einen Deichbruch?
In Theodor Storms Schimmelreiter glaubten die Menschen noch, man müsste etwas Lebendes (Hunde, Katzen, die Brotdose der Kinder nach den Sommerferien) in den Deich packen.
Im Mittelalter probierten es die Menschen mit senkrechten Holzwänden, diese Dinger hießen Stackdeiche. Das Wasser schummelte sich aber relativ leicht untendurch. Danach baute man die Deiche breiter, aber immer noch zu niedrig. Heute sind die Dinger manchmal 9 Meter hoch, 130 Meter lang und haben extra eine Reserve, sodass man sie im Notfall um 1 Meter aufstocken kann.
In der Moderne sind die Menschen nämlich auf folgende Idee gekommen: Sie nutzen Mathe, um Brüche zu verhindern. Maximal 2 Liter Wasser pro Meter dürfen in einer Sekunde bei einer Sturmflut durch. Wie genau man das verhindert, das verrät eine superlange Formel, die ich jetzt hier garantiert nicht von der Infotafel abschreibe.

Jetzt wurde die Fahrt richtig ätzend. Der Himmel öffnete seine Pforten, und penetrante Tropfen peitschten mir entgegen. Die Masse an Mist auf dem Radweg näherte sich allmählich dem flüssigen Aggregatzustand an, leider ohne fortgespült zu werden.
Übrigens ist in der Gegend auch das Watt besonders weich und laut einem Schild für Wattwanderungen ungeeignet. "Aber wer eine Schlickschlacht mit Ganzkörperschlammpackung mag, kommt voll auf seine Kosten."
Äh, nee danke.

So erreichte ich die nächste Ausbeulung: Nordstrand. Das Motto der Halbinsel lautet: Meine Insel an Land. Hö? Klingt interessanter als Graue Stadt am Meer, aber auch irgendwie widersprüchlich. Die Erklärung ist aber eigentlich ganz einfach: Hier wurde wirklich umgesetzt, was die Nazis mit fast allen Nordseeinseln vorhatten.
Nordstrand bildete einst eine extragroße Insel, zusammen mit den heutigen Inseln Pellworm und Nordstrandischmoor. Das Erste Große Ertrinken von Husum riss diese Mega-Insel in drei Stücke. Die Nordstrander waren ebenso am Ende wie ihre Deiche, und in Massen wanderten sie ab. Gerade noch rechtzeitig lockte der Herzog mithilfe von Religionsfreiheit, Abgabenfreiheit und Selbstverwaltungsrechten Deichbauspezialisten auf die Insel, sonst wäre das Land heute unbesiedelt und ebenfalls versunken.
1634 folgte die zweite Grote Mandräke. Diese Sturmflut versenkte mal eben 6000 Menschen und einen kompletten Verwaltungsbezirk namens Beltingharde.
Anfang des 20. Jahrhunderts entstand ein erster Damm zum Festland, der das Ende von Nordstrands Inselzeit einläutete. 1976 wurden die jahrhundertealten Deiche am Festland immer gammeliger und das nächste große Ertrinken drohte. Daraufhin machte die Landesregierung Nägel mit Köpfen - und dockte die Insel kurzerhand ans Festland an. Sie deichten einen extragroßen, allerletzten Koog ein, den sie (im Gedenken an den versunkenen Verwaltungsbezirk) Beltingharder Koog nannten. Denn so war der neue, vereinigte Deich einfach besser zu verteidigen. Das Watt wurde damit zerstört, dafür wurde das ehemalige Wattstück zum Naturschutzgebiet.
(Schon skurril, wie sehr die Menschen diese Küste verändert haben. Man stelle sich nur mal vor, die Bayern hätten einen Berg der Alpen abgetragen, um neue Felder zu gewinnen.)
Streng genommen müsste das Motto also lauten: Meine ehemalige Insel an Land. Angeblich fühlen sich die Norstrander bis im Herzen als Insulaner, nur halt verkehrstechnisch besser angebunden. Wenn auch nicht soo viel besser: Eigentlich führen nur zwei Straßen nach Nordstrand. Zwischen beiden Straßendämmen ist nichts als Seen und nasse Wiesen, hier und da haben sich Weiden und Holunder auf das neue Territorium gewagt. Hm, jetzt, wo ich das alles weiß, kann ich mir halbwegs vorstellen, wie das mal gewesen sein muss, als hier noch Meer dazwischen war.

Die Kartenapp zeigte mir auf Nordstrand nun an mehreren Stellen folgendes Wort an: Shelter. Genial, wie cool ist das denn? Offenbar sind da die dänischen Schutzhütten zum Übernachten über die Grenze geschwappt.
Oder auch nicht. Denn eigentlich sahen die Hütten noch mehr aus wie gewöhnliche deutsche Rasthäuschen. Aber egal, Hauptsache trocken. Ich könnte zwar noch zum nächsten "Shelter" weiterfahren, aber ein Blick nach draußen sagt... nee.
Auf den Balken lässt sich mein Regenzeug super zum Trocknen aufhängen. Dazu kommt eine Aussichtsplattform, die nur einen Meter misst, was aber exakt die nötige Höhe ist, um über den Deich zu gucken. Nicht, dass ich da im Moment allzu lange gucken wollte, so ohne Dach.
Da lege ich mich heute lieber mal früher schlafen, dachte ich, im Trockenen und ganz ohne Windkanal.
Wirklich überraschend ist nun, dass ich in dieser Hütte trotzdem schlechter schlief. Ich wusste nämlich noch nicht, dass die Stelle anscheinend bei sämtlichen Autofahrern Nordstrands als Wendestelle für Unentschlossene dient. Lass mal von der Insel runterfahren, ach nee, doch nicht, wende mal, hm, kurz stehenbleiben und überlegen, nee, doch lieber zurück. Alle paar Minuten knirschte und leuchtete ein Fahrzeug über den Platz und zermalmte meinen Schlaf unter seinen Reifen.

01 Dezember 2023

Nordsee: Von Brunsbüttel nach Katingsiel

Wenn du Pläne machst, kichert das Universum.
Ich wollte eigentlich über ein paar weitere dänische Ostseeinseln fahren, aber mitten im Zug musste ich lesen, dass die Fähren für die nächsten Tage kaputt sind. Jetzt bin ich schon bis Schleswig-Holstein angereist, wat nu? Dann mache ich eben die schleswig-holsteinische Nordsee.

Ich musste also zur Elbe, aber diesmal auf die andere Seite, gegenüber von Cuxhaven. Da kann ich dann auch gleich lernen, wie ich mein Gepäck richtig festknote. Diese Knoten sind auch das Spannendste, was ich zwischen den Brunsbüttler Backsteinen gefunden habe.
Brunsbüttel war ständig auf der Flucht vor der Nordsee bzw. Elbe, die 1720 Alt-Brunsbüttel verschluckte - erst 1762 bekamen die Brünsbüttler einen neuen Deich hin und konnten ihre Flucht vorerst stoppen. Nur ihr Hafen wurde nochmal komplett verschoben, als der Nord-Ostsee-Kanal entstand.

Brunsbüttel hat keinen Bahnhof. Der Nordseeradweg sagt, ich soll von Hamburg komplett am Nordufer der Elbe zurück zum Meer radeln. Ansonsten fährt aber auch eine Fähre vom Bahnhof Cuxhaven rüber.
Aus meiner Richtung hat das aber beides keinen Sinn ergeben, stattdessen bin ich auf einem Stück Nord-Ostsee-Kanal-Radweg angereist. Der Kanal endet in Brunsbüttel in der Elbe. Ohne die roten und gelben Blinklichter hätte ich das nicht erkennen können, denn die Sonne war noch ein wenig unmotiviert.

Die Strecke sah dem Elberadweg auf der anderen Seite wirklich sehr ähnlich - inklusive tierische Hindernisse. Anfangs trippelten die Schafe brav in Reih und Glied auf der Deichkrone entlang. Kein Schäfer, kein Hund in Sicht, es war, als würde sie ein hypnotischer Befehl irgendwohin ziehen. Wohin? In ein enges Gatter mitten auf dem Radweg. Die Schäferin hatte ihre Herde zu einer neuen Form von Hindernis zusammengeschoben, und nun war ich es, der auf dem Rasen vorbeitrippelte.

Ebenso weißbraun und rundlich wie die Schafe sind diese außergewöhnlich großen Pilze.

Schon nach kurzer Zeit musste ich zugeben, dass mir der Nordseeradweg in diesem Bundesland besser gefällt: Ich kann viel öfter schnurstracks außendeichs am Wasser fahren und muss nicht ganz so oft über den Deich rüberwechseln. Einmal musste ich komplett um diese Sieltiefe fahren (jap, solche Dinger gibt's natürlich auch in Schleswig-Holstein). Aber solche Umwegen gibt es nur in sieltenen Fällen.
Ich befinde mich im Territorium der sogenannten Fünfschleuseneinigung. Die fünf Schleusen haben sich darauf geeinigt, den Wasserpegel auf ihren 11 000 Hektar immer zwischen genau vorgegebenen Werten zu halten - alles darüber hinaus schießen die Hochleistungspumpen raus.

Außerdem sollte sich heute ein Rätsel auflösen, das ich mich schon seit dem Beginn der niedersächsischen Nordsee beschäftigt hat: Was sind das für komische Rechtecke im Watt?
Es sind Kooge. Einst bestanden sie aus Holzpflöcken, heute oft aus aufgeschütteten Steinen, aber das Prinzip blieb gleich: Die Flut bringt Sedimente, und während das Wasser durch die Lücken im Rechteck abhaut, bleibt das Zeug liegen.

Immer mehr Boden wird angeschwemmt, und erste Pflanzen ziehen ein. Der Koog wird grüner...

...und grüner...

...und noch grüner.
Nach etwa 15 Jahren ist der Koog dauergrün und wird nur noch in Ausnahmefällen überspült. Dann ist er "deichreif". Es kommt ein Deich außenrum, und Schleswig Holstein hat ein neues Stück Land. Jahrhundertelang erweiterten die Bauern die Küste mit immer neuen grünen Rechtecken, als würden sie mit ihrem eigenen Heimat Carcassonne spielen. Heute wird nicht mehr eingedeicht, die Kooge sind aber immer noch nützlich zum Natur- und Küstenschutz.

Neues Land erobern? Fanden die Nazis absolut geil, also starteten sie ein irres Programm, um noch viel mehr rumzukoogen: Sie wollten die erste Reihe der nordfriesischen Inseln ans Festland andocken. Dann sähe die Küste heute völlig anders aus!
Einerseits rühmten sie sich, Deutschland würde so völlig friedlich ganz neuen Lebensraum erobern (was ja auch irgendwie stimmt). Andererseits verglichen sie immer und andauernd Koog und Krieg, Soldaten und Bauern, Gewehre und Schaufeln, das feindliche Meer und die asiatischen Völker. Sogar Heydrich nahm bei einer Rede in Prag Bezug auf die Landgewinnung in Schleswig-Holstein. Gauleiter Hinrich Lohse und sein Team, das in Friedenszeiten die Besiedelung der neuen Kooge koordiniert hatte, machte später ähnliches in den eroberten Gebieten Osteuropas.

Dass es bis zur Deichreife 15 Jahre dauert, konnte freilich auch der Führer nicht ändern. Also nahmen die Nazis erstmal einen Koog, der eh schon fast fertig war, schmückten sich mit seinem Erfolg und nannten ihn Adolf-Hitler-Koog. (Aus Gründen heißt der heute Dieksanderkoog.) Zur Einweihung kam der Namensgeber (nein, nicht der Herr Dieksander) persönlich vorbei. Regimetreue Bauern in der gewünschten Optik, die rein zufällig mit den Entscheidungsträgern verschwägert waren, bekamen Bauernhöfe auf dem neuen Land. Falls ihr Geld nicht reichte, half der Staat nach.
Aber selbst diese erlesenen Erbbauern waren keinesfalls vor den Launen des Regimes geschützt und konnten durchaus im Konzentrationslager landen oder von den Nachbarn denunziert werden, weil sie angeblich abgetrieben hatten. Heile Welt herrschte hier nur in der Presse.
Ursprünglich sollte der Koog eine Kirche bekommen, stattdessen entstand eine Neulandhalle. Eine Glocke bimmelte zu germanischen Veranstaltungen wie der Sonnenwendfeier, dem Führergeburtstag oder dem Muttertag. Statt eines Altars schmückt ein kunstvoller Ofen die Rückwand, die bunten Fenster zeigen Wappen aus der Region.
Diese Ersatzkirche gehörte später tatsächlich der Kirche, hier fanden evangelische Kinderfreizeiten statt. Bis irgendjemandem auffiel, was das für ein Gebäude ist, und er doch lieber ein Museum Gedenkstätte Erinnerungsort daraus machte. Ein Erinnerungsort unterscheidet sich von einer Gedenkstätte dadurch, dass man außenrum irre große Buchstaben wie VOLK, RAUM, LEBEN und UND aufstellt, wo dann alle Infos und Bilder zum Lesen und Aufklappen raufgepappt werden.

Hitlers Bauern beäugten die Fischer in Friedrichskoog misstrauisch, und umgekehrt ebenso, schließlich konnten die Gruppen kaum unterschiedlicher sein: Fischer waren traditionell eher links, und sie sahen das Meer als Ernährer an, nicht als Feind.

In Friedrichskoog-Spitze mündet die Elbe richtig in die Nordsee, also, von der anderen Seite. (Puh, das war doch ein ganzes Stück länger als die Strecke von Cuxhaven zur Kugelbake.) Eine Mündung, die, wie ich jetzt weiß, auf dieser Seite vom Menschen komplett neu geformt wurde. Aus dem freundlichen, aber stillen Seebad ragt ein Turm über den Deich - leider nur für die Badeaufsicht und nicht für die Allgemeinheit.

Höhepunkt des Tages war das niedliche Seebad Büsum, das sogar auf seinem Marktplatz Strandkörbe aufstellt. Ein Springbrunnen ist schließlich fast dasselbe wie Meereswellen.

Die Büsumer Kirche erinnert an eine urige Höhle, in der jemand christliche Schnörkel an die Wände gehängt hat. Das Bronzetaufbecken wurde angeblich aus der alten Kirche auf der Insel Pellworm geklaut. Das Veranstaltungsangebot der Kirchgemeinde umfasst unter anderem Schlager mit Gott. Oh Gott, nichts wie raus hier!

Der Büsumer Hafen bringt die Gäste unter anderem nach Helgoland. Zumindest die Gäste, die bereit sind, auf einer grauen Parkplatzplatte ohne jede Ablenkung zu warten, bis sie endlich aufs Schiff dürfen, während sich die Stadt so nah und doch so fern irgendwo auf der anderen Seite des Hafenkanals erstreckt.
Der Hafen ist richtig bombensicher geschützt. Jedes Schiff muss durch einen endlosen grauen Durchgang im Deich tuckern. Es sieht aus wie eine Schleuse, nur ohne Höhenunterschied, und die Tore klappen nur bei Sturm zu. Ein seltsames Gefühl, mittendrin zu stecken, während sich das Boot hindurchzwängt.

Das Meer ist wirklich nicht so leicht zu finden, auch nicht per Rad aus der Innenstadt. Wo ist es denn nun? Zuerst kommt ein historischer Hafenkanal, noch eine Reihe Hotels,...

...das Schwimmbad Meerzeit gibt einen dezenten Hinweis, den Deich hoch, und siehe da - der erste richtige Strand in Schleswig-Holstein, welcher unmerklich in die Wattfläche übergeht.
Gerade stand mir der Sinn aber nicht nach dem Meer, sondern eher danach, mich auf die Sauna auf dem Dach zu verziehen und von dort zu beobachten, wie frierende Wattwanderer über die Schlammfläche irren.

Genau wie in Niedersachsen scheint ein richtiger Strand nur punktuell vorzukommen.
Und genau wie in Niedersachsen folgt der Nordseeradweg deshalb oft nicht direkt der Küste, sondern unternimmt Umwege, Abkürzungen oder Ausflüge zu mehr oder weniger interessanten Orten im Hinterland.
Und genau wie in Niedersachsen werde ich diese Abstecher meistens weglassen, aber einen nehme ich schon noch mit. Schließlich ist der Radweg dorthin so gut ausgebaut und folgt schnurgerade der Straße.

Nun, eventuell war es ein wenig spät für den Abstecher, denn in Wesselburen waren bereits sämtliche Türen verschlossen, der Brunnen ausgeknipst und die Bürgersteige hochgeklappt. Tja, dann halt nicht.
Wesselburen wurde zum ersten Mal 1281 urkundlich erwähnt, und ich weiß, bei so einem Satz pennen direkt alle weg. Dabei ist die Urkunde gar nicht mal so langweilig: Es werden nicht irgendwelche Standardstadtrechte verliehen, sondern die Hamburger und Dithmarscher einigten sich in einem Anti-Piraten-Vertrag, sich endlich nicht mehr gegenseitig die Schiffe wegzukapern.

Zwar ist Wesselburen längst nicht so groß wie Köln, aber in einer Hinsicht kann diese Stadt absolut mit der Rheinmetropole konkurrieren: Dauerhaft erfolgreiche Youtuber. 
Wesselburen ist der Wohnort eines deutschen Künstlers, dessen großer Zyklus meinen Familienstammbaum vom Kind bis zur Seniorin begeistert. Seine Karriere begann schon mit 13 Jahren. Schließlich war die Familie nicht gerade wohlhabend und er musste anfangs (jetzt ohne Witz) wie Harry Potter in einer Art Schrank unter der Treppe schlafen. Geboren wurde er 1813 als dänischer Untertan. Als der Junge ein Teenager und das Gebiet wieder deutsch war, stieg der Junge vom Laufburschen des Vogts zum Schreiber auf und konnte dessen Bibliothek benutzen. Kurz darauf entstanden die ersten Gedichte, und in seiner Scheune baute er ein Theater auf. Kein Wunder, dass er später unsterblich werden sollte wegen seiner Liebesgedichte und Maria Magdalena - ein Drama über eine schwangere Selbstmörderin und zugleich das letzte deutsche bürgerliche Trauerspiel. Sein Name war Friedrich Hebbel. Moment, was?
Laaangweilig, mit so was unterhält man doch nicht drei Generationen auf einmal! Wie gut konnte Hebbel zwei norddeutsche Seniorinnen gleichzeitig spielen, die am Gartenzaun über tagespolitische Themen diskutieren? So gewinnt man Jung und Alt gleichzeitig, und das gelang bislang nur Freshtorge.
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Zurück an der Küste leuchtet mir ein gewaltiges Bauwerk entgegen. Schleswig-Holstein ist zu schmal für Flüsse vom Kaliber der Elbe oder Weser, aber die Eider ist auch noch recht breit. Jedenfalls breit genug, dass es fatal wäre, würde eine Sturmflut auf diesem Weg Schleswig-Holstein penetrieren.

Deswegen kann die Eider mit dicken Betonteilen komplett zugeklappt werden. Während sich die Autofahrer in einen Tunnel verziehen, kann ich obendrüber radeln. Es war einsam, und kalter Wind pfiff mir entgegen, als bräuchte ich eine am eigenen Leib spürbare Erklärung, wieso diese Konstruktion nötig ist. Nur oben im hell erleuchteten Kontrollturm sitzt noch der Nachtdienst und guckt wachsam, ob der Wind damit droht, mehr zu machen, als nur meine Ohren schockzufrosten.

Hinter der Eider, bei Katingsiel, beginnt eine größere Fläche aus Seen und Weiden, hinter der Schafweide auch mit Wäldern und Naturschutzgebieten. Und hier schob ich mein Rad auf einen holprigen Kiespfad.

Meine Scheinwerferlicht fiel auf die Weidezäune, und in der Dunkelheit starren mir die Gesichter von etwa hundert Kühen entgegen. Sie hatten sich alle versammelt, säumten links und rechts den Weg und starren mich an. Die merkwürdigste Ehrengarde, die ich je hatte (nicht, dass ich viele gehabt hätte).

In einem Land, das derart arm an Wäldern ist, sind Schutzhütten jeder Art die beste Möglichkeit für einen geschützten wilden Schlafplatz. Am Ende des Weges erwartete mich ein merkwürdiger Aussichtsturm mit drei Etagen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Im Erdgeschoss schützt nur eine lückenhafte Bretterwand, bei der es sich, wie ich sogleich feststellte, eher um den komfortabelsten Windkanal Schleswig-Holsteins zu handeln scheint. In der Mitte ist alles komplett zu und die Fenster öffneten sich nur, nachdem ich zig verschiedene Riegel zur Seite geschoben hatte. Und ganz oben entschied nicht etwa die Aussicht, sondern die Windrichtung, in welchem Winkel der x-förmigen Bretterwände ich Zuflucht suchen konnte.
Wirklich überraschend ist nun, dass ich in diesem Windkanal total gut schlief. So gut, dass ich am nächsten Morgen den Handywecker überhörte. Naja, vielleicht hat ihn auch einfach der Wind übertönt.