06 August 2010

Elbe: Von Pardubice nach Kuks

Die Elbe knickt hinter Pardubice nach Norden ab, und ebenso die Hauptstraße, auf der wir gefahren sind - ja, Hauptstraße. Lassen Sie sich von diesem Bild nicht irreführen, das Stück Radweg da drauf ist nur ganz kurz.

Abgesehen von diesem trügerischen Wegstückchen gibt es ausgerechnet zwischen den beiden großen Elbstädten Pardubice und Hradec Králové keinen Radweg, echt gar keinen. 17 Kilometer Hauptstraße. Das wirft kein gutes Licht auf die Städte (vor allem Pardubice, denn der Großteil der Strecke liegt in deren Landkreis). Vielleicht liegt es daran, dass die Städte ziemliche Konkurrenten sind und keiner etwas bauen will, dass auch der anderen Stadt nützt.
Zu Beginn der Hauptstraße gibt es immerhin etwas zu sehen: Die Burg von Kunetická Hora hoch oben auf dem Berg...

...und das Pfefferkuchenhaus (Perníková Chaloupka). Es besteht allerdings nicht aus Pfefferkuchen. Früher war es das Schlösschen eines Adligen, im Sozialismus wurde daraus eine Handwerksschule und sogar ein Irrenhaus.

Heute gibt es dort eine Märchenführung. Erwachsenen wird im Schnelldurchlauf die Geschichte des Hauses und die der Pardubicer Lebkuchen erklärt, Kindern eine nervige Neuinterpretaion des Märchens (Hänsel und Gretel alias Jeníček a Mařenka waren böse, weil sie geklaut haben, blabla). DabeiredetdieFührerinmanchmalsehrschnell und dann, was macht sie, ja was macht sie? SIE ÜBERTREIBT! Und womit übertreibt sie? Na? Mit den RHETORISCHEN FRAGEN, mit der Betonung, mit der LAUTSTÄRKE!
Hier kann man seine Fingerdicke testen, danach durfte man eigentlich keine Fotos mehr machen.

Wir begegneten auch einer coolen bärtigen Hexe, welche die Lebkuchenherstellung erklärte. Natürlich kann man auch welche kaufen. Die meisten Lebkuchen sind aber zu hart zum Essen und dienen eher als Dekoration.
Für die Kinder bietet er (ähm, sie natürlich) einen spannenden Kampf mit seinem störrischen fliegenden Besen aus dem Schrank.

Die Ausstellung wurde wirklich mit sehr einfachen Mitteln aufgebaut. Das hier ist zum Beispiel das Feuer der zwölf Monate. Der Hexenwald im Inneren des Hauses besteht einfach aus militärischen Planen in Tarnfarben bei gedimmter Beleuchtung.
Aber solange es die Kinder unterhält...

Auf der Hauptstraße geht es weiter nach Hradec Králové (Königgrätz). An der Stadtgrenze beginnen direkt wieder gute Radwege.
Hier mündet die Orlice in die Elbe, die aus dem Adlergebirge weiter östlich herbeifließt. Auch diesen Fluss kenne ich schon etwas, weshalb ich eine Zusammenfassung der Orlice geschrieben habe.

Hradec ist nicht ganz so überzeugend wie Pardubice. Auch hier hängt über den Straßen ein Spinnennetz aus Oberleitungen für die elektrischen Busse. Stellenweise ist die Stadt etwas trist und grau.

Am Marktplatz gibt es zwar auch prächtige Gebäude wie die gotische Kirche oder den Weißen Turm, aber dafür ist der Platz völlig zugeparkt.
Für die Leser aus Niedersachsen folgender Vergleich: Hradec ist das Hildesheim Tschechiens.

Das Hradecer Hallenbad besteht aus extrem vielen weißen Fliesen und hat die älteste Wellenmaschine Tschechiens aus dem Jahr 1933.

Die Elbe durchquert die Stadt in einem Gewand aus grauen Steinmauern und vielen Brücken. Rustikale Raddampfer bieten Ausflugsfahrten an. Hinter dem Zusammenfluss mit der Orlice ist die Elbe noch nicht wirklich schmaler. Sie wird nämlich von einem Stauwehr gestaut.

Doch kaum ist man aus der Stadt heraus, hört dieser verfälschende Effekt auf. Die Elbe ist plötzlich kaum breiter als eine Landstraße und überhaupt nicht mehr schiffbar. Das bedeutet: Ich konnte endlich gefahrlos ans andere Ufer schwimmen! Unter dem trüben Matschwasser verbergen sich große spitze Steine, die das Ufer befestigen.
Uns überkam auf einmal ein merkwürdiges Endzeit-Gefühl. Die plötzliche Verschmälerung der Elbe machte uns klar, dass unsere Radtour nach 10 Jahren nun bald tatsächlich ein Ende finden würde.

In der Nähe fand 1866 die Schlacht von Königgrätz statt, bei der Preußen Österreich besiegte, was Teil von Bismarcks Masterplan zur Gründung des deutschen Kaierreichs war. Im Dorf Chlum gibt es dazu ein modernes Museum, aber für den Umweg hatten wir leider keine Zeit.

Auf einem schönen Radweg geht es bis in eine Doppelstadt. Am linken Ufer liegt Jaroměř. Diese Stadt besteht aus einem Baustellen-Slalom, einer erstaunlich fetten Kirche...

...und erstaunlich vielen Arkarden.

Was am rechten Ufer liegt, ist jedoch weitaus interessanter. Der österreichische Kaiser Josef ließ hier eine Festungsstadt namens Josefov errichten, um dort ganz viele Soldaten aufzubewahren, damit die im Falle eines preußischen Amgriffs gleich in Grenznähe waren.
Rund um die Stadt zieht sich ein Erdwall mit Steinmauern. Mittlerweile gibt es darin aber genug Lücken für drei große Hauptstraßen.

Unter der Erde befindet sich ein Netz aus Gängen und Kellern. Es war allerdings schon zu spät, um das zu besichtigen.
Die Festung war übrigens letztlich bei keinem Krieg von echter Bedeutung, selbst die Schlacht von Königgrätz war wohl schon zu weit weg.

Heute sehen die Häuser recht schäbig aus und Josefov ist ein sozialer Brennpunkt. Es herrscht eine beklemmende Atmosphäre, die mich an Prora auf Rügen erinnert hat.

Hier münden die Metuje und die Úpa in die Elbe, die danach natürlich noch schmaler wird. Die Úpa kommt vom höchsten Berg Tschiens, die Metuje aus der faszinierenden Felsenstadt, den Adersbacher Felsen.
Auf dem Radweg stehen in regelmäßigen Abständen seltsame gelbe Halbschranken.

Über den Himmel zog ein gigantischer Schwarm Stare. Dann ließen sich die Vögel auf mehreren Bäumen eines Privatgrundstücks nieder, besetzten jeden freien Zweig und zwitscherten lautstark. Ich starrte sie fasziniert an, bis der Grundstückseigentümer herauskam und mich misstrauisch anstarrte.

An einem Krematorium vorbei...

...erreichten wir dann endlich Kuks. Dieses Dörfchen hebt sich deutlich vom grauen tschechischen Einheitsbrei ab, denn die Roubenka genannten schwarzweißen Holzhäuser aus dicken Balken (wie aus dem Holzbaukasten) sind allesamt in Top-Zustand.

Hoch über der Stadt erhebt sich dieses prächtige gelbweiße... nein, diesmal ist es kein Schloss, sondern ein Hospital. Graf Franz Anton von Špork hat es im Barock gegründet, damit man ihn irgendwie positiv in Erinnerung behält. Da er in einem Blog des 21. Jahrhunderts in dem Zusammenhang erwähnt wird, scheint das teilweise geklappt zu haben.

Im Hospital pflegten Mönche vom Orden der Barmherzigen Brüder Kranke und Kriegsveteranen. Der lokale Chef des Ordens lebte vorher in Grenada ein ausschweifendes Leben in Völlerei, landete dann schwerkrank in einem sehr schlechten Krankenhaus und beschloss danach, alles zu tun, damit andere das nicht erleiden mussten.
Ins Hospital gelangt man, wie so oft in Tschechien, nur mit Führung. Höhepunkt des Rundgangs ist ein Konzert zweier "Mönche" von einer Musikgruppe namens Soli Deo. Sie spielen unter anderem auf einem Gamshorn, einem Schafbockhorn und einem Dudelsack. Das klingt erstaunlich gut.

Der Turbo-Künstler Matthias Braun hat in Kuks innerhalb von nur zwei Jahren extrem viele Statuen gemeißelt. Die stehen heute im ehemaligen Operationssaal. Für die Kopien draußen am Haupteingang brauchten andere Künstler sieben Jahre.

Dreizehn Statuen zeigen Tugenden (die Beständigkeit lehnt sich an eine stabile Säule, die Gerechtigkeit mit Augenbinde) und zwölf zeigen Laster (die Eitelkeit mit Spiegel, der Geiz mit Geldbeutel). Eine dreizehnte negative Statue, die den Betrug darstellen sollte, ist mysteriöserweise nicht aufgetaucht. Es gibt auch keine Beweise dafür, dass sie je existiert hat - fest steht nur, dass der Künstler damals das Geld dafür kassiert hat. 

Im Hospital befindet sich auch die zweitälteste barocke Apotheke. Sie ist extrem prächtig gestaltet und manches hat eine versteckte Bedeutung. Schwarze Waagschalen und Gefäße sind zum Beispiel nur für Gifte.
Die Menschen mussten hier früher je nach Vermögenslage mit Geld, Eiern oder (bei ganz armen Landstreichern) selbstgesammelten Kräutern bezahlen.

05 August 2010

Elbe: Von Kolín nach Pardubice

Am Nordufer hinter Kolín nimmt die Wegqualität wieder rasant ab. Spitze Steine, Staub und stellenweise einfach nur Wiese... da ist mir der Staub noch am liebsten.
Selbst die sonst so zuverlässige Beschilderung hat Lücken. Solidarische Radfahrer müssen daher zu anderen Mitteln greifen.

Auf der anschließenden Hauptstraße waren wir zwar schneller, aber dem Tod in Form eines mit 100 Sachen heranbrausenden LKWs nur um einen Meter zu entgehen, fühlt sich auch nicht gerade super an. Immerhin stehen schon Krankenwagen und Blutspendeautos bereit.

Und schließlich folgen noch ein paar steile, unbefestigte Wege im Wald.
Týnec nad Labem ist der Höhepunkt der blöden Wege, das Inzigkofen der Elbe. Wie die meisten Orte, die auf "-ec nad Labem", ist es nicht so richtig sehenswert. Immerhin gibt es eine Konditorei, eine Kirche und eine Burg, wenn auch eine etwas kleine...

Und wie in vielen Dörfern steht hier ein Denkmal für die gefallenen Weltkriegssoldaten.
Der Ortsnamenzusatz "nad Labem" bedeutet genau genommen eigentlich "über der Elbe". Das trifft in Týnec wortwörtlich zu.

Belohnt wurden wir danach mit dieser Felslandschaft nebst Wohnmobilen, Anglern und Gartenmöbeln. Es geht hier über die Grenze in den Pardubicer Bezirk.

Dann kommen bessere Wege: schnurgerade Landstraßen mit wenig Verkehr abseits der Elbe.

So gelangten wir nach Kladruby, wo das tschechische Nationalgestüt steht.

Hinter weißen Zäunen grasen weiße Pferde, die man nicht füttern darf. Reiter reiten auf ihnen herum und bereiten sich auf eines der weltweit härtesten Pferderennen in Pardubice vor, bei dem viele Pferde wegen der schwierigen Hindernisse ums Leben kommen. Die Tierschützer sind davon nicht sehr begeistert.

In Semín sollte laut Karte und Wegweiser ein Aquädukt stehen. Wer da jedoch prächtige römische Bögen erwartet, wird ähnlich enttäuscht sein wie beim Hotel zur Mühle in Riesa.
Der Kanal oben ist laut Hinweistafel aber immerhin 500 Jahre alt.

Irgendwie hatten wir teilweise das Gefühl, in einem mecklenburgischen Wald gelandet zu sein, fast hörten wir schon die Ostsee rauschen.
Dieser tschechische Wohnwagen namens Maringotka (hier eher Marinschrottka) erinnerte uns aber wieder daran, wo wir uns befanden.

Dann folgen zwei Seen. Der erste bei Břehy ist größtenteils eingezäunt, der einzige Badestrand an einem Campingplatz ist nicht öffentlich.
Man kann dafür etwas sehr Absonderliches beobachten, für das mein Kamerazoom leider nicht ausgereicht hat: Riesige Massen großer Fische springen halb aus dem Wasser, auf der Suche nach Sauerstoff.

Der zweite See ist deutlich offener und hat mehrere öffentliche Strände, wo man sich sehr rustikale Tretboote ausleihen kann.

Auf den letzten Kilometern überquerten wir die Elbe ständig hin und her - je schmaler sie wird, desto mehr Brücken gibt es.
Eine davon hat eine bescheuerte, fahrradfeindliche Bauampel. Bis man mit dem Rad drüben ist, hat sie schon umgeschaltet und es kommen einem Autos entgegen. Für Autofahrer ist die Brücke auch extrem schmal, sie müssen aufpassen, dass auch beide Seitenspiegel dranbleiben.
Was Radwege angeht, besteht im Landkreis Pardubice (nicht aber innerhalb der Stadt) Nachholbedarf!  Das können Nymburk und Poděbrady deutlich besser.

Unser nächstes Ziel ist Pardubice (alias Pardubitz) - meine Lieblingselbstadt, die sich auch als pernikové srdce České Republiky (das Lebkuchenherz Tschechiens) bezeichnet. Ich war dort schon einmal und habe die Stadt beschrieben, sodass ich den Text von damals jetzt aus Faulheit einfach mal hier reinkopiere.
Es gibt dort eine Menge Großstadtverkehr. In Pardubice fahren elektrische Busse, deshalb hängen über den Straßen Stromleitungen wie Spinnweben.

Abgesehen von solchen Kreuzungen ist Pardubice aber sehr schön anzusehen. Selbst die Wohnblöcke sind bunt. Deshalb heißen die Stadtteile auch nicht Nord- oder Weststadt, sondern Bilé oder Zelené Předměstí (Weiße oder Grüne Vorstadt).

Und das ist der Marktplatz mit Rathaus, Uhrenturm (links) und natürlich einer Pestsäule. Sehr hübsch, im Stil von Barock und Renaissance und größtenteils saniert. Abends schlugen wir uns auf dem Marktplatz den Bauch voll und betrachteten die bunten Fassaden, während es langsam dunkler wurde.

Pardubice ist die Hauptstadt des gleichnamigen Bezirks, deshalb befindet sich dort das Bezirksamt. Diese riesige Mühle der Bürokratie nimmt mehrere Gebäude in Anspruch, die gemeinsam einen kleineren Marktplatz umringen. Für andere Gebäude ist kaum noch Platz, nur für eine kleine Kirche.

Diese Bartholomäuskirche ist etwas größer und liegt am Rande der Altstadt, neben einer dieser großen Verkehrskreuzungen.

Direkt neben der Altstadt erhebt sich das Pardubicer Schloss. Umringt wird es von einem Park, einem Wassergraben und einer weißen Mauer.

Im Innenhof des Schlosses stolzieren Pfauen.

In Pardubice fließt der Fluss Chrudimka, der aus der Stadt Chrudim kommt. An seinem Ufer steht eine "automatische Mühle".

Kurz vor einem großen Stauwehr mündet die Chrudimka in die Elbe.

Pardubicer Lebkuchen (Pardubický Perník) sind das wichtigste Exportgut und ein weiterer Grund, diese Stadt zu mögen. Auf einer langen Tradition beruht das Backwerk allerdings nicht. Noch im 19. Jahrhundert stand Pardubický Perník sprichwörtlich für etwas Unwichtiges, Nichtexistentes oder für das Schlagen von Kindern (ich weiß auch nicht, warum). Später war es der Name einer humoristischen Zeitschrift und irgendwann machten dann ein paar trotzige Pardubicer tatsächlich erfolgreichen Lebkuchen. Am Bahnhof werden Lebkuchenherzen verkauft, wie man sie auch von deutschen Weihnachtsmärkten kennt, nur nicht in so vielen originellen Formen. Noch beliebter sind allerdings dicke, mit Marmelade gefüllte Dinger, und die sind am Bahnhof in diesen Spiralautomaten erhältlich, die in Deutschland nur uralte Schokoriegel ausspucken. Die dritte Art Pardubicer Lebkuchen sollten wir erst am nächsten Morgen kennenlernen.

Schwimmen kann man hier in einem Hallenbad und zwei Freibädern, wo ein Junge für 20 Kronen (80 Cent) auf die geparkten Räder aufpasst. Im Hallenbad hängt ein Globus von der Decke. Neben einem Becken wurde eine Kletterwand errichtet - wenn man den Halt verliert, stürzt man ins Wasser.

Das heimlich Highlight ist jedoch das Aquarium im Foyer, denn der blaue Fisch hat ein Gesicht, das mich entfernt an den tschechischen Präsidenten erinnert hat.