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24 Juli 2025

Lahn: Von Biedenkopf nach Marburg

Kommentar zur Lahnradtour 2 - "Biedenkopf nach Marburg" am 16.03.2025

Es begab sich zu einer Zeit, als die neue Bundesregierung noch nicht zusammengestellt worden war und der März noch kalte Winde über das karge hessische Hinterland schickte. Da begaben sich zwei mehr oder minder mutige Männer auf den nicht sonderlich beschwerlichen, aber recht sehenswerten Lahntalradweg.

Nach einer wenig ereignisreichen Bahnfahrt von Marburg in Richtung des landkreisnamensgebenden Städtchens Biedenkopf, welches im Rahmen seiner Möglichkeiten vorgab, ein Luftkurort zu sein, stiegen wir auf die Räder. Nach ein weniger erhellenden Pläuschchen mit einem markigen Bahnangestellten, der uns auf die Unwägbarkeiten der herannahenden Züge und der daraus resultierenden Verpflichtung zur Nutzung des beschränkten bahnhofsseitigen Gleisübergangs, sowie einer unfreiwilligen kreativen Schaffenspause zur Instandsetzung unserer Räder, konnte die Reise beginnen.

Nanu, wer schreibt denn da? Die Lahn bin ich in Begleitung gefahren, und eben diese gibt an dieser Stelle ihren Senf dazu.
Um die Sache mit dem Bahnhof nochmal zu erklären: Kurz nachdem der Zug den Bahnsteig verlässt, schließt sich eine Schranke, die alle trödelnden Reisenden einschließt. Wer an dieser vorbeigeht, kriegt vom Schrankenwärter den Deckel. So weit, so gut, nur ist diese Schranke vom hinteren Ende des Bahnsteigs nicht zu erkennen und es gibt auch keinerlei Schild mit der Aufschrift Bahnsteig sofort verlassen oder so. Nur einen obskuren Paragraphen im Beförderungsvertrag, auf den sich der schimpfende Schrankenwärter beruft und den selbstverständlich jeder Bahnreisende zu kennen hat.
Aber ansonsten ist Biedenkopf schöner als Bad Laasphe, weil die ihre Altstadt nicht an der Hauptstraße, sondern etwas höher gebaut haben.

Wenig ereignisreiche Minuten später erreichten wir das vollständig eingerüstete Rathaus des Städtchens Biedenkopf, welches anstelle eines kecken spätbarocken Löwen lediglich eine rostrote impressionistische Skulptur zu bieten hatte. Unzufrieden mit der Gesamtsituation machten wir uns daher schnellstmöglich auf den Weg in Richtung Marburg, wenngleich einige mehr oder minder relevante Dörfchen auf dem Weg liegen würden. Jedoch hatten wir aufgrund des enttäuschenden Rathauses Gelegenheit das Landgrafenschloss in Biedenkopf aus der Ferne zu inspizieren, was zu unserer Zufriedenheit immer noch recht annehmbar aussah.

Hinter Biedenkopf mussten wir eine steile Waldstraße am Waldrand rauf und wieder runter. Ablenkung und Erfrischung während dieser Lahnstrengung bringt eine Installation aus den 60ern: Fotzbrünnche & Pyramide. Ja, die heißen wirklich so.
Erstmal zur Pyramide: Die ist eher ein Kegel aus unregelmäßigen Steinplatten, in den ganz oben ein Porzellankrug eingemauert ist. Aus dem kommt Wasser, das überall an der Pyramide runtertröpfelt, weshalb das Ding an ein Gradierwerk erinnert.
So, und jetzt das Fotzbrünnche: Auch das ist eine Quelle, aber traditioneller, es fließt aus einem Rohr in ein Steinbecken. Nur der Name ist nicht besonders traditionell, sondern vulgär. Aber nicht so, wie Sie denken: Mit dem Wasser sprudelt auch immer stoßweise Luft raus, und die macht Furzgeräusche.

Auf dem Weg zwischen unzähligen kratzpützigen und hinterländischen* Dörfchen und ausgewachsenen Dörfern hatten die beiden wackeren Radfahrenden die Möglichkeit, die Schönheit hessischer Autobahnbrücken, Bahntrassen und einiger ländlicher Flecken wahrzunehmen. Das Wetter war den beiden netterweise hold und so verlief die Radreise erfrischend problemlos und in strahlendem Märzensonnenschein. Begleitet von regelmäßigen Klopf- und Schleifgeräuschen des mit aller Kraft am Fortkommen uninteressierten Fahrrades des einen Reisenden wurden ungefähr 38 km mit teilweise elektrischer Unterstützung zurückgelegt.**

* In diesem Fall ist "Hinterland" die Selbstbezeichnung dieser Gegend und nicht abwertend gemeint.

** Aber nur wenn es unbedingt nötig war, soviel hat uns die Radfahrerehre doch schon abverlangt. Wobei der widerspenstige Odem, dessen erklärtes Ziel unsere Verlangsamung war, doch Grund zur Abkehr vom altbekannten Muskelantrieb bot, war diese moderne Unterstützung nur von kurzer Dauer.


Ja, an diesem Tag hatte ich zum ersten Mal die Gelegenheit, auf einer längeren Strecke ein E-Bike auszuprobieren. Wir haben hin und wieder die Räder getauscht. Für alle 12 Radfahrer Deutschlands, die noch immer analog fahren, hier kurz die wesentlichen Erkenntnisse:
1. Ja, es stimmt, was die E-Biker sagen, streng genommen ist es nur eine elektrische Unterstützung und kein Motorantrieb. Wenn man nicht tritt, bewegt sich gar nichts.
2. Und sobald man in voller Fahrt ist, hört die Unterstützung wieder auf, denn dann tritt es sich ja sowieso ganz leicht.
3. Trotzdem ist es geradezu schockierend, wie mühelos man selbst auf Stufe 1 (von 3) vorankommt (mit einem Akku, der am Ende des Tages noch fast voll ist).
4. Und vor allem: Bei Anstiegen oder Gegenwind erreicht man volle Fahrt ja nur schwer, und dann hört die Unterstützung niemals auf.
5. Der Umstieg zurück aufs analoge Rad war nicht so ernüchternd wie befürchtet. Trotzdem mag ich mir nicht vorstellen, wie das aussieht, wenn ich ein paar Tage elektrisch gefahren bin und plötzlich mitten in der Wildnis der Akku abkackt.
Von diesem Luxus will ich mich erst dann abhängig machen, wenn ich so alt bin, dass ich anders nicht mehr fahren kann.

Bei diesen Bildern mag man sich fragen: Wofür zum Geier braucht man auf dieser Strecke elektrische Unterstützung? Der Lahnradweg war nun ganz flach, dafür schritt ein anderer Gegner ein: Der Wind, das himmlische Kind, das heute sehr erwachsen wirkte.
Während der stärksten Böen waren wir doch ganz froh über den Strom und gelegentlich unterstützte der elektrische Radler den analogen mit einer neuartigen Erfindung namens Organic E-Tandem Extension (Anschieben mit ausgestrecktem Arm). Anfangs spottete er noch über meine Langsamkeit, als wir dann aber mal tauschten, er plötzlich kämpfen musste und so weit zurückblieb wie ich vorhin, verging ihm das Lachen.

Ansonsten hat diese Strecke eine besondere Vorliebe für absurd viele Wellblechtunnel.

Wir hatten eine angenehme Mittagspause am Flussufer bei Kernbach, wo ein grob gestapelter Insektenhotelturm mit mehreren großen Stockwerken aufragt.

Bei einem Dorf namens Göttingen knickte die Lahn dann nach Süden ab, das Tal wurde etwas schmaler und wir fuhren voller E-Lahn dichter an die Berge heran, zwischen Fluss und Gleise. Puh, endlich windgeschützt!

Bei der Ohmmündung in Cölbe hat die Lahn ganz viele grüne Inselchen - fast wie bei den Isteiner Schwellen am Rhein, wäre das Wasser wilder. Doch die Lahn rauscht nur noch an den Wehren. Im Fluss endet das Territorium der Äschen und es beginnt die Barbenregion.

Der Weg versteckt sich in den Nischen des Waldes und schnörkelt kurz zwischen Straßen und Gleisen herum.

Als ich hier auf dem Radweg Deutsche Einheit lahnggefahren bin, war der Lahnradweg gerade eine Baustelle. Aber inzwischen ist alles fertig, und so konnten wir bald direkt ans Flussufer zurückkehren und bequem in die wohl bekannteste Lahnstadt reinfahren. Diese empfängt ihre Gäste mit einer berauschenden Villa.


Was den Lahnradweg angeht, ist Marburg vorbildlich. Fast durchgehend konnten wir im Grünen (mal mehr, mal weniger grün) dem Fluss folgen. Etwas skurril ist die Passage am Bahnhof, wo solch ein Platzmangel herrscht, dass sich die verknoteten Schnörkel grauer Schnellstraßen über dem Radweg zusammendrängen. Obwohl der Bahnhof fast direkt daneben liegt, kommt man nicht hoch, sondern muss irgendeinen Umweg auswählen.

Nach ungefähr 2 Stunden 17 Minuten und 24 Sekunden reiner Fahrzeit sowie 4 Stunden 22 Minuten und 57 Sekunden gesamter Wegzeit, kamen wir im urigen Drehspießrestaurant unseres Vertrauens in Marburg an. Erschöpft und glücklich über die überstandene Tour, insbesondere im Hinblick auf die mehrfach Widerstand leistenden fahrenden Untersätze, hatten wir insgesamt 42,74 km Strecke inklusive der Anreise zum Bahnhof in Marburg und der Rückreise zu unserem Ausgangspunkt zurückgelegt. Wobei hier anzumerken ist, dass die aufgezeichnete Wegstrecke ein paar wenige Kilometer der anfänglichen Bahnfahrt von Marburg nach Biedenkopf enthielt, ob hier nun die Bahn für ihre entschleunigte Fahrweise oder das GPS-basierte Aufzeichnungsgeräte von uns für diesen Faux-Pas verantwortlich ist, muss die oder der geneigte Leserin oder Leser entscheiden.

Marburg ist schön, klein und eine Studentenstadt. Eine teure Kombination: Viele wollen auch nach dem Studium bleiben und können sich dann höhere Mieten leisten, was zu Lasten der neuen Studenten geht. Diese kunstvolle Alltagsinstallation von Buch und Bier symbolisiert den Geist der Studentenstadt sehr gut. (Die Bilder sind so dunkel, weil ich meinen ersten Rundgang durch Marburg abends gemacht habe, als ich hier eine Stunde Umstiegszeit hatte.)


Ich könnte Marburg als das Göttingen Hessens bezeichnen, aber damit erwiese ich den Marburger Radwegen wohl doch zu viel Ehre. Aber zumindest beim Fachwerk passt es!

Außerdem hat Marburg engere Gassen und ist viel, viel dreidimensionaler als Göttingen, vielleicht die dreidimensionalste Universitätsstadt Deutschlands. Eine Kneipentour durch die Altstadt wird zum sportlichen Event, bei dem die Kalorien direkt wieder abgebaut werden.

Was haben Marburg und Helgoland gemeinsam? Fahrstühle stellen ein wichtige öffentliche Verkehrsmittel dar, welche die Ober- und Unterstadt verbinden. In Marburg sind sie sogar kostenlos. Mist, hätte ich das mal gewusst, dann hätte ich das Rad hier nicht hochschieben müssen. Im Dunkeln erschien mir das regennasse Kopfsteinpflaster, das gefühlt senkrecht abwärts ging, auch nicht gerade als sicherer Rückweg, also nahm ich den Aufzug zumindest für die Rückkehr nach unten.

Herzstück der verwinkelten Altstadt ist der Marktplatz mit dem alten Rathaus. Auf dem Weihnachtsmarkt steht an dieser Stelle ein dermaßen winziges Riesenrad, dass man es eigentlich Zwergenrad nennen müsste.

Für eine moderne Verwaltung reicht der Platz nicht aus, darum gehört auch das ganze große Nachbarhaus dazu - das hier ist der Balkon des Bürgermeisters.

Das reicht der Stadt Marburg aber immer noch nicht, deswegen hat sie lauter Wohnungen über dem Markt gemietet und darin Büros eingerichtet. Wer als ahnungsloser Tourist auf dem Marktplatz steht, ahnt nicht, dass er nicht nur von Rieseninsekten, sondern auch von Bürokratie umzingelt ist.
Aber um fair zu bleiben: Die Häuser sind halt echt klein im Vergleich zu den Neuen Rathäusern in Göttingen oder Hannover. Und soweit ich gehört habe, funktioniert hier einiges schon besser als in anderen Städten.

Außerdem kann jeder ins historische Rathaus reinspazieren und die Geheimnisse zwischen den schwarzen Balken entdecken. Im Erdgeschoss wird die Kommunikation gesichert durch eine Alte Posthalterei, die wirklich immer noch so heißt und auch so aussieht. Im Treppenhaus haben sie dasselbe gemacht wie im Museum in Jena und lassen die Stadtgeschichte an einem Zeitstrahl die Treppen hochwandern. Eine kleine goldene astronomische Uhr tickt vor sich hin, und wer sich im Saal trauen lässt, der sieht das übergroße Gemälde einer stillenden Frau und bekommt so gleich gespoilert, wie die nächste Station des Lebens aussieht. Zumindest für viele.

Im Erdgeschoss dagegen wurde eine Sonderausstellung namens Rosa Winkel aufgestellt. Die Texttafeln erzählen von einer Gruppe in den Konzentrationslagern, die zwar etwas kleiner war, aber die einzige, die nach dem Krieg nicht als Opfer anerkannt wurden, sondern vielmehr vom Kaiserreich bis hinein in die Zeit des geteilten Deutschland verfolgt wurde. Einen speziellen Bezug zu Marburg hat das Thema nicht, außer dass 700 homosexuelle Männer (und einige Frauen, obwohl das nach dem Gesetz nicht mal illegal war) in die Lager Mittelbau-Dora und Buchenwald gesperrt haben, die aber nur so ganz ganz grob in der Nähe von Marburg lagen.

Marburgs Markenzeichen ist das Schloss, das die Stadt überragt und auch von unten super zu sehen ist. Was gut ist.

Denn wer es aus der Nähe sehen will, der muss sich eine noch steilere Straße hochschleppen. Dabei kommt er an einer alten Mauer vorbei (unten rechts), an der ein ganz besonderer Wein wächst - die Stara Trta (Alte Rebe). Was eine ziemliche Untertreibung ist, denn das ist die älteste Rebe der Welt, die noch Weintrauben produziert. Beziehungsweise ein Ableger von ihr - das Original wächst in Maribor in Slowenien. Ganz selten verschenken die Slowenen Stücke ihres Urweins an Leute wie den tschechischen Staatspräsidenten. Dabei müssen Sie nicht nur darauf achten, ob sie die Beschenkten lieb genug für so was haben, sondern auch, ob die Rebe denn am Zielort wirklich geeignete Bedingungen hat. Die Schlossbergwinzer von Marburg haben ihre Mauer offenbar dafür qualifiziert gekriegt.

Es war mal das Machtzentrum des ganzen Bundeslandes - darin lebten die Landgrafen von Hessen. Als die ihren Sitz verlegten (warum auch immer, etwas Schickeres können sie kaum gefunden haben), wurde der Bau zur Festung, zum Gefängnis, Archiv, Museum und Veranstaltungsort. Vom Krieg blieb es offenbar verschont, und so kann dieses hessische Hogwarts mit seinen dicken Bögen bis heute bewundert werden. Die meisten spazieren einfach außen hoch, um die Aussicht zu bewundern.


Das bekannteste Ereignis im Schloss war das Marburger Religionsgespräch, ein Meeting der führenden Protestanten wie Luther, Heynrich Zwingli und Graf Philipp I. von Hessen. Irgendwie lese ich so etwas extrem oft in Mitteldeutschland, die Protestanten hatten wirklich viele Besprechungen. Wie viele davon wohl eine E-Mail hätten sein können? Der Protestantismus ist auf jeden Fall vom Schloss heruntergeschwappt, und so entstand hier auch die erste protestantische Uni in Europa. (Eine seltsame Vorstellung heute, dass sich Unis einer Kirche zuordnen müssen.)
Ach ja, und im Winter hängen hier die meisten Zwergfledermäuse in Deutschland ab. Um zu verstehen, was uns die Fledermäuse zu sagen haben, steht da ein Apparat, der auf Knopfdruck alle Ultraschalltöne im Umkreis von 15 Metern in hörbare Töne umwandelt. Weil die Fledermäuse mir gerade nichts mitteilen wollten, musste ich mich mit drei Arten von Fledermausfiepsen vom Band begnügen.




 



Die heilige Elisabeth von Thüringen (die von der Wartburg) wollte hier das Franziskushospital gründen, quasi das erste Krankenhaus Europas. Problem: Dazu gehörte vorschriftsgemäß auch eine Kirche, und wo könnte man die hinstellen? Alle Grundstücke waren ungeeignet. Also ließ sie Gott das Bauland aussuchen und rollte einen Stein vom höchsten Berggipfel. Gott hatte an diesem Tag offenbar irgendwas gegen Bauarbeiter, denn der Stein blieb in einem Moor stecken, und dort baut es sich bekanntlich besonders schwer. Erstmal musste der Boden mit Baumstämmen befestigt werden. Als irgendwann unter großen Mühen die Elisabethkirche fertiggestellt wurde, war Elisabeth schon längst tot.

Bei meiner Übernachtung erhielt ich durch Zufall Gelegenheit, die Veranstaltung einer Studentenverbindung zu besuchen. Bisher hatte ich mit so etwas nie zu tun gehabt und war daher ziemlich verblüfft über diese verqualmte Angelegenheit. Es handelt sich um eine bizarre Mischung aus Studentensaufen und Gottesdienst, zwei Dinge, bei denen ich nicht auf die Idee gekommen wäre, dass sie sich überhaupt mischen lassen. Aber Rechtsextremisten waren das auf jeden Fall nicht, es gab eine geradezu woke Rede, die im Gegensatz zur altertümlichen Einrichtung stand.
Außerdem habe ich erstmals eins dieser Sushi-Restaurants mit Fließband ausprobiert. (Lecker, aber der Teller mit 8 Sushirollen ist ernsthaft so viel wert wie ein Teller mit einem kleinen Orangenstückchen?)

Aber es geht noch moderner:
Bei meinen Reisen durch Mittelhessen bin ich immer wieder auf Teo-Supermärkte gestoßen. Die gehören zur Kette Tegut, sind 24 Stunden offen und brauchen kein Personal. Ein Gericht hat den Betrieb an Sonntagen zum Schutz der Feiertage verboten, doch die hessische Regierung hat daraufhin das Gesetz geändert. Um reinzukommen, muss man seine Karte scannen lassen. Alle Kühlwaren befinden sich hinter Türen in einem extrakalten Raum.
Die Teos, die ich bisher kannte, standen allein in einer Art großer Holztonne herum. Der in Marburg ist in ein normales Gebäude integriert. Und das ist nicht die einzige Besonderheit. Die Decke ist über und über und über bestückt mit Kameras, noch viel mehr als in den Holztonnen-Teos. Wo ist denn nun die Selbstbedienungskasse?
Es gibt keine.
Dieser Laden hat in einem digitalen Quantensprung direkt die Selbstbedienungskassen und kleinen Handscanner, die gerade immer öfter zu sehen sind, übersprungen.
Die Kameras erkennen, was man einsteckt, und der Preis wird automatisch abgebucht. Wer am Eingang einen QR-Code scannt, bekommt einige Minuten später einen digitalen Kassenbon zugeschickt. Wer braucht da noch Kassen? Aber etwas unheimlich ist es.

05 Juni 2025

Spree: Von Erkner nach Köpenick

Der aufmerksame Leser wird sich wundern: Hö, wieso sind da immer noch drei Tage übrig? Hat der Trottel echt so lange durch Berlin gebraucht, so zäh kann der Verkehr dort nun auch wieder nicht gewesen sein?
Nein, war er nicht (nur fast). Diese kurzen Berliner Spreetappen bin ich während eines Wochenendbesuchs, einer Berliner-Mauer- und einer Havelradtour gefahren, daher die Zersplitterung. Aber es ist nicht so, als gäbe es nichts zu erzählen über die kurzen Stückchen.


Erkner hat auch seinen eigenen See, der Dämeritzsee versteckt sich aber lieber hinter modernen Villen. So richtig bekam ich ihn erst zu Gesicht, als die Spree schon wieder rausfloss. Wobei, eigentlich auch da nicht so richtig. Macht nix, der nächste kugelrundliche See folgt sogleich. Das Land an der sogenannten Müggelspree zwischen den Seen war mal eine Sumpflandschaft, quasi eine Art Mini-Spreewald. In den 20ern wurde das alles mit Kanälen trockengelegt und Neu-Venedig genannt, was noch am ehesten von den Grundstückspreisen her passen könnte.


Am Müggelsee wollte ich nichts dem Zufall überlassen und verließ die empfohlene Strecke, um mir die zweite annähernd kugelrunde Wasserfläche anzuschauen.
Damit überließ ich aber etwas ganz anderes dem Zufall.
Nämlich die Tatsache, ob sich unter meinen Reifen fester Boden befindet oder doch purer Strandsand.
Ein paar Sportboote lagen im Hafen, doch ansonsten war es erstaunlich ruhig. Sollte hier nicht schon mehr los sein, an einem solch schönen Strand nah an der Metropole?

Der Radweg ist eigentlich super ausgebaut, wenn man bereit ist, etwas Abstand zum See zu halten. Die Waldstraßen und Radwege kurven fast vollkommen flach über den Blätterboden und um die schlanken Säulen der Laubbäume.
Schwer zu glauben, dass sich gleich nebenan ein Berg mit dem Müggelturm befinden soll. Der alte Müggelturm ist 1958 abgebrannt, aber ein paar Kunststudenten haben gleich einen neuen Entwurf für das beliebte Ausflugsziel gewagt. Hm, da könnte ich ja eigentlich wirklich mal hoch... ah nee, Google sagt, is schon zu. Außerdem klagen die Bewertungen über einen furchtbaren baulichen Zustand und das seit ein paar Monaten geschlossene Café. Nein danke, das klingt mir verdächtig nach dem gruseligen Bayernturm von Zimmerau...

Später rückt der Radweg näher an den Gehweg und die kleinen Grasstrände heran.

Als die Spree den Müggelsee wieder verließ, habe ich meinen Weg ebenfalls verlassen, um mir eine kleine Besonderheit anzuschauen - den ersten Tunnel unter der Spree. Wenn auch nicht der einzige, in Berlin-Mitte gibt es definitiv einen Eisenbahntunnel, mehrere U-Bahn-Tunnel und wahrscheinlich auch mindestens einen Straßentunnel. Aber die lassen sich mit dem Spreetunnel nur sehr bedingt vergleichen.
Erst einmal war er ganz schön schwer zu finden unter den ausladenden Baumkronen. Ich schob die letzten Zweige zur Seite, und auf einmal klaffte ein archaisches Treppenmaul vor mir auf, aus dem hysterische Geigenmusik hallte.
What?
Neugierig und fast gar nicht beunruhigt stieg ich die Stufen hinunter in den niedrigen Tunnel, der zu 80 Prozent von Graffiti, zu 15 Prozent von Patina (eine genauere Untersuchung wurde aus Selbstschutzgründen abgebrochen) und zu 5 Prozent von bröckelndem Stein zusammengehalten wird. So, nun müsste ich aber gleich... nee, noch mehr Stufen, aber gleich... jap, nun bin ich ganz unten angekommen.
In dem niedrigen Gang befand sich keine Menschenseele außer einem bärtigen Violinisten, der sich mit all seiner Kraft und Leidenschaft in rasendem Tempo (auf jeden Fall deutlich schneller als mein heutiges Tempo) die Seele aus dem Leib geigte.
Dit is Berlin, dachte ich mir.
"Das ist Berlin", lachte später auch mein Gastgeber.
Dit is Berlin, denkt sich da wahrscheinlich jeder, sogar jene, die bisher noch nie wirklich was mit der Stadt zu tun hatten.

Eigentlich musste ich überhaupt nicht unter der Spree durch, sondern einfach immer derselben Straße bis rein nach Köpenick folgen. Berlin-Köpenick ist so was wie das östliche Gegenstück zu Berlin-Spandau: Eine kleine Altstadtinsel in einer Flussmündung und eine der drei mittelalterlichen Keimzellen Berlins.
Die Dahme mündet in die Spree (guck an, es gibt also doch einen Spree-Nebenfluss mit eigenem Radweg) und bildet ein dickes nasses Dreieck, das in der Abenddämmerung und den Lichtern der Stadt violett schimmerte. Das beobachtete ich eine Weile in einem Rosengarten am Ufer (sogar der hatte Patina), während ich mich vor einem Regenschauer versteckte. Zwischen den Wohnblocks in meinem Rücken herrschte die gesetzlich vorgeschriebene Nachtruhe, das hatte so gar nichts von der ach so gefährlichen Stadt, in der ich mich laut der CSU befand. Wie ich später von meinem Gastgeber hörte, war die Nahverkehrsanbindung nach Köpenick gerade äußerst bescheiden ("Von A nach B ist keine gute Idee."), und es hatte fast den Anschein, als hätten die Berliner diesen schwer erreichbaren Stadtteil am Rande irgendwie vergessen.

Die Altstadt selbst ist, ähnlich wie in Spandau, nicht superhistorisch und darüber hinaus weitgehend gefüllt mit Baustelle vier. Unter den (ehemals) weißen Häusern sticht die märkische Backsteingotik am Rathaus umso deutlicher hervor, wie eine Mini-Version des Roten Rathauses im Zentrum. Sogar die kleinen weißen Flächen zwischen den Ziegeln wirken wesentliche weißer als die komplett "weißen" Häuser.
Aus dem Rathaus schreitet eine Figur des bekanntesten Köpenickers, der bisher auch das einzige war, was ich mit Köpenick in Verbindung gebracht hatte. Sein Name war Wilhelm Voigt, Schuhmacher, Dieb und Urkundenfälscher. Nach Jahren im Gefängnis wollte er sein Leben in den Griff bekommen und fand ordentliche Arbeit. Dummerweise bekam das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin Wind von seinen Vorstrafen und verwies ihn des Landes. Er zog in die Nähe von Berlin - dasselbe Spiel wiederholte sich. Der rehabilitationswillige Wilhelm hatte genug. Er kaufte sich an verschiedenen Stellen eine Hauptmannsuniform zusammen. Am 16.10.1906 ging er, als Hauptmann verkleidet, zu einer Militärbadeanstalt und befahl elf Soldaten, mitzukommen, Kabinettsorder. Sie folgten ihrem Befehlshaber gehorsam in die Stadtbahn ("Es war mir nicht möglich, Kraftwagen zu requirieren.") und ins Köpenicker Rathaus.
An dieser Stelle gibt es zwei Versionen. Mein Reiseführer, Voigts Autobiographie, das Theaterstück und der Film mit Heinz Rühmann behaupten, er wollte sich eigentlich nur einen Pass ausstellen lassen, den er als Vorbestrafter aus bürokratischen Gründen nicht bekommen konnte, und im Ausland endlich ein gesetzestreues Leben beginnen. Dagegen sprechen einige Gründe, zum Beispiel, dass in diesem Rathaus überhaupt keine Pässe ausgestellt wurden, was ihm bei seinen umfangreichen Vorbereitungen eigentlich hätte auffallen müssen. Laut Wikipedia hatte er deshalb von Anfang an vor, das zu tun, was er am Ende tat: Den Bürgermeister, Oberstadtsekretär und Polizeichef verhaften und die Stadtkasse "beschlagnahmen." Während er mit besagter Kasse in die Bahn stieg, hielten die loyalen Soldaten weiter das Rathaus besetzt. Erst zehn Tage später verpfiff ein ehemaliger Zellengenosse den Hauptmann von Köpenick an die Polizei.
Die Richter kauften ihm die Passgeschichte nicht ab, was es umso überraschender macht, wie viel Verständnis sie für den Mann zeigten, der offensichtlich versucht hatte, ehrlich zu leben, und ohne eigene Schuld daran gehindert worden war. Der Hauptmann von Köpenick hatte eine Menge öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Eigentlich hatte er die Schwächen des preußischen Gehorsams offengelegt, aber Kaiser Wilhelm checkte das nicht so richtig, und war im Gegenteil sogar auf verquere Weise stolz auf den amüsanten Vorfall. ("Da kann man sehen, was Disziplin heißt. Kein Volk der Erde macht uns das nach!") So stolz, dass er den Hauptmann von Köpenick begnadigte. Nach seiner Freilassung war er ein Star und konnte von Bühnenauftritten leben (also der Hauptmann von Köpenick, nicht der Kaiser).

Die anderen preußischen Ereignisse aus Köpenick sind weniger witzig. Am 1. Mai 1933 weigerten sich die Köpenicker Arbeiter, zu Naziparolen zu marschieren. Darauf folgte Ende Juni die Köpenicker Blutwoche, bei der die SA überall linke Regimegegner verschwinden ließ - ein Testlauf, um die Fähigkeit des deutschen Volkes beim Wegsehen einzuschätzen.

Am Ufer der Dahme steht ein weißes, barockes und unvollendetes Stuckschloss, das in jetziger Form für den Soldatenkönig Friedrich I. gebaut wurde. Über die Zugbrücke konnte ich den Innenhof und den Garten besichtigen, aber die paar kugelrund zurechtgeschnittenen Hecken waren nicht übermäßig spannend. Ganz anders das dramatischste Ereignis, das in diesem Schloss stattfand, der Kronprinzenprozess.
Der Sohn des Soldatenkönigs und spätere König Friedrich II. war sehr unglücklich unter seinem tyrannischen Vater, der seinen Tagesablauf genau eintaktete (7 Minuten fürs Frühstück) und sowohl seinen Sohn als auch dessen Lehrer verprügeln ließ, wenn er mitbekam, dass der Junge heimlich ein bisschen Latein und Literatur statt Militär- und Wirtschaftswissen gelernt hatte. Dann lernte der junge Friedrich einen acht Jahre älteren Leutnant namens Hans Hermann von Katte kennen, der sich ebenfalls für Dichtung und Flötenspiel interessierte. Weil er sich nicht anders zu helfen wusste, versuchte der Prinz mehrfach, mit seinem Freund ins Ausland zu fliehen und scheiterte jedes Mal am zu loyalen (oder zu ängstlichen) Personal seines Vaters. Nach dem letzten Versuch bekam der König einen Brief seines Sohnes an Hermann von Katte in die Hände, und mit diesem Beweismittel konnte er sie beide endlich im Köpenicker Schloss vors Militärgericht bringen. Der Prozess begann damit, dass Friedrich I. Hermann von Katte erst einmal persönlich brutal verprügelte. Die (vermutlich etwas blassen) Richter erklärten sich als allererstes für nicht zuständig, was den Thronfolger anging, und verurteilten dann Katte wegen Desertion zu lebenslanger Festungshaft. Woraufhin der König ihnen nahelegte, sie sollten sich nochmal zusammensetzen und das Urteil überdenken. Als die Richter dabei blieben, wandelte der König persönlich das Urteil in eine Todesstrafe um.
Als der Prinz das Urteil hörte, fiel er in Ohnmacht.
Man steckte beide Freunde in dieselbe braune Kleidung, damit der Prinz glaubte, auch er würde sterben. Stattdessen war er gezwungen zuzusehen, wie sein Freund mit dem Schwert enthauptet wurde.

So weit, so tragisch. Ein Heranwachsender, das auf diese Weise seinen engsten Freund verliert, ist in jedem Fall fürs Leben gezeichnet.
Dennoch bleibt die Frage: Wie nahe standen sich diese beiden Freunde nun eigentlich wirklich? Die Anzeichen sind da, dass zwischen ihnen was lief. Zum Beispiel Friedrichs Schwester, laut der Katte ihren Bruder weg von einem "anständigen Leben" hin zu "Verirrungen" trieb.
Natürlich sind wir wie alle Generationen nicht frei davon, die Geschichte durch die Augen unserer Zeit zu deuten, und mit Sicherheit können wir das sowieso nie wissen. Ich sag mal so: Wer jede enge Freundschaft mit Ausrufen wie „Wie unglücklich bin ich, mein lieber Katte, ich bin schuld an Ihrem Tod, wäre ich doch um Gottes Willen an Ihrer Stelle!“ - „Ach, Monseigneur, hätte ich tausend Leben, ich opferte sie Ihnen.“ als Liebesbeziehung interpretiert, der wird wohl in manchen Fällen falsch liegen, aber in manchen Fällen sicherlich auch richtig.