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Noch mehr Radreisen

12 Mai 2026

Moldau: Von Prag nach Mělník

VII. Die Aufbruchsmoldau

Die Glasgebäude und Sporthäfen deuten darauf hin, dass die Mieten an der nördlichen Prager Moldau tendenziell teurer sind.

Der Uferradweg geht zum Glück weiter und unter Troja hindurch. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein Berg, Stadtteil, Schloss und eine Betonmauer mit scheußlichen Stahlträgern. Und in Troja liegt auch der Zoo, der kreative Werbung macht: Noch 2,5 km / 150 min für eine Schildkröte / 4 min für einen Elefanten / 2 min für einen Geparden. Bleibt nur die Frage, wie lange ein trojanisches Pferd für die Strecke braucht.

Wer die ganze Zeit in seinem Paddelboot geblieben ist und es um sämtliche großen Staumauern herumgetragen hat, der wird in Prag nochmal belohnt mit weiteren Floßgassen und einer weiteren Wildwasser-Slalomstrecke, so ähnlich wie hinter České Budějovice, diesmal aber nicht auf einem künstlichen Moldauarm um eine Insel, sondern zum Teil in einer langen Reihe grauer Mauern, manche davon Wildwasserfahrt, manche Schleuse, manche Baustelle.
Aber halt! Ein Typ hielt mir eine rote Kelle hin.
"Entschuldigen Sie bitte, Sie müssen einmal 10 Minuten warten, hier wird gedreht."
Während dieser 10 Minuten sammelten sich ein paar weitere mehr oder weniger geduldige Stadtradler an. Wir schauten zum Kamerateam rüber, das offenbar auf die Boote im Wasser draufhielt. Es schien sich eher um eine Sportdoku als einen Spielfilm zu handeln, aber genauer bekamen wir es nicht raus. 

Und dann ist Prag zu Ende. Oben auf den Bergen ging es noch ein bisschen weiter, doch die Wohnblocks von Bohnice duckten sich schüchtern hinter die Wipfel. Im Tal gab es Abschnitte, auf denen ich auf den ersten Blick kein Haus mehr sehen konnte, erstaunlich. Den Radweg säumen Vorgärten voll mit hohem Gras, aber ohne Tiere zum Abweiden. Die Moldau rast ruhig und zielstrebig ihrem Ende entgegen.
In der klassischen Variante beginnt der Elberadweg ja auch in Prag mit diesem Streckenabschnitt. Als die Stadt vorbei war, standen dort einige Infotafeln und ein Pavillon, die sich auf Radler spezialisiert hatten, die hier gerade erst zu ihrer großen Reise aufbrechen.

Auf einem Hügel steht der Levý hrad ("Linke Burg") - an welchem Ufer, dürfen sie selber erraten. Davon sind bloß eine Kirche und unterirdische Grundmauern übrig, die ich nicht fotografiert habe. Doch in diesen Mauern verbirgt sich das wahre Geheimnis hinter der Entstehung Tschechiens, denn dort haben die Přemyslíden ganz ursprünglich gewohnt. In Wahrheit waren das keine bescheidenen Bauern, die von einer sagenhaften Wahrsagerin auserwählt wurden, sondern einfach lokale Stammesfürsten, die nach und nach die anderen Fürsten im Moldautal und dann darüber hinaus unterworfen haben. So schnöde ist leider die Wahrheit hinter den meisten Gründungsmythen; letztendlich sind alle Staaten aus solcher gewaltsamer Mini-Kolonisation entstanden, wenn man nur weit genug zurückschaut.

Es ist kein Zuckerschlecken mit dem Moldauradweg, auch am letzten Tag gibt es keinen durchgehenden Uferweg, die Radler müssen nochmal steile Berge hoch. Ich könnte mir das aber ersparen, indem ich unten bleibe, an der Brücke rüberwechsle und dann gucke, ob vielleicht der Wanderweg neben den Gleisen mit dem Rad passierbar...
Ach, wisst ihr was, nein. Ich habe schon genug geschummelt und abgekürzt. Zumindest heute mache ich nochmal alles richtig. Also quälte ich mich die Straße am Bach durch die Felsen hinauf, von Klecánky nach Klecany. Dass Klecánky einfach nicht aufhören wollte, war nicht sehr motivierend, bis mir klar wurde, dass die Orte einfach ineinander übergehen.

Oben erhielt ich den Anblick dieses außerordentlich unböhmischen Kirchturms als zweifelhafte Belohnung. Dann ging es ein paar Kilometer über die windige Hochebene und an einem ruhigen Bach wieder runter zum Uferradweg.

Und dort, ganz allmählich, hörten die Berge tatsächlich auf, diesmal endgültig. Denn ich weiß ja, dass diese Tour in einem relativ breiten, flachen Tal enden muss, und das muss doch jetzt auch mal kommen.

Warum wohl diese Brücke zerstört ist, mitten in Tschechien, weit entfernt vom Eisernen Vorhang? Ich weiß es auch nicht. Auf den Pfeilern haben sich Schifffahrtszeichen, Strommasten und kleine Bäumchen angesiedelt.

In Kralupy sollte ich einmal das Ufer wechseln dann unter diesem Rohr hindurch den nächsten Radweg nehmen. Hier reicht bücken nicht, absteigen auch nicht, es braucht beides gleichzeitig.

Der Radweg wird zum erdigen Waldweg zwischen dem Fluss und einer erstaunlich schwammigen Sandsteinwand. Sie ist komplett durchzogen mit organisch geformten Spalten und Löchern, die ihrerseits wiederum Löcher in Löchern haben. In manche davon kann man hineinklettern, um in die Löcher im Loch seinen Arm reinzustecken, und das ist die Stelle, an der im Film alles schiefgeht.

Auch in der Realität hat die Felswand Löcher, in denen alles schiefgeht, wenn man sich zu weit reinwagt. Die sind zwar in keiner Weise abgesperrt, aber trotzdem leicht zu erkennen: viel größer, in künstlicher Bogenform, und innendrin liegen Gleise. Die Fernverkehrsstrecke nach Dresden und Berlin, die einzige elektrifizierte von Tschechien nach Deutschland, folgt noch immer den Schleifen der Moldau. Noch lassen die Berge es nicht zu, dass sie irgendwelche Abkürzungen im Flachland nimmt, im Gegenteil, sie zwingen sie auch noch, einen Tunnel zu bohren und durch den Sandsteinschwamm zu brausen. Und theoretisch könnte jeder in diesen Tunnel reinspazieren und sich auf die Gleise stellen. Gut, das könnte man im Flachland bei den Gleisen meistens auch, aber da wird man zumindest von Weitem gesehen.
 
Am letzten Moldautag gab es keine Burgen mehr, sondern jede Menge Schlösser, manche bunt und üppig verziert, andere grau und nüchtern, manche nur noch hohle Ruinenwände aus Feldstein. Die Prager Barockzone ist auf jeden Fall vorbei. In dem ungarisch klingenden Ort Nelahozeves steht eins der wichtigsten Renaissanceschlösser in Böhmen (hinten links), von dem die aufgemalten 3D-Steine und Wandbilder aber schon abblättern. Davor liegt das sauber sanierte Wohnhaus des anderen tschechischen Nationalkomponisten Antonín Dořák, der damals sogar deutlich beliebter war. Smetana hat die tschechische Nationalmusik erfunden, aber Dořák hat sie populär gemacht. Besuchen kann man das Haus nur in einer Führung vom Schloss aus.

Auf dieser rostigen Brücke habe ich das vorletzte Mal das Ufer gewechselt.

Dann war es wieder vorbei mit den Uferwegen. Aber das macht nichts, denn jetzt sind keine Berge mehr da, nur noch flache Alleen, die im Zickzack durch eine Parklandschaft irren. Das barocke Lustschloss von Veltrusy wurde auf einer Moldauinsel erbaut, steht aber jetzt auf dem Festland, vermutlich durch Flussbegradigungen. Mit seiner Kuppel sieht es aus wie der Sitz irgendeiner wissenschaftlichen Gesellschaft aus dem Zeitalter der Aufklärung.
Auf den Feldern wächst alles mögliche, Raps, Pusteblumen, Hopfen, Obstbäume oder einfach nur Gras.
Im Dorf mit dem kuriosen Namen Dědibaby ("Opaoma") war im Bikeline aus irgendeinem Grund ein Naturlagerplatz am Rand eines Feldes eingezeichnet, auf den gab es aber weder vor Ort noch online den geringsten Hinweis.

Zum Schluss teilt sich die Moldau in drei Arme. Arm Nr. 1 ist die eigentliche Moldau. Die ist jetzt erstaunlich schmal und schüchtern. Obwohl der Radweg hier ein Stückchen auf dem Deich langführt, ist kaum etwas vom Wasser zu sehen. Nur die Bäume und das gelbliche Gras verraten, wo das Ufer liegt.

Arm Nr. 2 ist nur ein träger und zielloser Altarm, der zwischendurch aber trotzdem breiter und eigentlicher aussieht als die eigentliche Moldau. Das meiste Wasser bleibt aber in der Sackgasse stecken, nur kleine Rinnsale enden wieder in Arm 1 und 3.


Arm Nr. 3 ist ein komplett künstlicher Kanal ohne Schleifen, mit nur zwei Kurven. Der Vrňany kanál heißt mit vollständigem Namen Vrňansko hořinský plavební kanál ("Vrňany-Hoříner Schwimmkanal"). 1905 sollte mit dieser 10 Kilometer langen Abkürzung die Lastschifffahrt von Prag nach Deutschland schneller und einfacher werden, und diese Funktion erfüllt er auch heute nach. Er gehörte zu den größten Bauprojekten der Habsburgermonarchie. Genau 100 Jahre nach seiner Fertigstellung erhielt er auch eine Turbine zur Stromherstellung.
An einer stilvollen Stelle sieht man ihm sein Alter auch an, und zwar an der historischen Schleuse von Hořín, eine sehr hübsche Kombination aus Ziegelsteinen und Gelb. Ein Teil der alten Steinbrücke soll sich sogar heben können, zumindest hieß es auf dem Schild, die Hubbrücke habe zwei Geschwindigkeiten: Entweder hebt sie sich in 5 Minuten oder in 15. Gott sei Dank musste ich letzteres nicht ausprobieren

Von dort aus konnte ich bereits mein wohlbekanntes Ziel erkennen: Den Wein- und Schlossberg von Mělník über der Moldaumündung.

Die Brücke, die bei unserer Elberadtour kaputt war, war mittlerweile natürlich repariert, und so konnte ich erstmals die normale Radroute in die Stadt ausprobieren. Die besteht aus einer steilen, stillen Straße mit weißem Geländer, auf der anderen Seite befinden sich Weinberge, Mauern und Vorgärten. Immer besser geriet die Moldaumündung ins Blickfeld, umgeben von dichten und unzugänglichen Laubwäldern, welche die Flüsse aber nicht vollständig vor dem Blick der Touristen auf dem Berg abschirmen können.

Auf den ersten Blick erscheint es ganz logisch, dass die Moldau nur als Nebenfluss der Elbe angesehen wird. Bis der geneigte Reisende nochmal die Karte czecht und checkt, dass das hier nur die Mündung des Vrňany kanáls (rechts) in die Labe/Elbe (links) ist.

Die richtige Moldau kommt erst noch! Die Vltava/Moldau (also Arm Nr. 1) gerät erst hinter der Biegung in Sichtweite (rechts) und ist schon hier einen Tacken breiter als die Elbe (links). Wenn man dann noch gedanklich das Wasser vom Kanal dazuaddiert, dann ist klar, dass die Moldau in Wahrheit länger und wasserreicher ist als die Elbe.
Und natürlich besser vertont.

Nicht alle mochten Smetanas Moldaumusik, manche warfen ihm auch plumpen Nationalismus vor. Tatsächlich klingt der finale Vyšehrad-Teil sehr nach einer Nationalhymne. Danach aber verklingt die Moldau ganz allmählich in der Ferne in Richtung Elbe. Die Nation, die Smetana umrissen hat, ist nicht allein und abgeschottet, sondern mit ihren Nachbarn verbunden, obwohl sie von Bergen umringt ist. Schließlich bildet die Elbe eine der wichtigsten Lücken in diesen Bergen.

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