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Flüsse

Noch mehr Radreisen

30 März 2026

Lippe: Von Haltern nach Wesel

Lippenbekenntnisse
Tag 4: Das Banaltal

Sonne, Wolken und Bahntrassen empfingen uns am letzten Lippe-Tag. Unter der Bahntrasse sind wir zunächst auf einem straßenbegleitenden Radweg durchgefahren, was auch gut war, denn so konnten wir eine Eisenbahnbrücke bewundern. Die war tatsächlich mal auf eine moderne, aber alles andere als scheußliche Weise neu gebaut.

Später läuft der Radweg mal auf dem Bahndamm, mal daneben oder eben einmal schräg obendrüber. Dann wird der Verlauf der Schienen mit Pflastersteinen angedeutet.

Asphaltiert ist er leider auch oft nicht. Rechts im Bild ist das Haus Ostendorf zu erkennen. Das graue Rittergut mit seinem Turm duckt sich an den Boden. Es ist benannt nach Gertrudis de Ostendorp, der Frau des ersten bekannten Ritters in dem Haus. Allerdings wechselte das Gut andauernd den Eigentümer zwischen verschiedenen Grafen, Stiften, die antidemokratische Organisation Stahlhelm und einem Bauunternehmen. Die probierten auf dem Land allerhand aus, Mühlen, Hexenprozessen, Wollverarbeitung, Folter, Schweinemast, Hinrichtungen, Brennereien, Fischzucht, und die Schifffahrt der Lippe kontrollierten sie auch noch. Aber die vielen Eigentumswechsel deuten nicht gerade darauf hin, dass das alles wirtschaftlich so funktioniert hat. Als das Haus Feuer fing, waren die Gräben verschlammt und es musste Wasser von der weiter entfernten Lippe geholt werden.

Die schneidet sich ihren Weg durch gelbes Schilf mit kahlen Kugelbäumchen, zunächst in einem versteckten Waldtal, das nur von Brücken aus zu erkennen ist. Auf der Einfahrt nach Dorsten öffnet sich das Tal und wir radelten auf einem Deich dahin. Kleine Brücken überspannten den Fluss, die einen für Fußgänger, die anderen für Röhren, eine für beides. Hinter den Deichen lugen die Häuser hervor. So fährt es sich doch angenehm in die Stadt rein!

 
Ins Stadtzentrum kommt man so aber nicht. Zuerst gibt es eine Insel zwischen Lippe und Wesel-Datteln-Kanal, auf der unter anderem die maßlos überfüllte Atlantis-Therme liegt. Vor dem Bad steht ein hölzerner Kutter, der angeblich direkt von der Ostsee stammt. Irgendwie seltsam, wenn die eigene Heimat als exotische Thematisierung herhält.

Erst nach einem schlichten, aber seltsam ästhetischen Kanalübergang am Shoppingcenter folgt die Altstadt von Dorsten. Wobei das Wort Altstadt hier wirklich etwas sehr hochgegriffen ist, nach Hamm ist das wahrscheinlich die optisch langweiligste Innenstadt an der Lippe. Der Brunnen auf dem Markt zeigt in allen vier Ecken metallene Figuren, die typischen Dorstener Berufen wie Bergbau oder, ähm, Büroarbeit bei der Kirche nachgehen.
Es war noch immer recht kühl, und auf den Straßen war jetzt nicht superviel los. Deshalb waren wir erstaunt, wie viele Cafés im März schon mutig ihre Stühle auf die Straße gestellt hatten und Eis und Warmes anboten. Und die Nachfrage schien ihnen recht zu geben, zumindest ein paar Gäste hatten sich schon vormittags niedergelassen. Ich verstand sie sehr gut, die Betreiber und die Gäste - alle sehnen sich nach dem Frühling, und ob der schon begonnen hat, ist jenseits von kalendarischem und meteorologischen Frühlingsbeginn eben auch manchmal Einstellungssache. In diesem Sinne gönnten wir uns einen ungewöhnlich frühen Eisbecher.

Die letzte Kanalstrecke am Wesel-Datteln-Kanal war so schön wie gestern Nachmittag, und sie sollte uns direkt rein nach Wesel... ach nö, wieder Baustelle. Na gut, Alternativplan. Auf hügelige Nebenstraßen hatten wir wenig Lust, also wechselten wir ein gutes Stück nach Norden auf die sogenannte Römerspuren-Schleife.
Die Römer-Lippe-Route hat eines mit dem Leine-Heide-Radweg gemeinsam: Hochtrabende Namen für Alternativrouten, die weit mehr versprechen, als da ist. Die Viktoria-Schleife zum Beispiel ist benannt nach dem Nachbau eines römischen Schiffs, der da vor Jahren mal langgesegelt ist, sich aber längst nicht mehr vor Ort befindet. Und ein altes Bergwerk heißt wohl auch irgendwie so, aber das ist weder direkt am Weg noch zu besichtigen.
Mit der Römerspuren-Schleife ist es ähnlich. Die Allee verläuft schnurgerade und flach durch die Wiesen, offenbar wieder mal auf oder zumindest neben einer Bahntrasse, wie die überwucherten Gleise im Unterholz beweisen. Womöglich ist das auch die Heerstraße an der Lippe, die damals die Legionäre bauen freiräumen und mit Gräben versehen mussten, um anschließend darauf zu marschieren. In einem Contubernium von acht Soldaten kochten, biwakierten und kämpften die jungen, unverheirateten (das war Pflicht) Männer gemeinsam als enge Zeltgemeinschaft. So schafften sie 18 bis 20 Kilometer pro Tag, zumindest ist das der Abstand der üblichen Lager.
Aber wo sind denn die Lager? Rostige Schilder mit Römerhelmen und blasse Infotafeln sind die einzigen Römerspuren, die zu finden sind. Im Reiseführer ist genau ein Römerlager markiert, in Holsterhausen, aber zum einen ist dort laut Satellitenbildern absolut null zu sehen und zweitens führt die Radroute dort gar nicht dran vorbei, sondern macht einen vollkommen unnötigen weiten Bogen drum herum, obwohl der Bahnradweg direkt daran vorbeiführt. Hä?
Ansonsten heißt es, hier gebe es noch viele Römerspuren auszugraben. Hm, okay, und das sollen jetzt die Radtouristen übernehmen oder wie?

Dann lieber schnell ans Ziel, wo wir noch ein wenig durch Vororte zickzacken mussten und dabei auch auf die Oberseite der ausladenden Bögen der Lippe stießen. Wo heute ein Kanuverein durch die Gegend kanutet, hat 1912 der größte Arbeitgeber von Wesel, der Holzhafen, 140 Menschen beschäftigt. Besonders waldreich kam mir die Landschaft eigentlich nicht vor, aber das Holz wurde in Wesel ja auch nicht gefällt, sondern gehobelt, gesägt und umgeladen.
Daneben steht das Alte Wasserwerk stoisch vor sich hin, direkt hinter seinem eigenen Bahnhof. Eine Dampf- und eine Elektro-Kreiselpumpe pumpten hier zeitweise gleichzeitig vor sich hin, die Maschinen sind Zeugen einer längst vergangenen Energiewende. Das Trinkwasser kam nicht aus der Lippe, sondern von Brunnen auf den Lippewiesen.

Wesel hat eigentlich auch nur ein einzelne historische Gebäude wie Kirche, Rathaus und Stadttor, aber zumindest die Fußgängerzone ist ein ordentliches Stück länger und gerader. Sonst würde das Hanseband so nicht reinpassen. Dort sind die Namen aller Hansestädte eingraviert, und das sind verdammt viele, nämlich 1493 - ich hatte gar nicht die Zeit, um sie alle zu lesen und meine Heimatstadt rauszusuchen. Wesel hat lange dafür gekämpft, in diesen lukrativen Handelsbund aufgenommen zu werden. Je weiter ich nach Osten in Richtung Bahnhof spazierte, umso mehr erschienen auf dem Hanseband polnische und russische Namen. Wesel verwendet dabei konsequent nicht die früheren deutschen, sondern die heutigen Namen, inklusive durchgestrichener Łs.

Vor dem Berliner Tor (gerade halb eingerüstet) steht der Esel von Wesel. Genau genommen sogar zwei Esel, denn ein Restaurant hat sich eine bunte Nachbildung gegönnt. Die Skulpturen beweisen Selbstironie, denn sie erinnern an den bekannten Echo-Reim: Wie heißt der Bürgermeister von Wesel? Richtig, Rainer Benien (SPD).

Überraschenderweise habe ich auch gelesen, dass Wesel als eine der fahrradfreundlichsten Städte Deutschlands gilt. In der Tat gibt es an den großen Hauptstraßen eigentlich immer Radwege, was mittlerweile zum Glück nicht mehr ganz so außergewöhnlich ist. Die Ampelphasen dauerten aber manchmal quälend lange.

Und Wesel liegt oben am rechten Rheinufer und war damit in vielen Kriegen ein wichtiger Eckpfeiler zur Verteidigung Deutschlands. Anders als bei den Römern verschanzte sich das Reich diesmal nicht am linken, sondern am rechten Rheinufer, baute eine massive Zitadelle und pflanzte einen Verteidigungswall aus Osterglocken in der Hoffnung, der Feind werde es nicht wagen, die schönen Blumen zu zertrampeln.

 

Ein Stück südöstlich der Stadt endet das glatte graue Wasserband der Lippe. (Und zwar nicht an der Lippemündungs-Schleife, dort münden bloß die dickeren Kanäle, und auch das nur grob in der Nähe der Route.) Rundherum finden sich Industriegebäude und die letzten Baumkugeln, die wieder etwas dichter wachsen. Normalerweise wären das durchaus Hindernisse, die den Blick auf die Mündung verdecken könnten und bei denen ich gucken müsste, ob ich vielleicht noch einen holprigen Pfad auf die Landspitze rauf finde. Aber nicht so bei der Lippe und dem Rhein. Die Flüsse sind längst so breit und die Brücken so hoch und zahlreich, dass die Mündung von der Bundesstraße problemlos zu erkennen ist. Hinter der grauen Lippebrücke wird gerade eine neue Lippebrücke gebaut.

 

Die Lippe als letzter großer deutscher Nebenfluss bringt den Rhein auf seine maximale Größe, bevor er sich im Delta zu teilen beginnt. Der Flussradweg endet in Wesel, die Römer-Lippe-Route überquert wie schon die flüchtigen Römer von Aliso den Rhein und folgt dem linken Rheinufer zum Freilichtmuseum Xanten. Anders als die flüchtigen Römer müssen die Radfahrer kein Segelschiff nehmen, es gibt ja eine rötliche Riesenhängebrücke (hinten links zu erahnen), die ausnahmslos alle Lippebrücken mickrig erscheinen lässt.

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