Der Weg auf die andere Seite ist überraschend lang und anstrengend. Nach der Bauampel-Brücke über den Rhein mussten wir eine Steigung hoch, über eine riesige Schleuse auf der ersten Hälfte des Alsace-Kanals (der hat sich auch noch in zwei Hälften geteilt), eine Steigung runter und vorbei an einem Wasserkraftwerk auf der anderen Kanalhälfte...
...und dann standen wir in Fessenheim. Dort erkannten wir durch die Bäume eines der marodesten Atomkraftwerke Frankreichs, bei dem ein Zulieferbetrieb schlechtes Material für die Turbinen geliefert hat. Der olle Schrottmeiler sollte eigentlich demnächst abgeschaltet werden, aber man hat sich nun dagegen entschieden, weil man dann wohl auch noch viele weitere, ähnlich kaputte französische Atomkraftwerke abschalten müsste, na, und wo käme man denn da hin?
Einwohner auf der deutschen Seite, besonders in der nahen Metropole Freiburg, betrachten das Kraftwerk mit großer Sorge. Wer weiß - womöglich ist die friedlich Landschaft, durch die wir geradelt sind, eines Tages eine Todeszone.
Direkt daneben liegt ein Wasserkraftwerk und ein dazugehöriges Museum: Das Haus der Energien (Maison des Energies). Es wirbt damit, gratis, interaktiv und familienfreundlich zu sein - hat aber im April noch Winterpause und ist generell meistens geschlossen.
Also zurück nach Deutschland und weiter auf dem Rheinradweg am Ufer. Wir sausten über den Kies und wirbelten eine Menge Staub auf. Kleine Steinchen klackerten zwischen den Speichen.
Der Rhein bietet eine reichhaltige Fauna: Schwäne, kleine graue Fische, eklige winzige Insekten, die manchmal bei voller Fahrt gegen das Gesicht klatschen - und Ringelnattern. Einer bin ich gerade noch rechtzeitig ausgewichen, bevor ich sie plattgefahren habe. Ein kleiner Schreckmoment - sowohl für mich als auch für die Schlange.
Einige Männer bespritzen die Natur mit Wasserschläuchen und gießen die Pflanzen - oder was auch immer sie damit bezwecken.
EuroVelo-Radweg Nummer 15 - da müssen wir lang!
Hinter einem Stauwehr beginnt eine deutsch-französische Doppelstadt. Der französische Teil heißt Neuf-Brisach (hinten), der deutsche Breisach.
Breisach gehört zu den Städten, die auf unseren Karten violett unterstrichen sind. Das bedeutet sehenswertes Ortsbild. Warum Breisach in diese Kategorie fällt, sieht man auf den ersten Blick. Hoch über der Stadt ragen eine Festungsmauer und das Münster auf.
Am Hafen fand gerade eine Notfallübung auf einem Ausflugsschiff statt.
Der Stadtkern von Breisach ist im Prinzip schön, es gibt nur zu viele Autos, sodass man ständig Abgase schnuppert.
Wir wollten in der Stadt schön Mittag essen gehen. Die Küche von Baden-Würtemberg hat schließlich so großartige menschliche Errungenschaften wie Flammkuchen oder Spätzle hervorgebracht.
Das Restaurant Badische Küche können wir aber nicht empfehlen. In der Zeit, die wir auf unser Essen warten mussten, hätten wir auch bis an die Rheinmündung in den Niederlanden fahren und dort den größten Computer des Universums bauen können, der in einem 7,5 Milliarden langen Programm die Antwort auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest berechnet.
Wir haben natürlich nichts von alldem gemacht. Nein, wir haben es nicht einmal geschafft, in der Zeit zur Apotheke zu gehen. Wir haben einfach nur herumgesessen, nervös auf die Uhr geschaut (in dem Wissen, dass wir noch 40 Kilometer zu fahren haben) und in Endlosschleife gedacht: Na, jetzt muss es aber gleich kommen...
(Achtung: Wir haben davon kein Bild gemacht, auf diesem Foto sind am Rand zwei andere Restaurants zu sehen. Wie die sind, weiß ich nicht.)
Ich bin trotzdem noch auf den Berg von Breisach raufgefahren.
Dort hat ein Künstler ein Wasserrad künstlerisch umgestaltet. Früher musste mit so einem Ding das Wasser auf den Berg gepumpt werden.
In unserem Radführer sind hier übrigens noch zwei Ausflüge in zwei schöne Städte eingezeichnet, die zwar nicht direkt am Rhein, aber doch in der Nähe liegen. Auf der deutschen Seite kann man nach Freiburg im Breisgau abschweifen, wo in jeder Straße ein Bach (Bächle) fließt, auf der französischen Seite liegt Colmar mit Bäumen, buntem Fachwerk und einem Storchennest auf der Kirche. Wir haben diese Städte ein andermal besucht (Freiburg vor, Colmar nach der Radtour). Wer sie aber noch nicht kennt und auf seiner Radtour Zeit hat: Der Umweg lohnt sich durchaus.
Gut, weiter im Text. Durch ein Gewerbegebiet geht es zurück zum Rhein. Der ist inzwischen nicht mehr so naturbetont, wir sahen Wehre, Lastschiffe, Fließbänder und hinter den Bäumen Kieswerke voller Kiesberge.
Der Rheinseitenkanal zweigt immer mal wieder vom Rhein ab, nur um irgendwann wieder mit dem Altrhein zusammenzufließen.
Und es gibt auch sehr viele Sportvereine. Auf dem Gelände eines Kanuclubs haben wir gerastet - schließlich gab es Bänke, einen Spielplatz und kein Verbotsschild.
Es geht vorbei am bräunlichen Gebirge Kaiserstuhl, in dem sich diverse Burgruinen versteckt haben. Dort weicht der Radweg etwas vom Rhein ab.
Am Rheinufer liegen Naturräume mit so schrägen Namen wie Rappennestgießen oder Rheinniederung Wyhl-Weisweil.
Durch einen Zick-Zack-Weg zwischen Wald und Baumschulen,...
...das Örtchen Rheinhausen,...
...wo wir eingekauft und die neuen Lebensmittel etwas riskant verstaut haben,...
...sind wir schließlich nach langer Fahrt am heißbegehrten Ziel angekommen: Der Europapark in Rust, der wohl größte, teuerste und beste Freizeitpark Deutschlands. Manche Freizeitparks sind eher familienfreundlich, andere sind was für extrem verrückte Adrenalinos. Der Europapark jedoch ist in beiden Kategorien herausragend. Das hat natürlich seinen (Eintritts)Preis, der für eine Familie ein kleines Vermögen beträgt.
Der Park gehört der Firma Mack, die Achterbahnen baut und in die ganze Welt exportiert. Es ist also gleichzeitig auch eine Art Ausstellungsgelände.
Und der Herr Mack hat sich so einiges einfallen lassen. Das geht schon auf dem Parkplatz los, wo die Achterbahn namens Silver Star irre weit aus dem Parkgelände fährt, irre weit hoch und dann entsprechend auch irre weit runter. Das ist mal ein ganz anderes Raumgefühl als innerhalb eines Parks, wo die Bahnen dicht an dicht stehen.
So wie diese drei zum Beispiel:
Links transportiert der Matterhorn-Blitz die Fahrgäste in einem schaukelnden Aufzug aufwärts, danach geht es durch enge Kurven. Die Kugel in der Mitte beinhaltet Eurosat, eine komplett innen liegende, dunkle Weltraum-Achterbahn (Nachtrag 2026: inzwischen thematisch als französisches Varieté-Theater).
Rechts rast die Schweizer Bobbahn durch eine Rinne.
Sie merken schon, thematisch sind wir hier nicht gerade an der Nordsee.
In der Bahn Euromir drehen sich die Wagen, bis man selbst durchdreht. Zumindest ich. Dass sich die runden Wagen auf dem Gleis zusätzlich im Kreis gedreht haben, war mir zu viel. Dementsprechend entstand auf dieser Bahn das einzige Action-Foto, auf dem ich nicht euphorisch wirkte, sondern eher bemüht, das Essen drinzubehalten. Aber die Menschen und ihre Mägen sind verschieden, und viele Gäste hatten hier anscheinend ihren Spaß.
Auf der Wasser-Achterbahn Atlantica fuhren wir ein Stückchen rückwärts, das wiederum findet auch mein Magen witzig.
Die Holzachterbahn Wodan sieht wie die meisten Holzachterbahnen absolut imposant aus, weil sie nun mal viel mehr Stützen, Ständer und Streben braucht, um stabil zu stehen. Und wie die meisten Holzachterbahnen fährt sie sich ziemlich ruckelig bis unangenehm, das Kopfsteinpflaster unter den Achterbahnen, auch wenn manche ja auf das Holzachterbahn-Gefühl schwören.
Und worauf schwöre ich? Auf Bluefire, die Blaue im Hintergrund, gesponsort von Gazprom (Nachtrag: inzwischen nicht mehr). Die rast direkt aus dem Stand einfach so los, ohne irgendwie Schwung zu holen - zack, schon gibt es Loopings, Schrauben, enge Felstunnel, negative G-Kräfte und anderes abgefahrenes Zeug. Whoa! Als großer Mensch sind diese neuen Achterbahnen genau mein Fall, maximaler Geschwindigkeitsrausch auf maximaler Strecke bei maximalem Komfort, nichts ruckelt, keine Schulterbügel quetschen den Oberkörper ein, und am Ende wird relativ sanft abgebremst.
Nachtrag 2026: Da trifft es sich gut, dass der Europapark eine noch größere in dem Stil gebaut hat: Voltron ist im Prinzip ein kroatisch gestalteter, zweiter Bluefire, der zusätzlich mit sieben verschiedenen Überschlägen ankommt. Hui, das war eine lange Fahrt... Moment, wieso steigen wir nicht aus, und wieso wird der Wagen gedreht? Ich pendelte ein Boomerang-Gleis rauf und runter und dann... nochmal die ganze Strecke zurück?! Jawoll!
Ich war bemüht, mich an die Grundregeln für Freizeitparks halten, zum Beispiel:
-sich schon mal im Voraus informieren, womit man fahren möchte,
-ein dickes Buch für die Warteschlangen mitnehmen (die im April schon bis zu 40 Minuten lang sind),
-azyklisch vorgehen, also zuerst hinten im Park anfangen, wo noch nicht so viele sind (also das genaue Gegenteil der Reihenfolge, die ich hier beschrieben habe)
-die Öffnungszeiten von 9 bis 19:30 Uhr voll ausschöpfen (schön, dass der Park an dem Tag so lange aufhatte - andere Freizeitparks machen immer so furchtbar früh zu)
-und mindestens ein Actionfoto kaufen, die eine fest montierte Kamera während der Fahrt schießt - immer wieder interessant, was da so für Grimassen entstehen
Der Alpenexpress Enzian ist die älteste Achterbahn des Parks und wird von einem Motor betrieben. Dort haben wir uns eine digitale VR-Brille ausgeliehen, die während der Fahrt einen Film abspielt, der genau auf die Bahn zugeschnitten ist - uns wurde vorgetäuscht, wir säßen in einem kleinen Propellerflugzeug und flögen durch einfache Animationsfilm-Landschaften. Wir hatten durch das Video sogar das Gefühl, die Achterbahn hätte sich an einer Stelle überschlagen, obwohl sie das gar nicht tut - eigentlich hat sie an der Stelle nur eine schräge Kurve.
Und noch was Besonderes: Das Food-Loop-Restaurant, in dem das Essen per Achterbahn kommt. Passend zur Achterbahn-Gestaltung steht man draußen zunächst lange Schlange und wartet auf einen Tisch. Dann geht alles ganz schnell: Man bestellt auf einem Bildschirm, und wenig später saust das köstliche Mahl in mit Gummis verschlossenen Töpfen auf Schienen heran. Faszinierend!
Sogar dem Familienvater, der für Freizeitparks eigentlich gar nichts übrig hat, gefiel der Europapark anscheinend ein bisschen, "weil man dort nicht das Gefühl hat, dass einem an jeder Ecke das Geld aus der Tasche gezogen wird." Das Essen ist beispielsweise nicht überteuert. (Nachtrag 2026: Inzwischen schon, aber wo ist es das nicht?)
Ein Freizeitpark braucht natürlich auch Gestaltung. Der Europapark ist in verschiedene Bereiche unterteilt, die europäische Länder darstellen. Ich wusste zwar nicht, dass das Märchenland oder das Königreich der Minimoys jetzt auch schon europäische Staaten sind, aber man lernt ja nie aus.
Ein Beispiel für konsequente Thematisierung sind die berühmt-berüchtigten Nichtraucher-Durchsagen des Europaparks. Diese lauten zum Beispiel "Ich spürre die Tapferrkeit in eurren Herrzen. Aber ihr müsst euch an die Gebote halten. Vorr allem dürft ihrr im Warrtebereich auf keinen Fall rrauchen!" (Wikinger-Holzachterbahn in Island) oder "Biep, biep. Eine wichtige Information an alle humanoiden Mitreisenden. Gemäß Paragraph 18a des Intergalaktischen Gesetzbuches ist die Einnahme organischer Substanzen im Wartebereich und während des Fluges untersagt. Insbesondere ist das Rauchen strengstens verboten." (mechanische Stimme bei der Weltraum-Achterbahn).
Und tatsächlich: Niemand hat im Wartebereich geraucht.
Die ganzen Bahnen für kleinere Kinder und die zahllosen Kinderspielplätze habe ich nur im Vorbeigehen gesehen, aber auch für die scheint es eine ganze Menge zu geben. Nanu, ist das eine Fahrraddraisine? Die an Schienen hängt?
Nein, das lahme Fluggerät im Italienbereich war ein Fake. Die Pedale sind nur schmückendes Beiwerk, welche die Propeller-Spirale aus Leinentüchern oben drehen, was aber egal ist, denn das Teil fährt so oder so von allein. Anders als das Original von Leonardo da Vinci, das überhaupt nicht flog. Er hatte keine Pedale eingeplant, und drei Menschen, die im Kreis liefen und so den Stoffpropeller drehten, reichten natürlich erst recht nicht, um abzuheben.
Das Dorf Rust ist in einem guten Zustand, der Park zahlt wohl seine Steuern. Wer hier wohnt, hat immer freien Eintritt und kann mit dem Vermieten von Ferienwohnungen Geld verdienen, muss sich jedoch damit abfinden, dass sein Wohnort so etwas wie ein kleines Anhängsel des Europaparks ist. Natürlich findet man im lokalen Schilderwald auch die unvermeidlichen Wortspiele wie RUSTikal oder Casa RUSTica.
Der Park sollte ursprünglich in Neuenburg stehen, doch der dortige Bürgermeister wollte ihn nicht. Das hat uns gestern unsere Vermieterin in Grißheim (bei Neuenburg) erzählt. Sie wirkte darüber nicht sehr begeistert.
Natürlich muss man sich einen ganzen Tag Zeit für den Freizeitpark nehmen. Deswegen haben wir gleich zwei Nächte in der tollen Ferienwohnung am Steingarten übernachtet. Die ist riesig, schick eingerichtet - und überall war kostenloser Naschkram versteckt! Nicht nur ein Freizeitpark, sondern auch noch verfrühte Ostern, diese Tour ist viel zu gut für uns.


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